Hans Geser: Immer mehr Wettbewerb unter den lokalen Parteien?
Immer mehr Wettbewerb unter
den lokalen Parteien? 1)
Soziologisches Institut der
Universität Zürich
Version 1.0 September 2004![]()
Inhalt
1. Kausale Bedingungen interparteilicher Konkurrenz in Schweizer
Gemeinden
2. Fragestellung und Methodologie
3.1 Die wahrgenommene Kompetitivität
3.2 Knappe Wahlergebnisse und Sitzverluste
3.3 Andere kontextuelle Einflussfaktoren
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
1. Kausale
Bedingungen interparteilicher Konkurrenz in Schweizer Gemeinden
Die Qualität politischer Demokratie hängt wesentlich davon ab,
dass mehrere politische Parteien um die Erringung formaler Machtpositionen
ernsthaft konkurrieren und sich den Bürgerinnen und Bürgern als klar
differenzierte Alternativen zur Aus-wahl stellen. Vor allem ist eine
gewisse Ungewissheit über den Wahlausgang erforderlich, damit die Wähler
Interesse daran gewinnen und überdurchschnittlich häufig zur Urne gehen, weil
sie davon ausgehen können, dass ihre einzelne Stimme wirklich zählt (Black
1974; Patterson/Caldeira 1984 etc.).. Allerdings kann sich das Wahlinteresse
bei einer sehr hohen Zahl von Parteien und Kandidaten wieder verringern,
insofern viele Wähler Mühe haben, sich die notwendigen Informationen zu
beschaffen und eine eindeutige Wahlentscheidung zu treffen (McDonough 1971;
Black 1974).
Zum zweiten
konnte verschiedentlich gezeigt werden, dass Politiker, die dem Risiko einer
drohenden Abwahl ausgesetzt sind, sich gegenüber den Meinungen der
Wählerschaft "responsiver" zeigen als Amtsinhaber, die - da sie
einer monopolartig dominierenden Partei angehören - ihre Position für
langfristig gesichert halten (Jewell/Olson 1982; Caldeira/Patterson 1982;
Prewitt/Eulau 1969). Ebenso gibt es Hinweise dafür, dass Parteienkonkurrenz
zwar einerseits einen gewissen Pluralismus der sozio-politischen Eliten- und
Machtstrukturen zur Voraussetzung hat, diesen Pluralismus andererseits aber
auch zusätzlich verstärkt (Clark 1968;125; Gilbert 1972: 17).
Auf der anderen Seite haben unzählige empirische Studien aus
zahlreichen Ländern zur übereinstimmenden Einsicht geführt, dass auf der
kommunalen Politikebene aus verschiedenen Gründen häufig nicht mit einer
geregelten Parteienkonkurrenz gerechnet werden kann. So ist vor allem im
traditionell-ländlichen Raum mancherorts noch ein apolitisches Verständnis
der Gemeinde als "Gemeinschaft" verbreitet, in der im Bereich
öffentlich relevanter Angelegenheiten einmütig-konsensuale Entscheidungen die
Regel sind, während Dissens, Konkurrenz und Konflikt als bedauernswerte,
möglichst zu vermeidende oder zu beseitigende Störungen dieser Normalität
begriffen werden (Wurzbacher/Pflaum 1954: passim; Vidich/Bensman 1968:
passim; Holler 1981)..
Zweitens werden viele in den kommunalen Kompetenzbereich fallende
Entscheidungsfragen (z. B. über den Ausbau der Infrastruktur oder den
administrativen Vollzug übergeordneter Gesetze) als relativ unpolitische
Fragen begriffen, die allein unter technischen oder juristischen
Gesichtspunkten problematisch und deshalb mit schierer technokratischer
Rationalität lösbar sind (vgl. Geser 2003a).
Drittens sind vor allem kleinere Gemeinden hinsichtlich der sozio-ökonomischen
und kulturellen Zusammensetzung ihrer Bevölkerung oft relativ homogen, so
dass die Spaltungen und Konflikte fehlen, die auf umfassenderen politischen
Ebenen unweigerlich Anlass zur Parteienkonkurrenz bieten.
Und viertens verfügen die Parteiorganisation - sofern sie
überhaupt bestehen - über derart geringe personelle, organisatorische und
finanzielle Ressourcen, dass keine Mittel für aufwendige Wahlkämpfe bestehen,
Vielfach findet die faktische Wahlkonkurrenz auf
"subinstitutioneller" Ebene statt, weil ein Wahlkandidat allein
dadurch, dass mehrere Parteimitglieder in ihrem Familien- und Bekanntenkreis
erfolgreich für ihn werben, die zur Wahl erforderliche Stimmenzahl erreichen
kann (besonders unter Bedingungen der Proporzwahl, wo 10-20% der Stimmen für
die Mandatsgewinnung genügen).
Vielerlei Faktoren tragen deshalb dazu bei, dass die Kompetitivität
der Parteien um politische Mandate mit wachsender Einwohnerzahl der
Gemeinde stark zunimmt: auch wenn es sich immer wieder als schwierig
erwiesen hat, den kausalen Einfluss der Grösse von damit eng korrelierenden
Variablen (z. B. Urbanität) zu isolieren (Dahl/Tufte 1973: 95;
Paterson/Cardeira 1984).
1) Die Heterogenität der Bevölkerung (und damit auch die
Vielfalt der Interessen) wächst an, und immer mehr Gruppen überschreiten
jenes quantitative Niveau, das für die kollektive politische Artikulation und
zur Ausbildung einer eigenen formalen Organisation (bzw. Partei) erforderlich
ist (Clark 1967; Rae/Taylor 1970).
2) Es wird wahrscheinlicher, dass anstelle einer kohärenten
"Dorfelite" eine Mehrzahl untereinander konkurrierender
Elitefaktionen besteht, von denen jede durch Gründung eigener Parteien (bzw.
anderer Interessengruppen) versucht, in der politischen Öffentlichkeit
möglichst viel Unterstützung (und bei den Wahlen einen möglichst hohen
Machtanteil) zu erringen (Clark 1967)..
3) Während in kleinen Gemeinden Konflikte oft vermieden werden,
da sie sich leicht auf das Gesamtsystem ausbreiten und innerhalb der
Dorfgemeinschaft unerwünschte persönliche Ressentiments und Feindseligkeiten
erzeugen (Vidich/Bensman 1968; Dahl/Tufte 1973: 93f.) , sind politische
Auseinandersetzungen in grösseren Kommunen leichter tolerierbar, da sie auf
einzelne Bereiche eingegrenzt bleiben und die Konfliktparteien in eher
lockeren und sachspezifischen (statt emotional-diffusen) Beziehungen
zueinander stehen. Ueberdies sind eher unbeteiligte "third parties"
verfügbar, die im Falle, dass ein Konflikt eskaliert, moderierend eingreifen
können. So kann man feststellen, dass Wahlkämpfe in grösseren Gemeinden
regelmässige, allseits erwartete und erwünschte Normalereignisse darstellen,
in kleineren Gemeinden aber oft nur in Ausnahmesituationen vorkommen, die
durch besonders hohe politische Spannungen und Unzufriedenheiten
gekennzeichnet sind (Black 1974). Entsprechend ist auch das Niveau
politischer Partizipation in kleineren Gemeinden erheblich enger als in
grösseren Städten mit dem Ausmass der Parteienkonkurrenz verknüpft (Black 1974).
4) Allein aufgrund ihrer Mitgliederzahl, Finanzmittel und
organisatorischen Differenziertheit sind Parteien grösserer Gemeinden besser
in der Lage, auch relativ umfangreiche und kostspielige Aktivitäten (wie z.
B. Flugblattaktionen, Inseratekampagnen u.a.) durchzuführen, wie sie im
Rahmen eines kompetitiven Wahlkampfs notwendig sind. Zudem werden sie auch
eher über einen hinreichen Pool von Kandidaten verfügen, um nicht nur die
ihnen zustehenden Mandate zu besetzen, sondern auch anderen Parteien Sitze streitig
zu machen.
Andererseits wird der Wettbewerb in grösseren Städten allerdings
oft dadurch begrenzt, dass unverhältnismässig grosse Mittel (z. B. Geld für
teure Medienaktionen) erforderlich sind, um wirksame politische Kampagnen zu
führen. So hat sich in der bekannten Untersuchung von Gordon S. Black
gezeigt, dass in Grosstädten nur bei relativ labilen Mehrheitsverhältnissen
Wahlkämpfe ausgetragen werden, während die Kompetitivität in kleineren
Städten nicht mit den Mehrheitsverhältnissen (=Siegeschancen) korreliert
(Black 1974). Analog dazu haben Paterson/Caldeira (1974) in ruraleren
Regionen der USA eine höhere Neigung zu Wahlkämpfen als in urbanen Staaten
gefunden.
Unabhängig von der Grösse können die mit moderneren ökonomischen
Entwicklungen einhergehenden Transformationen des Schichtungssystems dazu
führen, dass Parteien sowohl beim Ringen um Wähleranteile wie bei der
Rekrutierung von Mitglieder in ein kompetitiveres Verhältnis zueinander
treten. Der Grund dafür liegt darin, dass sich die klassischen
Strukturformationen (z. B. Bauernschaft, Kleingewerbe oder Arbeiterschaft)
auflösen, aus denen die Parteien bisher stabile Stammwählerschaften und
Stammmitgliedschaften rekrutierten. Stattdessen sehen sich linke wie rechte
Parteinen zunehmend mit demselben amorphen Feld von "neuen
Angestellten" und Beamten konfrontiert, die relativ flottierende, eher
von subjektiven Werten als objektiven Strukturbedingungen abhängige
Parteiloyalitäten aufrechterhalten und deshalb ständig neu umworben werden
müssen. Dies bedeutet, dass die Parteienkonkurrenz immer umfassendere Formen
annimmt, weil alle Parteien zunehmend die gesamte (stimmberechtigte)
Bevölkerung umwerben.- mit der Folge, dass sie sich sowohl in der Struktur
ihrer Wählerschaft wie auch in der Zusammensetzung ihrer Anhängerschaft immer
weniger voneinander unterscheiden (vgl. Gluchowski / Veen 1979).
Hinzu kommt, dass sich Parteien in moderneren Gemeinden nicht
mehr auf bereits bestehende "en bloc" Mitgliedergruppen abstützen
können, die ihnen z. B. von konfessionell gebundenen Vereinen (im Falle der
CVP), von Gewerbevereinigungen (bei der SVP) oder von lokalen
Gewerkschaftssektionen (SP) zugetragen werden: ebenso wenig wie auf die in
Wirtshäusern gepflegte "informelle Stammtischgeselligkeit", die in
traditionellen Gemeinden vor allem die Männer mittleren Alters dazu
motiviert, an lokalen Vereinigungen aller Art relativ regelmässig
teilzunehmen, Stattdessen stehen sie einer atomisierten örtlichen Bevölkerung
gegenüber, in der alle potentiellen Anhänger individuell angesprochen werden
müssen und aufgrund ihrer individuellen Motive autonom und immer wieder neu
über die Kontinuierung ihrer Mitgliedschaft und ihres Engagements entscheiden
(vgl. z. B. Putnam 1995).
Auch die Konkurrenz um Mitglieder und Kandidaten dürfte
sich mit wachsender Grösse und ökonomischem Entwicklungsgrad der Gemeinden
intensivieren
a) weil neben den Wählerbindungen auch die Mitgliederbindungen der Parteien einer Destabilisierung unterliegen, so dass allein schon zur Erhaltung (und erst recht zur Steigerung) der Anhängerschaften stärkere Anstrengungen erforderlich werden.
b) weil allen politisch Interessierten infolge des breiteren Angebots an Parteien (und anderen politischen Gruppierungen) vielfältigere Auswahloptionen (und leichtere Möglichkeiten jederzeitiger Abwanderung) zur Verfügung stehen;
c) weil die wachsende Fluktuation der Gemeindebevölkerung auch eine zunehmende Mitgliederfluktuation bewirkt: so dass immer mehr Anstrengungen nötig sind, um (z. B. durch gezielte Ansprache von Neuzuzügern) wenigstens die laufenden Abgänge zu kompensieren.
Im Falle der Schweiz, wo rund die Hälfte der Gemeinden unter 700
Einwohner zählt, darf mit einer besonderen Wirksamkeit solch grössenbedingter
Konkurrenzhemmnisse gerechnet werden. Andererseits wird die Kompetitivität
kommunaler Wahlen aber durch eine Vielzahl anderer, mit den politischen
Systembedingungen zusammenhängenden Faktoren determiniert.
Förderlich wirkt einerseits sicher die relativ weitgehende
Gemeindeautonomie, die zur Folge hat, dass Kommunen regelmässig auch echt
"politische" (d. h. ideologisch wie sachpolitisch kontroverse)
Entscheidungen zu treffen haben und deshalb auch eine Exekutive bestellen
müssen, für deren personelle Besetzung (partei-)politische Kriterien
massgeblich sind. Der föderalistische Aufbau der Schweiz widerspiegelt sich
auch im Parteiensystem in der Regularität, dass die kantonalen Organisationen
im Verhältnis zur Bundespartei sowie auch die lokalen Sektionen im Verhältnis
zur Kantonspartei über eine relativ hohe Autonomie (in struktureller,
finanzieller wie auch politisch-ideologischer Hinsicht) verfügen,
Diese Eigenständigkeit bietet für sie die Möglichkeit,
a) selbständig darüber zu entscheiden, ob und in welchem Masse sie mit anderen Parteien konkurrieren oder kooperieren;
b) ihre Organisationsstruktur und ihr politisches Profil optimal an die je spezifischen lokalen Gegebenheiten zu adaptieren.
Nur aufgrund dieser Rahmenbedingungen darf überhaupt damit
gerechnet werden, dass die interparteiliche Kompetitivität einerseits von
kontextuellen Variablen erheblich beeinflusst wird und andererseits
verschiedende Strukturmerkmale und Aktivitäten der lokalen Parteisektionen in
deutlichem Umfang kausal determiniert. Andererseits könnten aus den Prinzipien der Proporzwahl, der
Konkordanz und der direkten Demokratie durchaus Tendenzen entstehen, die
Parteienkonkurrenz zu reduzieren oder gar völlig zu suspendieren.
1) Unter Bedingungen des Majorzwahlrechts wird die
Kompetitivität insofern unausweichlich, als die einzige Raison d'être (und
politische Wirkungsmöglichkeit) einer Partei darin besteht, durch einen
Wahlsieg die integrale Regierungsmacht zu erringen. Ein Verzicht auf
Konkurrenz wäre unter diesen Voraussetzungen gleichbedeutend mit der
Abschaffung der Demokratie. In Proporzsystemen ist der Konkurrenzzwang
insofern gemildert, als auch Parteien, die sich mit einem minoritären
Wähleranteil begnügen, an der formellen politischen Macht dauerhaft
mitbeteiligt bleiben. Dadurch können sie ermutigt werden, ihre Werbung im Interesse
ideologischer Homogenität und politischer Konsistenz auf bestimmte Segmente
der Wählerschaft einzuschränken und die übrigen Segmente konkurrenzlos den
anderen Parteien zu überlassen (Harmel/Janda 1982; McDonough 1971).
Andererseits sind konkurrierende Parteien unter Proporzbedingungen insofern
besonders stark gefordert, als sie häufig einen "Vielfrontenkrieg"
gegen verschiedene andere Parteien zu führen haben, während sich die
Auseinandersetzung unter Majorverhältnissen meist auf eine einzige Gegenpartei
beschränkt (Katz 1980; 20ff.). Vor allem "Parteien der Mitte"
müssen viel ideologisch-programmatische (und tagespolitische) Arbeit leisten,
um sich gegen linke und rechte Herausforderer gleichermassen deutlich zu
profilieren.
Im Falle
der Schweiz werden Gemeinderäte und andere formelle Exekutivgremien zwar
formell in überwiegendem Masse auf dem Majorzwege bestellt; informell besteht
aber praktisch durchwegs aber ein "freiwilliger Proporz" in dem
Sinne, dass die starken Parteien den schwächeren von sich aus Sitze
einräumen, indem sie ihnen zum vornherein einen Teil der Mandate überlassen.
2) Das Prinzip der Konkordanz bedeutet, dass die exekutiven
politischen Entscheidungen in Gremien, in denen alle wichtigen politischen
Kräfte repräsentiert sind, in kollegialer Weise getroffen werden: so dass sie
gar nicht einzelnen Parteivertretern zurechenbar sind. Damit entfällt
einerseits der Zwang, im Hinblick auf zukünftige politische Führerschaft
bereits vor den Wahlen starke parteiinterne Autoritätspersonen aufzubauen;
zweitens verlieren die Parteien insofern ein wichtiges Motiv für einen
intensiven Wahlkampf, als sie nach Bestellung der Sitze gar nicht in der Lage
sind, ihre Mandatsträger in hohem Umfang zu kontrollieren; und drittens
können sie losgekoppelt von der Regierungsverantwortung eine relativ
beliebige Partikularpolitik kultivieren, die sich eher an internen
ideologischen Kriterien als an der externen Gemeinwohlperspektive orientiert:
"Where the governing responsibility is shared or obscure, parties can
govern and also retain a doctrine which has little relevance to the governing
experience." (Schlesinger 1968: 430).
3) Die Institutionen der direkten Demokratie bieten den Parteien
zusätzliche Wirkungsmöglichkeiten, die auch dann offenbleiben, wenn sie in der
Exekutive oder in den übrigen Gremien nur wenige oder gar keine formellen
Mandate erringt. Beispielsweise kann sie sich dann darauf konzentrieren,
durch Ergreifen von Volksinitiativen das kommunalpolitische "Agenda
setting" zu bestimmen oder durch Mobilisierung ihrer Anhänger auf die
Entscheidungen in der Gemeindeversammlung Einfluss zu nehmen. Auch diese
alternativen Betätigungskanäle können zur Folge haben, dass Parteien es nicht
so dringlich finden, durch Mobilisierung all ihrer Kräfte den Wahlkampf optimal
zu bestehen.
So sind Schweizer Lokalparteien keineswegs
"Patronageparteien", deren Anhänger durch die Aussicht auf
lukrative Machtpositionen dazu getrieben würden, besonders intensiv für den
Wahlerfolg zu kämpfen. Ebenso wenig können sie - um die Terminologie
Eldersvelds zu verwenden - als "candidate-centered aggregations"
bezeichnet werden, deren Anhänger das vorrangige Ziel hätten, einen
herausragenden einzelnen Führungspersönlichkeiten zur politischen Macht zu
verhelfen: denn die kollegiale Proporzdemokratie enthält gar keine formellen
Positionen, die für eine personalisierte Machtausübung geeignet wären. Am
ehesten können sie dem Typus der "amateur association of idealists"
zugeordnet werden, der sich von beiden übrigen Typen durch eine stärkere Orientierung
an Sachthemen, durch demokratischere Formen der Meinungsbildung und
Entscheidungsfindung und eine geringere Relevanz des Wahlerfolgs (als Raison
d'ètre der Partei und als Motor der Motivierung) unterscheidet) vgl.
Eldersveld 1982: 165ff.). Insofern eher inhaltliche politische Ziele (anstatt
schiere Gewinne an politischer Macht) im Vordergrund stehen, ist damit zu
rechnen, dass sowohl der Zu- und Abfluss an Mitgliedern wie auch deren
Teilnahmemotivationen eher von ideologischen Orientierungen und sachpolitischen
Positionen (anstatt von Siegen und Niederlagen im Wahlkampf) abhängig sind.
Die Wahlkampfneigung solcher Gruppierungen dürfte deshalb eher von
sachpolitisch-ideologischen als personellen Faktoren abhängig sein - so dass
die in der Schweiz momentan feststellbare Links-Rechts-Polarisierung durchaus
zu einer Erhöhung der Kompetitivität beitragen könnte.
Insgesamt sehen sich alle Parteien einer relativ hohen
Stabilität ihrer Wähler- und Mitgliederschaft gegenüber, die weder durch das
plötzliche Auftreten (oder Verschwinden) charismatischer Führerpersonen
gestört noch durch öffentliche Zuschreibung von politischem Erfolg oder
Misserfolg wesentlich beeinträchtigt wird. Dementsprechend sehen gut
etablierte Parteien oft wenig Grund, durch hohe Kompetitivität den Risiken
des Abstiegs entgegenzuwirken - und minoritäre Gruppierungen auch wenig
Chancen, durch überdurchschnittliche Anstrengungen einen spektakulären
Aufstieg zu vollziehen (vgl. z. B. Neidhart 1986: 44). Unter solchen
Stabilitätsbedingungen ist gemäss Katz besonders damit zu rechnen, dass
Parteien allein durch das Risiko, altgewohnte Mandate zu verlieren, zum
aktiven Wahlkampf herausgefordert werden, während die Aussicht auf
zusätzliche Gewinne - vor allem wenn zusätzliche Mandate mangels Kandidaten
gar nicht besetzt werden könnten - bedeutend weniger Streitlust erregt (Katz
1980: 18).
2. Fragestellung und Methodologie
Im Herbst 1989 und im Herbst 2002 wurden am Soziologischen
Institut der Universität Zürich zwei praktisch identische empirische
Untersuchungen durchgeführt, in die alle (ca. 5000) Ortsparteien in den
Gemeinden der Schweiz einbezogen worden sind. Allen Präsidentinnen und
Präsidenten dieser lokalen Gruppierungen wurde ein umfangreicher Fragebogen
zugeschickt, in dem sie aufgefordert wurden, über die Anhängerbasis und
Organisationsstruktur, die ideologischen und sachpolitischen Positionen, die
inneren Prozesse und die externen politischen Aktivitäten der Partei
detaillierte Auskünfte zu geben. Bei beiden Surveys wurden jeweils rund 2550
Fragebogen ausgefüllt zurückgesandt (d. h. rund 50%). Bei rund 80% dieser
Gruppierungen handelt es sich um die Lokalsektionen der vier landesweit
tätigen grossen Bundesratsparteien (FDP, CVP, SVP und SP); bei weiteren 8% um
die örtlichen Filialen kleinerer Parteien, und bei den restlichen 12% um
autonome lokale Gruppierungen ohne Einbindung in kantonale oder nationale
Organisationen.
Im Fragebogen wurde zu beiden Zeitpunkten auf zwei komplementäre
Weisen versucht, das Bestehen und Ausmass interparteilicher Kompetitivität
innerhalb der Gemeinde zu bestimmen.. Erstens wurden die Informanten nach ihrer subjektiven
Einschätzung darüber befragt, wie stark sich ihre Ortssektion in Konkurrenz
zu den anderen organisierten Ortsparteien befinde. Dabei wurde der Vieldimensionalität
des Konkurrenzkonzepts Rechnung getragen, indem je separat die Kompetitivität (a) bei der Bestellung
des Gemeindepräsidiums (b) bei der Wahl der Gemeindeexekutive (c) bei der Besetzung
niedrigerer kommunaler Aemter (z. B. Kommissionen) (d) bei der Rekrutierung
von Kandidaten (e) bei der Werbung um neue Mitglieder erhoben wurde. In allen
fünf Fällen wurden drei Antwortmöglichkeiten (keine, mässige oder starke
Konkurrenz) zur Auswahl angeboten.
Neben den beträchtlichen positiven Interkorrelationen
berechtigen auch die Ergebnisse der Faktoranalyse dazu, den Grad an
"interparteiliche Konkurrenz" als eindimensionales Konzept zu
behandeln. Denn sowohl in kleineren wie auch grösseren Gemeinden resultiert
nur ein einziger signifikanter Faktor, der 1989 ca. 48% und 2002 ca. 51% der
gesamten gemeinsamen Varianz erklärt. In dieser Steigerung kommt die Tatsache
zum Ausdruck, dass die meisten Interkorrelationen im Untersuchungsintervall
noch an Stärke hinzugewonnen haben (vgl. Tab. 1).
Tabelle 1: Interkorrelationen der fünf
Aspekte interparteilicher Konkurrenz 1989 und 2002: alle
Parteien
|
|
Präsidium |
Exekutive |
andere Ämter |
Kandidaten |
|
Präsidium |
- |
- |
- |
|
|
Exekutive |
.45**/.49** |
- |
- |
|
|
andere Ämter |
.32**/.33** |
.54**/.53** |
- |
|
|
Kandidaten |
.25**/.28** |
.29**/.36** |
.29**/.34** |
- |
|
Mitglieder |
.24**/.23** |
.23**/.24** |
.32**/.35** |
.45**/.51** |
**
p < .01
Evidenterweise ist die Validität dieser Indikatoren dadurch
begrenzt, dass sie nur eine subjektive Einschätzung wiedergeben, bei der sich
die Wahrnehmung objektiver kommunalpolitischer Situationsbedingungen
unweigerlich mit rein parteibezogenen Faktoren (z. B. dem Entschluss dieser
einen Partei, sich kompetitiv zu verhalten) vermischt.
Deshalb wurde versucht, die Intensität interparteilicher
Konkurrenz zumindest im Schlüsselbereich der Exekutivwahlen objektiver zu
bestimmen, indem danach gefragt wurde, ob "bei den letzten oder
vorletzten Wahlen" folgende Ereignisse vorgekommen seien:
(a) ein wiederkandidierendes Exekutivmitglied der Partei wurde nur knapp wiedergewählt;
(b) die Partei hat einen Sitz (bzw. gar mehrere) verloren;
(c) ein wiederkandidierendes Exekutivmitglied der Partei wurde abgewählt.
Gemäss dem vierjährigen Wahlzyklus beziehen sich die Antworten
in der ersten Umfrage auf die Periode 1982 - 1989; im zweiten Survey auf den
Zeitraum 1995-2002. Diese Operationalisierung beruht auf der Annahme, dass sich der
Grad an Kompetitivität objektiv durch den Grad an Unsicherheit über den
Wahlausgang bestimmt (vgl. z. B. Paterson/Caldeira 1984). Erwartungsgemäss sind
die rund 40% der Ortsparteien, denen eines der obigen Ereignisse zugestossen
ist, eher geneigt, im Hinblick auf Exekutivwahlen einen intensiven
Konkurrenzdruck zu perzipieren. Die Korrelationen (.128 im Jahre 1989 und
.138 im Jahre 2002) sind aber erstaunlich gering, weil sehr zahlreiche
Sektionen mit stabilen Wahlergebnissen dennoch ein intensives
Konkurrenzverhältnis wahrzunehmen pflegen.
3. Empirische Ergebnisse
3.1. Die wahrgenommene Kompetitivität
Die Ergebnisse beider Survey zeigen übereinstimmend. dass sich
die ganz überwiegende Mehrheit der Informanten als Vorsteher einer
kompetitiven politischen Gruppierung perzipieren, die mit anderen Parteien in
derselben Gemeinde zumindest in moderatem Ausmass nicht nur um formelle
Amtspositionen, sondern auch um die Rekrutierung von Kandidaten und
Mitgliedern konkurriert. Keine eindeutige Antwort findet aber andererseits die einfache
Frage, ob die Kompetitivität im Untersuchungszeitraum 1989 bis 2002 eine
Steigerung oder Verminderung erfahren hat. Einerseits ist die Extensität
der Konkurrenz offensichtlich in dem Sinne angewachsen, als der
Prozentanteil der Sektionen hochsignifikant abgenommen hat, die bezüglich des
Gemeindepräsidiums und der Rekrutierung von Kandidaten keinerlei Konkurrenz
vermelden. Umgekehrt scheint sich ihre Intensität eher etwas
abgeschwächt zu haben, insofern die Prozentanteile in der Kategorie
"starke Konkurrenz" in allen fünf Bereichen (besonders deutlich bei
der Bestellung "anderer Ämtern) rückläufig waren (Tab 2).
Tabelle 2: Prozentsatz der Lokalparteien mit unterschiedlichem
Grad an wahrgenommener interparteilicher Konkurrenz in verschiedenen
Bereichen 1989 und 2002 (alle Parteien)
|
Grad
der Konkurrenz: |
Interparteiliche Konkurrenz
um: |
|||||||||
|
Gemeinde-präsidium |
Gemeinde-exekutive |
andere Ämter |
Kandidaten |
Mitglieder |
||||||
|
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
|
|
keine |
32 |
22 |
10 |
8 |
10 |
10 |
24 |
14 |
16 |
16 |
|
mittelmässig |
29 |
41 |
35 |
41 |
52 |
58 |
45 |
56 |
53 |
57 |
|
stark |
39 |
37 |
55 |
51 |
38 |
32 |
31 |
30 |
31 |
28 |
|
N = |
2171 |
2140 |
2296 |
2202 |
2328 |
2216 |
2247 |
2190 |
2288 |
2220 |
|
Chi2 (sign.) |
90.53 (.000) |
23.32 (.000) |
19.73 (.000) |
79.25 (.000) |
7.851 (.020) |
|||||
Bei einer Aufgliederung nach Sprachregionen zeigt sich, dass das
wachsende Ringen um valable Amtskandidaten eine gesamtschweizerische
Entwicklung darstellt, während sich die Abnahme unbestrittener
Präsidentenwahlen auf den deutschen und italienischen Sprachraum begrenzt.
Andererseits scheint sich die rückläufige Intensität der Parteienkonkurrenz
eher auf die beiden romanischen Landesteile zu beschränken, während in der
deutschen Schweiz ungefähr dasselbe Niveau aufrechterhalten blieb (Tab.
3,4,5).
Tabelle 3: Prozentsatz der Lokalparteien mit unterschiedlichem
Grad interparteilicher Konkurrenz in verschiedenen Bereichen 1989 und 2002
(deutsche Schweiz)
|
Grad
der Konkurrenz: |
Interparteiliche Konkurrenz
um: |
|||||||||
|
Gemeinde-präsidium |
Gemeinde-exekutive |
andere Ämter |
Kandidaten |
Mitglieder |
||||||
|
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
|
|
keine |
30 |
19 |
9 |
7 |
8 |
9 |
23 |
14 |
15 |
15 |
|
mittelmässig |
28 |
40 |
34 |
40 |
52 |
58 |
47 |
56 |
55 |
57 |
|
stark |
42 |
41 |
57 |
53 |
38 |
34 |
30 |
30 |
30 |
28 |
|
N = |
1543 |
1602 |
1644 |
1653 |
1686 |
1676 |
1626 |
1647 |
1669 |
1675 |
|
Chi2 (sign.) |
82.55 (.000) |
17.78 (.000) |
9.70 (.008) |
58.63 (.000) |
1.66 (.436) |
|||||
Tabelle 4: Prozentsatz der Lokalparteien mit unterschiedlichem
Grad inter-parteilicher Konkurrenz in verschiedenen Bereichen 1989 und 2002
(französische Schweiz)
|
Grad
der Konkurrenz: |
Interparteiliche Konkurrenz
um: |
|||||||||
|
Gemeinde-präsidium |
Gemeinde-exekutive |
andere Ämter |
Kandidaten |
Mitglieder |
||||||
|
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
|
|
keine |
32 |
39 |
9 |
10 |
12 |
14 |
20 |
14 |
15 |
13 |
|
mittelmässig |
35 |
42 |
36 |
40 |
53 |
59 |
45 |
56 |
50 |
57 |
|
stark |
33 |
29 |
55 |
50 |
35 |
27 |
35 |
30 |
35 |
30 |
|
N = |
342 |
319 |
350 |
329 |
339 |
321 |
332 |
323 |
337 |
327 |
|
Chi2 (sign.) |
3.09 (.214) |
1.72 (.423) |
4.575 (.101) |
9.00 (.011) |
3.305 (.192) |
|||||
Tabelle 5: Prozentsatz der Lokalparteien mit unterschiedlichem
Grad inter-parteilicher Konkurrenz in verschiedenen Bereichen 1989 und 2002
(italienische Schweiz)
|
Grad
der Konkurrenz: |
Interparteiliche Konkurrenz
um: |
|||||||||
|
Gemeinde-präsidium |
Gemeinde-exekutive |
andere Ämter |
Kandidaten |
Mitglieder |
||||||
|
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
1989 |
2002 |
|
|
keine |
41 |
33 |
18 |
11 |
18 |
12 |
32 |
21 |
26 |
26 |
|
mittelmässig |
30 |
45 |
41 |
49 |
48 |
57 |
39 |
52 |
45 |
50 |
|
stark |
29 |
22 |
41 |
40 |
34 |
31 |
29 |
27 |
30 |
24 |
|
N = |
241 |
209 |
254 |
209 |
255 |
208 |
242 |
209 |
234 |
207 |
|
Chi2 (sign.) |
11.24 (.004) |
5.24 (..075) |
4.82 (..090) |
9.01 (.011) |
6.13 (.017) |
|||||
Berechnet man den Gesamtumfang interparteilicher Konkurrenz als
Summe der fünf Teilindikatoren, lässt sich ein signifikanter Vorsprung der
deutschen Schweiz erkennen, der sich gegenüber der Romandie im Untersuchungsintervall
noch zusätzlich akzentuiert hat, gegenüber dem Tessin hingegen auf derselben
Höhe verblieb (Tab. 6).
Tabelle 6: Gesamtumfang der interparteilichen Konkurrenz 1989
und 2002: nach Sprachregion
|
|
Sprachregion |
F-Wert (sign) |
||
|
deutsch |
französisch |
Italienisch |
||
|
1989 |
304 |
298 |
258 |
13.384 (.000) |
|
2002 |
311 |
292 |
266 |
16.152 (.000) |
Die so vielfältig und überzeugend begründbare Hypothese, dass
die Kompetitivität mit wachsender Einwohnerzahl der Gemeinde zunehme, wird
insgesamt in einem nur schwachen Umfang bestätigt (vgl. Figuren 1-5). Vor
allem zeigt sich, dass die Extensität der Konkurrenz in den meisten
Bereichen zu beiden Messzeitpunkten kaum mit der Bevölkerungsgrösse
korreliert. So liegt der Anteil der Sektionen, die um Sitze in der Exekutive
oder in den Kommissionen und um neue Mitglieder in mindestens moderatem
Ausmass konkurrieren, in allen Grössenkategorien über 80%, und bei der Wahl
des Gemeindepräsidenten zumindest über der Marke von 60%. In manchen Fällen
zeigt sich Bezüglich der politischen Wahlen - und noch deutlicher bei der
Rekrutierung von Kandidaten besteht sogar eine ausgesprochene
Kurvilinearität: in dem Sinne, dass der Wettbewerb in mittelgrossen Kommunen
ihr Maximum erreicht und vor allem in den grösseren Städten wieder etwas
sinkt. Diese Tendenz hat sich im Untersuchungsintervall allerdings insofern
abgeschwächt, als es (auch) grösseren Gemeinden fast universell üblich geworden
ist, die Exekutive und Kommissionen im Parteienwettbewerb zu bestellen. Beim
Gemeindepräsidium sind es umgelehrt eher die mittelgrossen Gemeinden, die
2002 signifikant häufiger als 1989 mehrere Kandidaten in den Wahlkampf
schickten.



Betrachtet man die Intensität des Parteienwettbewerbs,
bietet sich allerdings ein anderes, den theoretischen Erwartungen besser
entsprechendes Bild. So nimmt der Anteil der Sektionen, die bei der
Bestellung der Exekutiv- und Kommissionsämter eine "starke
Konkurrenz" angeben, mit wachsender Gemeindegrösse sehr stark (d. h,.
zwischen Kleinstgemeinden und Grosstädten um rund das Doppelte) zu. Bei der
Wahl des Gemeindepräsidenten hat sich diese selbe positive Korrelation
allerdings erst 2002 eingestellt, indem die Kompetitivität in Kleingemeinden
gesunken ist und in Städten über 20000 Ew. etwas zugenommen hat. Parallel
dazu hat sich auch hinsichtlich des Wettbewerbs um Kandidaten und um neue
Mitglieder eine leicht positive Korrelation mit der Gemeindegrösse
eingestellt, die 1989 noch nicht festzustellen war.


Tabelle 7: Gesamter Umfang an interparteilicher Konkurrenz 1989
und 2002: nach Bevölkerungsgrösse der Gemeinde
|
|
Bevölkerungsgrösse der
Gemeinde |
F-Wert (sign.) |
|||||||
|
|
bis 500 |
501-1000 |
1001-2000 |
2001-5000 |
5-10000 |
10- 20000 |
20-50000 |
50001+ |
|
|
1989 |
260 |
305 |
291 |
303 |
308 |
298 |
287 |
288 |
2.67 (.010) |
|
2002 |
259 |
269 |
298 |
316 |
302 |
318 |
328 |
329 |
7.55 (.000) |
Als kumulierender Gesamteffekt aus all diesen Wandlungen hat
sich die die Korrelation zwischen Gemeindegrösse und Konkurrenzgrad im
Untersuchungsintervall eindeutig verstärkt. Vor allem fällt auf, dass sich
über die Grössenskala hinweg eine fast monotone positive Kovarianz
eingestellt hat, während 1989 sich nur die Kleinstgemeinden (mit weniger als
500 Ew.) durch einen signifikant geringeren Wettbewerbsgrad abgehoben haben
(Tab. 7).
3.2 Knappe Wahlergebnisse und
Sitzverluste
Obwohl die Intensität des Wettbewerbs um Exekutivmandate nach
Ansicht der Informanten nicht zugenommen hat (vgl. Tab. 2), geben ihre
Auskünfte über kürzliche Wahlergebnisse Grund zur Annahme, dass heute
mancherorts ein härteres Wahlkampfklima als in den 1980er-Jahren besteht. So
hat sich die Zahl der Sektionen, die in den letzten oder vorletzten
ordentlichen Gemeinderatswahlen eine nur knappe Wiederwahl oder gar einen
Sitzverlust erfahren haben, im Zeitraum zwischen beiden Untersuchungen um
mehr als 25% erhöht (Tab. 8). Allerdings scheinen sich die Sitzverluste
primär durch die Nichtwahl neuer Kandidaten vollzogen zu haben, da
Nichtwiederwahlen bereits amtierender Mitglieder ungefähr gleich häufig
blieben. So scheint sich der
Trend zu volatileren Wahlergebnissen, der in jüngerer Zeit auf Kantons- und
Bundesebene spürbar geworden ist, zumindest in abgeschwächter Weise auch im
kommunalen Raum bemerkbar zu machen: mit der Folge, dass Parteien genötigt
sind, ihre bisherige Position in einem durch höhere Unsicherheiten und
Risiken geprägten Umfeld zu behaupten.
Tabelle 8: Prozentsatz der Ortsparteien mit knapper Wiederwahl,
Sitzverlust oder Abwahl in den beiden letzten Wahlen der Gemeindeexekutive
1989 und 2002 (Gesamte Schweiz)
|
Knappe Wiederwahl |
Sitzverlust |
Abwahl |
(N = ) |
|
|
1989 |
17.1 |
20.0 |
14.4 |
2457 |
|
2002 |
22.0 |
25.5 |
12.7 |
2236 |
|
Chi2 (sign.) |
18.21 (.000) |
20.47 (.000) |
3.04 (.081) |
|
Ein Vergleich der drei Sprachregionen macht sichtbar, dass
derartige Kontingenzen in der Westschweiz am deutlichsten zugenommen haben,
wo vor allem knappe Wiederwahlen fast auf das Doppelte angestiegen sind (Tab.
10). Im Vergleich dazu hat sich im deutschen Sprachraum ein eher ruhigeres
Wahlklima erhalten, das vor allem durch eine überaus niedrige Quote von
Nichtwiederwahlen gekennzeichnet ist (Tab. 9). Im Tessin hat sich eine
offenbar eine im vergleich zur Romandie moderatere Destabilisierung
vollzogen, die sich eher in knapperen Wahlergebnissen als in effektiven
Sitzverschiebungen manifestiert (Tab. 11).
Tabelle 9: Prozentsatz der Ortsparteien mit knapper Wiederwahl,
Sitzverlust oder Abwahl in den beiden letzten Wahlen der Gemeindeexekutive
1989 und 2002 (deutsche Schweiz)
|
Knappe Wiederwahl |
Sitzverlust |
Abwahl |
(N = ) |
|
|
1989 |
16.1 |
19.0 |
10.5 |
1767 |
|
2002 |
18.9 |
24.8 |
10.0 |
1696 |
|
Chi2 (sign.) |
4.62 (.032) |
17.18 (.000) |
.187 (.665) |
|
Tabelle 10: Prozentsatz der Ortsparteien mit knapper Wiederwahl,
Sitzverlust oder Abwahl in den beiden letzten Wahlen der Gemeindeexekutive
1989 und 2002 (französische Schweiz)
|
Knappe Wiederwahl |
Sitzverlust |
Abwahl |
(N = ) |
|
|
1989 |
18.8 |
22.3 |
25.9 |
367 |
|
2002 |
32.4 |
31.3 |
21.2 |
336 |
|
Chi2 (sign.) |
17.26 (.000) |
7.30 (.009) |
2.06 (.089) |
|
Tabelle 11: Prozentsatz der Ortsparteien mit knapper Wiederwahl,
Sitzverlust oder Abwahl in den beiden letzten Wahlen der Gemeindeexekutive
1989 und 2002 (italienische Schweiz)
|
Knappe Wiederwahl |
Sitzverlust |
Abwahl |
(N = ) |
|
|
1989 |
22.1 |
23.9 |
25.4 |
271 |
|
2002 |
30.0 |
22.3 |
21.8 |
230 |
|
Chi2 (sign.) |
4.02 (.045) |
.18 (.754) |
.83 (.421) |
|
Die theoretische Annahme, dass sich offen ausgetragene
Wahlkämpfe vorwiegend auf grössere Gemeinden beschränken würden, während
kleine Kommunen aufgrund einer gemeinschaftlich geprägten politischen Kultur
einvernehmlich-konfliktfreie Verhältnisse bevorzugen würden, wird durch
unsere Ergebnisse in keiner Weise bestätigt. Vielmehr zeigt sich, dass sich
selbst Kleinstgemeinden mit weniger als 500 Einwohnern bezüglich der
Häufigkeiten von knappen Wahlergebnissen und Sitzverlusten kaum von grösseren
Städten unterscheiden. Genau umgekehrt sind es 1989 die Grosstädte mit über 50
000 Einwohnern, und 2002 die mittelgrossen Städte (mit 20-50 000 Ew.), in
denen die stabilsten politischen Wahlverhältnisse bestanden haben (Tab.
12,13,14)..
Tabelle 12: Prozentsatz der Parteisektionen mit knapper
Wiederwahl in den beiden letzten Wahlen der Gemeindeexekutive 1989 und 2002:
nach Bevölkerungsgrösse der Gemeinde
|
|
Bevölkerungsgrösse der
Gemeinde |
Chi2-Wert (sign.) |
|||||||
|
bis 500 |
501-1000 |
1001-2000 |
2001-5000 |
5-10000 |
10- 20000 |
20-50000 |
50001+ |
||
|
1989 |
21 |
20 |
17 |
17 |
19 |
14 |
16 |
9 |
8.04 (.307) |
|
2002 |
16 |
25 |
22 |
21 |
27 |
22 |
18 |
13 |
13.67 (.057) |
Tabelle 13: Prozentsatz der Parteisektionen mit Sitzverlusten in
den beiden letzten Wahlen der Gemeindeexekutive 1989 und 2002: nach
Bevölkerungsgrösse der Gemeinde
|
|
Bevölkerungsgrösse der
Gemeinde |
Chi2-Wert (sign.) |
|||||||
|
bis 500 |
501-1000 |
1001-2000 |
2001-5000 |
5-10000 |
10- 20000 |
20-50000 |
50001+ |
||
|
1989 |
16 |
16 |
19 |
21 |
23 |
22 |
22 |
13 |
8.19 (.216) |
|
2002 |
21 |
27 |
23 |
28 |
26 |
26 |
15 |
33 |
13.65 (.058) |
Ebenso handelt es sich bei der oben festgestellten
Volatilisierung der Wahlverhältnisse um einen überaus generellen Trend, der
Gemeinden unterschiedlichster Grössenkategorien in durchaus ähnlicher Weise
betrifft.
Tabelle 14: Prozentsatz der Parteisektionen mit Abwahl in den
beiden letzten Wahlen der Gemeindeexekutive 1989 und 2002: nach
Bevölkerungsgrösse der Gemeinde
|
|
Bevölkerungsgrösse der
Gemeinde |
Chi2-Wert (sign.) |
|||||||
|
bis 500 |
501-1000 |
1001-2000 |
2001-5000 |
5-10000 |
10- 20000 |
20-50000 |
50001+ |
||
|
1989 |
20 |
17 |
16 |
13 |
14 |
14 |
14 |
4 |
10.24 (.176) |
|
2002 |
9 |
16 |
13 |
13 |
11 |
13 |
8 |
21 |
8.94 (.257) |
3.3 Andere kontextuelle Einflussfaktoren
Angesichts der geringen Erklärungskraft der Gemeindegrösse
stellt sich die Frage, ob die interparteiliche Konkurrenz in den Schweizer
Gemeinden überhaupt durch sozio-strukturelle Kontextmerkmale des kommunalen
Umfelds beeinflusst wird, oder ob allein homogenisierende translokale
Faktoren des Parteiensystems, des politischen Systems oder der politischen
Kultur den dafür den Ausschlag geben. Wie oben erwähnt, darf mit einem
positiven Einfluss des sozio-ökonomischen Entwicklungsniveaus auf den
Parteienwettbewerb gerechnet werden, insofern im Zuge der Modernisierung auch
traditionelle Stammwählerschaften verschwinden (vgl. 1) Dies hat zur Folge,
dass Parteien genötigt sind, sich im ständigen Wettbewerb untereinander die
zum Wahlerfolg erforderlichen Wechselwähler zu gewinnen.
Mit dem Begriff "sozio-ökonomisches
Entwicklungsniveau" ist ein mehrdimensionales Konstrukt angesprochen,
das im Minimum die drei folgenden Korrelate umfasst:
1) der Prozentanteil der im primären Wirtschaftssektor Beschäftigten nimmt ab;
2) das Einkommen pro Kopf (das sich statistisch im jährlichen Steueraufkommen pro Einwohner niederschlägt) nimmt zu;
3) immer umfangreichere Teile der Bevölkerung besitzen eine höhere Bildung, die die obligatorische Schulzeit und anschliessende Berufslehre überschreitet.
Aus den in den Tabellen 15 bis 19 dargestellten
Regressionsgleichungen wird sichtbar, inwiefern diese Variablen zu den
verschiedenen Aspekten interparteilicher Konkurrenz unabhängige statistische
Erklärungsbeiträge leisten. 2)
Das deutlichste Ergebnis besteht darin, dass sowohl die
Konkurrenz um das Gemeindepräsidium wie auch um subordinierte Aemter wie
erwartet zu beiden Zeitpunkten negativ mit dem Anteil der Erwerbstätigen im
Primärsektor kovariiert, während die Grösse der Wohnbevölkerung praktisch
keinen unabhängigen Einfluss hat. Die geringere Kompetitivität in kleinen
Gemeinden (vgl. Figur 1 und Figur 3) entpuppt sich also als eine
Scheinkorrelation, die überwiegend dadurch entsteht, dass Kleingemeinden im
Durchschnitt noch einen umfangreicheren Landwirtschaftssektor besitzen. Als zweites fällt auf,
dass im Jahre 2002 sämtliche Modi der Konkurrenz negativ durch das
Bildungsniveau der örtlichen Bevölkerung beeinflusst werden - ein Einfluss,
der 1989 völlig fehlt. Parallel dazu hat sich beim Steueraufkommen pro Kopf
bei vier von fünf Fällen ein positiver Einfluss ausgebildet, der zum ersten
Zeitpunkt der Untersuchung ebenfalls nicht nachweisbar war. So entsteht der
Eindruck, dass aus den Prozessen sozio-ökonomischer Modernisierung zwei
einander entgegengesetzte und teilweise neutralisierende Wirkungen auf die
Parteienkonkurrenz ausgehen:
1) ein zeitlich stabiler positiver Einfluss, der vom
langfristigen Prozess der Industrialisiaerung und Tertiarisierung der
Wirtschaft ausgeht und neuerdings verstärkt auch in Zuwächsen des
ökonomischen Wohlstands eine Stütze findet.
2) ein erst seit kurzem wirksamer negativer Einfluss, der aus
dem Anwachsen des allgemeinen Bildungsniveaus resultiert.
Dieser überraschende zweite Einflussfaktor erklärt sich
möglicherweise aus der bekannten Regularität, dass höhere Bildungsschichten
eher für eine effizienzorientiert-technokratische (anstatt für eine hoch
politisierte) Kommunalverwaltung votieren. (vgl. z. B. Gilbert 1972;
Patterson/Cardeira 1984).
Tabelle 15: Kontextuelle Determinanten der Parteienkonkurrenz um
das Gemeinde-präsidium 1989 und 2002 (Multivariate Regressionen;
standardisierte BETA-Koeffizienten).
|
Prädiktoren: |
1989 |
2002 |
|
Wohnbevölkerung 1990/2000 |
.01 |
**.07 |
|
% Erwerbstätige im Primärsektor 1990/2000 |
***-.11 |
***-.11 |
|
Steueraufkommen pro Kopf. 1998 |
.01 |
*.07 |
|
% Bevölkerung mit höherer Bildung 1990/2000 |
-.03 |
*-.08 |
|
R2 |
.011 |
.020 |
|
( N = ) |
(2102) |
(2128) |
* p < .05 ** p <
.01 *** p < .001
Tabelle 16: Kontextuelle Determinanten der Parteienkonkurrenz um
Sitze in der Gemeindeexekutive 1989 und 2002 (Multivariate Regressionen;
standardisierte BETA-Koeffizienten)
|
Prädiktoren: |
1989 |
2002 |
|
Wohnbevölkerung 1990/2000 |
.01 |
.04 |
|
% Erwerbstätige im Primärsektor 1990/2000 |
-.04 |
-.04 |
|
Steueraufkommen pro Kopf. 1998 |
.01 |
*.08 |
|
% Bevölkerung mit höherer Bildung 1990/2000 |
-.06 |
**-.11 |
|
R2 |
.001 |
..006 |
|
( N = ) |
(2222) |
(2189) |
* p < .05 ** p <
.01 *** p < .001
Tabelle 17: Kontextuelle Determinanten der Parteienkonkurrenz um
andere kommunale Ämter 1989 und 2002 (Multivariate Regressionen;
standardisierte BETA-Koeffizienten)
|
Prädiktoren: |
1989 |
2002 |
|
Wohnbevölkerung 1990/2000 |
.04 |
***.10 |
|
% Erwerbstätige im Primärsektor 1990/2000 |
**-.06 |
*-.06 |
|
Steueraufkommen pro Kopf. 1998 |
-.02 |
**.10 |
|
% Bevölkerung mit höherer Bildung 1990/2000 |
-.01 |
*-.08 |
|
R2 |
.005 |
..017 |
|
( N = ) |
(2199) |
(2203) |
* p < .05 ** p <
.01 *** p < .001
Tabelle 18: Kontextuelle Determinanten der Parteienkonkurrenz um
Kandidaten 1989 und 2002 (Multivariate Regressionen; standardisierte
BETA-Koeffizienten)
|
Prädiktoren: |
1989 |
2002 |
|
Wohnbevölkerung 1990/2000 |
*-.06 |
-.02 |
|
% Erwerbstätige im Primärsektor 1990/2000 |
-.01 |
-.03 |
|
Steueraufkommen pro Kopf. 1998 |
-.00 |
**.10 |
|
% Bevölkerung mit höherer Bildung 1990/2000 |
-.02 |
***-.11 |
|
R2 |
.005 |
.011 |
|
( N = ) |
(2174) |
(2178) |
* p < .05 ** p < .01 *** p < .001
Tabelle 19: Kontextuelle Determinanten der Parteienkonkurrenz um
neue Mitglieder 1989 und 2002 (Multivariate Regressionen; standardisierte
BETA-Koeffizienten)
|
Prädiktoren: |
1989 |
2002 |
|
Wohnbevölkerung 1990/2000 |
-.00 |
.02 |
|
% Erwerbstätige im Primärsektor 1990/2000 |
.01 |
-.01 |
|
Steueraufkommen pro Kopf. 1998 |
.02 |
.05 |
|
% Bevölkerung mit höherer Bildung 1990/2000 |
-.04 |
*-.08 |
|
R2 |
.001 |
..003 |
|
( N = ) |
(2215) |
(2203) |
* p < .05 ** p <
.01 *** p < .001
Angesichts der überaus bescheidenen statistischen
Erklärungsbeiträge aller Prädiktoren überwiegt insgesamt der Eindruck, dass
der lokale Parteienwettbewerb sehr wenig durch binnenlokale Faktoren
beeinflusst wird, die im Umfang oder in der sozio-ökonomischen Struktur der
Bevölkerung ihren Ursprung haben. Dieser Eindruck bestätigt sich im Lichte
des Befundes, dass auch das Vorkommen von Sitzverlusten nur äusserst
geringfügig mit soziostrukturellen Kontextfaktoren korreliert. Eine Ausnahme
bildet hier wiederum der Anteil des Primärsektors, dessen negativer Einfluss
während des Untersuchungsintervalls allerdings an Stärke bedeutend verlor
(Tab. 20).
Tabelle 20: Vorkommen eines Sitzverlustes in den letzten beiden
kommunalen Exekutivwahlen 1989 und 2002
|
Prädiktoren: |
1989 |
2002 |
||||||
|
Reg. Koeff. |
Stand. fehler |
WALD |
sign. |
Reg. Koeff. |
Stand. fehler |
WALD |
sign. |
|
|
Wohnbevölkerung 1990/2000 |
-.0001 |
.000 |
.059 |
.809 |
-.0001 |
.000 |
.218 |
.642 |
|
% Erwerbstätige im Primärsektor 1990/2000r |
-.0322 |
.009 |
13.358 |
.000 |
.-.0431 |
.022 |
3.698 |
.054 |
|
Steueraufkommen pro Kopf. 1998 |
.00008 |
.000 |
.004 |
.950 |
.00006 |
.000 |
.317 |
.573 |
|
% Bevölkerung mit höherer Bildung 1990/2000 |
-.0219 |
.013 |
3.011 |
.083 |
.0074 |
.012 |
.317 |
.572 |
|
Konstante |
.85 |
.173 |
24.234 |
.000 |
.84 |
.203 |
17.189 |
.000 |
|
Chi2 (sign.) |
17.37 (.002) |
9.748 (.045) |
||||||
|
Nagelkerkes R-2 |
.011 |
.006 |
||||||
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
In ihrer Gesamtheit erlauben die empirischen Befunde die
Schlussfolgerung, dass die Lokalparteien selbst in der überwiegenden Mehrzahl
(selbst sehr kleiner) Gemeinden eine zumindest moderate Form des Wettbewerbs
aufrechterhalten, der sich nicht nur auf die Bestellung des
Gemeindepräsidiums und der Exekutive, sondern auch auf die Rekrutierung
subordinierterer politischer Ämter (z. B. in der Schulpflege und
verschiedenen Spezialkommissionen) erstreckt. Darüber hinaus ringen sie
miteinander auch mittelbar um politische Macht, indem sie um dafür
erforderliche personelle Ressourcen (Mitglieder und Kandidaten) konkurrieren.
Diese Dynamik führt zu einer relativ hohen Instabilität und
Unvorhersehbarkeit der Wahlergebnisse, die in einer relativ hohen Häufigkeit
von knappen Wiederwahlen und Sitzverschiebungen sichtbar werden. Zwar lässt
sich - vor allem zum zweiten Erhebungszeitpunkt - eine positive Korrelation
zwischen Bevölkerungsgrösse und besonders intensiven Formen der Konkurrenz
konstatieren: eine Beziehung, die sich allerdings verflüchtigt, wenn man
andere, mit der Gemeindegrösse kovariierende Strukturmerkmale (insbesondere
den Anteil des Primärsektors) statistisch kontrolliert.
Der im Untersuchungsintervall zwischen 1989 und 2002
stattgefundene Wandel ist insgesamt geringfügig, lässt aber doch eher auf
eine Verstärkung als eine Abschwächung der Parteienkonkurrenz schliessen. So
hat sich der Prozentanteil der Gemeinden erhöht, in denen überhaupt die
Besetzung der formellen politischen Aemter überhaupt keinem Wettbewerb
unterliegt, und zahlreichere Parteien berichten von prekären Wahlergebnissen,
die in einer nur knappen Wiederwahl oder gar einem einen Sitzverlust
resultierten. Andererseits hat sich die Intensität der Parteienkonkurrenz in
der subjektiven Wahrnehmung der Informanten keineswegs erhöht.
Aus der äusserst bescheidenen Erklärungskraft endogen lokaler
Strukturmerkmale lässt sich der Schluss ziehen, dass es entweder lokale
politische Faktoren oder aber exogen-überlokale Determinanten sind, die
Umfang und Intensität lokaler Kompetitivität bestimmen. In diesem
Zusammenhang ist sicher von Bedeutung, dass es sich bei über 80 Prozent der
Lokalparteien um Filialen der landesweit operierenden vier Bundesratsparteien
handelt, deren bundes- und kantonspolitische Differenzen und Konflikte sich
auch im lokalen Umfeld widerspiegeln. Dementsprechend kann auch nicht
verwundern, dass die Verschärfung parteipolitischer Auseinandersetzungen, die
kürzlich auf Bundesebene und in manchen Kantonen zu einer verstärkten
Volatilität der politischen Machtverhältnisse geführt hat, auch in einer
gewissen Erhöhung der lokalen Parteienkonkurrenz ihren Ausdruck finden.
Es ist zu bedenken, dass der Trend zur wachsenden Kompetitivität
auf Lokalparteien trifft, die infolge einer schrumpfenden Basis von
Mitgliedern und Aktiven (vgl. Geser 2003b; Wasserfallen/Haesler 2003), sowie
einem sinkenden Niveau an Binnenaktivitäten (vgl. Geser 2004) über immer
weniger Ressourcen verfügen, um beispielsweise aufwendige Wahlkämpfe oder umfangreiche
Mitgliederwerbeaktionen durchzuführen. In diesem Spannungsfeld könnten die
Parteien genötigt sein, immer grössere Anteile ihrer Ressourcen für Zwecke
des Wettbewerbs (vor allem für Wahlkämpfe) einzusetzen, so dass für laufende
sachpolitische Aktivitäten nur noch wenig Kapazitäten verfügbar sind. Dieser
Rückzug aus der Sachpolitik müsste in kommunalpolitischer Sicht als überaus
problematisch beurteilt werden, weil Lokalparteien selbst in Städten - und a
fortiori in Kleingemeinden - oft die einzigen organisierten Gruppierungen
sind, die sich regelmässig (anstatt nur bei Berührung spezifischer
Interessen) mit politischen Fragen befassen.
Black, G.S.: Conflict in the Community: A Theory of the Effects
of Community Size (American Political Science Review 1974: 12451261).
Caldeira, G.A./Paterson, S.C.: Bringing home the vote. Electoral
Outcomes in State legislative Races (Political Behavior 1982: 33-67).
Geser Hans. Sind Gemeindeaufgaben politisch? Zürich,
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Fussnoten
1) Diese Arbeit ist im Rahmen des
Projekts "Aktuelle Entwicklungstrends der Kommunalparteien und
Kommunalpolitik" entstanden, das vom Schweiz. Nationalfonds vom Mai
2002 bis August 2004 gefördert wurde (Projekt-Nr. 1214-064857).
2) Die abhängigen Variablen wurden
vereinfachend als Intervallvariablen behandelt, obwohl sie nur drei
Ausprägungen besitzen: (= = keine Konkurrenz; 1=mässige Konkurrenz; 2=starke
Konkurrenz).
