Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

   
presents: Georg Simmel Online

  Sociology in Switzerland   Georg Simmel Online G.Simmel: Der Krieg und die geistigen Entscheidungen

 

Georg Simmel: Die Dialektik des deutschen Geistes

ex:  Der Krieg und die Geistigen Entscheidungen. Reden und Aufsätze:  Duncker & Humblot, München/Leipzig 1917

»Es ist der Charakter der Deutschen,
dass sie über allem schwer werden und
dass alles über ihnen schwer wird.«

Goethe, Wilhelm Meisters theatralische Sendung

Die Form, in der der Deutsche sein Lebensideal bildet, zeigt einen Typus, der von keinem anderen Volk vertreten zu sein scheint. Das Ideal des Franzosen ist der vollkommene Franzose, das Ideal des Engländers der vollkommene Engländer. 

Die ganze deutsche Geistesgeschichte aber erweist: das Ideal des Deutschen ist der vollkommene Deutsche - und zugleich sein Gegenteil, sein Anderes, seine Ergänzung. Daher die uralte deutsche Sehnsucht nach Italien, nicht nur nach der Schönheit und den Darbietungen des Landes, sondern auch nach dem italienischen Leben, das dem deutschen so entgegengesetzt wie möglich ist und das Viele von uns, nicht trotzdem, sondern gerade wegen dessen als das einzige ihnen gemäße, ja ihnen einzig mögliche empfunden haben.

Und dies pflegten keine Bastardnaturen zu sein, sondern gerade ganz echtbürtige, kernhaft deutsche Naturen.  

Dass sie das Fremde, durch den Gegensatz Erlösende suchten - das eben war die echt deutsche Sehnsucht, dieses Hinauslangen über das Heimische wurde gerade von ihrer heimischen Wesensart mitumfasst. 

Daran darf nicht irre machen, dass sie für das Deutschtum oft nur heftige Absage, Kritik und Spott hatten. 

Es ist begreiflich, dass sie, auf die andere Seite hinübergetrieben, kein rechtes Bewusstsein davon hatten, wie deutsch sie gerade in diesem Getriebenwerden waren.  

Die stärkste Erscheinung dieses Typus ist vielleicht Hölderlin. Ich kann nicht zustimmen, wenn man ihn einen nachgeborenen Griechen genannt hat. In ihm lebte das deutsche Begehren nach dem Gegensatz - nicht nur zu dem Gegebenen, sondern zu dem Vollendungsideal des Gegebenen - nur dass seine dichterische Phantasie es als ein Unmittelbares, gleichsam Gegenwärtiges anschaute. 

Er erscheint mir als die vollendetste Ausgestaltung jener Dialektik des deutschen Geistes, weil seine Liebe dem Deutschtum und dem, was ihm als dessen völlige Andersheit erschien, in wunderbarem Gleichmaß galt. 

Deshalb war seine Sehnsucht gewiss keine romantische oder sentimentale.  

Denn diese bedeutet immer, dass der Dualismus nicht mehr die Einheit des deutschen Wesens ausdrückt, sondern zu der ganz anderen Erscheinung eines problematischen Schwankens gelockert ist. 

Hölderlin war der Jugendfreund Hegels, dessen metaphysisches Grundmotiv schlechthin nur aus deutschem Boden wachsen konnte: dass jedes Ding seinen Gegensatz verlangt und erst, indem es in diesen umschlägt, zu seiner eigenen Vollendung kommt.

Es handelt sich nicht einfach um das Ungenügen an dem, was wir sind, wie es jeden Idealismus überhaupt bezeichnet, sondern dass unser Ideal dieses Sein nicht nur in seiner eigenen Richtung steigert, vielmehr dessen eigenen Gegensatz in sich aufnimmt und an ihm erst sich selbst vollendet.  

Unsere Reiselust, unser historischer Sinn, unsere Fähigkeit und Neigung, die Geistesgebilde aller Völker uns anzueignen, sind nur Ausgestaltungen dieser Grundform unseres Wesens, und die Hegelsche Formel, gleichviel ob sie dem objektiven Wesen der Welt gegenüber ausreicht oder nicht, würde wohl ihre Zauberkraft am deutschen Geist niemals geübt haben, wenn er nicht die Wahrheit seines eigenen Seins an ihr empfunden hätte.

Dieser Grundverfassung entstammen unsere tiefsten wie unsere gefährlichsten Eigenschaften. 

Vor allem eine gewisse Formlosigkeit, die der Blick der anderen Nationen äußerlich bemerkt, ohne ihren tiefen Sinn zu begreifen.

Wir gelangen so spät zur Form, nicht weil sie sich uns versagte, sondern weil wir jede zerbrechen, indem wir hinter ihr die entgegengesetzte als Möglichkeit und Wert, als Ergänzung und ideellen Anspruch fühlen - zerbrechen sie damit freilich oft, bevor sie sich noch anschaulich gefestet hat. 

Die Formlosigkeit des russischen Wesens ist eine völlig andere. Sie entspricht der Endlosigkeit der russischen Steppe, dem weit ausladenden, keine Grenzen anerkennenden Charakter des typischen Russentums, der mit dessen mystischer Religiosität eng verbunden ist; das Verschwimmende, aber zweifellos Tiefe seines Gefühlslebens, das über alle klaren Abgrenzungen von Verstand und Willen herrscht, kann nur am Unendlichen seinen Gegenstand finden. 

Das Unendliche ist ihm, eben in seinem religiösen Gefühl, gewissermaßen schon Besitz, während es für uns mehr ein Streben ist, mehr der zusammenfassende Name für das Bedürfnis nach alledem, was jenseits unseres Gegebenen und Besessenen steht.

So ist ihm die Formlosigkeit ein positiver Wert, für uns eine oft schmerzlich empfundene Folge jenes Bedürfnisses.  

Vielleicht ist dies die notwendige Art, in der ein Volk sich entwickelt, in dem noch eine Unabsehlichkeit nicht gelöster Spannkräfte, eines noch nicht gestalteten Lebensmaterials liegt - die Art jedenfalls, mit der die höchste Wahrscheinlichkeit für das Wirklichwerden all seiner Möglichkeiten, für das Herausholen aller Entwicklungschancen gegeben ist. 

Wie in unserem Körper allenthalben Stückchen des noch nicht ausgestalteten Protoplasmas enthalten sind, so umschließt jedes individuelle und nationale Wesen sozusagen seelische Stoffmengen, die noch nicht Kultur geworden sind, und die Wesen unterscheiden sich nach dem Umfang dieses Materials und seiner Fähigkeit, sich in kulturelle Formen auszuwachsen. Von den Franzosen wie von den Engländern habe ich den Eindruck, dass diese dunkeln, gebundenen Energien, diese ungekannten Formmöglichkeiten bei ihnen zu einem Minimum geworden sind, dass sozusagen aus ihnen schon geworden ist, was überhaupt werden konnte.

Deshalb hat man von den Rohheiten und Unmenschlichkeiten, die sie in diesem Kriege offenbart haben, einen so krassen Eindruck, als lägen sie, etwas Definitives und Hoffnungsloses, neben den Kultiviertheiten dieser nationalen Existenzen, als hätte nahezu aller Lebensstoff in ihnen, der kulturelle Möglichkeit war, sich auch schon in kulturelle Wirklichkeit umgesetzt, und den Rest könne diese Entwicklung nicht ergreifen. Wenn man uns als den Parvenü unter den Völkern zu deklassieren meint, so versteckt sich unter diesem Spott über das Tempo unseres Werdens sicher ein unheimliches Angstgefühl über das, was wir noch werden können - weshalb denn auch die eigentliche Absicht unserer Feinde von Beginn an nicht, wie in anderen modernen Kriegen, auf einzelne Kriegsziele, sondern auf die Vernichtung unserer Zukunft ging.

Und dass die Sympathien der sogenannten Neutralen mehr den Völkern gelten, die durchschaubarer sind und deren Möglichkeiten sich in abgeschlossener Entwickeltheit aufweisen, als einem Volk, in dem so viel Dunkles, noch Latentes, nicht Vorherzusehendes ruht - das ist nicht unbegreiflich. Wenn wir von Anfang des Krieges an das Gefühl hatten, dass uns eigentlich niemand versteht, so liegt das vielleicht nicht nur an unserer augenblicklichen Lage, in der die Verteidigung unserer äußeren Existenz und die unserer innerlichsten Ideale zu einer von außen ersichtlich nicht nachfühlbaren Einheit geworden sind; sondern weil ein Wesen das Maß und die Gerichtetheit seiner noch unentfalteten Kräfte wohl selbst irgendwie fühlen mag, diese aber dem Draußen stehenden nur die Empfindung eines unverständlichen, unberechenbaren Verstecktseins geben können.  

Ich glaube nicht, dass in dieser Rangierung der Nationen nach Gebundenheit oder Ausgewirktheit ihrer Energien eine Verblendung und ein Chauvinismus steckt - dessen deutsche Form gerade immer noch eine Unsicherheit des Selbstgefühles verrät. 

Denn an und für sich lässt sie ja ganz dahingestellt, welche Daseinsform man für die höhere halten mag, und in welcher die größere oder die geringere Wertsumme investiert ist. 

Nur das scheint mir unbezweifelbar, dass zwischen dem relativen Überwiegen der noch nicht ausgestalteten Lebensmaterie und der Sehnsucht nach dem eigenen Gegensatz, nach dem, was das eigen-augenblickliche Sein und Haben eigentlich verneint, eine tiefe Beziehung besteht. 

Denn so hemmend und vielfach aufreibend diese deutsche Idealbildung wirken mag, über so viele Umwege und, mit Goethe zu reden, «falsche Tendenzen« sie führen mag - schließlich gibt sie doch die größte Chance, dass im Lauf der Zeit alles aus den Menschen herauskomme, was überhaupt an Möglichkeiten in ihnen liegt. 

Da der Deutsche sich immer mit so vielem Antagonistischen auseinandersetzen muss, und zwar darum auseinandersetzen muss, weil er es doch irgendwie sich zugehörig, das Andere und Fremde irgendwie als Ergänzendes fühlt - so braucht er für die definitiven Schritte seiner Entwicklung mehr Zeit als andere. 

Was uns in den Jahren vor dem Krieg so vielfach besorgt machte, war das übereilige Tempo, mit dem die deutsche Entwicklung vorwärts zustürmen schien - bis wir uns klar wurden, dass dieser im wesentlichen technische (und nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet technische) Fortschritt jene in der Tiefe ruhenden Wesensstoffe wenig anging, diese vielmehr ihre schwerflüssige, von unzähligen Gegeninstanzen verführte und sich wieder zurückfindende Entwicklung in ungestört seltenen Stufenschritten fortsetzte.  

Es ist die eigentümliche Dialektik im deutschen Wesen, dass ebenderselbe Zug, der die gründlichste, jede Möglichkeit erschöpfende Entfaltung seines Lebensmaterials zu verbürgen scheint, dieser Entfaltung von jeher schwerste Hemmnisse und Verlangsamungen bereitet. 1) Das deutsche Wesen wird durch diesen Grundzug zum Symbol eines weithin reichenden Zuges des menschlichen Weltbildes. 

Dessen Bestimmungen ordnen sich zu Gegensatzpaaren: das Gute und das Böse, das Männliche und das Weibliche, das Leben und der Tod und unzähliges andere, so dass der eine Begriff immer Schranke und Form am anderen findet. 

Nun aber wird die Relativität beider oft noch einmal von einem absoluten Sinn umfasst, den je einer von ihnen erwirbt.

Gewiss schließt Gutes und Böses in beider relativem Sinne sich gegenseitig aus; vielleicht aber ist das Dasein in einem absoluten göttlichen Sinne schlechthin gut, und dieses Gute birgt in sich das relativ Gute und das relativ Böse. 

Gewiss kämpft der geistige Forschritt gegen den geistigen Stillstand; vielleicht aber ist auf dem absoluten Weltwege des Geistes das, was wir relativ Stillstand nennen, auch nur ein besonderer Modus des Fortschreitens. 

Gewiss begrenzen sich Leben und Tod gegeneinander mit harter Ausschließlichkeit; und doch gibt es einen letzten und absoluten Sinn des Lebens, in dem es auch den Tod in sich einbezieht und dessen relativen Sinn zusammen mit dem relativen Sinn des Lebens selbst einbegreift und unterbaut.  

So also steht neben dem deutschen Wesen allenthalben sein Gegensatz, sein Ausschließendes und Fremdes; aber dieser Sinn seiner ist nur ein relativer und daneben steht sein weitester und unbedingter, in dem es auch dieses andere, ja Feindliche mitumfasst, in dem auch das Entgegengesetzte hinzugehört, als Verstandenes und Erarbeitetes, als seine begriffene, umgriffene Ergänzung und Erwünschtheit. 

Dieses Grundverhalten entlässt aus sich zwei eigentümliche, sich scheinbar gegenseitig verneinende Züge des deutschen Wesens.  

Unzählige Tangenten, nach allen Himmelsrichtungen des geschichtlichen und des zeitlosen Geistes führend, sind an den innersten Kreis dieses Wesens gelegt, unzählige Möglichkeiten individueller Charakterisierung dieses Kreises sind damit, mit dieser Sehnsucht des Deutschen nach dem, was ihn vervollständige und was sein Anderes ist, gegeben.  

Dies scheint mir einerseits die letzte Formel für den deutschen »Individualismus« zu sein. So zweifellos deutsch der Einzelne sein und sich fühlen möge, so gehört doch gerade jene Sehnsucht zu ihm, die ersichtlich ein unbegrenzt mannigfaltiges Material zur Verfügung hat und deshalb eine unbegrenzte Möglichkeit jedes Einzelnen, sich von den anderen zu unterscheiden. 

Es ist darum ganz richtig, wenn man den Individualismus, der ebenso unseren Stolz und unseren Reichtum wie unsere Gefahr der Zersplitterung, der Parteiung, des Sichnicht-Verstehens bildet, als etwas vom deutschen Wesen ganz Untrennbares bezeichnet hat.  

Jeder Deutsche, hat Bismarck einmal gesagt, würde am liebsten einen König für sich allein haben. In Wirklichkeit hat jeder seinen heimlichen König für sich, wenn man unter König einmal jene beherrschende Vorstellung verstehen darf, die aus dem deutschen Ideal im engeren Sinne und einer seiner unübersehlichen Jenseitigkeiten und Gegensätze zusammenwächst und in dieser Synthese erst das deutsche Ideal im weitesten Sinne bedeutet. Freilich enthält dies außer jenen inneren Gefahren auch noch die äußere, dass das zweite Element das erste überwuchert und entwurzelt, dass das Bewusstsein, wo schließlich unsere letzte Kraftquelle fließt, verschwindet.

Dieser Gefahr ist Nietzsche unterlegen, wenn das Ideal der »leichten Füße« und der vollendeten Form ihn in eine Wertung des romanischen Wesens hineingetrieben hat, die ihn vergessen ließ, dass ihm dies nur als Korrelat seines so spezifisch deutschen Wesens zum Ideal geworden war. 

Auf der anderen Seite ist damit - die verbindenden Motive liegen auf der Hand - das »Weltbürgertum« gegeben, das die Geschichte des deutschen Geistes offenbart - auch dieses für ihn ebenso einen Ruhmestitel wie unzählige, teils leichtsinnige, teils schuldvolle Abirrungen und Abzüge vom deutschen Eigenbesitz bedeutend: bei den einen eine seelische Weitspannung, die die Welt in sich einbezieht und der nichts Menschliches fremd ist, bei den anderen, die die »Welt« im Sinne des Globetrotters verstehen, eine verblasene Ausländerei, eine blinde Überschätzung alles dessen, was bloß »anders« ist, die den Wurzelboden der echten Schätzung des »Anderen«, die Schätzung des Eigenen, unter den Füßen verloren hat. 

Die ganze Sozialgeschichte zeigt, dass Individualismus und Weltbürgertum allenthalben und aus den mannigfachsten Gründen zusammengehören.  

Ihre furchtbaren Gefahren, vor denen wir uns auch nach diesem Kriege nicht sicher glauben dürfen, werden erst dann vermeidbar, ihre tiefen Werte erst dann rein realisierbar werden, wenn wir nicht vergessen, dass es das Eigne des deutschen Geistes und in dieser Form nur des deutschen Geistes ist, das sie zusammenbindet; erst wenn wir sicher sind - das braucht nicht im abstrakten Bewusstsein zu geschehen -, dass es dessen innerstes Fatum und reichste Weite ist, sich selbst und seine Gegenteile als sein höheres Selbst zu umfassen, werden wir ganz von selbst vor all den Wurzellosigkeiten und Wertverrückungen gesichert sein, mit denen jene beiden Tendenzen bisher die Entwicklung unseres Wesens so oft aus der Bahn unserer eigensten Kraft, unseres eigensten Selbst geworfen haben.


Fussnote

1) An welchem Punkt der letzten Lebenstiefe der Gegensatz des germanischen und des romanischen Geistes wurzelt und wie er von da aus gerade im Gebiete der reinsten Anschaulichkeit, der bildenden Kunst, in die Erscheinung tritt, habe ich in meinem Buch: Rembrandt - darzulegen unternommen.


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
Soziologisches Institut
der Universität Zürich
Andreasstr. 15 
8050 Zürich 
Tel. ++41 55 2444012