Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

   
presents: Georg Simmel Online

  Sociology in Switzerland   Georg Simmel Online G.Simmel: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen

 

Georg Simmel: Die Idee Europa

ex:  Der Krieg und die Geistigen Entscheidungen. Reden und Aufsätze:  Duncker & Humblot, München/Leipzig 1917

Ist dieser Krieg ein Paroxysmus, eines der Fieber, die manchmal epidemisch durch die Völker laufen, wie der mittelalterliche Flagellantismus, und aus denen sie eines Tages aufwachen, zerschlagen und ohne zu begreifen, wie dieser Wahnsinn überhaupt möglich war - oder ist er ein ungeheures Umgraben und Durchackern der europäischen Erde, damit sie Entwicklungen und Werte hergebe, deren Art wir heute nicht einmal ahnen können?  

So war die Völkerwanderung, die sicher den alten Kulturnationen als eine bloße sinnlose Zerstörung, eine unbegreifliche Vergewaltigung erschien, und doch einem unendliche Werte tragenden, vorher ganz unausdenklichen Leben und Fruchtbringen die Bedingungen bereitete.  Dass niemand diese Frage theoretisch beantworten kann, erleichtert nicht den Druck, mit dem sie uns Tag und Nacht bedrängt, aber es gibt der praktischen Aufforderung Raum, alle unsere Kräfte einzusetzen, dass nicht die unsinnige, sondern die sinnvolle Seite der Alternative Wirklichkeit werde.  

Für ihren Druck freilich bedeutet auch dies nur Umlagerung, nicht Verminderung - weil nun jeder unserer Augenblicke mit einer so ungeheuren Verantwortung beladen ist, wie kein Frieden sie kannte.  

Denn in ihm haben wir unsere Ziele und Aufgaben in deutlicher Nähe vor uns und nur für sie glauben darum die meisten von uns verantwortlich zu sein; mag die undurchdringliche Zukunft dann in derselben Weise für sich sorgen.  

Jetzt aber sehen wir keine festen Umrisse, für deren Ausfüllung wir uns vorzubereiten hätten, sondern was uns an Aufgaben bevorsteht, streckt sich in das Undurchdringliche und deshalb für uns Grenzenlose.  
Gewiss gilt wie sonst und mehr als sonst: Reifsein ist alles.  

Allein die Welt, für die wir reif sein sollen, wird eine neue, vielleicht noch von niemandem geahnte sein, von der wir nur wissen, dass wir mit jedem Tun und jedem Gedanken für sie, und dafür, dass sie einen Sinn habe, verantwortlich sind. Freilich, in einer noch unauflöslichen Gleichung oder Ungleichung stehen Verlust und Gewinn einander gegenüber.  

All dem geschichtsphilosophischen Tiefsinn zum Trotz, der die »Notwendigkeit« dieses Krieges erspekuliert, bleibe ich bei der Überzeugung, dass er ohne die Verblendung und die verbrecherische Frivolität ganz weniger Menschen in Europa nicht entzündet worden wäre; nun er aber entzündet ist, haben wir in ihm eine Kraftentfaltung und eine opferwillige Begeisterung von nie gekannten Maßen erlebt.  

Und diesen Werten stehen nun wieder in Deutschland selbst die allbekannten widerwärtigen Erscheinungen eines habsüchtigen Egoismus entgegen.  

Wer will heute, wo wir jeden Gegenwarts- und Zukunftsgewinn mit dem Verlust der teuersten Menschen und mit der selbstmörderischen Zerstörung der bestehenden europäischen Werte bezahlen, zu entscheiden wagen, ob unsere Urenkel diese Katastrophe verfluchen oder segnen werden? - So ungewiss, so sehr noch als bloße Aufgabe sich die Schlussrechnung des Krieges für uns, die Lebenden, stellt -einen Verlust für uns wissen wir, der Verlust und nichts weiter ist: das geistige Einheitsgebilde, das wir »Europa« nannten, ist zerschlagen und sein Wiederaufbau ist nicht abzusehen.  

Und es kann doch niemand im Ernst glauben, dass es etwa unter Ausschluss Deutschlands und Österreichs weiterbestehen wird.  
Um einen reinen Verlust, sage ich, handelt es sich; denn keineswegs ist dies etwa der Preis, um den eine größere Reinheit und Kraft des Deutschtums erlangt würde. Diese wird zwar sicher der Erfolg des Krieges sein; allein was dafür preisgegeben wird, ist nur der Internationalismus - in seiner grotesken Steigerung das Globetrottertum - der ein Mischmasch ist, ein charakterloses, grenzenverwischendes Hin und Her von Interessen und Gesinnungen, allenfalls ein Abstraktum aus vielen Nationen, gewonnen durch Absehen von dem eigentümlichen Wert einer jeden. Die internationale Gesinnung und Wesensart, leider auch für viele Deutsche verhängnisvoll geworden, ist ein durchaus sekundäres Gebilde, das entweder durch bloßes Aneinandersetzen oder durch bloßes Weglassen entsteht, und ein Feind des wurzeleigenen nationalen Wesens.  

Das Europäertum dagegen ist eine Idee, etwas durchaus Primäres, nicht durch Zusammensetzung oder Abstraktion erreichbar - gleichviel wie spät es auch als historische Macht auftauche. Es steht nicht zwischen den Nationen, sondern jenseits ihrer und ist deshalb mit jedem einzelnen nationalen Leben ohne weiteres verbindbar.  

Dieses ideelle »Europa« ist der Ort geistiger Werte, die der heutige Kulturmensch verehrt und gewinnt, wenn ihm sein nationales Wesen zwar ein unverlierbarer Besitz, aber keine blindmachende Enge ist.  

Es ist eine unleugbare Tatsache, dass die »europäischen Menschen« der letzten Jahrzehnte im äußersten Maß national charakterisiert waren: Bismarck wie Darwin, Wagner wie Tolstoi, Nietzsche wie Bergson.  

Keiner von ihnen ist international oder kosmopolitisch (nur bei Nietzsche besteht ein theoretischer Ansatz und ein willensmäßiges Bemühen dazu, jedoch bei ihm seinem sehr deutschen Sein nicht widerspricht) – aber jeder ist durchaus europäisch; dass jeder von ihnen zu den Schöpfern von »Europa« gehört, erreicht er eigentlich durch äußerste Steigerung spezifisch nationaler Qualitäten!  

Die Idee Europa, die feinsten Säfte des geistig Gewachsenen in sich einziehend, ohne es doch seinen heimischen Wurzeln zu entreissen, wie der Internationalismus es tut, ist nicht logisch oder mit bestimmten Inhalten festzulegen; wie die anderen »Ideen« ist sie nicht mit Greifbarkeiten zu erweisen, sondern nur in einer Intuition zu erleben, die freilich erst der Lohn langer Bemühungen um die Kulturwerte der Vergangenheit und der Gegenwart ist.

Die Erfahrungen des Krieges haben uns überzeugen müssen, wie es mit der Realität dieses Europa bestellt war: es bestand in der Einbildung Vieler, in der Sehnsucht von sehr viel Wenigeren, und im Besitz eines verschwindenden Minimums von Menschen, die auch eigentlich nicht es selbst, sondern ein stellvertretendes Symbol davon besaßen, weil sie es für sich schufen.  

Dennoch, die überhistorische Höhe, in der metaphysische und künstlerische, religiöse und wissenschaftliche Ideen ihre Unangreifbarkeit finden, begrenzt nicht die Idee Europa.  

Sie ist, was man eine historische Idee nennen könnte, ein geistiges Gebilde, das zwar über dem Leben steht, aus dem es sich erhoben hat, aber ihm doch verbunden bleibt, und aus ihm seine Bedeutung und Kraft gewinnt.  

Gewiss ist die Idee Europa, diese einzigartige Färbung eines Komplexes geistiger Güter, charakteristisch gesondert von der des griechisch-römischen Geistes im Altertum und der katholischen Weltidee des Mittelalters - gewiss ist sie unsterblich; aber sie ist verwundbar.  

Gewiss kann sie nicht überhaupt verschwinden - aber sie kann unsichtbar werden, wie der Komet des letzten Sommers, der auch nicht aus der Welt verschwindet, aber vielleicht erst wiederkehrt, wenn wir alle längst verschollen sind.  

Die Idee der Wahrheit verliert nichts an ihrem Bestand und ihrer Leuchtkraft, auch wenn wir alle irren, die Idee Gottes berührt es nicht, dass die Welt ihn nicht erkennt oder von ihm abfällt; aber die Idee Europa ist mit dem auf sie konvergierenden Bewusstsein europäischer Menschen in wunderbarer Weise verbunden, wie das Schiff mit dem Gewässer, das es trägt, und mit dessen Austrocknen es zwar immer noch dieses Schiff bliebe, aber seinen Sinn, Güter und Werte in sich zu bergen und von Ort zu Ort zu tragen, verloren hätte. Es genügt nicht, dass die Idee Europa nicht sterben kann: sie soll auch leben. 

Und es ist männlicher, sich einzugestehen, dass sie das für absehbare Zeit nicht wird; diese Einsicht wird vor allem der schmerzlichen Enttäuschung gewisser vager Hoffnungen vorbeugen, die schon hier und da in der heutigen Literatur auftauchen.  

Zu weit hat der europäische Hass die Geister getrennt, zu entschieden sind die Sympathien auch der Neutralen parteimäßig auf geteilt, als dass sie die Zuflucht der Idee Europa sein könnten, zu misstrauisch und voneinander enttäuscht wird - davon sind wir wohl alle überzeugt - der Krieg auch unsere Gegner zurücklassen: der gemeinsame Hass gegen uns, der sie jetzt notdürftig und widernatürlich zusammenschweißt, wird nach Lösung dieser Spannung auf sie selbst, zwischen sie selbst zurückfluten.  

Nein, die Glieder des Körpers, dessen Seele jene Idee war, sind so voneinander gerissen, dass er auf Gott weiß wie lange nicht mehr ihr Träger sein kann.  

Europa hat den Begriff des »guten Europäers« verspielt, an dem wir Älteren, gebend und nehmend, teilzuhaben glaubten, sicher, dadurch in keiner Weise international, kosmopolitisch - oder wie all die wohlklingenden Übertäubungen der Entwurzeltheit heißen - zu werden, sondern gerade dadurch im Tiefsten deutschen Wesens zu sein. Denn wie es das Wesen des Lebens ist, über das Leben hinauszugreifen, wie der Geist am vollsten er selbst ist, wenn er das berührt, was mehr als Geist ist, so scheint - ich habe dies an einer andern Stelle dieser Blätter ausgeführt - das Sichstrecken über das Deutschtum hinaus gerade zum Wesen des Deutschtums selbst zu gehören.  

Gewiss sind uns daraus unzählige Gefahren, Ablenkungen und Einbußen gekommen: so mancher deutsche Baum ist verdorrt, weil man seine Wurzeln aus dem heimatlichen Boden herausgrub, aus Besorgnis, sein Wipfel möchte sonst nicht nach »Europa« hineinragen. Aber diese Selbstmissverständnisse sollen uns nicht darüber täuschen, dass die europäische Sehnsucht dennoch aus der echten Wurzeltiefe der deutschen Seele stammt.  

Doch gerade hierin liegt unser Trost, wenn nun auch die Idee Europa in unseren Verlustlisten steht und von ihr nur dasselbe, was von all den geliebten Namen in diesen bleibt: Erinnerung und Mahnung.  

Die Idee Deutschland wird die Universalerbin der Kräfte, die nach jener sich hinstreckten, wie von so manchen anderen, die unser früheres Leben sich in zu große Enge oder in zu große Weite verlaufen ließen und die nun in ihre Quelle zurückgeleitet werden, um von neuem aus ihr zu entspringen.  

Aber eben weil wir wissen, dass das Europäertum kein äußeres Hinzufügesel zum Deutschtum war, dass dieses Übersich-Hinausleben seinem innersten, eigensten Leben angehörte - darum wissen wir, dass das in seinen eigenen Grenzen erstarkte, in sich immer echter gewordene Deutschtum an einem fernen Tage der Idee Europa ein neues Leben, mächtiger und weiter wohl als alles frühere, geben und sie an ihre Unsterblichkeit erinnern wird.  

Es ist, wie wenn einem Sohn sich sein Haus verschließt, vielleicht in Entzweiung und Bitterkeit; nun scheidet sich, was von seinem Wesen dorther kam und dorthin ging, von dem, was er wirklich allein ist, und auf dessen Energie und Wachstum seine Zukunft steht.  

Einmal aber kommt der Tag, an dem Versöhnung die Türen wieder öffnet und an dem er mit einem Reichtum zurückkehrt, wie nur die auf sich selbst angewiesene Kraft ihn gewinnen konnte; und die wiedererwachte Stimme des Blutes sagt ihm und den anderen, dass, was er in der Getrenntheit und nur für sich erarbeitete, von seiner tiefsten Quelle her dazu bestimmt war, in die alte, neuerstandene Gemeinsamkeit zu münden.  


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
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