Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

   
presents: Georg Simmel Online

  Sociology in Switzerland   Georg Simmel Online G.Simmel: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen

 

Georg Simmel: Die Krisis der Kultur

Rede, gehalten in Wien, Januar 1916

ex:  Der Krieg und die Geistigen Entscheidungen. Reden und Aufsätze:  Duncker & Humblot, München/Leipzig 1917

Wer über Kultur spricht, muß für seine Zwecke die Vieldeutigkeit ihres Begriffes begrenzen.  

Ich verstehe sie als diejenige Vollendung der Seele, die sie nicht unmittelbar von sich selbst her erreicht, wie es in ihrer religiösen Vertiefung, sittlichen Reinheit, primärem Schöpfertum geschieht, sondern indem sie den Umweg über die Gebilde der geistig-geschichtlichen Gattungsarbeit nimmt: durch Wissenschaft und Lebensformen, Kunst und Staat, Beruf und Weltkenntnis geht der Kulturweg des subjektiven Geistes, auf dem er zu sich selbst, als einem nun höheren und vollendeteren zurückkehrt.

An die Form von Zweck und Mittel ist deshalb jedes Verhalten, das uns kultivieren soll, gebunden. Aber dieses Verhalten ist in unzählige Teilrichtungen zerspalten. Das Leben setzt sich aus Aktionen und Produktionen zusammen, für die eine Richtungsgemeinsamkeit nur zum kleinen Teil besteht oder erkennbar ist.

Die damit angelegten Zerrissenheiten und Fragwürdigkeiten erreichen aber ihre Höhe erst durch den Umstand, daß die Reihe der Mittel für unsere Endzwecke, die »Technik« im weitesten Sinne, unablässig verlängert und verdichtet wird.  

Diese schließliche Unabsehlichkeit der Zweck- und Mittelreihen erzeugt die unendlich wirkungsvolle Erscheinung, daß irgendwelche Mittelglieder in ihnen für unser Bewußtsein zu Endzwecken werden: Unzähliges erscheint uns, während wir es erstreben, und vieles sogar noch, wenn wir es erreicht haben, als ein befriedigendes Definitivum unseres Willens, was sachlich ein bloßer Durchgangspunkt und Mittel für unsere wirklichen Zwecke ist.  

Wir bedürfen dieser Akzentuierung innerhalb unserer Bestrebungen, weil uns bei ihrer Ausgedehntheit und Verwickeltheit Mut und Atem ausgehen würde, hätten wir nur das, Gott weiß wie weit entfernte, wirkliche Endziel als Antrieb vor uns.  

Das ungeheure, intensive und extensive Wachstum unserer Technik, - die durchaus nicht nur die Technik materieller Gebiete ist -, verstrickt uns in ein Netzwerk von Mitteln und Mitteln der Mittel, das uns durch immer mehr Zwischeninstanzen von unseren eigentlichen und endgültigen Zielen abdrängt.

Hier liegt die ungeheure innere Gefahr aller hochentwickelten Kulturen, das heißt der Epochen, in denen das ganze Lebensgebiet von einem Maximum übereinandergebauter Mittel bedeckt ist.  

Das Aufwachsen gewisser Mittel zu Endzwecken mag dieser Lage eine psychologische Erträglichkeit verschaffen, macht sie aber in Wirklichkeit immer sinnloser. Auf der gleichen Grundlage entwickelt sich ein zweiter Selbstwiderspruch der Kultur.  

Die objektiven Gebilde, in denen sich ein schöpferisches Leben niedergeschlagen hat und die dann wieder von Seelen aufgenommen werden, um diese zu kultivierten zu machen, gewinnen alsbald eine selbständige, jeweils durch ihre sachlichen Bedingungen bestimmte Entwicklung.  In den Inhalt und das Entwicklungstempo von Industrien und Wissenschaften, Künsten und Organisationen werden nun die Subjekte hineingerissen, gleichgültig oder in Widerspruch gegen die Forderungen, die diese um ihrer eigenen Vollendung, d. h. Kultivierung willen stellen müßten.  

Die Objekte, vom Kulturleben getragen und es tragend, folgen, gerade je verfeinerter und in ihrer Art vollkommener sie sind, einer immanenten Logik, die sich keineswegs immer jener in sich selbst zurückkehrenden Entwicklung der Subjekte so einfügt, wie es doch der Sinn aller Kulturgebilde als solcher ist.  

Unzählige Objektivationen des Geistes stehen uns gegenüber, Kunstwerke und Sozialformen, Institutionen und Erkenntnisse, wie nach eigenen Gesetzen verwaltete Reiche, die Inhalt und Norm unseres individuellen Daseins zu werden beanspruchen, das doch mit ihnen nichts Rechtes anzufangen weiß, ja, sie oft genug als Belastungen und Gegenkräfte empfindet.  

Aber nicht nur diese qualitative Fremdheit steht zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven höherer Kulturen; sondern wesentlich auch die quantitative Unbeschränktheit, mit der sich Buch an Buch, Erfindung an Erfindung, Kunstwerk an Kunstwerk reiht - eine sozusagen formlose Unendlichkeit, die mit dem Anspruch, aufgenommen zu werden, an den Einzelnen herantritt.  

Dieser aber, in seiner Form bestimmt, in seiner Aufnahmefähigkeit begrenzt, kann dem nur in ersichtlich immer unvollständiger werdendem Maße genügen. So entsteht die typisch problematische Lage des modernen Menschen: das Gefühl, von dieser Unzahl von Kulturelementen wie erdrückt zu sein, weil er sie weder innerlich assimilieren, noch sie, die potentiell zu seiner Kultursphäre gehören, einfach ablehnen kann.  

Der Erfolg davon, daß das, was man die Kultur der Dinge nennen könnte, seinem Eigengang überlassen, eine unbegrenzte Entwicklungsweite vor sich hat - ist der, daß sich Interesse und Hoffnung in steigendem Maße eben dieser Kultur zuwenden, und die scheinbar viel engere, viel endlichere Aufgabe der Kultivierung der individuellen Subjekte dahinter zurückdrängen. Dies also sind die beiden tiefsten Gefahren reifer und überreifer Kulturen: daß einerseits die Mittel des Lebens seine Ziele überwuchern und damit unvermeidlich soundso viele bloße Mittel in die psychologische Würde von Endzwecken aufrücken; und daß andererseits die objektiven Kulturgebilde ein selbständiges, rein sachlichen Normen gehorsames Wachstum erfahren und dadurch nicht nur eine tiefe Fremdheit gegen die subjektive Kultur erwerben, sondern ein von dieser gar nicht einzuholendes Tempo des Vorschreitens.  

Auf diese beiden Grundmotive und ihre Verzweigtheiten gehen, soweit ich sehe, alle Erscheinungen zurück, die uns schon seit einer Weile das Gefühl einer nahenden Krisis unserer Kultur gaben.  

Die ganze Hast, äußere Begehrlichkeit und Genußsucht der Zeit sind nur Folge und Reaktionserscheinung, weil die personalen Werte in einer Ebene gesucht werden, in der sie überhaupt nicht liegen: daß technische Fortschritte ohne weiteres als Kulturfortschritte geschätzt werden, daß auf geistigen Gebieten die Methoden vielfach als etwas Heiliges und wichtiger als die inhaltlichen Resultate gelten, daß der Wille zum Gelde den zu den Dingen, deren Erwerbsmittel es ist, weit hinter sich läßt: dies alles beweist das allmähliche Verdrängtwerden der Zwecke und Ziele durch die Mittel und Wege.  

Wenn dies nun die Symptome einer erkrankten Kultur sind, bezeichnet der Krieg den Ausbruch der Krisis, an den die Genesung sich ansetzen kann? 

Daß die erste Erscheinungsgruppe in dieser Pathologie der Kultur: das Zurückbleiben der Vervollkommnung der Personen hinter der der Dinge, - eine Aussicht auf Heilung gibt, wage ich nicht vorbehaltlos zu behaupten. 

Hier liegt wahrscheinlich ein Selbstwiderspruch der Kultur vor, der von deren Wesen unabtrennbar ist; denn da sie nun einmal bedeutet, daß die Ausbildung der Subjekte ihren Weg über die Ausbildung der Objektwelt nimmt, da diese letztere einer unbegrenzten Verfeinerung, Beschleunigung und Ausdehnung fähig ist, während die Kapazität der einzelnen Subjekte unvermeidlich einseitig und beschränkt ist, so sehe ich nicht, wie dem Entstehen einer Zusammenhanglosigkeit, eines gleichzeitigen Ungenügens und Überfülltseins prinzipiell vorzubeugen wäre.  

Immerhin scheint der Krieg von zwei Seiten her für die Verschmälerung jenes Risses zu wirken. Hinter dem Soldaten versinkt der ganze Apparat der Kultur, nicht nur weil er ihn tatsächlich entbehren muß, sondern weil Sinn und Forderung der Existenz im Kriege auf einer Leistung steht, deren Wertbewußtsein nicht erst den Umweg über Objekte nimmt.  

Ganz unmittelbar bewähren sich Kraft und Mut, Gewandtheit und Ausdauer als die Werte seiner Existenz, und ersichtlich hat die »Kriegsmaschine« ein ganz anderes, unendlich viel lebendigeres Verhältnis zu dem, der sie bedient, als die Maschine in der Fabrik.  

Jenes Abdrängen des personalen Lebens von dem objektiven Tun besteht ganz allein hier nicht, so sehr in der ungeheuren Ausdehnung des Geschehens und der Unmerklichkeit der Einzelleistung die sonst entscheidenden Bedingungen solchen Abdrängens vorhanden sind.

Gewiß hat diese Kriegslage keinen sachlichen Bezug zu der allgemeinen kulturellen Spannung zwischen der Subjektivität des Lebens und seinen Sachgehalten.  

Allein zugegeben, daß diese Spannung prinzipiell unüberwindbar ist, so werden doch vielleicht die Menschen, die ihre Überwindung im Felde erlebt haben, die Bedeutung auch ihrer sonstigen anonymen Teilleistungen deutlicher und sozusagen persönlicher fühlen, werden entschiedener nach dem Zusammenhang zwischen ihrem Arbeiten für die Mittel des Lebens und den Endwerten des personalen Lebens suchen; und findend oder nicht, ist schon dies Suchen ein unermeßlicher Wert.  

Wenn sich an diesen Krieg die allgemeine Hoffnung knüpft, daß er den Einzelnen überhaupt dem Ganzen enger verbinden, den Dualismus zwischen dem Individuum als Selbstzweck und dem Individuum als Glied des Ganzen irgendwie mildern werde, so ist das hier angerührte Problem doch eine Szene dieses Dualismus.  

Indem aber der Soldat - und in gewissem Maße doch auch der zu Hause Gebliebene - erfährt, wie die verschwindende Größe seines Einzeltuns seinen stärksten Willen und seine äußerste Kraft in sich aufnehmen kann, wird sich ihm mindestens die Form jener Versöhnung, ein irgendwie sinnvolles Verhältnis zwischen dem Teil und dem Ganzen, zwischen Sache und Person, eingeprägt haben; mag dies auch nicht mehr sein als ein Atemholen vor neuen Kämpfen und Zerreißungen.  

Die Lage unserer Zeit gestattet hierfür noch eine besondere Wendung und Weiterführung.  

Der Prozeß zwischen dem immer weiterflutenden, mit immer weitergreifender Energie sich ausdehnenden Leben und den Formen seiner historischen Äußerung, die in starrer Gleichheit beharren oder wenigstens beharren wollen, wie er die ganze Kulturgeschichte erfüllt, scheint mir an einer großen Anzahl besonderer Kulturformen jetzt aufs deutlichste aufzeigbar.  

Als gegen Ende des vorigen Jahrhunderts der künstlerische Naturalismus sich ausbreitete, war dies ein Zeichen, daß die von der Klassik her herrschenden Kunstformen das zur Äußerung drängende Leben nicht mehr in sich aufnehmen konnten. Es kam die Hoffnung auf, in dem unmittelbaren, möglichst durch keine menschliche Intention hindurchgegangenen Bilde der gegebenen Wirklichkeiten dieses Leben unterbringen zu können.  

Allein der Naturalismus hat den entscheidenden Bedürfnissen gegenüber ebenso versagt, wie es doch wohl auch der jetzige Expressionismus tut, der das unmittelbare Gegenstandsbild durch den seelischen Vorgang und seine ebenso unmittelbare Äußerung ersetzt.

Indem sich die innere Bewegtheit in eine äußere Schöpfung fortsetzt, sozusagen ohne Rücksicht auf deren eigene Form und auf objektive, für sie gültige Normen, glaubte man dem Leben endlich die ihm ganz angemessene, durch keine ihm äußere Form gefälschte Aussprache zu gewinnen.

Allein es scheint nun einmal das Wesen des inneren Lebens zu sein, daß es seinen Ausdruck immer nur in Formen findet, die eine Gesetzlichkeit, einen Sinn, eine Festigkeit in sich selbst haben, in einer gewissen Abgelöstheit und Selbständigkeit gegenüber der seelischen Dynamik, die sie schuf.

Das schöpferische Leben erzeugt dauernd etwas, was nicht selbst wieder Leben ist, etwas, woran es sich irgendwie totläuft, etwas, was ihm einen eigenen Rechtsanspruch entgegensetzt.

Es kann sich nicht aussprechen, es sei denn in Formen, die etwas für sich, unabhängig von ihm, sind und bedeuten. Dieser Widerspruch ist die eigentliche und durchgehende Tragödie der Kultur.

Was dem Genius und den begnadeten Epochen gelingt, ist, daß der Schöpfung durch das von innen quellende Leben eine glücklich harmonische Form wird, die mindestens eine Zeitlang das Leben in sich bewahrt und zu keiner, ihm gleichsam feindseligen Selbständigkeit erstarrt.  

In den allermeisten Fällen indes ist solcher Widerspruch unvermeidlich, und wo die Äußerung des Lebens, um ihn doch zu vermeiden, sich sozusagen in formfreier Nacktheit bieten will, kommt überhaupt nichts eigentlich Verständliches heraus, sondern ein unartikuliertes Sprechen, aber kein Aussprechen, an Stelle des freilich Widerspruchsvollen und fremd Verhärteten einer Einheitsform schließlich doch nur ein Chaos atomisierter Formstücke.  

Zu dieser extremen Konsequenz unserer künstlerischen Lage ist der Futurismus vorgedrungen: leidenschaftliches Sichaussprechenwollen eines Lebens, das in den überlieferten Formen nicht mehr unterkommt, neue noch nicht gefunden hat, und deshalb in der Verneinung der Form - oder in einer fast tendenziös abstrusen - seine reine Möglichkeit finden will - ein Widerspruch gegen das Wesen des Schöpfertums, begangen, um dem anderen in ihm gelegenen Widerspruch zu entgehen.

Nirgends vielleicht zeigt sich stärker als in manchen Erscheinungen des Futurismus, daß dem Leben wieder einmal die Formen, die es sich zu Wohnstätten gebaut hatte, zum Gefängnis geworden sind.

Wie es in dieser Hinsicht mit der Religion steht, ist vielleicht nicht zu bestimmen, weil das Entscheidende sich hier nicht an sichtbaren Erscheinungen, sondern in der Innerlichkeit des Gemütes vollzieht. Für die spezifische Frage des Christentums gilt freilich, was diese Blätter als ein geistiges Grundergebnis des Krieges behaupteten: daß er die Scheidungen, die in der Struktur unserer Verhältnisse angelegt, aber innerhalb des Friedens nicht vollzogen waren, zu innerer und äußerer Wirklichkeit bringt.  

Wir kennen alle den großen Gegensatz, der die Religiosität der Zeit spaltet und nur die schlechthin irreligiösen Gemüter und die Anpassungschristen nicht berührt: zwischen dem Christentum und einer Religion, die jeglichen historisch gegebenen Inhalt ablehnt, sei es als ein Monotheismus, der sich in keinerlei Dogmen fortsetzt, sei es als Pantheismus, sei es als eine rein innere, von jedem Glaubensinhalt absehende Bestimmtheit des Gemütes.

Die Zeit, in ihrer allgemeinen religiösen Toleranz, drängte nicht zur Entscheidung und ließ es, wenn ich mich nicht täusche, häufig dazu kommen, daß unter dem oberen Bewußtsein, das sich der einen Richtung hingegeben glaubte, in der Tiefe doch die andere ihr altes oder ihr neues Leben als das eigentlich kräftige und bestimmende führte.  

Unverkennbar nun haben die religiösen Innenmächte durch den Krieg Belebung und Steigerung erfahren, bis zu einem Grade, der einem jeden einen Entschluß darüber abfordert, auf welchem absoluten Grunde er denn nun eigentlich steht.  

Die friedlichen Zeiten der allmählichen Übergänge, der Mischungen, des angenehmen Halbdunkels, in dem man sich auch den einander ausschließenden Gegensätzen abwechselnd hingeben kann, dürften vorbei sein. Die Entschlossenheit, mit der das deutsche Volk in diesen Jahren seinen Weg geht, wird hoffentlich auch in dieses Gebiet innerster Entscheidungen weiterstrahlen.  

Nirgends aber trifft sie auf einen so »faulen Frieden«, wie im religiösen Gebiet, wo einerseits wirkliche Christen, aus einem gewissen Bildungstic heraus, eine undogmatisch pantheistische Haltung annehmen, andererseits entschieden Ungläubige sich durch »symbolische« Umbildung der christlichen Grundlehren noch eine Art Christentum selbst einreden. 

Allein jeder reifere Mensch dürfte die Entscheidung schon lange vollzogen haben - nur daß er in der eigentümlichen kulturellen Weitherzigkeit, die unsere Lage zu erlauben oder zu fordern schien, diese Entscheidung oft noch mit der entgegengesetzten mischte oder verhüllte. Dies aber gestattet eine Zeit nicht mehr, in der sich alles aufwühlt, was an religiöser Tiefe in den Menschen ist.  

Gleichviel welche Maße des einen und des anderen überhaupt äußerlich faßbar sein werden: in den Menschen wird das zur Herrschaft reif Gewordene seine Herrschaft auch antreten. Für unsere jetzige Blickrichtung aber ist das Wesentliche, daß es überhaupt weite Kreise gibt, deren religiöse Bedürfnisse sich vom Christentum abwenden.  

Daß sie sich allerhand exotischen Hergeholtheiten oder wunderlichen Neubildungen zuwenden, scheint keinerlei Bedeutung zu haben. Nirgends kann ich hier ein wirklich lebenskräftiges Gebilde entdecken, eines, das sich, außer in ganz individuellen Kombinationen, dem religiösen Leben als genauer Ausdruck anschmiegte.  

Dagegen entspricht es der allgemeinen Kulturlage, daß man vielfach auch hier gerade jede Formung dieses Lebens ablehnt, und daß die überkonfessionelle Mystik die in jenen Kreisen entschieden überwiegende Anziehung übt.  

Denn in ihr will die religiöse Seele ihr Leben ganz unmittelbar ausleben, sei es, daß sie ohne Vermittlung eines irgendwie geformten Dogmas, sozusagen nackt und allein, vor ihrem Gotte steht, sei es, daß sogar die Gottesvorstellung noch als Starrheit und Hemmung empfunden wird und die Seele nur ihr eigenstes, metaphysisches, in keinerlei Glaubensform mehr gegossenes Leben als eigentlich religiös empfindet.  

Analog jenen angedeuteten futuristischen Erscheinungen bezeichnet diese gänzlich gestaltlose Mystik den historischen Augenblick, in dem ein inneres Leben in die Formen seiner bisherigen Ausgestaltung nicht mehr eingehen kann und, weil es nicht imstande ist, andere, nun angemessene zu schaffen, ohne Formen überhaupt existieren zu sollen meint.  

Innerhalb der philosophischen Entwicklung erscheint mir diese Krisis weitergreifend, als in der Regel zugestanden wird. Die Grundbegriffe und methodischen Funktionen, die, seit dem klassischen Griechentum ausgebildet, auf den Weltstoff angewendet werden, um aus ihm philosophische Weltbilder zu formen, haben, wie ich glaube, alles geleistet, was sie in dieser Hinsicht hergeben können.

Der philosophische Trieb, dessen Ausdruck sie waren, ist an ihnen selbst zu Richtungen, Bewegtheiten, Bedürfnissen entwickelt, denen sie nicht mehr angemessen sind; wenn die Zeichen nicht trügen, beginnt der ganze philosophische Apparat zu einem Gehäuse zu werden, das vom Leben entleert ist. Dies scheint mir an einem Erscheinungstypus besonders sichtbar zu werden.

Jede der großen philosophiegeschichtlichen Kategorien hat zwar die Aufgabe, die Zerspaltenheit und chaotische Fülle des Daseins in eine absolute Einheit zusammenzuführen; zugleich aber besteht oder entsteht neben jeder einzelnen eine andere, mit jener im gegenseitigen Ausschluß stehende.  

So treten diese Grundbegriffe paarweise auf, als je eine zur Entscheidung auffordernde Alternative, derart, daß eine Erscheinung, die sich dem einen Begriff versagt, notwendig unter den anderen fallen muß, ein ja und Nein, das kein Drittes übrig läßt.

Solches sind die Entgegengesetztheiten von Endlichkeit und Unendlichkeit der Welt, Mechanismus und Teleologie des Organismus, Freiheit und Determiniertheit des Willens, Erscheinung und Ding-an-Sich, Absolutes und Relatives, Wahrheit und Irrtum, Einheit und Mehrfachheit, Wertfortschritt und Wertbeharrung in der menschheitlichen Entwicklung.

Es scheint mir nun, daß ein großer Teil dieser Alternativen nicht mehr der unbedingten Entscheidung Raum gibt, die jeden gerade fraglichen Begriffsinhalt notwendig in die eine oder in die andere einstellt.

Wir fühlen an dieser Begriffslogik eine so unangemessene Enge, andererseits gehen ihre Auflösungen so selten von einem schon entdeckten Dritten aus, sondern sie bestehen weiter als Forderung und unausgefüllte Lücke - daß sich hiermit doch wohl eine tiefgreifende philosophische Krisis verkündet, die die Spezialprobleme in eine allgemeine, wenn auch zunächst nur negativ zu bezeichnende Tendenz sammelt.

Nirgends schärfer als durch das Versagen der bisher logisch geltenden Begriffsalternativen und durch die Forderung eines noch unformulierbaren Dritten wird klar, daß unsere Mittel, die Lebensinhalte durch geistigen Ausdruck zu bewältigen, nicht mehr ausreichen, daß das, was wir ausdrücken wollen, nicht mehr in sie hineingeht, sondern sie sprengt und nach neuen Formen sucht, die für jetzt nur als Ahnung oder ungedeutete Tatsächlichkeit, als Verlangen oder ungefüge Tastversuche ihre heimliche Gegenwart ankündigen.

Vielleicht würde der Krieg mit all seinen Zerstörungen, Wirrnissen und Gefahren dennoch nicht das erlebte Maß von Erschüttertheit bewirkt haben, wenn er nicht auf schon so angenagte, ihres Bestandes ungewiß gewordene Kulturformen getroffen hätte.

Seine Leistung ist auch hier, dem innerlich Notwendigen durch das äußerlich Wirkliche mehr Raum und mehr Sichtbarkeit zu schaffen und den Einzelnen vor die scharfe Entscheidung zu stellen: ob er das geistige Leben um jeden Preis in seinen bisherigen Gleisen halten will oder ob er es wagt, auf jede Gefahr hin auf dem neuen Lebensboden neue Wege zu suchen, oder endlich das vielleicht noch Gefährlichere unternimmt, die Werte des früheren Lebens aus dem Zusammenbruch ihrer Formen in das neue hinüberzuretten.

Und vielleicht zeigt sich doch schon wenigstens hier die Frage nach einer allgemeinsten Deutung des Daseins, wenn auch mit schwachen Kräften und noch nicht fest umschrieben, ein erhellender Grundbegriff, den ich nachher anzudeuten versuchen will und durch den sich gerade eine Kontinuität zwischen den Werten von gestern und denen von morgen hindurchleiten könnte. - Mit greifbarerer Bedeutung scheinen die jetzigen Erlebnisse in die andere Entwicklung der Kultur, das Auswachsen der bloßen Mittel zu Selbstzwecken einzugreifen.  

Die Korrektur der teleologischen Reihe hat sich vor allem auf einem Gebiet vollzogen, das für die Überdeckung der Zwecke durch das Mittel das umfassendste weltgeschichtliche Beispiel bietet, auf dem wirtschaftlichen.

Dies Beispiel ist, es braucht kaum ausgesprochen zu werden: das Geld - ein Mittel für Tausch und Wertausgleich, jenseits dieser Mittlerdienste ein radikales Nichts, jedes Wertes und Sinnes bar. Und gerade das Geld ist für die Mehrzahl der Kulturmenschen das Ziel aller Ziele geworden, der Besitz, mit dem, so wenig die sachgemäße Vernunft es rechtfertigen mag, die Zweckbemühungen dieser Mehrzahl abzuschließen pflegen. Die Ausbildung der Wirtschaft macht freilich diese Wertverschiebung begreiflich.  

Denn da sie dafür gesorgt hat, daß alle Güter an jedem Ort und zu jeder Zeit zu beschaffen sind, so kommt es eben für die Befriedigung der meisten menschlichen Wünsche nur darauf an, daß man das erforderliche Geld besitze: Mangel bedeutet für das Bewußtsein des modernen Menschen nicht Mangel an Gegenständen, sondern nur Mangel an Geld, sie zu kaufen.  

Hier hat nun die Absperrung Deutschlands vom Weltmarkt, der es sonst mit jeder beliebig großen, die Verbrauchsfrage zur bloßen Geldfrage machenden Warenmenge versorgte, eine höchst revolutionierende Änderung erzeugt.  

Die Nahrungssubstanz, sonst ohne weiteres zugängig, wenn man nur Geld hatte, ist knapp und fragwürdig geworden und tritt dadurch wieder in ihrem definitiven Wertcharakter hervor. Das Geld dagegen, wenigstens von seiner bisherigen grenzenlosen Leistungsfähigkeit abgeschnitten, zeigt sich als an sich ganz ohnmächtiges Mittel.  

Mag diese Entwicklung auch keineswegs vollendet sein, - mindestens die Brotkarte symbolisiert eine Nutzlosigkeit des Reichtums auch des Reichsten. Wenn früher mit Sparen und Verschwenden, auch wo es bestimmte Gegenstände betraf, doch eigentlich immer nur deren Geldwert gemeint war, tritt dieser jetzt ganz zurück; endlich soll wieder mit Fleisch und Butter, mit Brot und Wolle um ihrer selbst willen gespart wer den, eine Wendung, die, so einfach sie klingt, ein durch Jahrhunderte gezüchtetes wirtschaftliches Wertgefühl der Kulturwelt total umdreht.  

In die ungeheuerste Maskierung Des wirklich Wertvollen durch das Mittel dafür, die die Kulturgeschichte kennt, ist an einer Stelle ein Loch gerissen worden. Unzweifelhaft freilich wird es wieder zuwachsen, die Produktivität der Weltwirtschaft und ihre Allgegenwart wird uns später wieder vergessen lassen, daß nicht das Geld den Wert hat, sondern die Dinge.  

Niemand wird sich einreden, daß die daraus wachsenden bedenklichen Erscheinungen: die Vorstellung von der Käuflichkeit aller Dinge, ihre Schätzung aus schließlich nach dem Geldwert, der Skeptizismus gegen alle die Werte, die sich nicht in Geld ausdrücken lassen, - daß alles dieses sich nicht wieder einstellen, daß die daran geknüpfte schleichende Kulturkrisis nicht ihren Fortgang nehmen wird. Aber ebensowenig ist zweifelhaft, daß unser Erlebnis: es kommt nicht auf das Geld an, das Geld als solches nützt uns jetzt nichts, - ein eigentümliches Aufschrecken und Sich-Besinnen in vielen Seelen bewirken wird. Gewiß lassen sich solche seelischen Stimmungen und Umstimmungen nicht dokumentarisch festlegen.  

Allein so ungewiß die Folgen und so äußerlich die Gegenstände sind, - daß überhaupt die Absolutheit des Geldwertes irgend einmal durchbrochen worden ist, daß der Wert von wirtschaftlichen Dingen einmal als durch Geld nicht ersetzbar empfunden wurde, das scheint mir ein tiefer seelischer Gewinn zu sein; ein zarteres, weniger blasiertes, ich möchte sagen ehrfürchtigeres Verhältnis zu den Dingen des täglichen Verbrauchs muß durch die Seele gehen, die sie einmal in ihrer unmittelbaren Bedeutung sehen mußte und das Geld in seiner Bedeutungslosigkeit, in die es ganz von selbst sinkt, sobald es keine Mittlerdienste mehr tun kann. 

Aber noch einmal und nun im ganz absoluten Sinne stellt der Krieg das Verhältnis von Zweck und Mittel um.  

Die Selbsterhaltung pflegt das zentrale Interesse des Menschen zu sein. Arbeit und Liebe, Denken und Wollen, religiöse Betätigung wie die Wendungen, die wir uns bemühen, unseren Schicksalen zu geben: alles geht im großen und ganzen darauf hinaus, das Ich in seinem Bestande und seiner Entwicklung zu erhalten, die dauernd von äußeren Gefahren und innerer Schwäche, von der Problematik unseres Verhältnisses zur Welt und der Unsicherheit unserer Lebensbedingungen bedroht sind.  

Von den seltenen Menschen abgesehen, die wirklich nur um eines objektiven Zieles willen leben, ist die Erhaltung des eigenen Selbst, - in das vielleicht noch das Selbst der nächsten Menschen einbezogen ist -, der Zweck schlechthin und alle Lebensinhalte seine näheren oder entfernteren Mittel.  

Darüber hat nun der Krieg für Millionen von Menschen das Ziel des Sieges und der Erhaltung der Nation gesetzt, ein Ziel, für das auf einmal das eigene Leben ein bloßes Mittel wurde, und zwar sowohl seine Erhaltung wie seine Preisgabe. Das erstere erscheint noch bedeutungsvoller als das zweite.  

Daß der Soldat herausgehe, um sich zu opfern, ist ein ganz irreleitendes Pathos. Nicht der tote Soldat, sondern der lebende dient dem Vaterland.  
Daß dieser Dienst auch seine Opferung fordern kann, ist sozusagen ein Grenzfall, nur der deutlichste Beweis dafür, daß das Selbst seinen Endzweckcharakter verloren hat und sich, erhalten oder geopfert, zum Mittel eines höheren Zweckes erklärt hat.  

Gewiß, die Selbsterhaltung wird ihren alten Platz an der Spitze der teleologischen Reihen wiedererhalten. Eines aber scheint mir dennoch unabweislich.Die Übersteigerung all der Mittelstufen und Vorläufigkeiten zu Endwerten, an der unsere Kultur krankt, wird nicht mehr ganz so leicht an einer Generation vor sich gehen, die es an sich selbst erfahren hat, daß selbst der sonst autonomste Endzweck, die Selbsterhaltung, zum bloßen Mittel werden konnte.  

Das Gefühl, das uns von Anfang des Krieges an beherrschte: daß er uns an unbestimmt vielen Punkten eine neue Wertrangierung hinterlassen wird, wird sich an diesem wenigstens bewahrheiten.  

Daß man an die unwesentlicheren Lebensinstanzen den Akzent letzter Bedeutsamkeiten hefte, gehört zu den seelischen Gefahren langer, behaglich ungestörter Friedenszeiten, die für das Unterschiedenste beliebigen Ausbreitungsraum haben und nicht durch starke Erschütterungen zur Entscheidung zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen drängen.  

Wer aber das sonst Wichtigste, das Selbst und seine Erhaltung, einmal als bloßes Mittel zu einem Darüberstehenden erlebt hat, dürfte vor jenem Verschwenden der Zweckwertung an das Unbedeutendere, Peripherische, für eine Weile gesichert sein.  

Jene angedeuteten Gefahren laufen wie in einem gemeinsamen Symptom darin zusammen, daß alle angedeuteten Kulturgebiete sich in einer gegenseitigen Unabhängigkeit und Fremdheit entwickelt haben, bis sich freilich in den letzten Jahren wieder einheitlichere Gesamtströmungen zeigten.

Hier liegt der Grund der vielbetonten Stillosigkeit unserer Zeit. Denn Stil ist immer eine allgemeine Formgebung, die einer Reihe inhaltlich verschiedener Einzelerzeugnisse einen gemeinsamen Charakter verschafft.  

Je mehr ein Volksgeist, - um der Kürze halber diesen problematischen Ausdruck zu brauchen - in seiner charakteristischen Einheit alle Äußerungen eines Zeitabschnittes färbt, als desto stilvoller erscheint uns dieser.  
Darum haben frühere Jahrhunderte, die noch nicht mit einer solchen Fülle heterogener, nach den verschiedensten Seiten hin verführender Überlieferungen und Möglichkeiten beladen waren, soviel mehr Stil als die Gegenwart, in der unzählige Male die einzelne Betätigung wie in Abgeschnürtheit von jeder anderen verläuft. Darin hat freilich in den letzten Jahren, vielleicht seit Nietzsche, eine leise Wendung eingesetzt. Und zwar scheint es der Begriff des Lebens zu sein, der die mannigfaltigsten Gebiete durchdringt und gleichsam ihren Pulsschlag einheitlicher zu rhythmisieren begonnen hat.  

Diesen Prozeß wird, glaube ich, der Krieg erheblich begünstigen.  
Denn unabhängig noch von jener Einheit des Endzieles, in die sich alle möglichen Kulturbewegungen augenblicklich einstellen, werden sie alle von einer leidenschaftlichen, wie aus einer einheitlichen Kraftquelle hervorbrechenden Lebendigkeit durchflutet.  

Unzählige Gebilde, die zu erstarren und sich der schöpferischen Bewegtheit zu entziehen angefangen haben, sind wieder in den Lebensstrom hineingezogen.  

Wenn wir jüngst schon ahnten, daß alle auseinanderliegenden Kulturtatsachen Ausströmungen oder Mittel, Pulsschläge oder Ergebnisse des Lebensprozesses als solchen sind, so scheinen alle Inhalte unseres Bewußtseins jetzt noch fühlbarer in die gesteigerte Gewalt jener Strömung zurückgeschmolzen zu sein.  

Es scheint sicher, daß der Soldat, mindestens solange er in lebhafterer Aktion ist, eben dieses Tun als ungeheure Steigerung sozusagen des Quantums von Leben, in unmittelbarerer Nähe zu seiner flutenden Dynamik empfinde, als er es an seinen sonstigen Arbeitswirksamkeiten spüren kann.

Die höchste Zusammenraffung der Energie, die das Leben einer ganzen Nation durch sich hindurchfließen fühlt, läßt kein Sich-Verfestigen und -Verselbständigen ihrer Inhalte zu, durch das die Friedenskultur Inhalt neben Inhalt, abgelöst und fremd gegeneinander und nur dem Sachgesetz des einzelnen folgend, hinsetzt.  

Es ist ein geheimnisvolles Zusammentreffen, daß die ungeheuern Ereignisse der Zeit gewissermaßen zurechtkamen, um eben jene eingeschlagene Richtung des Geistes zu bestätigen, die die Einheit der auseinanderstrebenden Inhalte in der Tiefe des Lebensvorganges selbst suchte. 

Natürlich hat das Erleben dieser Ereignisse keine unmittelbar ersichtliche Wirkung auf jene Zerspaltungen und inneren Fremdheiten innerhalb unserer sittlichen und intellektuellen, religiösen und künstlerischen Kulturgebiete; und ebenso natürlich wird diese Wirkung, selbst wenn sie stattfindet, sich in jener tragischen Entwicklung, wie sie für hochausgebildete objektive Kulturen unvermeidlich scheint, allmählich wieder verlieren.  

Darüber aber, daß, innerhalb dieser Begrenzungen, der Krieg jene positive Bedeutung für die Kulturform hat, unabhängig von seiner Zerstörung von Kultursubstanz, ist mir kein Zweifel.  

Wie nicht nur das gemeinsame Ziel und die gemeinsame Gefahr unserm Volke, als der Summe von Subjekten, eine ungeahnte Einheit gegeben hat - wieviel von dieser auch bleibend, wieviel vorübergehend sei -, sondern die unerhörte Erhebung und Erregtheit des Lebens in einem jeden dieses Zusammenschmelzen, Zusammenfließen in eine Strömung begünstigt hat, so wird sie auch den objektiven Kulturinhalten für eine Welle eine neue Bewegtheit und damit eine neue Möglichkeit und Drang, sich zusammenzufinden, leihen, ein Durchbrechen jener Starrheiten und Inselhaftigkeiten, die unsere Kultur zu einem Chaos unverbundener, jeder Stilgleichheit entbehrender Einzelheiten machte.  

Wir werden, wie gesagt, dieser Tragödie und chronischen Krisis aller Kultur auf die Dauer nicht entgehen. Aber für eine gewisse Periode wird ihr Fortschritt gehemmt, ihre Schärfe gemildert werden.Mehr aber können wir überhaupt den letzten Paradoxien des Kulturlebens gegenüber nicht erhoffen.  

Sie verlaufen tatsächlich so, als ob sie zu einer Krisis und mit ihr in unabsehliche Zerrissenheiten und Dunkelheiten führen sollten. Daß bloße Mittel als Endzweck gelten, was die vernünftige Ordnung des inneren und praktischen Daseins völlig verschiebt; daß die objektive Kultur sich in einem Maß und Tempo entwickelt, mit dem sie die subjektive Kultur weit und weiter hinter sich läßt, in der doch allein alle Vervollkommnung der Objekte ihren Sinn hat; daß die einzelnen Zweige der Kultur zu einer Richtungsverschiedenheit und gegenseitigen Entfremdung auseinanderwachsen, daß sie als Gesamtheit eigentlich schon vom Schicksal des babylonischen Turmes ereilt und ihr tiefster Wert, der gerade in dem Zusammenhang ihrer Teile besteht, mit Vernichtung bedroht scheint: dies alles sind Widersprüche, die wohl von der Kulturentwicklung als solcher unabtrennlich sind.  

Sie würden in restloser Konsequenz diese Entwicklung an den Punkt des Untergangs führen, wenn nicht das Positive und Sinnvolle der Kultur immer wieder Gegenkräfte einzusetzen hätte, wenn nicht von ganz ungeahnten Seiten Aufrüttelungen kämen, die - oft um einen hohen Preis - das ins Nichtige verlaufende und auseinanderlaufende Kulturleben für eine Weile zur Besinnung brächten.  

In diese Kategorie gehören, soweit wir übersehen, die Erschütterungen unseres Krieges. Er wird vielleicht von den zeitlichen Einzelinhalten der Kultur manches definitiv beseitigen, manches definitiv neu schaffen. Indem er aber auch auf jene fundamentalen inneren Formen von Kultur überhaupt wirkt, -deren Entwicklungshöhe die Gestalt einer fortwährend bevorstehenden Krisis hat - kann er nur eine Szene oder einen Akt dieses endlosen Dramas inaugurieren.  

Wir verstehen damit, wie dieser Krieg, den wir als das umwälzendste, zukunftbestimmendste Ereignis seit der Französischen Revolution empfinden, für unsere Prognose diesen Unterschied seiner kulturellen Folgen auslösen kann: auf der einen Seite Gewisses für immer zu beseitigen, Gewisses ganz neu zu schaffen, auf der anderen gewisse Entwicklungen zu hemmen oder rückläufig zu machen, deren Wiedereinbiegen in den alten Gang uns doch unvermeidlich scheint.  

Indem jenes sich auf einzelne Inhalte der Kultur, dieses auf das tiefste Verhängnis ihrer Formen bezieht, ist mit dem nur relativen, nur temporären Charakter der letzteren Wirkung die kulturelle Bedeutung des Krieges keineswegs herabgesetzt.  

Denn gerade damit fügt er sich dem innersten, freilich tragischen Rhythmus der Kultur ein, ihrem fortwährend gefährdeten und nur durch fortwährende Gegenwirkungen zu erhaltenden Gleichgewicht.  

Würden wir hier, wo es sich um das Leben der Kulturform schlechthin handelt, ein Absolutes oder Definitivum erwarten, - auch soweit nur, wie man im Geschichtlichen von solchem sprechen kann, - so würde eben diesem Leben nicht mehr, sondern weniger genuggetan sein. Man kann, wie gesagt, es als die prinzipiellste, alle Einzelinhalte übergreifende Schicksalsformel der hochgesteigerten Kultur bezeichnen, daß sie eine fortwährend aufgehaltene Krisis ist.  

Das heißt, daß sie das Leben, aus dem sie kommt und zu dessen Dienst sie bestimmt ist, in das Sinnlose und Widerspruchsvolle auflösen will, wogegen die fundamentale, dynamische Einheit des Lebens sich immer wieder zur Wehr setzt, die lebensfremde, das Leben von sich abführende Objektivität wieder von der Quelle des Lebens selbst her zusammenzwingt.  

Und darum stehen wir in dieser Epoche an einem Höhepunkt der Geschichte, weil jene Auflösung und Abirrung der kulturellen Existenz ein gewisses Maximum erreicht hat, gegen das sich das Leben mit diesem Kriege und seiner vereinheitlichenden, vereinfachenden, auf einen Sinn konzentrierten Kraft empört.  

Mag dies auch nur eine Welle in der unabsehlichen Strömung des Menschheitslebens sein, - zu solcher Höhe, solcher Breite hat die Reibung seiner Kräfte noch keine gehoben.  

Mit Erschütterung stehen wir vor solchen Dimensionen, die diese Krisis dem Überblick des Einzelnen unabschätzlich weit entrückt, während sie uns zugleich tief vertraut und verständlich ist; denn in jedem von uns ist sie, bewußt oder nicht, die Krisis seiner eigenen Seele. 1)

1) Die kulturgeschichtlichen und kulturphilosophischen Grundlagen dieser Erwägungen sind in meinem Buch: Philosophie des Geldes -ausführlich dargestellt.


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
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