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Georg Simmel: Kant und
der Individualismus
Vossische Zeitung Nr. 7, 6. Jan 1904, Berlin
Die prinzipiellen Lebensprobleme der
Neuzeit bewegen sich im wesentlichen um den Begriff der Individualität:
wie sich ihre Selbständigkeit gegenüber der Macht oder dem Rechte der
Natur und der Gesellschaft gewährleisten lässt oder wie sie sich diesen
beiden unterzuordnen hat, wird in allen denkbaren Kombinationen und
Maßverhältnissen durchprobiert.
Einer der
umfassendsten Lösungsversuche dieses Problems ist die spezifische
Leistung des 18. Jahrhunderts, das auch nach dieser Seite hin in Kant
gipfelt; denn sein gesamtes Denken ist von dem Individualitätsbegriffe
seines Jahrhunderts getragen und grade von dieser Einsicht aus
erscheint die Gesamtform, in die die Kantische Philosophie das Leben
bringt, als einer der großen Menschheitsgedanken, deren Auftreten in
einer Einzelepoche nur wie das zeitliche Bewusstwerden eines
überzeitlichen Besitzes unseres Geistes erscheint.
Das Ideal der
Freiheit und Gleichheit, von dem das 18. Jahrhundert entflammt war und
das uns heute zwei einander ausschließende Ansprüche zusammenzukitten
scheint, drückt auf das zutreffendste die unvermeidliche Reaktion auf
die herrschende Gesellschaftsverfassung aus.
Es war eine Zeit,
in der die individuellen Kräfte im unerträglichsten Gegensatz gegen ihre
sozialen und historischen Bindungen und Formungen empfunden wurden.
Als überständig und
verrottet, als Sklavenfesseln, unter denen man nicht mehr atmen konnte,
erschienen die Vorrechte der oberen Stände, wie die despotische
Kontrolle von Handel und Wandel; die immer noch mächtigen Reste der
Zunftverfassung wie der unduldsame Zwang des Kirchentums, die
Fronpflichten der bäuerlichen Bevölkerung wie die politische
Bevormundung im Staatsleben und die Einengungen der Stadtverfassungen.
In der Bedrücktheit
durch solche Institutionen, die jedes innere Recht verloren hatten,
entstand das Ideal der bloßen Freiheit des Individuums; wenn nur jene
Bindungen fielen, die die Kräfte der Persönlichkeit in ihr unnatürliche
Bahnen zwangen, so würden alle inneren und äußern Werte, zu denen die
Energien vorhanden, aber politisch, religiös, wirtschaftlich lahmgelegt
waren, sich entfalten und die Gesellschaft aus der Epoche der
historischen Unvernunft in die der natürlichen Vernünftigkeit
überführen.
Hierbei aber ging
nun eine höchst verhängnisvolle Täuschung vor sich.
Jene ständischen,
zünftigen, kirchlichen Bindungen hatten unzählige Ungleichheiten
zwischen den Menschen geschaffen, deren Ungerechtigkeiten aufs
schärfste empfunden wurden; und so schloss man, dass die Beseitigung
jener Institutionen, weil mit ihr diese Ungleichmäßigkeiten fallen
müssten, alle Ungleichheiten überhaupt aus der Welt schaffen würde.
Man verwechselte
die bestehenden sinnlosen Unterschiedenheiten mit der Ungleichheit
überhaupt und hielt die Freiheit, die die ersteren vernichten sollte,
für den Träger der allgemeinen und dauernden Gleichheit.
Und dies traf nun
mit dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts zusammen, für den nicht der
besondere, in seiner Eigenheit unvergleichliche Mensch der Gegenstand
des Interesses war, sondern der allgemeine Mensch, der Mensch
überhaupt.
Wie die Literatur
der Revolutionszeit fortwährend von dem Volke, dem Tyrannen, der
Freiheit ganz im allgemeinen spricht, wie die »natürliche Religion« eine
Vorsehung überhaupt, eine Gerechtigkeit überhaupt, eine göttliche
Erziehung überhaupt hat, wie das »Naturrecht« auf der Fiktion
isolierter und gleichartiger Individuen beruht, so ist es allenthalben
das Abstraktum Mensch, dem alle Begeisterung gilt, der immer und überall
der gleiche ist, weil von allem abgesehen ist, was die Menschen von
einander unterscheidet.
Das Grundmotiv ist,
dass in jedem Individuum ein Kern enthalten ist, der das Wesentliche an
ihm und der zugleich in allen Menschen derselbe ist.
Und nun versteht
man, dass Freiheit und Gleichheit so unbefangen als einheitliches Ideal
empfunden wurden: wenn der Mensch nur in Freiheit gesetzt würde, so
würde sein bloß menschliches Wesen, das die historischen Verbindungen
und Verbildungen überdeckt und entstellt hätten, wieder als sein
eigentliches Ich hervortreten, und dieses müsste also, weil es eben den
allgemeinen Menschen in uns darstellte, bei allen das gleiche sein.
So hat sich hier
ein ganz neuer Begriff der Individualität - als Wirklichkeit und als
Forderung, beides nicht immer in reinlicher Sonderung - aufgearbeitet:
der allgemeine Mensch, der doch zugleich Individuum ist.
Der Mensch soll
schlechthin auf sich stehen, für sich allein verantwortlich sein, im
schärfsten Gegensatz gegen alle Normen, die den Menschen nur als Glied
einer Einung, Element einer Kollektivität, Subjekt einer
überindividuellen Allmacht kannten - aber dieser Mensch ist seinem Kerne
und seinem Rechte nach immer nur einer und derselbe, der Fürst ist eben,
wie Friedrich der Große schreibt, »ein Mensch, wie der geringste seiner
Untertanen«.
Es ist, als ob die
Isolierung des Menschen gegen den Menschen, die die Freiheitsfunktion
dieses Individualitätsbegriffs mit sich brachte, in der qualitativen
Gleichsetzung der Individuen ihre Ausgleichung und Erträglichkeit
gefunden hätte.
Von dieser
Vorstellung der Individualität bildet der Begriff des Ich, der bei Kant
als die Einheit unsres Denkens wie seines Gegenstandes auftritt, die
philosophische Sublimierung.
Dass unser Ich eine
Einheit ist - das ist ihm der Grund davon, dass wir die an sich
isolierten, zufälligen Sinneseindrücke zu einem Objekt
zusammenschließen: die Einheit des Gegenstandes ist der Erfolg und das
Gegenbild der Einheit des Subjekts.
Dadurch wird das
Ich der höchste Punkt, zu dem sich die Unabhängigkeit der Person von
allem Historischen, von allen Bestimmungen und Bindungen außerhalb
ihrer erheben kann.
Indem das Ich alle
bewussten Daseinsinhalte formt, kann es nicht selbst wieder von irgend
welchen unter ihnen geformt werden.
Aus allen seinen
Verflechtungen mit der Natur, mit einem Du, mit der Gesellschaft, hat
das Ich hier seine absolute Souveränität herausgewonnen, es steht so
sehr auf sich selbst, dass sogar seine ganze Welt noch auf ihm stehen
kann; das laissez faire, ersichtlich der konsequente ökonomische
Ausdruck jenes Individualismus, ist zur Signatur des Wesentlichsten
und Tiefsten in unserem geistigen Dasein geworden: dieses Ich müssen
alle geschichtlichen Mächte schon gewähren lassen, da es überhaupt
nichts über sich, ja, nichts neben sich hat und seinem Begriffe nach
keinen anderen Weg gehen kann, als den seine eigene Wesensform ihm
vorzeichnet.
Nicht weniger
gipfelt sich eine zweite Qualität jenes unhistorischen, durch keine
individuelle Eigenheit bestimmten Menschen, der doch als das
Entscheidende innerhalb jedes Individuums lebt, in diesem »reinen« Ich
auf, oder richtiger: seine Qualitätlosigkeit.
Das
Fundamentalbewusstsein, in dem das Ich besteht, bedeutet überhaupt keine
bestimmte Vorstellung, da es erst der Träger einer solchen ist, es ist
als Bewusstsein nur ein ganz allgemeines Gefühl, dass ich überhaupt
existiere.
Diese Entleerung
des bloßen Ich von allem individuellen und tatsächlich gegebenen Inhalt
ist die geeignete Grundlage für die Gleichheit aller Ichs, denn nur
durch sie lässt sich der »allgemeine Mensch« herstellen: jede bestimmte
Qualität würde unvermeidlich die Allgemeinheit aufheben.
Den Vorwurf, dass
das atomistische Subjekt des Naturrechts, der Naturreligion, der
Menschenrechte nichts Bestimmtes und also überhaupt nichts mehr sei,
wandelt nun gerade seine Kantische Steigerung in Recht und
Notwendigkeit: das Allgemein-Menschliche enthüllt sich als die wirkende
Form, durch die alle Bestimmtheiten zu stande kommen.
Dieses Ich ist der
geniale Ausweg, durch den dem schlechthin Allgemeinen, das sich völlig
zu verflüchtigen schien, doch eine Bedeutung, ja eine Notwendigkeit der
Existenz zukommt, die einzige wirkliche Notwendigkeit, weil ihm
gegenüber alles Einzelne und Bestimmte als etwas Zufälliges und von
jener Abhängiges erscheint.
Wie sich für die
Vorstellung jener Zeit der historische, variable und qualitativ
individualisierte Mensch zu dem Menschen überhaupt, zu dem reinen, immer
gleichen, wesentlichen Menschen in uns verhält - dafür ist es der
abstrakte Typus, wie sich der psychologische, subjektive, zufällige
Mensch, den Kant als unser empirisches Ich bezeichnet, zu dem reinen
Ich in uns verhält - eine Analogie, die nicht nur die Tatsächlichkeit,
sondern auch den Wert beider Vergleichspaare einschließt.
Wie in der
damaligen praktisch-sozialen Idealbildung, ist hier
erkenntnistheoretisch die Welt auf das Ich gestellt, aber auf das
schlechthin allgemeingültige Ich.
Dieser
Individualismus ist das Korrelat des mechanisch-verstandesmäßigen
Weltbegriffs.
Denn dieser hatte
es zuerst axiomatisch festgelegt, dass die Welt für alle Menschen eine
und dieselbe ist - was überall da zweifelhaft ist, wo die variabeln
Instanzen des Gemütes, der Religiosität, des Willens den letzten
Auffassungsgrund entscheiden.
Der Idealismus
drehte die Ordnung des Gedankens nur um: die Welt ist für alle, d. h.
objektiv, dieselbe, weil alle Subjekte als weltauffassende gleich sind.
Darum wäre für Kant
die Idee, dass ein jeder seine besondere Wahrheit hat, ein Widerspruch
und ein Gräuel.
Denn alle die
Unterschiedenheiten der Wesen, die der modernen Welt diese Möglichkeit
nahe legen, sind für ihn von dem reinen Ich getragen, in dessen
Immergleichheit alle Mannigfaltigkeiten der empirischen Welt aufgehen,
sobald es sich um die Bildung des Objektes, d. h. um Wahrheit handelt.
Die besondere Form,
in der das Persönlichkeitsgefühl im 18. Jahrhundert auftrat, duldete
nicht, dass die Verschiedenheit der Personen ihre Produktion der Welt,
ihr theoretisches Verhältnis zum Dasein individuell färbte.
Denn nach dieser
Form, so könnte man sie ausdrücken, sind wir nicht eigentlich
Individualitäten, sondern wir haben nur Individualität: das letzte,
entscheidende Sein in uns trägt zwar an seiner erscheinenden Oberfläche
genug persönliche Unterschiedenheiten, aber diese reichen nicht in
jenes selbst hinunter und deshalb auch nicht in das Sein hinauf, das
eben durch jene äußerste synthetische Energie unsres Wesens, unser Ich,
zum Objekte gebildet wird.
Kant fasst einmal
das rechtlich-sittliche Verhalten in eine Formel zusammen, die das
Ideal der freien aber gleichberechtigten, weil gleichartigen
Individualitäten unvergleichlich charakterisiert: jeder solle so viel
Freiheit haben, wie mit der Freiheit Jedes andren verträglich ist.
In Dingen des
Erkennens kann es deshalb keine »Freiheit« geben, auch nicht in dem
Sinne, dass die Besonderheit der Individualität sich in eine
Besonderheit des theoretischen Daseins fortsetze.
Denn diese Freiheit
würde sich nicht mit der Freiheit aller andren vertragen, sie würde für
Kant, dem Wahrheit nur objektive, d. h. für alle gültige Wahrheit sein
kann, einen Kampf aller gegen alle bedeuten; der Begriff der objektiven
Erkenntnis schließt jeden Versuch des Subjekts aus, die Freiheit andrer
zu vergewaltigen, weil sie dieses unmittelbar auffordert, den Anspruch
an Allgemeingültigkeit zu realisieren, den der Ursprung dieser
Erkenntnis aus dem Überindividuellen in uns mit sich bringt.
Unmittelbarer noch
bestimmt diese Form des Individualismus die Kantische Moralphilosophie,
für die alle Sittlichkeit einerseits mit der Freiheit zusammenfällt;
andererseits damit, dass der Handelnde sein Tun ohne inneren Widerspruch
als ein Gesetz für alle vorstellen könnte.
Denn dieses
Grundmotiv: dass die absolute Freiheit und Selbständigkeit des Willens
ein Handeln produziere, das für alle anderen gleichmäßig Gesetz sein
könne - ist eben nur die philosophische Wendung des Ideals der Freiheit
und Gleichheit, der tiefsinnige Versuch, das mechanische Nebeneinander
dieser beiden Forderungen in die organische Entwicklung einer
Lebenstendenz überzuführen.
Indem hier das
normative Individuum hingestellt wird, das seine Freiheit nicht zu
individueller Besonderung, sondern gerade zu gesetzmäßiger
Vergleichmäßigung mit allen benutzt; indem Kant sogar unternimmt, dies
letztere mit der Freiheit logisch notwendig zu verknüpfen - hat er das
aus der historischen Situation des 18. Jahrhunderts entsprungene
Lebensgefühl formuliert, in dem die Autonomie und
Selbstverantwortlichkeit der einzelnen ihre Begründung ebenso wie ihre
Folge in der Gleichheit ihres Wesenskernes fand; dieser Gleichheit
bedurfte es einerseits als einer inneren Wirklichkeit, andererseits als
eines herauszuarbeitenden Ideals, damit die Gedankenkreise des
Naturrechts, der Naturreligion, der Politik der Revolution, zum Teil
auch die der liberalen Ökonomie, nicht weniger aber, damit der
kategorische Imperativ Kants möglich wurde.
An diesem Punkt
zeigt nun freilich das ethische Lebensbild Kants denjenigen Mangel, den
erst der moderne, vom 19. Jahrhundert aufgebrachte Begriff der
Individualität ergänzen sollte.
Das autonome Ich,
in dem alle theoretischen und praktischen Fäden zusammenlaufen, ist
wegen seiner apriorischen Gleichheit mit jedem andern Ich völlig
farblos.
Es hat zwar eine
absolute formale Einheit jenseits seiner Einzeläußerungen, aber das,
was man die charakterologische Einheit der Persönlichkeit nennen kann,
findet in diesem Lebenssystem überhaupt keine Berücksichtigung: der
besondere Ton und Rhythmus des Wesens, der jede Persönlichkeit zu etwas
ganz Unvertauschbarem macht, die qualitative Unverkennbarkeit grade all
ihres Tuns und Lassens.
Indem man diese
Besonderheit des Einzelnen nicht nur als Tatsache, sondern auch als
Bedeutsamkeit und Wert anerkennt, entsteht ein ganz neues Ideal der
Individualität, das aber den ausschlaggebenden Gedankenkreisen des 18.
Jahrhunderts noch fern lag und ihnen durchaus widersprochen hätte.
In praktischer
Hinsicht kennt Kant einerseits nur die gleichsam punktuelle
»Persönlichkeit«, die für sich nur dem Gut und Böse zugängig ist, einer
ganz generellen und nur quantitative Unterschiede zeigenden
Bestimmung, andererseits die einzelne Tat, die nur mechanisch mit
anderen zum »empirischen Charakter« zusammengefasst, tatsächlich aus
dem Gesamtzusammenhang des inneren Lebens ganz gelöst ist, und an der
sich der Individualismus der Persönlichkeit wiederholt; ihr einziger
Wert liegt in dem Maß von Sittlichkeit, das sie als ganz isolierte
darstellt, während ihre Bedeutung als Äußerung dieser bestimmten
Persönlichkeit, ihr Sinn innerhalb des Bildes einer qualitativ
bestimmten Seele, der auf der moralischen Skala nicht auszudrücken ist,
gar nicht in Ansatz kommt; was schließlich nicht viel anders ist, als
auf ökonomischem Gebiet, wenn ein Objekt ausschließlich auf seinen
Geldwert angesehen wird, ohne Interesse für seinen spezifischen Inhalt,
der ganz jenseits dieses rein generellen, für alle mannigfaltigsten
Qualitäten gleichmäßig gültigen Maßstabes steht.
Wie es für den
Deismus nur einen abstrakten Gott, für das Naturrecht nur ein abstraktes
Recht gab, so für Kant nur eine abstrakte Tugend und ein abstraktes
Glück, die sich in uns treffen, wie sie ja schließlich auch sein Gott
nur äußerlich an uns zusammenbringen kann.
Nirgends fühlt man
die innere Lebenseinheit des Ich, aus der das eine wie das andere
quillt, beides sind rein für sich bestehende Welten, in deren
zufälligem Schnittpunkt der Einzelne steht.
Und dies ist
begreiflich, weil ihm die Individualität, die an die Stelle jenes nur
äußerlich einzigen Treffpunktes eine produktive Besonderheit von innen
her setzt, außer Blickweite steht.
Das Eigene am
Menschen tritt eben dann erst hervor, wenn er seine eigene Tugend und
sein eigenes Glück besitzt, erst dann wird sein Unverwechselbares als
das Gemeinsame dieser einzelnen Einzigkeiten ihm bewusst werden.
Für Kant fällt
zwischen dem formalen Ich, dem die allgemeine »Menschheit in jedem
Menschen« entspricht, und der einzelnen Tat die differenzierte, durch
ihre Eigenschaften besonderte Persönlichkeit völlig aus.
Ihm kommt noch
nicht in den Sinn, dass unsere Taten und Eigenschaften eine Bedeutung
gerade darin haben könnten, dass sie ihre Träger von anderen
unterscheiden, dass dies eine andere, und gleichfalls tiefe
Selbstverantwortlichkeit einschlösse, dass diese herrliche
Mannigfaltigkeit des seelischen Daseins einen Wert und Reichtum des
Lebens jenseits der quantitativ graduierten Sittlichkeit gründe.
Aber zwischen jenen
Menschen, in denen nur die Menschheit, der allgemeine Mensch, einen Wert
hatte, konnte es höchstens Unterschiede des Willens geben, während die
angedeutete qualitative Verschiedenheit vielmehr das naturgegebene Sein
betrifft und dessen Differenzen nicht so tief in die letzten Werte der
Personen hinabreichen durften, ohne die wesentliche und gerechte
Gleichheit aller zu zerstören.
Man kann von den
Menschen allenfalls ein gleiches Tun, aber nicht ein gleiches Sein
verlangen; deshalb musste das durch den Willen nicht oder nur indirekt
beeinflussbare Sein aus dem Wertinventar ausscheiden, indem es höchstens
als die in sich unterschiedlose Basis alles Menschlichen überhaupt galt.
Allenthalben neigen
die Gläubigen der wesentlich gleichen Menschennatur zum Moralismus,
denn an dieser Gleichheit des Seins haben sie die geeignete
Voraussetzung für allgemeingültige und deshalb radikale Imperative.
Der Begriff der
Individualität, den die geschichtliche Situation des 18. Jahrhunderts
hervorgerufen hat, enthüllt sich so als das Grundmotiv, das sich
einerseits in die theoretische, andrerseits in die praktische
Philosophie Kants verzweigt.
Aber diese Deutung
des menschlichen Daseins, die von der Idee von Freiheit und Gleichheit
getragen ist, ist nicht in dem Sinne historisch, dass die Veränderung
der Umstände sie einfach antiquierte.
Ich glaube
vielmehr, dass sie, ähnlich gewissen Gedanken des Griechentums und des
Christentums, als dauerndes Element der Lebensdeutung und der
Idealbildung die Zeit ihrer Alleinherrschaft überleben wird.
Die neue
Vorstellung vom Sinn der Individualität, die, von Goethe, von
Schleiermacher, von der Romantik her, im 19. Jahrhundert aufgekommen
ist, hat deshalb jene nicht schlechthin verdrängt, sondern sich als
ergänzende oder konkurrierende neben sie gestellt.
Die entscheidende
Differenz liegt in dem Fortfall des Gleichheitsideales.
Nachdem die
prinzipielle Lösung des Individuums von den kollektiven, dogmatischen,
bloß traditionellen Bindungen vollbracht war, geht sie nun dahin
weiter, dass die so verselbständigten Individuen sich auch von einander
unterscheiden wollen, steigt auf zu der sittlichen Forderung, dass jeder
gleichsam ein Idealbild seiner selbst, das keinem anderen gleich ist,
verwirkliche.
Freilich hat sich
hiermit auch die Freiheit gelegentlich modifiziert.
Denn dieser neue
Individualismus ist der Ausdruck der Arbeitsteilung, wie jener erste
der der freien Konkurrenz ist.
Je differenzierter
und einzigartiger die Individuen sind, desto enger sind sie doch
wiederum auf einander angewiesen.
Damit wird eine
Organisation der mannigfaltigen Einseitigkeiten nahegelegt, die ein
Ganzes, dem Einzelnen erst seinen Platz anweisend, zum Herrn über ihn
macht.
Daher hat dieser
Individualismus leicht antiliberale Neigungen und so ist er in allen
seinen spezifischen Zügen das Gegenbild der Kantischen Auffassung; so
aber, dass innerhalb seiner die ganz differenten Lebensbilder sich noch
immer als Ergänzung des Kantischen darstellen.
So bei Nietzsche,
in dem der Individualismus des 19.Jahrhunderts am radikalsten und mit
der entschiedensten Wendung gegen die praktischethische Wertungsweise
Kants auftritt.
Nicht in Taten und
Wirkungen offenbart sich für ihn die höhere Natur eines Menschen,
sondern grade »in der Unmittelbarkeit, im Anderssein, in der
Rangdistanz«.
Aber bei ihm führt
nun diese Individualisierung durchaus nicht zu dem Ideal einer
Kooperation, er lehnt jede reale und innerliche Abhängigkeit von der
Gesellschaft ebenso wie die ideale ab, die für Kant aus der Gleichheit
der Menschennatur hervorgegangen war.
Dennoch ist damit
die Entwicklung der individuellen Freiheit, die in Kant einen ihrer
Höhepunkte erreicht hat, nur eine Station weitergeführt.
Kant hat durch den
Begriff des überempirischen Ich eine der großen Lösungen der
Persönlichkeit vollbracht, die das Lebensproblem der Neuzeit bilden:
soweit jener Begriff gilt, ist der Mensch von der Befangenheit in der
bloßen Natur erlöst; indem er dieser den empirischen Menschen preisgibt,
gewinnt er für das Wesentliche und Absolute unsres Wesens die volle
Unabhängigkeit von allem, womit die ursächlichen Verknüpfungen der
Dinge uns sonst zu vergewaltigen schienen.
Dadurch indes,
dass der Sinn und Inhalt dieser Freiheit mit der Pflichterfüllung
innerhalb der Gesellschaft identisch gesetzt wurde, verblieb das Ich in
der Fesselung durch die Gesellschaft - eine Konsequenz, die bei Kant
ideell und zum Teil naiv unbewusst bleibend, dann vom Historismus und
Sozialismus aufgenommen wurde und hier nun das Individuum rettungslos
in die materielle und sittliche Abhängigkeit von den sozialen Mächten
verstrickte.
Dem gegenüber hat
nun Nietzsche die zweite Erlösung versucht.
Ihm erscheint nicht
das gesellschaftliche Dasein als der Sinn des individuellen, sondern
umgekehrt, die ganze geschichtliche Gesellschaft nur als Mittel, die
höchsten Werte der Persönlichkeit zu erzeugen.
Statt der
Zusammenhänge und des Füreinander innerhalb der Menschheit ist ihm die
Souveränität ihrer höchsten Exemplare der definitive Sinn des Lebens
unsrer Gattung.
Mag dieser Versuch
gelungen sein oder nicht, es ist damit, der Absicht nach, das Individuum
für seine innerlichsten Werte von der zweiten großen Potenz, gegen die
seine Selbsterhaltung sich wehrt, von der Gesellschaft losgebunden, wie
es durch Kant von der andern, der Natur, geschehen war.
So enthüllt sich
diejenige Lehre, die als der schärfste Gegensatz der Kantischen auftrat,
schließlich als die Fortsetzung eben derselben geistesgeschichtlichen
Lebenstendenz, deren erste Aufgabe in Kant ihr prinzipielles Bewusstsein
gewonnen hatte. |