Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
presents: Georg Simmel Online

  Sociology in Switzerland   Georg Simmel Online G.Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft

 

Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft
Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe

Cotta's Nachfolger, Stuttgart und Berlin 1892/93

Band 1: Erstes Kapitel: Das Sollen (S. 1-84)

Der Inhalt der Vorstellungen und die Kategorien des Seins und des Sollens

Das Sollen als Denkmodus

Die Beweismöglichkeit des Sollens

Psychologische Ursachen und Folgen seiner Unerklärtheit

Das Negative seines Charakters

Das sittlich Gleichgültige und die Absolutheit des Sollens

Tautologische Moralprinzipien

Das Verhältnis des Sollens zum Müssen

Das Verhältnis des Sollens zur Wirklichkeit

Ethische Bedeutung des Typisch-Sozialen

(<1) Die geistige Entwicklung der Menschheit hat eine Stufe durchgemacht, auf der man sich keines Unterschiedes zwischen den Vorstellungen, denen eine Wirklichkeit entspricht, und denen, die unwahr und rein psychologische Vorgänge sind, bewusst war.

Von den Naturvölkern hören wir vielfach, dass sie den Vorstellungen des Traumes dieselbe Wirklichkeit zuschreiben und dieselben Folgen geben, wie denen des Wachens; dass die tollste Einbildung, z. B. die Anwesenheit von Geistern, genau dieselbe Realität für sie besitzt, wie irgend ein sinnlich wahrnehmbares Ding; dass sie die Vorstellung eines Menschen, die sein Bildnis hervorruft, von der seiner wirklichen Gegenwart nicht zu unterscheiden wissen.

Die Kulturvölker zeigen an ihren Kindern noch die gleiche Erscheinung; es ist oft unmöglich dem Kinde klar zu machen, dass eine Wendung des Spiels oder des erzählten Märchens, die ihm Tränen entlockt, nicht Wirklichkeit, und dass die Puppe, die es wegen einer eingebildeten Ungezogenheit schlägt, kein wirklicher Mensch ist; ein Kind im dritten Jahre, zu dessen Belustigung man Papierfiguren ausschnitt, weinte heftig, wenn eine Figur durch rasches Schneiden in Gefahr kam, ein Glied zu verlieren; ein andres, das geträumt hatte, seine Mutter verliesse es, machte dieser nach dem Erwachen die grössten Vorwürfe darüber.(<2)

Entsprechend tritt dieser Mangel an Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und dem bloss Vorgestellten bei weniger entwickelten Geistern vergleichsweise stärker hervor; die Juristen bemerken bei ihrem Verkehr mit den ungebildeten Klassen, dass es diesen fast unmöglich ist, die Tatsachen und ihre Auslegungen und Phantasiegebilde auseinander zu halten.

Aber auch in den höheren Kulturkreisen sind noch genug Überbleibsel dieser Unvollkommenheit auffindbar.

Man scheut sich etwas Böses auch nur beim Namen zu nennen, man darf gewisse Dinge nicht einmal im Scherze sagen, offenbar weil für uns an der blossen Vorstellung schon ein Teil Realität haftet; dass man den Teufel nicht an die Wand malen, dass auch an der unsinnigsten Verleumdung immer etwas daran sein soll und dass immer etwas von ihr hängen bleibt - dies alles ist die Folge einer nicht genügend scharfen Scheidung des blossen Gedankens von demjenigen, der zugleich die Wirklichkeit bedeutet.

Noch in der Symbolik des brahmanischen Opfers lässt die gleiche Verschwommenheit des Denkens das gesprochene Wort als Gewissheit, die mitschwebende Bedeutung der Sache als ihre Wirklichkeit erscheinen: »Prajâpati schuf zu seinem Abbild das was das Opfer ist; darum sagt man: das Opfer ist Prajâpati.«

Um was es sich hier handelt, das ist nicht der Irrtum, der das Erzeugnis der Einbildung in das Gewand der Wahrheit kleidet und so bei prinzipieller Klarheit über den Unterschied zwischen bloss psychologischer und objektiv wahrer Vorstellung die Inhalte beider vertauschte, sondern darum handelt es sich, dass bei primitiverem Denken der Unterschied zwischen Denken und Sein nicht nur nicht in abstrakter Weise, sondern nicht einmal tatsächlich in der Anwendung auf den einzelnen Fall gemacht wird.(<3)

Die Vorstellungsinhalte tauchen zunächst rein als solche psychologisch auf und es bedarf erst eines langen Differenzierungsprozesses, um sie in wahre und unwahre, logische und psychologische zu teilen.

Überall, wo das Bewusstsein ganz und gar von einer Vorstellung ausgefüllt ist, so dass kein Vergleich und kein reflektierendes Zusammenhalten mit der Gesamtheit der andern stattfindet, da pflegt sie sich auch in späteren Stadien der Geistesentwicklung noch unmittelbar als reale darzustellen.

Darum erscheinen einem die meisten Gedanken im Augenblick der Konzeption als wahre, darum ist der Schöpfer einer Idee, die sein ganzes Denkvermögen ausfüllt, ihr gegenüber meistens so kritiklos, darum sind wir meistens von der objektiven Richtigkeit von Parteimeinungen durchdrungen, die durch die Fülle der mit ihnen verbundenen Interessen unser Bewusstsein ganz und gar ausfüllen; selbst in der Wissenschaft ist diese Überschätzung des eignen Gebietes ganz gewöhnlich, weil die subjektiv-psychologische Bedeutung für uns gar zu leicht den Anschein einer sachlichen annimmt; so, um ein weniger bekanntes Beispiel zu nennen, zeigt die Geschichte der Tierpsychologie, dass die wirklichen Beobachter, die sich eingehend mit der Tierwelt beschäftigt haben, die Fähigkeiten der Tierseele fast durchgehendes überschätzten.

So gewinnt auch das erste Dogma, dem unser Studium sich hingibt und das noch unbestrittenen Raum zur Ausbreitung in unserm Geist findet, uns so oft zu seinen Anhängern; darum übt das Gegenwärtige, bloss weil es ein solches ist, eine psychologische Kraft, die über seine objektive Bedeutung oft weit hinausreicht.

Denn das Sein oder die Wahrheit ist auch nur ein Verhältnisbegriff, d. h. die Majorität der mit einander zusammenhängenden und übereinstimmenden Bewusstseinsinhalte nennen wir Wahrheit, gegenüber der Minorität, und wiederholen damit im Individuellen das schon sonst ausgesprochene Verhältnis, dass Wahrheit die Vorstellung der Gattung, Irrtum aber die schlechthin individuelle Vorstellung wäre.(<4)

Wenn also die Enge des Bewusstseins es verhindert, dass sich neben eine sehr mächtige Vorstellung noch andere setzen, wenn an Stelle eines vollkommenen Weltbildes, an dem sich die Kraft, d. h. hier: die Wahrheit einer Vorstellung erst zu messen hätte, nur diese letztere allein unsern Geist ausfüllt, so ist sie eben für uns wahr, weil kein ihr überlegenes Kriterium vorhanden ist.

So wenig cogito ergo sum ein Schluss ist, der von einer vorher gesetzten Beziehung zwischen Denken und Sein abhängig wäre, so wenig stammt der Glaube an die Realität jedes Phantasmas, den wir auf den niedrigen Denkstufen finden, aus einem bewussten oder unbewussten Schlusse: cogitatur ergo est.

Da vielmehr die Zweiheit: Denken und Sein, noch gar nicht als solche aufgetaucht ist, so findet kein Prozess der psychologischen Überführung von jenem in dieses statt, sondern für den ganz unerfahrenen Geist ist das eine unmittelbar das andere, oder vielmehr keines von beiden, sondern der reine sachliche Inhalt der Vorstellung übt auch die psychologischen Wirkungen, die bei differenzierterem Vorstellen nur den mit dem Zeichen der Realität versehenen Inhalten zukommen.

Es werden ausschliesslich praktische Veranlassungen sein, die dann zwischen Denken und Sein scheiden lehren.

Wenn die Handlungsweisen, die von gewissen Vorstellungen ausgingen, den gehofften Erfolg nicht erzielten, so wird sich mit diesen Vorstellungen ein anderes Gefühl psychologisch assoziieren, als mit anderen, auf Grund deren man seine Zwecke erreichte.

Nicht die Kategorie eines Seins liegt zu Grunde, in welche auf solche Erfahrungen hin die Vorstellungen eingereiht oder von der sie ausgeschlossen würden; sondern begreiflicher erscheint der Vorgang so, dass sich auf Grund praktischer Erfahrungen von Täuschung und Befriedigung eine Differenzierung innerhalb der Vorstellungen bildet, deren einer Teil dann die Wirklichkeitsvorstellung, der andere blosse Idee genannt wird; oder vielmehr mangels der Klarheit darüber, dass im letzten Grunde ja auch die Wirklichkeit nur Vorstellung ist, heisst der eine Teil der Vorstellungen schliesslich das Sein schlechthin, der andere das Denken.(<5)

Das Sein ist freilich keine Eigenschaft der Dinge, denn damit sie überhaupt eine Eigenschaft zeigen können, müssen sie schon sein; dagegen kann man es als eine Eigenschaft der Vorstellungen bezeichnen; indem wir einer Vorstellung das Sein zusprechen, drücken wir damit das Vorhandensein gewisser Beziehungen derselben zu unserm Empfinden und Handeln aus.

Die Realität ist etwas, was zu den Vorstellungen psychologisch hinzukommt, aber nicht ursprünglich irgendwie an ihnen haftet; es ist erst Sache späterer Entscheidung, ob wir einer Vorstellung das Sein zusprechen oder sie als blosse, vielleicht irrende Vorstellung betrachten, während sie bei ihrem Auftauchen einen Indifferenzzustand zwischen beiden darstellt; der blosse Inhalt der Vorstellung, der zunächst das Bewusstsein füllt, lässt es noch zweifelhaft, unter welche von beiden Kategorien er gehöre.

Aber auch für den Geist, der über die Zweiheit derselben vollkommene Klarheit erreicht hat und gerade für ihn steht der sachliche Inhalt der auftauchenden Vorstellung noch immer am Scheidewege zwischen Sein und Nichtsein.

Sicherlich zwar ist die Hypothese falsch, nach der ein Schluss von der Wirkung auf die Ursache dazu gehörte, um von den blossen Bewusstseinstatsachen zur Vorstellung einer realen Welt zu kommen.

Das ist der alte Irrtum der Projektionslehre, der durch den richtig verstandenen Kant unmöglich gemacht sein sollte.

Es existiert nicht ein Raum ausserhalb unser, in den wir unsere Empfindungen hineinsetzen wie Möbel in ein Zimmer; sondern die Räumlichkeit der Dinge selbst ist gar nichts anderes, als ein Verhältnis von Vorstellungen untereinander, eine Ordnung der Empfindungen, die nicht ausserhalb ihrer existiert; einen Gegenstand anschauen, heisst Empfindungen in einer Art ordnen, die wir räumlich nennen.(<6)

Ebenso ist auch die Wirklichkeit nichts was ausserhalb der Vorstellungen derart existierte, dass diese nun erst in jene versetzt würden; sondern eine gewisse psychologische Qualität der Vorstellungen wird dadurch bezeichnet, dass wir diese wirkliche nennen - wenn sich diese Qualität auch erst im Laufe der Entwicklung des Vorstellungslebens einstellt; zusammenfassend könnte man sagen, dass die Räumlichkeit und die Wirklichkeit der Dinge nichts andres sind, als psychische Prozesse, die an dem Inhalt der Vorstellungen vor sich gehen.

Ebenso sicher aber ist es, dass es oft sehr mannigfaltiger Umstände und Kombinationen als psychologischer Vorbedingungen bedarf, um die verschiedenartigen Bestandteile der Vorstellungswelt in die Kategorie des Seins emporzuheben.

Nachdem die Scheidung zwischen Vorstellung und Wirklichkeit einmal vollzogen ist, hat die Gattungserfahrung aus der Summe der einzelnen Fälle die Merkmale der Scheidung festgestellt: bald durch direkten Augenschein, bald durch logische Überlegung, bald durch Ausschluss des Gegenteils, bald durch glaubensmässige Motive wird die auftauchende Vorstellung als reale oder irrende beurteilt; vielerlei Brücken führen in unserm jetzigen Vorstellen von der Gedankenwelt zu der Welt der Wirklichkeit, auf vielerlei Quellen kann der Gedanke sich zurückleiten, um aus ihnen das Prädikat der Realität zu schöpfen.

Zwar führen oft erst mannigfaltige Schlussreihen zu der Überzeugung, dass eine Vorstellung Realität besitzt; allein dies bedeutet nur, dass nun die Bedingungen zu jenem psychischen Zustand der Vorstellung gegeben sind, den wir Wirklichkeit nennen, und dass der innerliche Vorgang, der zu ihm führt, sich nun in dem verstandesmässigen Bewusstsein spiegelt, in dem er natürlich die diesem eigenen Formen, hier die des Schlusses, annimmt.

Die Beschaffenheit, weiche die Vorstellung durch die angeführten Merkmale erhält, ist unmittelbar ihre Realität; das Sein und das blosse Gedachtwerden einer Vorstellung sind so zu sagen nur verschiedene Zustände derselben, oder verschiedene Lokalzeichen, welche den gleichen Inhalt begleitend ihm verschiedene Stellen anweisen, von denen sich dennoch keine von der andern anders unterscheidet, als durch immanente psychologische Merkmale.(<7)

Auch in rein logischer Beziehung gewinnt die Sonderung des Inhalts der Vorstellung von der Frage nach ihrem Sein oder Nichtsein Bedeutung.

Wir weisen jedem Begriffe seinem sachlichen Inhalt nach eine Stelle zwischen über- und untergeordneten an, die er behält, gleichviel ob wir ihn oft oder selten realisiert finden; wir erkennen gesetzliche Beziehungen zwischen den Dingen an, deren Gültigkeit völlig unabhängig davon ist, wie oft oder ob überhaupt der Verlauf der Wirklichkeit die Bedingungen ihres Inkrafttretens darbietet; ja, alles über den einzelnen Fall hinausgehende Erkennen, betreffe es den logischen Schematismus oder die Naturgesetzlichkeit der Dinge, bezieht sich auf deren blossen Inhalt, in scharfer Abscheidung von der Frage, wann und wo dieser Inhalt die psychologische Form gewinnt, die wir Wirklichkeit nennen.

Dieses Fürsichbestehen der blossen Sachlichkeit der Vorstellung, die ihre Bestimmung nach Sein oder Nichtsein erst von ihrem weiteren psychologischen Schicksal erwartet, gibt auch noch anderen Bestimmungen als der der genannten scharfen Alternative Raum.

Auch der Wille als solcher ist in der Selbstbesinnung von jedem Inhalt abtrennbar.

Ich kann jeden Moment der Handlung, ein Stück Holz zu einem Pfeil zu schnitzen, völlig klar und lückenlos, aber bloss theoretisch denken; tritt das Bewusstsein hinzu, dass ich dies nun in Wirklichkeit ausführen will, so verändert sich dadurch im Inhalt der Vorstellung nicht das Geringste: sonst würde ich nicht eben dieses wollen.

Die bloss abstrakte Vorstellung meines Handelns unterscheidet sich nur durch ein Gefühl von der Beabsichtigung dieses Handelns, durch ein Gefühl, über dessen Eigenart wir in einem späteren Kapitel zu handeln haben.

So wenig sich hundert gedachte Taler inhaltlich von hundert wirklichen unterscheiden, so wenig auch von hundert, die durch meinen Willen wirklich werden sollen.(<8)

Das Wollen einer Sache ist gewissermassen ein mittlerer Zustand zwischen ihrem Nichtsein und ihrem Sein, wie es ein mittlerer zwischen Haben und Nichthaben ist; so wenig wir es weiter erklären können, was es denn bedeute, dass eine Vorstellung, die wir denken, ausserdem auch wirklich ist, wie dies vielmehr nur ein Gefühl ist, das, woraus auch immer entstanden, die Vorstellung begleitet: so wenig können wir mit Worten sagen, was das Wollen einer solchen Vorstellung eigentlich sei; auch dies ist nur eine gefühlsmässige Begleitung der Vorstellung.

In ganz derselben Weise ist das Hoffen ein Gefühl, welches den objektiven Inhalt von Vorstellungen begleitet, ebenso nun auch das Sollen; der ganz gleiche Inhalt erscheint uns einmal als wirklicher, ein andres Mal als gewollter, als erhoffter, als gesollter.

Das Sollen ist eine Kategorie, die zu der sachlichen Bedeutung der Vorstellung hinzutretend, ihr eine bestimmte Stelle für die Praxis anweist, wie sie eine solche auch durch die Begleitvorstellung des Seins, des Nichtseins, des Gewolltwerdens usw. erhält.

Ihrer Bedeutung nach zu beschreiben ist aber keine von diesen, wenn auch vielleicht die Bedingungen, gelegentlich derer sie sich entwickeln, und die Folgen, für deren Eintreten sie die Motive bilden; es sind Gefühle, die durch die Ausbildung und Notwendigkeiten des Lebens hervorgerufen, die reine Sachlichkeit des Vorstellens von Dingen und Geschehnissen begleiten, so zu sagen die gleiche Melodie immer in verschiedene Tonarten transponieren.

Man könnte sie sämtlich in eine phänomenologische Reihe eingliedern, welche von der Vorstellung des Nichtseins, des blossen Gedachtwerdens zu der der vollkommenen Wirklichkeit führt; das Wollen, das Hoffen, das Können, das Sollen - alles dies sind gewissermassen Zwischenzustände und Vermittlungen zwischen dem Nichtsein und dem Sein, die wir für denjenigen, der sie nie empfunden hätte, so wenig beschreiben könnten, wie wir zu sagen wissen, was denn das Sein oder das Denken eigentlich ist: es gibt keine Definition des Sollens.(<9)

Wie die gleiche Materie verschiedene Aggregatzustände annehmen kann, von dem der grössten Festigkeit bis zum gasförmigen und vielleicht dem noch darüber hinausliegenden strahlenden, so kann auch die gleiche Vorstellung ihren Inhalt gewissermassen in verschiedenen psychologischen Aggregatzuständen darstellen, von der vollkommenen Realität bis zur vollkommenen Idealität.

Das Sollen ist nur einer dieser Zustände; es betrifft Vorstellungen, denen wir das Sein noch absprechen, oder wenigstens in so weit nicht zusprechen, als sie eben bloss gesollt werden, und die dennoch nicht in der Gleichgültigkeit des Nichtseins verharren.

Es ist von jedem Inhalt vollkommen abtrennbar, denn sonst wäre die für jedes beliebige Tun anzustellende Überlegung, ob ich es soll oder nicht, eine Unmöglichkeit.

Das Sollen ist ein Denkmodus wie das Futurum und das Präteritum, oder wie der Konjunktiv und der Optativ; durch die Form des Imperativs hat die Sprache diesem Verhalten Ausdruck gegeben.

Auch findet die Bestimmung des Inhalts für das Sollen auf ganz so mannigfaltige Weise statt, wie für das Sein.

Wie durch all die oben angeführten Kriterien immer die eine Form des Seins den Vorstellungen zugesprochen wird, so verschieden sind auch die Mittel, auf Grund deren sie die Form des Sollens gewinnen: bald die Realität, bald die Nichtrealität, bald der Vorteil für einen Einzelnen, bald der für die Gesamtheit, bald der Befehl einer egoistischen Autorität, bald gerade die Entgegensetzung gegen einen solchen.

Und wie wir uns eine ganze Welt theoretisch vorstellen können, mit allen Gesetzen und Einzelheiten, und dann noch zu fragen haben, ob sie wirklich ist oder nicht, so können wir ebenso fragen, ob sie sein soll oder nicht.

Denn von Vielem sagen wir, dass es sein soll, was persönlich anzubefehlen sinnlos wäre; wenn Kant behauptet, der Natur gegenüber könne es kein Sollen geben, weil sie einfach den Gesetzen ihrer Wirklichkeit gehorcht und kein Ohr hat einen darüber hinausgehenden Imperativ zu vernehmen, so ist dies psychologisch nicht ganz richtig; auch von dem natürlichen Lauf der Dinge, an dessen Notwendigkeit wir nicht zweifeln, sagen wir oft genug, dass er hätte anders sein sollen.(<10)

Und zwar nicht nur im Vorblick, der uns noch keine Sicherheit des Verlaufs gewährt, sondern auch im Rückblick auf das schon Vollendete.

Wenn wir uns nicht scheuen, dem unausweichlich bestimmten Handeln der Menschen doch ein Sollen andern Inhalts gegenüber zu stellen, so sehe ich nicht, weshalb wir uns durch die nicht grössere Bestimmtheit der übrigen Natur brauchten verhindern zu lassen, auch für sie ein Sollen zu konstruieren.

Nur dass es unnütz ist, weil ganz allein an psychologischen Wesen das ausgesprochene Sollen seine Nützlichkeit ausüben kann, dürfte den Hinderungsgrund bilden.

Und gerade Kant, indem er die ungerechte Verteilung von Tugend und Glückseligkeit in der wirklichen Welt als etwas ganz Unerträgliches hervorhebt, empfindet das angemessene Verhältnis, nach dem der Gute seinen Lohn und der Böse seine Strafe erhält, als ein Sollen, das der Natur gegenüber gilt und dem sie dann auch in einer jenseitigen Welt nachkommt.

Der Imperativ ist nur ein einzelner Fall des Sollens oder vielmehr ein Mittel, durch welches das Sollen in das Sein übergeführt wird.

Aus diesem erkenntnistheoretischen Charakter des Sollens ergibt sich zunächst die Vergeblichkeit aller Versuche, aus dem Begriffe desselben heraus einen bestimmten Inhalt seiner zu gewinnen.

Sobald wir erkennen, dass das Sollen nur eine der Formen ist, welche der rein sachliche ideelle Inhalt der Vorstellungen annehmen kann, um eine praktische Welt zu bilden, ist klar, dass wir ihm von vornherein keine stärkere innerliche Beziehung zu dem einen als zu dem andern Inhalt zusprechen können.

Darum hat Kant schon zu viel getan, als er die, wenn auch noch so allgemeine Formel des kategorischen Imperativs aus dem Begriff des Sollens überhaupt heraus deduzierte.

Er begeht damit einen ontologischen Irrtum, nicht geringer als der, den er am Begriffe des Seins so schlagend gerügt hatte.(<11)

Weder lässt sich aus dem Begriffe eines Dinges erkennen, ob es ist oder nicht, noch aus dem Begriffe des Seins, dass es irgend einem besonderen Inhalt zukommen müsse; und eben so wenig gibt uns irgend ein Geschehen seinem Begriffe nach eine Anweisung darauf, dass das Sollen mit ihm verbunden sein müsse, noch das Sollen, dass es irgend einen bestimmten Inhalt sich aneigne.

Wollen wir uns über das Sollen klar werden, so müssen wir es scharf von denjenigen Inhalten sondern, mit denen es durch die unantastbare Heiligkeit derselben und durch lange Gewöhnung psychologisch so eng assoziiert ist, dass eines unmittelbar das andre reproduziert; die Vorstellung gewisser Handlungsweisen erscheint uns unabtrennbar von dem Sollen, das ihre Verwirklichung entweder gebietet oder verbietet, und ebenso scheint es leicht undenkbar, dass das Sollen begrifflich von gewissen wenigstens allgemeinsten Inhalten ablösbar wäre.

Erst wenn wir uns klar werden, dass unser ganzes Vorstellen aus zwei Elementen besteht: einerseits dem sachlichen ideellen Inhalt, dem Was der Dinge, andrerseits den Gefühlen, die diesen Inhalt begleitend ihm eine positive, negative oder Übergangsbeziehung zur Realität geben - erst dann ist die Grundlage da, auf der sich eine reine Betrachtung des Sollens erheben kann.

Dass das Sollen freilich in diese Reihe gehöre, dass sein Begriff noch keine Spur eines Inhaltes, sei er sozialer, individualistischer, eudämonistischer, pessimistischer Art einschliesst, dass es nur so zu sagen ein gefühlter Spannungszustand von Inhalten ist, der wie das Können, das Sein, das Wünschen eine Art ihres Verhältnisses zur Wirklichkeit ausdrückt, das ist so wenig exakt und unwiderleglich auszumachen, wie überhaupt die Bedeutung psychologischer Begriffe, für die man nur an die Selbstbesinnung apellieren kann, deren Ergebnisse schliesslich von der der logischen Deduktion entzogenen Subjektivität abhängen.

In solchen begrifflichen und zugleich auf ein Gefühl zurückweisenden Erörterungen gibt es nur Indizienbeweise und der Forscher darf sich kaum ein höheres Ziel stecken, als denjenigen Geistern, die das Material und die Disposition zu der gleichen Erkenntnis latent in sich tragen, zu deutlicherem Bewusstsein darüber zu verhelfen.(<12)

Wir haben oben ausgemacht, dass es kein verstandesmässiger Schluss ist, der uns ursprünglich von den Empfindungen, die gewisse Inhalte begleiten, zu der Vorstellung von deren Wirklichkeit führt; vielmehr ist dies unmittelbar ihr reales Sein; Wirklichkeit einer Sache ist nichts andres als der Name für einen bestimmten psychologischen Charakter ihrer Vorstellung und aller verstandesmässige, logische Beweis, dass eine Vorstellung Wirklichkeit ist, bedeutet nur das Herbeiführen oder das Bewusstwerden der Vorbedingungen für das Eintreten jener psychologischen Verfassung der Vorstellung, die wir Wirklichkeit nennen.

Zudem kann der Beweis, dass etwas ist, immer nur geführt werden, wenn eine andre Vorstellung schon als wirklich gesetzt wird und nun die gleichen inneren Bedingungen, die diese charakterisieren, an dem anderen erkannt werden, sei es direkt oder durch Übertragung oder durch Analogie; denn das Sein überhaupt kann nicht bewiesen, sondern nur erlebt und gefühlt werden, und darum lässt es sich nie aus blossen Begriffen deduzieren, sondern nur aus solchen, in welche irgendwo das Sein schon aufgenommen ist.

Das Sollen verhält sich in gleicher Weise.

Dass wir etwas sollen, lässt sich, wenn es logisch erwiesen werden soll, immer nur durch Zurückführung auf ein andres als sicher vorausgesetztes Sollen erweisen; an sich betrachtet ist es eine Urtatsache, über die wir vielleicht psychologisch, aber nicht mehr logisch hinausfragen können.

Kein Schluss könnte uns lehren, dass wir etwas sollen, wenn wir dieses Sollen nicht wenigstens anderweitig empfunden hätten; er lehrt es uns, wenn nun die Bedingungen des damaligen Empfindens an dem jetzigen Falle so aufgezeigt und zu Bewusstsein gebracht werden, dass die gleiche Gefühlsfolge sich einstellt; und dieses eintretende Gefühl ist nun nicht etwa ein solches, aus dem erst geschlossen würde: also soll ich dies und jenes - sondern es ist unmittelbar das Gesolltwerden der Vorstellung selbst. (<13)

Ist so das Sollen eine ursprüngliche Kategorie wie das Sein und das Vorstellen und nimmt es an der ganzen Unerklärlichkeit dieser letzten Tatsachen Teil, so verdeutlichen sich von hier aus die verschiedenen Erscheinungen, die mit der Unbegründbarkeit der Moral zusammenhängen.

Alle Versuche, die Vielheit der Inhalte des Sollens auf ein einheitliches Prinzip zurückzuführen, mögen im günstigsten Falle nachweisen können, dass unter der Voraussetzung jener höchsten und allgemeinsten Pflicht sich die Verpflichtung zu den einzelnen Handlungen logisch und psychologisch erklärt; umgekehrt mögen diese Handlungen auf jenes Prinzip dadurch hinweisen, dass ihre Mannigfaltigkeit keiner andern Gleichheit Raum gibt, als einerseits dem formalen Charakter des Sollens, andrerseits der gemeinsamen Zweckbeziehung, so dass die Zusammengehörigkeit dieser beiden nahe gelegt wird.

Dass sie aber zusammen gehören, dass jener höchste Gedanke, sei er die Glückseligkeit der Gesamtheit, oder der Wille Gottes, oder die Ausbildung der Individualität, oder die Rationalität der Handlungen - dass dieser gesollt wird, ist und bleibt unbewiesen.

Immer nur ein Inhalt des Sollens kann auf einen andern zurückgeführt werden, aber an irgend einem bleibt es schliesslich als an dem ursprünglichen haften, von ihm entlehnen alle andern die Würde des Sollens, ohne dass er selbst sie von einer andern Instanz herleitete.

Identifizieren wir das Sollen mit irgend einem Inhalt und sei es selbst nur der des kategorischen Imperativs, so nimmt dieser an der ganzen Unbegründbarkeit teil, die dem Sollen selbst eigen ist.

Wenn der Metaphysiker eine letzte Substanz aufgefunden hat, aus deren Wesen sich alle Erscheinungen des Kosmos folgern lassen; wenn wir eine ursprünglichste Summe der Kraft entdeckt haben, die die Quelle für alle aufzeigbaren Kraftwirkungen im Weltgeschehen bildet: so können wir weder fragen woraus sich das Wesen jener Substanz erklären lässt noch was die Ursache dieser Kraft sei, ohne unsre eben gewonnene Erkenntnis selbst wieder in Frage zu stellen.(<14)

Und ganz ebenso können wir nicht fragen, woher der letzte gesollte Inhalt, auf den wir kommen, sein Sollen begründen könne.

Auch operiert alle Zurückführung der sittlichen Mannigfaltigkeit auf ein letztes Prinzip nicht eigentlich mit dem Sollen; sie schiebt es vielmehr von einem Inhalt auf den andern, indem sie nachweist, dass die einzelne Pflicht ihr Sollen nicht in sich, sondern von jenem tiefsten zu Lehen trägt, zu dem sie im Verhältnis des Mittels steht.

Nicht dass irgend eine bestimmte Handlung, z. B. Fürsorge für die Familie, an sich Pflicht sei, beweist der monistische Ethiker, z. B. der Utilitarier; sondern nur dies, dass jene Handlung das Glück der Gesamtheit steigern helfe und sein soll, weil diese Glückssteigerung sein soll; das Gesolltwerden dieser aber lässt sich nirgendwo herleiten, sondern nur als Tatsache oder als Dogma aussprechen.

Das Sollen begleitet die ganze Reihe von Ursachen und Wirkungen, die etwa von dem Geldverdienst für die Familie bis zur Glückssteigerung für die Allgemeinheit oder zur Erfüllung der kantischen Formel oder zur Realisierung einer Herbartschen Idee führt, ohne in ihr selbst eine Erklärung zu finden.

Jedes Glied vielmehr erklärt sein Sollen aus dem Gesolltwerden des folgenden, und wo wir an dasjenige kommen, welches das Sollen nicht wieder von sich abwälzen, seine Dignität nicht mehr von einem andern herleiten kann, da bricht die Reihe ab und lässt es an diesem genau so unerklärt, wie es an dem ersten war: das Letzte, das wir erklären können, ist das Vorletzte.

Die Hauptfrage, weshalb denn die einzelne Tat gesollt wird, ist auf diese Weise nicht gelöst, sondern nur zurückgeschoben.

So schiebt jeder höhere mathematische Satz die Forderung seine Wahrheit zu beweisen auf einen vorhergehenden einfacheren, und dieser wieder weiter bis zurück zu den Axiomen, von denen alle andern ihre Wahrheit borgen und mit deren unbeweisbarer Gültigkeit sie stehen und fallen.(<15)

So kann auch das Recht den Beweis für die Gerechtigkeit seiner höheren Bestimmungen nur so führen, dass es dieselben als logische Folge gewisser letzter Prinzipien aufzeigt, die einfach als Recht hingenommen, aber nicht bewiesen werden können.

Liesse sich ein Inhalt finden, dessen Erfüllung unmittelbar mit Sittlichkeit zusammenfällt, so wäre die Frage, weshalb wir ihn denn erfüllen sollen, allerdings sinnlos; denn sie hiesse dann nur: weshalb sollen wir überhaupt sittlich sein? Diese aber können wir nicht stellen, weil sittlich sein ja nichts anderes bedeutet, als tun was wir tun sollen, so dass sie nur fragte: weshalb sollen wir tun was wir tun sollen? Oft genug freilich ist der Skeptizismus auch zu ihr vorgeschritten; oft genug hat man gefragt, worauf denn das Gebot sich gründe, das der Sittlichkeit den Vorzug des Seinsollenden vor der Unsittlichkeit gibt.

Wo so gefragt wurde, war es immer schon ein bestimmter Inhalt der Sittlichkeit, der subintelligiert und in seiner Berechtigung ein Sollen darzustellen angezweifelt wurde, eine bestimmte Handlungsweise, die selbstverständlich als mit dem Begriff der Sittlichkeit synonym vorausgesetzt wurde.

Dass wir niemanden beschädigen, uns keinen unrechtmässigen Vorteil verschaffen, unseren Mitmenschen so viel wie möglich nützen sollen - das scheint der stets sich gleichbleibende Inhalt der Sittlichkeit zu sein, und immer hat man diese materialen Pflichtgebote vor Augen gehabt, wenn man nach der Begründung des sittlichen Sollens überhaupt fragte.

In dieser Beschränkung ist die Frage auch stets berechtigt, wenn sie einerseits von der Erfahrung ausgeht, dass bis jetzt kein einziges materiales Pflichtgebot dem sittlichen Bewusstsein der Menschheit immer und unbedingt entsprochen habe, andrerseits von der Überlegung, dass das Sollen, welches an diesem höchsten Inhalt haftet, unbegründet und unbegründbar ist. (<16)

Löst man aber diese enge psychologische Verbindung, die dem Sollen sogleich einen bestimmten Inhalt unterlegt, und fragt, weshalb das Seinsollende als solches einen Vorzug vor dem Nichtseinsollenden hat, so behandelt man einen analytischen Satz wie einen synthetischen: das Seinsollen bedeutet ja nichts andres, als einen solchen Vorzug, beides sind nur verschiedene Ausdrücke für eine und dieselbe Qualität von Handlungsweisen, und jene Frage ist ebenso leer wie die, weshalb A denn wirklich A ist; denn wenn der Begriff des Sittlichen einmal da ist, so kann er schon an und für sich nur bedeuten, dass wir ihm nachleben sollen.

Wir könnten deshalb vielleicht fragen, weshalb wir sittlich sind, keinesfalls aber, weshalb wir es sein sollen.

Wenn schon der Moralphilosoph das Sollen nicht erklären, sondern nur unter Voraussetzung seines Haftens an einem letzten Inhalt es auf andre Inhalte überleiten kann, so reisst die Kette der Erklärungsgründe dem praktischen Moralbewusstsein natürlich noch früher ab; die logische Grundlosigkeit des Sollens überhaupt spiegelt sich in der psychologischen Grundlosigkeit seiner einzelnen Inhalte.

Bedeutsame und unbedingte, aber auch schon niedrigere sittliche Vorschriften beruhen auf so langer Vererbung, dass die Reihe der Erfahrungen und Überlegungen, die einst zu ihnen hinführte, immer mehr verdichtet wurde und schliesslich nur noch ihr Resultat dem Bewusstsein übrig blieb; wie der Kulturmensch eine Fülle von Einrichtungen und Produkten jeder Art benutzt, ohne sich darum zu kümmern oder auch nur immer verstehen zu können, wie sie hergestellt seien, so hält sich sein sittliches Leben an Vorschriften, deren Ursprung ihm gleichgültig, unauffindbar oder unverständlich ist.

Die arbeitssparende Tendenz organischer Entwicklung entlastet das Bewusstsein von der Vorstellung der Gründe einer Sittenregel, sobald diese selbst durch Vererbung und Überlieferung fest genug geworden ist.

Die Würde, welche die einzelne materiale Vorschrift durch Beziehung auf tiefere und weitere Zwecke erhielt, bleibt als selbständige Tatsache bestehen, wenn jene Beziehungen auch längst verdunkelt und vergessen sind.(<17)

Aber es ist gleichsam nicht nur die Länge, sondern auch die Breite der Beziehungen, die auf diesen Erfolg hinwirkt; nicht nur so lange vererbt sind die Gründe einer Sittenregel, dass sie durch Verdichtung ihren Raum im Bewusstsein verlieren, sondern auch so weit verzweigt, so mannigfaltig, in so viele Gebiete eingreifend, dass sie sich für das Bewusstsein des Einzelnen wie der Gattung gegenseitig verdunkeln und paralysieren.

Bedenkt man, dass es doch durchgehend die soziale Wirkung einer Handlungsweise ist, von der ihre sittliche Schätzung irgendwie ausgeht, dass diese Wirkung sich auf die umfänglichsten, kompliziertesten, oft gegensätzlichen Interessenkreise zu erstrecken und mit ihnen sich auseinander zu setzen hat, so begreift man, dass in dieser Fülle der ins Bewusstsein drängenden Gesichtspunkte einer dem andern den Raum darin streitig macht.

Die Zweckmässigkeit unserer sittlichen Normen stellt sich aus dem Kampf unzähliger Interessen, dem Kompromiss unzähliger Ansprüche, dem Gestaltet- und Umgestaltetwerden durch unzählige Kräfte her; in keinem Bewusstsein kann jede Phase und jedes wirkende Moment dieser Entwicklung haften, sondern wie es überall zu keinem bestimmten Vorstellen kommt, wo das Bewusstsein sich an eine zu grosse Anzahl von Vorstellungen verteilen muss, oder wo der Schwingungsradius zwischen diesen ein allzuweiter ist, so drücken sich die Gründe selbst für eine einfachere Sittenregel durch ihre Fülle gegenseitig unter die Schwelle des Bewusstseins herab und bringen eben dadurch den Anschein der Grundlosigkeit hervor.

Ja, gerade wie im Denken das Einfachste das Letzte ist, so im Sittlichen; denn je mehr Interessen in ihm zusammen strömen, desto allgemeiner muss es sein.

Daher zeigen die letzten Imperative hochstehender Menschen eine gewisse Einfachheit, die zwar nicht den Konflikt ausschliesst, aber sich charakteristisch von den krausen und komplizierten Imperativen abhebt, an denen das sittliche Bewusstsein unkultivierter Völker - besonders im Religiös-Sittlichen - Halt macht. (<18)

Diese Unerklärtheit des Sollens, mag sie nun seinen abstrakten Begriff, oder seine höchste prinzipielle Ausgestaltung, oder seine einzelnen und konkreten Inhalte betreffen, trägt zweifellos zu seiner Würde und psychologischen Kraft erheblich bei.

Je dunkler und unverständlicher der Ursprung und die Berechtigung einer ethischen Norm ist, um so viel heiliger pflegt sie zu gelten, wozu der angeführte Gesichtspunkt von der Fülle der unbewussten Motive mitwirken mag.

Wie dieselben objektiv und für die Gattung die Norm zustande bringen, so veranlassen sie subjektiv den Einzelnen zu deren Erfüllung; und je massenhafter und mannigfaltiger nun innerliche Triebe und Gründe uns bewegen, desto lebhafter und tiefer wird unser Gefühlsleben überhaupt erregt.

Jene alte Lehre, die das Gefühl mit einer Fülle von Vorstellungen, deren keine für sich zu klarem Bewusstsein zureicht, identifizieren wollte, hatte psychologisch wenigstens so weit recht, als die Einfachheit und Deutlichkeit der Gedanken und Motive im umgekehrten Verhältnis zu der Stärke des begleitenden Gefühles zu stehen pflegt.

Darum erklärt sich gerade aus dem sozialen Charakter des sittlichen Sollens und der Unzählbarkeit der Fäden, die in ihm zusammenlaufen, das starke und dunkle Gefühl, von dem es begleitet wird.

Wenn allgemeine Erfahrung ein gutes Gewissen das beste Ruhekissen nennt und, über diesen negativen Ausdruck hinaus, die Erfüllung der Pflicht vielfach ein beseligenderes Gefühl bereitet, als alles abseits ihrer liegende Tun, so ist auch diese Gefühlsseite des Sollens aus seinen sozialen Zusammenhängen erklärlich.

Denn wenn es die Interessen einer Allgemeinheit gegenüber denen des Einzelnen sind, die vom Sollen gewahrt werden, so wird der Einzelne in solchen Augenblicken gewissermassen über sein Ich hinausgehoben, die Allgemeinheit stellt sich in ihm dar, erweitert ihn um ihren eignen Umfang.

Durch die Selbstvergessenheit der Pflichterfüllung wird in dem ich Platz für die Interessen der Allgemeinheit, die sich freilich in höheren Kulturverhältnissen oft als Pflichten ganz individueller Art, von Mensch zu Mensch und aus persönlichsten Verhältnissen entsprungen, darstellen; durch diese hindurch wirkt indes offenbar, für das Gefühl noch hinreichend, die Summe gattungsmässiger Interessen und Antriebe, um jene Erhöhung und Erweiterung des Gefühles gelegentlich der Pflichterfüllung hervorzubringen, die vom rein individualistischen Gesichtspunkt völlig rätselhaft ist.(<19)

Aus der Geschichte des Individuums ist die Stärke der Gefühlsreflexe nicht erklärbar, die sich an die sittliche Tat heften, und deshalb ist es begreiflich, dass man um dieser Erklärung willen an metaphysische Instanzen appellierte; wie überhaupt die tiefe und dunkle Macht von Gefühlserregungen, die zu mystischen Vorstellungen veranlasst, meistens mit ihrer Herleitung aus sozialen Verhältnissen, aus der Beeinflussung des Individuums durch die Allgemeinheit verständlich werden dürfte.

Denn in der sozialen Gruppe fliessen unzählige Quellen, die auf den Einzelnen durch Vererbung, Tradition, Beispiel einwirken, die ihn gestalten, erschüttern, erheben; aber das gewöhnliche Bewusstsein verfolgt diese Vorgänge nicht bis an ihre wahre Quelle, aus der sich ihre psychologische Eigenheit zulänglich erklärte, sondern genügt seinem Kausalbedürfniss durch Erdichtung einer veranlassenden transzendenten Kraft.

Jene überwältigenden und überraschenden Gefühlsfolgen erklären sich daraus, dass der Einzelne in solchen Augenblicken die Erbschaft der Gattung antritt, deren Wirkung eben jene Plötzlichkeit, jenes Geben von Vielem mit einem Schlage aufweist, wodurch sich das Erben vom Erwerben unterscheidet.

Es ist immer hervorgehoben worden, welches erhebende Gefühl ein Arnold von Winkelried in dem Augenblick gehabt haben müsse, wo er der Freiheit eine Gasse brach, indem er die feindlichen Lanzen in seiner Brust begrub.

Hat ein solches Hochgefühl einen so Handelnden wirklich erfüllt, so bestand es aus der Erweiterung seiner Persönlichkeit um das soziale Ganze, dem er dadurch zum Siege verhalf.(<20)

Tieferen Einblick gewinnen wir noch von der Erkenntnis aus, dass die soziale Gruppe im Allgemeinen dasjenige als Pflicht vom Einzelnen fordert, was mehr oder minder tatsächlich und von jeher in ihr geübt wird, weil es die Bedingung ihrer Selbsterhaltung ist; und dass, dieses Moment noch steigernd, solche Handlungsweisen, die heute als besondere sittliche Pflicht gelten, lange Zeit hindurch einfach selbstverständlich geübt wurden: die Hingabe von Gut und Blut für das Ganze, die Unterordnung unter die höheren Stufen der sozialen Leiter, der Verzicht auf individuell-egoistisches Handeln gegenüber den gemeinsamen Aktionen - dies alles sind Charakterzüge, die bei dem Zustande der Homogenität und Undifferenziertheit der sozialen Gruppe sich ganz von selbst verstehen und mit dem höheren Herausarbeiten der Einzelpersönlichkeit zu verschwinden beginnen, um dann erst auf dem Wege bewusster Sittlichkeit wieder gewonnen zu werden.

Lange genug indes walteten jene Zustände des Kommunismus und der Gruppensolidarität, um als dunkle Triebe und Instinkte vererbt zu werden.

Und diese offenbar sind es, die bei der Erfüllung des sittlichen Sollens in uns zur Befriedigung kommen.

Immer sind es wirkliche, historische Zustände der Gattung, die in dem Einzelnen zu triebhaftem Sollen werden; deshalb äussern sich auf niederem Gebiet im Kinde höchst lebhafte Triebe nicht nur nach solchen Betätigungen, die auch im Erwachsenen den Charakter des Verlangens tragen, wie Essen und Trinken, sondern auch nach solchen, die für diesen einfach tatsächliche, oft keineswegs lustvolle Ausübungen sind: Sprechen, Laufen, Aufnehmen von Sinnesempfindungen usw. Entsprechend befriedigen sich mit der Ausübung jener Inhalte des gesellschaftlichen Lebens die altererbten, in den tiefsten Tiefen des Bewusstseins lagernden Sozialinstinkte.

Daher die Zufriedenheit, die Meeresstille der Seele, die uns nach den sittlichen Handlungen überkommt, das Gefühl vollkommenen Sichauslebens und tiefster Ruhe.

Die überwiegende und bindende Kraft, welche die Idee der Allgemeinheit gegenüber der Vorstellung einzelner und enger umschriebener Interessen hat, stammt wenigstens zum Teil sicherlich aus der psychologischen Unklarheit und Verschwommenheit, die vermöge der Fülle der hineinragenden Einzelvorstellungen und Beziehungen jene Vorstellung begleiten.(<21)

Je massenhafter, mannigfaltiger und verschlungener die Teilvorstellungen einer Vorstellung sind, desto eher tritt bei ihr jene phantastische Verklärung, jene reizvolle und ahnungsreiche Verschwommenheit ein, welche auch das körperliche und geistige Überblicken grosser Raum- und Zeitmasse charakterisiert.

Wo wir nicht mehr Einzelnes in seiner Bestimmtheit unterscheiden können, fängt sofort der Optimismus unsrer Natur zu wirken an, der alles Undeutliche, Unbekannte, Unbegrenzte zu idealisieren pflegt.

Da nun Sittlichkeit in dem Verhältnis zur Allgemeinheit besteht, aus ihm wenigstens ihren noch stets unbewusst fortwirkenden Ursprung herleitet, so wird auch die Stärke und Unklarheit der Begeisterung für das Sittliche überhaupt zum Teil aus der Massenhaftigkeit der in ihm verdichteten Beziehungen stammen.

Nicht trotzdem wir die Einzelnen nicht kennen, die in unsre Begeisterung für die Allgemeinheit eingeschlossen sind, sondern grade weil wir sie nicht kennen, entsteht die charakteristische Kraft dieser Begeisterung, dieser Vorstellung einer Pflicht, die alles Individuelle und bestimmt Begrenzte überragt.

Dem Zusammenhang zwischen dem Quantum gleichzeitig andrängender Vorstellungen und dem begleitenden Gefühle mag unsre Überlegung zu ihrer Bestätigung noch auf einem andern Gebiet nachgehen.

Wenn wir das künstlerisch Befriedigende, das Wesen der ästhetischen Forderung in der Darstellung des Typischen, Generellen, Allgemeingültigen erblicken, so scheint mir der Reiz davon gerade in der Fülle der in einander verschwimmenden Vorstellungen zu liegen, welche die Allgemeinvorstellung gleichsam als ihren Indifferenzpunkt umspielen; die Undeutlichkeit der unzähligen Einzelvorstellungen, die von der typischen Vorstellung auf eine gewisse niedere Bewusstseinsstufe gehoben werden, bringt die Anregung der Phantasie mit sich, in der jedenfalls ein grosser Teil des eigentlich ästhetischen Genusses beruht. (<22)

Wie die organische Entwicklung auf ein Maximum von Leben geht, so geht - in tiefem Zusammenhänge damit, da der Geist jedenfalls die höchste und konzentrierteste Lebensform darstellt - die psychische auf ein Maximum von Vorstellungen, das vermittelst der Verdichtung in typischen Vorstellungen erreicht wird.

Das Mass, bis zu welchem die Verallgemeinerung gehen darf, um noch diese Wirkung hervorzubringen, wird durch die Tatsache bestimmt, dass bei einer allzugrossen Fülle der gehobenen Vorstellungen jeder einzelnen ein zu geringes Mass von Bewusstsein zu Teil wird, um noch einen psychischen Wert zu haben; daher die Interesselosigkeit und das Gefühl der Leere gegenüber allzu allgemeinen, schematischen Darstellungen in der Kunst.

Auch das ethische Interesse hat eine gewisse Grenze für die Grösse der von ihm umfassten Allgemeinheit, wenn es nicht an Kraft verlieren soll.

- Ein ähnliches psychologisches Verhalten wie zu der Gesamtheit pflegt sich auch der Idee der Persönlichkeit gegenüber einzustellen und deren Wert über jede angebbare Eigenschaft hinaus an das Ganze derselben zu heften; durch den Reichtum der mannigfaltigen in diesem Ganzen zusammentreffenden Einzelheiten erregt dasselbe ein Gefühl, das die kausale Beziehung zu irgend einer einzelnen Qualität der Person oft ausdrücklich von sich ablehnt.

Es lässt sich beobachten, dass stolze Naturen sich nichts aus ihnen entgegengebrachten Gefühlen machen, wenn sie dieselben auf bestimmte einzelne Vorzüge ihrer zurückführen können; sie wollen nicht auf diese oder jene Gründe hin - und seien sie noch so umfassend und tief - sondern überhaupt und als ganze Persönlichkeit geliebt und geschätzt werden; tatsächlich pflegen auch die leidenschaftlichsten Neigungen grade die zu sein, die sich durch keine einzelne Eigenschaft der Person erklären lassen.

Der Vergleichungspunkt mit dem Gefühl für die Allgemeinheit liegt darin, dass auch hier die psychologischen Faktoren, die das Gefühl begründen, wegen ihrer Fülle und Verzweigtheit im Unbewussten bleibend, sich als Grundlosigkeit darstellen, und dass der Wert und die Kraft, die dieser Fülle zukommen, sich deshalb auf die anscheinende Grundlosigkeit übertragen und als deren Folge gelten. (<23)

Die relative Schnelligkeit im Wechsel der geistigen Vorgänge, die Fähigkeit des Geistes, die Formen seines Inhalts zu konservieren, während dieser letztere selbst wechselt, ebenso wie umgekehrt den gleichen Inhalt unter verschiedenen Formen zu bewahren, begünstigt das Rudimentärwerden seiner Gebilde.

Und nun ist zu bemerken, dass grade solche äusserlichen Vorschriften, deren Gründe vollkommen ins Unbewusste gesunken sind, mit der unausweichlichsten Gewalt wirken: Ritualgesetze, Umgangsformen, Sitten, deren Sinn längst durch veränderte Lebensbedingungen hinfällig geworden und die nur noch als Überlebsel einer nicht mehr angebbaren Zweckmässigkeit fortbestehen.

Und während im Physiologischen die Rudimente ganz besonders veränderliche Teile sind, weil weder Gebrauch noch Zuchtwahl auf ihre Erhaltung in bestimmten Formen hinwirken, ist im Geistigen oft das Gegenteil zu beobachten; gerade das Nicht-Nützliche, dasjenige, dessen eigentlicher Sinn von ihm abgelöst oder verdunkelt ist, nimmt die Dauerformen der Sitte und des Vorurteils an.

Grade weil es der Berührung mit dem Flusse lebendiger Entwicklung entzogen ist, gewinnt es besondere Festigkeit und jenen dämonischen Reiz des Dogmatischen, für das der Verstand keinen Grund kennt, aber einen um so tieferen und mystischeren annimmt.

Was durch Gründe gestützt ist, kann durch Gründe zu Fall gebracht werden, es ist, im älteren Sinne des Wortes, zufällig.

Was dagegen die verstandesmässige Begründung abgestreift hat und dennoch Macht über uns besitzt, die ethische causa sui, gewinnt den Charakter des Absoluten; was keine Stützen hat und braucht, dem können keine fortgezogen werden. (<24)

Hier liegt eine der tiefsten Analogien des religiösen mit dem sozial-sittlichen Verhalten.

Was der Frömmigkeit den besonders sittlichen Charakter gibt, ist das Handeln »um Gotteswillen«; wie wir der Allgemeinheit gegenüber nur um ihrer selbst willen pflichtvoll handeln, ohne einen darüber hinausgehenden Grund dazu im Bewusstsein zu haben, so wird durch jene religiöse Gesinnung die teleologische Kette an einem nur durch sich selbst gerechtfertigten Gliede abgeschnitten; das Bezeichnende des sittlichen Handelns: keinen Grund zu haben, ist hier der Form nach vollkommen vorhanden.

Es ist eine Art ethischer Ontologie: wie aus dem Begriff Gottes ohne alles Weitere seine Existenz folgen soll, ebenso die Pflicht ihn zu lieben und seine Gebote zu erfüllen.

Schon in den Sentenzen Isidors und bei Gregor von Nyssa wird es ausgesprochen, dass die sittlichen Vorschriften nicht um einstiger Belohnung oder Bestrafung willen erfüllt werden sollen, sondern einzig und allein um der Liebe Gottes willen, welche letzter, keiner Rechtfertigung weiter bedürftiger Beweggrund ist.

Übrigens war von da aus der Übergang zu dem Ideal, die Tugend um ihrer selbst willen zu lieben, leicht, den Isidor schon andeutet und Chrysostomus vollzieht.

Es ist nur das ganz entsprechende Gegenstück dazu, wenn Abälard meint, dass der Schmerz über die Sünde kein Motiv weiter habe, dass der Gedanke an Lohn und Strafe die Reue verfälsche und diese schlechthin nur sich selber zum Gegenstand habe.

Der Pflicht überhaupt nun gibt dies ihren unbedingten Charakter, dass sie Mittel zu einem Zweck ist, während diejenige Bedingtheit, die das Mittel sonst durch den darüberstehenden Zweck erhält, vermöge der Verdunklung dieses letzteren wegfällt.

Wenn eine Handlungsweise unter einer gegebenen Bedingung notwendig ist, so muss sie den Charakter schlechthin unbedingter Notwendigkeit dann annehmen, wenn jene Bedingung nicht mehr ins Bewusstsein tritt.

Dieser auch an anderen als ethischen Überzeugungen sich vollziehende Prozess wird häufig durch eine Persönlichkeit vermittelt, die als eine Autorität auftritt, über welche nicht weiter hinausgefragt wird. (<25)

Viele Prinzipien würden ihre Anhängerschaft und ihre Gemeinde nicht gewinnen, wenn sie nicht durch eine Persönlichkeit geschaffen wären, an die sich der Glaube anschliessen kann; denn diesen zu gewinnen, reicht die abstrakte Vorstellung der Gründe nicht häufig aus; woher es denn kommen kann, dass die Apostel einer Lehre sie rückhalt- und vorbehaltloser und für sicherer annehmen, als der Schöpfer derselben, der dem Objekte unmittelbar gegenübersteht.

Wer nicht tiefer hinabsteigt als bis zu dem einmal gewonnenen Dogma, findet an diesem einen festeren und unfraglicheren Boden, als wer das Dogma selbst auf der Wirklichkeit der Dinge begründen will.

Der Glaube an eine Person als die höchste Instanz, von der es keine Appellation mehr gibt, ist so einerseits die Brücke, über die hinweg gewisse, eigentlich von höheren Prinzipien abzuleitende Lehren ihre Festigkeit entlehnen - eine Festigkeit, die grösser ist als etwa jene höchsten, aber von dein Lehrer nicht ausgesprochenen Prinzipien sie für den Gläubigen besitzen; andererseits ist dieser Vorgang nur die personale Wendung oder eine Analogie des psychologischen Ereignisses, das dem abgeleiteten Imperativ oft eine unfraglichere Würde verschafft als dem höchsten Prinzip, auf das er logisch hinweist.

Wenn gewisse materiale Handlungsweisen für unser Bewusstsein sittliche Verpflichtung mit sich führen, so gründet sich diese rationaler Weise auf ein allgemeines regulatives Prinzip als Obersatz, zu dem die gegebene Lage als Untersatz tritt, damit die Pflicht in dieser als Folge der Verpflichtung durch jenes höchste Gesetz hervorgehe.

Aber eben dieses höchste Gesetz steht uns oft lange nicht so fest, wie das davon Abgeleitete.

Die Wirkung jenes Prinzips ist sicherer als es selbst ist, das Gebäude fester als seine Fundamente.

So machen sich viele Leute nichts daraus, den Staat unmittelbar zu betrügen, z. B. durch Steuerhinterziehung, während sie davor zurückbeben würden, einen Einzelnen zu betrügen oder falsches Geld zu machen, ein Verbrechen, das doch ein solches nur durch viel mittelbarere Rücksicht auf die ökonomischen Verhältnisse des Staates ist, als jenes.

Der Gedanke, die Glückssumme auf Erden zu vermehren, dürfte von Vielen kühl oder gar skeptisch betrachtet werden, die ein konkreter, dieser Glücksmehrung dienender Fall in den zweifelfreisten sittlichen Enthusiasmus versetzt. (<26)

Tatsächlich kennen wir keine reale oder moralische Notwendigkeit eines Geschehens, es sei denn als Folge von oder als Mittel zu einem andern, welches andre seine Notwendigkeit gleichfalls wieder nur von einem höher gelegenen entlehnen kann; und so münden wir denn schliesslich an einem höchsten Sein oder Vorstellen, welches wir, da wir nach der Kantischen Kritik der Ontologie kein durch sich selbst Notwendiges begreifen, nur als einfache Tatsache, aber nicht als notwendige hinnehmen können.

Nicht logisch, sondern nur psychologisch kann ein Geschehen zu dem Charakter schlechthin unbedingter Notwendigkeit kommen, wenn jene höheren Stufen, von denen es seine Notwendigkeit logisch zu Lehen trägt, ins Unbewusste sinken, und die von ihnen geschaffene Notwendigkeit gleichsam als ihre Erbschaft im Bewusstsein zurücklassen.

Begründet die Länge der Vererbung die Verdunklung der Gründe einer Pflicht, so begreift man demnach, dass die so verdunkelte, alles Übrige gleichgesetzt, auch in gleichem Verhältnis die mächtigere ist; denn beides, die Macht wie die Verdunklung, gehen von dem gleichen Moment der Vererbungsdauer aus: die ältesten Vererbungen sind auf geistigem wie auf körperlichem Gebiet die am wenigsten variabeln.

Wo eine hervorragend sittliche Tat M geschehen ist, da hören wir leicht, wenn sich später ein egoistisches Motiv als das eigentlich treibende herausgestellt hat: »Nun verstehe ich M erst!« Die Metaphysik der Kantischen Ethik beruht darauf, dass, so lange wir die Handlungen der Menschen verstehen wollen, wir sie nur auf Motive der sinnlichen Erscheinungswelt, d. h. der Selbstliebe, zurückführen können. (<27)

Ein ähnliches Verhältnis wie hier zum Ethischen, zeigt das Psychologische auch zum Logischen: die objektive Wahrheit einer Vorstellung wird uns leicht zweifelhaft, wenn wir die psychologische Genesis erkennen, durch welche sie im Bewusstsein entstanden ist, ihre logischen Gründe sind verdächtig, wenn wir statt auf sie nur auf psychologische Ursachen für das Auftauchen der Überzeugung zurückzugehen brauchen; wir werden z. B. von vornherein mit Skeptizismus an eine Lehre herantreten, von der wir wissen, dass gewisse Gefühlsmomente im Gemüte des Urhebers ihr das Leben gegeben haben.

Die Veranlassung dieser Erscheinung ist vielleicht das Misstrauen in den Zufall, dass zwei so heterogene Reihen, wie das Logische und das Psychologische, unabhängig von einander zu demselben Resultate führen sollten.

Eine entsprechende Empfindung mag in unserm Fall herrschen.

Sobald man der Meinung ist, dass die sittlichen Ideale ein in sich geschlossenes, der Wirklichkeit heterogenes Reich bilden, liegt der Gedanke nahe, dass auch ihre Realisierung sich, wenn auch durch ein tatsächliches Bewusstsein, dennoch ausserhalb des Mechanismus psychologischer Naturgesetze vollziehen müsse.

Wo dieser gilt, müsste die Erfüllung der sittlichen Forderung aus vorhergehenden gleichfalls mechanisch hergestellten Bedingungen ohne Rest erklärbar sein.

Es erscheint als ein wunderlicher Zufall, wenn die Naturgesetzlichkeit des Vorstellens mit einer idealen Ordnung der Dinge zusammenfällt, die aus ganz anderen Quellen fliesst als die Wirklichkeit - wobei es dann freilich angesichts des rein zufälligen Verhältnisses zwischen dem mechanisch naturgesetzlichen Geschehen und den menschlichen Ideen und Prinzipien ebenso wunderlich wäre, wenn jener mechanische Verlauf unsres Handelns immer der Idee der Selbstliebe gemäss wäre, die doch auch ein teleologisches Prinzip ist.

Es kommt hinzu, dass das Verständnis der Willensakte nur durch das Kausalgesetz möglich ist und dabei die Freiheit hinwegfällt, die so Vielen für die Sittlichkeit unentbehrlich scheint.

Dieser letztere Gesichtspunkt hilft uns vielleicht noch zu einem weiteren Verständnis für die Grundlosigkeit des Sollens.

Wenn die strenge Kausalität die Freiheit ausschliesst, so folgt analytisch, dass wir diese nur da erkennen können, wo jene unerkennbar ist. (<28)

Und zwar ist die Unerkennbarkeit des Mechanismus nicht nur die conditio sine qua non für die Anerkennung der Freiheit, sondern der positive Grund für sie.

Ein Geschehen für das keine Ursachen zu erkennen oder zu vermuten sind, nennt der Sprachgebrauch frei; und es ist sehr begreiflich, dass das menschliche Handeln am längsten dies Prädikat behält, weil seine psychologischen und physiologischen Veranlassungen sehr verwickelte und schwer enträtselbare sind, und weil Unbewusstes die Quelle des Bewussten ist und so dessen ursächliche Erkenntnis erschwert.

Die Freiheit ist tatsächlich nur der Ausdruck für die Unentdecktheit der Kausalität; sie ist nicht ein Charakter, den ein Geschehen trüge, welchem wir auf diesen hin die Ausnahme vom Kausalgesetz zusprächen, sondern umgekehrt, solange wir eine solche Ausnahme noch annehmen, solange wir die Einreihung des Geschehens in den naturgesetzlichen Mechanismus noch nicht bewirken können, nennen wir es frei.

Ähnlich nun liesse sich denken, dass die ausschliessliche Zurückführbarkeit der Handlung auf das sittliche Sollen nicht einen an und für sich erkennbaren Charakter derselben bedeute, sondern nur der Ausdruck dafür sei, dass eine anderweitige Erklärung der Handlung noch nicht gefunden ist.

Dies bedarf einer näheren Auseinandersetzung.

Schopenhauer hat hervorgehoben, dass eine Ethik, die ihre Vorschriften motivieren wolle, dies nur durch Berufung auf die Eigenliebe könne und dadurch ihren moralischen Charakter selbst zerstöre.

Jenes Verstehen, dessen Möglichkeit gegenüber dem sittlichen Sollen geleugnet wird, bedeutet eben ein Verstehen auf Grund egoistischer Motive.

Es ist indes sicher, dass ein vollkommenes Verstehen auch so nicht geschaffen wird, denn schliesslich ist uns der Egoismus ebenso eine letzte Tatsache, wie der Altruismus, und wir verstehen ihn um Nichts besser als diesen.

Wenn wir trotzdem mit der Zurückführung auf das Eigeninteresse und nur durch sie das völlige Verständnis der Handlung erlangt zu haben meinen, so beruht dies darauf, dass uns auch das Unerklärliche, wenn es nur oft genug vor unsern Augen geschieht, als ein ganz Natürliches, das »gar nicht anders sein kann,« erscheint. (<29)

Wofür wir nach einer Erklärung verlangen, das ist immer das Ungewöhnliche, von dem hergebrachten Inhalt des Bewusstseins sich Abhebende; darum werden die gewöhnlichsten Phänomene die spätesten Gegenstände der wissenschaftlichen Untersuchung; auch für das Bewusstsein der Probleme gilt die Regel, dass wir nur den Unterschied empfinden.

An die täglich beobachtbare Erscheinung ist unser Geist derartig angepasst, dass er, statt nach ihrer Erklärung zu fragen, sie vielmehr als Erklärungsprinzip für das Seltenere und Auffälligere verwendet; die Wirkung in die Ferne erscheint uns als ein Rätsel, das seine Lösung erst durch seine Zurückführung auf Druck und Stoss finden würde - offenbar aber nur, weil diese letzteren Phänomene die unendlich häufigeren und gewöhnteren sind, so dass man nicht daran denkt, sie selbst zu Problemen zu machen.

Würde statt dessen die tägliche Erfahrung, namentlich die am eignen Leibe fühlbare, uns die Wirkung in die Ferne so häufig und so nachdrücklich zeigen, wie sie uns die Wirkungen unmittelbarer Berührung zeigt, und wäre diese relativ so selten wahrnehmbar, wie jetzt jene es ist, so würde gewiss das Erklärungsverhältnis sich umdrehen, wir würden die Fernwirkung für das Urphänomen halten, auf das auch Druck und Stoss schliesslich zurückzuführen seien, wenn man sie erklären wollte.

Zwischen Egoismus und Sittlichkeit dürfte das gleiche Verhältnis herrschen; nur weil jener das so unendlich häufigere Phänomen ist, weil die überwältigende Majorität aller Handlungen von ihm beherrscht ist, erscheint er uns als »selbstverständlich«, d. h. selbst keiner Erklärung weiter bedürftig, die er dafür nun anderen Erscheinungen gewähren kann.

Angenommen, es herrschte irgendwo ein Zustand des absoluten Altruismus, einer in demselben Masse durchgängigen Selbstlosigkeit und Hingabe, wie jetzt das Gegenteil durchgängig ist, so würde zweifellos dieser Zustand als der selbstverständliche, keine weitere Erklärung fordernde angesehen werden, und nur eine etwa auftretende Erscheinung von Egoismus würde besonders zu erklären sein und als erklärt gelten, wenn auch sie auf Altruismus zurückgeführt wäre. (<30)

Es kommt hinzu, dass, wie die Dinge nun einmal liegen, nicht nur die Mehrzahl unserer Handlungen auf Egoismus zurückgeführt werden muss, sondern ihre Gesamtheit auch auf ihn zurückgeführt werden kann; mit einigermassen böswilliger Deutung ist auch die edelste Tat durch egoistische Motive verständlich, während die Umkehrung hiervon ausgeschlossen ist.

Also auch der Trieb nach Einheitlichkeit des Erkennens, dem die Möglichkeit dieser Zurückführung Befriedigung verspricht, wirkt zu der Überzeugung mit, dass die Sittlichkeit nur durch Zurückführung auf Egoismus erklärt werden könnte, und, wenn dies ihrem Begriffe widerspricht, überhaupt unerklärbar ist.

Ich halte es deshalb für möglich, dass das Sollen nichts anderes bedeutet als solche gefühlte Triebe in uns, die nicht auf den Egoismus zurückführbar, also überhaupt nicht weiter erklärbar sind.

Die Vorstellung, dass es ein bestimmter und zwar sozialer Inhalt des Triebes sei, der ihm den Charakter des Sollens verleihe, ist dann daraus verständlich, dass es meistens soziale Motive sind, die solche Verdichtung und Verdunklung erworben haben, während das egoistische Motiv näherliegend und bewusster zu sein pflegt; so dass die psychologische Assoziation dieses durch seine Form charakterisierten Triebes mit seinem gewöhnlichen Inhalt die Vorstellung veranlassen kann, es sei dieser Inhalt, von dem sein Charakter ausginge.

- Nicht was dieses andere ist, das jenseits des Egoismus als Forderung an uns herantritt, bewirkt, dass wir es als Sollen fühlen, sondern die Tatsache, dass es eben nicht Egoismus ist; und weil sich für uns Egoismus und Erklärungsmöglichkeit decken, ist also nicht ein Sollen gegeben, das nicht erklärt werden könnte, wenngleich dies seinem Begriffe nach sehr wohl möglich wäre, sondern es ist ein Triebgefühl bestimmten Inhaltes gegeben, das der Erklärung durch Egoismus widerstrebt und um dieses Charakters willen einen eigenen Namen, das sittliche Sollen, erhalten hat, den es sofort verliert, sobald jene Erklärung sich als möglich zeigt. (<31)

Darum tritt die Empfindung des Sollens auch dort ein, wo jene Verdunklung des Motivs einen Trieb von nicht sozialer Natur getroffen hat.

Wie nämlich im Leben der Gesamtheit die tatsächlichen und durchgehendes geübten Formen desselben für den Einzelnen bindende Pflicht werden, so bildet auch in diesem das oft Getane einen Trieb aus, es immer weiter und immer wieder zu tun, der sich von dem Motiv, aus dem die Handlung eigentlich erfolgte, unabhängig macht; gleichviel wie man diese Erscheinung erklären mag, ob durch eine Kraft der Gewöhnung oder durch eine Einheitlichkeit des persönlichen Wesens - jedenfalls nimmt der Trieb zu einem Tun, der sich durch lange Gewöhnung gebildet hat und dessen ursprüngliche Zweckmässigkeit in Vergessenheit geraten ist, gewissermassen den Gefühlston einer Pflicht gegen sich selbst, eines Sollens, an.

Entgegengesetzte Antriebe mögen zwar oft die stärkeren sein; aber niemand, glaube ich, wird leugnen, dass das plötzliche Abbrechen verjährter Gepflogenheiten die unbehagliche Empfindung, als unterliesse man eine Pflicht, mit sich bringt, und einen Antrieb, in derselben Bahn weiter zu gehen, in der uns ein dem moralischen verwandtes Gefühl von Treue und Konsequenz festhalten will.

Wie die Vielheit und Verzweigtheit unsrer Beziehungen zur Allgemeinheit den Grund bildet, aus dem ihre Sitten und Normen uns mit der Würde eines sittlichen Sollens in ihre Kreise zwingen: so verwächst ein oft geübtes Tun mit allen möglichen Teilen und Funktionen unsrer Persönlichkeit und gewinnt dadurch eine dunkle Macht, eine nicht mehr zu zergliedernde Triebkraft, die in demselben Masse das Gefühl eines stärkeren Sollens auswirkt, wie sie unerklärlicher ist; denn beides quillt aus der gleichen Quelle, aus der Anzahl der assoziierten und durch ihre Fülle für das Bewusstsein paralysierten Vorstellungen und Triebe. (<32)

Darum befreien wir uns auch leichter und sozusagen mit geringerem Schuldbewusstsein von solchen festgewordenen Handlungsweisen, deren Motive uns noch im Bewusstsein sind, als wenn diese schon untergesunken sind; denn dann nimmt der Trieb sofort die mystische Gewalt der causa sui, des Ursachlosen, an.

So lösen wir lange festgewordene Verhältnisse zu Menschen relativ leicht, wenn wir sie noch auf ihren Ursprung zurückverfolgen und die Motive ihrer Entwicklung klar begreifen können; dann wirkt einfach Motiv gegen Motiv, das auflösende gegen das aufbauende.

Dagegen besitzen solche Verhältnisse, deren Entstehungsgründe uns nicht mehr klar sind, unheimlichere Gewalt und ihr Abbruch erzeugt nicht nur den Schmerz, der das Aufgeben jeder alten Gewohnheit begleitet, sondern geradezu eine Art von Gewissenspein, als sollten wir doch eigentlich so alte Bande nicht lösen, - die wie gesagt ausbleibt, wenn wir uns noch darüber klar werden können, woher diese Bande denn ihre Festigkeit eigentlich gewonnen haben.

Ähnliches ist in religiöser Beziehung zu beobachten.

Unser Verhalten zu Gott wird erst dann das reinste sittliche, wenn wir uns der Gründe, aus denen unser Sollen ihm gegenüber fliesst, nicht mehr bewusst sind, seien diese nun die gröberen der Furcht und Hoffnung, oder die feineren der Abhängigkeit oder der Wesenseinheit.

Wo sich unser Sollen auf solche Gründe stützt, hat es noch keine Selbständigkeit, keine unbedingte Macht erlangt; denn theoretische Erschütterungen jener Glaubensartikel würden dann auch den Inhalt des Sollens aufheben, das aus ihnen gequollen ist und sich auf diese Weise mehr als Mittel zur Herbeiführung erwünschter Zustände denn als rein sittliche Verpflichtung zeigt.

Der Trieb, uns dem hinzugeben, was uns als göttliches Wesen und göttlicher Wille vorschwebt, wird erst dann zum eigentlichen und vollständigen Sollen, wenn er nicht mehr von einer immerhin bezweifelbaren Ursache ausgeht oder einem Zwecke dient, der schwerlich von allem Egoismus rein zu halten ist, wenn er also mit einem Worte für das Bewusstsein ursachlos geworden ist. (<33)

Wenn sich dies so verhielte, dass die Unbegründbarkeit gewisser Triebe, das Abbrechen der teleologischen Reihe an ihnen, denjenigen Charakter hervorruft, den wir das Sollen nennen, und den eigentümlichen Wert desselben begründet, so hätten wir daran nur ein Beispiel für ein häufigeres Vorkommnis.

In unserem Weltbild finden sich eine Reihe von Begriffen, deren Inhalt und Würde der Zurückführung auf andere widerstrebt, und die wir insbesondere in kein positives Verhältnis mit denjenigen bekannteren und erklärlichen Vorstellungen zu setzen wissen, auf die sie eigentlich hinweisen.

Der Grund hiervon ist nun vielfach der, dass gerade der Ausschluss dieser letzteren das Wesen der fraglichen Begriffe begründet; sie haben nicht einen für sich bestehenden Charakter, der dann jene Beziehungen ablehnte, sondern umgekehrt das negative Verhalten zu diesen macht ihren Charakter aus; sie sind nichts als Namen, die eine leere Stelle unsres Erkenntnisfeldes bezeichnen, ohne einen für sich bestehenden Inhalt zu besitzen, dessen Anschein sie dennoch leicht gewinnen.

So ist der ganze zu rechtfertigende Sinn des Dinges an sich nur dieser, dass es nicht Erscheinung ist; wir könnten nicht etwa positive Begriffe eines übersinnlichen Substrates der Erscheinungswelt zulassen, von dem eine weitere Ausmachung dann erst feststellte, dass es die Formen empirischer Erkenntnis von sich weist; sondern der ganze Inhalt des Dinges an sich kann für eine reinere Erkenntnistheorie nur der negative sein, dass es etwas unerfahrbares und unerkennbares ist; wir wissen weiter nichts von ihm, als dass wir nichts von ihm wissen können.

Wie die Empfindung eines sittlichen Sollens, eines unbedingten Imperativs uns da entsteht, wo wir uns keiner Bedingungen und Motive bewusst sind, und der Ausschluss dieser ein wesentliches Zeichen ist, wodurch sich jenes Sollen von sonstigem Wollen unterscheidet: so ist der Ausschluss alles Empirischen und Erkennbaren das einzige, was wir von dem Begriff des Dinges an sich aussagen können; es hat keinen positiven Inhalt, sondern nur den, einen angebbaren Inhalt nicht zu besitzen. (<34)

- Noch ein andres diesem nahe liegendes Gebiet lässt sich für die Höherwertung derjenigen Begriffe anführen, die eigentlich nur Fragezeichen sind und nur das Versagen der sonst gebrauchten Erkenntnismittel anzeigen, wenn sie gleich den Schein positiver Inhalte annehmen.

Nur darum erscheinen nämlich, wie ich glaube, die spiritualistischen Erklärungen der Welt als die höheren, besseren und vornehmeren gegenüber den materialistischen, weil der Geist das Unbekanntere, in seinem Wesen Mystischere ist - wobei es ganz dahin gestellt bleiben kann, ob eine tiefer dringende Erkenntnistheorie diese Vorstellung des common sense anerkennen kann.

Das Unenträtselbare wird oft geistigen Einflüssen zugeschrieben; die Wilden, die sich Naturerscheinungen nicht physisch erklären können, setzen einen Geist als Ursache.

Darum haben materialistische Geister, die eine exakte Erklärung nur in der Zurückführung auf physikalische Phänomene erblicken, eine so starke Angst vor jedem Ignoramus und Ignorabimus, weil sie überall beim Unerklärten und Unerklärbaren das Hineinragen eines geistigen Prinzips ahnen und fürchten.

Weil man gegen das Unerkannte sich nicht schützen kann, weil wir nur durch das Erkennen die Dinge beherrschen lernen, die unerkannt uns als herrische Mächte gegenüber stehen, bildet sich die Verehrung, die Vergöttlichung für jenes Geistige heraus, das nur ein Name für das Unbekannte ist.

Man findet häufig, dass das Wort der Naturvölker für Gott unterschiedslos auf ein unbegreifliches Ding wie auch auf eine Person, deren Kräfte unbegreiflich sind, angewandt wird.

Man könnte beinahe sagen, nicht das Geistige ist das Unbekannte, sondern was wir in seinem Wesen nicht kennen, das nennen wir das Geistige.

So gründet sich die Vorstellung der Naturzwecke nicht auf Erscheinungen, welche unmittelbar eine geistige Ursache voraussetzten und deshalb dem bloss mechanisch denkenden Verstande unerklärlich wären; sondern umgekehrt, es sind Erscheinungen da, die wir bis jetzt noch nicht mechanisch erklären können, und diese nennen wir zweckmässig, weil wir doch irgend eine Ursache brauchen und ausser der versagten mechanischen nur geistige in unserm Vorstellungsvermögen finden. (<35)

Und wenn der Gedanke der Willensfreiheit, wie man glaubt, daher entstanden ist, dass uns die Ursachen unsrer Willensbestimmungen nicht bewusst sind, so wird dieser Ursprung nicht das Wenigste zu ihrer mystischen Bedeutsamkeit und Heiligkeit beigetragen haben; so dass dieser Ausgangspunkt der Sittlichkeit mit ihrem Endpunkt, dem letzten Zwecke des Sollens, gleichen Wesens ist.

Zwischen beiden sind die moralischen Handlungen eingegrenzt, die demnach nicht neben ihrer Eigenart als moralische über das Verständnis hinausgingen, sondern deren Eigenart grade darin bestünde, die grade deshalb eine besondere Kategorie und Benennung erhielten, weil man sie nicht auf die sonst bekannten und bewussten Ursachen und Zwecke zurückführen kann.

Der absolute Charakter, den das sittliche Sollen in jedem einzelnen seiner Akte an sich trägt, zeigt sich gleichsam neben dieser Tiefendimension auch in seiner Breitendimension.

Denn wenn es überhaupt über die Wirklichkeit des Handelns hinweg ein Sollen gibt, das unsern Handlungen ein Ideal vorschreibt, dann scheint es sich auch auf die Gesamtheit derselben zu erstrecken; wie Plato mit Recht darauf hielt, dass wenn es eine Ideenwelt gibt, in deren Abspiegelung allein das Wesen der sinnlichen Welt besteht, auch eine Idee der Haare und des Schmutzes existieren müsse, so wird keine Handlung, und sei es die niedrigste oder unwichtigste, eines Ideals entbehren, das zeigt, ob und wie sie vollbracht werden soll, während ein Abweichen davon nicht sein soll.

Wenn Kant meint, dass alle Interessen schliesslich praktische sind, wenn allgemein die Ansicht verbreitet ist, dass die Sittlichkeit denjenigen Lebensinhalt bilde, dem alle anderen sich unterzuordnen und an dem sie ihren Wert zu messen hätten, so kann sich kein Tun der Beurteilung an einem Sollen entziehen. (<36)

Ebenso allgemein ist indes ein Gebiet des sittlich Gleichgültigen anerkannt, Möglichkeiten des Handelns, die von keinem Sollen bevormundet werden, deren Vollbringen so wenig wie ihr Unterlassen unter den Begriff gut oder böse fällt.

Es scheint mir aber hierin eine wenigstens teilweise Täuschung zu liegen.

Wie viele Handlungsweisen es auch für einen bestimmten Augenblick geben mag, die keinen sittlichen Wertunterschied aufweisen, immer wird ihre Zahl eine begrenzte sein, da sie durch allmähliche Übergänge zum Gebiet des Unerlaubten hinführen müssen.

Wenn man die Grenzen des Erlaubten auch noch so weit steckt, so müssen sie sich doch irgendwo vom Bösen abzeichnen, das in dem gegebenen Augenblick an Stelle jenes geschehen könnte.

Und dann bildet offenbar das ganze Gebiet des Erlaubten als Totalität das Gesollte.

Ob aus ihm die eine oder die andere Handlungsweise gewählt wird, ist freilich sittlich gleichgültig; dass aber überhaupt eine aus ihm gewählt wird, ist nicht gleichgültig und nur jene relative sittliche Indifferenz, jene Gleichwertigkeit mehrerer Handlungen unter einander konnte das Bewusstsein hinreichend erfüllen, um übersehen zu lassen, dass die Gesamtheit all dieser Handlungen oder Unterlassungen doch ein Sollen ausmacht.

Ob ich jetzt a oder b oder c tue oder unterlasse, mag gleichgültig sein; aber dass ich überhaupt aus diesem Kreise meine Handlung auswähle und nicht n tue, das ist gar nicht gleichgültig.

Die sittliche Irrelevanz davon, ob ich a tue oder unterlasse, verhindert nicht das Mass von sittlicher Dignität, das jeder von beiden Fällen durch seine Teilnahme an dem Gesamtgebiet des Erlaubten gewinnt; dieses letztere stellt als Ganzes und im Gegensatz zu jeder ausserhalb desselben stehenden Handlung das Gesollte dar.

Es kann also z. B. in einem Falle sittlich gleichgültig sein, ob ich die Wahrheit sage oder überhaupt nichts sage; keineswegs aber ist es gleichgültig, ob ich eines von diesen beiden tue oder eine Lüge sage.

Dies wird prinzipiell freilich erst zugleich mit der Einsicht ganz klar, dass das Unterlassen nicht minder als Gegenstand sittlicher Beurteilung zu behandeln ist, wie das Tun. (<37)

Ich knüpfe die Erörterung hiervon an die Kritik eines gegen den kategorischen Imperativ gerichteten Einwurfs.

Das Kantische Moralprinzip, so hat man gesagt, entbehre des Impulses, eine bestimmte sittliche Handlung zu erzeugen; es sage nur: wenn du handelst, so handle so, dass die Maxime deines Willens allgemeines Gesetz sein könnte; deshalb sei es doch nur ein bedingtes Moralprinzip, da ein unbedingtes vielmehr direkt sagen musste: tue das und das, trachte nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, oder ähnliches; es müsste dem Menschen eine Aufgabe setzen, die er mit seiner ganzen Kraft zu verwirklichen hätte, und die seine Zeit vollständig ausfüllte.

Daraus, dass der kategorische Imperativ nur eine bestimmte Qualität des Handelns fordert, scheint also für den Erheber dieses Einwurfs hervorzugehen, dass man nicht gegen ihn verstosse, wenn man untätig bleibt, weil dann die Voraussetzung nicht erfüllt ist, unter der allein er seine nur formgebende Macht äussern kann: nämlich, dass überhaupt gehandelt werde - was er selbst nicht befiehlt.

Als Einwurf gegen den kategorischen Imperativ ist dieses leicht zu erledigen, wenn man, womit Kant gewiss einverstanden wäre, das Handeln in dem weiteren Sinne des Sichverhaltens nimmt: verhalte dich so, dass die Maxime deines Verhaltens allgemeines Gesetz sein könnte; hierdurch wäre das Handeln im engeren Sinne und das Unterlassen gleichmässig getroffen, so dass der Inhalt jedes Lebensmomentes hinreichend und positiv reguliert wäre.

Wichtiger aber für unseren Zweck ist dies, dass die Verhältnisse uns in jedem Augenblick Aufforderungen zum Handeln darbieten, denen nicht nachzukommen Sache positiven Entschlusses ist; denn wenn das Moralgebot in jedem einzelnen Falle von uns nur fordern kann, unsre Kräfte für die Verwirklichung eines uns bewusst gewordenen Gedankens einzusetzen, und wenn diese Verwirklichung uns deshalb als eine mögliche bewusst werden muss, so gehört zum Ja wie zum Nein dieser Möglichkeit gegenüber eine bestimmte innere Innervation. (<38)

Der ganze Kreis des überhaupt Erlaubten, zu dem in niedrigeren Gebieten sehr oft das Tun wie das Unterlassen eben derselben Handlung gehört, bildet den Bezirk des Gesollten.

Was wir das sittlich Irrelevante nennen, ist immer nur der Gegenstand einer engeren Wahl zwischen Verhaltungsweisen; denn da das Erlaubte auf allen Seiten vom Unerlaubten begrenzt Ist, fiele jedes andersartige Verhalten In das Gebiet dieses letzteren.

Das Entscheidende liegt darin, dass das Nicht-Erlaubte, im kontradiktorischen Sinne, mit dem Unerlaubten, im konträren Sinne, zusammenfällt; denn der Begriff des Erlaubten besteht gerade darin, dass alles nicht unter ihn Gehörige verboten ist.

Man könnte das Verhältnis des Erlaubten zum Gebotenen in eine ungefähre Analogie zu dem zwischen dem Möglichen und dem Wirklichen stellen.

Alles objektiv Mögliche muss auch wirklich sein, denn wenn es nicht wirklich ist, so muss sich auch nachweisen lassen, dass diejenige Stelle von Raum oder Zeit, an der man es für möglich hielt, durch irgend welche andre Erscheinung besetzt ist; da nun die Naturbedingungen der letzteren sie gesetzmässig und notwendig hervorbrachten, so war es unmöglich, dass diese Bedingungen an Stelle ihrer eine andre erzeugten; jede andre also, z. B. die sonst für möglich gehaltene, wäre gegen die Naturgesetzlichkeit, also unmöglich, gewesen.

Wie Möglichkeit gar keinen objektiven Sinn gegenüber der Wirklichkeit hat, sondern nur die Unvollständigkeit der Einsicht in die Gründe der Wirklichkeit ausdrückt, mit der sie sachlich betrachtet zusammenfällt, so bezeichnet sittliche Irrelevanz kein objektiv gesondertes Gebiet gegenüber dem sittlich Gebotenen, fällt vielmehr in ihrer Gesamtheit mit diesem zusammen und drückt nur eine Mannigfaltigkeit desselben aus, innerhalb deren subjektive Wahl stattfindet. (<39)

Ein monistischer Ethiker könnte sogar die Analogie bis zu der Behauptung weiter führen: wie eine tiefere Einsicht in die Gesetzlichkeit der Dinge die Möglichkeit aus unserem Vorstellen ausscheiden müsste, und nur das Wirkliche, d. h. das Notwendige, bestehen liesse, von dem sich das Nicht-Wirkliche mit voller Entschiedenheit und ohne Vermittlung durch das Mögliche abtrennte - so würde eine tiefere Einsicht und vollkommene Ausgestaltung des Sittlichen erkennen lassen, dass in jedem Falle nur eine einzige Handlung sittlich möglich, d. h. geboten ist, alle andern aber ausgeschlossen, während das Erlaubte nur jetzt noch für uns eine unklare Abschwächung jener scharfen Alternative sei.

Jedenfalls lässt sich aus der Tatsache, dass für jeden Augenblick des Lebens ein Kreis des Verbotenen existiert, dessen Erstreckung oder Nicht-Erstreckung auf jede mögliche Handlung oder Unterlassung angebbar ist, die Folgerung ziehen, dass auch für jeden Augenblick des Lebens ein positiv Gesolltes existiert; denn sobald das Nicht-Vollbringen des Erlaubten, d. h. irgend einer zu dem Kreise des Erlaubten gehörigen Handlung oder Unterlassung verboten ist, so ist sein Vollbringen geboten.

Am klarsten wird dies Zusammenfallen des Erlaubten in seiner Ganzheit mit dem Gesollten für den Grenzfall, wo nur eine einzige Verhaltungsweise erlaubt ist: dann ist kein Zweifel, dass sie auch geboten ist, weil keine andre ausser ihr zulässig ist, auch nicht ihr Unterlassen.

Wie es oft gleichgültig ist, welches von verschiedenen Mitteln zu einem Zweck ich ergreife, keineswegs aber gleichgültig, ob ich überhaupt eines ergreife, so bedeutet sittliche Irrelevanz nur dies, dass ich in einem gegebenen Lebensmomente verschiedenartige Handlungsweisen von sittlicher Gleichwertigkeit einschlagen kann.

Es bedeutet indes nicht, dass ich mich gegen die Gesamtheit eben dieser Handlungsweisen negativ verhalten darf, denn sowie ich nichts von dem überhaupt Erlaubten tue, so tue ich ein Unerlaubtes; und ich kann nicht als dritte Möglichkeit einschieben, dass ich etwa überhaupt nichts tue, wobei denn die Kategorien des Erlaubten und Nicht-Erlaubten der Voraussetzung für ihre Anwendung entbehrten - denn bei der logisch scharfen gegenseitigen Begrenzung des Erlaubten und des Nicht-Erlaubten bleibt keine Lücke dafür und auch das Nicht-Tun muss für jeden Augenblick des Lebens in eine dieser beiden Kategorien gehören. (<40)

Was dieses Wesen des sittlich Gleichgültigen verbirgt, ist nur der so unendlich häufige Irrtum, der die Eigenschaften, welche die Teile eines Ganzen in ihrem Verhältnis untereinander besitzen, auf das Ganze als solches überträgt.

Wenn wir dennoch das Prädikat des sittlich Gleichgültigen auf viele Handlungen rein an sich und ohne Verhältnis zu anderen anwenden und damit ausdrücken, dass sie erlaubt sein sollen, gleichviel ob sie einem weiteren Kreise von Handlungsmöglichkeiten angehören oder nicht, so ist dies nur eine Bezeichnung a potiori.

Sehr viele von den grundlegenden Funktionen des Lebens, andrerseits sehr viele ganz nebensächliche Verrichtungen gehören so ohne Weiteres in den Gesamtbezirk der gesollten Lebensführung hinein, oder ihr Tun wie ihr Lassen steht mit den wesentlichen Zwecken in so gleichwertigem Zusammenhang, dass man sie deshalb als an sich selbst gleichgültig bezeichnet.

Allein unbedingte Richtigkeit hat dies nicht.

Das Schicksal kann sehr wohl den Kreis des in einem Augenblick Gesollten auf eine sonst mit vielen andern gleichwertige und deshalb als gleichgültig bezeichnete Handlung verengen, und kann andrerseits eine solche auch einmal ausserhalb dieses Kreises stellen.

Dem Begriff einer bestimmten Handlung ist nie anzusehen, ob sie gleichgültig ist oder nicht, dies hängt vielmehr stets von dem Gesamtkreise des Sollens in dem Augenblicke ab, in dem sie für eine bestimmte Persönlichkeit in Frage kommt.

Der Ausdehnung des Sollens auf die Gesamtheit möglicher Handlungen stellt sich die häufig gehörte Behauptung gegenüber: das richtige Handeln fordere einen Kompromiss zwischen den ethischen und den anderweitigen Ansprüchen, etwa den ästhetischen, ökonomischen, egoistischen usw. Auch diese hätten gewisse Rechte, die wir nicht durch alleinige Schätzung des sittlichen Sollens verkümmern dürften. (<41)

Goethe meint einmal, das für die wahre Menschenbildung Wünschenswerte dürfe man keineswegs nur im entschieden Reinen und Sittlichen suchen; auch die Kühnheit, Keckheit und Grandiosität eines Byron gehöre in das Ideal der Menschheit.

Indem Schiller sich gegen die »Rigidität« der Kantischen Moral wendet, will er neben dem unbedingten Sollen auch dem Gefühlsmässigen ein Recht zur Bestimmung unsres Handelns eingeräumt wissen, und offenbar ist es seine eigene Meinung, wenn Oktavio Piccolomini es für unmöglich erklärt, sich im Leben stets so Kindereien zu halten, wie die Stimme im Innersten es lehre; er will damit gewiss nicht nur die äussere Unmöglichkeit eines stets nur sittlichen Handelns, sondern auch die Berechtigung aussprechen, davon unter Umständen und um andrer Interessen willen abzuweichen.

Allein wenn der ethische Zweck des Lebens auf diese Weise andern koordiniert wird und eine gegenseitige Einschränkung ihrer stattfinden soll, so bedarf es doch offenbar eines höchsten Sollens, an dem die Anteile aller dieser Faktoren zu bemessen sind.

Das Ideal des Schönen fordert für sich allein betrachtet ebenso vollkommene Durchführung, wie das des Sittlichen, des Egoismus, der einzelnen Lebenszwecke.

Gibt man zu, dass in der richtigen Lebensführung jedes derselben eingeschränkt werden muss, so ist diese Einschränkung, die Bestimmung des Masses für jedes einzelne, ein neues Sollen.

Die Forderung tritt auf, keine Forderung als eine absolute gelten zu lassen.

Aber eben diese Forderung muss doch eine absolute sein.

Sind alle Ideale nur Parteien, die um das Mass ihrer Ansprüche streiten, so sollen wir nun so handeln, wie die schliessliche Entscheidung zwischen diesen Ansprüchen es feststellt.

Und hieran erkennen wir die Falschheit jener Forderung eines Kompromisses.

Heisst sittlich sein: so handeln, wie wir handeln sollen, so schliesst es jegliches Sollen überhaupt ein; eine Forderung, dass wir dem Sollen teilweise nicht nachkommen sollen, ist in sich widersprechend und konnte psychologisch nur so entstehen, dass eine Richtung des Handelns, in welcher das Sollen häufig liegt, in ihrer extremsten Durchführung und in ausnahmsloser Geltung zum Moralgebot hypostasiert wurde; dann freilich machen sich gelegentlich Ansprüche geltend, die den nur relativen Charakter jenes zeigen. (<42)

Aber die Ausdehnung eines Inhaltes des Sollens über sein in jedem einzelnen Falle erst zu prüfendes Mass ist kein Sollen mehr.

Wenn also z. B. der moralische Grundsatz der Mildtätigkeit unter gegebenen Umständen hintangesetzt werden muss, weil die Selbsterhaltung oder wirtschaftliche Gründe oder strafende Strenge es fordern, so ist es falsch zu sagen, das Sollen der Mildtätigkeit ginge zwar an sich über das hier richtige Mass hinaus, aber die Durchkreuzung mit andern Sollensinhalten bringe den vorliegenden Verzicht darauf zuwege.

Das Sollen jener Vorschrift geht vielmehr von vorn herein nicht weiter, als ihm in Anbetracht aller Umstände zuzugestehen ist und darüber hinaus ist es nicht ein zwar vorhandenes aber augenblicklich schweigendes Sollen, sondern geradezu ein Nicht-Sollen.

Gewiss ist es für den Künstler im allgemeinen ein Sollen, das Schöne so vollkommen zu bilden, wie er vermag; wenn dies aber in einem gegebenen Falle nur um den Preis unverhältnismäßiger Aufopferungen andrer Art möglich ist, so ist es kein Sollen mehr.

Die ganze irrige Vorstellung, das sittliche Sollen müsse eine Einschränkung zu Gunsten andrer Forderungen erleiden, stammt daher, dass man die Sittlichkeit von vornherein mit gewissen einzelnen ihrer Äusserungen identifiziert hat; nie freilich wird eine einzelne bestimmte Handlungsnorm, geradlinig und unbeschränkt durch alle Lebenslagen hindurchgeführt, dem Sollen ganz genügen, sondern stets wird dieses eine gegenseitige Einschränkung der verschiedenen Normen verlangen.

Aber über diesen Punkt der gegenseitigen Begrenzung hinaus liegt kein Sollen mehr; denn was wir sollen, das können wir nicht zugleich nicht sollen, und was eingeschränkt werden soll, ist demnach nicht das Sollen - das wäre ein logischer Widerspruch - sondern die Idee einer Handlungsweise, die nur durch die Häufigkeit ihres Gesolltwerdens die Vorstellung erweckt, als trüge sie auch bei ihrer Fortsetzung ins Unendliche diesen Charakter. (<43)

Denken wir uns die Wirklichkeit, wie es unserm diskursiven Geiste zukommt, als das Produkt einer grossen Anzahl verschieden gerichteter Kräfte und Qualitäten, von denen jede an anderen ihre Begrenzung findet: so besteht alle Idealbildung, alle Phantastik, alle Vorstellung eines bestimmt qualifizierten Absoluten darin, dass ein einzelner Faden dieses Gewebes über den Schnittpunkt mit andern, mit denen zusammen er die Wirklichkeit bildet, hinausgesponnen wird.

Und wie es nun falsch wäre zu sagen, die Wirklichkeit bestünde aus einem Kompromiss all dieser an sich unbegrenzten Energien - da ja eben diejenige Ausdehnung, mit der sie über die Wirklichkeit hinausragen, ausschliesslich in unserer Einbildungskraft besteht - ganz so falsch ist es, die sittliche Welt, in der sich das Sollen, wie in der wirklichen Welt das Sein, an eine grosse Anzahl von Faktoren verteilt, als einen Kompromiss dieser, an sich unbegrenzten, vorzustellen; denn auch in ihr ist die Verlängerung der Ansprüche über den Endpunkt ihrer tatsächlichen Geltung hinaus nur eine Willkürlichkeit des Denkens.

Wenn nämlich auch die ganze sittliche Welt eine Welt des Ideals, des blossen Gedankens wäre, so müssten wir doch in Betreff ihrer durchaus den Vorstellungskomplex des wirklichen und gültigen Sollens von dem durch einseitig idealisierende Phantasie zum absoluten ausgewachsenen Teilsollen unterscheiden, ebenso wie doch auch das Sein nur Vorstellung und dennoch von der phantastischen Verabsolutierung seiner Bestandteile scharf abtrennbar ist.

So wenigstens stellt es sich für die logische und formale Betrachtung des Sollens; dass nachher allerlei Unzulänglichkeiten und Widersprüche im Sein und im Erkennen seine Inhalte sich dennoch gegenseitig einschränken lassen, werden wir im Kapitel von dem Konflikt der Pflichten auszuführen haben.

Immerhin ist es aber auch dann nicht das Sollen, das irgend einer Forderung, die kein Sollen wäre zu welchen hätte, sondern verschiedene Forderungen, die alle die gleiche Dignität des Sollens haben, können in Widerstreit geraten. (<44)

- Deshalb ist es ein völliger Irrtum Goethes, wenn er meint, die richtige Lebensnorm verlange neben dem bloss Sittlichen auch noch andere Elemente.

Haben diese letzteren ein Sollen für sich, so gehören sie auch zur Sittlichkeit, da diese nichts anderes bedeuten kann, als die vollständige und vollständig richtige Art des Verhaltens.

Was eingeschränkt werden muss, sind immer nur einzelne Teile der Gesamtsittlichkeit, die sich gebärden, als wären sie die ganze Sittlichkeit, d. h. das ganze Sollen.

Wenn der platonische Idealismus den Begriffen eine Wirklichkeit noch über das Mass hinaus zuschreibt, in dem sie an dem empirischen Sein aufzuzeigen sind und nun, um von diesem die richtige Vorstellung zu gewinnen, diejenige Absolutheit von jedem einzelnen Begriff wieder abziehen muss, die er ihm erst angesetzt hatte: so wiederholt sich der gleiche Irrtum, vom Sein auf das Sollen übertragen, dort, wo man das Sollen seinem Begriffe nach mit bestimmten Handlungsnormen verschmilzt und diese dadurch verabsolutiert.

Dann freilich muss man gelegentlich diesen absoluten Charakter, um dem höchsten Sollen zu genügen, der Handlungsweise wieder absprechen und kommt dadurch leicht zu der Vorstellung als wäre es das sittliche Sollen überhaupt, dem auf diese Weise Abbruch zu tun sei.

Dass das Sollen ein absolutes ist, d. h. kein Kompromiss mit anderweitigen Ansprüchen fordert oder verträgt, ist ein analytischer oder vielmehr identischer Satz; denn nicht vor, sondern nur nach der Abwägung und Ausgleichung der verschiedenartigen Werte kann man sagen: diese Handlungsweise soll nun sein, und jeder anderweitige Anspruch, mag er zunächst noch den Charakter des Sollens getragen haben, wird in dem Augenblick ein Nichtsollen, wo seine Abwägung andern gegenüber ein anderes Sollen als definitives hervortreten lässt. (<45)

Bei jedem Bestimmten, was ich gemäss einseitigem Interesse und einseitigem Sprachgebrauch soll, Logischem, Ästhetischem, Politischem, bedarf es des Kompromisses mit andern Ansprüchen - wie es nicht die einseitige Kraftübung eines Körperteiles ist, die zu einem Maximum von Kraft führt, wie vielmehr auch dieses nur dadurch erreicht wird, dass der Ausbildung eines Teiles immer etwas zu Gunsten aller anderen abgebrochen wird: so wird auch im Organismus der idealen Werte des Lebens ein Maximum von Wert nur realisiert, wenn wir auf die absolute Durchführung des Einen verzichten, um auch den Übrigen ein Mass von Kraft und Hingebung zu Teil werden zu lassen.

Nur das sittliche Sollen verlangt kein Kompromiss, weil es der zusammenfassende Name für das Sollen überhaupt ist; und insofern ist sittliches Sollen ein Pleonasmus.

Es ist gleichsam das Hauptbuch, in welches die aus der Rechnungsführung für die einzelnen Branchen resultierten Werte übertragen werden, um den Wert des Ganzen durch Summierung und Balancierung zu ergeben.

Aus dieser Ausdehnung des Sollens fliesst die Folgerung, dass es nicht übertrieben werden kann.

Jeder inhaltlich bestimmte Charakter einer Handlungsweise kann einen verwerflichen Grad annehmen und schliesslich maniakalisch ausarten; so der Erkenntnistrieb z. B. in dem vor einiger Zeit bekannt gewordenen Falle, wo ein Arzt ein Mädchen in seine Wohnung gelockt und getötet hatte, indem er sie unter eine Luftpumpe brachte, um festzustellen, bei welchem Grade von Luftentziehung ein Mensch sterben müsste; so der Schönheitstrieb bei Naturen, die vor der ästhetischen Form des Lebens alle seine übrigen Interessen vernachlässigen, bei Künstlern, die um ein schönes Modell die wahnsinnigsten Opfer bringen usw.

Dass jemand aber dem Sollen überhaupt in unmässiger und übertriebener Weise nachlebte, ist ein Widerspruch in sich; denn sowie sein Handeln über das Mass des gerechtfertigten hinausgeht, fällt es eben ausserhalb des Sollens; so wenig eine Erkenntnis zu sehr der Wahrheit gemäss sein kann, so wenig kann eine Handlung zu sehr dem Sollen gemäss sein. (<46)

Darum ist die Vorstellung einer übertriebenen Sittlichkeit, die man etwa gegenüber Fanatikern der Aufopferung und einer blinden, unzweckmässigen Selbstlosigkeit aussprechen hört, ganz missverständlich.

Weil das Sollen vielfach eine Hingabe des Ichinteresses von uns fordert, hat diese sich mit der Vorstellung des Sollens und der Sittlichkeit überhaupt identifiziert, und wo sie in einer Weise geübt wird, die dem von uns anerkannten Sollen in seiner Gesamtheit widerspricht, erscheint es uns deshalb leicht, als ob die Sittlichkeit, der Gehorsam dem Sollen gegenüber, übertrieben wäre; was daran übertrieben ist, ist aber nicht mehr dem Sollen gemäss und kann nur durch jene Assoziation a potiori zu dem Ehrentitel eines Übermasses von Sittlichkeit kommen.

So sehr der griechische Sittlichkeitsbegriff an Vertiefung und Innigkeit hinter dem unsrigen zurückstehen mag, so war doch das Ideal der Eudämonie diesem Missverständnis nicht ausgesetzt, dem zufolge es eines Kompromisses des Sittlichkeitsideales mit den anderweitigen Anforderungen des Lebens bedürfte, und das die Frage, was denn nun definitiv geschehen solle, unnützerweise an eine höhere Instanz weiter gibt.

Die Eudämonie bezeichnete das richtige Verhalten, d. h. das Resultat der Kompromisse zwischen allen verschiedenartigen Antrieben, aber nicht einen blossen Faktor desselben, so dass für den Griechen die Vorstellung, dass man um anderer Interessen willen der Eudämonie etwas abzubrechen habe - eine Vorstellung, die uns entsprechend für die Sittlichkeit ganz geläufig ist - so unsinnig erschienen wäre, wie etwa die, dass man überhaupt dem Richtigen etwas zu Gunsten des Unrichtigen abziehen müsse.

Nun könnte man freilich behaupten, dass auf diese Weise eine wirkliche Erkenntnis dessen, was wir sollen, nicht gewonnen werden kann.

Sowie das höchste praktische Prinzip einen bestimmten Inhalt gewänne, fordere die Mannigfaltigkeit des Lebens gelegentlich ein Nachgeben desselben anderen Interessen gegenüber; werde es aber so allgemein gefasst, wie das der Eudämonie, so sei es nur ein Name für die Tatsache des Sollens. (<47)

Der Begriff der Eudämonie sagt auch nichts anderes, als dass der richtige und gute Zustand eben der richtige und gute ist, deutet aber nicht einmal an, was für einen konkreten Inhalt dieser denn habe.

Denn wenn auch allerdings die Wege angegeben werden, auf welchen man zur Eudämonie gelangt, so muss doch die sittliche Richtigkeit und der Wert derselben anderweitig feststehen, für welchen nun die Eudämonie nur ein analytischer Ausdruck ist, statt wie man meinte jenen sittlichen Direktiven ihre Würde und Berechtigung zu verleihen.

Das Gleiche ist an der platonischen Idee des Guten zu beobachten.

Denn dass dieselbe die höchste aller Ideen und Ideale bedeutet, ist keine wirkliche und fördernde Erkenntnis, sondern einfach selbstverständlich, da wir die vollendete Beschaffenheit jedes Dinges eben mit dem Prädikat gut benennen.

Plato hat nicht etwa einen bestimmten inhaltsvollen Begriff des Guten, von dem er dann erst auf synthetischem Wege fände, dass das Weltbild sich zu ihm als seiner Krönung aufgipfelt; sondern umgekehrt, da jedes Ding verschiedene Grade der Vollkommenheit haben kann, deren höchsten wir eben schlechthin als »gut« bezeichnen, so versteht es sich von selbst und ist rein analytisch, dass die Idee des Guten die höchste von allen ist.

Als Moralprinzip gedacht, enthält sie nur den Zirkel: wir sollen so handeln, wie es gut ist, d.h. wie wir handeln sollen; denn wir können das Gute gar nicht anders definieren, denn als dasjenige, was eben verwirklicht werden soll.

Was das nun aber ist, muss durch andere Methoden festgestellt werden.

Die tiefere Berechtigung den moralisch guten Menschen als einen guten schlechthin zu bezeichnen, ergibt sich erst aus dem Hinblick auf die soziale Bedeutung der Sittlichkeit.

Es besteht allerdings die Neigung, das Prädikat des »Guten«, das wir einem Menschen zusprechen, als das Einfachste und Fundamentalste anzusehen. (<48)

Tatsächlich aber ist es das Resultat einer sehr hohen Abstraktion, denn ursprünglich ist der Mensch nur in Hinsicht auf einzelne Eigenschaften gut, ein guter Schuhmacher einer, der gute Schuhe macht, ein guter Jäger jemand, der geschickt das Wild erlegt, usw.

Dass jemand überhaupt und als ganzer Mensch gut ist, kann erst die Aussage eines ausgebildeten und bedeutend synthetischen Denkvermögens sein.

Und es ist bezeichnend, dass dieses Allgemeinste dann wieder zur moralischen Bedeutung scheinbar verengert wird.

Jemand, der im moralischen Sinne, d.h. schlechthin gut ist, ist für alle, die mit ihm zu tun haben, gut.

Die unvergleichliche Höhe des sittlichen Ideals stammt daraus, dass Sittlichkeit ganz und gar sozialen Charakter trägt, so dass sie die umfassendsten und vielseitigsten Beziehungen des Menschen überhaupt einschliesst; es ist deshalb der höchste Vereinigungspunkt dessen, woran uns bei einem Menschen liegt.

Da es seine Qualität als soziales Wesen bestimmt, so bestimmt es die Hauptsache an ihm.

Hierin liegt eben wieder der absolute Charakter des Sollens: es umfasst die Gesamtheit der Beziehungen des menschlichen Lebens, d. h. also dessen soziale Sphäre.

Weil alle unsere Handlungen schliesslich in der Relation der Menschen untereinander münden, darum ist derjenige, der in sozialer, d. h. sittlicher Hinsicht gut ist, auch gut schlechthin.

Die Täuschung, der sich Plato über die Leerheit seines höchsten Begriffs hingibt, wiederholt sich unzählige Male in der Geschichte der Ethik, deren Verhängnis es ist, dasjenige meistens als selbstverständlich vorauszusetzen, worauf es gerade ankommt.

So setzt z. B. das Moralprinzip der »rechten Mitte« die reale Bestimmtheit des sittlich Richtigen schon voraus.

Denn bis zu welchem Grade man einem Neigungs- oder Pflichtantrieb folgen dürfe, hängt danach von dem Masse ab, das dem entgegengesetzten eingeräumt werden soll; dieses ist aber offenbar wieder von jenem abhängig; dies Moralprinzip verwickelt offenbar in den Zirkel, einen Punkt durch zwei variable Grössen fixieren zu wollen, von denen die eine die Funktion der andern ist, und von denen jede zur Bestimmung ihres absoluten Masses auf die vorhergehende Bestimmtheit der andern angewiesen ist. (<49)

Was zwischen Geiz und Verschwendung, zwischen Feigheit und Tollkühnheit die rechte Mitte ist, ergibt sich nicht durch eine Art von Berechnung aus jenen Faktoren, sondern immer erst auf Grund einer besonderen synthetischen Erkenntnis.

Das rechte Mass ist nur der analytische Name für dasjenige, was auf Grund anderer Momente als sittlich richtig vorausgesetzt wird.

Wie mit der Forderung der rechten Mitte verhält es sich mit der des Gleichgewichts verschiedener Kräfte oder Parteien, in dem ihr Verhältnis sein Ideal finden soll.

Man hört: das Staatsleben werde nur dann gefördert, wenn es zu einem Gleichgewicht zwischen dem Einfluss zentralisierender Individualität und objektiver Normen, die von der Allgemeinheit ausgehen, gekommen sei; nur bei einem Gleichgewicht zwischen Ruhe und Arbeit könne der Mensch bestehen, und ähnliches.

Allein, wenn mir einerseits der Begriff der Individualisierung, andrerseits der der Objektivierung des Staatslebens gegeben ist, so kann ich aus ihnen an und für sich noch absolut nicht erkennen, welches Quantum von einem dem bestimmten Quantum des andern entspricht, da doch kein äusserlich abmessbares Gleichungsverhältnis zwischen ihnen stattfindet; Gleichgewicht zwischen beiden nennen wir eben dasjenige quantitative Verhältnis, in dem sie einem bestimmten Zweck am besten dienen.

Dieser Zweck aber wird mit naivem Unbewusstsein vorausgesetzt; und so der typische Fehler begangen, dass sich das richtige Verhalten aus der objektiven Proportion zweier Faktoren ergeben soll, für die es kein gemeinsames objektives Mass gibt und von denen keiner aus sich heraus bestimmt, ein wie grosses Mass des anderen ihm äquivalent sei; sondern erst ein ausserhalb beider gelegener Zweck bestimmt ihnen die Masse.

Und dieser materielle Zweck, aber nicht die formale und von jenem abhängige Forderung des Gleichgewichts bildet das ethische Kriterium. (<50)

Ändert sich jener Zweck, so ist ein anderes Verhältnis der Faktoren das des Gleichgewichts; es ist, in dem obigen Beispiel, ein ganz andres in der Städteverwaltung des Mittelalters als in der Politik des modernen Grossstaats.

Man sagt, dass nur bei einem Gleichgewicht von Eiweiss, Fett und Kohlehydraten der Mensch bestehen könne; dies bedeutet aber nicht im Geringsten, dass ein gleiches Gewicht aller drei Bestandteile dieses Gleichgewicht bilde, sondern ganz verschiedene Gewichtsmengen ihrer werden als im Gleichgewicht befindlich bezeichnet, weil sie gleiche Wichtigkeit für den Ernährungszweck besitzen; und dieses vorgebliche Gleichgewicht ändert sich ganz, je nachdem es sich um Ernährung eines Kindes oder eines Erwachsenen handelt.

Die Täuschung darüber, dass die objektive und rationale Angemessenheit und Gleichheit der Faktoren nichts andres als ein Name für das materiell festgestellte und deshalb je nach dem Zweck variable Mass ihrer Zweckmässigkeit ist, ist für die ethische Theorie und Praxis nicht ohne schädliche Folgen.

Denn ist einmal ein bestimmtes Verhältnis auf Grund eines als solchen unbewussten Zweckes gesetzt und als ein sachliches, durch die Faktoren an und für sich nötig gewordenes Ideal fixiert, so wird es nun auch weiterhin als Norm selbst dann gelten, wenn andre Zwecke und andre Umstände eine Modifikation jenes erforderten.

Es kommt auf solche Weise häufig zu einem ethischen Bimetallismus, bei dem das unter bestimmten Voraussetzungen richtige Verhältnis zweier Faktoren für ein absolut Richtiges gehalten und so als richtiges für alle überhaupt ausdenkbaren Voraussetzungen festgehalten wird.

Überall ferner, wo der Begriff der Harmonie als letzter Inbegriff des Sollens gesetzt wird, liegt die gleiche Täuschung darüber vor, dass zwei Begriffe, Forderungen, Qualitäten rein an sich absolut nichts enthalten, was ihr quantitatives Verhältnis zu einander als harmonisches oder unharmonisches bestimmte, vielmehr zu dieser Bestimmung erst ein ausserhalb jener beiden gelegenes Kriterium herbeigerufen werden muss. (<51)

Deshalb werden auch, je nach den bewusst oder unbewusst zu Grunde liegenden synthetischen Überzeugungen, die allerentgegengesetztesten Verhältnisse und Normen als harmonisch bezeichnet, und die so behauptete Harmonie nun als Beweis für deren Richtigkeit und Tüchtigkeit ins Feld geführt.

Der Spiritismus wird von seinen Anhängern die harmonische Philosophie, der Vegetarianismus von den seinigen die harmonische Lebensweise genannt.

Es wird in solchen Fällen nicht etwa ein gewisses Verhalten an sich als harmonisches erkannt und daraufhin legitimiert, sondern umgekehrt ein anderweitig angenommenes einfach harmonisch genannt.

Auch das mhden agan ist nichts als ein identischer Satz; denn wie will man das Zuviel definieren, wenn nicht als dasjenige, was nicht sein soll?

Und ebenso ist jenes: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist - an und für sich ganz ohne Erkenntniswert.

Denn dass man jedem dasjenige geben soll, was ihm zukommt, ist ein rein analytischer Satz, weil wir das ihm Zukommende gar nicht anders definieren können, denn als dasjenige, was man ihm geben soll.

Wenn man fragt, ob dem Kaiser etwas zukäme, so ist es durchaus keine Antwort darauf, dass man ihm geben soll, was ihm zukommt.

Erst der spezielle Hinweis darauf, dass es die Münze, d.h. der irdische Besitz ist, der dem Kaiser zukommt, gibt dem Satz einen wirklichen Sinn; und wenn die gewöhnliche Auffassung schon mit jener vielbewunderten Formel allein die Frage entschieden meint, so ist sie grade an der Hauptsache vorbeigegangen, um sich an eine blosse Wortdefinition zu halten.

Auch Konfuzius wurde einmal nach den Grundsätzen einer guten Verfassung gefragt und antwortete ganz ähnlich: »der Fürst sei Fürst, der Untertan sei Untertan, der Vater sei Vater, der Sohn sei Sohn.«

Das Interessante und Synthetische an diesem Satz ist gerade nur das, was er offenbar ganz unbewusst voraussetzt: dass nämlich jedes Wesen durch seine natürliche oder historische Stellung überhaupt bestimmt gezeichnete Pflichten habe, dass jedem Menschen von vornherein ein Kreis von Aufgaben gestellt sei. (<52)

An und für sich ist er völlig nichtssagend, denn dasjenige, worin jeder bleiben soll, nennen wir eben seine Sphäre - jener Satz sagt doch nichts anderes, als dass jeder in seiner Sphäre bleiben soll - und alles kommt auf die Bestimmung an, was das nun im Einzelnen sei, worin er zu bleiben habe.

Alle Prinzipien, die auf das suum cuique hinauslaufen, geben an und für sich gar keine bestimmte Norm, setzen vielmehr die Bestimmtheit des suum schon naiv voraus.

Dies hängt damit zusammen, dass das Sollen überhaupt und als Ganzes keine inhaltliche Bestimmtheit vertragt; und damit fassen wir als Resultat dieses Abschnitts zusammen: der Umfang des sittlichen Sollens erstreckt sich so weit, wie der Umfang des von Zwecken geleiteten Tuns überhaupt; denn es tritt als definitive Richtschnur unsres Handelns erst ein, wenn wir alle für uns gültigen Interessen und Ansprüche in Betracht gezogen und abgewogen haben.

Alle Kompromisse haben zwischen diesen stattzufinden, und dann erst können wir von einem sittlichen Sollen sprechen; aber dieses, weil es nichts als der Name für das Ideal des Tuns überhaupt ist, kann nicht seinerseits wieder zum Gliede eines Kompromisses gemacht werden.

Auch das wirtschaftliche, egoistische, ästhetische Sollen ist das Sollen von Handlungsweisen; realisiert Sittlichkeit nun aber das auf das Handeln überhaupt bezügliche Sollen, so liegt auf der Hand, dass es jenen gegenüber das höchste ist.

Ja, dass jene als tatsächliche Triebe vorgefundenen Forderungen überhaupt als Sollen bezeichnet werden, kann von dem hier eingenommenen Standpunkte nur als Ausdruck der Möglichkeit gelten, dass ihre gegenseitige Abwägung eines von ihnen in einem konkreten Falle als Inhalt des Sollens herausstelle.

Nur weil wir vor dieser Abwägung subjektiv unsicher sind, welche der verschiedenen Handlungsmöglichkeiten schliesslich gesollt wird, bleibt an jeder von ihnen der Ton des Gesolltwerdens überhaupt haften, als sei er mit ihrem Inhalt verbunden. (<53)

So behalten auch sonst vielerlei Eventualitäten des Lebens psychologisch noch ein Mass von Wahrscheinlichkeit, das die Unsicherheit unseres Vorherwissens ihnen verlieh, nachdem ihre Unwirklichkeit, also Unmöglichkeit, längst entschieden ist.

Diese Beschränkung des Sollens auf seinen letzten und definitiven Sinn hat nun freilich wieder die Folge, dass dieses höchste Sollen an und für sich ganz inhaltlos bleibt, und dass deshalb die hinreichend weit gefassten Moralprinzipien blosse Namen für die Tatsache des Sollens bedeuten, nur die Stelle bezeichnen, an welche anderweitige Erkenntnis erst konkrete Inhalte zu setzen hat.

Ich will nur kurz erwähnen, was der Behauptung, sittliches Sollen sei ein Pleonasmus, entgegenzustehen scheint: dass auch der unmoralische Egoist sich oft fragt, welche von zwei möglichen aber nicht zugleich möglichen Taten der Unsittlichkeit er ausführen soll; wobei er sich offenbar diejenige als die gesollte vorstellt, welche ihm den grösseren unrechtmässigen Vorteil verschafft.

Man könnte dies so erklären, dass die Handlungsweise, der hier der Vorzug des Sollens gegeben wird, die zweckmässigere ist, und dass, da eine solche auch so oft das Gesollte im höchsten Sinne darstellt, die blosse Form der Zweckmässigkeit, unabhängig von der Frage, zu welchem Zwecke sie denn diene, den psychologischen Charakter des Sollens für sich gewinnt.

Man darf geradezu sagen, dass der Sprachgebrauch ein doppeltes Gesolltes anerkennt: eines in dem engeren Sinn der sittlichen Forderung, ein anderes in dem weiteren, in dem es die vorzuziehende Seite einer beliebigen praktischen Alternative bedeutet.

Und endlich liegt folgendes Bedenken nahe.

Wenn das Sollen an und für sich von jedem konkreten Inhalt gesondert ist und sich deshalb zu jedem beliebigen von vornherein gleich, weil gleich negativ verhält: wie kommt es denn zu irgend einem Inhalt?

Wo ist die Handhabe zu finden, an der diese farblose Funktion eine konkrete Erfüllung ergreifen kann?

Wenn sich aus dem Sollen absolut kein Hinweis auf das, was gesollt wird, gewinnen lässt, wo liegt dann die sachliche Rechtfertigung dafür, dass es grade mit einer Vorstellung unter Ausschluss aller entgegengesetzten verbunden wird?

Der blosse Umstand, dass in jedem Augenblick etwas Bestimmtes gesollt wird, scheint doch die innerliche Beziehung des Sollens zu seinen Inhalten, einen in ihm gelegenen Grund zur Erfüllung mit denselben zu beweisen. (<54)

Allein grade dieser Umstand, dass das Sollen immer nur an einem einzelnen Inhalt psychologische Wirklichkeit gewinnt, beweist seinen rein formalen Charakter.

Wie, wenn ich hoffe, ich immer nur etwas Bestimmtes hoffen kann, ohne dass darum der Begriff des Hoffens selbst schon auf dieses Bestimmte hinwiese, so kann ich zwar nur etwas Bestimmtes sollen, aber der Begriff des Sollens, der eine blosse Abstraktion ist und im wirklichen Seelenleben nie isoliert vorkommt, ist nicht logisch aus sich allein heraus, sondern nur psychologisch mit diesem Bestimmten verbunden und erfüllt.

Der Fehler aller derer, die aus dem Sollen heraus seinen Inhalt gewinnen wollten, ist der, dass sie den abstrakten Begriff einer blossen Funktion für einen selbständigen Inhalt oder eine selbstständige psychische Kraft hielten.

Deshalb ist, weshalb das Eine gesollt wird, das Andere nicht, nur aus den empirischen Zusammenhängen des Seelenlebens oder, als eine letzte Tatsache desselben, überhaupt nicht zu erklären.

In keinem Falle aber lässt sich durch logische Zergliederung des Sollens ergründen, weshalb es diesen Inhalt hat, noch aus der des Inhaltes, dass und weshalb er gesollt wird.

Die Form des Imperativs, in der sich das Sollen für uns verkörpert, gibt Anweisung auf einen Zusammenhang mit dem Zwänge, dem Müssen.

Nach dem Bilde eines Gesetzgebers, der nicht nach dem Willen seiner Untertanen fragt, empfinden wir das Moralgebot in uns.

Auch können wir in unzähligen Fällen nachweisen, dass der Inhalt innerlichst empfundenen Sollens ursprünglich von der Macht eines brutalen äusseren Zwanges ausgegangen ist. (<55)

Wie der Einzelne in der Periode der Kindheit zu dem gezwungen werden muss, wozu ihn später das sittliche Sollen von innen heraus bewegt, so haben die sozialen Gruppen eine entsprechende Epoche durchgemacht, in der äussere Autoritäten Verhaltungsweisen erzwangen, die dann, nach Wegfall jenes Zwanges oder wenigstens unabhängig von ihm zu innern sittlichen Pflichten auswuchsen.

Von der Vaterlandsverteidigung bis zu den Pflichten innerhalb der Familie, von rituellen Geboten bis zu denen der gesellschaftlichen Höflichkeit ist es noch historisch erkennbar, ja häufig durch direkte Beobachtung festzustellen, wie das Erzwungene in die psychologische Form des Sollens übergeht.

Oft schiebt sich zwischen beide dann noch ein vermittelnder Zustand ein, in welchem der vorliegende Inhalt nicht mehr reines Müssen, aber auch noch nicht reines Sollen ist, und der meistens religiösen Charakter trägt.

Die sozial nützliche Handlung wird, um ihren Vollzug zu sichern, mit der Würde des religiösen Gebotes bekleidet; ihre Nützlichkeit fällt durch Veränderung der Umstände fort; da sie aber nun einmal in die Sphäre des Religiös-Sittlichen erhoben ist, bleibt sie geboten, indem die Ursache dieser Erhebung in Vergessenheit gerät.

Nun verliert auch die religiöse Autorität ihre innerliche und äusserliche Kraft und Bedeutung; trotzdem aber bleibt jene Vorschrift noch immer als sittliche bestehen, unter Vernachlässigung auch jener Mittelursache, die sie dazu gemacht hat.

Ein gutes Beispiel gibt das Vermeiden des Schweinefleisches bei den Juden: ursprünglich eine sanitätspolizeiliche Vorschrift, die, um durchgesetzt werden zu können, des Scheines göttlichen Ursprunges bedurfte, erhielt sich das Verbot nun auch dann und dort, wo gar keine gesundheitlichen Gründe mehr gegen den Genuss von Schweinefleisch sprechen; und nun wird es noch immer von einer Anzahl aufgeklärter Juden unter dem Gefühl sittlicher Verpflichtung gemieden, die sogar mit dem religiösen Fundamente des Verbotes längst gebrochen haben. (<56)

Statt des religiösen Momentes kann auch die blosse Sitte und Gewohnheit zwischen dem Müssen und dem Sollen vermitteln, wodurch sich der folgende Fall von dem eben genannten zu unterscheiden scheint.

Als die Parsen auf der Flucht vor den Kalifen aus ihrer Heimat im westlichen Indien anlangten, wurde ihnen von den indischen Fürsten der Aufenthalt unter der Bedingung gestattet, kein Rindfleisch zu essen; als diese Gegenden später von den Mohammedanern erobert wurden, erhielten die Parsen nur unter der Bedingung weitere Duldung, dass sie sich des Schweinefleisches enthielten.

Bis auf den heutigen Tag berühren die Parsen weder Rind- noch Schweinefleisch, obgleich nicht ihre eigene Religion sondern nur der zur Sitte ausgewachsene ehemalige Zwang es ihnen verbietet.

Es ist bei diesem Zwänge, den ein Einzelner oder die Gesamtheit ausübt, zu beachten, dass er nur in den allerseltensten Fällen ein Müssen im unmittelbaren Sinne bedeutet; denn so ist doch nur ein überlegener körperlicher Zwang zu bezeichnen.

Alles sonstige Müssen ist nur ein Wollen, das das geringere zwischen zwei Übeln wählt.

Wenn ein Herrscher die Übertretung eines Gesetzes mit der höchsten Strafe bedroht, so steht doch jedem noch die Wahl frei, ob er dem Gesetze gehorchen oder die Strafe auf sich nehmen will; durch alle körperlichen und geistigen Foltern kann ich nicht gezwungen werden etwas zu Tun, wenn ich nicht den Zweck damit habe, die Leiden aufhören zu lassen.

Alles Müssen im gewöhnlichen Sinn ist von einem Zweck abhängig und kann nichts anderes Tun, als wenn ich diesen Zweck will, einen bestimmten Weg zu ihm unvermeidlich zu machen.

Nur weil gewisse Zwecke, insbesondere Vermeiden von Schmerzen, durchgehende und als selbstverständlich vorausgesetzte sind, erscheinen diejenigen Handlungsweisen, die eine überlegene Gewalt zu notwendigen Mitteln für sie macht, als unmittelbares Müssen.

Man könnte vielleicht das sittliche Sollen psychologisch als ein solches Müssen erklären, bei dem jener Zweck, unter dessen Voraussetzung es allein ein Müssen war, aufgehört hat, oder wenigstens für das Bewusstsein verdunkelt ist. (<57)

Damit liesse sich einerseits das Bewusstsein der Freiheit und Autonomie erklären, das die Erörterungen des Sollens als dessen wichtigste Eigenschaft betonen, andrerseits das Gefühl des Zwanges, das sich in seiner imperativischen Form ausspricht; damit liesse sich ferner vereinigen, dass einerseits das sittliche Gebot als letztes und definitives erscheint, das grade durch die Ausschliessung der weitergehenden Frage: Wozu? seinen Charakter erhält, und dass es doch andrerseits so oft seinen Ursprung aus jenem historischen Müssen herleitet, das, wie eben nachgewiesen, immer ein zweckmässiges Wollen ist.

Sein eigenartiger Charakter stammt dann daher, dass wir uns der Möglichkeit anders zu handeln bewusst sind und doch zugleich durch Vererbung, Erziehung, unbewusste Zweckmässigkeit das Gefühl haben, dass wir so handeln müssen; von diesem Widerspruch, dessen Seiten durch jenen Ursprung aus dem Müssen unter Verdunklung des Bewusstseins seiner erklärlich sind, trägt dann das Sollen seinen geheimnisvollen und rätselhaften Charakter zu Lehen.

So wäre in diesen Fällen das Sollen denn ein abgeschwächtes Müssen; nicht nur die Inhalte beider wären dieselben, wobei der psychologische Formwechsel, durch den die gleiche Handlung von dem Müssen in das ganz anders geartete Sollen überspringt, noch ungeklärt bliebe, sondern eben diese Formen wären gleichsam nur verschiedene Stärkegrade einer und derselben psychischen Grundempfindung.

Auch können beide gewissermassen neben einander bestehen; auch wo der soziale Zwang noch gewisse Handlungsweisen gewährleistet, bedarf es doch dessen für die besseren Naturen nicht mehr - d. h. wir nennen diejenigen eben die besseren, bei denen es des Zwanges nicht bedarf - sondern sie empfinden in sich ein Sollen, das dieselbe Wirkung auf ihr Handeln übt, wie das Müssen. (<58)

Dies ist die Folge einer besonderen Anpassung an die Wirklichkeit, die uns vielerlei Vorgange im sittlichen Leben erklären hilft.

Eine tief gegründete Zweckmässigkeit in unsrer Natur bringt es nämlich zuwege, dass der Zwang, der unsern Willen ursprünglich durch äussere Macht beherrschte, sich allmählich in autonomen Willen verwandelt; die Widerstände, welche in uns jener Macht entgegenwirken, werden so oft gebrochen, bis sie sich überhaupt nicht mehr erheben.

Der natürliche Prozess geht auch hier auf ein Minimum von Reibung, und was zuerst nur durch Aufwendung besonderer Kraft, Beseitigung besonderer Widerstände sich in unserem Willen durchsetzen konnte, vollzieht sich mit gewachsener Anpassung gleichsam von selbst; die arbeitssparende Tendenz der organischen Entwicklung wirkt dahin, die zu überwindenden Widerstände notwendiger Bewegungen möglichst zu verkleinern; man könnte dies in der Anwendung auf unser Problem als Prinzip des kleinsten moralischen Zwanges bezeichnen.

Unzählige Beobachtungen lehren uns, dass sich der menschliche Wille gar nicht anders verhält, als der eines zu zähmenden Tieres, das zuerst nur durch Zaum und Peitsche gehalten und getrieben werden konnte, schliesslich aber beides nicht mehr bedarf, sondern ganz von selbst die Gangart oder die Arbeit leistet, der es sich vordem widersetzte.

Wie sich Geschmack und Körperverfassung an eine Nahrung, die ihnen zuerst widerstand, anpassen, wenn der Mangel an anderer ausschliesslich auf sie anweist, so passt sich auch der Wille an das Müssen derart an, dass der Zwang überflüssig wird.

Im Müssen sind zwei entgegengesetzte Willensbestrebungen enthalten, insofern es keinen unmittelbaren Zwang, sondern ein wirkliches, freiwilliges Wollen bedeutet, das freilich nur gewollt wird, weil man von dem entgegengesetzten Handeln noch schlimmere Folgen, d. h. noch umfassendere Vernichtung von Wollungen befürchtet; aber eben dieses andere Handeln wird doch auch gewollt und würde ohne die letztere Überlegung ausschliesslich gewollt werden.

Und der Gegensatz zwischen diesen beiden entgegengesetzt motivierten Willensbestrebungen wird zu Gunsten der stärkeren, die wir Müssen nennen, abgeschliffen. (<59)

Aus dieser Anpassung erklärt sich das Pflichtgefühl und die Verehrung, die manche Völker solchen Herrschern entgegenbringen, die durch Grausamkeit und Selbstsucht unsägliches Unheil über ihre Untertanen heraufbeschworen haben, z. B. die Pietät der Russen gegen Iwan den Schrecklichen, der Ferraresen gegen Borso von Este; so erzählt ein Reisender von den Damaras, dass ihr Rachegefühl für eine erlittene Unbill sehr vorübergehend sei und einem Gefühl der bewundernden Unterwerfung dem Unterdrücker gegenüber Platz mache.

Es liegt nun die Annahme nahe, dass das Gefühl des Sollens einen Übergangszustand zwischen dem des Müssens und dem des einheitlichen Wollens bedeute; wie es sich im einzelnen Fall psychologisch als eine Mischung von Freiheit und Gebundenheit darstellt, so mag es historisch eine Entwicklungsstufe bezeichnen, auf der der Einzelne noch nicht die völlige Anpassung an die ethisch-sozialen Forderungen erreicht hat, während der Zwang, der früher seinen Willen unmittelbar beherrschte, diese äussere Macht für das Bewusstsein verloren hat.

Der Charakter des Imperativs, den es trägt, wäre dann ein nachhallendes Müssen, ein Rudiment des ehemaligen Zwanges, das der Wille nicht abzuwerfen vermag, so lange er noch nicht vollkommen befreit und innerlich versöhnt ist.

Daher stammt die wunderbare Macht, welche die blosse Form des Befehls auch ohne vorhandene Zwangsmittel noch immer über die Seelen ausübt und die besonders stark an Kindern zu beobachten ist, in denen die von der Gattung überkommenen Instinkte noch am reinsten wirken.

Es hatte eben nur derjenige zu befehlen, der die Macht hatte, den Gehorsam zu erzwingen; und durch vererbte Assoziation, zum Teil auch durch die von der Kinderzeit her selbst erworbene bringt nun der Befehl die Vorstellung der Macht und der Notwendigkeit des Gehorchens auch da mit sich, wo diese tatsächlich gar nicht vorhanden ist; darauf beruht die Macht kecker Persönlichkeiten, durch deren Forderungen die andern so häufig eingeschüchtert werden - bloss vermöge der befehlshaberischen Form, der sie, auch ohne dass sie durch reale Macht gestützt wird, nicht widerstehen können. (<60)

Es ist ein eigentümlicher Zug in der menschlichen Natur, dass für dieselbe allmählich Macht in Recht, d. h. Müssen in Sollen übergeht; es sind genug Fälle überliefert, wo Sklaven, die an ihre Herren weder durch ein äusseres Recht noch etwa durch das Gefühl der Dankbarkeit gebunden waren, dennoch eine innerliche Pflicht gegen sie im vollsten Masse empfanden und bewahrten, eine Tatsache, zu der Analogien im Verhältnis tyrannischer Menschen zu andern täglich zu beobachten sind.

So sehr wandelt sich die Unterwerfung gegenüber der Gewalt in ein Sollen gegenüber dem, was nun als Recht erscheint, dass Grotius es schon geradezu für sittlich verwerflich hält, wenn ein Kriegsgefangener, auch ohne dass er damit sein Ehrenwort bräche, entweicht.

Das Geschehen, das das Recht des Erfolges für sich hat, scheint dann oft ein Erfolg des Rechtes zu sein.

Wenn chinesische Dynastien, die nach der Anschauung des Konfuzius von Gottes Gnaden waren, durch Usurpatoren vom Throne gestossen wurden, so bewies der Erfolg dieser, gleichfalls nach Aussprüchen des chinesischen Weisen, dass der Himmel sie als seine Söhne anerkannte, dass sie das moralische Recht zu dem hatten, wozu sie die Macht hatten; das Korrelat dafür ist, dass der Gehorsam, den sie erzwangen, zugleich ein sittlich gesollter war.

Es ist anderweitig schon darauf aufmerksam gemacht worden, dass das Sollen doch ein Wollen sei, dem nur andere Strebungen gegenüber ständen; vervollständigt wird, wie mir scheint, diese Erkenntnis durch die Überlegung, dass auch das Müssen, abgesehen von den seltenen Fällen unmittelbaren physischen Zwanges, ein Wollen ist; nur dass sein Bewusstsein durch die stärkste Reibung mit einem sonstigen Wollen in uns charakterisiert wird, deren Milderung und annähernde Versöhnung das Sollen zeigt. (<61)

Die Vorstellung, dass das Sollen um unser Handeln zu lenken ein Wollen sein müsse, das seinen spezifischen Charakter durch das Entgegenstreben andrer Wollungen erhält, zeigt Kant, freilich mit grosser psychologischer Einseitigkeit, in der Behauptung, dass auch der grösste Bösewicht, wenn man ihm Beispiele der Sittlichkeit vorhält, wünscht, er möchte auch so gesinnt sein, und es nur wegen seiner sonstigen Triebe und Leidenschaften nicht zu Stande bringen kann.

Allein dass die blosse Gegensätzlichkeit zwischen zwei Strebungen das Bewusstsein des Sollens erzeuge, kann deshalb nicht schlechthin richtig sein und bedarf noch einer Ergänzung, weil tatsächlich doch immer nur die eine von ihnen als gesollte empfunden wird und es unerklärlich wäre, was ihr diesen Vorzug vor der anderen gibt, da die blosse Gegensätzlichkeit doch an beiden gleichmässig haftet.

Freilich fragen wir, wie ich vorhin hervorhob, auch oft wo zwei Wollungen sich gegenüber stehen, von denen keine den eigentlichen Charakter des Sollens trägt: was soll ich Tun? Aber dieses Sollen ist dann nicht das kategorische, sondern enthält nur das Mittel zu einem bestimmten Zweck; vielleicht ist es auch nur die induktive Übertragung von den vielen Fällen her, wo ein Konflikt zwischen zwei Wollungen sich wirklich zu der Entscheidung, welche von ihnen die sittlich gesollte ist, zuspitzte.

Wogegen jene Vorstellung sich nur richtet, ist die Form des Imperativs: gleichviel ob Du willst oder nicht, Du sollst - der gegenüber sie mit Recht hervorheben kann, dass das Sollen für uns ohne Angriffspunkt in der Luft schweben würde, wenn es eben nicht zum Willen in uns würde; ob wir das, was uns von aussen oder innen befohlen wird, auf Motive hin wollen, die uns freudig oder schmerzlich sind, ist eine andere Frage, aber wollen müssen wir es, sonst würden wir es unter keinen Umständen Tun.

Nur der falsche Sprachgebrauch, der das Wollen mit dem Gern-Wollen identifiziert, konnte zu der Vorstellung prinzipieller Entgegengesetztheit zwischen Sollen und Wollen führen.

Auf ästhetischem Gebiet ist ein ähnliches Verhältnis zu bemerken.

Von manchem Kunstwerk haben wir die deutliche Überzeugung, dass es schön und wertvoll ist und dennoch die ebenso klare, dass es uns persönlich keine Freude macht. (<62)

In solchem Falle scheint es mir, dass man das letztere streng genommen nicht sagen dürfe, sondern nur, es mache uns zwar nach gewissen Seiten hin Freude, aber von andern Seiten her stosse es uns ab und diese überwögen, wenngleich das Fortwirken der ersteren das obige Urteil doch noch ermögliche - wie wenn ich etwas soll, aber nicht will, ich es von gewissen Seiten her will, die aber nicht zum Überwinden derjenigen, von denen her ich es nicht will, zureichen.

Jenes ästhetische Urteil unterscheidet zwischen einem objektiven und einem subjektiven Bestandteil, von denen der erstere offenbar das Gattungsmässige, Typische, der Mehrzahl der Subjekte Gemeinsame ist, dem ein persönlich-subjektives Geschmacksmoment gegenübersteht.

Und obgleich beide im gleichen Subjekte stattfinden, so sind doch offenbar innere psychische Begleiterscheinungen vorhanden, die das eine für unser Bewusstsein vom andern charakteristisch abscheiden.

Auf vielfachen Gebieten des Denkens und Fühlens findet sich in uns ein derartiger Dualismus; gewisse Inhalte des Seelenlebens treten in uns mit grosser Bestimmtheit und der Überzeugung von ihrer objektiven Richtigkeit auf, ohne dass uns doch die Gründe klar wären, welche ihnen diesen Vorzug vor andern Vorstellungen verschafften.

Wie nun das Objektive und Wahre überhaupt nichts anderes bedeutet als die gattungsmässige Vorstellung, und alle Erkenntnis, mit der der Einzelne der Gattung vorauseilen mag, nur auf Grund möglicher, wenn auch noch unerkannter Zusammenhänge mit dem geistigen Inhalt jener eine wahre genannt werden kann: so scheint mir die Sicherheit, der Glaube an die unbedingte Objektivität gewisser in uns aufsteigender Vorstellungen daher zu stammen, dass vererbte Instinkte, Anlagen von ungezählten Generationen her, Eindrücke aus der ganzen Breite unserer Erfahrungen innerhalb der Gruppe darin zu Worte kommen; ihnen gegenüber ist das, was wir das Individuelle nennen, zwar auch nur eine eigentümliche Verschlingung von Fäden, die von den Urzeiten unseres Geschlechtes her angesponnen sind, allein wenn auch nur graduell, so doch durch psychologische Kennzeichen hinreichend von jenen unterschieden. (<63)

Auf diese Voraussetzung hin könnte man sich denken, dass, wenn unser Bewusstsein eine Diskrepanz zwischen dem Sollen und dem Wollen im engeren Sinne aufweist, jenes der Wille der Gattung, der Gruppe, des Typus ist, der in uns vermöge der Vererbung und Überlieferung jeder Art zum Ausdruck kommt und von daher die Objektivität, die sichere Bestimmtheit gegenüber dem Individual-Interesse zu Lehen trägt; wodurch dann zugleich der Zwangscharakter, den der Wille der Allgemeinheit dem Einzelnen gegenüber besitzt, diesem Teil unseres Willens seinen imperativischen Ton verliehe.

Nicht nur der Zwang indes, der von andern Menschen, sondern auch der von äusserlichen Verhältnissen ausgeht, verinnerlicht sich mit der Zeit derart, dass er als Pflicht, als Sollen erscheint.

Wenn schädliche Tiere, Tiger und Schlangen von manchen Völkern angebetet und nicht getötet werden, so ist offenbar die ursprüngliche Unmöglichkeit, sie zu vernichten, zu dem Glauben ausgewachsen, man dürfe es auch nicht - zu der Pflicht, sie zu schonen.

Es ist auch mit Recht darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Verbindung des Christentums mit der Monogamie z. T. daher stammen mag, dass es sich ursprünglich an die Armen und Niedrigen wandte, bei denen überhaupt Monogamie notgedrungen herrschte, und nun die Tatsächlichkeit die Kraft des sittlichen Gebotes erlangte.

Auch die folgende Hypothese über den Ursprung vom sittlichen Werte des Fastens, über die ich später noch in weiterem Zusammenhänge zu sprechen habe, gehört hierher, indem sie zeigt, wie das einfach durch die Not der Umstände Erzwungene, an sich den sittlichen Interessen ganz Fernliegende durch allmähliche Anpassung in die grössere Freiwilligkeit des Sollens übergeht.

Naturvölker haben fast durchgehendes den Brauch, den Toten allerhand Gebrauchsgegenstände mit ins Grab zu geben, beziehungsweise an ihren Gräbern zu opfern, vor allem Speise und Trank; und zwar in so reichem Masse, dass vielfach für die Überlebenden grosser Mangel eintritt. (<64)

Das Fasten bei Begräbnissen und feierlichen Opferungen ist also offenbar zuerst die natürliche Folge der Spendung übermässig grosser Vorräte.

Dies wird nun auf einfachem Wege zu einem allgemein gültigen Zeichen der Ehrerbietung gegen den Toten und zu einem religiösen Akt, der sich forterhält, wenn auch sowohl der äussere Grund, die Entbehrung infolge des Opfers als auch das Todesopfer selbst fortfallen.

- Die Achtung vor dem Menschenrecht, die in der Vorschrift gipfelt, jeden Menschen nie als blosses Mittel, sondern immer zugleich als Zweck anzusehen, entspringt dann, wenn es sich niemand mehr gefallen lässt, sich schlechthin als Mittel brauchen zu lassen.

Wo irgend eine Klasse nicht mächtig genug ist, einer anderen desselben grösseren Verbandes gegenüber jene Selbständigkeit durchzusetzen, da wird sie nicht nur tatsächlich als Mittel behandelt - das könnte einfache Unsittlichkeit sein - sondern das Gegenteil kommt in primitiven Kulturen und sogar noch in späteren gar nicht als Pflicht zum Bewusstsein.

In der Mehrzahl der Fälle, wo Herren und Sklaven sich gegenüberstehen, handeln jene im guten Bewusstsein eines Rechtes, die Sklaven in dem einer Pflicht; bis die Zeit kommt, wo der Unterworfene sich empört, und nun unter den veränderten von ihm erkämpften Verhältnissen die Anerkenntnis der Berechtigung seiner Zwecke dieselbe Stelle im Organismus der sittlichen Vorstellungen einnimmt, die früher seine Ausbeutung als blosses Mittel eingenommen hat.

Und wenn die Ochsen und Schafe sich dagegen von uns bloss als Mittel behandelt zu werden mit Erfolg auflehnen könnten, so würde zweifellos auch ihre Macht sich vielfach in Recht verwandeln, wie es in dem erwähnten Falle der Tiger und Schlangen geschehen ist. (<65)

Wie der Baumstamm, den ein Windstoss trifft, sich gleich nach dessen Aufhören wieder in seine ursprüngliche Stellung zurückrichtet, aber der gleichen Windrichtung auf die Dauer ausgesetzt, schliesslich selbst in eben dieser sich biegt und weiter wächst, so beugen die Verhältnisse den menschlichen Willen so lange in ihre Richtung, bis er sich ihr anpasst und den Zwang der Verhältnisse zunächst als Sollen und dann als in sich ungeschiedenes Wollen empfindet.

Wie der Inhalt des Seins zu dem des Sollens wird, zeigt sich recht an der Sitte, die die Kraft und Würde ihrer Forderung nur daraus zieht, dass sie allgemein geübt wird.

Wenn es sich nach Kant in der eigentlichen Sittlichkeit um das handelt, was geschehen soll, ob es gleich vielleicht niemals geschieht, so unterscheidet sich die Sitte hiervon in scharfer Weise, insofern dies Letztere für sie keineswegs gleichgültig ist; das wirkliche Verhalten der Allgemeinheit wird in ihr für den Einzelnen zum Sollen.

Welche tieferen ethischen Gründe, meistens wohl im Unbewussten wirkend, dies wieder hervorrufen, bleibe hier ununtersucht; die Tatsache aber wird man nicht leugnen, dass das Sollen, entgegen jener Bestimmung Kants, wenigstens in der Sitte seinen Inhalt aus dem Sein zieht.

Deshalb behandelt die gute Sitte, je feiner sie sich ausbildet, das Seinsollende immer mehr als ein selbstverständlich Seiendes und tut, als ob das Unrechte, Unpassende eigentlich überhaupt nicht existiere.

Dieses Ignorieren des Unsittlichen, dieser Optimismus der feinen Sitte, so oberflächlich und gleisnerisch er ist, so oft er die Beseitigung des Schlechten verzögern mag, entbehrt dennoch nicht der sozialethischen Zweckmässigkeit; wir bewegen uns um so eher nur in den Schranken des Richtigen, je weniger der Gedanke, man könnte überhaupt anders handeln, uns zum Bewusstsein kommt; wenn die Vorstellung der Freiheit anders zu handeln gar nicht erweckt wird, wenn das Richtige als ganz selbstverständlich erscheint, so tritt die Versuchung auch in Wirklichkeit weniger an uns heran.

Darum verderben umgekehrt böse Beispiele gute Sitten und darum gehören insbesondere Kinder nur in ganz reine und sittliche Verhältnisse, weil die Vorstellungen des Wirklichen uns auch Richtung und Inhalt für die des Sollens geben. (<66)

Wir vernehmen das Wollen der Gesamtheit einerseits - gleichsam aus der Tiefendimension der Generationen heraus - vermöge der Vererbung als Trieb, andererseits aus der Breite der mitlebenden Generation als Befehl.

Wie wir es als Pflicht empfinden, den Zusammenhang und die Einheitlichkeit unseres individuellen Wesens zu wahren, d. h. die einzelne Vorstellung und Handlung nach dem Ganzen unseres Charakters zu gestalten, so verhält sich nun die Einzelpersönlichkeit dem sozialen Ganzen gegenüber, das ihr die Wirklichkeit seiner Lebensformen als Sollen vorschreibt.

Das Prinzip der Verjährung, nach dem auch unrechtmässiger Besitz, wenn er nur lange genug unangefochten bestanden, zum rechtmässigen wird, wirkt in dieser Legitimierung der einfachen Tatsächlichkeit zum Range sittlichen Sollens; in diesem Sinne liess das jütische und norwegische Recht im Mittelalter das Konkubinat nach drei beziehungsweise zehn Jahren zu rechtmässiger Ehe werden.

Zwar darf man selbstverständlich nicht glauben, dass die blosse Länge der Zeit, etwa noch unterstützt durch das Zauberwort »allmählich«, mit dem man so oft und so trügerisch die Rätsel der Übergänge zu lösen meint, eine Verwandlung der Gewohnheit oder der einfachen Tatsächlichkeit in Sitte und Sittlichkeit zu Wege brächte.

Wenn man von der Macht der Zeit spricht, so meint man die Wirkung von Vorgängen, welche man als ganz unvermeidliche und unaufhaltsame kennen gelernt hat, so dass es in der Tat keiner besonderen Betonung der ins Spiel kommenden realen Kräfte bedarf, sondern damit es zu dem bestimmten Erfolge komme, nur darauf ankommt, ob die Zeit zu ihrer Entwicklung gegeben ist.

Die blosse Wirklichkeit und Wiederholung einer Handlung würde an sich noch nicht zu ihrer Umsetzung in ein Sollen führen, wenn nicht ganz positive psychologische Kräfte da wären, die, nur durch eine gewisse Wiederholung der Handlung aus ihrer Gebundenheit geweckt, das Bewusstsein hervorrufen, dass diese nun auch weiter geschehen soll. (<67)

Wenn man die sittliche Zulänglichkeit einer Handlung bestreitet, so hört man oft dagegen: aber so ist es doch nun einmal in der Welt, das ist doch die allgemeine Handlungsweise, oder ähnliches.

Damit wird nicht nur gemeint, dass die ganze Reflexion überflüssig ist, dass die Dinge doch nun einmal den bestimmten Gang gehen, wenngleich es vielleicht nicht der ist, den sie eigentlich gehen sollten, sondern geradezu die moralische Rechtfertigung, die sachliche Zurückweisung der Anklage soll damit gegeben sein; darum verweist man jemandem ein unrechtes Tun oder Sagen häufig mit dem Ausdruck: das tut man nicht, das sagt man nicht!

Die Vorstellung des Sollens kleidet sich in den Ausdruck einer in der Allgemeinheit vorhandenen Tatsächlichkeit und zwar offenbar, weil ursprünglich die letztere der Bestimmungsgrund der ersteren war.

Es ist ganz entsprechend, wenn man sich vielfach mit einer zu erklärenden Erscheinung dadurch abgefunden meint, dass sie tausendfach vorkommt.

Ein bestimmtes Phänomen ist uns rätselhaft: es wird für die Mehrzahl der Menschen sehr viel von seiner Fragwürdigkeit verlieren, wenn sie erkennen, dass es noch in vielen anderen Fällen und Formen vorkommt.

Wie für diese Mehrzahl das Alltägliche, stets sich Wiederholende, kein theoretisches Problem ist, so ist es für sie auch kein ethisches; und durch die Übereinstimmung mit dem Gewohnten und Typischen scheint ihr in gleichem Masse Verständnis wie Rechtfertigung eines Geschehens gegeben.

Ob alle tiefere Einsicht in beiden Beziehungen mehr Tun kann, als diese Reduktion noch ein paar Stufen weiter verfolgen, ist mir zweifelhaft.

Wie alle Erkenntnis an ihrem letzten Ende nur auf einen allgemeinsten und einfachsten Vorgang führen kann, aus dessen Zusammensetzungen sich das Seltenere und Individuelle erklärt, ohne dass er selbst als weiteres Problem zu behandeln wäre, so ist vielleicht der letzte Punkt, von dem alle ethische Beurteilung ausgeht, der aber selbst von keinem höheren seinen Wert entlehnt, nur die allgemeinste, typische Handlungsweise, an der sich Recht oder Unrecht der Handlung des Einzelnen misst, und der gegenüber die seltene, hervorragende Sittlichkeit nur durch irgend welche quantitativen Steigerungen entsteht. (<68)

Im persönlichen Leben ist es unzählige Male zu beobachten, wie das oft Getane, die wirklich ausgeübte Handlungsweise bloss dadurch, dass sie eine solche ist, ein Gefühl von Pflicht zu ihrer weiteren Ausübung für sich gewinnt, von der harmlosesten Äusserlichkeit an, die, mag sie ein altes Tun oder ein alter Besitz sein, schliesslich eine Pietät erwirbt, die wir nur mit sittlichem Widerstreben durchbrechen, bis zu den verwickeltsten Verhältnissen zu anderen Menschen, in denen die blosse Tatsächlichkeit langer Beziehungen, gleichviel aus welchen Ursachen sie entsprungen sind, zu den festesten Verpflichtungen emporwächst.

Es kommt uns und anderen vor, wenn wir eine Sache sehr oft Tun, als übernähmen wir damit stillschweigend die Verpflichtung, sie nun immer weiter zu Tun.

Ein krasses und in die Parodie ausschlagendes Beispiel solcher Vorgänge ist, dass, wenn man arme Leute eine Zeit lang unterstützt, sie dies sehr bald als ihr Recht und unsere Pflicht ansehen, so dass sie uns für höchst pflichtvergessen und unmoralisch halten, wenn wir damit aufhören.

Man könnte dieses Gefühl des Sollens einer Handlung, das sich aus der Tatsächlichkeit ihres Seins heraus erhebt, als eine Art Induktionsschluss bezeichnen.

Wie wir aus einer Anzahl bestimmt charakterisierter Fälle schliessen und gefühlsmässig erwarten, dass ein neuer, die gleichen Bedingungen bietender Fall auch in gleicher Weise verlaufen wird, so stellt sich das Gefühl für die Gleichheit der Folge aus der Gleichheit der Lage in Bezug auf unser Handeln in jenem eigenartigen Spannungszustand dar, den wir Sollen nennen.

In demselben Sinne, der den Inhalt des Sollens aus dem des Seins gewinnt, wird das Normale als Vorschrift des Verhaltens angeführt.

Norm hat die zweifache Bedeutung: einmal dessen, was allgemein, generisch geschieht, dann dessen, was geschehen soll, wenngleich es vielleicht nicht geschieht. (<69)

Diese Doppelheit mag den tiefen Zusammenhang haben, dass für den Einzelnen dasjenige die Norm im zweiten Sinne bedeutet, was Norm der Allgemeinheit im ersten ist.

Wenn man die Summe des Gesollten in der Vorschrift meinte zusammenfassen zu können, dass der Einzelne sich gemäss der Idee seiner Gattung bestimmen solle, so ist auch dies nur ein Auswachsen der Tatsächlichkeit des Seins in die Form des Sollens; denn die Idee der Gattung ist doch nur die Summe derjenigen Qualitäten und Funktionen, die in ihrer Wirklichkeit maximal vertreten, so zu sagen die wirklichsten sind.

In viel höherem Masse, als es bewusst zu sein pflegt, hat die Tatsächlichkeit des Seins Einfluss auf die Idealbildung.

Unter den Indianern, die in Mühsal und Kampf und düsterem Lose leben, gilt es als höchste Tugend, möglichst viel Martern ertragen zu können; das Christentum, die Religion der Armen und Gedrückten, der Mühseligen und Beladenen, bildete das Leiden zu einem Ideal aus; umgekehrt wusste der soviel glücklichere Grieche im Ertragen des Leidens an sich nichts Ethisches zu erblicken, und gerade das Glück wuchs ihm zum sittlichen Ideal empor.

Wenn uns übrigens die geschichtliche Betrachtung auch oft zeigt, wie das sittliche Ideal einer Gruppe wirklich nur die Bestimmung nach der Idee der Gattung so wie sie gerade beschaffen war und vorgestellt wurde, forderte: so ist doch jene Bestimmung zum Zweck der Feststellung des Ideals für eine Gegenwart nur sehr vorsichtig zu benutzen; denn es liegt immer die Gefahr nahe, statt die sittlichen Normen aus dem Gattungstypus zu gewinnen, umgekehrt den Gattungstypus mit denjenigen Eigenschaften auszustatten, die man, vielleicht aus ganz andern Quellen hergeleitet, als sittliche Ideale vorstellt.

Goethe sagt einmal, man habe sich über das Prinzip der Sittlichkeit nicht zu vereinigen gewusst, weder der Eigennutz, noch die Glückseligkeit, noch das apodiktische Pflichtgebot hätten sich als zureichend erwiesen und man müsse es schliesslich am geratensten finden, das Sittliche wie das Schöne aus dem ganzen Komplex der gesunden menschlichen Natur zu entwickeln. (<70)

Und doch ist kein Zweifel, dass die gesunde menschliche Natur, also das einfache Sein, das Goethe hier zum Massstab des Sollens machen will, ihm nur so zu Stande kommt, dass er gewisse Eigenschaften für die richtigen und seinsollenden hält, die er dann einfach für die gesunden, d. h. normal seienden erklärt.

Der Widerspruch oder wenigstens der Pleonasmus, der darin zu liegen scheint, dass man das wirklich Seiende nochmals als Sollen aufstellt, und auf den wir gleich nachher einzugehen haben, zeigt sich auf abstraktem Gebiet oft darin, dass im Gefolge metaphysischer Weltanschauungen ethische Forderungen stehen, deren Realisiertheit eigentlich schon a priori in dem metaphysischen Prinzip ausgesprochen ist.

Die Sinnenwelt ist für Plato theoretisch das Nichtseiende; die praktische Forderung aber ist dabei doch noch die, dass sie überwunden werde, dass sie nicht sein soll.

Die Weltvernunft, welche für die Stoiker das All determiniert, bestimmt folgerichtig auch den Einzelnen; nichtsdestoweniger wird es diesem zur sittlichen Aufgabe, die Weltvernunft noch so viel wie möglich zu realisieren.

Die tatsächlich als vorhanden vorausgesetzte Einheit der Substanz Spinozas bringt doch als sittliche Forderung ein Aufgehen in dieselbe, in die man ja eigentlich schon a priori aufgegangen ist, mit sich.

Die metaphysische Wesenseinheit aller Menschen bei Schopenhauer lässt es erst noch als sittliches Prinzip begründen, dass man ihr gemäss handle, sie durch das Handeln realisiere.

Wo vollkommene Naturgesetzlichkeit schon als Weltprinzip gilt, da hören wir doch noch die ethische Regel, man solle sich den natürlichen Notwendigkeiten fügen, solle sich den ewigen Gesetzmässigkeiten nicht entziehen - als ob dies nicht durch die Voraussetzung der Weltanschauung schon selbstverständlich ausgeschlossen und die erst geforderte Unterwerfung eine von vornherein seiende wäre. (<71)

Ähnlich behauptete eine Richtung der Freihandelslehre, die unbedingte egoistische Konkurrenz sei ein Naturgesetz, das die wirtschaftlichen Bewegungen lenke, wie die Gravitation die planetarischen; und nun forderte sie erst ein vollkommenes und ungehemmtes Durchführen derselben, nicht bedenkend, dass der Begriff des Naturgesetzes, auf den sie sich soviel zugute Tat, ja schon die ausnahmslose Realisiertheit dessen aussprach, was sie erst zu realisieren forderte.

Wir haben hier das Gegenstück zu der oben erwähnten Norm der besonders von der Sitte beherrschten Kreise, die das Unsittliche als eigentlich gar nicht vorhanden behandeln.

Das ist insbesondere das Verhalten von Personen oder öffentlichen Organen, die alle energischen Mittel gegen soziale Schäden perhorreszieren, um nicht dadurch deren Existenz anerkennen zu müssen.

Hier wird theoretisch und im Allgemeinen sogar mit Vorliebe behauptet, es fehle vieles oder alles an dem Verhalten, wie es sein solle - aber die praktischen Massnahmen tun, als gäbe es gar keine Diskrepanz gegen das Ideal.

In unserm jetzigen Falle wird umgekehrt zwar der logischen Konsequenz nach ein ideales Verhalten der Dinge und Menschen als wirklich behauptet, die praktische Forderung aber so gestaltet, als sei es durchaus nicht wirklich.

Der Gedanke ist ausgesprochen worden, dass die Entwicklung der Welt, die für den Menschen in der Kultursteigerung bestehe, ein immer wachsendes Quantum von Leiden mit sich bringen müsse, und daraus der Schluss gegen jeden Eudämonismus gezogen, dass die Steigerung des Glücks unmöglich als Moralprinzip anerkannt werden könnte, weil sie die Vernichtung der Kultur bedeuten und überhaupt dem tatsächlichen Lauf dessen entgegentreten würde, was sich naturgesetzlich und ohne nach unserem Willen zu fragen vollzieht.

Nach gleichem Grundsatz behauptet umgekehrt der Eudämonismus: da alles menschliche Bestreben unweigerlich auf Luststeigerung hinauslaufe, dürfe kein Moralprinzip etwas anderes als diese zum Inhalt haben; es ist, prinzipienmässig ausgesprochen, nur der Satz fata volentem ducunt nolentem trahunt, der das Sollen in diesen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Sein setzt. (<72)

Allein wenn auch die steigende Kultur, die naturgesetzliche historische Entwicklung unseres Geschlechts wachsenden Mangel an Glück mit sich führen sollte, so scheint es trotzdem nicht unmöglich, die Glückssteigerung als Moralprinzip, als Seinsollendes aufzustellen, so gut wie man heizen darf, trotzdem der natürliche Weltprozess auf Vereisung geht.

In jenen Behauptungen liegt der Zirkel, dass, bei so allgemeiner Determinierung alles Geschehens, auch mein eventuelles Widerstreben gegen das schliesslich Geschehende ja gleichfalls im Weltplan vorgesehen sein muss und also das Unterlassen desselben nicht nur unmöglich, sondern, wenn möglich, gerade ein Widerstreben gegen den Weltplan bedeuten würde.

Wie wir auf den Stamm einer Rose eine ganz andre Spielart pfropfen, die die Natur im objektiven Sinne hier gewiss nicht »gewollt« hat, so können wir auf den Kulturzweck den Glückszweck pfropfen.

Der logische Schluss von der Wirklichkeit auf das Sollen ist in jedem Falle falsch, wenn man das letztere nicht von vornherein für einen völlig chimärischen Begriff ansieht, der nur die tatsächlichen Geschehnisse unnütz verdoppelt.

Mag die Richtung der Weltentwicklung und des Willens hingehen wohin sie will: dass die sittliche Verpflichtung nur in der Förderung dieser Richtung bestehen könne, verlangt erst besonders nachgewiesen, statt wie von jenen Lehren naiv vorausgesetzt zu werden.

In religiösen Gedankenkreisen herrscht dasselbe inkonsequente Verhältnis zwischen dem Sein und dem Sollen, z. B. in dem Gebote, dem Willen Gottes gemäss zu handeln, während der Wille Gottes schon durch sich selbst jedes Geschehen in der Welt bestimmt - eine Schwierigkeit, für die der Freiheitsbegriff mehr ein Ausdruck als ein Ausweg ist. (<73)

Wie hier das noch besonders verwirklicht werden soll, was doch an sich schon verwirklicht ist, so soll für die Askese dasjenige erst vernichtet werden, was doch an sich schon für sie ein Nichts ist - die Welt; für den Mönch, der ganz und gar im christlichen Ideale lebt, existiert die Welt eigentlich nicht; und nun zeigt die ganze Geschichte des Mönchstums das Bestreben, die Welt als Welt aufzuheben, sie den ewigen jenseitigen Werten gegenüber zu dem zu machen, was sie doch eigentlich den Voraussetzungen dieser Weltanschauung nach schon Ist - zu einem Nichts, während die absolute Herrschaft des göttlichen Willens, die nach eben diesen Voraussetzungen ist, doch erst zur Wirklichkeit gemacht werden soll.

Die Grenze zwischen dem allein Wertvollen und dem allein Wirklichen verschwimmt um so eher, je höher und abstrakter die Vorstellung von beidem ist; so hatte der brahmanische Pantheismus im Âtman einen Begriff geschaffen, der offenbar zwischen beiden noch nicht geschieden hatte, der stets das eine war, weil er das andere war; was ausser ihm ist, so heisst es, ist voll Kümmernis, Unvollkommenheit und Leiden - und doch ist eigentlich ausser ihm Nichts.

- Auch von der entgegengesetzten Richtung her zeigt sich das Verschwimmen jener Grenze.

Wo nicht die Tatsachen uns das Gegenteil fühlbar beweisen, sind wir sehr geneigt, dasjenige, was wir aus allen möglichen Interessen heraus wünschen, auch für wirklich zu halten.

Ich erinnere an die optimistische Weltanschauung, die wir häufig gerade bei persönlich unglücklichen und dürftigen Existenzen finden; das, wonach sie sich sehnen, das Seinsollende, wächst ihnen, obgleich es gerade im Gegensatz zum Seienden entstanden ist, zur Vorstellung der Realität aus, der Zukunftsidealismus wird zum Gegenwartsidealismus, oder kürzer, der Idealismus zur Idealisierung.

Dies mag einem Selbsterhaltungstriebe des Geistes entspriessen, den das Befangensein in der Vorstellung der eigenen Übel erdrücken würde, wenn er sich nicht als Gegengewicht dazu in die Vorstellung oder Illusion eines glücklicheren Charakters des Seienden flüchtete, der allenfalls unter dessen Oberfläche liegt. (<74)

Wie man nur allzu oft das hofft, was man wünscht, so hält man, nur denselben psychischen Prozess steigernd, auch gern das, was man hofft, schon für wirklich.

Auch an den Formen der Manie ist es häufig zu beobachten, wie das, womit die Sehnsucht sich dauernd beschäftigt, zur Vorstellung der Realität wird: wer über der Erfindung des Perpetuum mobile wahnsinnig geworden ist, glaubt meistens, dass er es erfunden hat, wer über Geldspekulationen den Verstand verloren hat, hält sich für einen Millionär, und Ähnliches.

Wenn wir nun selbst das vollkommene Zusammenfallen des Seienden mit dem Seinsollenden, wie es sich namentlich in jenen metaphysischen Spekulationen zeigt, dahin abschwächen, dass das Wesentliche, Durchgehende, Typische die Norm abgeben solle für das Einzelne, das von vornherein nicht immer mit jenem übereinstimmt, so erscheint auch dies widerspruchsvoll und unzulänglich.

Dass das wirkliche Verhalten der Gattung für den Einzelnen das Ideal seines Verhaltens bilde, wie es in der Sitte zweifellos der Fall ist, scheint doch einen nicht zu rechtfertigenden Optimismus einzuschliessen.

Denn wenn das Verhalten der Mehrzahl die sittliche Norm ausmacht, so folgt unmittelbar, dass es viel mehr Sittlichkeit als Unsittlichkeit geben muss.

Wie aber ist dies möglich, wenn doch gerade die Beobachtung der Wirklichkeit so viel mehr Unsittlichkeit als Sittlichkeit, mehr Egoismus als Altruismus aufzuweisen scheint?

So wenig man sonst dem Optimismus geneigt sein mag, so wird man nicht verkennen dürfen, dass das Böse eine viel auffälligere und grellere Aussenwirkung im Verhältnis zu seiner Intensität aufweist, als das Gute; während dies oft ruhig und unbemerkt geschieht und meistens der Erhaltung bestehender Güter dient, erzeugt das Böse Störung und Zerstörung, erregt also ein viel lebhafteres Bewusstsein, als jenes und dadurch die Vorstellung einer unverhältnismassig grossen Verbreitung - wie auch dem kleinsten Schmerz leichter ein besonderes Bewusstsein zu Teil wird, als einem langen Hinleben in Behaglichkeit und Zufriedenheit. (<75)

Wer sich mit Moralstatistik beschäftigt, wird leicht zum ethischen Pessimisten, weil Moralstatistik wesentlich Statistik der Immoralität ist; denn diese ist in viel höherem Masse, als das Gute, bemerkbar und feststellbar.

Auch in der Geschichte wie sie bis jetzt fast durchgehendes behandelt ist, geht es kaum anders: fast nur von Kampf und Krieg, vom Übel und vom Bösen erfahren wir; von Lust und Triumph nur auf Kosten des Leidens anderer, und wo uns die übliche Weltgeschichte von sittlich Erhabenem erzählt, ist es beinahe immer eine Reaktion auf vorangegangenes Böses: die Erhebung der Völker gegen Tyrannen, die schmerzvolle Aufopferung des Einzelnen, um allgemeine Leiden abzuwenden, die Wiedereroberung ungerecht geraubter Güter, die Abwehr gewaltsamer Angriffe.

Die Sittlichkeit der Völker, die sich relativ widerstandslos durchsetzt, wie sie sich in ihren Institutionen niederschlägt und in deren tausendfacher Befolgung und Bewährung erweist, scheint so selbstverständlich zu sein, dass sie kein besonderes Bewusstsein und keine Erwähnung gewinnt.

Die Täuschung, die aus dem Verhältnis zu unserem Erkenntnisvermögen hervorgeht, den naheliegenden Schluss, dass das häufiger Bemerkte auch das häufiger Vorkommende sein müsste, sollte man doch vermeiden, und ich glaube, dass man dann in der Herleitung des Sollens aus der Majorität der Verhaltungsweisen keinen zu grossen Widerspruch gegen die Tatsachen erblicken wird.

Auch der, den wir einen bösen Menschen nennen, pflegt nicht in einem fort Böses zu Tun; sondern die einzelnen Handlungen dieser Art werden von Zeitstrecken unterbrochen, in denen er nach der gewöhnlichen sittlichen Norm dahin lebt.

Gerade die Schärfe, mit der sich das Böse markiert und für unser Bewusstsein geltend macht, könnte dahin gedeutet werden, dass das Gute das Selbstverständliche, der normale Inhalt des Bewusstseins sei, den wir als Wesen, die nur von Unterschieden erregt werden, eben seiner Beständigkeit und Gewöhnlichkeit wegen gar nicht besonders bemerken. (<76)

In gleichem Sinne wirkt die Überlegung, dass der Fluch der bösen Tat sich viel weiter zu erstrecken pflegt, als der Segen der guten.

Es ist nicht wahr, dass sich der Segen bis ins tausendste, der Fluch bis ins dritte Glied vererbt.

Es ist zwar richtig, dass das Böse sich zerstört, da wir eben das sich Zerstörende, in sich den Widerspruch Tragende das Böse nennen, allein man darf nicht vergessen, wieviel Gutes es auf seinem Wege zerstört.

Schon durch diese Wirkung in die Breite, zeigt sich die Kraft des Bösen der des Guten unendlich überlegen.

Welches unsägliche Elend bringt nicht oft ein einziger falscher Schritt über ganze Familienkreise, ja über ganze Länder! Wo, wie selten ist die geringfügige Tat, die einen entsprechenden Segen brächte? Man sagt mit Recht, dass ein Unglück nie allein kommt.

So wenig ein Körper unversehrt zu bleiben pflegt, an dem ein Glied krank ist, so wenig bleibt ein individuelles oder ein soziales Unglück, eine Unsittlichkeit, lokalisiert, sondern verbreitet sich bei den ausserordentlich mannigfaltigen und leicht ansprechenden Verbindungen innerhalb der Lebensmomente der Persönlichkeiten und der Gesellschaften fast unvermeidlich auf andere Stellen.

Deshalb muss, damit der Weltzustand überhaupt nur ein nicht schlechthin unmöglicher sei, viel mehr Gutes, als man glauben möchte, geschehen sein.

Die Fortwirkung verhältnismässig weniger böser Taten würde hinreichen, um das Leben der Gesamtheit unmöglich zu machen, wenn sie nicht durch sehr viel Gutes paralysiert würden, und zwar um so viel mehreres, weil das Gute nicht so wirkungskräftig ist.

Man kann im Allgemeinen sagen, dass in einer Gruppe von Individuen unter sonst gleichen Umständen um so mehr Sittlichkeit sein muss, je sozialisierter sie ist, weil mit der Enge der Verbindungen die gefährlichen Folgen der Unsittlichkeit zunehmen, und deshalb die Selbsterhaltung der Gesellschaft, um dies aufzuwiegen, eine um so grossere Summe und Verbreitung von Sittlichkeit fordert. (<77)

Deshalb wird das Sollen, das doch nur aus den Beziehungen der Menschen untereinander seinen Inhalt empfängt, für den Einzelnen um so mehr mit der schon vorhandenen Realität zusammenfallen, je fester, gegliederter, an gemeinsamem Inhalt reicher seine soziale Gruppe ist.

Da für diese als Ganzes der Zwiespalt zwischen dem individualistischen und dem kollektivistischen Interesse fortfällt, der sich im Individuum als der zwischen Unsittlichkeit und Sittlichkeit darstellt, und sie in den Grenzen ihrer Möglichkeiten und ihrer Einsichten unbedingt ihrem Vorteil nachgeht; da die Förderung eben dieses sozialen Vorteils für das Individuum Sittlichkeit bedeutet: so folgt auch von diesem Gesichtspunkt aus, dass das, was in der Mehrzahl der Fälle wirklich geschieht, das typisch soziale Verhalten, für den Einzelnen zum Sollen wird.

So ist es bei der Sitte, so ist es auch beim Recht der Fall; denn die Allgemeinheit fixiert dasjenige zum Recht, was tatsächlich in ihr geübt wird, weil es sich als die für sie erforderliche Lebensbedingung herausgestellt hat; was für das Ganze blosse Tatsächlichkeit ist, wird für den Einzelnen, in dem neben dem sozialen noch das individuelle Interesse steht, und der jenem deshalb nicht mit einheitlicher Selbstverständlichkeit nachlebt, zum Sollen, zur Pflicht - denn so sehr auch das Sollen seinen Inhalt aus dem Sein entlehnen mag, so gewinnt es ein Bewusstsein als Sollen natürlich nur durch das Vorkommen solcher Fälle, in denen Beides auseinanderfällt; wo sich deshalb aus der primitiven Gruppe noch keine scharfe Individualität mit ihren Sonderinteressen herausdifferenziert hat, macht sich auch das Sollen weniger bemerkbar, weil in diesem Falle das wirkliche Verhalten des Einzelnen mit dem der Allgemeinheit von vornherein zusammenfällt.

Die soziale Gruppe nimmt ungefähr die Stellung ein, die für den Frommen Gott, für Machiavelli und Hobbes der Fürst einnimmt: es gibt nicht ein an sich bestimmtes Rechtes und Gutes, dem ihr Wille gemäss wäre, sondern ihr Wille bestimmt vielmehr, was recht und gut sein soll; die Majorität will das Richtige, weil ihr Wille das Kriterium für dasjenige bildet, was wir das Richtige nennen. (<78)

Von hier aus fällt auch ein klärendes Licht auf die bedauerliche Erscheinung, dass Irrtümer des Denkens, Abweichungen des Glaubens so oft Gelegenheit zu sittlicher Verurteilung geben, dass theoretische Differenzen sehr oft ins Gewissen geschoben werden.

Ist nämlich, wie wir hervorgehoben haben, Wahrheit die gattungsmässige Vorstellung, Irrtum die davon abweichende, schlechthin individuelle, so dass »unwahr denken« und »im Gegensatz zur Allgemeinheit denken« zusammen fällt; ist andererseits das Beharren in den Formen des Gattungslebens Sittlichkeit; so haben wir in der Opposition gegen die Allgemeinheit den Mittelbegriff, der das Unwahre mit dem Unsittlichen zusammenbringt.

Daher trifft denn auch jene Verurteilung des sittlichen Charakters auf Grund von wirklichen oder dafür gehaltenen theoretischen Irrtümern vorzugsweise die »Ketzer«, d. h. die Minorität gegenüber der allgemeinen Meinung in der Gesamtheit.

Nun aber zeigt sich der ganz formale, jede apriorische Bestimmung von sich abweisende Charakter des Sollens darin, dass auch gerade das umgekehrte Verhältnis zum Sein ihm vielfach den Inhalt bestimmt.

Das Ideal, dem wir im Sittlichen nachzustreben haben, liegt für irdische Kräfte im Unendlichen, gerade über die Wirklichkeit des Seins hinaus erhebt sich das Streben nach den höchsten Werten, und statt in dem schon Vorhandenen zu beharren, scheint es das eigentliche Ziel höherer Sittlichkeit, zu neuen, besseren Formen des Lebens vorzudringen.

Diese Doppelrichtung des Bestrebens ist dieselbe in den egoistischen Lebensinteressen: einerseits pflegen wir die Bedeutung dessen, was wir sind und haben, hervorzuheben und zu idealisieren, andererseits aber auch gerade den Wert dessen, was wir nicht sind und nicht haben.

So leuchtet die farbenfreudige Gegenwart gegenüber und auf Kosten der blassen, schemenhaften Vergangenheit, wie sich der Regenbogen von der grauen Wolkenwand abhebt; andererseits aber umkleiden sich die Erinnerungen der Vergangenheit und die Hoffnungen der Zukunft mit einem Glorienschein, dessen phantastische Strahlen für die Gegenwart nur matte und nüchterne Farben übrig lassen. (<79)

Es ist nur halb wahr, dass der Lebende recht hat; neben dem Wirklichen und seinem Reize steht das Verlorene und das noch nicht Gewonnene und gewinnt gerade aus seinem Nichtsein eine Macht und Anziehung, die manchmal von gesunder Schwungkraft, manchmal von krankhaft problematischen Velleitäten der Seele zeugt.

Neben dem naheliegenden Triebe, die Formen des bisherigen Verhaltens als Normen auch des zukünftigen anzunehmen, erhebt sich das Interesse für das Abweichende, Aparte, Individuelle, das mit verfeinerter und überfeinerter Kultur in Originalitätssucht und apriorische Anerkennung dessen, der anders ist und handelt als die andern, übergeht, gleichviel welches der Inhalt dieses Andersseins ist; man könnte freilich hierzu bemerken, wie sich die Bedeutung der typischen, gattungsmassig realisierten Lebensformen für das Individuum gerade darin zeigt, dass sie, wenn nicht mit positivem, so doch mit negativem Vorzeichen zur Norm für dasselbe werden.

Und endlich mit der Kraft des legitimen Gebotes ringt die dämonische Lust am Verbotenen; wie auf manche Seelen die blosse Form der Autorität eine Macht ausübt, die sie nach dem Inhalt des Gebotes nicht weiter fragen lässt, so werden andere gerade durch diese Form zu einem Widerstände gereizt, der ihnen den inhaltlichen Wert oder Unwert des Gebotenen gleichgültig macht.

Und was so unseren Willen lockt, geht auch oft genug in en Sollen über; um so dringlicher erscheint uns oft die Verpflichtung zu einem bestimmten Zweckhandeln, weit über seine sachliche Wichtigkeit hinaus, je weniger dieser Zweck noch bisher realisiert ist; sittliche Aufgaben früherer Zeiten - politische Rechte, persönliche Freiheit, Gesetzesgleichheit usw. - verlieren diesen Charakter, wenn sie erreicht und gewöhnt sind und werden zu selbstverständlichem Besitz, der das Bewusstsein eines sittlichen Ideals nicht mehr fordert. (<80)

Über ihn hinweg vielmehr erheben sich nun erst neue Aufgaben, ganz Unwirkliches wirklich zu machen, Aufgaben, die den sittlichen Enthusiasmus um so höher entflammen, und in der Fähigkeit, Märtyrer zu machen, ihre Kraft um so mehr zeigen, je ferner sie der Verwirklichung liegen; welche letztere durch unvermeidliche Unreinheit und Unvollkommenheit den Schwung des sittlichen Idealismus beeinträchtigt.

Bei politischen Oppositions- und Revolutionsparteien ist es häufig zu beobachten, dass der auf rein sachliche Gründe hin geführte Kampf gegen herrschende Zustände schliesslich die psychologische Folge hat, alles Bestehende, bloss weil es besteht, als ein zu Bekämpfendes anzusehen, wie es im Nihilismus und Anarchismus stattfindet, die doch in unbezweifelbaren Beispielen einen Enthusiasmus von hoher subjektiver Sittlichkeit zu entflammen vermochten.

Der Neigung, mit der Masse zu gehen, deren wirkliches Verhalten für das Individuum zum Sollen wird, steht theoretisch die Oppositionslust, praktisch die Sympathie gegenüber, die wir für den einzelnen von einer Masse Angegriffenen empfinden.

Die rein formale Tatsache, dass der Eine den Vielen gegenübersteht, weckt in edleren Naturen von vornherein und weit über die objektive Billigung seines Standpunktes hinaus die Neigung, sich an seine Seite zu stellen, die gewiss zu dem bekannten Faktum beiträgt, dass Religionen gerade in den Zeiten der Verfolgung oft besonders wachsen; ganz ähnlich, wie wir auch die Partei des Abwesenden ergreifen, der angegriffen wird und sich nicht selbst verteidigen kann, und uns dadurch sogar oft in Stellungen hineindrängen lassen, deren Behauptung uns ohne jene Veranlassung sehr fern läge.

So hat denn auch die verächtliche Abneigung dem schwachen und schlechten Exemplar unserer Gattung gegenüber die Hilfsbereitschaft und Sympathie gerade für den Schwachen und Hilfsbedürftigen zum Gegenstück; der Neigung, mit der wir der Kraft und dem Erfolge uns anschliessen, steht diejenige für solche Wesen gegenüber, denen beides mangelt.

Wenigstens unterstützend wirkt hier ein psychologisches Moment mit, dessen Richtung in Folgendem hervortritt. (<81)

Durch die längere Dauer eines Verhältnisses wird ein gewisses Bedürfnis nach demselben erzeugt; und dieses Bedürfnis hat die eigentümliche Folge, dass nach gewaltsamer Beseitigung des substanziellen Objekts, an das es sich bisher anschloss, nun dessen gerades Gegenteil, das die Zerstörung des ganzen Verhältnisses bewirkte, seinerseits an die leergewordene Stelle tritt - wie der Prätendent, der den Herrscher vom Thron gestossen, nun dieselbe Stelle wie dieser einnimmt.

Das Bedürfnis, das sich an die formale Seite des Verhältnisses geheftet hat, befriedigt sich an dem entgegengesetzten Inhalt ebenso wie an dem ursprünglichen.

So wird oft genug der Atheismus zu einer Religion, die zynische Formlosigkeit zu einer streng beobachteten Form, der Revolutionismus zu einer philisterhaften Simpelei, die Armut der Mönche zu einem Besitz, auf den sie so stolz sind, den sie so eifersüchtig hüten und der ihnen auch zu derselben Macht verhalf, wie sonst alles dieses vom Reichtum gilt.

Überall, wo neben eine bisher geltende Anschauungsweise oder einen bisher befolgten Trieb eine neue Norm gestellt wird, bringt ein hundertfach beobachtbarer psychologischer Prozess es mit sich, dass zunächst der Gegensatz der neuen erst zu verwirklichenden Regel gegen das oft und lange verwirklichte Alte das Bewusstsein erfüllt, und der Wert jener vor allem in der Negation dieses zu bestehen scheint.

Ein Vergleich dieses Vorgangs mit dem entsprechenden auf theoretischem Gebiet wird ihn auch für das ethische beleuchten.

Schon bei Beginn des griechischen Philosophierens galt das erkenntnisstheoretische Prinzip, dass die bloss sinnliche Betrachtung der Dinge den Menschen keine Wahrheit über sie geben könne, dass vielmehr nur das vernunftmässige, abstrakte Denken dazu im Stande sei.

Mit diesem Prinzip schliessen die Eleaten: die Sinne zeigen uns Bewegung und Vielheit in der Welt, aber dies sei eine Täuschung, die Vernunft müsse vielmehr nur ein einziges, sich ewig gleich bleibendes, unbewegtes Sein als das wahre Wesen der Dinge erkennen; umgekehrt Heraklit: die Sinne zeigen uns Beharrung und Festigkeit in den Dingen, aber das sei eine Täuschung; die Vernunft müsse vielmehr erkennen, dass alles in ewigem Flusse, nie rastender Bewegung begriffen sei. (<82)

Weder empirisch noch rational war das Eine und das Andere beweisbar, denn auch die Beweise der Eleaten erscheinen vielmehr als Erläuterungen einer an und für sich feststehenden Überzeugung; hinreichend beweiskräftig schien offenbar, bewusst oder unbewusst, dies, dass das Behauptete das Gegenteil des sinnlich Wahrnehmbaren war.

Angesichts der grossen Entdeckung, dass es neben der alltäglichen, sinnlichen Erfahrung noch ein Vermögen des Geistes gab, das an eigentümlicher Kraft und geheimnisvoller Bedeutsamkeit über jene hinausragte, war es sehr natürlich, sich vor allem dem Gegensatz dieses Neuentdeckten gegen das sonst Bewusste zu ergeben und schon in der blossen Verneinung des sinnlich Wahrnehmbaren a priori die Gewähr der Wahrheit zu erblicken; welche Eigenschaften des Sinnlichen in Betracht gezogen wurden, war prinzipiell gleichgültig.

Im Ethischen nun verhielt sich dies ebenso.

Die Abwendung von dem, wozu der unmittelbare sinnliche Trieb führt und verführt, erschien als das Wesentliche des Sittlichen; es wirkte schon jene von Kant ausgesprochene Überlegung, wenigstens im Unbewussten, dass man dasjenige, was jedermann schon unausbleiblich von selbst tut, nicht besonders zu befehlen brauche.

Angesichts der üppigen Schönheit des griechischen Landes und der griechischen Menschen, des leidenschaftlichen Temperamentes, der sonnigen Klarheit des ganzen Weltbildes, das ganz besonders zur Hingabe an die Sinnlichkeit im Praktischen und Theoretischen verlocken musste, erschien die Betonung der Potenz, die diese Sinnlichkeit verneinte, notwendig als das Prinzip des Sollens, insoweit das Sollen eben dasjenige ausspricht, was von selbst nicht geschieht; der Vernunft zu folgen und nicht dem, was die Impulse der Sinne raten und damit Zusammenhängend die Ermahnung, nicht in den flüchtigen sinnlichen Genüssen, sondern in den ewigen Gütern der sinnenfreien Vernunft den Hauptwert des Lebens zu suchen - das ist ein durchgehender Zug der griechischen Ethik von ihren frühesten Zeiten an. (<83)

Was nun freilich dieses Vernünftige war, musste durch ganz besondere Bestimmung ausgemacht werden und wurde es oft nicht.

Wie und wozu denn die Vernunft unser Handeln bestimmen soll, war aus ihrem Begriff selbst nicht zu entnehmen, der an sich nicht viel Anderes als das bloss Negative enthielt, die Sinnlichkeit auszuschliessen.

Wie also das Sollen einerseits aus der Wirklichkeit des Seins seinen Inhalt und die Aufforderung diesen immer weiter zu verwirklichen zieht, so quillt ihm andererseits oft gerade aus dem Nichtsein eines Inhalts eine besondere Kraft.

Man könnte auch diese Gegensätzlichkeit wie so viele andere des Seelenlebens unter die grossen Prinzipien der Vererbung und der Anpassung oder noch höher aufsteigend unter die des Eleatischen und des Heraklitischen Denkens bringen.

Wie unser Erkennen einerseits das Dauernde im Wechsel, andererseits das Wechselnde in der Dauer ergreift; wie die organische Entwicklung den Einzelnen als Summe von Gattungseigenschaften hinstellt und ihm doch die Fähigkeit gibt, durch Anpassung sich zu ganz neuen Formen und Forderungen des Lebens umzugestalten; wie das individuelle und das soziale Wesen in jedem Augenblick sich als Kompromiss der konservativen und der fortschreitenden Bestandteile und Tätigkeiten darstellt: so zieht nun auch das sittliche Sollen seine Inhalte einerseits aus dem Bestehenden, weil es besteht, andererseits aus dem Nochnichtbestehenden, weil es noch nicht besteht; es gestaltet sich bald nach dem Vererbten und Überlieferten, nach dem es die Verhältnisse des Augenblicks weiter bildet, bald zieht es gerade aus dem Ungenügen an den bisherigen Gestaltungen des Seins die Aufforderung, es noch unrealisierten Idealen anzupassen. (<84)

Das einzelne sittliche Ideal, sobald es nur irgend allgemeineren Charakter trägt, und also eine grössere Summe einzelner Erfahrungen und Antriebe in sich zur Einheit und Ausgleichung bringt, wird deshalb zu den realen Verhältnissen der sozialen Gruppe, in der es sich gebildet hat, immer ein halb bejahendes und halb verneinendes Verhältnis haben.

Das griechische Ideal der Sophrosyne, der schönen Selbstbeschränkung, jenes inneren Masshaltens, das gleichmässig vom Zuviel und vom Zuwenig absteht, wird doch nicht ganz richtig gedeutet, wenn man es nur als einen Ausdruck der ästhetischen Vollendung des griechischen Lebens ansieht.

So unmässige Leidenschaften, so extreme Schwankungen, so starke Übergriffe des Einzelnen und der Familien hat die griechische Geschichte gesehen, dass jenes Mass in allen Dingen nicht nur, weil es vielfach realisiert war, sondern gerade auch, weil es vielfach nicht realisiert war, zum sittlichen Ideale wurde.

Wie nach dem schönen Worte Platos die Liebe ein mittlerer Zustand zwischen Haben und Nichthaben ist, so ist auch das Sollen ein solcher; es ist ebenso an die Wirklichkeit geknüpft, wie es von ihr gelöst ist.


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
Soziologisches Institut
der Universität Zürich
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