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Sociology of Work and Organization 


Bibilographische Zitation:
Graf, Charles:
Kritische Anmerkungen zur Krise der Arbeitsgesellschaft. In: Sociology in Switzerland: Sociology of Work and Organization. Online Publikationen. Zürich, März 1998. http://socio.ch/arbeit/t_cgraf1.htm


 

Kritische Anmerkungen zur Krise der Arbeitsgesellschaft

anhand Martin Baethges Hypothese des subjektzentrierten Arbeitsverständnisses

Charles Graf

Zürich, März 1998

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklung und Wandlungstendenzen der Arbeit

2.1. Arbeit und Arbeitsgesellschaft
2.2. Ein Paradigmawechsel

3. Die normative Subjektivierung der Arbeit

3.1. Martin Baethges Hypothese
3.2. Die normative Subjektivierung der Arbeitsverhältnisse
3.3. Vergesellschaftung

4. Fragestellungen

5. Wertewandel der Arbeit

5.1. Allgemeine Überlegungen
5.2. Vermutungen und Thesen zum Wertewandel
5.3. Untersuchung der Einstellung zur Arbeit und Arbeitszufriedenheit

5.3.1 Wichtigkeit der Arbeit für das Wohlbefinden
5.3.2. Stellenwert von Beruf und Freizeit
5.3.3. Wichtigkeit von Arbeitsplatz- und Tätigkeitsmerkmalen

5.4. Interpretation der Ergebnisse
5.5. Schlussfolgerung

6. Die Arbeitsgesellschaft

6.1. Prolog
6.2. Definition von Identität und Vergesellschaftung
6.3. Kontroverse Einschätzungen zur Arbeitsgesellschaft
6.4. Schlussfolgerung

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

 

1. Einleitung

Kaum ein Begriff hat sich in den vergangenen 30 Jahren so sehr gewandelt wie der, der Arbeit. Erwerbsarbeit und Beruf waren bisher „das Geländer, an dem entlang das Leben der Menschen geordnet wurde" (Dahrendorf, 1983, S. 34). Schlagzeilen wie „Die Krise der Arbeitsgesellschaft", „Arbeitsplatzverlust" und „Arbeitslosigkeit", lassen die Arbeit heute als das begreifen, was sie nicht mehr selbstverständlich ist: Die Quelle des Lebensunterhaltes und Determinante des sozialen Status’.

Wenn sich früher die soziale Existenz von Menschen vor allem über die Arbeit definierte und der Zusammenhang von Arbeit und Beruf als unabdingbar galt, „so scheint sich die Gegenwart über Termini wie Arbeit und Beruf kaum noch zu erschliessen" (Jäger, 1993, S. 112).

Die teilweise Auflösung der konsequenten Trennung von Arbeitszeit und Freizeit hat dabei nicht zur oft beschworenen Freizeitgesellschaft geführt, sondern zu einer Dezentralisierung der Lebensbereiche und es werden subjektbezogene Ansprüche an die Arbeit gestellt, die in früheren Jahren eindeutiger an die Familie oder die Freizeit gerichtet waren.

Sowohl die Arbeit in ihrer materiellen Form der Erwerbsarbeit wie auch in ihrem ontologischen Sinne vollziehen einen Wandel, dessen Konsequenzen uns alle herausfordert. Dieser Wandel kann nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten interessieren. Arbeit, Identität und Vergesellschaftung sind eng miteinander verknüpfte Termini, die in den Sozialwissenschaften seit je zentrale Themen sind. Wenn sich tatsächlich ein neues Arbeitsbewusstsein in der Gesellschaft entwickelt, dann müssen grundlegende Kategorien der Arbeit auch in der Soziologie von neuem diskutiert werden. Eine davon ist die der Arbeitsgesellschaft. Claus Offe hat bereits 1982 am Deutschen Soziologentag in Bamberg zur Krise der Arbeitsgesellschaft ein (Frage)Zeichen hinter seinen Aufsatztitel „Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie?" gesetzt.

Seit Mitte der 70-er Jahre ist es eine zunehmend mikrosoziologische Sichtweise, die sich den Begriffen Arbeit und Beruf angenommen hat. Die Vertreter der subjektorientierten Berufssoziologie wie Ulrich Beck, Michael Brater und Hansjürgen Daheim (1980) haben die Definition der Arbeit breiter ausgelegt und z.B. auch die Arbeit und die Arbeitsteilung im Haushalt erfasst. Das Individuum wurde zum subjektiv Handelnden aufgewertet und Arbeit im Sinne gesellschaftlich bedeutungsvoller Leistung interpretiert. Die neuere Diskussion dreht sich um die interessanten Fragen, wie weit die Arbeit noch die individuellen Lebenszusammenhänge prägt, wie weit sie noch klassen- und gruppenbildend wirkt und welche gesellschaftlichen Veränderungen oder Strukturbedingungen die Verschiebung des Wertehorizontes veranlassen.

Martin Baethge hat dazu einen viel beachteten Artikel verfasst („Arbeit, Identität, Vergesellschaftung - Zur zunehmenden normativen Subjektivierung der Arbeit", 1991), in dem er die Perspektive sozusagen umkehrt. Er geht der Frage nach, „wieweit es aufgrund gesellschaftlicher Modernisierung und wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung sowie einem durch sie

geprägten Sozialverhalten zur Beeinflussungen des Arbeitssystems kommt" (Baethge 1991, S.6). Die Aufmerksamkeit Baethges gilt in diesem Aufsatz dem subjektzentrierten Arbeitsverständnis.

Ich denke, dieser Text eignet sich in besonderer Weise, die Zusammenhänge von Arbeit, Identität und Vergesellschaftung und den sie begleitenden Wandel zu diskutieren. Ich nehme deshalb Martin Baethges Aufsatz als Grundlage für meine Seminararbeit.

Martin Baethge hat in mehreren Studien festgestellt, dass normative, subjektzentrierte Ansprüche an die Arbeit in immer grösserem Umfang gestellt werden. Ich werde im folgenden seine Hypothese und Argumentation kurz erläutern und sie in den weiteren Kapiteln anhand meiner eigenen Fragestellungen untersuchen und Baethges Folgerungen mit der Einschätzung anderer Sozialwissenschafter konfrontieren.

Ich habe diesen Text nicht zuletzt auch deshalb gewählt, weil Martin Baethge in seinem Aufsatz selber feststellt, „dass jeder Satzteil und jeder Teilsatz dieser Hypothese strittig und erklärungsbedürftig ist, einschliesslich des Rückgriffs auf die Kategorie der Arbeitsgesellschaft" (Baethge, 1991, S. 6).

Doch zuerst erscheint es mir sinnvoll, einen Überblick über die Grundzüge und Wandlungstendenzen der Arbeit zu skizzieren. Diese Ausführungen dienen einerseits den Begriffsdefinitionen, andererseits sind sie für das Verständnis aktueller Theorien wichtig. Die Debatten um die „Krise der Arbeitsgesellschaft" stützen sich im wesentlichen auf drei miteinander in Beziehung stehende Phänomene: Auf einen offensichtlichen Strukturwandel des Arbeiters, auf die Reduktion der Arbeitsplätze durch die Rationalisierung der Produktion und auf den Wertewandel, d.h. auf die Veränderungen des Arbeitsverhaltens und des Arbeitsbewusstseins. Martin Baethges Perspektive in dieser Diskussion ist einnehmend und optimistischer als manche andere Einschätzung der Situation. Ein Grund mehr, sich anhand seines Textes mit dem Wandel der Arbeitswelt auseinanderzusetzen.

Inhalt


2. Grundzüge und Wandlungstendenzen der Arbeit

2.1. Arbeit und Arbeitsgesellschaft

„Was uns bevorsteht", hatte Hannah Arendt bereits 1958 in ihrem Buch „Vita Activa" beschrieben, „ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht" (Arendt, 1994, S.12). Bei Hannah Arendt ist der Begriff der Arbeit in eine umfassende Theorie der Geschichte, der Gesellschaft und des politischen Lebens eingebettet, die mit der Antike beginnt. Soweit möchte ich in meinen Ausführungen nicht gehen. Ihre Unterscheidung der drei menschlichen Grundtätigkeiten sind jedoch ein guter Einstieg. „Grundtätigkeiten deshalb, weil jede von ihnen einer der Grundbedingungen entspricht, unter denen dem Menschen das Leben auf der Erde gegeben ist: Arbeiten, Herstellen und Handeln" (Arendt, 1994, S 14). Herstellen und Arbeiten stehen in einem gewissen Gegensatz zum Handeln, die den freien Männern vorbehaltene Tätigkeit dazumal. Handeln bedeutete Autonomie. Arbeit und Herstellen dagegen waren heteronomes Tun, abhängig von der Notwendigkeit des Überlebens und der Macht anderer. Diese beiden Bedeutungen der Arbeit finden sich in den Sozialwissenschaften immer wieder: Arbeit als weitgehend selbstbestimmte Tätigkeit, in der der Mensch nicht nur ihm Zweckdienliches herstellt, sondern sich selbst verwirklichen kann und Arbeit als gesellschaftlich organisierte, d.h. fremdbestimmte Tätigkeit, die zur Existenzsicherung dient.

Wenn wir über Arbeit in geschichtlicher Perspektive nachdenken, heisst das auch, sie im Kontext der jeweiligen Gesellschaftssysteme zu untersuchen. In der vorindustriellen Gesellschaft waren die Arbeitsvollzüge weitgehend durch überlieferte Traditionen bestimmt und wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Mit der Industrialisierung kam es durch die rasche Entwicklung zu einer radikalen Umgestaltung der Arbeitsorganisation. Der Takt der Maschine bestimmte fortan die Arbeit. Parallel dazu vollzogen sich tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Die vorindustrielle Familienwirtschaft war gekennzeichnet durch ein räumliches und zeitliches In- und Nebeneinander vieler Tätigkeiten. Die Auflösung dieser Wirtschafts- und Lebensform bedeutete eine Trennung von Haushalt und Erwerb, vom Lebensbereich der Familie und dem Betrieb. Der Übergang von der bäuerlichen und handwerklichen Produktion zur gewerblichen, kapitalistischen Produktionsweise verhalf der „Arbeit gegen Lohn" zum Durchbruch und damit zu einer Abgrenzung zwischen entgeltlicher Erwerbsarbeit und unentgeltlicher Haus- und Familienarbeit. Arbeit wurde nun vor allem im Sinne bezahlter Arbeit begriffen. Die Lohnarbeit wurde zur Basis für die Sozialstruktur der Industriegesellschaft. Die aus der protestantischen Ethik gewachsene Verbindung von nüchterner Gemeinschaftsethik und rationalem Geschäftssinn, „der kapitalistische Geist", schien die Welt fortan anzutreiben. „La notion de travail est au coeur de l’ethos comme la réalité du travail est au centre de l’organisation sociale. Sous la forme de l’emploi, le travail fournit son contenu au contrat social qui lie l’individu à la société" (Lalive d’ Epinay/Garcia 1988, S. 137).

Im Zusammenhang mit dem Wandel der Arbeitswelt sind vor allem drei Aspekte von Bedeutung. Die Ausbreitung einer Gewerbestruktur und die damit verbundene Ausdifferenzierung einer Vielzahl von Berufen. Die Berufsarbeit wird zur Selbstverständlichkeit im Leben der Erwerbstätigen und „dient zur wechselseitigen Identitätsschablone, mit deren Hilfe wir die Menschen, die ihn „haben", einschätzen in ihren persönlichen Bedürfnissen, Fähigkeiten, ihrer ökonomischen und sozialen Stellung" (Beck, 1986, S. 221).

Ein zweiter Aspekt betrifft die Entstehung der Märkte und insbesondere des Arbeitsmarktes. Bei Marx finden wir hier den Beginn der gesellschaftlichen Analyse: an der Produktion jener Mittel, die die Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen, den Bedingungen, unter denen diese Produktion erfolgt und den Konsequenzen, die sich daraus zwangsläufig ergeben. Die kapitalistische Produktion ist nach Marx vor allem Produktion von Waren, nicht für den unmittelbaren Gebrauch, sondern für den Tausch. Für den Produzenten ist nicht der Gebrauchswert seines Produktes zentral, sondern der Tauschwert seiner Ware „Arbeitskraft". Diese bietet der Produzent als seine Ware auf dem Arbeitsmarkt an und dafür erhält er Lohn. Das Individuum produziert also Waren, die ihm nicht gehören und die ihn selbst zur Ware (Arbeitskraft) machen. Marx bezeichnete diesen Prozess als Entäusserung. Der Lohnarbeiter ist entfremdet vom Produkt der Arbeit und entfremdet von der Tätigkeit selbst, ein Handlanger der Maschine.

Schliesslich ist ein drittes Charakteristikum der Arbeit von Bedeutung. Prozesse der Arbeit sind immer auch soziale Prozesse, da mit der gesellschaftlichen Arbeit auch immer Arbeitsteilung verbunden ist: Arbeitsteilung als Aufgliederung von Arbeitsprozessen, als Zuordnung auf einzelne Gruppen von Menschen, auf Organisationen und Betriebe oder auf Territorien und Gesellschaften. Arbeitsteilung fördert neben ihren produktionsökonomischen Ergebnissen die soziale Rollendifferenzierung und sie wirkte bis anhin gesellschaftsstrukturierend. Der von Emile Durkheim geprägte Begriff der sozialen Arbeitsteilung im Sinne einer beruflichen Differenzierung kann einerseits durch die gegenseitige Abhängigkeit der Individuen den Zwang zur Zusammenarbeit und zur Solidarität stärken, andererseits aber auch soziale Konflikte sowie Klassen- bzw. Schichtenbildung fördern.

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2.2. Ein Paradigmawechsel

Die primär makrosoziologische Sichtweise der Arbeit der Klassiker in der westeuropäischen Soziologie (Karl Marx, Max Weber, J.St. Mill oder Emile Durkheim) erklärt sich aus der gesellschaftlichen Herausforderung der „sozialen Frage", die die industrielle Revolution stellte.

Welche gesellschaftlichen Folgen hatte die durch Mechanisierung und kapitalistische Produktionsweise geförderte Teilung der Arbeit ? Welche Auswirkungen hatte die Stellung des Individuums in dieser Produktionsweise auf seine gesellschaftliche Lage ? Wie weit sind die Organisationsformen in der Industriearbeit Faktoren für die Herausbildung einer Klassengesellschaft ? Antworten auf Fragen dieser Art versuchten den gesellschaftlichen Charakter von Arbeit theoretisch zu bestimmen. Das politökonomische Paradigma, wie es Karl Marx und Max Weber vertraten, reduzierte dabei zwangsläufig das arbeitende Individuum auf seine Lohnarbeitskraft oder degradierten es zum Systemelement. Seine Subjektivität, seine

Bedürfnisse und Handlungsmöglichkeiten blieben weitgehend ausgeblendet. Hier setzt seit Mitte der 70-er Jahre eine mikrosoziologische Sichtweise ein, die die betriebliche Situation des Arbeiters, seine Arbeitsbedingungen und seine Bedürfnisse empirisch zu beschreiben versucht. Gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen rücken bei diesem Ansatz in den Hintergrund. Die Entdeckung des Subjekts fällt dabei zusammen mit der eindeutiger werdenden Differenzierung zwischen Produktions- und Dienstleistungsarbeit. Im Unterschied zur Produktionsarbeit entfällt in der Dienstleistungsarbeit der Charakter des Materiellen. Dienstleistungsarbeit hat einen informellen oder behandelnden Wert.

Das Aufbrechen traditioneller Arbeits- und Lebensformen, Arbeitszeitverkürzungen und die Veränderungen in der Arbeitsorganisation stellen den strukturierenden Einfluss der Arbeit auf das Sozialverhalten des Individuums in Frage und damit auch das Vergesellschaftungsmodell durch Arbeit. Der Strukturwandel ist offensichtlich. Als Beispiel für das Ausmass der Veränderung, mag die Tatsache dienen, dass in der Schweiz 1997 die Kapitalgewinne an der Börse höher ausgefallen sind als alle Arbeitslöhne zusammen (Tages-Anzeiger, 3. Januar 1998).

Also doch das Ende der Arbeitsgesellschaft? Dieser Schluss ist zu voreilig. Die Arbeit kehrte zurück in Formen, die bisher nicht als Arbeit galten, weil sie z.B. nicht bezahlt wurden (Hausarbeit, Sozialarbeit in der Nachbarschaft etc.). Der Strukturwandel von der industriellen Arbeitsform zur Dienstleistungsarbeit und das Verschwinden von Arbeitsplätzen machen einen Teil der „Krise der Arbeit" deutlich. Sie gilt der fremdbestimmten Erwerbsarbeit nicht aber zwangsläufig der Arbeit an sich. Das subjektzentrierte Arbeitsversändnis, das Ansprüche der persönlichen Entfaltung in der Arbeit, Ansprüche an Sinn und Autonomie stellt, verankert die Arbeit positiv in der persönlichen Identitätsentwicklung. Welche Möglichkeiten und Folgen dieses Arbeitsverständnis beinhaltet, stellt Martin Baethge in seinem Aufsatz zur Diskussion.

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3. Das subjektzentrierte Arbeitsverständnis

3.1. Martin Baethges Hypothese

„In den hochentwickelten Arbeitsgesellschaften des Westens kommt es im Zuge fortschreitender gesellschaftlicher Modernisierung zu einer zunehmenden normativen Subjektivierung des unmittelbaren Arbeitsprozesses. Diese hebt zwar die fortbestehende Fremdbestimmung der Arbeit nicht auf, bewirkt aber in zentralen Bereichen eine Aufweichung ihrer etablierten Ausdrucksformen und Regulationsmuster im Betrieb und stellt den traditionellen Modus von Identitätsbildung und Vergesellschaftung in und durch Arbeit in Frage. Daraus ergeben sich weitreichende Folgen sowohl für die politische Integration als auch für die soziologischen Kategorien zur Interpretation der Entwicklung kapitalistischer Gesellschaft" (Baethge 1991, S 6).

Ich werde im folgenden darlegen, was Baethge zu dieser Hypothese bewog und welche Folgen er sieht. Sein Ausgangspunkt ist das subjektzentrierte Abeitsverständnis, ein Befund, aus zahlreichen Untersuchungen, die Baethge und sein Team machten.

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3.2. Die normative Subjektivierung der Arbeitsverhältnisse

Baethge versteht darunter die Entwicklung des Arbeitsbewusstseins der Beschäftigten, „ihre Ansprüche an Erwerbsarbeit, die gerade in neuerer Zeit eine Verstärkung der berufsinhaltlichen, kommunikativen und expressiven Ansprüche erfahren haben" (Baethge 1991, S.7).

Bei einem neuen Typ von Facharbeiter liess sich ein durch Selbstbewusstsein und Stolz charakterisiertes Verhältnis zur Arbeit erkennen. Ihre Arbeit musste ihnen Spass machen, es musste ihre Arbeit im Sinne selbstverantworteten Handelns sein und sie sollte der Entfaltung ihrer Qualifikationen dienen. Dieses sich deutlich manifestierende Arbeitsbewusstsein sei nicht nur bei Facharbeitern feststellbar auch wenn es bei ihnen am deutlichsten hervortritt. Es findet sich bei männlichen und weiblichen Arbeitern und Angestellten in allen Berufen sowie auch bei Un- und Angelernten.

Den markantesten Zug subjektiven Verhältnisses zur Erwerbsarbeit sei bei den jüngeren Erwachsenen feststellbar. Sie forderten auch in der Arbeit Persönlichkeitsentfaltung und einen Rückbezug zur eigenen Emotionalität.

Neu ist der Befund nicht, dass subjektbezogene Ansprüche an die Arbeit gestellt werden. Bei bestimmten Berufsgruppen haben sie schon immer eine Rolle gespielt. Ebenso falsch wäre es, dieses Arbeitsbewusstsein als einheitliches Arbeitskonzept aufzufassen. Neu schien Baethge aber die breite Streuung, die Offenheit und Selbstverständlichkeit, mit der diese Ansprüche artikuliert würden. Im Gegensatz zu Theorien, die das Ende der strukturbildenden Erwerbsarbeit vertreten, behält oder vergrössert die Berufsrolle gar die integrale Funktion für die persönliche Identitätskonstruktion. Baethge zieht daraus den, wie er selber formuliert, „pointierten Schluss, dass die positive Verankerung von Arbeit in der individuellen Identitätskonstruktion die Betriebe das Fürchten lehren müsste, da ihre traditionellen Regulations- und Kontrollinstrumente immer mehr in Frage gestellt würden" (Baethge 1991, S. 10). Wer die Arbeit auf sich beziehe und nicht sich auf die Arbeit, der überprüfe und revidiere unter Umständen sein Verhalten an der Arbeit, wenn seine Ansprüche nicht erfüllt würden.

Auf einen Begriff zu bringen, was sich hier als neuer „Sozialcharakter der Arbeit im Sinne von Verhaltensdispositionen" (Baethge 1991, S. 9) andeutet, sei mit den Begriffen der Individualisierung und des Hedonismus nur unzulänglich beizukommen. Das subjektzentrierte Arbeitsverständnis behält einen Bezug zu den Strukturen der Herstellung sowohl von Gütern als auch von Subjektivität in dieser Gesellschaft.

Drei Faktoren sieht Baethge in dem doppelten Konstitutionsprozess von Arbeitsbewusstsein ausserhalb und in der Arbeit, die in Richtung auf eine Stabilisierung der normativen Subjektivierung der Arbeit zielen:

der Strukturwandel der Beschäftigung einerseits in seiner Ausprägung als Tendenz zu Dienstleistungstätigkeiten und andererseits zur zunehmenden Wissens- und Qualifikationsabhängigkeit moderner Produktions- und Dienstleistungsarbeit. Beide hätten eine kontinuierliche Ausdehnung vorberuflicher Sozialisation hervorgerufen, die das Arbeitssystem mit den lebensweltlichen Ansprüchen und Einstellungen der Subjekte konfrontiere.

der Wandel der Rationalisierungs- und Organisationskonzepte in der Arbeit selbst, d. h. die Abkehr von der traditionell tayloristischen Arbeitsorganisation zu Teamarbeit und komplexen Arbeitsbereichen. Damit würden die Unternehmer ihrerseits in zunehmendem Masse abhängig von den Qualifikationen der Arbeitnehmer/innen und deren Identifikation mit ihrer Tätigkeit.

die zunehmende Erwerbsbeteiligung der Frauen, die ein hohes formales Bildungsniveau und spezifische Ansprüchen an Selbstbestätigung hätten. Eine gleichberechtigte Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen sei nur um den Preis einer stärker bedürfnisbezogenen Arbeitsteilung in der Familie zu haben, die in ihrer normativen Wirkung wiederum auf die betriebliche Arbeitsorganisation und deren Strukturen ausstrahlen müsse.

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3.3. Vergesellschaftung

Martin Baethge versteht Vergesellschaftung im Sinne Habermas als „Ausdruck kommunikativen und interessenbezogenem Handeln von Individuen, in dem sie ihre soziale Identität als Zugehörigkeit zur symbolischen Realität einer Gruppe erfahren und zugleich manifestieren" (Baethge 1991, S. 14). In diesem Sinne war Erwerbsarbeit das Feld von Vergesellschaftung par excellence. Vor diesem Hintergrund wird erkennbar, dass das Vergesellschaftungsmodell durch Arbeit sowohl für die politische Integration (die traditionellen Arbeiterparteien, Gewerkschaften), als auch die Alltagskommunikation innerhalb wie ausserhalb der betrieblichen Arbeit erodiert, obwohl die Arbeit offensichtlich für die Identitätskonstruktion eine erhebliche Bedeutung hat.

Bei Baethge sind es vor allem die realen strukturellen Veränderungen in den Beschäftigungs-verhältnissen und Arbeitsprozessen selbst, die das traditionelle Vergesellschaftungsmodell ausgehebelt hätten. „In dem Mass, in dem sich die säkulare Tendenz zum Wandel des Tätigkeitstypus von körperlicher zu intellektueller und von unqualifizierter zu qualifizierter Arbeit fortsetzt, verschieben sich auch in den Qualifikationsvoraussetzungen die Gewichte von Erfahrungswissen zu gelerntem Wissen und verändern sich die alltäglichen arbeitsprozessbezogenen Erkennungssymbole, Kommunikationsformen und Legitimations-erfahrungen in Bezug auf soziale Ungleichheit in der Arbeit" (Baethge 1991, S. 15). Es bleiben jedoch Arbeitsbereiche, wo unqualifizierte und körperliche Arbeit gefragt sind. Diese seien aber nicht mehr strukturbestimmend. Sie stellen nach Baethge eher die Restarbeit dar, „der jeder, der es qualifikatorisch kann, lieber entfliehen möchte, als dass sie Quelle eines positiv besetzten Zusammengehörigkeitsgefühls wären. Struktur-, anspruchs- und imagebildend ist in den entwickelten Gesellschaften qualifizierte Arbeit" (Baethge 1991, S.16).

Das subjektzentrierte Arbeitsverständnis ist also auch Ausdruck dafür, dass normative Strukturen immer weniger eindeutig den einzelnen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wie Arbeit, Freizeit oder Familie zugeordnet werden können und somit die Begriffe Selbst- und Fremdbestimmung im Bewusstsein der Individuen längst anderswo verortet sind.

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4. Fragestellungen

Die Faszination, die vom subjektzentrierten Arbeitskonzept ausgeht, rührt nicht zuletzt von den Erfahrungen aus unserer Alltagswelt. In vielen gegenwärtigen Gesellschaften fordert die kapitalistisch-marktwirtschaftliche Modernisierung ein individualistisches Persönlichkeitsprofil, das mit der herkömmlichen Lebensbiographie nicht mehr zusammenfällt. „Die Biographie der Menschen wird aus traditionellen Vorgaben und Sicherheiten, aus fremden Kontrollen und überregionalen Sittengesetzen herausgelöst, offen, entscheidungsunabhängig und als Aufgabe in das Handeln jedes einzelnen gelegt. Die Anteile der prinzipiell entscheidungsverschlossenen Lebensmöglichkeiten nehmen ab, und die Anteile der entscheidungsoffenen, selbst herzustellenden Biographien nehmen zu" (Beck/Beck-Gernsheim, 1990, S. 12 f.). Diese Feststellung von Beck und Beck-Gernsheim weist auf die Anforderungen zur Entwicklung eines subjektzentrierten Arbeitsverständnisses, wie das Baethge konstatiert. Damit ist aber Baethges Hypothese noch nicht bestätigt. Es bleiben zahlreiche Fragen offen, zu deren Beantwortung die Arbeitgeber, die Gewerkschaften und nicht zuletzt die Sozialwissenschafter/innen herausgefordert sind. So ist die Problematik einer „flächendeckenden" Umsetzung dieser Ansprüchen ungelöst. „Das Fortbestehen grosser Bereiche geringqualifizierter und restriktiver Herstellungs-, Verteilungs- und Administrationsarbeiten macht die Einlösung subjektiver Ansprüche kaum möglich, und auch wo die neuen Produktionskonzepte und Rationalisierungsstrategien greifen, profitieren oft nur Teilgruppen von ihnen. Dies schafft eine neue und für die Zukunft möglicherweise brisante Widerspruchsebene in den Betrieben, die bis heute nicht ausgelotet ist" (Baethge, 1991, S. 11).

Damit eng verknüpft ist die zukünftige Rolle der Gewerkschaften. Das subjektzentrierte Arbeitsverständnis konzentriert die Identitätsrelevanz der Arbeit auf die persönliche Identität und bietet kaum noch Momente für eine soziale Identität, die über die unmittelbare betriebliche Arbeitssituation hinausweist. Einheitsstiftende berufliche oder berufsständische Orientierungs-muster verlieren ebenso an Wert, wie „das materielle Interesse, das gegenüber den sinnhaft-subjektbezogenen Ansprüchen relativ an Gewicht verloren hat" (Baethge, 1991, S. 16). Das Modell der sozialen und politischen Integration durch Interessenvertretungen (Gewerkschaften, Parteien) wird in Frage gestellt. Dazu kommt, dass die Gewerkschaften in Gefahr geraten, „zu einem Versicherungsverein für eine relativ kleine, privilegierte Stammarbeitergruppe zu werden" (Gorz, 1994, S. 103). Die Gewerkschaften sind stark verankert bei Arbeitern und Angestellten, die einen ständigen Machtschwund erleiden und schwach bei den beiden grösser werdenden Kategorien der wachsenden, aber schwer zu organisierenden Masse von Arbeitslosen und Gelegenheitsjobbern einerseits, und den gut qualifizierten Facharbeitern mit eigenen Bedürfnissen andererseits. Das Risiko einer Spaltung wird den Gewerkschaften einiges „turnerisches Können" abverlangen um diesen Spagat erfolgreich zu überstehen. Sowohl die Umsetzung der Betriebsorganisation wie auch die zukünftige Interessenvertretung von Gewerkschaften und traditionellen Arbeiterparteien unter dem Aspekt eines subjektzentrierten Arbeitsverständnises wären interessante Forschungsfelder.

Ein weiters ist die empirische Überprüfung Baethges Hypothese selbst. Ein Unterfangen, das den Rahmen einer Seminararbeit bei weitem sprengen würde. Ein paar Fragen im Zusammenhang mit der Hypothese möchte ich jedoch formulieren:

Die Frage nach der zeitlichen Relevanz. Baethges Aufsatz ist 1991 erschienen. D.h. seine Untersuchungen stammen aus den Jahren der Hochkonjunktur, wo gut qualifizierte Fachleute gesucht und der Stellenmarkt entsprechend gross waren. In dieser Zeit war es leichter, den Arbeitsplatz zu wechseln, wenn sich die Ansprüche an die Arbeit nicht mit der Arbeitsstelle deckten.

Die Frage, ob Baethges Befunde nicht einem Wahrnehmungsphänomen unterliegen. Ich meine damit, dass man sehr wohl Ansprüche an die eigene Arbeit haben kann, diese in einer Befragung auch artikuliert, aber konkret am Arbeitsplatz nicht stellen kann aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust. Gerade bei weniger qualifizierten Arbeiterinnen und Arbeitern könnte hier eine Diskrepanz vorliegen, die es mit geeigneten Methoden zu prüfen gilt.

Die Frage, ob der Wandel vom traditionellen zum subjektbezogenen Arbeitsverständnis auch tatsächlich berufstätigen Frauen zugutekommt. Obschon die Ausweitung der weiblichen Erwerbstätigkeit zugenommen hat, fehlt es nach wie vor an einer überzeugenden gesellschaftlichen Lösung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In der Regel arbeiten Männer Vollzeit und leisten für die Familie vorwiegend Zuarbeit, während Frauen mehrheitlich teilzeiterwerbstätig sind und daneben die Hauptverantwortung für die Haus- und Familienarbeit übernehmen. Dazu kommt, dass die Forderung nach gleichem Lohn für Mann und Frau noch nicht wirklich erfüllt ist.

Die Frage, wieweit das subjektzentrierte Arbeitsverständnis eine neueres Phänomen darstellt und in welchem Zusammenhang die Erwerbsarbeit mit den Veränderungen der sozialen Lebenswelt und der sich wandelnden Lebensorientierungen der Menschen steht.

Die Frage, wieweit die Kategorie der „Arbeitsgesellschaft" noch ihre Berechtigung hat und wer damit effektiv gemeint ist. Hat die Arbeit als Modus der Vergesellschaftung und damit die Kategorie der „Arbeitsgesellschaft" ausgedient? Und welche anderen strukturbildenden Prinzipien treten an ihre Stelle?

Ich werde mich im Verlaufe dieser Seminararbeit auf die beiden letzten Fragen konzentrieren und Baethges Hypothese des subjektzentrierten Arbeitsverständnisses unter dem Gesichtspunkt des Wertewandels für Arbeit und Beruf sowie der Kategorie der „Arbeitsgesellschaft" untersuchen.

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5. Wertewandel der Arbeit

5.1. Allgemeine Überlegungen

Eine Untersuchung über den Wandel der Arbeitswelt und insbesondere der Werte der Arbeit verlangt ein behutsames Vorgehen, um nicht falschen Schlussfolgerungen und scheinbaren Paradoxen zu erliegen. Griffige Formeln wie die „Krise der Arbeit" verschleiern mehr als sie zur Situationsbeschreibung dienen. Es ist die gegenwärtige historische Form der Arbeit im Sinne einer industriellen Lohnarbeit, die einer tiefgreifenden Veränderung unterliegt: Der Strukturwandel zu den Dienstleistungen, eine erneute technologische Revolution, flexiblere und kürzere Arbeitszeiten und die teilweise Einführung neuer Organisationskonzepte haben die Arbeitsplätze verändert und tangieren damit das Verhältnis der Beschäftigten zu ihrer Erwerbsarbeit. Arbeit als solche, als „tätig sein", als Selbstverwirklichung durch „Taten" oder als autonomes Handeln hat kaum an Relevanz eingebüsst. Arbeitsformen jenseits der Berufsarbeit (Haus- und Familienarbeit, Eigenarbeit im Sinne selbsterbrachter Dienstleistungen, Freizeitarbeit etc.) werden immer wichtiger und die dabei gemachten Erfahrungen wollen vermehrt auch in die Berufsarbeit integriert werden.

Dafür sprechen auch die Befunde, die Martin Baethge in seinen Untersuchungen machte: Subjektive Ansprüche auch in der Erwerbsarbeit verwirklichen. Die Betonung liegt im Wort „auch". Es bleibt abzuklären, wieweit diese Ansprüche ein neueres Phänomen sind und ob denn überhaupt ein Wandel der Werte in Bezug auf die Arbeit vorliegt.

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5.2. Vermutungen und Thesen zum Wertewandel

Das Interesse am Wertewandel der Arbeit entstand in den siebziger Jahren in Verbindung mit der Suche nach den Ursachen von Erscheinungen wie „innere Kündigung", Zunahme von Absenzen in den Betrieben und Umfrageergebnissen, die auf sinkende Arbeitszufriedenheit hinwiesen. Als Ursache dieses Wertewandels dienen verschiedene Thesen, von denen ich die wichtigsten kurz skizziere:

Die These des Wertverlustes und abnehmender Zentralität der Arbeit.

Ausgehend von Max Webers Analysen zur protestantischen Ethik wird argumentiert, dass ein säkularer Bedeutungsverfall der protestantischen Berufs- und Leistungsethik stattfindet (Kmieciak 1976) und die bürgerlichen Werthaltungen Zerfallserscheinungen ausgesetzt sind (Noelle-Neumann 1978). Dieser als Wertverlust bezeichnete Prozess wird in Verbindung mit einer abnehmenden Zentralität des Lebensbereichs Arbeit gesehen.

Die These abnehmender Wichtigkeit der Arbeit zugunsten der Freizeit (Opaschowsky 1982)

Ausgehend von der Frage, ob sich die reduzierte Arbeitszeit und dadurch vermehrte Freizeit auf die Wichtigkeit dieser Lebensbereiche im Bewusstsein der Erwerbstätigen ausgewirkt hat, kommt Opaschowsky zum Ergebnis, dass der Lebensbereich Freizeit heute im Vergleich zur Arbeit die wichtigere Rolle spielt.

Die These der eindimensionalen Wertsubstitution (Inglehart 1977).

An die Stelle materieller Werte treten post-materielle Werte und Werthaltungen vor allem bei der jüngeren Generation. Diese Wertewandelstendenz zeigt Parallelen zu Fromms (1976) „Haben" und „Sein" - Begriffen.

Die These eines mehrdimensionalen Wertewandels (Klages 1984)

Dieser Ansatz geht davon aus, dass eine eindimensionale Betrachtungsweise der Wirklichkeit nicht gerecht wird, d.h. der Prozess des Wertewandels verläuft auf mehreren Dimensionen von den abnehmenden pflichtethischen Werten zu den expandierenden Selbst-enfaltungswerten (sowohl hedonistische wie auch individualistische Werte) hin.

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5.3. Untersuchung der Einstellung zur Arbeit und Arbeitszufriedenheit

Eine Untersuchung des Statistischen Bundesamtes von Deutschland aus dem Jahre 1994 gibt Auskunft über die Einstellung zur Arbeit und zur Arbeitszufriedenheit. Welchen Stellenwert Arbeit und Beruf im Leben der Menschen einnehmen, messen zwei Indikatoren: Die subjektive Einschätzung, wie wichtig die Arbeit für das Wohlbefinden ist, und die vergleichende Beurteilung der Wichtigkeit von Beruf und Freizeit.

5.3.1 Wichtigkeit der Arbeit für das Wohlbefinden

Beide Indikatoren weisen darauf hin, dass die Erwerbsarbeit für die Menschen in Deutschland (alte Bundesländer) durchaus noch von erheblicher Bedeutung für ihr Wohlbefinden ist. Erwerbsarbeit und Beruf haben jedoch für einen Teil der Erwerbstätigen bereits ihre einstmals lebensbeherrschende Stellung verloren. Im Durchschnitt aller Erwerbstätigen stuft weniger als die Hälfte der Deutschen (West) die Arbeit als „sehr wichtig" für ihr Wohlbefinden. Dieser Anteil hat sich seit 1980 kaum verändert (vgl. Tab. 1 auf der nächsten Seite).

Tab. 1: Wichtigkeit der Arbeit für das Wohlbefinden in Westdeutschland

Alle Angaben in %

Datenbasis: Wohlfahrtssurvey 1980, 1984, 1988, 1993

Datenreport 1994 Statistisches Bundesamt Deutschland

5.3.2. Stellenwert von Beruf und Freizeit

Der Vergleich der Wichtigkeit, die der Arbeit und der Freizeit zugeschrieben werden, ergibt für Deutschland (alte Bundesländer) das folgende Bild: Gegenüber 1988 zeigt sich im Durchschnitt wieder eine leichte Zunahme der Arbeitsorientierung, der jedoch keine Abnahme der Freizeitorientierung unter den Erwerbstätigen gegenübersteht. Vielmehr nimmt der Anteil derjenigen ab, die Arbeit und Freizeit als gleichermassen wichtig ansehen. Die Gegenüberstellung der individuellen Prioritäten zeigt, dass 1993 31% aller Erwerbstätigen der Beruf wichtiger ist als die Freizeit und 30 % die Freizeit wichtiger als der Beruf. 39% stufen beide Bereiche als gleich wichtig ein. (vgl. Tab 2).

Tab. 2: Stellenwert von Beruf und Freizeit in Westdeutschland

Alle Angaben in %

Datenbasis: Wohlfahrtssurvey 1988 und 1993

Datenreport 1994 Statistisches Bundesamt Deutschland

Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Höhe des Arbeitseinkommens und dem Stellenwert von Beruf und Freizeit. Je niedriger das durchschnittliche Einkommen, desto grösser ist der Anteil der Freizeitorientierten. Erstaunlich ist die Zunahme der Relevanz des Berufes bei der Bevölkerungsgruppe mit sogenannten post-materialistischen Einstellungen: Von 23 % im Jahre 1988 auf 36 % im Jahre 1993.

Alles in allem scheint die Entwicklung, wie sie sich in den verwendeten Indikatoren widerspiegelt, jenen Unrecht zu geben, die einen Bedeutungsverlust der Erwerbsarbeit zugunsten der Freizeit vorhergesagt haben. Vielmehr zeichnet sich ab, dass die Erwerbsarbeit ihren hohen Stellenwert behält, während gleichzeitig die Freizeit immer häufiger als gleichrangiger Lebensbereich angesehen wird.

5.3.3. Wichtigkeit von Arbeitsplatz- und Tätigkeitsmerkmalen

Tab. 3: Wichtigkeit von Arbeitsplatz- und Tätigkeitsmerkmalen 1993

Anteile „sehr wichtig", Alle Angaben in %

Datenbasis: Wohlfahrtssurvey 1993

Datenreport 1994 Statistisches Bundesamt Deutschland

Die Ansprüche und Erwartungen, die Erwerbstätige an ihre Arbeit richten, sind daran abzulesen, wie wichtig ihnen bestimmte Arbeitsplatz- und Tätigkeitsmerkmale sind. Unter den berücksichtigten Aspekten ist den Erwerbstätigen in Westdeutschland 1993 die Sicherheit des Arbeitsplatzes nach wie vor am wichtigsten (53 %), danach folgen mit 52 % das Verhältnis zu den Kollegen, mit 47 % selbständige Gestaltungsmöglichkeiten, eine abwechslungsreiche Tätigkeit (41 %) und die Verdienstmöglichkeiten (40 %).

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5.4. Interpretation der Ergebnisse

Ich möchte vorausschicken, dass die Untersuchungsergebnisse des Datenreports 1994, die ich für diese Seminararbeit auswählte, keine abschliessenden empirischen Folgerungen zulassen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen decken sich aber in etwa mit den Befunden, die Peter Pawlowsky (1986) auf der Grundlage einer Zeitreihenanalyse machte, die bis in die 60-er Jahre zurückreicht: „Die arbeitsbezogenen Werthaltungen haben sich über alle Bevölkerungsgruppen hinweg verändert. Obwohl eine Bedeutungsabnahme des Lebensbereichs Arbeit nicht festgestellt werden kann, zeigen die Erziehungsziele und dominierenden Lebensperspektiven, dass Selbstenfaltungs- und Autonomiewerte, ebenso wie kommunikative Fähigkeiten und hedonistisch-erlebnisbezogene Orientierungen zugenommen haben. (...) Die Distanzierung von der Arbeit, die wir unter Arbeitern ermittelt haben, lässt sich in Anbetracht der Beständigkeit „traditioneller Werthaltungen" somit nicht auf einen Wertverlust zurückführen. Die Distanzierung von der Arbeit scheint hier vielmehr durch die subjektive Einschätzung der Arbeitsbedingungen geprägt zu sein"" (Pawlowsky, 1986, S. 172). Oder wie es Roland Habich in seiner Untersuchung formulierte: „Wie zufrieden oder unzufrieden Arbeitnehmer mit ihrer Tätigkeit sind, darüber entscheiden ganz konkrete Eigenschaften des Arbeitsplatzes" (Habich, 1984, S. 69)

Pawlowsky kommt zum Schluss, dass die These einer abnehmenden Zentralität der Arbeit in der allgemeinen Form einer Verlagerung der zentralen Lebensinteressen von der Arbeit auf die Freizeit- und Konsumbereiche nicht zu bestätigen ist. Der Stellenwert der Arbeit lässt weder in der Untersuchung des Statistischen Bundesamtes von 1994 noch in den Zeitreihenanalysen von Pawlowsky eine rückläufige Tendenz erkennen. „Im Gegenteil, die zunehmenden arbeitsinhaltlichen und sozialorientierten Ansprüche an die Arbeit lassen vermuten, dass die Erwartungen an die Berufsarbeit zur Befriedigung zentraler Bedürfnisse gestiegen sind, (...) ihre Funktion zur Identitätsbildung und zur Befriedigung expressiver Bedürfnisse ist nach wie vor von zentraler Bedeutung" (Pawlowsky, 1986, S. 184).

Aber auch die Feststellungen Ingleharts hinsichtlich einer Ausdehnung post-materieller Werte kann nicht dahin interpretiert werden, dass die Arbeit an Relevanz eingebüsst hat. Einerseits zeigen sich bei Postmaterialisten durchaus Leistungs- und Karriereinteressen und andererseits ist der Anteil derjenigen, die die Sicherheit des Arbeitsplatzes als sehr wichtig einstuften, sehr hoch (53%).

Noch etwas pointierter äussert sich Karl Martin Bolte zu den erwähnten Thesen des Wertewandels: „Aufgrund des derzeit erreichten Wissensstandes kann zu den obigen Thesen festgestellt werden, dass sie alle „ein Körnchen Wahrheit" enthalten, aber auf keinen Fall Zusammenhänge aufzeigen, durch die Leistungsbereitschaft im Rahmen von Erwerbsarbeit wesentlich abgebaut worden ist" (Bolte, 1993, S. 14).

Für uns von Interesse ist im Zusammenhang mit Baethges Hypothese des subjektzentrierten Arbeitsverständnisses die Interpretation von Karl Martin Bolte und Günter Voss (1988). Sie deuten die veränderten Ansprüche an die Arbeit nicht als einen Wertewandel sondern vielmehr als einen Wandel der Werteverwirklichung. In ihrer Argumentation besteht die Wertebasis der westlichen Industriekultur immer noch und die Einstellungsveränderungen zur Erwerbsarbeit stellen lediglich das Bemühen dar, diese Werte unter veränderten gesellschaftlichen Lebensbedingungen zu realisieren.

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5.5. Schlussfolgerung

Die Überprüfung der Daten und ihre Interpretationen führt letztlich zum Ergebnis, dass weder ein gravierender Verfall noch eine deutliche Zunahme der individuellen Wertschätzung der Erwerbsarbeit festzustellen ist. Die Erwerbsarbeit behält ihren hohen Stellenwert, dagegen ist eine Akzentverschiebung innerhalb der Ansprüche erkennbar, die an die berufliche Tätigkeit gestellt werden. Roland Habich schrieb zu seiner Untersuchung der beruflichen Wertorientierung (1984): „Inhaltliche Ansprüche an eine interessante Arbeit sind schon vorhanden, sie dienen jedoch noch nicht als aktuelle Beurteilungskriterien für den eigenen Arbeitsplatz; sie könnten als eher längerfristige, aber nicht zu unterschätzende Perspektive zu verstehen sein" (Habich 1984, S 70). Es scheint, dass die Untersuchungsergebnisse von Pawlowsky und Baethge mit dieser Perspektive übereinstimmen in der Feststellung, dass es „im Zuge fortschreitender gesellschaftlicher Modernisierung zu einer zunehmenden normativen Subjektivierung der Arbeit kommt" (Baethge 1991, S. 6), in der neben den Ansprüchen eines guten Einkommens und eines sicheren Arbeitsplatzes auch Ansprüche stärker hervortreten, die Mitbestimmung, Persönlichkeitsentfaltung, Kreativität sowie Freiräume bei der Arbeitsgestaltung fordern. Wir können die Zunahme der Wichtigkeit des Berufes bei Menschen mit post-materialistischer Einstellung als Indiz für diese Haltung registrieren.

Erwerbsarbeit wird somit immer mehr auf das jeweilige individuelle Leben bezogen, auf den jeweiligen individuellen sozialen Kontext.

Ich denke, die Interpretation der genannten Untersuchungsergebnisse erlaubt eine zunehmende Subjektivierung der Arbeit in der Gesellschaft zu bestätigen. Nicht geklärt ist die Frage, wieweit es sich um manifeste Ansprüche handelt, d. h. um Ansprüche, die konkret vertreten werden oder um solche, die mehr dem Charakter eines Wunsches entsprechen und abhängig sind von der konjunkturellen Arbeitsmarktsituation. Und es bleiben die Fragen offen nach der gesamtgesellschaftlichen Umsetzung dieser Ansprüche und den Folgen dieses Arbeits-verständnisses für die Struktur der Gesellschaft und ihrer Werteorientierung.

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6. Die Arbeitsgesellschaft

6.1. Prolog

Wie ich im letzten Kapitel erörterte, können wir davon ausgehen, dass ein zunehmend subjektzentriertes Arbeitsverständnis in unserer Gesellschaft zu registrieren ist. Ich habe zuletzt die Frage nach den Folgen dieses Arbeitsbewusstseins aufgeworfen. Eine davon betrifft die Kategorien der gesellschaftstheoretischen Analyse der Arbeit, konkret die Arbeitsgesellschaft. Erinnern wir uns nochmals an Baethges Hypothese: „ ..die zunehmende normative Subjektivierung des Arbeitsprozesses (...) stellt den traditionellen Modus von Identitätsbildung und Vergesellschaftung in und durch Arbeit in Frage" (Baethge, 1991, S. 6). Muss dieser Subjektivismus, gerade weil er die Zentralität der Arbeit betrifft, nicht zwangsläufig den Begriff der Arbeitsgesellschaft unterhöhlen ? Ich werde in diesem letzten Kapitel auf diese Frage eingehen.

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6.2. Definition von Identität und Vergesellschaftung

Identität verstehe ich in diesem Zusammenhang als Zugehörigkeit zu einer Gruppe und nicht als Einzigartigkeit des Individuums, das im Englischen mit dem Begriff „self" umschrieben wird. „Vergesellschaftung meint die im Sinne Max Webers soziale Beziehung zwischen Menschen, deren soziales Handeln auf rational motiviertem Interessenausgleich oder rational motivierter Interessenverbindung beruht" (Reinhold, 1992, S. 629).

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6.3. Kontroverse Einschätzungen zur Arbeitsgesellschaft

Anhand der Definition von Identität und Vergesellschaftung war die Erwerbsarbeit das Feld der Vergesellschaftung. Wenn wir in der soziologischen Theoriebildung sowohl der bürgerlichen wie auch der marxistischen Tradition die Antworten betrachten, die auf die Fragen nach den organisierenden Prinzipien sozialer Strukturen und gesellschaftlicher Dynamik gegeben worden sind, „so wird man sich unschwer auf den Befund einigen können, dass die Arbeit der zentrale Tatbestand ist und sie in diesen sozialtheoretischen Entwürfen eine Schlüsselstellung eingenommen hat" (Offe, 1983, S. 38).

Claus Offe stellt in seinem viel zitierten Aufsatz „Arbeit als Schlüsselkategorie ?" dennoch die Frage, „ob wir an dieser - mit aller Vorsicht „materialistisch" zu nennenden - Präokkupation der soziologischen Klassik heute noch festhalten können" (Offe, 1983, S.39). Gerade weil die Arbeit der selbstverständliche Angelpunkt war, um den sich die sozialwissenschaftliche Forschung und Theoriebildung drehte und aus dem heraus alle anderen Aspekte der Gesellschaft theoretisch entwickelt wurden, folgert Offe: „Es ist diese umfassende makro-soziologische Determinationskraft der sozialen Tatsache der (Lohn)arbeit, der sie regierenden betrieblichen und gesellschaftlichen Rationalität und ihrer Widersprüche, die heute soziologisch fragwürdig geworden ist" (Offe, 1983, S. 40).

Offe sieht seine Vermutung der abnehmenden Zentralität der Erwerbsarbeit nicht zuletzt in den Befunden des neueren soziologischen Subjektivismus bestätigt. Gerade das macht seinen Aufsatz für die Diskussion Baethges Hypothese interessant. Wir haben in den angesprochenen Untersuchungen gesehen, dass der Stellenwert der Erwerbsarbeit bei der Mehrheit der aktiven Bevölkerung immer noch sehr hoch ist. Auch Baethge teilt diesen Befund. Und obwohl er den Modus der Vergesellschaftung in Frage stellt, greift er in seiner Hypothese bewusst auf die Kategorie der Arbeitsgesellschaft zurück, „dessen Legitimation [ auf den Rückgriff] am Ende des Aufsatzes - so hoffe ich - einsichtig wird" (Baethge, 1991, S. 6). Welches sind die Indizien, die Offe veranlassen, die Arbeitsgesellschaft als Kategorie in den Sozial-wissenschaften dennoch zu verabschieden ?

Erstens ist es die Inhomogenität der Arbeit, ihre vieldimensionalen Differenzierungsprozesse und der offensichtliche Wandel der Arbeitsbedingungen, die der Arbeit nur noch als Kategorie der deskriptiven Sozialstatistik dient und nicht als analytische Kategorie der Erklärung sozialer Strukturen, Konflikte und Handlungen. „Es ist nicht ersichtlich, dass es heute soziologisch von vornherein sinnvoller sein sollte, die Frage nach dem Gesellschaftsbild „des" Arbeiters zu stellen, als die nach dem Gesellschaftsbild des Mehrwertsteuerzahlers" (Offe, 1983, S. 46).

Zweitens sieht Offe einen immer grösser werdenden Umfang an der Erzeugung von Gütern und Diensten, die ausserhalb der institutionellen Bereiche traditioneller Lohnarbeit produziert werden: Im Haushalt und in der Familie, Schwarzarbeit, illegale Untergrundökonomie etc. Und schliesslich der Wandel von der industriellen Produktion zur auf-sich-selbst reflexiven Dienstleistungsarbeit. Es ist die Vielschichtigkeit des Begriffs Arbeit, dass Offe daran zweifelt, heute noch von einer zugrundeliegenden Einheit eines alle Arbeiten organisierenden Rationalitätstypus sprechen zu können.

Entgegen unseren Auswertung der Befunde des Datenreports ‘94 und den Untersuchungen Baethges, schliesst Offe von der Dezentralisierung der Arbeit gegenüber anderen Lebensbereichen auf ihre Verdrängung an den Rand der Biographie: „Nicht nur objektiv ist die Arbeit aus ihrem Status als einer zentralen und selbstverständlichen Lebenstatsache verdrängt worden, sondern auch subjektiv hat sie diesen Status im Motivhaushalt der Arbeitenden eingebüsst" (Offe, 1983, S.57).

Der hohe und beständige Wert, den die Wichtigkeit des Berufes hat (43 % der erwerbstätigen Bevölkerung, Tab. 1), widerspricht m.E. dieser Interpretation. Baethge hat in der verlängerten ausbildungsreichen vorberufliche Sozialisation, einen wichtigen Grund genannt, der für das subjektzentrierte Arbeitsverständnis von Bedeutung ist und einen wichtigen Stellenwert in der Lebensbiographie zukünftiger Erwerbstätiger einnimmt, weil sie eben diese Ansprüche vermehrt auch in die Arbeit einbringen wollen. Einen Hinweis darauf finden wir im hohen Anteil der Erwerbstätigen mit Abitur, die als wichtige Arbeitsplatz- und Tätigkeitsmerkmale „Abwechslung" (53%, Tab. 3) und „Selbständigkeit" (61%, Tab. 3) nannten. Merkmale, die auf ein subjektzentriertes Arbeitsverständnis schliessen lassen und gleichzeitig eine hohe individuelle Leistungsorientierung in der Erwerbsarbeit fördern können.

Offe kommt zum Schluss, dass neue soziologische Strukturkonzepte gefordert sind, die sich für die Beschreibung einer Gesellschaft eignen, die nicht mehr Arbeitsgesellschaft ist. D.h. wenn gesellschaftliches Bewusstsein nicht mehr als Klassenbewusstsein rekonstruiert und Arbeit nicht mehr der Mittelpunkt ist, entsteht ein Bedarf an „einem begrifflichen Koordinatensystem, mit dessen Hilfe jene von der Arbeits- und Produktionssphäre her nicht voll determinierten Bezirke der sozialen Realität kartographiert werden können" (Offe, 1983, S. 58). Claus Offe greift interessanterweise auf Dichotomien zurück, die den Wandel vom materialistischen Paradigma der Produktion zum post-materialistischen Paradigma der „Lebenswelt" vergegenwärtigen. Offe wie auch Baethge bedienen sich der Theorie Habermas, der die Struktur und Dynamik moderner Gesellschaften entstehen sieht im Konflikt zwischen den „Subsystemen zweckrationalen Handelns" einerseits und einer von ihnen „eigensinnig" abgekoppelten „Lebenswelt" andererseits (Habermas, 1985). Beide Autoren erkennen die Mängel, die dem Gebrauch solcher Dichotomien anhaftet: ihre unklare begriffliche Strukturiertheit und der Umstand, dass sie sich dagegen sperren, in eine Theorie des sozialen Wandels eingebettet zu werden. Baethge wendet sich jedoch entschieden gegen die theoretische Vorentscheidung, Arbeit mit den Begriffen Heteronomie, Autonomie oder Dichotomie in Verbindung zu bringen, wie es ein grosser Teil der Sozialphilosophie tut. „Im subjektzentrierten Arbeitsverständnis verwischen unter Umständen die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und nicht erwerbswirtschaftlicher Beschäftigung" (Baethge, 1991, S. 17). Für Baethge scheint sich die „kolonialisierte Lebenswelt" (Habermas, 1985) zu rächen, sie führt über die Ansprüche der Individuen ihre nicht befriedigten Bedürfnisse ins Zentrum des Systems zweckrationalen Handelns und zwingt dieses so zur Korrektur seiner Steuerungsprinzipien und zur Änderung seiner Organisation. Eben weil die Arbeit an sich wichtig ist.

Während für Dahrendorf in seinem ebenfalls weit beachteten Aufsatz „Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht" (1983) die „innere Dynamik der Arbeitsgesellschaft selbst dafür verantwortlich ist, dass ihr die Arbeit ausgeht und sie am Ende zu ihrer Aufhebung führt" (Dahrendorf, 1983, S. 29) ist bei Baethge das subjektzentrierte Arbeitsverständnis gerade Ausdruck dafür, dass Arbeit außerhalb von Dichotomien wie Selbst- und Fremdbestimmung ein Kristallisationspunkt werden könnte, der soziale und politische Identität jenseits herkömmlicher Klassenformationen schafft.

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6.4. Schlussfolgerung

Es bedarf auch bei der Analyse des Moduswandels von Vergesellschaftung durch Arbeit eines differenzierten Blickes um nicht falschen Bildern zu unterliegen. Dass heute nicht mehr alle Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen wollen, einen Abnehmer finden, ist das Argument, das häufig für das Ende der Arbeitsgesellschaft angeführt wird. Das wohlfahrtsstaatliche Postulat der Vollbeschäftigung wird zum Kern der Arbeitsgesellschaft gemacht und in der „Krise des Arbeitsmarktes" zugleich die „Krise der Arbeitsgesellschaft" erkannt. Diese Interpretation greift schon deshalb zu kurz, weil sie nur einen ökonomischen Massstab ansetzt. "Der Gesellschaft ist die Arbeit nicht ausgegangen, aber die zugeschriebenen Bedeutungen sind entmystifiziert worden" (Thomssen, 1990, S. 304). Ihr quantitativer Anteil an der Lebenszeit hat sich verringert und die Bedeutungszuordnung der Erwerbsarbeit im Vergleich zu anderen Lebensbereichen hat sich gewandelt und tut es weiter. Es ist denn weniger die Arbeit selbst sondern die Sicht der Arbeit, die heute die Arbeitsgesellschaft definiert. Diese Sicht besteht aus vielen individuellen und - in Anlehnung an Baethges Hypothese - subjektzentrierten Blicken, die in der Arbeit und durch sie sehr wohl eine strukturbestimmendes Prinzip erkennen, dem sie aber ihre eigenen Ansprüche abfordern. Gerade weil der Begriff der Arbeit so vielschichtig geworden ist, sind Dualismen (Lebenswelt versus Arbeitswelt, Materialismus versus Post-Materialismus) ungeeignet, den Wandel in der Arbeit hinlänglich zu beschreiben.

Die Arbeit steht heute in einem bewusst reflektierten wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Kontext, viel mehr als dies in den 50-er und 60-er Jahren der Fall war. Dass sie als „Schlüsselkategorie" nicht mehr ausreicht, den vielfältigen Arbeitsformen und -biographien gerecht zu werden, bedeutet lediglich, dass die Arbeit nicht mehr das ausschließlich strukturbestimmende Prinzip ist. Ihr Stellenwert aber ist nach wie vor sehr hoch.

Die „Arbeitsgesellschaft" zum heutigen Zeitpunkt in eine „Tätigkeitsgesellschaft", „Dienstleistungsgesellschaft" oder gar „Kulturgesellschaft" umzubenennen, zeigt vor allem eines: welche Schwierigkeiten die Sozialforschung mit der „Neuen Unübersichtlichkeit" (Habermas 1985) hat.

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7. Zusammenfassung

Die Arbeit übt nach wie vor einen starken strukturierenden Einfluss auf das Alltagsleben aus. Nicht in der Weise, dass Arbeit und Alltag zusammenfallen und als ganzheitlich soziale Handlungssituation existieren, wie dies vor der Industrialisierung der Fall war. Aber die Arbeit ist - wie wir gesehen haben - noch immer stark verankert in der individuellen Lebensbiographie der Menschen. So wie Arbeit und Beruf als selbstverständliche Quelle von Sinn und Lebensunterhalt auf dem realen Arbeitsmarkt an Wert verlieren, lassen sich andererseits Begriffe wie Fremd- und Selbstbestimmung im Sinne persönlicher Beteiligung immer weniger eindeutig einzelnen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens zuordnen. Damit vermischen sich die Ansprüche der verschiedenen Departemente gesellschaftlichen Lebens. Das subjektzentrierte Arbeitsverständnis, das Martin Baethge feststellte, ist deshalb gerade nicht Hinweis für die „Krise der Arbeitsgesellschaft", sondern Ausdruck der zunehmenden gesellschaftlichen Modernisierung. Die Folgerung, dass der Gesellschaft die Arbeit ausgeht und sie damit ihr strukturbestimmendes Prinzip verliert, ist nur insofern richtig, als die Arbeit nicht mehr das oberste strukturbestimmende Prinzip darstellt. Alle Zeichen deuten auf eine Dezentralisierung hin, aber nicht a priori auf eine Abnahme.

Im Gegensatz zu Baethge bin ich jedoch weniger optimistisch was die Umsetzung des subjektzentrierten Arbeitsverständnisses in der Praxis betrifft und wieweit dieses Arbeitsbewusstsein nicht auf gut ausgebildete Angestellte und Facharbeiter/innen mit Schlüsselqualifikationen beschränkt bleibt. Baethge weist zwar auf eine mögliche Widerspruchsebene in den Betrieben hin, die das Fortbestehen geringqualifizierter Arbeit schafften könnte. Ihre Erörterung überlässt er aber der zukünftigen Sozialforschung. Hier ist es bislang vor allem die Sozialphilosophie, die nach gesellschaftstheoretischen Antworten auf die Fragen nach den Folgen sucht, neue Arbeitsmodelle propagiert oder wie André Gorz, vor den Gefahren einer Spaltung auf seiten der Erwerbstätigen warnt (Gorz 1994).

Ich denke, mit dem Einbezug einer gesellschaftstheoretischen Perspektive erhielte die Diskussion zum „Wandel der Arbeit" wieder eine Dimension, die sie weniger aus einem „betriebswirtschaftlichen" Blickwinkel argumentieren liesse.

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8. Literaturverzeichnis

Arendt, Hannah (1994): Vita Activa oder vom tätigen Leben. (8. Auflage). München: Piper

Baethge, Martin (1991): Arbeit, Vergesellschaftung, Identität - Zur zunehmenden normativen Subjektivierung der Arbeit. Soziale Welt, 42 (1), S. 6 - 19.

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt: Suhrkamp

Beck, Ulrich / Beck-Gernsheim, Elisabeth (1990): Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt: Suhrkamp.

Beck, Ulrich. Brater, Michael. Daheim, Hansjürgen (1980): Soziologie der Arbeit und der Berufe. Reinbek

Bolte, Karl Martin (1993): Wertewandel und Arbeitswelt. In: ders.: Wertewandel, Lebens- führung, Arbeitswelt. München: Oldenburg.

Dahrendorf, Ralf (1983): Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht. In: Matthes, Joachim (Hg.): Krise der Arbeitsgesellschaft ? Verhandlungen des 21. Soziologentages im Bamberg 1982. Frankfurt: Campus-Verlag.

Gorz, André (1994): Kritik der ökonomischen Vernunft, Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft. Hamburg: Rotbuch.

Habermas, Jürgen (1985): Die neue Unübersichtlichkeit. Frankfurt: Suhrkamp.

Habich, Roland (1984): Berufliche Wertorientierung und Wohlfahrtserträge - Relevanz und Auswirkungen beruflicher Ansprüche an die Arbeit. In: Hoffmann-Nowotny, Hans- Joachim / Gehrmann, Friedhelm (Hgs.): Ansprüche an die Arbeit, Umfragedaten und Interpretationen. Frankfurt: Campus Verlag.

Jäger, Wieland (1997): Arbeits- und Berufssoziologie. In: Korte, Hermann/Schäfers Bernhard (Hgs.) : Einführung in Praxisfelder der Soziologie. Opladen: Leske + Budrich.

Lalive d’Epinay, Christian / Garcia Carlos (1988): Le mythe du travail en Suisse. splendeur et déclin au cours du XXe siècle. Genève: Georg.

Offe, Claus (1983): Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie ? In: Matthes, Joachim (Hg.) In: Krise der Arbeitsgesellschaft ? Verhandlungen des 21. Soziologentages im Bamberg 1982. Frankfurt: Campus-Verlag.

Pawlowsky, Peter (1986): Arbeitseinstellungen im Wandel. Zur theoretischen Grundlage und empirischen Analyse subjektiver Indikatoren der Arbeitswelt. Beiträge zur Sozialökonomik der Arbeit (8). München: Minerva Publikation

Reinhold, Gerd (Hg.) 1992: Soziologielexikon. (2. Auflage). München: Oldenbourg-Verlag.

Tages-Anzeiger, Ausgabe vom 3. Januar 1998. Zürich. S. 23.

Thomssen Wilke (1990): Arbeit, Bewusstsein, Subjektivität. In: König, Helmut / von Greiff, Bodo / Schauer, Helmut (Hgs.): Sozialphilosophie der industriellen Arbeit. Leviathan Sonderheft 11. Westdeutscher Verlag Opladen. S. 322-344.

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Last update: 02 Feb 15

 

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