Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
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Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft
Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe

Cotta's Nachfolger, Stuttgart und Berlin 1892/93

Vorwort zu dem ersten Neudruck (von 1904)

Statt einer im eigentlichen Sinne neuen Auflage dieses seit längerer Zeit vergriffenen Buches biete ich hier nur eine chemigraphische Reproduktion der ersten Auflage - nicht obgleich, sondern weil ein inzwischen vollzogener Wandel meiner prinzipiellen Überzeugungen eine völlige Umarbeitung des Werkes nötig gemacht hätte.

Denn an einer solchen verhindern mich für absehbare Zeit anderweitige wissenschaftliche Verpflichtungen, während die weiterbestehende Nachfrage erkennen lässt, dass das Buch auch in seiner jetzigen Gestalt nicht völlig überflüssig geworden ist.

Dass ich diesem Bedürfnis entgegenkomme, glaube ich verantworten zu können, weil die Weiterbildung meiner Ansichten mehr eine Ergänzung als eine einfache Verneinung der früheren Darlegungen fordern würde.

Hauptsächlich aber, weil - wie es in philosophischen Entwicklungen häufig der Fall ist - die beiden Standpunkte, die ein Einzelgeist nacheinander erlebt, in rein sachlicher Hinsicht koordiniert sind.

Von den Gegensätzlichkeiten der empiristischen und der metaphysischen Überzeugung, der historischen Wirklichkeitsentwicklung und der Wertprüfung, der psychologischen und der sachlichen Methode - ist eine jede an sich und für andre Persönlichkeiten darum noch nicht die höhere, weil sie es für eine individuelle Entwicklung geworden ist.

Diese Differenzen sind der Ausdruck von Grundgesinnungen, die jenseits der Alternative von wahr und falsch stehen.

Die Einsicht in eigentliche und wesentliche Irrtümer hätte Umänderung oder Unterdrückung des Buches gefordert; jene prinzipielle Wendung aber gestattet seine erneute Darbietung seitens des Verfassers, in demselben Sinn, in dem er das Buch eines Dritten herausgeben könnte, das ihm objektiv der Veröffentlichung nicht unwürdig erscheint, obgleich es eine andre Weltanschauung als die seinige vertritt.


Vorwort zur ersten Auflage

Die unübersehbare Fülle der Moralprinzipien und die Entgegengesetztheit in ihnen und ihren Ausführungen beweist unmittelbar, dass die Ethik diejenige Sicherheit der Methoden noch nicht gefunden hat, die in anderen Wissenschaften ein harmonisches Nebeneinander und aufsteigendes Nacheinander der Leistungen bewirkt.

Von der Form der abstrakten Allgemeinheit, die zu den Einzelerfahrungen kein erkenntnisstheoretisch geprüftes Verhältnis hat, von ihrer Verquickung mit der Moralpredigt und den Reflexionen der Weisheit scheint mir ihr Weg zu einer historisch-psychologischen Behandlung aufwärts zu gehen.

Sie hat einerseits, als Teil der Psychologie und nach deren sonst festgestellten Methoden, die individuellen Willensakte, Gefühle und Urteile zu analysieren, deren Inhalte als sittliche oder unsittliche gelten.

Sie ist andrerseits ein Teil der Sozialwissenschaft, indem sie die Formen und Inhalte des Gemeinschaftslebens darstellt, die mit dem sittlichen Sollen des Einzelnen im Verhältnis von Ursache oder Wirkung stehen.

Endlich ist sie ein Teil der Geschichte, indem sie auf beiden genannten Wegen jede gegebene moralische Vorstellung auf ihre primitivste Form, jede Weiterentwicklung derselben auf die historischen Einflüsse, die sie treffen, zurückzuführen hat und so auch auf diesem Gebiete die historische Analyse als die Hauptsache gegenüber der begrifflichen anerkennen lässt.

Für diese Auffassung ist es fraglich, ob die Ethik überhaupt als eine besondere Wissenschaft bestehen bleiben wird.

Es wird vielleicht eines Tages nicht mehr zweckmässig erscheinen, unter dem von ihr gestellten Gesichtspunkt Teile so mannigfaltiger Wissenschaften zusammenzubringen.

Dies ist indes eine bloss praktische Frage der wissenschaftlichen Arbeitsteilung.

Dagegen dürfte es schon heute feststehen, dass wenn die Moralwissenschaft sich über die Eingrenzung zwischen abstrakten Imperativen und unmethodischen oder spekulativen Betrachtungen erheben will - dass dann ihre Aufgaben nicht mehr von einem einzelnen Arbeiter, sondern nur von der Gesamtentwicklung der Wissenschaft zu lösen sind.

Ich hoffe, die Zeit ist nicht mehr fern, wo ein einzelnes Buch so wenig den Titel »Ethik« schlechthin führen wird, wie etwa den Titel »Physik« schlechthin.

Zu der bezeichneten, in Abschnitten der ethischen, psychologischen und soziologischen Literatur schon partiell verwirklichten Behandlung der Moralwissenschaft wollen die nachfolgenden Gedankenreihen gewissermassen ein Vorwort oder eine Oberleitung sein, indem sie ihre Ausgangspunkte noch von der reflektierenden und teilweise spekulativen Denkart nehmen und auf dem Boden dieser selbst zu dem Punkte führen, wo sie über sich hinaus auf die Notwendigkeit exakter Einzeluntersuchungen weist.

Sie kritisieren deshalb die scheinbar einfachen Grundbegriffe, mit denen die Ethik zu arbeiten pflegt, und zeigen einerseits deren höchst komplizierten und vieldeutigen Charakter auf, andrerseits den Begriffsrealismus, mit dem man sie aus nachträglichen Abstraktionen zu wirkenden psychischen Kräften gemacht hat; sie zeigen, dass die Unsicherheit in Sinn und Begrenzung dieser Begriffe ihre Verknüpfung zu ganz entgegengesetzten Prinzipien gestattet, von denen jedes das gleiche Mass scheinbarer Beweisbarkeit besitzt wie das andere; sie weisen endlich auf die Schichtung belastender und entlastender Momente hin, die die einzelne Tat in der Verzweigtheit ihrer psychologischen Vorbedingungen ebenso wie in der ihrer sozialen Folgen findet.

Praktisch versittlichend wird freilich eine dementsprechende positive Ethik nicht wirken, der das Gute wie das Böse ein gleichmässig gleichgültiges Objekt blosser genetischer Erkenntnis ist.

So wenig es indessen der Realität der Dinge versagt ist, im System der vorschreibenden Sittenlehre zum Material einer idealen Normgebung zu dienen, so wenig werden umgekehrt die idealen Momente des Menschenlebens sich dagegen wehren können, Gegenstand einer realistischen Wissenschaft zu werden.


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
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