Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

   
presents: Georg Simmel Online

  Sociology in Switzerland   Georg Simmel Online G.Simmel: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen

 

Georg Simmel: Deutschlands innere Wandlung

Rede, gehalten in Strassburg, November 1914

ex:  Der Krieg und die Geistigen Entscheidungen. Reden und Aufsätze:  Duncker & Humblot, München/Leipzig 1917

Mit der Erklärung dieses Krieges ist wohl über jede Seele in Deutschland eine Erschütterung gekommen, neben der alles, was auch der Schicksalsreichste von uns an Druck und Spannung, an Verhängnis und Entschlossenheit erlebt hat, plötzlich etwas Dünnes und Schmales wurde. 

So ungefähr muss es den Menschen um das Jahr 1000 zumute gewesen sein, als man den Weltuntergang erwartete und niemand wusste, ob er verdammt oder gerettet werden würde.  

Seitdem ist, was uns zuerst als jenes dunkel mächtige Gefühl erschütterte, zu einem nun schon in vielen Formen ausgedrückten Gedanken geklärt: dass das Deutschland, in dem wir geworden sind, was wir sind, versunken ist wie ein ausgeträumter Traum, und dass wir, wie auch immer die jetzigen Ereignisse auslaufen mögen, unsere Zukunft auf dem Grund und Boden eines andern Deutschland erleben werden.  

Niemand wird positiv zu bestimmen unternehmen, wie dieses nach Formen und Inhalten aussehen wird; aber vielleicht gerade, weil wir das Wie nicht wissen, sondern nur das Dass, beherrscht uns um so stärker, um so allgemeiner diese sozusagen undifferenzierte Idee: ein anderes Deutschland, als das in diesen Krieg hineinging, wird aus ihm hervorgehen.  

Was sie an Wucht und vitaler Bedeutung besitzt, kann die Jugend nicht in seiner ganzen Tiefe empfinden; sie hat zu wenig Vergangenheit, von der sie präjudiziert würde, zu wenig schon erworbenen Lebensstoff, um mit den Bedingungen, unter denen er erworben ist, verwachsen zu sein; sie wird sich in einheitlicher Anpassung an die neue Basis entwickeln.  

Für uns Ältere aber, die wir in der ganzen Epoche seit 1870 unser Leben geformt haben, liegt ein Abgrund von kaum abschätzbarer Breite zwischen ehemals und künftig, vor dem wir stehen wie vor der Entscheidung: noch einmal ein Leben auf neuen Voraussetzungen und in neuer Atmosphäre aufzubauen, oder, wenn die Kraft dazu nicht reicht, in Desorientiertheit und als unbrauchbares Überlebsel zugrunde zu gehen.  

Wir wissen nur, dass auch der glücklichste Erfolg den unsäglich vielgliedrigen, in unsägliche Kompliziertheiten verfeinerten Aufbau des bisherigen Deutschland nicht einfach wieder erstehen lassen kann; sondern das unbekannte Deutschland, das er verspricht, wird in jedem Fall ein anderes sein.  

Und dieses mehr oder weniger deutliche Bewusstsein, dass Deutschland von neuem in den Schmelztiegel geworfen ist, hat die maßlose Erschütterung dieser Tage vielleicht von noch tieferen Schichten her motiviert, als die unmittelbare kriegerische oder politische Gefährdung.  

Diese Wandlung heftete sich zunächst an einen neu gefühlten Zusammenhang zwischen dem Einzelnen und der ganzen Nation.

Was viele von uns vielleicht theoretisch gewusst haben: dass in der Existenz des Individuums nur ein beschränkter Teil wirklich individueller, auf sich selbst ruhender Besitz ist - das gewinnt in der ruhigen Alltäglichkeit kein entschiedenes Bewusstsein, weil in ihr nur das, was die Menschen voneinander unterscheidet, von praktischem Interesse und Wirksamkeit ist.  

Den gemeinsamen Grund müssen erst starke Stöße in seiner Selbstverständlichkeit erschüttern, damit man ihn fühle, damit man wisse: wenn er sich aufreißt und wieder zu neuen Gestalten ballt, so wird nicht einfach ein abzugrenzender Teil deiner persönlichen Existenz ein anderer; sondern du hast nur eine Existenz, in der das Individuellste und das Allgemeinste sich an jedem Punkt zur Lebenseinheit durchdringen.  

Dass die mechanische Teilung zwischen jenen beiden untertaucht, ist einer der größten Gewinne dieser großen Zeit, der wieder einmal den organischen Charakter unseres Wesens fühlbar macht. Nur ein lange Periode ohne tiefste Aufrüttelungen lässt die mechanische Ansicht aufkommen, für die das Gemeinsame und das Eigene wie in räumlicher Getrenntheit, jedes für sich, existieren. 

Die Epochen, in denen vor den Erschütterungen des Lebensgrundes jene abstrakte Künstlichkeit der Trennungen zusammenfällt, sind von der Ganzheit und der Größe des Lebens erfüllt. 

Sie bezeichnen die Wendepunkte, an die sich eine neue Organisierung des Lebens ansetzt, eine Änderung seiner Ganzheit - gleichviel ob in der Unabsehlichkeit des Zukünftigen auch diese wieder der mechanistisch erstarrten Sonderung verfällt und ein neuer Schmelzprozess zur geschichtlichen Forderung wird.  

Für gewöhnlich kommt der einheitliche Zusammenhang zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen auf arbeitsteilige Weise zustande: der eine setzt die eine Leistung oder Bedeutung ein, der andere eine andere, jeder bedarf deshalb der Ergänzung durch den andern; durch die Verantwortung für seine Sonderleistung und durch deren Austausch, der sich durch das ganze nationale Leben erstreckte, wusste sich der Einzelne dem Ganzen verbunden.  

Während dies natürlich weiterbesteht, hat in diesen Tagen noch eine ganz andere Art von Einheit sich unseres Gefühles bemächtigt: nicht erst durch den Kanal eines differenzierten Tuns oder Seins, sondern ganz unmittelbar ist auf einmal der Einzelne in das Ganze eingegangen, an und in jeden Gedanken und jedes Gefühl ist eine überindividuelle Ganzheit gewachsen.  

Diese Gesamtheit ist nicht nur die Verwehung von Einzelwesen und ihrer Einzelkräfte, ist aber auch nicht ein Etwas jenseits der Einzelnen, wie sublime Soziallehren es mit einer teilweisen Richtigkeit darstellen.  

Sondern in dem jetzigen Erlebnis leuchtet aus dem neuen Grad, der neuen Art von Verantwortung und von Opfer auch ein neues Verhältnis von Individuum und Gesamtheit auf, dessen begrifflicher Ausdruck schwierig oder widerspruchsvoll ist und dessen reinste Anschaulichkeit der Krieger im Felde ist: dass gleichsam der Rahmen auch des individuellsten Lebens durch das Ganze ausgefüllt ist.  

Zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen besteht kein jenseits mehr, so dass selbst »Hingebung« kein ganz zutreffendes Wort ist: man braucht sich nicht erst hinzugeben, wo das Gefühl von vornherein keine Scheidung zeigt. 

Und wie für das Nebeneinander der Mitlebenden, gilt dies für das Nacheinander der Zukünftigen.  

Das ist das Wundervolle dieser Zeit, dass der Tag über den Tag hinausreicht, dass alles Praktische, alles Augenblickliche für die Gestaltung Deutschlands in unabsehbare Zukunft hinein, wichtig ist. 

Früher war jedes solche Tun viel mehr mit seinen nächsten Folgen abgeschlossen, es begrenzte sich an der Stabilität der Verhältnisse. 

Jetzt aber, wo alles labil geworden ist, fließend, durcheinandergeworfen, von Neuem bildsam - jetzt streckt sich die Wirkung jeder einzelnen Handlung sehr viel weiter hin, ist unberechenbar bedeutsamer und wir sind deshalb für eine jede in sehr viel höherem Maße verantwortlich als früher.  

Dass wir jetzt nichts denken und nichts tun können, was nicht Bestimmung und Baustein für die ganze Zukunft wäre, das gibt dem heutigen Leben seine Schwere, aber auch seine Würde. 

Wenn niemand heute prophezeien kann, wie das andere Deutschland aussehen wird, sondern nur dass es anders aussehen wird, so ist gerade dieses nicht-wissende Wissen das erste Zeichen davon, dass wir an einer Wende der Zeiten stehen.  

Denn Berechenbarkeit der Zukunft bedeutet, dass sie schon irgendwie makroskopisch in der Gegenwart liegt oder aus deren Stücken gleichsam mechanisch konstruierbar ist.  

Wo aber die Zeit wirklich neu werden will, da liegen die Elemente der Zukunft unerkennbar tief in der Gegenwart, da steht ein nur den Metamorphosen des Lebens vorbehaltener Umschlag in Frage, den niemand errechnen kann. 

Darum auch fühlen wir alle so stark, dass wir jetzt Geschichte erleben, das heißt, ein Einmaliges; alle Vergleiche davon mit Vergangenheiten haben etwas Schiefes. 

Denn was an einem Erlebnis, so bedeutsam oder so gering es sein mag, wirklich Geschichte ist, ist die Geburt eines noch nicht Dagewesenen, ist die Wendung des Weltgeistes zu einem Gedanken, den er nicht auf dem Wege der Assoziationspsychologie fassen konnte. 

Plötzlich wird einem klar, wie sehr man vorher im Nicht-Geschichtlichen gelebt hat; entweder, als Tageswesen, in dem, was zu jeder Zeit, ein wenig so oder so variiert, das Leben des Alltags erfüllt: Hunger und Liebe, Arbeit und Erfolg, Freuden und Leiden unsrer Vergänglichkeit; oder, als Existenz höherer Geistigkeit, lebten wir im Zeitlosen.

Wir waren entweder unterhalb des eigentlich Historischen oder wir waren oberhalb seiner. 

Jetzt aber wird unser Bewusstsein empörgerissen zu dem Punkte, wo wirklich Wende und Wandlung zwischen endgültig Vergangenem und ungeborenem Neuem geschieht, wo wir wirklich Geschichte erleben, also einen Teil des einmaligen Weltprozesses, so dass wir wissen: das Leben wird ein anderes sein.  

Darum wird selbst die Vermutung, die ihre Subjektivität zugibt, nur das Negative wagen dürfen: dies und jenes wird nach dieser Zeit nicht mehr sein - und auch sie wird, um nicht im Uferlosen umzutreiben, das Innerliche in seiner Verwandtschaft mit äußerlichen Tatsachen aufsuchen.

Deutschland wird, auch bei glücklichem Ausgang des Krieges, vergleichsweise arm zurückbleiben. Was an Industrien, an Handelsverbindungen, an Einrichtungen, an gut begründeten wie an gewagten Unternehmungen heute schon zusammengebrochen ist, was durch den Stillstand der Betriebe verloren gegangen ist, kann kein Mensch übersehen. 

Dass wir alle auf den einen Gedanken: Krieg und Sieg - konzentriert sind, das trägt uns - das ist ebenso Notwendigkeit wie Glück - für jetzt noch über die Errechnung dieser Zerstörungen hinweg.  

Ich bin überzeugt, dass sie jedes Maßstabes spotten, den man heute etwa anlegen möchte. 

Und wenn man auch ebenso überzeugt ist, dass wir gesund und stark genug sind, unsere Wirtschaft von neuem aufzubauen, so wird eine lange Zeit dazu gehören; auch der europäische Hass, der wohl die Erbschaft dieses Krieges sein wird, selbst wenn dieser Hass sich keineswegs nur gegen uns richten, sondern, wie ich überzeugt bin, auch die jetzt gegen uns Vereinten entzweien wird, und die Zusammenbrüche an allen Ecken und Enden des weltwirtschaftlichen Kreises - all dieses wird die Heilung unserer wirtschaftlichen Wunden nicht beschleunigen.

Aber sehr wohl könnte die Innenseite dieser Einbuße ein Gewinn sein. 

In den letzten Jahren hat eine Erscheinung bei uns überhand genommen, die ich Mammonismus nennen will.

Ich meine damit nicht das, was für jeden nicht mehr barbarischen Zustand offenbar unvermeidlich ist: dass das Geld, das Mittel für fast alle Wünschbarkeiten der Menschen, das Mittel schlechthin, für den Menschen zu einem Endwert und Selbstzweck auswächst. 

Ist dies aber noch immer eine Form des subjektiven Begehrens und eine psychologische Abkürzung praktischer Zweckmäßigkeiten, so bezeichnet Mammonismus eine Steigerung hiervon sozusagen in das Objektive und Metaphysische: die Anbetung des Geldes und des Geldwertes der Dinge, ganz gelöst von dem eigentlich Praktischen und dem persönlich Begehrlichen.

Man muss solche Erscheinungen, weil sie sich ja nie in reiner Isolierung darbieten, mit paradoxer Zugespitztheit aussprechen, um sie innerhalb der seelischen Chaotik überhaupt einmal sichtbar zu machen. 

Wie der wahrhaft Fromme zu seinem Gott betet, nicht nur weil er etwas von ihm wünscht oder hofft, sondern frei von solchen subjektiven Triebfedern, nur weil er Gott ist, das absolute, das um seiner selbst willen Anbetung fordernde Wesen - so verehrt der Mammonist das Geld und den in Geld ausdrückbaren Erfolg alles Tuns, sozusagen selbstlos, in reiner Ehrfurcht. 

Mag also diese Erscheinung auch immer nur in Verwebung mit eigentlicher Geldgier, mit Gewinn- und Genusssucht auftreten - dass sie überhaupt da war, dass namentlich in unsern großen Städten dieses Transzendentwerden des goldenen Kalbes, dieser Idealismus der Geldwertung endemisch wurde, schien mir eine feinere und tiefere Gefahr als alle jene mehr materialistischen, mehr habsüchtigen Begleitschatten der Geldwirtschaft. 

Unsere große Bedrohung war nicht der unmittelbare Materialismus, der sein Korrektiv im Lauf der Zeit schon von selbst hervorruft, sondern dass er sich in allerhand Ideologien weltanschaulicher und ethischer, ästhetischer und politischer Art umsetzte. 

Es haben aber die Erschütterungen dieser Zeit es in Hinsicht der wirklich idealen Werte Vielen eindringlich gemacht, dass die partielle Marxistische Wahrheit: solche Werte seien nur der Überbau über materiellen Interessen - auch umgekehrt gilt: alle materiellen Werte sind jetzt der bloße Überbau über tiefsten seelischen und idealen Entscheidungen und Entschiedenheiten. 

Deutschlands ökonomische Opferbereitschaft bedeutet gar nichts andres, als dass diese Werte sich in jene Rangordnung einstellen 1) - womit sie, wie ich zeigen werde, keineswegs irgendwelchen überdeutsch-objektiven Idealen verhaftet sind. 

Ich gehe noch einer andern Folge unserer wirtschaftlichen Einbußen nach, die dem Gelehrten besonders nahe liegt. 

Unsere Wohlhabenheit hat der Wissenschaft - der Literatur überhaupt - ein Überangebot von Kräften zugeführt: von Leuten mit einem Spürchen von Begabung und geistigem Interesse, oder die von der sozialen Angesehenheit der geistigen Schichten profitieren wollen oder denen an Titeln und Karriere liegt. 

Es sind wieder einmal die vorhandenen Produktivformen von den vorhandenen Produktivkräften überflutet worden - nur dass es eben Pseudokräfte waren, wie der Vermögensbesitz sie oft verleiht, indem die ganz unspezifische Potenz des Geldes sich selbstbetrügerisch in die Idee einer persönlichen Fähigkeit umsetzt. 

Was Deutschland seinem Wissenschaftsbetrieb verdankt, ist jenseits aller Erörterung; allein nun ist es nicht zu leugnen: unsere Wissenschaft ist, wie man es früher vom Handwerk sagte, »übersetzt«. Wissenschaft, ursprünglich erwachsen als das Betätigungsfeld relativ weniger, aufopferungsvoller Menschen, kann den Umfang ihrer sinnvollen und legitimen Aufgaben nicht so schnell erweitern, dass für den ganzen Strom der in ihr sich Betätigenden, dessen Schleusen unsere Wohlhabenheit aufgezogen hat, darin Platz wäre.   

Die Folge dieser Überflutung des wissenschaftlichen und literarischen Arbeitsgebietes - mag die Flut auch durch an sich höchst wertvolle Tendenzen des deutschen Geistes in dieses Bett geleitet sein - ist das sinnlos werdende Spezialistentum, die literarische Überproduktion, das Verschwenden vieler Kräfte an abgelegenste Probleme, die von den eigentlichen Werten der Erkenntnis abgeschnürt sind.  

Gegenüber der an ihrer Stelle durchaus richtigen, aber durchaus nicht an jeder Stelle richtigen Wertung der »Andacht zum Kleinen«, der »bescheidenen Kärrnerarbeit«, der »nützlichen Bausteine« sollte man den Mut haben, einzugestehen: es gibt auch ein überflüssiges Wissen, gewissermaßen parasitäre Erkenntnisse, die mit dem wirklich Wissenswürdigen gar keinen realen Zusammenhang haben, sondern nur aus der formalen Gleichheit der Methoden und damit, dass in andern Fällen das scheinbar Unbedeutende sehr wichtig werden kann, eine illegitime Schätzung genießen.  

Wenn es aber künftig nicht mehr so vielen ihre äußeren Mittel erlauben werden, Doktoren der Philosophie oder gar Privatdozenten - oder etwa nur Schriftsteller überhaupt - zu werden, so ist zu hoffen, dass sich nur diejenigen der Wissenschaft widmen werden, denen es ihre inneren Mittel erlauben, oder vielmehr: gebieten; und vor allem, dass die Arbeiten sich mehr auf das wirklich Wissenswerte und Wesentliche beschränken werden.  

Wir alle wissen, dass die letzten Jahrzehnte in Deutschland neben einer ungeheuren wissenschaftlichen Betriebsamkeit eine erschreckende Abkehr des Denkens von den entscheidenden, grundlegenden Problemen brachten.  

Wenn seit wenigen Jahren schon eine Reaktion darauf bemerklich war, eine Wiederaufnahme der Probleme, die die Ganzheit des Lebens von seiner Wurzel her bestimmen - so wird das ökonomische Bescheidenerwerden auch hier diesen Krieg als den äußeren Vollstrecker des innerlich schon Angelegten und Ersehnten offenbaren; er zerstört freilich auch hier, aber gewissermaßen von den äußeren Schichten her, den wertloseren, zum Absterben Bestimmten; möge er den Kern nicht nur übrig lassen, sondern ihm stärkere Sichtbarkeit und reichere Entfaltung gewähren! Dass wir nur mit so ungefähren oder negativen Bestimmungen von dem kommenden Deutschland reden können, wie ich es hier für einzelne Punkte versuchte, - das bedeutet heute die Unbegrenztheit eines nicht ausgemünzten Reichtums.  

Und so verhüllt uns noch die Formen seiner Realisierung sind, eine Gesamtform dieser scheint sich schon heute aufzuarbeiten, freilich eine, von deren Wesen Kampf und Leiden, Härte und Verzicht unabtrennlich sind: die Scheidung zwischen dem, was in Deutschland noch lebens- und zeugungsfähig ist, und dem, was an die Vergangenheit angenagelt und ohne Recht an die Zukunft ist: Menschen und Institutionen, Weltanschauungen und Sittlichkeitsbegriffe.  

Die behagliche Ungestörtheit des Friedens mag es sich leisten können, das Überständiggewordene, innerlich Abgestorbene noch mitzurechnen, es mittels allmählicher Übergänge mit dem wirklich Lebendigen zu vereinheitlichen. 

Mit der Härte und Entschiedenheit, zu der der Krieg unser Dasein ausgehämmert hat, verträgt sich dies nicht länger, er stellt alle und alles vor ein unbarmherziges Entweder-Oder von Wert und Recht und lässt nur noch Raum für das wahrhaft Keimkräftige und Echtgebliebene; was unserm bevorstehenden Leben, dem wir kaum mit dem Alleräußersten von Kraft und Leistungswerten genügen können, sich nicht mehr fördernd einfügt, muss ausgestoßen werden, in die Not und Arbeit unserer Zukunft können wir nicht mehr mitschleppen, was uns der Kräfteüberschuss der weniger beanspruchenden Vergangenheit zu konservieren erlaubte.  

Dass unsere Siege das Opfer jener herrlichen alten Kathedralen forderten, das ist, freilich ins schmerzhaft Groteske übertrieben, dennoch ein Symbol dessen, was auch uns bevorsteht. 

Wer nicht mitbauen kann an dem neuen Deutschland, muss beiseite stehen, welche Menschen und Dinge innerlich schon gerichtet und unfruchtbar geworden sind, an denen vollzieht der Krieg nur den Richterspruch. 

Denn seine Erschütterungen schütteln die Bäume, dass abfällt, was überreif ist und nur lässiger Duldsamkeit noch frisch erschien.  

Doch will ich bei alledem nicht leugnen, dass erst die letzten Jahre und dann wieder die letzten Wochen mir den Glauben an die ideelle Bedeutung eines deutschen Krieges gegeben haben. 

Lange Zeit stand mir die Voraussicht eines Krieges mit Frankreich unter dem beängstigenden Gedanken, dass Frankreich in ihn eine Idee einzusetzen hatte; die Revanche war die in ihrer Art sittliche Idee, an der das innerlich sehr dissolute, an vielen Punkten zerfallende Frankreich eine Einheit, einen Zielpunkt, einen Halt besaß; der nationalistische Idealismus hat die - freilich wohl sehr dünne - Oberschicht französischer Jugend genährt, an der man seit einigen Jahren eine zweifellose Steigerung von Ernst, Vertiefung, moralischer Kraft beobachten konnte.

Das also war keine Frage: die Revanche bedeutete für Frankreich nicht materielles oder territoriales Interesse, auch nicht einfache Ruhmsucht oder Eitelkeitstic, sondern sie war eine Idee, deren Fahne fast alles - ich nehme die sozialistischen Bestrebungen aus - zusammenführte, was Frankreich an männlicher Kraft und praktischem Idealismus besitzt.  

So hat eine »Idee« uns 1870 geführt: es galt den Gewinn der deutschen Einheit, die endliche Verwirklichung eines idealistischen Traumes. 

Was aber, das diesem und der französischen Revancheidee entspräche, hätten wir einzusetzen? Nichts Positives, so schien es, sondern eine bloße Verteidigung dessen, was wir schon haben, kein von fern her winkendes Ziel - was hätten wir wohl in einem Kriege mit Frankreich noch zu gewinnen?  

So schien mir Frankreich einen ungeheuren seelischen Kraftfaktor vor uns vorauszuhaben. Die Ereignisse, in denen nicht nur Frankreich, sondern sozusagen die ganze Welt gegen uns steht, haben mich eines besseren belehrt.  

Ich wage die Behauptung, dass die meisten von uns erst jetzt das erlebt haben, was man eine absolute Situation nennen kann. 

Alle Umstände, in denen wir uns sonst bewegten, haben etwas Relatives, Abwägungen des Mehr oder Weniger entscheiden in ihnen, von dieser oder jener Seite her sind sie bedingt. 

All solches kommt jetzt nicht mehr in Frage, wir stehen mit dem Kräfteeinsatz, der Gefährdung, der Opferbereitschaft vor der absoluten Entscheidung, die keine Ausbalancierung von Opfer und Gewinn, kein Wenn und kein Aber, kein Kompromiss, keinen Gesichtspunkt der Quantität mehr kennt. 

Mit diesem Ungeheuren, das uns nie ein Krieg mit Frankreich allein, sondern nur ein Krieg, wie wir ihn jetzt führen, bringen konnte, sind wir einer Idee verhaftet. 

Denn die Frage: soll Deutschland sein oder nicht sein - kann nicht mit dem Verstand der Verständigen und seinen immer relativen Wägungen beantwortet werden, freilich auch nicht mit dem kindlichen Gemüt.  

Hier entscheidet allein - auch für den, der das Wort Idee nie gehört oder nie verstanden hat - jene höchste Instanz unseres Wesens, die Kant »das Vermögen der Ideen« nennt - das heißt das Vermögen, ein Unbedingtes zu erfassen.  

Denn alles Einzelne und Bedingte, das uns sonst bestimmte, liegt unter uns: wir stehen - was das Leben sonst nur wenigen von uns gestattete oder abforderte - auf dem Grund und Boden eines Absoluten. 

Diese innere Lage ist es, die ersichtlich das Ausland nicht versteht und die unsere europäische Einsamkeit bedingt.  

Dass unsere Not und unsere Verteidigung um die bare physische und wirtschaftliche Lebensmöglichkeit geht und zugleich um das höchste Seelische und Ideelle - um das zu begreifen, scheint es, muss man selbst im Zentrum des Erlebens stehen; offenbar erst von ihm aus weiß man die unerrechenbare Einheit von diesen beiden - eben jene Absolutheit unserer Lage, während die von außen Zusehenden diese Lage immer nur aus einzelnen Interessen, Nöten, Wertungen konstruieren und wägen wollen. 

Dabei ist heute die einzige Möglichkeit, sich die überparteimäßigen Wertungen in ihrer Objektivität rein zu erhalten, dass man sich entschieden, bewusst, willensmäßig auf die subjektive und Parteiseite stellt.  

Ich liebe Deutschland und will deshalb, dass es lebe - zum Teufel mit aller »objektiven« Rechtfertigung dieses Wollens aus der Kultur, der Ethik, der Geschichte oder Gott weiß was heraus. 

Sobald ich auf solche eintrete, bin ich gerade in der Gefahr, diese objektiven Werte zu verunsachlichen, und in der Gefahr jedes Beweisenden: widerlegt zu werden. Unwiderleglich ist nur das Unbeweisbare - unser Wille zu Deutschland, der sich über alle Deduktionen stellt. In jeder Bedeutung ist es abzulehnen, dass »Deutschland siegen muss, wenn die Geschichte einen Sinn haben soll«.  

Aus dem »Sinn der Geschichte« - den erkennen zu wollen sowieso ein Größenwahn des Intellekts ist - diese Forderung herauszuholen, ist ein sinnloser Umweg. Wir würden für Deutschland kämpfen, auch wenn damit einem angeblichen »Sinn der Geschichte« schnurstracks entgegengehandelt würde. Und in dieser Richtung noch eines.

Die »Idee«, sagte ich, unter der Deutschland 1870 kämpfte und siegte, war der Gewinn der deutschen Einheit, und wir haben ihr jetzt keine zur Seite zu stellen, die mit einem so einfachen, durchschlagenden Worte zu benennen wäre. 

Der Tatsache nach aber ist, was wir jetzt erleben, erst die Vollendung von 1870. Von neuem gilt es, das Reich zu gewinnen, nur wie auf einer höheren Stufe, in einem höheren Sinne des Gewinnens, dessen äußre Erscheinung nur ist, dass es gilt, es zu schützen; nicht aus dem Noch-Nicht, wie damals, ist es aufzubauen, sondern aus einer Wirklichkeit seiner, von der erst die jetzigen Tage vielen gezeigt haben, dass sie erst eine Möglichkeit, ein Material ist. 

1870 haben wir geglaubt, es wäre ein Definitives gewonnen; jetzt sehen wir: es war ein Vorläufiges!

Dies sind die großen Wendepunkte des Lebens, an denen sein Entwicklungscharakter, historisch wie metaphysisch, hervortritt; das für fertig Gehaltene, Abgeschlossene enthüllt sich als ein Vorläufiges, Potentielles, Baustoff eines Neuen und Höheren, auch die Frucht zeigt sich als Samen.

Damals wurde das Reich geboren, heute geht es - und das wissen wir vielleicht erst heute - aus dem Jünglingsalter in das Mannesalter über, mit den neuen Aufgaben, den furchtbaren Gefahren und ungeahnten Verantwortungen, mit denen solcher Übergang sich vollzieht.  

Ich verfolge dies noch in einer Linie, die wieder einen wirtschaftlichen Ausgangspunkt hat. Seit 40 Jahren sind uns die »Gründerjahre« ein schreckhaftes Symbol von volkswirtschaftlicher Ausschweifung, Unsolidität, übermütigem Materialismus.  

Ich glaube, wir können sie heute etwas historisch gerechter ansehen. In den deutschen Staaten war bis zum Jahre 1870 ein ungeheures Maß von wirtschaftlichen Spannkräften aufgehäuft, die keine rechte Entladung finden konnten: trotz des Zollvereins hemmte die Kleinstaaterei, hemmte der Mangel an einheitlicher politischer Macht nach außen hin, hemmten vielleicht auch noch von 1866 zurückgebliebene Rankünen die Entwicklung der gleichsam in der Knospe verschlossenen wirtschaftlichen, insbesondere industriellen und bankgewerblichen Möglichkeiten. 

Wir alle wissen, wie die Reichsgründung diesen Bann löste; 1870 bedeutete für die Freilegung dieser deutschen Kräfte etwa, was 1789 für die des tiers Etat bedeutete. 

Die Gründerperiode erscheint als das erste, ungeschlachte und unbehilfliche Stadium dieser Entwicklung, die Vorwegnahme von Erfolgen und Gewinnen, die allerdings eine lange Arbeit erst reifen konnte - begreifbar aber aus dem Gefühl einer endlich hemmungslosen Energie, die ihre Grenzen noch nicht erfahren hat.  

Die Entfaltung der wirtschaftlichen Dynamik war das prinzipiell Neue, das uns das Reich brachte, und dies war der Grund, weshalb die Betonung des öffentlichen Interesses zunächst nach dieser Seite fiel, »materialistisch« wurde.  

Nietzsche, der die hierin enthaltenen Gefahren allerdings mit einzigartiger Klarheit sah, war doch zugleich so davon geblendet, dass er diese Ausschweifung plötzlich freiwerdender Kräfte nicht in ihrer psychologischen Unvermeidlichkeit erkannte, nicht erkannte, dass dieser Materialismus der jugendliche Überschwang war, der sich mit den anderen älteren Lebensmächten erst allmählich ins Gleichgewicht setzen konnte.  

Wie er, der die historische Zufälligkeit der bestehenden Moral aufs schärfste durchschaute, doch ihrer Suggestion so unterlag, dass er sie mit der Moral überhaupt identifizierte und seinen Kampf gegen jene als Immoralismus schlechthin bezeichnete - so machte die Veräußerlichung, Verwirtschaftlichung des Lebens auf ihn den Eindruck eines Absoluten; so dass er in der aus ihr aufsteigenden sozialen Bewegung vom Ende des 19.Jahrhunderts nur das Äußerliche, Materialistische, primär Ungeistige sah, und nicht begriff, welche ungeheure weltgeschichtliche Idee und weltgeschichtlicher Idealismus mit ihr jenen Materialismus zu durchdringen begann und sich über ihn als ihren bloßen Fußpunkt hinaus entwickeln wollte.  

Gleichviel wie man diese Entwicklung werte - wir hatten also vor 1870 eine Unermesslichkeit wirtschaftlicher Potentialitäten, die die Reichsgründung in Wirklichkeiten umzusetzen und damit einen völlig veränderten Aspekt Deutschlands zu schaffen gestattete; und nun erhebt sich die Frage: besitzt das jetzige Deutschland Spannkräfte, die entsprechend durch unsern Krieg gelöst werden können und ihn damit wiederum zum Ausgangspunkt eines andern Deutschland machen werden? Möglichkeiten dieser Art kann man nicht beweisen; ich glaube aber, dass ihre Bejahung nur ein in vielen von uns lebendiges Gefühl ausspricht. 

Nur dass damals wirtschaftliche, heute aber geistige Möglichkeiten in Frage stehen. Was immer von solchen verwirklicht werden mag, sie scheinen mir als Erfolge des jetzigen Erlebnisses ihr tiefstes Wesen darin zu haben, dass sie nicht, wie Eroberungen, eine gleichsam äußere Hinzufügung von Neuem, unserem Leben bisher ganz Unverbundenem bedeuten.

Sondern wie Früchte sind sie, die schon lange vor der Reifung standen, vielleicht noch lange vor ihr gestanden hätten; nun aber hat Blut und Kraft dieser Zeit alle Säfte des deutschen Lebens in sie getrieben und gesammelt und hat zu äußerer Wirklichkeit gereift, was längst innere Notwendigkeit war. 

So litt unser Leben - um einen Punkt als symbolisch für viele andre hervorzuheben - unter den Gegensätzen einer materialistischen und einer ästhetisierenden Führung.  

Vielleicht war der Materialismus der zuerst unvermeidliche Schatten jenes wirtschaftlichen Aufschwungs - der dann als seinen nicht minder extremen Gegenschlag die blasse Überfeinerung des Ästheten hervorrief. 

Es besteht eine tiefe innere Verbindung zwischen der zu nahen Fesselung an die Dinge und dem zu weiten Abstand, der uns mit einer Art von »Berührungsangst« ins Leere stellt. 

Wir wussten längst, dass wir an beiden zugleich krank und doch zur Gesundung reif waren, die wir von der Krisis des Krieges ersehnen. 

Für wen hundertmal die Frage der Stunde zwischen Leben und Tod stand oder wer auch nur zu Hause Tag für Tag von dem unbedingten Schicksal dieser Zeit erfüllt war, der hat erfahren, wie wenig das Leben auf das bloß Materielle der Dinge und wie wenig es auf den bloßen Reiz ihrer Form zu stellen ist.  

Wenn überhaupt irgendein innerer Erfolg des Krieges uns sicher ist, so ist es dieser: dass unzählige von uns mehr als bisher am Wesentlichen leben werden; wer an irgendeinem Punkt seiner Existenz ein Wesentliches besaß, an dem müssen die Erschütterungen dieser Zeit es gereift und herausgebracht haben, nachdem die Vergangenheit es nach jenen beiden Polen hin zu zerstreuen drohte. Aber vielleicht ist die Wende der Zeit noch weiter ausgreifend zu bezeichnen.  

Seit einer Reihe von Jahren gehen die geistigen Bewegungen in Deutschland, wie aus der Ferne freilich, fragmentarisch, mehr oder weniger bewusst, auf das Ideal eines neuen Menschen zu. 

Die Schicht, aus der dieses Gedankengebilde sich entwickelt, beginnt, wenn ich richtig beobachtet habe, etwa vom Jahre 1880 an zusammenzuschießen. 

Außerhalb ihrer wohnt, wer um diese Zeit herum seine geistige Entwicklung schon abgeschlossen hatte; wer aber dann noch bildsam war, auf den haben Nietzsche und der Sozialismus gewirkt, der Naturalismus und das neue Verständnis der Romantik, Richard Wagner und die Technik der modernen Arbeit, das Wieder aufleben von Metaphysik und Religiosität und die spezifisch moderne, aus Veräußerlichung und Vergeistigung zusammengewebte Ästhetik der Lebensgestaltung. 

Gleichviel, wie annehmend oder ablehnend der Einzelne sich zu jedem dieser Elemente gestellt hat: irgendwie hat er sich zu jedem gestellt, hat es zu einem positiven oder negativen Faktor seiner inneren Struktur werden lassen. 

Er ist der moderne Mensch geworden - freilich eben noch nicht der neue Mensch, von dem jetzt unsere Hoffnung spricht; aber es hilft dessen Fruchtboden bilden, aus solchen Menschen ist jene Schicht zusammengewachsen, deren wirr hin und her schießende Bestrebungen und Gläubigkeiten, Bejahungen und Verneinungen nun nicht mehr - und das ist das ganz Entscheidende - ein einzelnes Haben oder Sein, sondern die Idee eines neuen ganzen Menschen gemein haben.  

Das ist nicht ein einzelner in concreto möglicher Mensch - von einem Messias rede ich hier nicht -, sondern eben eine übersinguläre Idee, wie der »natürliche Mensch« Rousseaus es war, der auch nicht ein so und so aussehender, plötzlich einen neuen Begriff realisierender war, und in dem dennoch, mit ungeheurer realer Wirkung, alle möglichen Sehnsüchte und Wertungen des 18.Jahrhunderts zusammen schossen. 

Verfolgt man jede einzelne Idealbildung für sich, so sah der neue Mensch für Ludwig Frank sicher sehr anders aus, als er für Stefan George aussieht, für Ostwald anders als für Eucken.  

Aber nicht auf diese Unterschiede kommt es an, sondern dass Hoffnung, Arbeit, Ideal überhaupt auf den neuen Menschen geht. 

Nicht auf den Gewinn von dieser oder jener Vollkommenheit richtet sich die Absicht; sondern eine Epoche arbeitet sich auf, in der der Mensch als ganze Existenz das Ideal einer Neubildung ist - ein Ideal, das im großen Stil nicht häufig in der Weltgeschichte auftaucht: bei den Stoikern, im paulinischen Christentum, in der Renaissance, in nicht so entschiedener Weise in der Aufklärung und dem Revolutionarismus des 18. Jahrhunderts.  

Jetzt wissen wir: nicht viele Dinge sollen anders werden, sondern die Einheit Mensch. Wir wissen nicht, in welchem Sinne anders er sein wird und wollen alle utopischen Überschwänglichkeiten beiseite lassen. 

Aber in dieser Struktur unserer gegenwärtigen Geistigkeit sehe ich das Pfand dafür, dass Deutschland wieder schwanger ist mit einer großen Möglichkeit. 

Es kann nicht wohl ein Zufall sein, dass das vom ersten Tage dieses Krieges an uns beherrschende Gefühl. Deutschland wird nicht sein oder es wird ein anderes Deutschland sein -, es kann kein Zufall sein, dass dies auf jene inneren Vorbereitungen trifft, verhangen und widerspruchsvoll, wie sie sein mögen, aber gerade mit ihrer Vielheit und Dunkelheit einen Reichtum verbürgend, in dem Einheit und Mannigfaltigkeit sich nicht widersprechen. 

Über alle einzelnen, erreichten oder noch zu erreichenden Ziele in der Wissenschaft oder in der Technik, in der Kunst oder in der sozialen Organisation hinaus ist dem Deutschen jetzt eine Ganzheit als Ziel erwachsen, ein ersehnter neuer Typus des Menschen, der seine Ganzheit und dass es sich um die Wurzel der Existenz, nicht um ihre einzelnen divergierenden Auszweigungen handelt, gerade darin zeigt, dass er dem Phänomen nach vielleicht gar nicht so erstaunlich anders aussehen wird, aber in seiner subjektiven Gesinnung und seinem objektiven Sinn ein neuer sein wird.  

Vielleicht aber ist der Begriff des Zieles hierfür nicht der richtige: nicht ein klar Beabsichtigtes steht in Frage, ein bestimmtes Bild, das man zweckmäßig realisiere, sondern ein von innen getriebenes Wachstum, ein organisches Werden - freilich nicht ohne eigene Arbeit sich vollziehend, denn in den Lebensprozess des Menschen, in die Naturkraft seines Sich-Formens gehört die Arbeit als unmittelbares Element hinein. 

Nicht also eigentlich unter der Kategorie eines Zieles steht uns der neue Mensch, sondern unter der einer tiefen Gewissheit, einer mit unserm jetzigen Sein selbst gesetzten Hoffnung.  

Und eben weil mit ihm wieder ein Ganzes unsere Idealbildung zu beherrschen beginnt, verträgt es jene Mannigfaltigkeit und Gegensätzlichkeit seiner einzelnen Bestimmungen, ja wenn keine einzelne solche sich als allen gemeinsam zeigen sollte, würden wir - gleichviel ob wir es begrifflich rechtfertigen können oder nicht - aussprechen: wir alle suchen und erhoffen gemeinsam den neuen Menschen.  

Ungezählte Äußerungen der geistigsten Menschen Deutschlands haben mir, höchst mannigfaltig geformt, immer das gleiche Gefühl offenbart: dass dieser Krieg irgendwie einen andern Sinn hat als Kriege sonst haben, dass er eine, ich möchte sagen mysteriöse Innenseite besitzt, dass seine äußeren Ereignisse in einer schwer aussagbaren, aber darum nicht weniger sicheren Tiefe von Seele, Hoffnung, Schicksal wurzeln oder auf diese hingehen.  

Nur um die Deutung dieses Gefühles handelt es sich, wenn ich von dem neuen Menschen als von dem Ideal sprach, das die früheren Lebensziele allmählich zu umfassen und zu überbauen begonnen hatte, zu dessen klarerem Anblick und hoffnungsvollerer Nähe aber dieser Krieg die sonst vielleicht noch lange verschlossenen Tore aufgerissen hat.

Dass die Erneuerung unserer inneren Existenz, wie wir alle sie als seine tiefste, in alle Zukunft hinein weisende Bedeutung fühlen, nicht auf eine Verbesserung unserer Lage, nicht auf die Steigerung irgendwelcher Einzelwerte hingeht, sondern auf die Einheit und Ganzheit eines jeden - das hat sein Symbol wie seine Bedingung darin gefunden, dass erst mit diesem Krieg auch unser Volk endlich eine Einheit und Ganzheit geworden ist und als solches die Schwelle des anderen Deutschland überschreitet.


Fussnote

1) Diese Äußerung ist als optimistische Täuschung aufgefasst worden. Sie besagt indes keineswegs, dass der Mammonismus nun als über wunden gelten solle, sondern nur, dass eine gewisse, d. h. ungewisse Zahl von Menschen, deren letztes Wesen er noch nicht vergiftet hatte, aus ihrer gedankenlosen Gefolgschaft aufgeschreckt sind. Die inzwischen verlaufenen Kriegsjahre haben mit Kriegswucher und Überforderungen, Hamsterei und Methoden der Kriegssteuer hinterziehung gezeigt, dass von einer allgemeinen Überwindung Des Mammonismus nicht die Rede sein kann. Im Gegenteil hat der Krieg auch hier offenbart, was man seine metaphysische Leistung nennen kann: er ist der große Scheidungsprozess zwischen Licht und Finsternis, zwischen dem Edlen und dem Gemeinen, denen die lässliche Friedenszeit unentschiedenere Grenzen gestatten konnte; so zwischen den Völkern wie innerhalb der Völker, ja innerhalb der Individuen. Es scheint zum Lebensrhythmus der Menschheit zu gehören, dass sie von Zeit zu Zeit solche Epochen der Differenzierung erfährt, in denen Farbe bekannt wird und aus denen sie dann wieder in eine mehr kontinuierliche Verbindung ihrer Pole, in einen toleranteren Relativismus ihrer Werte übergeht. Der Krieg hat dem Leben eine ungeheuere Intensitätssteigerung gebracht, in der die wundervollen Menschen noch wundervoller, die Lumpen noch lumpiger geworden sind.


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
Soziologisches Institut
der Universität Zürich
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