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Georg Simmel: Ästhetik des Portraits
ex: Neue
Freie Presse, 22. April 1905, Wien
Wenn die äußere
Welt uns als bloße Anschauung gilt, als ein Bild für das Auge, das durch
kein Denken mit einer Bedeutung jenseits seiner Oberfläche beschwert
wird, so empfinden wir doch schon an den Verhältnissen dieser rein
sinnlichen Elemente Harmonie oder Widerstreit, Ruhe oder Bewegtheit,
Gleichgewicht oder heraushebende Betonung, typische Allgemeinheit oder
Individualisiertheit.
Der sinnliche
Eindruck erzeugt Gefühle, die wir als derlei Beschaffenheiten der Dinge
selbst ausdrücken, als Reize und Werte ihrer Form und Farbe, die
keinerlei Zusatz oder Steigerung von all dem Tieferen und Geistigen
entlehnen, das durch die Sinne nur vermittelt, aber nicht gegeben wird.
Indem die Kunst nun
unmittelbar nur sinnliche Bilder, nur Sichtbarkeiten zur Verfügung hat,
wird ihre erste und direkte Bedeutsamkeit in jenen reizvollen oder
verdeutlichenden, beruhigenden oder erregenden Qualitäten und
Verhältnissen bestehen, die sie uns an und zwischen den Formen und
Farben auf der Leinwand zum Bewusstsein bringt.
Aus der Ganzheit
des Menschen, in die die gewöhnliche Vorstellung sein Äusseres und
alles, was wir Seelisches an ihm kennen, ungeschieden einschließt, löst
das Porträt seine Sichtbarkeit los: den Sinn seiner Erscheinung - nicht
den Sinn hinter seiner Erscheinung - zur reinen Darstellung zu bringen,
ist das erste Amt des Porträts.
Denn diese bloße
Oberfläche ist uns der Wirklichkeit gegenüber keineswegs deutlich.
Für die Beziehungen
der Menschen, selbst diejenigen, die von dem Reize der Erscheinung
ausgegangen sind, ist das Seelische von so souveräner Bedeutung, dass
das Vorstellen an dem Äusseren überhaupt nicht Halt macht, sondern
sogleich zu dem Seelischen vordringt, dessen Symbol jenes ist oder zu
sein scheint.
Das Bild, das wir
von einem Menschen in Anwesenheit wie Erinnerung haben, besteht in einem
Durcheinander und Ineinander sinnlicher und seelischer Eindrücke, aus
dem die ersteren reinlich und bestimmt herauszulösen meistens weder
Interesse noch Möglichkeit vorliegt.
Nicht weniger
hindern Bewegtheiten und Aktionen des Menschen, die Verflechtungen der
Umwelt und die Zufälligkeit seiner Lagen, endlich die Interessen und
wechselnden Standpunkte des Beobachters - alles dies hindert das
Zustandekommen eines klaren und eindeutigen Bildes der Erscheinung.
Das Porträt
vollzieht aus der vielfältigen, schwankenden, von nichtanschaulichen
Elementen durchzogenen Vorstellung eines Individuums die Abstraktion
dessen, was wir wirklich sehen, das heißt sehen könnten, wenn unser Auge
hinreichend selbständig wäre.
Dies könnte nun
freilich auch eine Photographie leisten.
Allein, wie ich
andeutete, nicht die Erscheinung, sondern ihr Sinn steht in Frage, das
heißt das Recht, die Notwendigkeit, die Bedeutung jedes äußeren Zuges in
seinem Verhältnis zu jedem anderen äußeren - nicht zu den seelischen
hinter der Anschaulichkeit.
Es gilt, durch
Formung und Beleuchtung, durch Betonen oder Zurückstellen, durch Aufbau
und Wahl des Augenpunktes den Charakter der Erscheinung rein als
Erscheinung zu völliger Deutlichkeit, zur Höhe ihres Reizes, zum Gefühle
ihrer Gesetzmäßigkeit zu bringen.
Hier liegt eine der
tiefsten Differenzen aller Kunst gegen unser sonstiges Weltbild.
Wo wir sonst eine
Erscheinung durch eine andere begreifen, nehmen wir verursachende Kräfte
an, die von einem Element auf das andere übergehen, das Aussehen der
Dinge erzeugt sich durch den Austausch von Energien, die als solche
nicht sichtbar sind; wenn wir eine Erscheinung daraufhin, dass eine
andere sich so und so verhält, für notwendig erklären, so sind es nicht
ihre unmittelbaren Oberflächen, deren eine die andere erzeugt, sondern
Bewegungen und Energien, die unterhalb derselben spielen und die
Mannigfaltigkeit der Erscheinungen einheitlich verknüpfen.
Innerhalb der Kunst
aber gilt eine ganz neue Art von Notwendigkeit.
Wenn wir ein Stück
einer Arabeske sehen, so empfinden wir eine gewisse Fortsetzung
desselben als notwendig, eine andere als zufällig, d. h. nicht aus der
Beziehung auf jenes erste Anschauungselement hervorgegangen; wenn eine
Farbe gegeben ist, so verlangen wir in bestimmten künstlerischen
Zusammenhängen eine weitere, die von jener nicht mittelst einer
natürlich-ursächlichen, sondern einer nur für die Anschauung geltenden
Verknüpfung notwendig gemacht wird.
So besteht zwischen
den Zügen eines Gesichts ein strenger Zusammenhang, von dem uns der
Künstler durch seine Art, es darzustellen, überzeugt.
Mögen wir das
Original kennen oder nicht: wir empfinden, dass dieser Mund notwendig
ist, wenn diese Nase dasteht, dass diese Augen nur zwischen diesen
Formen von Stirn und Wangen möglich sind.
Es besteht so eine
gegenseitige Rechtfertigung der Oberflächenelemente wie zwischen den
einzelnen Kurven einer Arabeske, nur viel komplizierter, aus unendlich
viel mehr hin- und hergehenden Beziehungen zusammengesetzt.
Der unmittelbaren
Wirklichkeit gegenüber sind wir oft nicht imstande, diese wechselseitig
erzeugten Notwendigkeiten zu begreifen.
Die natürliche, d.
h. unter der Oberfläche wirkende Kausalität, die die eine Form
unnachlässlich unter Voraussetzung der anderen erzeugt hat, ist eine
ganz andere als die zwischen den Oberflächen herrschende; und um den
Sinn dieser eindringlich zu machen, muss jene im Kunstwerk oft genug
verschoben, gleichsam in ein Medium mit ganz neuem Brechungswinkel
aufgefangen werden.
Diese Vollendung
des Sehens in sich selbst, diese Herausarbeitung des Sinnes, der Reize,
der Gesetzlichkeit des bloß Anschaulichen, das allein das Material der
Kunst ausmacht - ist, wie gesagt, noch davon unabhängig, dass diese
Sichtbarkeiten etwas nicht Sichtbares, eine Seele ausdrücken; die
Bedeutsamkeit der menschlichen Erscheinung, wie die Kunst sie allein
ausdrücken kann, steht insoweit mit der der Arabeske auf einer Stufe.
Dennoch wird diese
Deutung des Kunstwerkes niemanden befriedigen.
Den immer erhobenen
und oft erfüllten Anspruch an das Porträt, vermittelst des Körpers die
Seele darzustellen, darf keine Theorie hinwegdekretieren.
Vielmehr, soll sie
genügen, so muss sie das Geheimnis irgendwie zu deuten wissen, dass die
Formverhältnisse des Sichtbaren, deren reine Darstellung die ganze
unmittelbare Leistung der Kunst ist, zugleich noch mehr sind, und sich
an den Gesetzlichkeiten der Oberfläche nicht erschöpfen.
Trotzdem muss die
populäre Meinung irren, für die die Erscheinung des Menschen auch in der
Kunst nur eine Buchstabenschrift ist, die ihren Sinn nicht in sich
selbst, sondern in dem geistigen Inhalt hat, den sie vermittelt.
Solcher Glaube kann
nur der Prärogative entstammen, die die Seele des Menschen für unser
praktisches Interesse besitzt, und der gegenüber der Körper nur Träger
und Werkzeug ist.
Für die Kunst aber
würde dies die Herabdrückung ihres eigensten Besitzes und Könnens in
die Rolle eines bloßen Mittels bedeuten.
Statt ein
Unvergleichliches und Einziges zu leisten, würde sie zu einem Nebenzweig
der Psychologie deklassiert sein.
Eine sehr einfache
Überlegung zeigt die Verschiedenheit der Rollen, die Körperliches und
Geistiges im Porträt spielen.
Die künstlerische
Formung, Stilisierung, Vereinheitlichung ergreift nur die
Äusserlichkeit des Menschen, während seine Seele so, wie sie ist, die
Züge zusammenhält, oder symbolisch aus ihnen erschlossen wird - im
Gegensatz etwa zur literarischen Kunst, die das seelische Dasein oder
Ereignis so behandelt, wie die Malerei die Erscheinung.
Wenn die Seele des
Modells uns auf anderem Wege, durch Schilderung oder persönliche
Erfahrung, bekannt wäre, so würde sie vielleicht durchaus kein
Interesse, zum mindesten kein künstlerisches, erwecken; nur als Seele
dieses bestimmten anschaulichen Körpers ist sie im Porträt von Wert,
niemals an und für sich, so wenig wie die »Idee« eines Historienbildes,
die sich auch auf andere Weise übermitteln lässt.
Dem bloß
anekdotischen Interesse, das der Ungebildete an die »Idee«, an den
»Vorgang« des Bildes knüpft, zu deren Darstellung ihre Anschaulichkeit
ihm ein bloßes Mittel scheint, entspricht das Interesse an der »Seele«
des Porträts.
Diese Seele und der
Stoff des Historienbildes sind zwar unentbehrliche Ausgangs- und
Endpunkte des Kunstgebildes; aber den Akzent und die Aktivität der
Kunst als solche enthalten sie nicht, da diese sie vielmehr hinnehmen
muss, wie sie sie in der psychologischen oder historischen Ordnung der
Dinge vorfindet, während, was sie zu schaffen, das heißt zu gestalten
und umzugestalten vermag, ausschließlich die Erscheinung ist.
Mir scheint, dass
die ganz neue Note, die die Kunst in das Leben bringt, gerade in der
Umkehrung des berührten praktischen Verhältnisses zwischen Körper und
Seele besteht.
Den tatsächlichen
Zusammenhang zwischen beiden, der eines zum Symbol des andern macht,
benützt die Porträtkunst, um für ihr Material, die Erscheinung des
Menschen, die Einheit, Formung, Deutlichkeit zu gewinnen, die immer ihr
Endzweck ist.
Im direkten
Gegensatz zur Praxis des Lebens interpretiert sie das Äussere des
Menschen durch sein Inneres.
Für die
Herstellung des Zusammenhanges der Erscheinungselemente, der jeden Zug
des Gesichts durch jeden anderen begreiflich und bedeutsam werden lässt,
hat der Künstler kein besseres Hilfsmittel und Kriterium, als dass sie
durch solche Zusammenwirksamkeit eine bestimmt charakterisierte Seele
ausdrücken.
Dies ist das ganz
tiefe Glück, das allein die Kunst schenken kann: zu fühlen, dass das
reinste, geschlossenste, durchsichtigste Bild unserer Erscheinung, rein
als Erscheinung und nach den Gesetzen ästhetischer Anschaulichkeit
betrachtet, zugleich dasjenige ist, das die Seele hinter der
Erscheinung am eindeutigsten und eindrucksvollsten darstellt.
Wenn die Einheit
eines Gesichts bedeutet, dass die Form jedes Teiles durch die jedes
anderen notwendig bestimmt ist - so ist diese Wechselwirkung der
nebeneinander liegenden Elemente in der Einheit der Seele verdichtet,
ungefähr wie der politische Zusammenhang der Bürger in der Einheit der
Regierung oder wie der Zusammenschluss der Gläubigen in der Einheit
ihrer Religion.
Ob es gelungen ist,
die Anschaulichkeit des Menschen zum in sich harmonischsten,
kraftvollsten, notwendigsten Vortrag zu bringen, das ermisst sich an der
Fähigkeit des Porträts, uns von der Seele dieses Menschen zu überzeugen.
Woher aber stammt
dieser Parallelismus zweier in ihrem Wesen so selbständiger Ordnungen?
Welches geheimnisvolle Band knüpft die Vollendung der reinen
Anschaulichkeit menschlicher Erscheinung an die Vollendung eben
derselben als Offenbarung des Unanschaulichen? Für den Künstler wie für
den Genießenden kann und soll das Geheimnis bleiben; denn gerade dass
scheinbar der Zusammenhang fehlt, lässt den Zusammenklang als ein um so
höheres Glück empfinden, als begnadete uns die Kunst mit einer Harmonie
von Weltelementen, die für den Verstand fremd auseinander liegen
müssen.
Aber die
Wissenschaft muss versuchen, in das Dunkel dieses Reizes
hineinzuleuchten, durch wie viele Medien sich dazu auch ihr Licht erst
brechen müsste, und wie schwach es deshalb, an seinem Zielpunkt
angekommen, auch sei.
Wenn die
Anschauungselemente von den realen Kräften, die zwischen ihren
Substanzen spielen mögen, gelöst, rein als Sichtbarkeiten auf ihre
Einheit, Gesetzlichkeiten, Organisierung angesehen werden, so gehen
ersichtlich alle diese Beziehungen im Beschauer vor sich.
Jedes Element
bleibt, wie die Kurven eines Ornaments, für sich, und erst der
Betrachter bezieht sie auf einander, empfindet ihre Orts- und
Lichtunterschiede als Rangierung, fühlt die Notwendigkeit, die eines
zur Voraussetzung des anderen macht, führt sie, wie zwischen ihnen hin
und her gehend, zu einer Einheit zusammen, über die er nicht
hinausverlangt und die er als ihre Geschlossenheit bezeichnet.
Diese
vereinheitlichende Leistung aber kann der Seele nur durch ihre eigene
Einheit gelingen, durch ihre fundamentale und deshalb nicht weiter
erklärbare Fähigkeit, in der Einheitlichkeit des Ich, des
Selbstbewusstseins, ihre Inhalte in mannigfaltigen Stufen und Ordnungen
mit einander zu verbinden.
Obgleich die Seele
allein dies vermag, so kann sie es doch nicht willkürlich an allen
zufälligen Elementen.
Diese müssen
vielmehr gewisse Gleichheiten und Gegensätzlichkeiten, Stärke und
Zurücktreten, Bewegtheiten und Ruhelagen aufweisen, um dadurch jene
vereinheitlichende Energie der Seele zu wecken - obgleich die Einheit
immer in der Seele verbleibt und die Dinge sie nur in Kraft treten
lassen.
Was uns als
Steigerung der Anschaulichkeit, Durchsichtigkeit ihrer Verhältnisse,
Gesetzlichkeit ihrer Anordnung erschien, ist schließlich als
Einheitlichkeit der Erscheinung zusammenzufassen, und ist also nichts
anderes als eben diejenige Bestimmtheit der letzteren, auf die hin das
Einheitsvermögen in der betrachtenden Seele am vollständigsten und
kräftigsten wirkt.
Und dies scheint
mir nun die Vermittlung zu sein, durch welche jene Formung der bloßen
Erscheinung zugleich der stärkste und unzweideutigste Ausdruck einer
Seele ist: die seelische Einheit, die sie im Beschauer lebendig macht,
überträgt er in sie; in dem Maß, in dem unsere Seele an einem Stoff ihre
eigene Aktivität fühlt, beseelt sie diesen Stoff selbst, schreibt ihm
eben dieselbe innere Einheit und Lebendigkeit zu, die er in ihr
aufgerufen hat.
Es handelt sich
nicht darum, dass hinter dem Anblick des Menschen überhaupt ein Inneres
vermutet wird, das wir nicht sehen; denn diese Verbindung hat uns nicht
die Kunst, sondern die Praxis des Lebens beigebracht.
Auch nicht darum,
welche seelische Eigenart überhaupt diesen bestimmten Zügen entspricht,
denn das ist Sache der psychologischen Erfahrung.
Sondern nur darum,
dass jene äußerste Verdeutlichung und harmonische Formung, die der
Künstler an der Erscheinung vollzieht, den Beschauer zu dem lebhaftesten
Vereinheitlichungsprozess anregt.
Sie veranlasst ihn
dadurch, die Beseelung der Anschaulichkeit, die in irgend einem Maß auch
sonst stattfindet, mit sonst unerreichter Energie und Bestimmtheit zu
bewirken, die Synthese der Züge klarer als je sonst in sich zu
vollziehen, und sie so als seelische Einheit in die äußere Erscheinung
hineinzusehen.
Einheit ist Seele;
denn alles Körperliche liegt in unüberwindlichem Aussereinander, erst
in der Seele geht eine Verflechtung, Durchdringung, eine Innigkeit des
Ineinander der Dinge vor sich, zu der die Außenwelt überhaupt keine
Analogie besitzt.
Darum bedeutet die
Einheit der Züge, die wir am Kunstwerk Harmonie, Gesetzlichkeit,
Notwendigkeit nennen - nichts anderes, als ihr Getragensein von einer
Seele, erkannt oder vermittelt durch den Betrachtenden, der diese
Vereinheitlichung oder Beseelung vollzieht, weil die Form des
Kunstwerkes seine eigene Seele zu der konzentriertesten Belebung und
Zusammenschluss der Anschauungselemente angeregt hat.
Damit klärt sich
vielleicht eine Rätselhaftigkeit im Schaffen des Porträtkünstlers.
Gegeben ist ihm die
Erscheinung, oft ohne die Möglichkeit, von der seelischen Verfassung des
Menschen etwas zu erfahren.
Dennoch soll er von
dem Bilde dieser letzteren aus die Züge gestalten, bis sie dasselbe
völlig klar und sicher ausdrücken: die Erscheinung soll die Seele
ergeben, die Seele aber die Erscheinung! Und so nun löst sich dieser
Zirkel: die Seele, soweit das Äussere ihr Symbol sein kann, ist eben
nichts, als der einheitliche Zusammenhang der Züge: selbst das Auge, aus
seiner Umgebung herausgenommen, würde gar keinen Ausdruck haben, und
ebenso alle anderen Elemente des Gesichts.
Diesen Zusammenhang
im bloß Sichtbaren zu ergründen, ist also in Wirklichkeit das ganz
einheitliche Tun, das man beliebig als die Darstellung der Seele
vermittelst des Körpers oder des Körpers vermittelst der Seele
bezeichnen kann.
Es bedarf für den
Künstler keines psychologischen Schlusses vom Äussern auf das Innere,
den die Praxis fortwährend fordert, denn sein Herrschaftsgebiet und
seine Endabsicht liegt nicht im Innern, sondern im Äussern: die
künstlerische Durcharbeitung der Anschaulichkeiten, d. h. die
Herausstellung ihres notwendigen Zusammenhanges, ihrer fühlbaren
Einheit - ist nichts anderes, als das Anschaulichmachen der Seele, die
für den Künstler nur der Brennpunkt sein kann, in dem alle Strahlen der
Erscheinung sich treffen.
Dass dies der Fall
ist, dass der Zusammenhang der Züge, sobald er eine gewisse Enge und
überzeugende Notwendigkeit erreicht hat, zum Zeichen einer Seele wird,
dass diese gleichsam aus den Beziehungen der anschaulichen Elemente
auskristallisiert - das ist für die künstlerische Gestaltung natürlich
vom höchsten Wert: es gibt dem Künstler eine Garantie, dass seine
Formung des Erscheinenden gelungen ist, eine Garantie, wie sie
ersichtlich weder dem Ornament, noch der Landschaft, noch dem Stilleben
zugängig ist.
Keines dieser
Objekte schliesst Zufälligkeit und Willkür der Formung so grundsätzlich
aus, bei keinem bedingt die Änderung eines Zuges so unbedingt, wie bei
einem menschlichen Gesicht eine Änderung des Ganzen und jeder anderen
Einzelheit.
Dass die Kunst von
je in der menschlichen Gestalt ihre höchste und eigentliche Aufgabe
gesehen hat, entspringt sicher nicht nur daraus, dass die Welt der Kunst
den anthropozentrischen Charakter der geistigen Welt überhaupt nachahmt,
sondern aus dem Umstand, dass der spezifischen Forderung der Kunst: der
Vereinheitlichung und Vergeistigung der Erscheinung, an keinem anderen
Material so restlos und überzeugend genügt werden kann.
Denn kein anderes
hat diesen Prüfstein, dass die Erfüllung jener Forderung und nur sie mit
einem Schlage den Blick in eine ganz andere Ordnung der Dinge eröffnet,
dass sie zugleich mit sich selbst die Seele darzubieten weiss - wie von
einer gewissen Stärke des elektrischen Stromes an plötzlich das
Farbenspiel in der Geisslerschen Röhre aufleuchtet.
Der seelische
Ausdruck aber kommt zu der bloss anschaulichen Vollendung nicht ebenso
erst hinzu, wie zu der Schönheit eines Ornamentes eine symbolische
Bedeutung oder zu dem Reize einer Mariengestalt die Weihe religiöser
Gefühle; sondern die Vollendung des Anschauungsbildes ist hier
unmittelbar die Darstellung einer ihm einwohnenden Seele; was wir
»Beseelung« der Bildererscheinung nennen, ist nichts anderes als jene
Harmonisierung, jenes In-Beziehung-Setzen aller Teile des
Äusserlich-anschaulichen.
Die menschliche
Erscheinung gewährt der Kunst die ganz einzige Gunst, dass sie nur nach
der Seite der Sichtbarkeit vollendet zu werden braucht, um ein
Mehr-als-Sichtbares zu sein.
Es liegt auf der
Hand, dass das auf anderem, psychologischem Wege gewonnene Wissen um
die Innerlichkeit seines Modells dem Künstler von der grössten
Wichtigkeit sein wird.
So wenig solche
Seelenkenntnis ihm die Durcharbeitung und Vereinheitlichung der
Erscheinung ersparen kann, so doch manche Irrwege, indem sie ihn auf
anderem Wege als dem jetzt ihm obliegenden, das rechte Ziel dieses
vorwegschauen lässt.
Hier aber bricht
eine Schwierigkeit hervor, die alles Bisherige in Frage zu stellen
scheint.
Alles dieses ruhte
auf der stillschweigenden Voraussetzung, dass die Erscheinung eines
Individuums nicht nur überhaupt dahin zu bringen ist, eine Seele
unzweideutig zu offenbaren, sondern dass diese auch ihrer Qualität,
ihrem Charakter nach eben dieselbe ist, die dieses Individuum auch in
seiner psychischen Wirklichkeit besitzt.
Allein das ist
keineswegs so ganz selbstverständlich.
Die banale
Erfahrungstatsache, dass sehr verwandte Seelen in äusserst
verschiedenartigen Körpern wohnen, weltweit verschiedene aber in sehr
ähnlichen, muss von vornherein Bedenken erregen.
Woher stammt
überhaupt die ganze Beziehung zwischen einer bestimmten Äusserlichkeit
und einer bestimmten Seelenart? Welches auch ihre inneren Gründe seien,
für unser Bewusstsein kann sie nur aus den Erfahrungen hervorgehen, die
uns die Elemente der körperlichen und der seelischen Reihe in
regelmäßigen, charakteristischen Verbindungen zeigen.
Allein die
Variabilität innerhalb unserer Gattung, die so viele Züge unseres
Wesens gegeneinander verselbständigt und sie in unendlicher
Mannigfaltigkeit mit einander kombiniert, kann diese Verbindung ohne
weiteres auseinanderreißen.
So gut wie
innerhalb einer Seele sich unzählige Mal irgend ein Zug findet, dessen
gerades Gegenteil sich in der Regel mit der sonstigen
Gesamtbeschaffenheit derselben vereinigt zeigt; so gut wie innerhalb
eines Gesichts disharmonische Züge, das heißt solche vorkommen, die
typischerweise sich mit den übrigen nicht zusammenfinden, so gut kann
eine Äusserlichkeit überhaupt, die regelmäßig mit einer bestimmten
seelischen Beschaffenheit verbunden ist, in einem individuellen Fall von
dieser gelöst und mit einer anderen verknüpft sein, die ihrerseits für
unsere Erfahrung auf eine völlig differente Seelenhaftigkeit Anweisung
gibt.
Wäre dies nicht der
Fall, so wäre die Beurteilung der Menschen kein so schweres und
tausendmal täuschendes Unternehmen.
Das ist ja gerade
der Reichtum menschlicher Naturen, dass jede die Erbschaften unzählig
vieler Vorfahren in gar nicht berechenbaren Mischungen in sich
vereinigt; gewiss wird die Spannweite und Heterogenität derselben eine
Grenze haben, weil die Lebensfähigkeit eines Wesens an ein gewisses
Zueinanderpassen seiner Bestandteile geknüpft ist.
Aber jedenfalls
weit unterhalb dieser Grenze bleiben die Fälle, die uns hier angehen:
dass ein engelhaftes Äusseres einen gemeinen Charakter birgt, dass ein
schalkhaft humoristischer Geist sich mit schweren, melancholischen Zügen
vereinigt, dass ein großgeschnittener bedeutender Kopf uns durch
Kleinlichkeit und Beschränktheit des geistigen Wesens enttäuscht.
Wie hat sich nun
der Maler unter solchen Umständen zu verhalten? Wird er die gegebene
Erscheinung umgestalten, bis sich die ihm anderweit bekannt gewordene
Seele in ihr offenbart, wie sie es der typischen Erfahrung nach müsste?
Wird er gleichsam in einem Winkel einen Zug anbringen, der verrät, was
die anschauliche Wirklichkeit des Modells von sich aus niemals sagen
würde? In der Beantwortung dieser Grundfrage kommen die entscheidenden
Überzeugungen vom Wesen aller Porträtkunst zu Worte.
Wenn alle
»psychologische« Deutung in der Darstellung des Seelischen als solchen
das alleinige künstlerische Ziel sieht und daraus noch den naiven
Schluss zieht, dass die Seele des Modells, wie sie wirklich ist, um
jeden Preis im Bilde zur Offenbarung kommen müsste - so scheint mir
dieser psychologische Realismus völlig unkünstlerisch.
Das Porträt, als
ein anschauliches Bild von der Anschaulichkeit des Menschen, kann
grundsätzlich nur diese letztere entwickeln, und zwar bis zu dem
vollkommensten Ausdruck der Seelenhaftigkeit, den sie hergibt; aber
diese Entwicklung kann doch nur in der eigenen Richtung der Erscheinung
selbst erfolgen und nicht durch eine Abbiegung oder einen ihr
heterogenen Zusatz zu Gunsten einer Seele, die nun einmal für unsere
Erfahrung durch diese Erscheinung nicht symbolisiert wird.
Damit ist natürlich
nicht das Widersinnige behauptet, dass die der Erscheinung
entsprechende Seele und die wirkliche des Menschen immer oder auch nur
sehr häufig divergierten: vielmehr, es würde überhaupt zu einer
Erfahrung über die Verbindung zwischen Innerem und Äusserem nicht
kommen, wenn nicht in den meisten Fällen die gleiche Außenseite auch die
gleiche Seele bärge.
Jener Fall der
Divergenz beider und die aus ihm folgende Entscheidung für die eine
Seite des Dualismus soll nur beleuchten, welches das prinzipiell
entscheidende Motiv auch für den Fall ihres Zusammengehens ist.
Der Künstler
entwickelt die Züge eines Gesichts sozusagen zu einer ideellen Seele,
von der es ganz gleichgültig ist, ob sie mit derjenigen Seele, mit der
diese Züge an dem realen Menschen assoziiert sind, übereinstimmt oder
nicht, obgleich dies der Regel nach der Fall sein wird.
Innerhalb der Lyrik
findet sich ein genaues Seitenstück zu diesem eigenartigen Verhältnis.
Für die rein
ästhetische Betrachtung ist das lyrische Gedicht wie jedes andere
Kunstwerk sozusagen vom Himmel gefallen.
All die
historischen und psychologischen Bedingungen, die Absicht und Stimmung,
aus denen heraus das Werk geschaffen ist, haben zu dem geschaffenen gar
keine Beziehung mehr, außer insoweit sie sich als merkbare Eigenschaften
desselben in ihm vorfinden.
Die realen
Vorgänge in der Seele des Schöpfers, aus denen eine vollendete
Psychologie das Zustandekommen des Wesens erklären könnte, stehen
prinzipiell ganz jenseits der Werte und Bedeutungen, die das fertige
Werk für den Genießenden und den ästhetisch Urteilenden besitzt.
Dennoch: in jedem
lyrischen Gedicht lebt eine Seele, ihre Schicksale und Gefühle, ihre
Versunkenheiten und Aufschwünge.
Aber diese Seele
ist sozusagen nur eine fiktive, die dem Kunstwerk Sinn und Halt gibt,
sie lebt wirklich nur in diesem, nicht hinter ihm, nicht als die reale
Seele der dichtenden Persönlichkeit: sie ist vielmehr erst eine
Schöpfung dieser oder eine Umsetzung, die sie in der Sphäre der Kunst
erlebt.
Die Seele, deren
Ausdruck die Verse sind, gehört demselben Bezirk an wie die Seele, die
dem Porträt den Dienst der Vereinheitlichung und Sinngebung leistet.
Die Eindeutigkeit
und Eindrucksstärke der Seele und ihrer Stimmung ist das Maß, in dem die
Elemente des Verskunstwerks zur Geschlossenheit und inneren Vollendung
gelangt sind, wie die Seele des Porträts den gleichen Maßstab für das
Kunstwerden der Züge hergibt.
Dem oberflächlichen
Empfinden scheint die Seele schon an und für sich dem Idealgebiet der
Kunst nahezustehen und keiner besonderen Umbildung nach den Normen
dieses zu bedürfen.
Dennoch ist ihre
psychologische Wirklichkeit ebenso ein bloßes Stück Natur, wie die
unmittelbar gegebene Körperhaftigkeit.
Der Naturalismus
scheint mir aus seinem letzten Refugium, in dem er sich sozusagen
unsichtbar macht, erst dann vertrieben, wenn die Seele innerhalb des
Kunstwerks als ein besonderes und ideelles Gebilde erkannt ist, nur den
artistischen Kategorien und Ansprüchen entspringend und entsprechend
und unabhängig davon, dass sie den realen Seelen hinter dem Kunstwerk
freilich meistens, aber nicht notwendig korrespondieren wird.
Die Bedeutung
ihres Daseins in der Kunst ist eben eine andere als in der Wirklichkeit.
Der Sinn der
Erscheinung gehört erst dann in das malerische Kunstwerk, wenn er sich
als der Sinn der Erscheinung offenbart hat. |