Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
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Georg Simmel: Soziologie
Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung

Duncker & Humblot, Berlin 1908 (1. Auflage) 

Kapitel V: Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft

Exkurs über den schriftlichen Verkehr (S. 287-288)

(>287) Einige Bemerkungen über die Soziologie des Briefes ordnen sich hier ein, weil der Brief ersichtlich auch von der Kategorie der Geheimhaltung her eine ganz eigenartige Konstellation darbietet. 
Zunächst hat die Schriftlichkeit ein aller Geheimhaltung entgegengesetztes Wesen. 

Vor dem allgemeinen Gebrauch der Schrift mußte jede, noch so einfache rechtliche Transaktion vor Zeugen abgeschlossen werden. 
Die schriftliche Form ersetzt dies, indem sie eine zwar nur potentielle, aber dafür unbegrenzte »Oeffentlichkeit« einschließt; sie bedeutet, daß nicht nur die Zeugen, sondern überhaupt ein jeder wissen kann, daß dies Geschäft abgeschlossen ist. 

Unserm Bewußtsein steht die eigentümliche Form zur Verfügung, die man nur als »objektiven Geist« bezeichnen kann: Naturgesetze und sittliche Imperative, Begriffe und künstlerische Gestaltungen, die für jeden, der sie ergreifen will und kann, gleichsam bereitliegen, in ihrer zeitlosen Gültigkeit aber davon unabhängig sind, ob, wann, von wem dieses Ergreifen geschieht. 

Die Wahrheit, die als geistiges Gebilde durchaus andren Wesens ist, als ihr vergänglicher realer Gegenstand, bleibt wahr, ob sie gewußt und anerkannt wird oder nicht, das sittliche und juristische Gesetz gilt, gleichviel ob ihm nachgelebt wird oder nicht. 

Von dieser unermeßlich bedeutsamen Kategorie ist die Schriftlichkeit ein Symbol oder ein sinnlicher Träger. 

Der geistige Inhalt, einmal niedergeschrieben, hat damit eine objektive Form erhalten, eine prinzipielle Zeitlosigkeit seines Da-Seins, einer Unbeschränktheit - im Nacheinander wie Nebeneinander - von Reproduktionen in subjektiven Bewußtseinen zugängig, ohne aber seine Bedeutung und Gültigkeit, da sie fixiert ist, von dem Kommen oder Ausbleiben dieser seelischen Realisierungen durch Individuen abhängig zu machen. 

So besitzt das Geschriebene eine objektive Existenz, die auf jede Garantie des Geheimbleibens verzichtet. 

Aber diese Ungeschütztheit gegen jede beliebige Kenntnisnahme läßt vielleicht die Indiskretion gegen den Brief als etwas ganz besonders Unedles empfinden, so daß für feinere Gefühlsweisen grade die Wehrlosigkeit des Briefes zu einer Schutzwehr seines Geheimbleibens wird. 

Darin, daß der Brief so an die objektive Aufhebung aller Sicherung des Geheimnisses gerade die subjektive Steigerung dieser Sicherheit knüpft, strömen die eigentümlichen Gegensätze zusammen, die überhaupt den Brief als soziologisches Phänomen tragen. 

Die Form der brieflichen Äußerung bedeutet eine Objektivierung ihres Inhaltes, die hier eine besondere Synthese einerseits mit dem Bestimmtsein für ein einzelnes Individuum bildet, andrerseits mit dem Korrelat dieses: der Personalität und Subjektivität, mit der sich der Briefschreiber, im Unterschiede vom Schriftsteller, gibt. 

Und gerade in der letzteren Hinsicht ist der Brief als Verkehrsform etwas ganz Einzigartiges. 

Bei unmittelbarer Gegenwärtigkeit gibt jeder Teilnehmer des Verkehrs dem andern mehr, als den bloßen Inhalt seiner Worte; indem man sein Gegenüber sieht, und in die mit Worten gar nicht auszudrückende Stimmungssphäre desselben eintaucht, die tausend Nuancen in der Betonung und im Rhythmus seiner Äußerungen fühlt, erfährt der logische oder der gewollte Inhalt seiner Worte eine Bereicherung und Modifikation, für die der Brief nur äußerst dürftige Analogien bietet; und auch diese werden im ganzen nur aus Erinnerungen des persönlichen Verkehrs erwachsen. 

Es ist der Vorzug und der Nachteil des Briefes, prinzipiell den reinen Sachgehalt unsres momentanen Vorstellungslebens zu geben und das zu verschweigen was man nicht sagen kann oder will. 

Und nun ist das Charakteristische, daß der Brief, wenn er sich nicht etwa nur durch seine Ungedrucktheit von einer Abhandlung unterscheidet, dennoch etwas ganz Subjektives, Augenblickliches, nur Persönliches ist, und zwar keineswegs nur, wenn es sich um lyrische Expektorationen, sondern auch wenn es sich um durchaus konkrete Mitteilungen handelt. 

Diese Objektivierung des Subjektiven, diese (> 288) Entkleidung des letzteren von allem, was nun gerade jetzt von der Sache und von sich selbst nicht offenbaren will, ist nur in Zeiten hoher Kultur möglich, wo man die psychologische Technik hinreichend beherrscht, um den momentanen Stimmungen und Gedanken, die auch nur als momentane, der aktuellen Anforderung und Situation entsprechende, gedacht und aufgenommen werden, dennoch Dauerform zu verleihen. 

Wo eine innere Produktion den Charakter des »Werkes« hat, ist diese Dauerform durchaus adäquat; im Brief aber liegt ein Widerspruch zwischen dem Charakter des Inhalts und dem der Form, den zu produzieren, zu ertragen und auszunutzen es einer beherrschenden Objektivität und Differenziertheit bedarf.

Diese Synthese findet ihre weitere Analogie in der Mischung von Bestimmtheit und Vieldeutigkeit, die der schriftlichen Äußerung, zuhöchst dem Brief, eigen ist. 

Dies sind überhaupt, auf die Äußerungen von Mensch zu Mensch angewandt, soziologische Kategorien ersten Ranges, in deren allgemeinen Bezirk ersichtlich die ganzen Erörterungen dieses Kapitels gehören. 

Es handelt sich indes hier nicht einfach um das Mehr oder Weniger, das der Eine von sich dem Andern zu erkennen gibt, sondern darum, daß das Gegebene für den Empfänger mehr oder weniger deutlich ist und daß einem Mangel an Deutlichkeit, wie zum Ausgleich, eine proportionale Mehrheit möglicher Deutungen entspricht. 

Sicher gibt es kein irgend dauernderes Verhältnis von Menschen, in dem nicht die wechselnden Maße der Deutlichkeit und der Deutbarkeit der Äußerungen eine durchaus wesentliche, wenngleich meistens nur an ihren praktischen Resultaten bewußt werdende Rolle spielen. 

Die schriftliche Äußerung erscheint zunächst als die sichrere, als die einzige, von der sich »kein Jota rauben läßt«. 

Allein diese Prärogative des Geschriebenen ist eine bloße Folge eines Mangels: daß ihr die Begleiterscheinungen des Stimmklanges und der Akzentuieruing, der Gebärde und der Miene fehlen, die für das gesprochene Wort ebenso eine Quelle der Verundeutlichung wie der Verdeutlichung sind. 

Tatsächlich aber pflegt sich der Empfangende nicht mit dem rein logischen Wortsinne zu begnügen, den der Brief freilich unzweideutiger als die Rede überliefert, ja unzählige Male kann er dies gar nicht, weil um auch nur den logischen Sinn zu begreifen, es mehr als des logischen Sinnes bedarf. 

Darum ist der Brief, trotz oder, richtiger, wegen seiner Deutlichkeit, viel mehr als die Rede der Ort der »Deutungen« und deshalb der Mißverständnisse.

Entsprechend dem Kulturniveau, auf dem überhaupt eine auf schriftlichen Verkehr gestellte Beziehung oder Beziehungsperiode möglich ist, sind auch deren qualitative Bestimmungen hier in scharfer Differenziertheit auseinander getreten: was in den menschlichen Äußerungen ihrem Wesen nach deutlich ist, ist am Brief deutlicher als an der Rede, das, was an ihnen prinzipiell vieldeutig ist, ist dafür am Brief vieldeutiger als an der Rede. 

Drückt man dies an den Kategorien der Freiheit und der Gebundenheit aus, die der Empfangende gegenüber der Äußerung besitzt: so ist sein Verständnis in bezug auf ihren logischen Kern durch den Brief gebundener, in bezug auf ihren tieferen und persönlichen Sinn aber freier, als gegenüber der Rede. 

Man kann sagen, daß die Rede durch alles das, was sie an Sichtbarem, aber nicht Hörbarem, und an Imponderabilien des Sprechers selbst umgibt, sein Geheimnis offenbart, der Brief es aber verschweigt. 

Der Brief ist deshalb deutlicher, wo es auf das Geheimnis des Andern nicht ankommt, undeutlicher und vieldeutiger aber, wo dies der Fall ist. 

Unter dem Geheimnis des Andern verstehe ich seine logisch nicht ausdrückbaren Stimmungen und Seinsqualitäten, auf die wir doch unzählige Male zurückgreifen, selbst um die eigentliche Bedeutung ganz konkreter Äußerungen zu verstehen. 

Bei der Rede sind diese Deutungshilfen mit dem begrifflichen Inhalt so verschmolzen, daß sich eine völlige Einheit des Verständnisses ergibt; vielleicht ist dies der entscheidendste Fall der allgemeinen Tatsache, dass der Mensch das, was er wirklich sieht, hört, erfährt, und das, was seine Interpretation durch Zusetzen, Abziehen, Umformen daraus macht, überhaupt nicht auseinanderzuhalten imstande ist. 
Es gehört zu den geistigen Erfolgen des schriftlichen Verkehrs, daß er aus dieser naiven Einheitlichkeit eines ihrer Elemente herausdifferenziert und dadurch die Vielheit jener prinzipiell geschiedenen Faktoren veranschaulicht, die unser scheinbar so einfaches gegenseitiges »Verstehen« ausmachen. 

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Editorial:

Prof. Hans Geser
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