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Georg Simmel: Kant und die moderne Ästhetik
ex:
Der Zeitgeist, Beiblatt zum Berliner Tageblatt, 12.
Oktober 1903 und 19. Oktober 1903, Berlin
Unter den Geistern,
in denen die Wendungen der Weltgeschichte begründet sind, ist
vielleicht keiner, der sich gegen die Bezeichnung als Genie so energisch
gewehrt hätte wie Kant.
Seine bis zur
Pedanterie exakte Wesensart, die ängstliche Strenge schulgerechten
Denkens, lässt ihm die rasche Kühnheit und Freiheit des Genies als
völlig unverträglich mit dem Geiste der Wissenschaft erscheinen, sodass
er jenen Titel einem Newton ausdrücklich abspricht - ersichtlich nicht
obgleich, sondern weil er ihn für den größten aller Forscher hält.
Und dies ist nicht
nur eine Abweichung des sprachlichen Ausdruckes, die einer Verständigung
in der Sache selbst weichen könnte, sondern es bezeichnet den tiefen
Unterschied des Wertes, den Kant für uns besitzt, gegen den, den er sich
selbst zuschrieb.
Die eigentümliche
Zusammengesetztheit seines Wesens, das den mutigsten Schwung eines
völlig radikalen, ja revolutionären Denkens in eine philiströse
Systematik verzopfte, gipfelt in der Tatsache, dass sein langatmigstes
und verkünsteltstes Werk, das durch endlose Wiederholungen immer
derselben Sätze und durch die Gewalttätigkeit seiner Konstruktionen den
Leser fast zur Verzweiflung treiben kann, die Kritik der Urteilskraft,
doch vielleicht die leuchtendsten Spuren seines Genies trägt.
Denn es ist doch
wohl das Wesen des Genies, zu wissen, was es nicht erfahren hat, und das
auszusprechen, dessen Bedeutung es selbst nicht ermessen kann; und jenes
Werk enthält Reflexionen über die letzten Fragen des ästhetischen
Genusses, die das Beste des modernen ästhetischen Bewusstseins
vorwegnehmen, und deren Erfahrungsgrundlage in seinem Leben fast nicht
aufzufinden ist.
Denn dieses Leben
verfloss gänzlich in einer kleinen Stadt des 18. Jahrhunderts, in der
aller anschauliche Schmuck des Daseins ein Minimum war, und die ihm
niemals den Anblick eines großen Kunstwerkes gewährt haben kann; und in
demselben Atem, in dem er die tiefsinnigsten Erleuchtungen über das
Wesen des Schönen verkündet, preist er den bodenlosen Ungeschmack des
Verses:
»Die Sonne quoll hervor, wie Ruh' aus
Tugend quillt -«
als ein Muster
poetischer Vollendung.
In der Geschichte
der Philosophie, in der doch mehr als irgendwo sonst in der Welt die
Werte und die Unvollkommenheiten des Geistes sich verflechten, gibt es
vielleicht keinen zweiten Punkt, an dem der unbeirrbare Instinkt des
Genies sich durch ein gleiches Maß von Unkenntnis der Wirklichkeiten und
von Verschnörkelungen einer eigensinnigen Konstruktionssucht
hindurchgefunden hat.
Die
unvergleichliche Schärfe seines Denkens, die mit jener schwer
erträglichen Breite der Ausführung ein in seiner Art einziges Ganzes
ergibt, leuchtet sogleich aus der einführenden Bestimmung hervor: Das
Wohlgefallen an einem Gegenstande, das wir das ästhetische nennen, ist
von der Existenz dieses Gegenstandes völlig unabhängig.
Und dies mag
folgendermaßen gedeutet werden.
An jedem Dinge
unterscheidet der zerlegende Verstand die Summe seiner Eigenschaften,
durch die es eben dies Bestimmte ist, von der Tatsache, dass dieser so
qualifizierte Gegenstand in der Wirklichkeit existiert; denn wir können
von der letzteren Tatsache durchaus absehen und Unzähliges rein
sachlich, rein seinem qualitativen Inhalt nach uns vorstellen, ohne im
geringsten danach zu fragen, ob der Gegenstand dieser Vorstellungen
denn außerdem auch wirklich ist.
Wo diese Frage aber
erhoben wird, wo Interesse und Genuss an einem Objekt von seiner
Greifbarkeit und Erfahrbarkeit abhängt, sind wir außerhalb des
ästhetischen Gebietes.
Damit wir ein Haus
bewohnen, einen Menschen umarmen, uns von einem Baume beschatten lassen
und uns des Einen wie des Anderen erfreuen können, muss das Eine wie das
Andere fühlbar da sein.
Wenn aber die bloße
Anschauung dieses Hauses, dieses Menschen, dieses Baumes uns beglückt,
gleichviel, ob jene realen Beziehungen uns seiner Existenz vergewissern;
wenn dies Glück ungeändert weiterbesteht, auch wenn die Erscheinungen
sich als eine Fata morgana enthüllen, die nur das sinnliche Bild, nur
jenen reinen Inhalt der Anschauung bewahrt, so hebt sich aus den
vielerlei Möglichkeiten, die Welt zu genießen, erst damit die eigentlich
ästhetische heraus.
Denn erst damit ist
die ganze Freiheit und Reinheit erklärt, die in dem Gebiet des Schönen
leuchtet; erst so ist unsere genießende Beziehung zu den Dingen wirklich
auf ihre Anschauung beschränkt und auf die Distanz, in der wir sie
genießen, ohne sie zu berühren.
Die Schönheit wohnt
in dem, was an den Dingen bloße Erscheinung ist, gleichgültig gegen die
Realität, die im übrigen in diesen Erscheinungen enthalten oder nicht
enthalten sein mag.
Darum ist etwa die
poetische Bedeutung eines Gedichtes so ganz unabhängig davon, ob seinem
Inhalt eine Wirklichkeit entspricht oder nicht, darum ist nach dieser
Richtung hin die Musik das vollendetste ästhetische Gebilde, weil in
ihr die Freiheit von jedem Interesse an der Existenz bis zur
Unmöglichkeit auch nur der Frage nach einer solchen gesteigert ist.
In der hiermit
bezeichneten Tatsache erblickt Kant den grundlegenden Unterschied des
Schönen gegen alles bloß sinnlich Angenehme; denn dieses letztere ist
auf die fühlbare Wirklichkeit der Dinge angewiesen, sie müssen
unmittelbar auf uns wirken, damit wir mit sinnlichen Lustgefühlen auf
sie reagieren.
Nur das, was
wirklich und gegenwärtig ist, ist uns sinnlich genießbar; aber das
längst Verschwundene, dessen Bild nur noch in unserem Bewusstsein lebt,
kann uns noch schön sein - denn auch so lange es gegenwärtig war,
bestand der ästhetische Genuss nicht in seinem unmittelbaren Eindruck
auf unsere Empfindungsfähigkeit, sondern in der viel tiefer gelegenen -
an späterer Stelle zu deutenden - Reaktion, die unsere Seele an das
bloße Bild des Dinges in ihr heftet.
Das sinnlich
Reizvolle ist uns wertvoll, weil wir es genießen; das Schöne umgekehrt
genießen wir, weil es wertvoll ist.
Aber diese letztere
Stufenfolge ist nur möglich, wenn der Genuss eben nicht von der Existenz
abhängt, sondern von den Eigenschaften oder Formen des Dinges, die wir
als wertvoll beurteilen müssen, gleichviel, ob sie uns momentan
gegenwärtig sind oder nicht, gleichviel, ob ihnen eine Existenz zukommt
oder nicht, die ihnen qualitativ nichts hinzufügte.
Diese
Gleichgültigkeit unseres ästhetischen Verhaltens gegen das reale Sein
der Dinge benutzt Kant zwar nur, um den Unterschied der Schönheit gegen
den Sinnenreiz aufzuweisen; sie dient aber nicht weniger zu deren
Abgrenzung nach einer entgegengesetzten Seite hin.
Die künstlerische
Anschauungsweise hat kein Interesse an der Realität der Dinge jenseits
ihrer wahrnehmbaren Eigenschaften, weil diese Realität etwas
Metaphysisches ist.
Sie mag in dem von
Kant hervorgehobenen Sinne das eigentlich Empfindbare sein; in einem
anderen aber ist sie gerade das Nichtempfindbare.
Denn wir empfinden
unmittelbar nur die Farben oder die Töne, die Härte oder den Geschmack
der Dinge; dies aber sind Vorstellungen in uns, die durch die
Organisation unserer Sinnes- und Bewusstseinsorgane bestimmt sind und im
Traum, in der Halluzination, in der Sinnestäuschung in derselben Weise
auftreten wie in den Zusammenhängen zuverlässiger Erfahrung.
Dass hinter ihnen
das nicht Beschreibliche steht, was wir die Realität der Dinge nennen,
ist nicht ebenso wahrnehmbar, es ist sozusagen eine Idee, durch die wir
den gegebenen Inhalten der Welt eine innere Festigkeit, Substantialität,
Bedeutung leihen.
Sie ist
schlechthin unanschaulich, niemals erfahrbar, das Sein ist das
eigentlich Metaphysische der Welt, ein letzter oder erster Begriff, den
wir nur wie durch ein Überspringen alles Unmittelbaren und Bestimmten
greifen können.
Damit aber hat die
Kunst nichts zu tun, die vielmehr nur in den Erscheinungen des
Wirklichen lebt.
Nach dieser Seite
ist der Impressionismus, so eng und einseitig seine vorliegenden
Leistungen sind, doch das durchaus konsequente Kunstprinzip.
Innerhalb des
sinnlichen Bildes mag die Kunst tausend Zusammenhänge und Tiefen zeigen,
von denen die gewöhnliche Erfahrung nichts weiß, sie mag mystische
Unaussprechlichkeiten in der Seele lebendig machen; objektiv aber halten
ihre Gebilde sich an das anschaulich Gegebene, durch dessen
Überschreitung sie sich auf andere Gebiete als das der reinen Kunst
begeben.
Man könnte sagen,
die Kunst wäre reiner empirisch als die Erfahrungswelt selbst, da diese
immer metaphysischer Voraussetzungen, Begründungen, Zwischenglieder
bedarf; so weiß sie nichts von dem Sein, das nie einem unserer Sinne,
sondern nur einem unaussagbaren metaphysischen Fühlen zugängig ist.
Und vielleicht
kann man nun das, was so für die Kunst gilt, auf das Schöne überhaupt
ausdehnen.
Sobald dieses seine
Bedeutung über mehr als gleichsam die uns zugewandte Seite der Dinge
erstreckt - möge diese nun sinnlich sein oder nicht -, so entlehnt es
damit Werte anderer Herkunft, religiöse oder ethische, intellektuelle
oder mystische.
Gewiss können auch
die tiefsten und geistigsten Dinge der Bedeutsamkeit ihres Inhaltes eine
Schönheit zufügen; allein diese haftet an dem, was auch an ihnen die
relative Oberfläche ist, was ihre »Form« im weitesten Sinne des Wortes
ist.
In jedem Falle hat
das Schönheitsinteresse zu dem Sein der Dinge, das jenseits ihrer Form
und der Summe ihrer Qualitäten liegt, keine Beziehung.
Denn dieses Sein
ist ein schlechthin Allgemeines und Formloses, überall dasselbe und
jeglicher Sondergestaltung entbehrend, die allein eine Schönheit
offenbaren kann.
Fragt man indes die
Kantsche Grundbestimmung des Schönheitsgefühls als eines Wohlgefallens
ohne Realitätsinteresse nach ihrer psychologischen Begründung, so
scheint sie mir bei ihm wie bei seinen Nachfolgern darauf
zurückzugehen, dass die Schönheit traditionellerweise nur an Eindrücken
von Auge und Ohr haftet und den Tastsinn ausschließt.
Dieser nämlich ist
psychologisch der eigentliche Realitätssinn; nur was wir greifen können
oder könnten, scheint uns die volle Wirklichkeit zu besitzen.
Gewiss sind die
Leinwand und der Marmor greifbar; aber so wenig wie an der Buchseite,
die das Gedicht trägt, ist an ihnen das, was getastet wird, das
Kunstwerk - dieses vielmehr liegt ausschließlich in den Formen, die dem
Gesicht und keinem anderen Sinn zugänglich sind.
Durch diese
Ablösung der Sichtbarkeit oder Hörbarkeit von der sonst mit ihr stets
verbundenen Tastbarkeit, die uns allein die empirische Wirklichkeit zu
garantieren pflegt, erhält das bloß ästhetisch Wirksame jene Distanz von
der Wirklichkeit; nach dieser zu fragen, haben wir tatsächlich innerhalb
des ästhetischen Gebietes kein Interesse, weil dieses Gebiet von
vornherein den Sinn ausschließt, der uns als die einzige Brücke zur
Realität gilt.
Weshalb es für das
bloße Tastgefühl keine eigentlich ästhetischen Sensationen gibt, ist
nicht ohne weiteres zu sagen.
Ich vermute, weil
seine Empfindungen sehr zugespitzter, momentaner, leicht verlöschter
Art sind; es kommt deshalb innerhalb seiner nicht zu jener Bildung
größerer Reihen von Eindruckselementen, die erst eine Form ergeben.
Der einzelne
Eindruck ist immer ungeformt, bloßes Material, erst indem mehrere sich
nach Verhältnissen von Höhe und Tiefe, von Zeit und Raum, von Spannung
und Lösung zusammenfinden und eine seelische Einheit bilden, entsteht
aus ihnen eine Gestaltung irgend welcher Art, eine Form, ohne die es
kein Schönes und keine Kunst, sondern nur den Stoff zu beiden gibt.
Die Eigenheit des
Tastsinnes, aus der Vielheit seiner Ingressionen keine rasch
überblickte, unmittelbar wirkende Einheit zustandezubringen, scheint ihm
die Entwickelung zu ästhetischen Werten abzuschneiden, aus denen damit
zugleich die Realität, deren psychologischer Träger jener zu sein
pflegt, ausgeschieden ist.
Die
Gleichgültigkeit unserer ästhetischen Urteile gegen das empirisch
fühlbare Sein oder Nichtsein ihres Gegenstandes ist zunächst eine bloß
negative Bestimmung.
Kant wendet sie ins
Positive, indem er aus ihr folgert, dass nur die Form der Dinge ihre
Schönheit trage.
Der Reiz etwa der
Farben wie der der einzelnen Töne knüpfe sich an Inhalte des Empfindens,
sei also von der realen Existenz der Gegenstände abhängig und könne
deshalb wohl angenehm, sinnlich beglückend sein, aber in das
Geschmacksurteil dürfe er sich nicht mischen, ohne dessen Reinheit zu
trüben.
Darum sei in allen
bildenden Künsten die Zeichnung das Entscheidende, während die Farben
den Gegenstand wohl für die Empfindung reizvoll, aber nicht ästhetisch
schön machen könnten.
Und wie den Reiz
der Sinne, so wehrt diese Beschränkung auf die Form auch die
Bedeutsamkeit der Gedanken von dem ästhetischen Urteil ab.
Es möge sein, dass
manches anschaulich Schöne seinen ästhetischen Wert für uns verliert,
wenn es in Zweckverbindungen, die seiner Form widersprechen, eingefügt
wird: gewisse an sich schöne Ornamente etwa sind doch an einem sakralen
Gegenstande höchst unpassend, eine Gesichtsform, die an einem Narzissus
schön ist, lehnen wir an einem Mars entschieden ab, architektonische
Elemente können die schönsten Formen zeigen, aber sie sind höchst
widrig, wenn sie innerhalb des Baues ihre dynamische Bestimmung nicht
erfüllen.
Allein diese Art
Urteile beträfe eben nicht die reine Form der Dinge, sondern hinge von
dem Sinn und den Zwecken ab, in welche diese letzteren ihrer realen
Existenz nach verflochten werden; sie gehen nicht unseren Geschmack an,
sondern unsere Kenntnisse vom Wesen gewisser Zusammenhänge, unsere
sittlichen Interessen, unser Nachdenken.
Deshalb lehnt ein
reines Geschmacksurteil alle solche Kriterien ab, die außerhalb des
unmittelbaren Eindruckes der Dinge liegen; es beurteilt die Dinge zwar
im Gegensatz zur Sinnlichkeit, die sie nur genießt, aber es beurteilt
auch nur sie und nicht ihre Bedeutungen für Zwecke und Werte, mögen es
auch die höchsten sein, zu denen sie nur durch Heraustreten aus ihrem
reinen formalen Angeschautwerden eine Beziehung gewinnen.
Es ist höchst
merkwürdig, hier festzustellen, wie ein wahres, tief und scharf
erfasstes Prinzip durch die Enge seiner Anwendung zu ganz
missverständlichen Folgen führt; man braucht ihm nur die von Kant selbst
ihm vorenthaltene Weite zu geben, um es vollkommen zu legitimieren.
Dass die einzelne
Farbe niemals das Prädikat der Schönheit verdiene, widerruft er freilich
schon selbst.
Um aber das Prinzip
der bloßen Form zu retten, betont er, dass die Farben, wie entsprechend
die Töne, Schwingungen des Äthers sein möchten, und dass sie so ein uns
zwar unbewusstes Spiel von Eindrücken gewährten, an dessen regelmäßigen
Formen unser ästhetisches Gefühl sich befriedigte.
Mag diese etwas
gequälte Hypothese irgendwie im einzelnen plausibel gemacht werden - was
sehr zu bezweifeln ist -, so ist es jedenfalls ein völliger Irrtum, dass
der eigentlich ästhetische Wert der Malerei nur in der Zeichnung als dem
einzigen Träger der »Form« beruht; vielmehr haben in ihr die Farben,
ganz abgesehen von der durch ihre Grenzen angegebenen Zeichnung und
bloß als koloristische Flecke angesehen, formale Verhältnisse
zueinander, die ein rein ästhetisches Urteil provozieren.
Wie sich die Farben
nach Verwandtschaft, Ergänzung, Gegensatz auf der Fläche verteilen, wie
sich die Lokalfarben dem Ton des Ganzen einordnen, wie die verstreuten
Flecken der gleichen Farbe in gegenseitige Beziehung treten und damit
eine der das Ganze zusammenhaltenden Kräfte bilden; wie durch das
Dominieren der einen und die abgestuften Unterordnungen der anderen
eine übersichtliche Organisierung der Fläche erreicht wird - dies alles
sind höchst wesentliche Bestandteile des Kunstwerkes als solchen, ganz
jenseits unserer unmittelbaren sinnlichen Sympathie oder Antipathie für
den einzelnen Farbeneindruck stehend und deshalb in demselben Sinn der
Form des Bildes zugehörig wie seine Zeichnung.
Der durchaus
richtige Sinn der Kantschen Behauptung ist, dass das Kunstwerk eine
Einheit aus Mannigfaltigem ist und sein Wesen deshalb in der
Wechselwirkung seiner Teile hat.
Indem jeder
einzelne auf jeden anderen hinweist, jedes Element durch das Ganze und
das Ganze durch jedes Element bestimmt und verständlich wird, entsteht
jene innere Einheit und Selbstgenügsamkeit des Kunstwerkes, die es zu
einer Welt für sich macht.
Das aber bedeutet
allerdings, dass das Kunstwerk Form ist; denn Form ist die Art, auf die
Elemente sich aufeinander beziehen und sich zu irgend einer Einheit
zusammenfassen; das schlechthin Einfache und Undifferenzierte ist
formlos, ebenso wie das schlechthin Zusammenhanglose.
Ein Kunstwerk
entsteht, indem die fragmentarischen Inhalte des Daseins zu einer
gegenseitigen Beziehung gebracht werden, in der sie ihren Sinn und ihre
Notwendigkeit aneinander finden, sodass eine Einheit und innere
Befriedigtheit an ihnen aufleuchtet, die die Wirklichkeit nie gewährt.
So ist allerdings
die Kunst die äußerste und allein restlose Darstellung dessen, was man
als die Formung der Dinge bezeichnet, und das nichts anderes ist als
die Einheit des Mannigfaltigen.
Und vielleicht
liegt auch hier die Rechtfertigung für eine prinzipielle Beziehung
zwischen dem Schönen und der Kunst, die Kant und mit ihm die ganze
populäre Ästhetik unbefangen voraussetzt, die aber bei genauerem
Hinsehen keineswegs zweifellos ist.
Jenes unmittelbare
Gefallen, jene freudige Erregtheit unseres ganzen Wesens, womit
Schönheit uns ergreift, wird keineswegs von jedem Kunstwerk, auch nicht
von jedem vollendeten, bewirkt.
Dessen Fähigkeit
vielmehr, den Sinn der Erscheinungen zu deuten, die Wirrnis des
unmittelbaren Lebens zu klären, die Anschauungs- und Gefühlswerte des
Daseins auf ihren einfachsten und zugleich tiefsten Ausdruck zu
bringen, - alles dies hat von vornherein mit »Schönheit« nichts zu tun,
die ihm vielmehr nur eine unter den vielen möglichen Qualitäten und
Bedeutsamkeiten seiner Gegenstände und seiner selbst ist.
Nun aber stiftet
der Gedanke der Form in dem oben angedeuteten Sinne doch vielleicht eine
Gemeinsamkeit zwischen ihnen.
Vielleicht ist es
das Wesen der Schönheit nicht weniger als das der Kunst, uns die Einheit
der zufälligen Vielheiten des Daseins zu gewähren.
Die Lust am Schönen
besteht vielleicht in jenem hemmungslosen, harmonischen Ablauf von
Vorstellungen, der uns die Zusammenfassung einer größten Zahl derselben
in den kürzesten Zeitraum gestattet, sie bedeutet für uns das
konzentrierte Leben, in dem die Lücken und hindernden Widersprüche
seiner sonstigen Augenblicke hinwegfallen: ihm gegenüber empfinden wir
die inneren Bewegungen, sonst nach allen Richtungen auseinander
strebend, als Einheit.
Diese Form, in der
der Anblick der Schönheit das subjektive Leben fließen lässt, wiederholt
die Kunst an der objektiven Gestaltung der Dinge; sie organisiert das
Dasein, bis es die Zusammengefasstheit, die innere Notwendigkeit, die
Enthobenheit von den Belastungen des Zufalls zeigt, die wir der
Schönheit gegenüber bloß subjektiv erleben; soweit das Kunstwerk diese
Form in das subjektive Gefühl weiterschwingen lässt, kommt auch ihm
Schönheit zu.
Man muss die
gegenseitige Unabhängigkeit von Kunst und Schönheit so scharf begriffen
haben, wie Kant es nicht versucht hat und bei seiner völlig
unzureichenden Kenntnis der vorhandenen Kunst auch nicht konnte, - um zu
erkennen, dass die Genialität seines Gedankens der Form beide auf
höherer Stufe wieder zusammenzuführen vermag.
Noch leichter ist
jene andere freiwillige Selbstbeschränkung zu heben, mit der Kant die
fein empfundene Abgrenzung der Schönheit gegen alle Forderungen des
Intellekts und der Moral in einer scheinbar konsequenten, in
Wirklichkeit inkonsequenten Weise steigert.
Die Schönheit dürfe
nicht von dem Begriffe dessen abhängig sein, was von dem Gegenstand nach
natürlichen, historischen oder moralischen Normen gefordert würde; sie
sei ein freies Spiel unserer Seele und als solches völlig souverän, ein
Gegenstand gefalle uns oder gefalle uns nicht, ganz gleichgültig gegen
alles, was er außerhalb dieses bloßen Gefallens sei oder sein solle.
Die Folge davon
ist, dass Kant, genau genommen, nur Blumen, Ornamente, Musik ohne Text,
kurz nur Formen, die nichts Bestimmtes bedeuten, als eigentliche
Schönheiten anerkennt.
Denn sobald man von
einem Gegenstand eine Leistung jenseits seines bloßen Anschauungsbildes
verlange und davon das ästhetische Urteil über ihn abhängig mache,
mische sich eben etwas dem bloß ästhetischen Fühlen Fremdes in dasselbe;
das sei aber zum Beispiel meistens bei der Beurteilung der
Menschengestalt der Fall, indem - analog den obigen Beispielen - was
als Venus schön ist, es noch nicht als Athene ist, oder indem überhaupt
gewisse Forderungen an Kraft, Charakter, Ausdruck sittlichen Wesens die
Bedingungen bilden, unter denen wir eine menschliche Gestalt als schön
anerkennen.
Daran ist nun so
viel richtig, dass alle allgemeinen und speziellen Qualitäten des
Menschen, die nicht unmittelbar anschaulich sind, an sich und ihrem
eigenen Werte nach nichts mit der ästhetischen Schätzung seiner
Erscheinung zu tun haben.
Das verhindert aber
nicht im geringsten, dass sie, in das Gesamtbild der Person einbezogen,
mit allen anderen Elementen derselben zusammen die Formen rein
ästhetischer Schönheit oder Nichtschönheit ergeben.
Nur ihre
selbständige, innere Bedeutung kommt hier nicht in Frage, so wenig, wie
bei der Schönheit einer Nase ihre Atmungsfunktion in Betracht kommt.
Dass uns ein Zug,
der uns an einer Venus entzückt, an einer Athene unpassend erscheint und
abstößt, geschieht nicht, weil er dem Begriff der Athene widerspräche,
sondern weil er mit all den anderen tatsächlichen Zügen, die eine Athene
darbietet, keine Harmonie oder Einheit der angeschauten Form ergibt.
Stimmten etwa alle
Züge zu diesem einen, so würde eben eine Gestalt entstehen, mit der wir
ästhetisch völlig einverstanden sind; wir würden sie dann freilich Venus
benennen, aber die Behauptung, es solle eine Athene sein, würde etwa als
eine Wunderlichkeit und ein historisches Missverständnis erscheinen,
aber ästhetischen Widerspruch würde es nicht mehr wecken, sondern in
dieser Hinsicht so gleichgültig sein, wie auch die richtige Bezeichnung
als Venus es ist.
Am deutlichsten
wird diese Erhebung inhaltlicher Bedeutsamkeiten und Zweckmäßigkeiten
in die ästhetische Sphäre wohl im Drama.
Hier finden
unzählige Prozesse rein sachlicher und psychologischer Art statt, die
nach den Erfahrungen der realen Welt, also nach Kriterien, die mit dem
Kunstwerk als solchem nichts zu tun haben, als richtig und passend
beurteilt werden müssen, wenn wir ästhetisch befriedigt sein wollen.
Dies ist durchaus
kein Herausfallen aus der ästhetischen Sphäre, es sind nur Tatsachen und
Zusammenhänge, die auf anderen Daseinsgebieten erwachsen sind, als
Material in sie aufgenommen worden; und nun muss das Kunstwerk, wenn es
in sich völlige Formeinheit haben soll, mit den inneren Normen dieses
Materials so harmonisch sein, wie das plastische Werk in seiner
Formgebung dem Charakter seines Marmors oder seiner Bronze entsprechen
muss; wobei jene Forderungen der Realität oder der Begriffe nicht um
ihrer Eigenbedeutung, sondern um der Einheit des Kunstwerkes willen, das
sie verwertet, erfüllt werden müssen, gerade wie der Charakter des
plastischen Stoffes nicht als mineralogische oder physikalische
Tatsache, sondern ausschließlich um seiner ästhetischen Bedeutung
willen Berücksichtigung fordert.
Kant hat also auch
hier den Begriff der Form zu eng gefasst, indem er die Reinheit des
Geschmacksurteiles verloren glaubte, wenn es von nicht unmittelbar
ästhetischen, begrifflichen und sachlichen Voraussetzungen abhinge.
Er hat nicht
gesehen, dass eben diese zu ästhetischen Bedingungen erhoben werden,
dass sie ihre Bedeutsamkeit in die ästhetische Tonart transponieren
können, und dass sie dann die Formeinheit des Schönen und des
Kunstwerkes als ebenso berechtigte Elemente mitbilden helfen wie die
von vornherein nur ästhetischen.
So sehr Kant also
mit jenen Beschränkungen seines Prinzips diesem selbst unrecht tut, so
hat er mit ihm doch das Grundgefühl der modernen rein artistischen
Auffassung vorweggenommen: dass das Kunstwerk als solches seine
Bedeutung nie und zu keinem Teil von dem entlehnen darf, was nicht Kunst
ist.
Wie wichtig und
ergreifend auch sein Inhalt nach seiner ethischen oder historischen,
religiösen oder sinnlichen, patriotischen oder personalen Seite sei -
der Kunst, soweit wir sie ästhetisch beurteilen sollen, darf dies nicht
zu gute kommen, unser Urteil bezieht sich ausschließlich auf die Formung
dieses Stoffes, das Kunstwerk spielt sich ausschließlich auf dem Gebiet
seiner jeweiligen optischen, akustischen, dramatischen Erscheinung ab,
ohne von dem, was irgendwie jenseits dieser steht, Unterstützung oder
Nuancierung zu empfangen.
Diese
Selbstherrlichkeit der Kunst - und, nach Kants Meinung, des Schönen -
ordnet er nun, ohne ihr im geringsten Abbruch zu tun, einem
allgemeineren Typus menschlicher Wertungen ein.
Das Lustgefühl dem
Schönen gegenüber stammt, wie hervorgehoben, nicht aus einer
Zweckmäßigkeit des Gegenstandes für unsere Willensziele, auch nicht aus
einer solchen für irgend ein objektives Geschehen.
Dennoch muss eine
Zweckmäßigkeit dabei im Spiele sein; denn durch den ästhetischen Genuss
fühlen wir uns gestärkt, in unserem Lebensprozess gehoben, wir wünschen,
ihn festzuhalten, bei seinem Gegenstande zu verweilen, indem wir uns
doch zugleich als frei empfinden.
Dieselbe Art der
Befriedigung, die uns der Anblick des ganz Zweckmäßigen bietet, kommt
angesichts des Schönen über uns: das Gefühl, dass die Zufälligkeiten der
Erscheinung von einem Sinne beherrscht sind, dass die bloße
Tatsächlichkeit des Einzelnen von der Bedeutsamkeit eines Ganzen
durchdrungen ist, dass das Fragmentarische und Auseinanderfallende des
Daseins wenigstens an diesem einen Punkte eine seelenhafte Einheit
gewonnen hat.
Da nun aber das
Schöne alle Beziehung auf einen bestimmten Zweck ablehnt, die es
sogleich aus der bloß ästhetischen Sphäre herabziehen würde, so
bezeichnet Kant sein Wesen als »Zweckmäßigkeit ohne Zweck«, das heißt,
es hat die Form des Zweckmäßigen, ohne doch von einem angebbaren
Einzelzweck bestimmt zu sein; es setzt durch seine bloße Anschauung
unsere mannigfaltigen seelischen Energien in dasjenige Verhältnis von
Spannung und Lösung, von Harmonie und Organisiertheit, das sonst in uns
nur dem Anblick und Genuss der zweckmäßigen Dinge, des zweckerfüllten
Lebens antwortet.
Man hat mit einem
gewissen Recht als die spezifische Eigenschaft des Menschen gegenüber
dem Tier hervorgehoben, er sei das zwecksetzende Wesen.
Unser Leben gewinnt
seinen Sinn und Zusammenhalt, seine Leistung und seine Befriedigung,
indem seine Inhalte sich zu Zwecken und Mitteln gestalten und aneinander
schliessen.
Was wir schön
nennen, ist dasjenige, was in uns den subjektiven Reflex der
Zweckmäßigkeit erzeugt, ohne dass wir sagen könnten, wann oder wozu es
diene.
Es gewährt uns
damit gleichsam die typische Genugtuung des menschlichen Daseins in
ihrer völligen Reinheit und Gelöstheit.
Wir empfinden das
Schöne seiner Form und Wesensart noch als zweckmäßig, aber nicht um
eines angebbaren Einzelzweckes willen - wie, soweit dies ganz Einzige
einen teilweisen Vergleich zulässt, eine gewisse Verinnerlichung und
feierliche Erregtheit etwa durch eine Musik oder ein Schicksal in uns
aufkommen kann, die wir als Frömmigkeit bezeichnen müssen, auch wenn
sie sich durchaus an kein transzendentes Wesen wendet - als eben
dieselbe Frömmigkeit, die sonst als der Reflex des konkreten
Verhältnisses zu einem derartigen Wesen entsteht.
Wenn wir gegenüber
der Realität des Daseins, die sich an konkreten Einzelheiten erschöpft,
an dem Schönen und der Kunst die Leichtigkeit und Freiheit des Spieles
empfinden, so ist dies nun erklärt.
Denn Spielen
bedeutet doch, dass man die Funktionen, die sonst den
Wirklichkeitsinhalt des Lebens tragen und an ihm gebildet sind, nun
ohne diese Füllung, rein formal, ausübt.
Das Wetten und
Jagen, das Ringen und Erlisten, das Bauen und Zerstören, das die realen
Ziele des Lebens fordern, geschieht im Spiele an bloß ideellen Inhalten,
um bloß ideeller Ziele willen - oder genauer nicht einmal um dieser
willen, sondern nur aus Lust an der Funktion, an dem subjektiven Tun,
das mit keinem über dieses Tun selbst hinausgreifenden Inhalt beschwert
ist.
Das ist der
eigentliche Sinn des Satzes aus der Ästhetik Schillers: Der Mensch ist
nur da ganz Mensch, wo er spielt.
Nur im Spiel, das
heißt, wenn unser Tun nur in sich selbst kreist, sich nur an sich selbst
befriedigt, sind wir absolut wir selbst, sind wir ganz »Mensch«, das
heißt seelische Funktion, die nicht über sich weg zu einem in irgend
einem Sinne konkreten Inhalt greift.
Und dies ist die
Kantsche Zweckmäßigkeit ohne Zweck.
Denn die Schönheit
ist nichts, was in dem objektiven Sein der Dinge läge, sondern sie ist
eine subjektive Reaktion, die dieses in uns anregt, oder, wie Kant sich
ausdrückt: »eine Gunst, womit wir die Natur aufnehmen, nicht eine
solche, die sie uns erzeigt.« Sie ist die Aktivität, das »Ziel« unserer
seelischen Vermögen, sonst ausgeübt, um die Wirklichkeit praktisch und
theoretisch zu bemeistern, jetzt aber nur um seiner selbst willen
vorgehend, in sich selbst schwingend und darum in jener reinen Harmonie
und Freiheit verlaufend, die die Belastung mit den konkreten
Vorstellungen und Zwecken ihr nicht gestattet.
Was Kant so mit der
Intuition des Genies als die Wirklichkeit des ästhetischen Gefühls
beschreibt oder vielleicht richtiger: als dessen ideale Vollendung, die
seine Wirklichkeit nur annähernd erreicht, - liegt zugleich in der
Richtungslinie der modernen entwickelungsgeschichtlichen Deutung.
Die Höhe, in der
die ästhetischen Werte über den Nöten und Zwecken des äußeren Lebens
stehen, verhindert durchaus nicht, dass sie sich geschichtlich aus
diesen entwickelt haben, so wenig, wie der geistige Adel der
Menschenseele darunter leidet, dass der Mensch einst aus einer niederen
Tierart hervorgegangen ist.
Man hat lange
bemerkt, dass, was wir schön nennen, die Form der aus praktischen
Gründen nützlichen Dinge ist.
Schopenhauer führt
aus, dass die Formen der weiblichen Gestalt uns in dem Maße ästhetisch
vollendet erscheinen, in dem wir sie unbewusst als für die Zwecke der
Gattungserhaltung geeignet beurteilen.
Was wir an einem
Gesicht schön nennen, sind vielleicht diejenigen Züge, die nach uralter
Geltungserfahrung mit sittlichen, sozial zweckmäßigen Eigenschaften
verbunden sind - so oft auch zufällige Vererbungen das eine vom anderen
trennen mögen.
Ja der ästhetische
Reiz jeder überhaupt sehr charakteristischen, das heißt ein Inneres
unzweideutig verratenden Physiognomie mag daher stammen, dass die
äußere Offenbarung der Wesensart eine zwar nicht immer für das
Individuum, aber für seine soziale Umgebung höchst nützliche Qualität
ist.
Und ebenso mit
untermenschlichen Formen: die architektonische Schönheit erscheint als
die vollendete Proportion von Lasten und tragenden Kräften, von Druck
und Spannung, kurz als die Struktur, die für den Bestand und die Zwecke
des Werkes die zweckmäßigste ist.
Alle räumlichen
Gestaltungen erscheinen uns schön, die den Raum übersichtlich gliedern,
also für die praktischen Zwecke die geeignetsten sind, alle physischen
und seelischen Wirklichkeiten, die mit einem Minimum von Kraftaufwand
ein Maximum von Zweckerfolg erreichen.
Aber alle diese
praktischen Zwecke sind vergessen, wo der ästhetische Wert sich erhebt;
die Länge der Vererbungen, die Vielheit und Selbstverständlichkeit der
Erfahrungen haben sie längst unbewusst gemacht, diese haben ihrer Form
nur die allgemeine Bedeutung hinterlassen, die sie einst durch ihre
konkreteren Inhalte erworben hat, und die jetzt nur gefühlsmäßig
geworden ist.
Es ist die
Bedeutung der Zweckmäßigkeit, aus der der Zweck entschwunden ist, jenes
bloß innerliche, von aller Materie gelöste Nachschwingen längst
untergesunkener Freuden oder Nützlichkeiten - das Kant in die
erschöpfende Formel der Zweckmäßigkeit ohne Zweck zusammenfasst.
Und dies scheint
mir kein verächtlicher Ursprung der ästhetischen Tatsächlichkeit; er
verwebt sie in die ganze Breite des Lebens, lässt sie aus dessen
Unerlässlichkeiten und den Bedingungen seines Wachstums sich entwickeln.
Und nur dann würden
sie an seine Niederungen und Ungeistigkeiten gefesselt bleiben, wenn ihr
Reiz noch durch die einzelnen greifbaren Zwecke bedingt wäre.
So aber, wo die
bloße Form dieser, nur ihr typischer Sinn und Geist geblieben ist,
stellen sie den feinsten Extrakt des Lebens dar; die Zweckmäßigkeit, in
der die Zwecke sich verzehrt haben, ist jener »farbige Abglanz«, an dem
wir das Leben haben, weil er sich über das Leben - aber doch aus dem
Leben - erhoben hat.
Es gehört zu den
eigentümlichsten Erfahrungen in der Geistesgeschichte, dass die hiermit
umschriebene ästhetische Grundüberzeugung Kants ersichtlich gar nicht
aus seinem positiven Verhältnis zu den ästhetischen Objekten gewonnen
ist, sondern nur indirekt, durch das wissenschaftlich verstandesmäßige
Bedürfnis, den Begriff des Schönen mit völliger Genauigkeit gegen die
des sinnlich Angenehmen, des Wahren, des sittlich Guten abzugrenzen.
Die Tendenz seines
ganzen Denkens war, die Gebiete des Daseins unter die seelischen
Energien aufzuteilen, die sie aufnehmen oder hervorbringen; die Schärfe
und Gerechtigkeit, mit der er so die innere Vielheit des Subjektes und
damit die der objektiven Welt gliederte und jedem Teile das Seine gab,
war die große Geste, mit der er in die philosophische Entwickelung
eintrat.
Das Schöne, das ihm
gewiss zunächst nur ganz im allgemeinen als ein Gebiet eigener
Gesetzgebung vorschwebte, musste nach seinen Grenzen bestimmt werden.
Sie ergaben sich
dem Sinnlichen wie dem Sittlichen gegenüber durch die Gleichgültigkeit
gegen alle Realität.
Alles sinnliche
Interesse knüpft sich an das Empfindbare, das wirklich ist, oder dessen
Wirklichkeit wir wünschen; alles sittliche Interesse an das, was
wirklich sein soll, wenngleich es vielleicht sehr unvollkommen
verwirklicht wird.
Das ästhetische
Urteil aber knüpft sich an das bloße Bild der Dinge, an ihre Erscheinung
und Form, gleichviel, ob sie von greifbarer Realität getragen wird oder
nicht.
Die Grenze gegen
alle Erkenntnisurteile aber liegt im Gefühlscharakter alles
Ästhetischen; der höchste Punkt, auf den hier die seelischen Bewegungen
hingehen, der die Elemente des schönen Gegenstandes oder des Kunstwerkes
zu einer Einheit zusammenhält, ist nicht mit Begriffen zu bezeichnen,
während alle Erkenntnis gerade auf der Zusammenfassung von Einzelheiten
zu höheren, bewussten Begriffen ruht.
Das Äusserste, wozu
das Denken sich erhebt, sind die metaphysischen Begriffe, denen keine
Anschauung entspricht, - das ästhetische Gefühl aber bezieht sich auf
Anschauungen, denen kein Begriff entspricht.
Damit ist aber
nicht behauptet, dass das ästhetische Urteil willkürlich oder grundlos
sei; nur liegt sein Grund nicht in bestimmten Begriffen, die unsere
Seele bildet, sondern in jener ganz allgemeinen, innerlich harmonischen
Stimmung, jener organischen, für alle ihre Zwecke günstigen Spannung
und Rangierung ihrer Energien, die jenseits aller Einzelbestimmtheit
lebt, weil sie nur die reine, abgelöste Funktion aller inhaltlich
bestimmten singulären Vorgänge ist.
Aus dieser
Konstellation erklärt Kant die Eigentümlichkeit des Geschmacksurteils:
dass niemand einen anderen von der Richtigkeit des seinigen überzeugen
kann, wie von der Richtigkeit einer theoretischen Behauptung, und dass
doch jeder mit dem Urteil: dies und das ist schön - etwas Gültiges,
eigentlich von allen anderen Anzuerkennendes auszusprechen meint, im
Unterschied gegen rein sinnliches Gefallen, bei dem sich jeder mit der
bloßen Subjektivität seines Gefühls zufrieden gibt.
In der Tat: niemand
kann im Ernst darüber streiten, ob Austern gut schmecken, ob Moschus
ein angenehmer oder widriger Geruch ist; ob aber ein Kunstwerk schön ist
oder nicht, hat die leidenschaftlichsten Kontroversen erregt, als gäbe
es dafür einen Beweis und verstandesmäßige Überzeugung, die doch
tausendfache Erfahrung als illusorisch zeigt.
Was den modernen
Menschen von neuem so stark zu den ästhetischen Werten zieht, ist dieses
einzigartige Spiel zwischen dem objektiven und dem subjektiven
Standpunkt, zwischen der Individualität des Geschmackes und dem Gefühle,
dass er doch in einem Überindividuellen, Allgemeinen wurzele.
Diesen Widerstreit
löst allerdings die Kantsche Vorstellung: Das ästhetische Urteil beruhe
zwar sozusagen auf Begriffen und Zweckmäßigkeiten, aber nicht auf
bestimmten, sondern nur auf dem allgemeinen Zustand, gleichsam auf der
Form der Seele, die sie bei der Bildung von Erkenntnissen und Zwecken
annimmt, die aber hier nicht zu solchen vorschreitet, sondern in sich
selbst beschlossen bleibt und sich nur als Gefühl kundgibt.
Und dieses dunkle
Bewusstsein, dass hier die grundlegenden Funktionen des Geistes für sich
allein agieren, die allen Seelen gemeinsam sind, lässt uns glauben, dass
wir in diesen Urteilen doch nicht alleinstehen könnten, dass doch
eigentlich jeder andere das gleiche fällen müsste, wenn es nur gelänge,
ihn das Objekt in der gleichen Weise sehen zu lassen.
Wir haben hier
einen ganz subjektiven Vorgang, ein Gefallen oder Missfallen, das wegen
seiner Erhebung über alle Zufälligkeit sinnlichen Vergnügens auf das
allgemein Menschliche in uns zurückzugehen scheint; damit erhebt es den
Anspruch auf Gültigkeit über das persönliche Subjekt hinaus, wie sie
sonst nur innerhalb der Erkenntnis erreichbar ist.
Alle Differenzen
der ästhetischen Urteile auf gleicher geistiger Ausbildungsstufe könnten
dann nur daher stammen, dass jenes reine Verhältnis und formale Spiel
unserer seelischen Kräfte schon als vollendet empfunden wird, wo es dies
tatsächlich noch nicht ist, dass es sich für den einen durch Eindrücke
anregen lässt, die dem anderen dazu ganz unzureichend sind.
- Man mag diese
Kantsche Hypothese für befriedigend halten oder nicht: sie ist
jedenfalls der erste und einer der tiefsten Versuche, die individuelle
Subjektivität des modernen Menschen, auf die er nicht verzichten mag,
mit der überindividuellen Gemeinsamkeit aller, deren er nicht weniger
bedarf, innerhalb des ästhetischen Gebietes zu versöhnen.
Die Anerkennung,
dass es in so indiskutablen Tatsachen, wie die des ästhetischen
Geschmackes sind, dennoch etwas Allgemeingültiges gibt, weil sie auf
die ganz überindividuelle Harmonie unserer seelischen Kräfte
zurückgehen, die nur auf individuelle oder irrige Veranlassung hin ihr
Spiel beginnt, - ist der erste Eingriff des modernen Geistes in das
ästhetische Gebiet.
Denn die Probleme
dieses Geistes durften sich in der Hauptsache wohl um jenes Eine
gruppieren: wie die Freiheit und Mannigfaltigkeit der Individuen
bestehen könne, ohne in Gesetzlosigkeit und Isolierung zu verfallen.
Indem Kant die
ästhetischen Urteile als eine der Formen erkennt, in denen dieses
Problem lebt, indem gerade seine Lösung der ästhetischen Grundfrage die
Spannung zwischen dem Individuellen und dem Allgemeinen in uns aufs
schärfste fühlbar macht, hat er vielleicht mehr als durch den sachlichen
Wert dieser Lösung dem erst nach beinahe hundert Jahren bewusst
gewordenen Bedürfnis gedient, die ästhetischen Probleme in die letzten
Fragen des Lebens zu verflechten, und hat die Überzeugung wachsen
lassen, dass gerade in den neuen Schwierigkeiten dieser Verflechtung
das Recht liegt, sie auch als Träger neuer Lösungen anzusehen.
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