Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
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Georg Simmel: Soziologie
Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung

Duncker & Humblot, Berlin 1908 (1. Auflage) 

Kapitel VII: Der Arme

Exkurs über die Negativität kollektiver Verhaltensweisen (S. 360-362)

Die Einheit der eben genannten Erscheinungen kommt nach manchen Seiten hin nur durch Negationen zustande; und zwar entfalten sie den Charakter der Negativität vielfach in dem Maße ihres numerischen Umfanges.

Bei Massen- (> 360) aktionen sind die Motive der Individuen oft so verschieden, daß ihre Vereinheitlichung um so eher möglich ist, je mehr ihr Inhalt bloß negativ, ja, destruktiv ist; die Unzufriedenheit, die zu großen Revolutionen führt, ist stets aus so vielen und oft direkt entgegengesetzten Quellen genährt, daß ihre Vereinheitlichung auf ein positives Ziel gar nicht durchzuführen wäre; der Aufbau des letzteren pflegt dann den engeren Kreisen obzuliegen und den in unzählige private Leistungen auseinandergehenden Kräften der Einzelnen, die, zur Masse vereinheitlicht, aufräumend und zerstörend gewirkt haben.

In diesem Sinne hat einer der größten Geschichtskenner behauptet, daß die Menge immer undankbar wäre, weil, wenn auch das Ganze zu blühendem Zustand gebracht wäre, der Einzelne doch vor allem fühlte, was ihm persönlich noch fehlt.

Das Auseinanderliegen der individuellen Bestimmtheiten, die für die Gemeinsamkeit nur das Verneinen übrig läßt (was selbstverständlich nur cum grano salis und jenseits alles dessen gemeint ist, womit die Gesellschaft dieses Schicksal ihrer Kräfte überwindet) - ist z. B. in dem früheren russischen Revolutionarismus sehr anschaulich geworden.

Die ungeheuere räumliche Ausdehnung, die personalen Diskrepanzen der Bildung, die Manniggfaltigkeit der Ziele, die in dieser Bewegung herrschten, haben tatsächlich den Begriff des Nihilismus, der bloßen Vernichtung des Betreffenden zum zutreffenden Ausdruck des Gemeinsamen für alle seine Elemente gemacht.

Derselbe Zug zeigt sich in dem Erfolge großer Volksabstimmungen, der so oft, und fast unbegreiflich, rein negativ ist.

So wurde z. B. in der Schweiz im Jahre 1900 ein Gesetz über eidgenössische Kranken- und Unfallversicherung durch Referendum glatt abgelehnt, nachdem es von beiden Volksvertretungen, dem Nationalrat und dem Ständerat, einstimmig angenommen war; und eben dies war überhaupt das Schicksal der meisten Gesetzesvorschläge, die dem Referendum unterlagen.

Die Verneinung ist eben das Einfachste, und deshalb finden sich große Massen, deren Elemente sich auf ein positives Ziel nicht einigen können, gerade in ihr zusammen.

Die Standpunkte der einzelnen Gruppen, von denen aus sie jenes Gesetz verwarfen, waren äußerst verschiedene: partikularistische und ultramontane, agrarische und kapitalistische, technische und paiteipolitische - und so konnte ihnen nichts als die Negation gemeinsam sein.

Freilich kann deshalb auch umgekehrt, wo viele kleine Kreise sich wenigstens in negativen Bestimmtheiten treffen, dies ihre Einheit andeuten

So ist hervorgehoben, daß die Griechen zwar große Kulturunterschiede untereinander gezeigt hätten, aber selbst wenn man den Arkadier und den Athener mit den gleichzeitigen Karthagern oder Ägyptern, Persern oder Thraciern verglich, doch vielerlei negative Charakterzüge gemeinsam gehabt hätten: nirgends in dem historischen Griechenland gab es Menschenopfer oder absichtliche Verstümmelungen, nirgends Polygamie oder den Verkauf von Kindern in Sklaverei, nirgends den ganz unbeschränkten Gehorsam gegen eine Einzelperson.

Bei allen positiven Unterschieden mußte diese Gemeinsamkeit des bloß Negativen doch die Zusammengehörigkeit zu einem über den Einzelstaat hinübergreifenden Kulturkreis ins Bewußtsein heben.

Der negative Charakter des Bandes, das den großen Kreis zur Einheit zusammenschließt, tritt vor allem an seinen Normen hervor.

Dies wird durch die Erscheinung vorbereitet, daß bindende Festsetzungen jeglicher Art um so einfacher und weniger umfänglich sein rnüssen, je größer unter übrigens gleichen Umständen der Umkreis ihrer Geltung sein soll - anhebend etwa von den Regeln der internationalen Höflichkeit, die sehr viel wenigere sind, als sie in jedem engeren Kreise beobachtet sein wollen, bis zu der Tatsache, daß die Einzelstaaten des Deutschen Reiches eine um so weniger umfangreiche Verfassung zu haben pflegen, je größer sie sind.

Prinzipiell ausgedrückt: mit wachsendem Umfang des Kreises werden die Gemeinsamkeiten, die jeden mit jedem zu der sozialen Einheit verbinden, immer weniger reichhaltig.

Es ist deshalb, was zunächst paradox erscheinen könnte, mit einer geringeren Mindestzahl von Normen möglich, einen großen Kreis als einen kleinen überhaupt nur zusammenzuhalten.

In qualitativer Hinsicht nun pflegen die Verhaltungsweisen, die ein Kreis, um als solcher existieren zu können, von seinen Teilnehmern fordern muß, um so mehr bloß verbietender, einschränkender Natur zu sein, je ausgedehnter er ist: die positiven Verknüpfungen, die, von Element zu Element gehend, dem Gruppenleben seinen eigentlichen Inhalt geben, müssen schließlich den einzelnen über- (> 361) lassen werden 1), die Mannigfaltigkeit der Personen, der Interessen, der Vorgänge, wird zu groß, um von einem Zentrum aus reguliert zu werden; diesem bleibt nur noch die prohibitive Funktion, die Festsetzung dessen, was unter keinen Umständen getan werden darf, die Begrenzung der Freiheit statt ihrer Dirigierung - womit natürlich nur die Richtung einer immerzu durchkreuzten und von anderen Tendenzen abgelenkten Entwicklung gemeint ist.

So, wo eine größere Zahl divergenter religiöser Gefühls- oder Interessenkreise in eine Einheit zusammengefaßt werden sollen.

Aus dem Verfall des arabischen Polytheismus ging Allah hervor, als der allgemeine Begriff sozusagen des Gottes überhaupt.

Der Polytheismus erzeugt notwendig eine religiöse Zerspaltung des Gläubigenkreises, weil die Bestandteile desselben je nach der Verschiedenheit ihrer inneren und praktischen Tendenzen sich den verschiedenen Gottheiten in ungleicher Weise zuwenden werden.

Der abstrakte und vereinheitlichende Charakter Allahs ist deshalb zunächst ein negativer: es ist sein ursprüngliches Wesen »vom Bösen abzuhalten«, nicht aber zum Guten anzutreiben; er ist nur der »Zurückhalter«.

Der hebräische Gott, der eine für das Altertum unerhörte Einheitlichkeit der religiös-sozialen Zusammenfassung - allem auseinanderführenden Polytheismus und allem unsozialen Monismus, wie dem indischen, gegeriüber - zustande brachte oder ausdrückte, gibt seine am stärksten betonten praktischen Normierungen in der Form: Du sollst nicht.

Im Deutschen Reich haben die positiven Lebensbeziehungen, die dem Zivilrecht unterliegen, erst ungefähr 30 Jahre nach seiner Gründung ihre Einheitsform im Bürgerlichen Gesetzbuch gefunden; wogegen das Strafgesetzbuch mit seinen prohibitiven Bestimmungen schon von I872 an das Reich einheitlich zusammenfaßte.

Was gerade das Verbot besonders geeignet macht, kleinere Kreise zu einem größeren zu verallgemeinern, ist der Umstand, daß das Gegenstück des 'Verbotenen ja keineswegs immer das Gebotene, sondern oft nur das Erlaubte ist.

Wenn also im Kreise A kein a geschehen darf, wohl aber b und c, in B kein b, aber a und c, in C kein c, aber a und b usw. so kann das einheitliche Gebilde aus A, B und C auf das' Verbot von a b c gegründet sein.

Die Einheit ist nur möglich, wenn in A b und c nicht geboten sondern nur erlaubt war, so daß es auch unterlassen werden kann.

Wäre statt dessen b und c ebenso positiv geboten, wie a verboten ist, - und entsprechend in B und C - so wäre eine Einheit gar nicht herzustellen, weil dann immer auf der einen Seite direkt geboten wäre, was auf der andern direkt untersagt ist.

So in folgendem Beispiel. Seit alten Zeiten war jedem Ägypter der Genuß je einer bestimmten Tierart - derjenigen, die gerade seinem Gau heilig war - verwehrt.

Die Lehre, daß Heiligkeit die Enthaltung von aller Fleischnahrung fordere, entstand dann als Ergebnis der politischen Verschmelzung einer Anzahl lokaler Kulte zu einer Nationalreligion, an deren Spitze ein einheitlich regierendes Priestertum stand.

Diese Vereinheitlichung konnte nur durch die Synthese oder Allgemeinmachung aller jener Verbote zustande kommen; denn wäre der Genuß aller Tiere, der in jedem Gau erlaubt war (also auch unterlassen werden konnte, etwa positiv geboten gewesen, so hätte es ersichtlich gar keine Möglichkeit gegeben, die Spezialbestimmung der Teile zu einem höheren Ganzen zusammenzubringen.

Je allgemeiner, für einen je größeren Kreis geltend, eine Norm ist, desto weniger ist ihre Befolgung für das Individuum charakterisierend und bedeutsam; während ihre Verletzung von besonders starken und heraushebenden Folgen zu sein pflegt.

Sehr entschieden zunächst auf dem intellektuellen Gebiet.

Die theoretische Verständigung, ohne die es überhaupt keine menschliche Gesellschaft gäbe, ruht auf einer kleinen Zahl allgemein zugegebener - wenn auch natürlich nicht abstrakt bewußter - Normen, die wir als die logischen bezeichnen.

Sie bilden das Minimum dessen, was von allen, die überhaupt miteinander verkehren wollen, anerkannt werden muß.

Auf dieser Basis ruht das flüchtig-(> 362) ste übereinkommen der einander fremdesten Individuen wie die tägliche Lebensgemeinschaft der einander nächsten.

Der Gehorsam der, Vorstellens gegen diese einfachsten Normen, ohne die es nie mit der erfahrbahren Wirklichkeit zusammenstimmen wurde, ist die unnachläßlichste und allgemeinste Bedingung alles soziologischen Lebens; denn bei aller Verschiedenheit des inneren und äußeren Weltbildes schafft die Logik einen gewissen gemeinsamen Boden, dessen Verlassen jede intellektuelle Gemeinschaft im weitesten Sinne des Wortes aufheben müßte.

Nun bedeutet oder verschafft aber die Logik, genau angesehen, durchaus keinen positiven Besitz; sie ist nur eine Norm, gegen die nicht gesündigt werden darf, ohne daß die Befolgung ihrer irgendeine Auszeichnung, ein spezifisches Gut oder Qualität gewährte.

Alle Versuche, mit Hilfe der blossen Logik eine Einzelerkenntnis zu gewinnen, sind gescheitert, und ihre soziologische Bedeutung ist deshalb eine so negative wie die des Strafgesetzbuches: nur die Verfehlung dagegen schafft eine besondere und exportierte Situation, das Verbleiben in diesen Normen aber wirkt dem Einzelnen nichts andres aus, als die Möglichkeit, theoretisch, beziehungsweise praktisch, in der Allgemeinheit zu verbleiben.

Gewiß kann aus tausend inhaltlichen Divergenzen der intellektuelle Konnex selbst bei streng eingehaltener Logik scheitern; aber bei verletzter Logik muß er es - gerade wie der moralisch-soziale Zusammenhalt zwar selbst bei genauer Vermeidung alles strafrechtlich Verbotenen doch noch auseinanderfallen kann, bei Durchbrechung dieser Normen aber es muß.

Nicht anders steht es mit den gesellschaftlichen Formen im engeren Sinne, soweit sie in einem Kreise wirklich allgemein sind.

Dann ist ihre Innehaltung für niemanden charakteristisch, aber ihre Übertretung ist es im höchsten Grade; denn das Allgemeinste eines Kreises will nur nicht übertreten sein, während die speziellen Normen, die engere Kreise zusammenhalten, in dem Maße ihrer Spezialisierung dem Individuum eine positive Färbung und Differenz verleihen.

Auf diesem Verhältnis beruht auch der praktische Nutzen der so ganz inhaltlosen gesellschaftlichen Höflichkeitsformen.

Auf das positive Vorhandensein der Hochachtung und Ergebenheit, deren sie uns versichern, dürfen wir auch aus ihrer genauesten Innehaltung nicht schließen; dagegen überzeugt die leiseste Verletzung ihrer aufs unverkennbarste, daß jene Gefühle nicht vorhanden sind.

Der Gruß auf der Straße beweist noch keinerlei Achtung; das Unterlassen desselben aber sehr entschieden das Gegenteil derselben.

Als Symbole Positiven inneren Verhaltens versagen diese Formen völlig den Dienst.

Das negative aber bekunden sie aufs zweckmäßigste, indem eine ganz leichte Unterlassung das Verhältnis zu einem Menschen radikal und definitiv bestimmen kann - und zwar beides in dem Maße, in dem die Höflichkeitsform ganz allgemeinen und konventionellen, also dem relativ ganz großen Kreise eignen Wesens ist.

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Anmerkungen

1)  Deshalb sagt eine englische Redensart: the business of everybody is the business of nobody.
Auch tritt dieses eigentümliche Negativ-Werden der Aktion, sobald sie auf eine Vielheit übergeht, an dem Motiv hervor, mit dem man die Langmut und Indolenz der sonst so energischen Nordamerikaner gegenüber öffentlichen Mißständen erklärt hat.
Man schöbe es dort der öffentlichen Mei.nung zu, alles zuwege zu bringen. Daraus entspringe der Fatalismus, der, making each individual feel his insignificance, disposes him to leave to the multitude the task of setting right what is every one else's business just as much as bis own. (zurück)


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
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