Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
presents: Georg Simmel Online

  Sociology in Switzerland   Georg Simmel Online Georg Simmel: Soziologie

 

Georg Simmel: Soziologie
Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung

Duncker & Humblot, Berlin 1908 (1. Auflage) 

Kapitel VIII: Die Selbsterhaltung der sozialen Gruppe

Exkurs über Treue und Dankbarkeit (S. 438-447)

Die Treue gehört zu jenen allerallgemeinsten Verhaltungsweisen, die für alle Wechselwirkungen unter Menschen, die nicht nur materiell, sondern auch soziologisch verschiedenartigsten, bedeutsam werden können.

In Über- und (> 439) Unterordnungen wie in Gleichstellungen, innerhalb kollektiver Gegnerschaft gegen einen Dritten wie innerhalb kollektiver Freundschaften, in Familien wie dem Staat gegenüber, in der Liebe wie dem Verhältnis zum Berufskreise - in all diesen Gebilden, rein auf ihre soziologische Konstellation hin angesehen, wird die Treue und ihr Gegenteil wichtig, gleichsam als eine soziologische Form zweiter Ordnung, als der Träger der bestehenden und sich konservierenden Beziehungsarten zwischen Elementen; in ihrer Allgemeinheit verhält sie sich gewissermaßen zu den von ihr erhaltenen soziologischen Formen, wie diese sich zu den materiellen Inhalten und Motiven des gesellschaftlichen Daseins verhalten. -

Ohne die Erscheinung, die wir Treue nennen, würde die Gesellschaft überhaupt nicht in der tatsächlich gegebenen Weise irgendeine Zeit hindurch existieren können.

Die Momente, die ihre Erhaltung tragen: Eigeninteresse der Elemente und Suggestion, Zwang und Idealismus, mechanische Gewohnheit und Pflichtgefühl, Liebe und Trägheit - würden sie vor dem Auseinanderbrechen nicht bewahren können, wenn nicht alle durch das Moment der Treue ergänzt würden; freilich ist Maß und Bedeutung dieses Momentes im einzelnen Fall nicht bestimmbar, weil die Treue, in ihrer praktischen Wirkung, immer ein andres Gefühl ersetzt, von dem kaum je die allerletzte Spur verschwunden sein wird; was diesem, was der Treue zuzuschreiben ist, verschlingt sich zu einem Gesamterfolg, der der quantitativen Analyse widersteht.

Wegen des Ergänzungscharakters, der der Treue zukommt, ist z. B. ein Ausdruck wie: treue Liebe - einigermaßen irreführend.

Wenn in einem Verhältnis zwischen Menschen die Liebe fortbesteht - wozu bedarf es dann der Treue?

Wenn die Individuen nicht schon im ersten Moment durch die Treue zusammengebunden sind, sondern durch die ganz primäre, genuine Seelendisposition der Liebe - warum musste nach zehn Jahren noch die Treue als Hüterin des Verhältnisses hinzukommen, da doch, nach der Voraussetzung, jene Liebe nach zehn Jahren noch eben dieselbe ist und ganz allein von sich aus dieselbe zusammenbindende Kraft bewähren muss, wie in ihrem ersten Augenblick?

Will der Sprachgebrauch die einfach dauernde Liebe als treue Liebe bezeichnen, so ist dagegen natürlich nichts einzuwenden, denn auf Worte kommt es nicht an; wohl aber darauf, dass es einen besonderen seelischen - und soziologischen - Zustand gibt, der die Dauer eines Verhältnisses noch über die Kräfte seines ersten Zustandekommens hinaus bewahrt, der diese Kräfte mit dem gleichen synthetischen Erfolge, wie sie selbst ihn hatten, überlebt und den wir nur Treue nennen können, trotzdem dies Wort noch die ganz andersartige Bedeutung: des Beharrens dieser Kräfte selbst - einschließt.

Man könnte die Treue als das Beharrungsvermögen der Seele bezeichnen, welches sie in einer einmal eingeschlagenen Bahn festhält, nachdem der Anstoß, der sie überhaupt in diese Bahn geführt, vorbeigegangen ist.

Es versteht sich von selbst, dass ich hier immer nur von der Treue als einer rein seelischen, von innen her wirksamen Verfassung spreche, nicht von einem rein äußeren Verhalten, wie z. B. innerhalb der Ehe der juristische Begriff der Treue überhaupt nichts Positives, sondern nur das Nicht-Stattfinden der Untreue bedeutet.

Es ist eine Tatsache von der größten soziologischen Wichtigkeit, dass unzählige Verhältnisse in ihrer soziologischen Struktur ungeändert beharren, auch wenn das Gefühl oder die praktische Veranlassung, die sie ursprünglich entstehen ließen, verschwunden sind.

Die sonst unbezweifelbare Wahrheit: Zerstören ist leichter als Aufbauen - gilt für gewisse menschliche Beziehungen nicht ohne weiteres.

Freilich fordert das Entstehen eines Verhältnisses eine bestimmte Zahl positiver und negativer Bedingungen, von denen das Ausbleiben einer einzigen sein Zustandekommen von vornherein verhindert.

Allein, ist es einmal entstanden, so wird es durch den nachträglichen Ausfall jener Bedingung, ohne die es vorher nicht erwachsen wäre, noch keineswegs immer zerstört.

Ein erotisches Verhältnis etwa, auf Grund körperlicher Schönheit entstanden, kann sehr wohl deren Schwinden und ihren Übergang in Hässlichkeit überleben.

Was man von Staaten gesagt hat: dass sie nur durch dieselben Mittel erhalten werden, durch die sie gegründet sind - ist nur eine sehr partielle Wahrheit und nichts weniger als ein durchgängiges Prinzip der Vergesellschaftung überhaupt.

Die soziologische Verknüpftheit vielmehr, woraus auch immer entstanden, bildet eine Selbsterhaltung aus, einen Eigenbestand ihrer Form, unabhängig von ihren ursprünglich verknüpfenden Motiven.

Ohne dieses Beharrungsvermögen der einmal konstituierten Vergesellschaftungen würde die (> 440) Gesellschaft als ganze in jedem Augenblick zusammenbrechen oder in unausdenkbarer Weise verändert werden.

Die Konservierung der Einheitsform wird psychologisch durch vielerlei Momente getragen, intellektuelle und praktische, positive und negative.

Die Treue ist darunter der gefühlsmäßige Faktor, oder auch sie selbst in der Gestalt des Gefühls, in ihrer Projizierung auf die Ebene des Gefühls.

Das hier in Frage stehende Gefühl - dessen Qualität nur in ihrer psychischen Wirklichkeit festgestellt werden soll, gleichviel, ob man dies als zureichende Definition des Begriffs der Treue akzeptiert oder nicht - lässt sich also so bestimmen.

Den Verhältnissen, die sich zwischen Individuen anspinnen, entspricht in diesen ein auf das Verhältnis gerichtetes spezifisches Gefühl, ein Interesse, ein Impuls.

Besteht das Verhältnis nun weiter, so entsteht, in Wechselwirkung mit diesem Weiterbestand, ein besonderes Gefühl, oder auch: jene ursprünglich begründenden seelischen Zustände metamorphosieren sich - vielfach, wenn auch nicht immer - in eine eigentümliche Form, die wir Treue nennen, gleichsam in ein psychologisches Sammelbecken oder eine Gesamtheits- oder Einheitsform für die mannigfaltigsten Interessen, Affekte, Bindungsmotive; und über alle Verschiedenheit ihres Ursprungs hinweg nehmen sie in der Form der Treue eine gewisse Gleichmäßigkeit an, die begreiflich den Dauercharakter dieses Gefühles begünstigt.

Es ist also nicht das gemeint, was man treue Liebe, treue Anhänglichkeit usw. nennt und was einen gewissen Modus oder zeitliche Quantität eines sonst schon bestimmten Gefühles bedeutet, sondern ich meine, dass die Treue ein eigner Seelenzustand ist, gerichtet auf den Bestand des Verhältnisses als solchen, und unabhängig von den spezifischen Gefühls- oder Willensträgern seines Inhaltes.

Diese seelische Verfassung der Individuen, in so verschiedenen Graden sie hier auftritt, gehört zu den apriorischen Bedingungen der Gesellschaft, zu denjenigen, die diese, mindestens in ihrer uns bekannten Existenz, erst möglich machen - obgleich sie in äußerst verschiedenen Graden auftritt , die indes wohl nie bis zum Nullpunkt sinken können, der absolut treulose Mensch, dem der Übergang der Beziehungen-bildenden Affekte in das besondere, auf die Erhaltung der Beziehung gerichtete Gefühl schlechthin unmöglich wäre, ist keine ausdenkbare Erscheinung.

Man könnte so die Treue als einen Induktionsschluss des Gefühles bezeichnen.

Eine Beziehung hat in dem und in dem Moment bestanden.

Daraus zieht das Gefühl - in einer formalen Ähnlichkeit mit der theoretischen Induktion - den weiteren Schluss: also besteht sie auch in einem späteren Moment; und wie man in dem intellektuellen Induktionsschlusses den späteren Fall sozusagen nicht mehr als Tatsache festzustellen braucht, weil Induktion eben bedeutet, dass einem dies erspart bleibt, so findet in sehr vielen Fällen jener spätere Moment die Realität des Gefühls, des Interesses gar nicht mehr vor, sondern er ersetzt diese durch jenen induktiv entstandenen Zustand, den man die Treue nennt.

Man muss (und das gehört zu den soziologischen Grundlagen) bei sehr vielen Verhältnissen und Verbindungen der Menschen untereinander darauf rechnen, dass die bloße Gewöhnung des Zusammenseins, dass das bloß tatsächlich längere Bestehen der Beziehung diesen Induktionsschluss des Gefühls mit sich bringt.

Und das erweitert den Begriff der Treue und bringt ein sehr wichtiges Moment hinzu: der äußerlich bestehende soziologische Zustand, das Zusammen, kooptiert gewissermaßen die Gefühle, welche ihm eigentlich entsprechen, obgleich sie am Anfang und in bezug auf die Begründung der Beziehung nicht vorhanden waren.

Der Prozess der Treue wird hier gewissermaßen rückläufig.

Die seelischen Motive, die eine Beziehung knüpfen, geben der geknüpften gegenüber für das spezifische Gefühl der Treue Raum oder verwandeln sich in dieses.

Ist nun aus irgendwelchen äußerlichen Gründen oder wenigstens solchen seelischen, die dem Sinne der Vereinigung nicht entsprechen, eine solche zustande gekommen, so erwächst dennoch ihr gegenüber eine Treue, und diese lässt die tieferen und der Vereinigung adäquaten Gefühlszustände sich entwickeln, jene wird gleichsam per subsequens matrimonium animarum legitimiert.

Die banale Weisheit, die man oft gegenüber konventionellen oder aus rein äußeren Gründen geschehenden Eheschließungen hört: die Liebe käme schon noch in der Ehe, ist tatsächlich nicht immer im Unrecht.

Hat der Bestand des Verhältnisses erst einmal sein psychologisches Korrelat in der Treue gefunden, so folgen dieser schließlich auch ihre Affekte, Herzensinteressen, innere Bindungen, die statt ihrer sozusagen logischen Stellung am Anfang der Beziehung sich nun vielmehr (> 441) als deren Endresultat herausstellen - eine Entwicklung, die freilich ohne das Mittelglied der Treue, des auf die Erhaltung des Verhältnisses als solchen gerichteten Affektes, nicht eintritt.

Entsprechend der psychologischen Assoziation, die, nachdem die Vorstellung B einmal an die Vorstellung A geknüpft ist, nun auch in umgekehrter Richtung wirkt und A in das Bewusstsein ruft, wenn B in ihm auftaucht - dieser entsprechend führt die soziologische Form auf dem angedeuteten Wege zu dem ihr entsprechenden inneren Zustand, während sonst dieser zu jener führt.

Man hat in Frankreich, um die Kindesaussetzung und die Übergabe der Kinder an die Findelhäuser möglichst einzuschränken, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dort die sogenannten »secours temporaires« eingeführt, ziemlich reichliche Unterstützungen an unverheiratete Mütter, wenn sie ihre Kinder in eigener Pflege behalten; und die Urheber dieser Maßregel haben auf Grund eines sehr reichhaltigen Beobachtungsmaterials zugunsten davon angeführt, dass in der ganz überwiegenden Mehrzahl der Fälle, wenn es überhaupt nur gelänge, das Kind irgendwelche Zeit bei der Mutter zu halten, dann keine Gefahr mehr wäre, dass sie sich von ihm trennte.

Während eigentlich das natürliche Gefühlsband der Mutter zum Kinde dazu führen sollte, dass sie es bei sich behält, wird dies offenbar nicht immer wirksam.

Gelingt es aber, die Mutter aus äußerlichen Gründen, um sich den Vorteil dieser secours temporaires zu sichern, zu bewegen, dass sie das Kind auch nur eine Weile bei sich behält, so lässt dieses äußere Verhältnis allmählich seine Gefühlsgrundlage unter sich aufwachsen. -

Eine besondere Zuspitzung erfahren diese psychologischen Konstellationen in der Erscheinung des Renegaten, an dem man eine typische Treue gegen seine neue politische, religiöse oder sonstige Partei beobachtet hat, die die Treue der von jeher dieser zugehörigen Elemente ceteris paribus an Bewusstheit und Entschiedenheit überträfe.

Das geht so weit, dass vielfach in der Türkei im 16. und 17. Jahrhundert geborene Türken überhaupt nicht die hohen Staatsstellungen bekleiden durften, sondern dass man dazu ausschließlich Janitscharen nahm, d. h. also, geborene Christen, die entweder freiwillig übergetreten waren oder Christenkinder, die man ihren Eltern geraubt und als Türken aufgezogen hatte.

Sie waren die treusten und tatkräftigsten Untertanen.

Mir scheint diese besondere Treue des Renegaten darauf zu beruhen, dass die Umstände, unter denen er das neue Verhältnis eingegangen ist, bei ihm länger und nachhaltiger wirken, als wenn er sozusagen naiv und ohne Bruch mit einem andern hineingewachsen wäre.

Ist die Treue, soweit sie uns hier angeht, das im Gefühl reflektierte Eigenleben der Beziehung, unter Gleichgültigkeit gegen das eventuelle Verschwinden ihrer ursprünglich begründenden Motive, so wird sie umso energischer und sicherer wirken, je länger dennoch jene Motive mitleben, je geringere Belastungsproben der Kraft der reinen Form, der Beziehung als solcher, zugemutet werden; und dies wird bei dem Renegaten ganz besonders der Fall sein, auf das scharfe Bewusstsein hin - er kann nicht zurück, - daraufhin, dass für ihn, wie in einer Art Unterschiedsempfindlichkeit, das andre Verhältnis, aus dem er sich unwiderruflich gelöst hat, immer den Hintergrund des jetzt bestehenden Verhältnisses bildet.

Er wird gleichsam immer von neuem von dort repelliert und in das neue Verhältnis hineingedrängt

Die Treue des Renegaten ist so besonders stark, weil sie noch in sich schließt, was die Treue als Treue entbehren kann: das bewusste Weiterleben der Beziehungsmotive, das sich mit der formalen Kraft eben dieser Beziehung hier dauernder verschmilzt, als in den Fällen, denen diese entgegengesetzte Vergangenheit und dieser Ausschluss des Zurück- und Anderskönnens abgeht.

Schon die reine begriffliche Struktur der Treue zeigt sie als einen soziologischen oder, wenn man will, soziologisch orientierten Affekt.

Andere Gefühle, so sehr sie den Menschen an den Menschen binden mögen, haben dennoch etwas mehr Solipsistisches.

Auch die Liebe, die Freundschaft, der Patriotismus, das soziale Pflichtgefühl, haben doch ihr Wesen zunächst in einem Affekt, welcher in dem Subjekt selbst und immanent in ihm vor sich geht und beharrt, wie es sich am stärksten vielleicht in dem Worte Philines offenbart- »Wenn ich dich liebe, was geht's dich an?«

Hier bleiben also die Affekte trotz ihrer unendlichen soziologischen Bedeutung zunächst Zustände des Subjekts.

Sie entstehen zwar nur durch die Einwirkung von andern Individuen oder Gruppen, aber sie tun es auch, bevor diese Einwirkung in Wechselwirkung übergegangen ist. sie brauchen mindestens, wenn sie sich auch auf andre Wesen richten, doch (> 442) nicht das Verhältnis mit diesen zu ihrer realen Voraussetzung oder Inhalt zu haben.

Dies eben ist gerade der Sinn der Treue (wenigstens der hier fragliche, obgleich sie sprachgebräuchlich auch noch andre Bedeutungen hat), sie ist das Wort für das eigentümliche Gefühl, das nicht auf unser Besitzen des Andern, als auf ein eudämonistisches Gut des Fühlenden, auch nicht auf das Wohl des Andern, als auf einen dem Subjekt gegenüberstehenden objektiven Wert geht, sondern auf die Erhaltung der Beziehung zum Andern; sie stiftet diese Beziehung nicht und kann infolgedessen nicht, wie alle jene Affekte, vorsoziologisch sein, sondern durchströmt die gestiftete, eines ihrer Elemente an dem andern festhaltend, als die Innenseite ihrer Selbsterhaltung.

Vielleicht hängt dieser spezifisch-soziologische Charakter der Treue damit zusammen, dass sie mehr als unsre andern Gefühle, die über uns kommen wie Regen und Sonnenschein und ohne dass unser Wille über ihr Kommen und Gehen Herr wäre, unsern moralischen Vornahmen zugängig ist, dass ihr Versagen uns ein stärkerer Vorwurf ist, als wenn Liebe oder Sozialgefühl - jenseits ihrer bloß pflichtmäßigen Betätigungen - ausbleiben.

Diese besondere soziologische Bedeutung der Treue aber lässt sie noch eine vereinigende Rolle in einem ganz fundamentalen, die prinzipielle Form aller Vergesellschaftung tangierenden Dualismus spielen.

Es ist dieser: dass ein Verhältnis, das ein fluktuierender, fortwährend sich entwickelnder Lebensprozess ist, eine relativ stabile, äußere Form erhält; die soziologischen Formen des Miteinanderumgehens, der Einheitsbildung, der Darstellung nach außen können den Wandlungen ihrer Innerlichkeit, d. h. der auf den Andern bezüglichen Vorgänge in jedem Individuum, überhaupt nicht mit genauer Anpassung folgen, beide Schichten haben ein verschiedenes Entwicklungstempo, oder es ist auch oft das Wesen der äußeren Form, sich überhaupt nicht eigentlich zu entwickeln.

Das stärkste äußere Fixierungsmaß innerlich variabler Verhältnisse ist offenbar das rechtliche: die Eheform, die den Wandlungen des personalen Verhältnisses ganz unnachgiebig gegenübersteht; der Kontrakt zwischen zwei Sozien, der den Geschäftsgewinn zwischen ihnen halbiert, trotzdem sich bald herausstellt, dass der eine alles, der andre nichts leistet; die Zugehörigkeit zu einer städtischen oder religiösen Gemeinde, die den Individuen völlig fremd oder antipatisch wird.

Aber auch jenseits solcher ostensiblen Fälle ist es auf Schritt und Tritt bemerkbar, wie die zwischen Individuen - und auch zwischen Gruppen - sich entspinnenden Beziehungen sogleich zu einer Verfestigung ihrer Form neigen und wie diese nun ein mehr öder weniger starres Präjudiz für den weiteren Verlauf des Verhältnisses bilden und ihrerseits gar nicht imstande sind, sich der vibrierenden Lebendigkeit, den leiseren oder stärkeren Wandlungen der konkreten Wechselbeziehung anzupassen.

Dies wiederholt übrigens nur die Diskrepanz innerhalb des Individuums.

Das innere Leben, das wir als Strömung, unaufhaltsamen Prozess, Auf und Nieder der Gedanken und Stimmungen empfinden, kristallisiert für uns selbst zu Formeln und festgelegten Richtungen, oft schon dadurch, dass wir es in Worte fassen.

Mag es auch dadurch zu konkreten, im Einzelnen fühlbaren Inadäquatheiten nicht oft kommen; mag in glücklichen Fällen die feste äußere Form den Schwerpunkt oder Indifferenzpunkt darstellen, um den das Leben gleichmäßig nach der einen und nach der andern Seite hin oszilliert - so bleibt doch der prinzipielle, formale Gegensatz zwischen dem Fließen, der wesentlichen Bewegtheit des subjektiven Seelenlebens und der Fähigkeit seiner Formen, die nicht etwa ein Ideal, einen Gegensatz gegen seine Wirklichkeit sondern gerade dieses Leben selbst ausdrücken und gestalten.

Weil die äußeren Formen, im individuellen wie im gesellschaftlichen Leben, nicht fließen, wie die innere Entwicklung selbst, sondern immer für eine gewisse Zeit fixiert bleiben, ist es ihr Schema: dass sie dieser inneren Wirklichkeit bald voraneilen, bald hinter ihr zurückbleiben.

Gerade wenn überlebte Formen durch das hinter ihnen pulsierende Leben zerbrochen werden, schwingt dieses sozusagen in ein entgegengesetztes Extrem und schafft Formen, die jenem realen Leben voraneilen und von ihm noch nicht ganz ausgefüllt werden - anhebend von ganz persönlichen Beziehungen, wo z. B. das Sie unter Freunden oft schon lange als eine der Wärme des Verhältnisses unangemessene Steifheit empfunden wird, das Du dann aber ebenso oft, mindestens am Anfang, als ein ganz leises Zuviel wirkt, als die Antizipation einer doch erst noch zu gewinnenden völligen Intimität; bis zu Änderungen der politischen Verfassung, die überlebte, zu unerträglichem Zwang gewordene Formen durch freiheitliche und weitere ersetzen, (> 443) ohne dass doch die Wirklichkeit der politischen und wirtschaftlichen Kräfte für diese schon immer reif wäre, einen vorläufig zu weiten Rahmen an Stelle eines zu engen setzend. -

Die Treue nun, in ihrem hier auseinandergesetzten Sinne, hat gegenüber diesem Schema des sozialen Lebens die Bedeutung: dass mit ihr tatsächlich einmal die personale, fluktuierende Innerlichkeit den Charakter der fixierten, stabilen Form des Verhältnisses annimmt, dass diese soziologische, jenseits des unmittelbaren Lebens und seines subjektiven Rhythmus verharrende Festigkeit hier wirklich zum Inhalt des subjektiven, gefühlsmäßig bestimmten Lebens geworden ist.

Von den unzähligen Modifikationen, Abbiegungen, Verschlingungen der konkreten Schicksale abgesehen, ist die Treue die Brücke und Versöhnung für jenen tiefen, wesensmäßigen Dualismus, der die Lebensform der individuellen Innerlichkeit von der der Vergesellschaftung abspaltet, die doch von jener getragen wird; die Treue ist jene Verfassung der bewegten, in kontinuierlichem Flusse sich auslebenden Seele, mit der sie die Stabilität der überindividuellen Verhältnisform nun dennoch sich innerlich zu eigen macht, mit der sie einen Inhalt, dessen Form der Rhythmik oder Unrhythmik des wirklich gelebten Lebens widersprechen muss, - obgleich sie selbst ihn geschaffen hat - in dieses Leben als seinen Sinn und Wert aufnimmt.

In viel geringerem Maße als an der Treue tritt der soziologische Charakter an dem Affekte der Dankbarkeit unmittelbar hervor.

Die soziologische Bedeutung der Dankbarkeit indes ist eine kaum zu überschätzende; nur die äußere Geringfügigkeit ihrer einzelnen Akte - der aber die ungeheure Breite ihrer Wirksamkeit gegenübersteht - scheint bisher völlig darüber hinweggetäuscht zu haben, dass das Leben und der Zusammenhalt der Gesellschaft ohne die Tatsache der Dankbarkeit unabsehbar geändert wäre.

Es ist zunächst eine Ergänzung der rechtlichen Ordnung, die die Dankbarkeit vollbringt.

Aller Verkehr der Menschen beruht auf dem Schema von Hingabe und Äquivalent.

Nun kann für unzählige Hingaben und Leistungen das Äquivalent erzwungen werden.

Bei allen wirtschaftlichen Tauschen, die in Rechtsform geschehen, bei allen fixierten Zusagen für eine Leistung, bei allen Verpflichtungen aus einer rechtlich regulierten Beziehung erzwingt die Rechtsverfassung das Hin- und Hergehen von Leistung und Gegenleistung und sorgt für diese Wechselwirkung, ohne die es keine soziale Balance und Zusammenhalt gibt.

Nun bestehen aber unzählige Beziehungen, für welche die Rechtsform nicht eintritt, bei der von einem Erzwingen des Äquivalents für die Hingabe nicht die Rede sein kann.

Hier tritt als Ergänzung die Dankbarkeit ein, jenes Band der Wechselwirkung, des Hin- und Hergehens von Leistung und Gegenleistung auch da spinnend, wo kein äußerer Zwang es garantiert.

Die Dankbarkeit ist so in demselben Sinne eine Ergänzung der Rechtsform, wie ich die Ehre als eine solche aufwies.

Um diese Verknüpfung in ihrer Sonderart richtig einzuordnen, muss man sich zunächst klarmachen, dass die persönliche, aber an Sachen ausgeübte Aktion von Mensch auf Mensch, wie sie etwa im Raub oder im Geschenk, den primitiven Formen des Besitzwechsels, liegt, sich zum Tausch im objektiven Sinne des Wortes entwickelt.

Der Tausch ist die Sachwerdung der Wechselwirkung zwischen Menschen.

Indem einer eine Sache gibt und der andre eine Sache zurückgibt, welche denselben Wert hat, hat sich die reine Seelenhaftigkeit der Beziehungen zwischen den Menschen herausprojiziert in Gegenstände, und diese Versachlichung der Beziehung, das Hineinwachsen ihrer in die Dinge, welche hin. und herwandern, wird so vollkommen, dass in der ausgebildeten Wirtschaft überhaupt jene persönliche Wechselwirkung ganz und gar zurücktritt und die Waren ein Eigenleben gewonnen haben, die Beziehungen zwischen ihnen, die Wertausgleichungen zwischen ihnen automatisch, bloß rechnerisch stattfinden und die Menschen nur noch als die Exekutoren der in den Waren selbst angelegten Tendenzen zur Verschiebung und Ausgleichung auftreten.

Es wird objektiv Gleiches gegen objektiv Gleiches gegeben, und der Mensch selbst, obgleich er selbstverständlich um seines Interesses willen den Prozess vollzieht, ist eigentlich gleichgültig.

Die Beziehung der Menschen ist Beziehung der Gegenstände geworden.

Die Dankbarkeit nun entsteht gleichfalls aus und in der Wechselwirkung zwischen Menschen, und zwar nach innen hin ebenso, wie nach außen hin jene Beziehung der Dinge daraus erwachsen ist.

Sie ist das subjektive Residuum des Aktes des Empfangens oder auch des Hingebens.

Wie mit dem Tausch der Dinge die Wechselwirkung hinausstritt aus dem unmittelbaren Akte (> 444) der Korrelation, so sinkt mit der Dankbarkeit dieser Akt in seinen Folgen, in seiner subjektiven Bedeutung, in seinem seelischen Echo herunter in die Seele.

Sie ist gleichsam das moralische Gedächtnis der Menschheit, hierin von der Treue so unterschieden, dass sie praktischeren, impulsiveren Wesens ist, dass sie, obgleich sie natürlich auch rein im Inneren verbleiben kann, doch die Potenzialität neuer Handlungen ist, eine ideelle Brücke, welche die Seele sozusagen immer wieder vorfindet, um bei der leisesten Anregung, welche sonst vielleicht nicht genügen würde, eine neue Brücke zu schlagen, über sie hin sich dem Andern zu nähern.

Alle Vergesellschaftung jenseits ihres ersten Ursprungs beruht auf der Weiterwirkung der Beziehungen über den Moment ihres Entstehens hinaus.

Mag Liebe oder Gewinnsucht, Gehorsam oder Hass, Geselligkeitstrieb oder Herrschsucht eine Handlung von Mensch zu Mensch aus sich hervorgehen lassen: die schöpferische Stimmung pflegt sich in der Handlung nicht zu erschöpfen, sondern irgendwie in der durch sie geschaffenen soziologischen Situation weiterzuleben.

Die Dankbarkeit ist ein solches Weiterbestehen im entschiedensten Sinne, ein ideelles Fortleben einer Beziehung, auch nachdem sie etwa längst abgebrochen und der Aktus des Gebens und Empfangens längst abgeschlossen ist.

Obgleich die Dankbarkeit ein rein personaler oder, wenn man will, lyrischer Affekt ist, so wird sie, durch ihr tausendfaches Hin- und Herweben innerhalb der Gesellschaft, zu einem ihrer stärksten Bindemittel; sie ist der fruchtbare Gefühlsboden, aus dem nicht nur einzelne Aktionen von Einem zum Andern hin erwachsen, sondern durch dessen fundamentales, wenn auch oft unbewusstes und in unzählige andre Motivierungen verwebtes Dasein den Aktionen eine einzigartige Modifikation oder Intensität zuwächst, ein Verbundensein mit dem Früheren, ein Hineingeben der Persönlichkeit, eine Kontinuität des Wechsellebens.

Würde mit einem Schlage jede auf frühere Aktionen hin den Seelen verbliebene Dankreaktion ausgetilgt, so würde die Gesellschaft, mindestens wie wir sie kennen, auseinanderfallen.1)

Kann man alle äußerlich-innerlichen verbindenden Motive zwischen Individuen daraufhin ansehen, inwieweit sie den Tausch tragen, der die Gesellschaft zum großen Teil bildet, nicht nur die gebildete zusammenhält - so ist die Dankbarkeit eben jenes Motiv, das die Erwiderung der Wohltat von innen heraus bewirkt, wo von äußerer Notwendigkeit nicht die Rede ist.

Und die Wohltat ist nicht nur ein dingliches Geben von Person zu Person, sondern wir danken dem Künstler und dem Dichter, der uns nicht kennt, und diese Tatsache schafft unzählige ideelle und konkrete, lockere und festere Verbindungen zwischen denen, die solche Dankbarkeit gegen den gleichen Geber erfüllt; ja, nicht nur für das, was jemand überhaupt tut, danken wir ihm, sondern nur mit dem gleichen Begriff kann man das Gefühl bezeichnen, mit dem wir oft auf die bloße Existenz von Persönlichkeiten reagieren: wir sind ihnen dankbar, bloß weil sie da sind, weil wir sie erleben.

Und die feinsten und festesten Beziehungen knüpfen sich oft an dieses, von allem einzelnen Empfangen unabhängige Gefühl, das gerade unsre ganze Persönlichkeit dem Andern wie aus einer Dankespflicht darbringt, weil sie auch dem Ganzen seiner Persönlichkeit gilt.

Der konkrete Inhalt der Dankbarkeit nun, d. h. der Erwiderungen, zu denen sie uns veranlasst, gibt Modifikationen der Wechselwirkung Raum, deren Zartheit nicht ihre Bedeutung für die Struktur unsrer Beziehungen mindert.

Einen außerordentlichen Nuancenreichtum erfährt die Innerlichkeit dieser letzteren, (> 445) wenn eine erhaltene Gabe der seelischen Sachlage nach nur mit einer der Art nach andern Gegengabe erwidert werden kann.

So gibt der Eine vielleicht das dem Andern, was man Geist nennt, intellektuelle Werte - und der Andre zeigt seine Dankbarkeit darin, dass er Gemütswerte zurückgibt; oder er bietet einen ästhetischen oder sonstigen Reiz seiner Persönlichkeit dem Andern dar, der die stärkere Natur ist und jenem dafür gleichsam Willen infundiert, ihn mit Festigkeit und Entschließungskraft ausstattet.

Nun gibt es wahrscheinlich keine Wechselwirkung, in der das Hin und Her, das Geben und Nehmen ein ganz genau gleiches Quale betrifft.

Allein die Fälle, die ich hier erwähnt habe, sind die extremen Steigerungen dieser unvermeidlichen Verschiedenheit von Gabe und Gegengabe im Verhältnis der Menschen, und wo sie sehr entschieden und mit betontem Bewusstsein der Verschiedenheit auftreten, bilden sie ein ethisch wie theoretisch gleichmäßig schwieriges Problem dessen, was man die innere Soziologie nennen könnte.

Vielfach nämlich hat es einen Ton von leiser innerer Unangemessenheit, dass der Eine dem Andern seine intellektuellen Schätze darbietet, ohne etwa sein Gemüt erheblich in das Verhältnis hineinzuengagieren, während der Andre dafür nichts zu geben weiß als Liebe: all solche Fälle haben etwas Fatales für das Gefühl, weil sie irgendwie an Kauf erinnern.

Es ist der Unterschied zwischen Tausch im allgemeinen und Kauf, dass bei dem Begriff des Kaufes betont wird, dass der tatsächlich vor sich gehende Tausch zwei ganz heterogene Dinge betrifft, welche eben nur durch den gemeinsamen Geldwert zusammengehalten und vergleichbar werden.

Also wenn eine Handarbeit etwa in früheren Zeiten, als es noch kein Metallgeld gab, mit einer Kuh oder Ziege erkauft wurde, so waren das völlig heterogene Dinge, die aber durch den gemeinsam in beiden steckenden ökonomischen, abstrakt-allgemeinen Wert zusammengehalten und tauschbar wurden.

In der modernen Geldwirtschaft ist diese Heterogenität auf den Gipfel getrieben. Denn das Geld ist, weil es das Allgemeine, d. h. den Tauschwert, an allen vertauschbaren Gegenständen aus. drückt, nicht imstande, das Individuelle an eben diesen auszudrücken; und daher kommt über die Gegenstände, insoweit sie als verkäufliche figurieren, ein Ton von Deklassierung, von Herabsetzung des Individuellen an ihnen auf das Allgemeine, das diesem Dinge mit allen andern gleichfalls verkäuflichen und vor allen Dingen mit dem Gelde selbst gemeinsam ist.

Etwas von dieser prinzipiellen Heterogenität findet in den Fällen statt, die ich erwähnte, wo zwei Menschen sich gegenseitig verschiedenartige Güter ihrer Innerlichkeit darbieten, wo die Dankbarkeit für die Gabe sich gleichsam in einer ganz andern Münze realisiert und damit in den Tausch etwas von dem Charakter des Kaufes kommt, der hier a priori unangemessen ist.

Man kauft die Liebe mit dem, was man an Geist gibt.

Man kauft den Reiz eines Menschen, den man genießen will, durch die überlegene Suggestibilität und Willenskraft, welche er entweder über sich fühlen will oder welche er sich einflößen lassen will.

Das Gefühl einer gewissen Inadäquatheit oder Unwürdigkeit kommt hier indes nur auf, wenn die gegenseitigen Darbietungen als losgelöste Objekte, die man austauscht, wirken, wenn die gegenseitige Dankbarkeit nur die Wohltat, sozusagen nur den ausgetauschten Inhalt selbst betrifft.

Allein der Mensch ist doch, insbesondere in den Verhältnissen, die hier in Frage kommen, nicht der Kaufmann seiner selbst.

Seine Qualitäten, die von ihm ausströmenden Kräfte und Funktionen liegen doch nicht nur vor ihm wie die Waren auf dem Ladentisch, sondern es kommt darauf an, sich dahin durchzufühlen, dass der Mensch, auch wenn er nur ein Einzelnes gibt, nur eine Seite seiner Persönlichkeit darbietet, in dieser einen Seite doch vollkommen sein kann, seine Persönlichkeit in der Form dieser einzelnen Energie, dieses einzelnen Attributes, wie Spinoza sagen würde, dennoch ganz geben kann.

Jene Unverhältnismäßigkeit tritt nur ein, wo die Differenzierung innerhalb des Verhältnisses so vorgeschritten ist, dass, was der Eine dem Andern gibt, sich von der Gesamtheit seiner Persönlichkeit gelöst hat.

Wo dies indes nicht geschehen ist, entsteht grade hier ein wundervoll reiner Fall der sonst nicht sehr häufigen Kombination, dass die Dankbarkeit die Reaktion auf die Wohltat und auf den Wohltäter gleichmäßig in sich schließt.

In der scheinbar objektiven Erwiderung, die nur der Gabe gilt und die in einer andern Gabe besteht, ist es nun durch jene merkwürdige Plastizität der Seele möglich, die Ganzheit der Subjektivität des Einen wie des Andern sowohl hinzugeben wie hinzunehmen.

Der tiefste Fall dieser Art liegt vor, wenn die innere Gesamtstimmung, die (> 446) auf den Andern in der besonderen, Dankbarkeit genannten Weise eingestellt ist, nicht gleichsam nur eine Verbreiterung der eigentlich bestimmt umschriebenen Dankesreaktion auf das Ganze der Seele ist, sondern wenn, was wir von einem Andern an Gütern und Dankenswertem erfahren, nur wie eine Gelegenheitsursache ist, in der ein in der inneren Beschaffenheit der Seele vorbestimmtes Verhältnis zu jenem nur verwirklicht wird.

Hier greift das, was wir Dankbarkeit nennen und was dieser Stimmung gleichsam nur von einer einzelnen Erweisung her den Namen gegeben hat, sehr tief herunter unter die gewöhnliche, dem Objekt geltende Form des Dankes.

Man kann sagen, dass er hier im Tiefsten überhaupt nicht darin besteht, dass die Gabe erwidert wird, sondern in dem Bewusstsein, dass man sie nicht erwidern könne, dass hier etwas vorliegt, das die Seele des Empfangenden wie in einen gewissen Dauerzustand der andern gegenüber versetzt, eine Ahnung der inneren Unendlichkeit eines Verhältnisses zum Bewusstsein bringt, das durch keine endliche Erweisung oder Betätigung vollkommen erschöpft oder verwirklicht werden kann,

Dies berührt sich mit einer andern tiefgelegenen Inkommensurabilität, die den unter der Kategorie der Dankbarkeit verlaufenden Beziehungen durchaus wesentlich ist.

Wo wir von einem andern Dankeswertes erfahren haben, wo dieser »vorgeleistet« hat, können wir mit keiner Gegengabe oder Gegenleistung -- obgleich eine solche rechtlich und objektiv die erste überwiegen mag - dies vollkommen erwidern, weil in der ersten Leistung eine Freiwilligkeit regt, die bei der Gegenleistung nicht mehr vorhanden ist.

Denn zu ihr sind wir schon ethisch verpflichtet, zu ihr wirkt der Zwang, der zwar nicht sozial-juristisch, sondern moralisch, aber immerhin ein Zwang ist.

Die erste, aus der vollen Spontaneität der Seele quellende Erweisung hat eine Freiheit, die der Pflicht - auch der Pflicht der Dankbarkeit - mangelt.

Diesen Charakter der Pflicht hat Kant mit dem Gewaltstreich hindekretiert, dass Pflichterfüllung und Freiheit identisch seien.

Er hat dabei die negative Seite der Freiheit mit der positiven verwechselt.

Die Pflicht, die wir ideell über uns fühlen, sind wir scheinbar frei zu erfüllen oder nicht zu erfüllen. In Wirklichkeit geschieht nur das letztere aus völliger Freiheit.

Die Erfüllung aber erfolgt aus einem seelischen Imperativ heraus, aus jenem Zwang, der das innere Äquivalent des rechtlichen Zwanges der Gesellschaft ist.

Die volle Freiheit liegt nur auf der Seite des Lassens, nicht auf der des Tuns zu dem ich dadurch, dass es Pflicht ist, veranlasst bin, - wie ich zur Erwiderung einer Gabe eben dadurch veranlasst bin dass ich sie empfangen habe.

Nur wenn wir sie vorleisten, sind wir frei, und das ist der Grund, weshalb in der ersten, durch keinen Dank veranlassten Darbietung eine Schönheit, eine spontane Hingebung, ein Aufquellen und Hinblühen zum Andern gewissermaßen aus dem virgin soil der Seele liegt, das durch keine inhaltlich noch so überwiegende Gabe ausgeglichen werden kann.

Hier bleibt ein Rest, der sich in dem - in bezug auf den konkreten Inhalt des Erweises oft ungerechtfertigt scheinenden - Gefühl ausdrückt, dass wir eine Gabe überhaupt nicht erwidern können; denn in ihr lebt eine Freiheit, die die Gegengabe, eben weil sie Gegengabe ist, nicht besitzen kann.

Vielleicht ist dies der Grund, weshalb manche Menschen ungern etwas annehmen, und es möglichst vermeiden, beschenkt zu werden.

Drehte sich die Wohltat und die Dankbarkeit einfach um das Objekt, so wäre dies unverständlich, weil man dann mit der Revanche alles ausgleichen, die innere Bindung völlig losen könnte.

In Wirklichkeit aber wirkt bei jenen vielleicht eben der Instinkt, dass die Gegengabe das entscheidende, das Freiheitsmoment der ersten Gabe nicht enthalten kann und man sich deshalb mit der Annahme dieser in eine nicht zu solvierende Verpflichtung begibt.2)

Dass dies in der Regel Menschen von starkem Unabhängigkeits- und Individualitätstrieb sind, weist daraufhin, dass die Situation der Dankbarkeit leicht einen Ton von nicht lösbarer Bindung mit sich bringt, dass sie ein moralischer character indelebilis ist.

Haben wir erst einmal eine Leistung, ein Opfer, eine Wohltat angenommen, so kann daraus jene nie völlig auslöschbare innere Beziehung entstehen, weil die Dankbarkeit vielleicht der einzige Gefühlszustand ist, der unter allen Umständen sittlich gefordert (> 447) und geleistet werden kann.

Wenn unsere innere Wirklichkeit, von sich aus oder als Antwort auf eine äußere, es uns unmöglich gemacht hat, weiterzulieben, weiterzuverehren, weiterzuschätzen - ästhetisch, ethisch, intellektuell -: dankbar können wir immer noch dem sein, der einmal unsern Dank verdient hat.

Dieser Forderung ist die Seele unbedingt bildsam oder könnte es sein, so dass vielleicht keiner andern Verfehlung des Gefühls gegenüber ein Urteil ohne mildernde Umstände so angebracht ist wie der Undankbarkeit gegenüber.

Selbst die innerliche Treue hat nicht die gleiche Unnachlasslichkeit.

Es gibt Verhältnisse, die sozusagen von vornherein nur mit einem bestimmten Kapital von Gefühlen wirtschaften und deren Anlage es unvermeidlich mit sich bringt, dieses allmählich aufzubrauchen, so dass ihr Aufhören keine eigentliche Treulosigkeit involviert.

Nur freilich, dass sie in ihren Anfangsstadien oft von den andern nicht zu unterscheiden sind, die - um im Gleichnis zu bleiben - von den Zinsen leben und in denen alle Leidenschaftlichkeit und Reservelosigkeit des Gebens nicht an dem Grundstock zehrt.

Es gehört freilich zu den häufigsten Irrungen der Menschen, für Zinsen zu halten, was Kapital ist, und darum eine Beziehung so anzulegen, dass ihr Bruch zu einer Treulosigkeit wird.

Aber diese ist dann nicht eine Verfehlung aus der Freiheit der Seele heraus, sondern die logische Entwicklung eines von vornherein mit irrigen Faktoren rechnenden Schicksals.

Und nicht vermeidlicher erscheint die Untreue, wo nicht die sich offenbarende Täuschung des Bewusstseins, sondern ein tatsächliches Anderswerden der Individuen die Voraussetzungen ihrer Beziehung umgestaltet.

Vielleicht entspringt mit die größte Tragik menschlicher Verhältnisse aus der gar nicht zu rationalisierenden und fortwährend sich verschiebenden Mischung der stabilen und der variablen Elemente unsrer Natur.

Wenn wir uns mit der Ganzheit unsres Wesens in eine bindende Beziehung hineingegeben haben, so bleiben wir vielleicht mit gewissen Seiten, mit den mehr nach außen gewandten, aber auch mit mancher rein innerlichen, in der gleichen Stimmung und Neigung; andre aber entwickeln sich zu ganz neuen Interessen, Zielen, Vermögen, die schließlich unser Wesen als Ganzes in neue Richtungen werfen.

Damit wenden sie uns von jenen Verhältnissen ab - womit natürlich nur die reine Innerlichkeit, nicht äußere Pflichterfüllung gemeint ist -, mit einer Art Treulosigkeit, die weder ganz schuldlos ist, weil doch noch manches Band nach jenen hin besteht, das nun zerrissen sein muss, noch ganz schuldig, weil wir nicht mehr dieselben sind, die in das Verhältnis eintraten; das Subjekt ist verschwunden, dem man die Treulosigkeit imputieren könnte.

Eine solche Entlastung von der inneren Wesenheit her, wie diese, tritt für unser Gefühl nicht ein, wenn unser Dankbarkeitsgefühl erlischt.

Dieses scheint in einem Punkt in uns zu wohnen, der sich nicht wandeln darf, für den wir Beständigkeit mit größerem Rechte fordern als für leidenschaftlichere und selbst tiefere Gefühle.

Dies eigentümlich Unlösbare der Dankbarkeit, das selbst bei der Erwiderung mit gleicher oder größerer Gegengabe einen Rest lässt, ihn auch auf beiden Seiten eines Verhältnisses lassen kann - vielleicht zurückgehend auf jene Freiheit der Gabe, die der nur sittlich notwendigen Gegengabe fehlt -, dies lässt die Dankbarkeit als ein ebenso feines wie festes Band zwischen den Menschen erscheinen.

In jedem irgendwie dauernden Verhältnis erwachsen tausend Dankgelegenheiten, von denen auch die flüchtigsten ihren Beitrag zu der gegenseitigen Bindung nicht verloren gehen lassen.

Es entsteht aus ihrer Summierung, in den guten Fällen, aber manchmal auch in solchen, die mit Gegeninstanzen reichlich ausgestattet sind - eine Stimmung eines ganz allgemeinen Verpflichtetseins (mit Recht behauptet man, dem Andern für etwas Dankenswertes »verbunden« zu sein), die keiner Lösung durch irgendwelche einzelnen Leistungen fähig ist; sie gehört zu jenen gleichsam mikroskopischen, aber unendlich zähen Fäden, die ein Element der Gesellschaft an das andre und dadurch schließlich alle zu einem formfesten Gesamtleben aneinander halten.

-> Zurück: Die Selbsterhaltung der sozialen Gruppe


Anmerkungen

1)  Das Geben überhaupt ist eine der stärksten soziologischen Funktionen.
Ohne dass in der Gesellschaft dauernd gegeben und genommen wird - auch außerhalb des Tausches - würde überhaupt keine Gesellschaft zustande kommen.
Denn das Geben ist keineswegs nur eine einfache Wirkung des Einen auf den Andern, sondern ist eben das, was von der soziologischen Funktion gefordert wird. - es ist Wechselwirkung.
Indem der Andre entweder annimmt oder zurückweist, übt er eine ganz bestimmte Rückwirkung auf den ersteren.
Die Art, wie er annimmt, dankbar oder undankbar, so, dass er schon erwartet hat oder dass er überrascht wird, so, dass er von der Gabe befriedigt ist oder unbefriedigt bleibt, so, dass er sich durch die Gabe erhoben oder gedemütigt fühlt - alles dies übt eine sehr entschiedene, wenn auch natürlich nicht in bestimmten Begriffen und Maßen ausdrückbare Rückwirkung auf den Gebenden, und so ist jedes Geben eine Wechselwirkung zwischen dem Gebenden und dem Empfangenden.  (zurück)

2) Dies ist natürlich ein extremer Ausdruck, dessen Wirklichkeitsfremdheit aber in Analysen unvermeidlich ist, die die tausendfach gemischten, immerzu abgelenkten, fast nur in Ansätzen wirksamen Elemente der seelischen Wirklichkeit isolieren und für sich allein sichtbar machen wollen. (zurück)


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
Soziologisches Institut
der Universität Zürich
Andreasstr. 15 
8050 Zürich 
Tel. ++41 55 2444012