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Georg Simmel: Soziologie
Untersuchungen über
die Formen der Vergesellschaftung
Duncker & Humblot, Berlin 1908 (1. Auflage)
Erstes Kapitel.
Das Problem der Soziologie
( ->1)
Wenn es richtig ist, dass das menschliche Erkennen sich aus praktischen
Notwendigkeiten entwickelt hat, weil das Wissen des Wahren eine Waffe im
Kampf ums Dasein ist, sowohl gegenüber dem außermenschlichen Sein wie in
der Konkurrenz der Menschen untereinander—so ist es doch an diese
Herkunft längst nicht mehr gebunden, und ist aus einem bloßen Mittel für
die Zwecke des Handelns selbst zu einem endgültigen Zwecke geworden.
Dennoch hat das Erkennen, sogar in der selbstherrlichen Form der
Wissenschaft, die Beziehungen zu den Interessen der Praxis nicht überall
abgebrochen, wenn sie auch jetzt nicht als bloße Erfolge der letzteren
auftreten, sondern als Wechselwirkungen zweier, zu selbständigen Rechten
bestehenden Reiche.
Denn das wissenschaftliche Erkennen bietet sich nicht nur, in der
Technik, der Verwirklichung äußerer Willensziele dar, sondern auch, von
der andern Seite her, setzt sich an die praktischen Zuständlichkeiten,
innere wie äußere das Bedürfnis theoretischer Einsicht an; manchmal
tauchen neue Richtungen des Denkens auf) mit deren rein abstraktem
Charakter dennoch nur die Interessen eines neuen Fühlens und Wollens
sich in die Fragestellungen und Formen der Intellektualität
hineinstrecken.
So sind die Ansprüche, die die Wissenschaft der Soziologie zu erheben
pflegt, die theoretische Fortsetzung und Abspiegelung der praktischen
Macht, die im neunzehnten Jahrhundert die Massen gegenüber den
Interessen des Individuums erlangt haben.
Daß aber das Bedeutungsgefühl und die Aufmerksamkeit, die die unteren
Stände den höheren abzwangen, gerade von dem Begriff der »Gesellschaft«
getragen ist, liegt daran, daß vermöge der sozialen Distanz die ersteren
den letzteren nicht nach ihren Individuen, sondern nur als einheitliche
Masse erscheinen und daß eben diese Distanz beide in keiner andern
prinzipiellen Hinsicht verbunden sein läßt, als daß sie zusammen »eine
Gesellschaft« bilden.
Indem die Klassen, deren Wirksamkeit nicht in der wahrnehmbaren
Bedeutung der Einzelnen, sondern in ihrem »Gesellschaft« ‑Sein liegt,
das theoretische Bewußtsein—in Konsequenz der praktischen
Machtverhältnisse—auf sich zogen, nahm das Denken auf einmal wahr, daß
überhaupt jede individuelle Erscheinung durch eine Unermeßlichkeit von
Einflüssen aus ihrem menschlichen Umgebungskreise bestimmt ist.
Und dieser Gedanke gewann sozusagen rückwirkende Kraft: neben der
gegenwärtigen erschien die vergangene Gesellschaft als die Substanz, die
die einzelne Existenz bildete, wie das
( ->2) Meer die
Wellen; hier schien der Boden gewonnen, aus dessen Kräften allein die
besonderen Formen, zu denen er die Individuen bildete, erklärbar wurden.
Diese Denkrichtung unterstützte der moderne Relativismus, die Neigung,
das Einzelne und Substanzielle in Wechselwirkungen aufzulösen; das
Individuum war nur der Ort, an dem sich soziale Fäden verknüpfen, die
Persönlichkeit nur die besondere Art, auf die dies geschieht.
Da man sich zum Bewußtsein brachte, daß alles menschliche Tun innerhalb
der Gesellschaft verläuft und keines sich ihrem Einfluß entziehen kann,
so mußte alles, was nicht Wissenschaft von der äußeren Natur war,
Wissenschaft von der Gesellschaft sein.
Sie erschien als das allumfassende Gebiet, in dem sich Ethik wie
Kulturgeschichte, Nationalökonomie wie Religionswissenschaft, Ästhetik
wie Demographie, Politik wie Ethnologie zusammenfanden, da die
Gegenstände dieser Wissenschaften sich in dem Rahmen der Gesellschaft
realisierten: die Wissenschaft vom Menschen sei Wissenschaft von der
Gesellschaft.
Zu dieser Vorstellung der Soziologie als Wissenschaft von allem
Menschlichen überhaupt trug bei, daß sie eine neue Wissenschaft war und
infolgedessen alle möglichen, sonst nicht recht unterzubringenden
Probleme sich an sie herandrängten—wie ein neuerschlossenes Gebiet immer
zuerst das Dorado von heimatlosen und entwurzelten Existenzen wird: die
zuerst unvermeidliche Unbestimmtheit und Unverteidigtheit der Grenzen
gewährt jedem das Recht, dort unterzukommen. Näher angesehen indes,
erzeugt dieses Zusammenwerfen aller bisherigen Wissensgebiete kein
neues.
Es bedeutet nur, daß alle historischen, psychologischen, normativen
Wissenschaften in einen großen Topf geschüttet werden und diesem das
Etikett: Soziologie—aufgeheftet wird.
Damit wäre also nur ein neuer Name gewonnen, während alles, was er
bezeichnet, in seinem Inhalt und seinen Verhältnissen schon feststeht
oder innerhalb der bisherigen Forschungsprovinzen produziert wird.
Die Tatsache, daß das menschliche Denken und Handeln in der Gesellschaft
und durch sie bestimmt vorgeht, macht die Soziologie so wenig zu der
allumfassenden Wissenschaft von demselben, wie man Chemie, Botanik und
Astronomie zu Inhalten der Psychologie machen kann, weil ihre
Gegenstände doch schließlich nur im menschlichen Bewußtsein wirklich
werden und den Voraussetzungen desselben unterliegen.
Jenem Irrtum liegt eine zwar mißverstandene, aber an sich sehr
bedeutsame Tatsache zum Grunde.
Die Einsicht: der Mensch sei in seinem ganzen Wesen und allen
Äusserungen dadurch bestimmt, daß er in Wechselwirkung mit andern
Menschen lebt—muß allerdings zu einer neuen Betrachtungsweise in allen
sogenannten Geisteswissenschaften führen.
Es ist jetzt nicht mehr möglich, die historischen Tatsachen im weitesten
Sinne des Wortes, die Inhalte der Kultur, die Arten der Wirtschaft, die
Normen der Sittlichkeit aus dem Einzelmenschen, seinem Verstande und
seinen Interessen her
( ->3) aus zu erklären und,
wo dies nicht gelingt, sogleich zu metaphysischen oder magischen
Ursachen zu greifen.
Man steht z. B. bezüglich der Sprache nicht mehr vor der Alternative,
daß sie entweder von genialen Individuen erfunden oder von Gott den
Menschen gegeben ist; in die Religionsgebilde braucht sich nicht mehr
die Erfindung schlauer Priester und die unmittelbare Offenbarung zu
teilen usw.
Vielmehr glauben wir jetzt die historischen Erscheinungen aus dem
Wechselwirken und dem Zusammenwirken der Einzelnen zu verstehen, aus der
Summierung und Sublimierung unzähliger Einzelbeiträge, aus der
Verkörperung der sozialen Energien in Gebilden, die jenseits des
Individuums stehen und sich entwickeln.
Die Soziologie also, in ihrer Beziehung zu den bestehenden
Wissenschaften, ist eine neue Methode, ein Hilfsmittel der Forschung, um
den Erscheinungen aller jener Gebiete auf einem neuen Wege beizukommen.
Damit verhält sie sich aber nicht wesentlich anders, als seinerzeit die
Induktion, die als neues Forschungsprinzip in alle möglichen
Wissenschaften eindrang, sich in jeder gleichsam akklimatisierte und ihr
innerhalb der feststehenden Aufgaben zu neuen Lösungen verhalf.
So wenig aber daraufhin Induktion eine besondere Wissenschaft oder gar
eine allbefassende ist, so wenig ist es, auf dieselben Momente hin, die
Soziologie.
Soweit sie sich darauf stützt, daß der Mensch als Gesellschaftswesen
verstanden werden muss und daß die Gesellschaft der Träger alles
historischen Geschehens ist, enthält sie kein
Ob jetzt, das nicht schon in einer der bestehenden Wissenschaften
behandelt würde, sondern nur einen neuen Weg für alle diese, eine
Methode der Wissenschaft, die gerade wegen ihrer Anwendbarkeit auf die
Gesamtheit der Probleme nicht eine eigne Wissenschaft für sich ist.
Welches aber kann das eigne und neue Objekt sein, dessen Erforschung die
Soziologie zu einer selbständigen und grenzbestimmten Wissenschaft
macht?
Es liegt auf der Hand, dass zu dieser Legitimation ihrer als einer neuen
Wissenschaft nicht die Entdeckung eines, seiner Existenz nach bisher
unbekannten Gegenstandes gehört.
Alles, was wir als Gegenstand schlechthin bezeichnen, ist ein Komplex
von Bestimmungen und Beziehungen, deren jede, an einer Vielheit von
Gegenständen aufgezeigt, zum Objekt einer besonderen Wissenschaft werden
kann.
Jede Wissenschaft beruht auf einer Abstraktion, indem sie die Ganzheit
irgendwelchen Dinges, die wir als einheitliche durch keine Wissenschaft
erfassen können, nach je einer ihrer Seiten, von dem Gesichtspunkt je
eines Begriffes aus, betrachtet.
Der Totalität des Dinges und der Dinge gegenüber erwächst jede
Wissenschaft durch arbeitsteilige Zerlegung jener in einzelne Qualitäten
und Funktionen, nachdem ein Begriff aufgefunden ist, der diese letzteren
herauszulösen und in all ihrem Vorkommen an den realen Dingen nach
methodischen Zusammenhängen zu erfassen gestattet.
So haben zu. B. die linguistischen
Tatsachen, die man jetzt als das Material der vergleichenden
Sprachwissenschaft zusammenfaßt, schon lange an wissenschaftlich
behandelten Erscheinungen existiert; jene Sonderwissenschaft aber
entstand mit der Entdeckung des Begriffes, unter dem dieselben,
(-> 4) bisher an
verschiedenen Sprachkomplexen auseinanderliegend, einheitlich
zusammengehören und von speziellen Gesetzen geregelt werden.
So könnte auch die Soziologie als besondere Wissenschaft ihr besonderes
Objekt darin finden, daß sie nur eine neue Linie durch Tatsachen legt,
die als solche durchaus bekannt sind; nur daß ihnen gegenüber eben der
Begriff bisher nicht wirksam geworden wäre, der die auf jene Linie
gehörige Seite dieser Tatsachen als eine ihnen allen gemeinsame und eine
methodisch-wissenschaftliche Einheit bildende kenntlich macht.
Den höchst komplizierten, unter einen wissenschaftlichen Gesichtspunkt
überhaupt nicht zusammengehenden Tatsachen der geschichtlichen
Gesellschaft gegenüber erzeugen die Begriffe der Politik, der
Wirtschaft, der Kultur usw. derartige Erkenntnisreihen, sei es, indem
sie gewisse Teile jener Tatsachen, unter Ausscheidung oder nur
akzidentellem Mitwirken der andern, zu einmaligen historischen Verläufen
verknüpfen, sei es, daß sie die Gruppierungen von Elementen kenntlich
machen, die unabhängig von dem einzelnen Hier und Jetzt einen zeitlos
notwendigen Zusammenhang enthalten.
Soll es nun eine Soziologie als besondere Wissenschaft geben, so muß
demnach der Begriff der Gesellschaft als solcher, jenseits der äußeren
Zusammenfassung jener Erscheinungen, die
gesellschaftlich-geschichtlichen Gegebenheiten einer neuen Abstraktion
und Zusammenordnung unterwerfen, derart, daß gewisse, bisher nur in
anderen und mannigfaltigen Verbindungen beachtete Bestimmungen derselben
als zusammengehörig und deshalb als Objekte einer Wissenschaft erkannt
werden.
Dieser Gesichtspunkt nun ergibt sich vermittels einer Analyse des
Gesellschaftsbegriffes, die man als Unterscheidung zwischen Form und
Inhalt der Gesellschaft bezeichnen kann — unter Betonung davon, daß dies
hier eigentlich nur ein Gleichnis ist, um den Gegensatz der zu
scheidenden Elemente annähernd zu benennen; dieser Gegensatz wird in
seinem einzigartigen Sinn unmittelbar erfasst werden müssen, ohne durch
die sonstige Bedeutung dieser vorläufigen Namen präjudiziert zu werden.
Ich gehe dabei von der weitesten, den Streit um Definition möglichst
vermeidenden Vorstellung der Gesellschaft aus: daß sie da existiert, wo
mehrere Individuen in Wechselwirkung treten.
Diese Wechselwirkung entsteht immer aus bestimmten Trieben heraus oder
um bestimmter Zwecke willen.
Erotische, religiöse oder bloß gesellige Triebe, Zwecke der Verteidigung
wie des Angriffs, des Spieles wie des Erwerbes, der Hilfeleistung wie
der Belehrung und unzählige andere bewirken es, daß der Mensch in ein
Zusammensein, ein Füreinander-, Miteinander-, Gegeneinander-Handeln, in
eine Korrelation der Zustände mit andern tritt, d. h. Wirkungen auf sie
ausübt und Wirkungen von ihnen empfängt.
Diese Wechselwirkungen bedeuten, daß aus den individuellen Trägern jener
veranlassenden Triebe und Zwecke eine Einheit, eben eine »Gesellschaft«
wird.
Denn Einheit im empirischen Sinn ist nichts anderes als Wechselwirkung
von Elementen: ein organischer Körper ist eine Einheit, weil seine
Organe in engerem Wechseltausch ihrer Energien stehen, als mit
irgendeinem äußeren Sein, ein Staat ist einer, weil unter seinen Bürgern
das ent- (-> 5) sprechende Verhältnis gegenseitiger Einwirkungen besteht, ja,
die Welt konnten wir nicht eine nennen, wenn nicht jeder ihrer Teile
irgendwie jeden beeinflußte, wenn irgendwo die, wie immer vermittelte,
Gegenseitigkeit der Einwirkungen abgeschnitten wäre.
Jene Einheit oder Vergesellschaftung kann, je nach der Art und Enge der
Wechselwirkung, sehr verschiedene Grade haben—von der ephemeren
Vereinigung zu einem Spaziergang bis zur Familie' von allen
Verhältnissen »auf Kündigung« bis zu der Zusammengehörigkeit zu einem
Staat, von dem flüchtigen Zusammen einer Hotelgesellschaft bis zu der
innigen Verbundenheit einer mittelalterlichen Gilde.
Ich bezeichne nun alles das was in den Individuen, den unmittelbar
konkreten Orten aller historischen Wirklichkeit als Trieb, Interesse,
Zweck, Neigung, psychische Zuständlichkeit und Bewegung derart vorhanden
ist, daß daraus oder daran die Wirkung auf andre und das Empfangen ihrer
Wirkungen entsteht— dieses bezeichne ich als den Inhalt, gleichsam die
Materie der Vergesellschaftung
An und für sich sind diese Stoffe, mit denen das Leben sich füllt, diese
Motivierungen, die es treiben, noch nicht sozialen Wesens.
Weder Hunger noch Liebe, weder Arbeit noch Religiosität, weder die
Technik noch die Funktionen und Resultate der Intelligenz bedeuten, wie
sie unmittelbar und ihrem reinen Sinne nach gegeben sind, schon
Vergesellschaftung; vielmehr, sie bilden diese erst, indem sie das
isolierte Nebeneinander der Individuen zu bestimmten Formen des
Miteinander und Füreinander gestalten, die unter den allgemeinen Begriff
der Wechselwirkung gehören.
Die Vergesellschaftung ist also die, in unzähligen verschiedenen Arten
sich verwirklichende Form, in der die Individuen auf Grund jener
—sinnlichen oder idealen, momentanen oder dauernden, bewußten oder
unbewußten, kausal treibenden oder teleologisch ziehenden— Interessen zu
einer Einheit zusammenwachsen und innerhalb deren diese Interessen sich
verwirklichen.
In jeder vorliegenden sozialen Erscheinung bilden Inhalt und
gesellschaftliche Form eine einheitliche Realität, eine soziale Form
kann so wenig eine von jedem Inhalt geloste Existenz gewinnen, wie eine
räumliche Form ohne eine Materie bestehen kann, deren Form sie ist.
Dies vielmehr sind die in der Wirklichkeit untrennbaren Elemente jedes
sozialen Seins und Geschehens: ein Interesse, Zweck, Motiv und eine Form
oder Art der Wechselwirkung unter den Individuen, durch die oder in
deren Gestalt jener Inhalt gesellschaftliche Wirklichkeit erlangt.
Was nun die >Gesellschaft<, in jedem bisher
gültigen Sinne des Wortes, eben zur Gesellschaft macht, das sind
ersichtlich die so angedeuteten Arten der Wechselwirkung.
Irgendeine Anzahl von Menschen wird nicht dadurch zur Gesellschaft, daß
in jedem für sich irgendein sachlich bestimmter oder ihn individuell
bewegender Lebensinhalt besteht; sondern erst, wenn die Lebendigkeit
dieser Inhalte die Form der gegenseitigen Beeinflussung gewinnt, wenn
eine Wirkung von einem auf das andere —unmittelbar oder durch ein
Drittes vermittelt — stattfindet, ist aus dem bloß räumlichen
Nebeneinander oder auch zeitlichen Nacheinander der Menschen
(-> 6) eine Gesellschaft
geworden.
Soll es also eine Wissenschaft geben, deren Gegenstand die Gesellschaft
und nichts andres ist, so kann sie nur diese Wechselwirkungen, diese
Arten und Formen der Vergesellschaftung untersuchen wollen.
Denn alles andre, was sich sonst noch innerhalb der »Gesellschaft«
findet, durch sie und in ihrem Rahmen realisiert wird, ist nicht
Gesellschaft selbst, sondern nur ein Inhalt, der sich diese Form oder
den sich diese Form der Koexistenz anbindet und der freilich erst mit
ihr zusammen das reale Gebilde, das »Gesellschaft« im weiteren und
üblichen Sinne heißt, zustande bringt.
Daß dieses beides, in der Wirklichkeit untrennbar Vereinte, in der
wissenschaftlichen Abstraktion getrennt werde, daß die Formen der
Wechselwirkung oder Vergesellschaftung, in gedanklicher Ablösung von den
Inhalten, die durch sie erst zu gesellschaftlichen werden,
zusammengefasst und einem einheitlichen wissenschaftlichen Gesichtspunkt
methodisch unterstellt werden— dies scheint mir die einzige und die
ganze Möglichkeit einer speziellen Wissenschaft von der Gesellschaft als
solcher zu begründen.
Mit ihr erst wären die Tatsachen, die wir als die gesellschaftlich
historische Realität bezeichnen, wirklich auf die Ebene des bloß
Gesellschaftlichen projiziert.
Nun mögen derartige Abstraktionen, die allein aus der Komplexität oder
auch der Einheit der Wirklichkeit Wissenschaft zustande bringen, noch so
sehr aus den inneren Bedürfnissen des Erkennens heraus gefordert sein:
irgendeine Legitimation für sie muß doch in der Struktur der
Objektivität selbst liegen; denn nur in irgendeiner funktionellen
Beziehung zur Tatsächlichkeit kann der Schutz gegen unfruchtbare
Fragestellungen, gegen einen Zufallscharakter der wissenschaftlichen
Begriffsbildung liegen.
So irrig ein naiver Naturalismus das Gegebene schon die analytischen
oder synthetischen Anordnungen, durch die es zum Inhalt einer
Wissenschaft wird, enthalten läßt, so sind doch die Bestimmungen, die es
tatsächlich besitzt, jenen Anordnungen mehr oder weniger fügsam—wie etwa
ein Porträt die natürliche menschliche Erscheinung grundsätzlich
umgestaltet, und dennoch die eine für dieses ihr ganz wurzelfremde
Gebilde eine größere Chance besitzt als die andere; woran dann das
bessere oder schlechtere Recht jener wissenschaftlichen Probleme und
Methoden meßbar ist.
So wird nun das Recht, die historisch‑gesellschaftlichen Erscheinungen
der Analyse nach Formen und Inhalten zu unterwerfen und die ersteren zu
einer Synthese zu bringen, auf zwei Bedingungen ruhen, die nur von den
Tatsachen aus verifiziert werden können.
Es muß sich einerseits finden, daß die gleiche Form der
Vergesellschaftung an ganz verschiedenem Inhalt, für ganz verschiedene
Zwecke auftritt, und umgekehrt, dass das gleiche inhaltliche Interesse
sich in ganz verschiedene Formen der Vergesellschaftung als seine Träger
oder Verwirklichungsarten kleidet — wie sich die gleichen geometrischen
Formen an den verschiedensten Materien finden und die gleiche Materie
sich den
verschiedensten Raumformen darstellt, oder wie das Entsprechende
zwischen den logischen Formen und den materialen Erkenntnisinhalten
statt hat.
(->7)
Beides ist aber als Tatsache unleugbar.
An gesellschaftlichen Gruppen, welche ihren Zwecken und ihrer ganzen
Bedeutung nach die denkbar verschiedensten sind, finden wir dennoch die
gleichen formalen Verhaltungsweisen der Individuen zueinander. über und
Unterordnung, Konkurrenz, Nachahmung, Arbeitsteilung, Parteibildung,
Vertretung, Gleichzeitigkeit des Zusammenschlusses nach innen und des
Abschlusses nach außen und unzähliges Ähnliches findet sich an einer
staatlichen Gesellschaft wie an einer Religionsgemeinde, an einer
Verschwörerbande wie an einer Wirtschaftsgenossenschaft, an einer
Kunstschule wie an einer Familie.
So mannigfaltig auch die Interessen sind, aus denen es überhaupt zu
diesen Vergesellschaftungen kommt — die Formen, in denen sie sich
vollziehen, können dennoch die gleichen sein.
Und nun andrerseits: das inhaltlich gleiche Interesse kann sich in sehr
verschiedenartig geformten Vergesellschaftungen darstellen, zum Beispiel
das wirtschaftliche Interesse realisiert sich ebenso durch Konkurrenz
wie durch planmäßige Organisation der Produzenten, bald durch Abschluß
gegen andre Wirtschaftsgruppen, bald durch Anschluß an sie; die
religiösen Lebensinhalte fordern, inhaltlich die identischen bleibend,
einmal eine freiheitliche, ein andermal eine zentralistische
Gemeinschaftsform, die Interessen, die den Beziehungen der Geschlechter
zum Grunde liegen, befriedigen sich in der kaum übersehbaren
Mannigfaltigkeit der Familienformen; das pädagogische Interesse führt
bald zu einer liberalen, bald zu einer despotischen Verhältnisform des
Lehrers zu den Schülern, bald zu individualistischen Wechselwirkungen
zwischen dem Lehrer und dem einzelnen Schüler, bald zu mehr
kollektivistischen zwischen jenem und der Gesamtheit der Schüler.
Wie also die Form die identische sein kann, in der die divergentesten
Inhalte sich vollziehen, so kann der Stoff beharren, während das
Miteinander der Individuen, das ihn trägt, sich in einer
Mannigfaltigkeit von Formen bewegt; wodurch denn die Tatsachen, obgleich
in ihrer Gegebenheit Stoff und Form eine unlösbare Einheit des sozialen
Lebens ausmachen, eben jene Legitimation des soziologischen Problems
leisten, das die Feststellung, systematische Ordnung, psychologische
Begründung und historische Entwicklung der reinen Formen der
Vergesellschaftung fordert.
Dieses Problem ist dem Verfahren, nach dem die bisherigen einzelnen
Sozialwissenschaften kreiert worden sind, direkt entgegengesetzt.
Denn die Arbeitsteilung unter diesen wurde durchaus von der
Verschiedenheit der Inhalte bestimmt. Nationalökonomie wie die
Systematik der kirchlichen Organisationen, Geschichte des Schulwesens
wie der Sitten, Politik wie die Theorien des sexuellen Lebens usw. haben
das Gebiet der sozialen Erscheinungen unter sich aufgeteilt, so daß eine
Soziologie, die die Totalität dieser Erscheinungen, mit ihrer
Ineinsbildung von Form und Inhalt, umfassen wollte, sich als nichts
anderes ergeben konnte, denn als eine Zusammenfassung jener
Wissenschaften.
Solange die Linien, die wir durch die historische Wirklichkeit ziehen,
um sie in gesonderte Forschungsgebiete zu zerlegen, nur diejenigen
Punkte verbinden,
(>- 8) die gleiche
Interesseninhalte aufzeigen — solange gewährt diese Wirklichkeit einer
besonderen Soziologie keinen Platz; es bedarf vielmehr einer Linie, die,
alle bisher gezogenen durchquerend, die reine Tatsache der
Vergesellschaftung, ihren mannigfaltigen Gestaltungen nach, von ihrer
Verbindung mit den divergentesten Inhalten löst und als ein Sondergebiet
konstituiert.
Sie wird dadurch eine Spezialwissenschaft in demselben Sinn, —bei allen
selbstverständlichen Unterschieden der Methode und der Resultate—in dem
Erkenntnistheorie eine solche geworden ist, indem sie die Kategorien
oder Funktionen des Erkennens als solchen aus der Vielheit der
Erkenntnisse einzelner Dinge abstrahiert hat.
Sie gehört zu dem Typus von Wissenschaften, deren spezialistischer
Charakter nicht darin liegt, daß ihr Gegenstand mit andern zusammen
unter einen höheren Gesamtbegriff gehörte (wie klassische Philologie und
Germanistik, oder Optik und Akustik), sondern darin, daß sie ein
Gesamtgebiet von Gegenständen unter einen besonderen Gesichtspunkt
rückt. Nicht ihr Objekt, sondern ihre Betrachtungsweise, die besondre,
von ihr vollzogene Abstraktion differenziert sie von den übrigen
historisch‑ sozialen Wissenschaften.
Der Begriff der Gesellschaft deckt zwei, für die wissenschaftliche
Behandlung streng auseinander zu haltende Bedeutungen.
Sie ist einmal der Komplex vergesellschafteter Individuen, das
gesellschaftlich geformte Menschenmaterial, wie es die ganze historische
Wirklichkeit ausmacht.
Dann aber ist »Gesellschaft« auch die Summe jener Beziehungsformen,
vermöge deren aus den Individuen eben die Gesellschaft im ersten Sinne
wird.
So bezeichnet man als »Kugel« einmal eine bestimmt geformte Materie,
dann aber auch, im mathematischen Sinne, die bloße Gestalt oder Form,
vermöge welcher aus bloßer Materie die Kugel im ersten Sinne wird.
Wenn man von Gesellschaftswissenschaften jener ersteren Bedeutung nach
spricht, so ist ihr Objekt alles, was in und mit der Gesellschaft
vorgeht;
Gesellschaftswissenschaft im zweiten Sinne hat die Kräfte, Beziehungen
und Formen zum Gegenstand, durch die die Menschen sich
vergesellschaften, die also, in selbständiger Darstellung, die
»Gesellschaft« sensu strictissimo ausmachen—was selbstverständlich durch
den Umstand nicht alteriert wird, daß der Inhalt der Vergesellschaftung,
die speziellen Modifikationen ihres materiellen Zweckes und Interesses
oft oder immer über ihre spezielle Formung entscheiden.
Ganz irrig wäre hier der Einwand, daß alle diese Formen: Hierarchien und
Korporationen, Konkurrenzen und Eheformen, Freundschaften und gesellige
Sitten, Ein‑ und Vielherrschaften—doch nur konstellative Ereignisse in
schon bestehenden Gesellschaften seien: wäre nicht schon eine
Gesellschaft vorhanden' so fehlte die Voraussetzung und die Gelegenheit,
solche Formen aufkommen zu lassen.
Diese Vorstellung entsteht daraufhin, daß in jeder uns bekannten
Gesellschaft eine große Anzahl derartiger Verbindungs‑, d. h.
Vergesellschaftungsformen wirksam sind.
Wenn also selbst eine einzelne fortfiele, so würde noch immer
»Gesellschaft« übrig bleiben, so daß es von jeder einzelnen allerdings
scheinen kann, sie käme zu einer schon fertigen Gesellschaft hinzu
(-> 9) oder entstünde
innerhalb einer solchen.
Wenn man sich aber alle diese einzelnen wegdenkt, so bleibt keine
Gesellschaft mehr übrig.
Erst indem derartige Wechselbeziehungen, durch gewisse Motive und
Interessen hervorgerufen, wirksam werden, entsteht Gesellschaft; so sehr
also freilich die Geschichte und die Gesetze der so erwachsenden
Gesamtgebilde Sache der Gesellschaftswissenschaft im weiteren Sinne ist,
so bleibt, da diese schon in die einzelnen sozialen Wissenschaften
auseinander gegangen ist, für eine Soziologie im engeren Sinne, in dem,
der eine besondere Aufgabe stellt nur noch die Betrachtung der
abstrahierten Formen übrig, die nicht sowohl die Vergesellschaftung
bewirken, als vielmehr die Vergesellschaftung sind; Gesellschaft in dem
Sinne, den die Soziologie verwenden kann, ist dann entweder der
abstrakte Allgemeinbegriff für diese Formen, die Gattung, deren Arten
sie sind, oder die jeweilig wirksame Summe derselben.
Es folgt weiterhin aus diesem Begriff, daß eine gegebene Anzahl von
Individuen in größerem oder geringerem Grade Gesellschaft sein kann: mit
jedem neuen Aufwachsen synthetischer Gestaltungen, jeder Bildung von
Parteigruppen, jeder Vereinigung zu gemeinsamem Werk oder in gemeinsamem
Fühlen und Denken, jeder entschiederen Verteilung von Dienen und
Herrschen, jeder gemeinsamen Mahlzeit, jedem Sich Schmücken für die
andern wird eben dieselbe Gruppe mehr »Gesellschaft«, als sie es vorher
war.
Es gibt niemals schlechthin Gesellschaft, derart, daß unter ihrer
Voraussetzung sich nun jene einzelnen Verbindungsphänomene bildeten;
denn es gibt keine Wechselwirkung schlechthin, sondern besondere Arten
derselben, mit deren Auftreten eben Gesellschaft da ist und die weder
die Ursache noch die Folge dieser, sondern schon unmittelbar sie selbst
sind.
Nur die unabsehbare Fülle und Verschiedenheit, mit der sie in jedem
Augenblick wirksam sind, hat dem Allgemeinbegriff Gesellschaft eine
scheinbar selbständige historische Realität verschafft.
Vielleicht liegt in dieser Hypostasierung einer bloßen Abstraktion die
Ursache für die eigentümliche Verblasenheit und Unsicherheit, die diesem
Begriff und den bisherigen Verhandlungen der allgemeinen Soziologie
anhaftete — wie man mit dem Begriff des Lebens nicht recht vorwärts kam,
solange die Wissenschaft ihn als ein einheitliches Phänomen von
unmittelbarer Realität ansah.
Erst als die einzelnen Prozesse innerhalb der Organismen, deren Summe
oder Verwebung das Leben ist, untersucht wurden, erst als erkannt wurde,
daß das Leben nur in diesen besonderen Vorgängen an und zwischen den
Organen und Zellen besteht, gewann die Wissenschaft vom Leben ihren
festen Boden.
Es dürfte erst auf diese Weise erfaßt werden, was an der Gesellschaft
wirklich »Gesellschaft» ist, wie erst die Geometrie bestimmt, was an den
räumlichen Dingen wirklich ihre Räumlichkeit ist. Soziologie,
als Lehre von dem Gesellschaft‑Sein der Menschheit, die auch in
unzähligen andern Hinsichten noch Wissenschaftsobjekt sein kann, verhält
sich also zu den übrigen Spezialwissenschaften, wie sich zu den
physikalisch‑chemischen Wissenschaften von der Materie die Geometrie
verhält: sie betrachtet die Form, durch die Materie
(-> 10) überhaupt zu
empirischen Körpern wird—die Form, welche freilich für sich allein nur
in der Abstraktion existiert, grade wie die Formen der
Vergesellschaftung.
Sowohl Geometrie wie Soziologie überlassen die Erforschung der Inhalte,
die sich in ihren Formen darstellen, oder der Totalerscheinungen, deren
bloße Form sie betrachten, andern Wissenschaften. —
Es bedarf kaum der Erwähnung, daß diese Analogie mit der Geometrie
durchaus nicht weiter reicht, als bis zu der hier durch sie versuchten
Verdeutlichung des prinzipiellen Problems der Soziologie. Vor allem hat
die Geometrie den Vorteil, auf ihrem Gebiet äußerst einfache Gebilde
vorzufinden, in welche die komplizierteren Figuren aufgelöst werden
können; deshalb ist aus verhältnismäßig wenigen Grundbestimmungen der
ganze Umkreis möglicher Gestaltungen zu konstruieren.
Gegenüber den Formen der Vergesellschaftung ist eine auch nur annähernde
Auflösung in einfache Elemente für absehbare Zeit nicht zu erhoffen.
Die Folge davon ist, daß die soziologischen Formen, wenn sie
einigermaßen bestimmte sein sollen, nur für einen relativ geringen
Umkreis von Erscheinungen gelten.
Wenn man also auch z. B. sagt, daß Ueber‑ und Unterordnung eine Formung
ist, die sich fast in jeder menschlichen Vergesellschaftung findet, so
ist mit dieser allgemeinen Erkenntnis wenig gewonnen.
Es bedarf vielmehr des Eingehens auf die einzelnen Arten der Ueber‑ und
Unterordnung' auf die speziellen Formen ihrer Verwirklichung, die nun in
dem Masse ihrer Bestimmtheit natürlich an Umfang ihrer Gültigkeit
verlieren.
Wenn die Alternative, vor die man jetzt jede Wissenschaft zu stellen
pflegt: ob sie auf die Auffindung zeitlos gültiger Gesetze oder auf die
Darstellung und das Begreiflichmachen einmaliger, historisch‑realer
Verläufe geht — jedenfalls doch unzählige Vermittlungserscheinungen
innerhalb des tatsächlichen Wissenschaftsbetriebes nicht ausschließt, so
wird der festgestellte
Problembegriff von der Notwendigkeit dieser Entscheidung von vornherein
nicht berührt.
Dieses aus der Wirklichkeit heraus abstrahierte Objekt läßt sich
einerseits auf die Gesetzlichkeiten hin ansehen, die, rein in der
sachlichen Struktur der Elemente gelegen, sich gegen ihre
zeitlich‑räumliche Verwirklichung gleichgültig verhalten; sie gelten
eben, mögen die historischen Wirklichkeiten sie einmal oder tausendmal
in Kraft treten lassen.
Andrerseits aber können jene Vergesellschaftungsformen ebenso auf ihr
Vorkommen in einem Dort und Dann, auf ihre geschichtliche Entwicklung
innerhalb bestimmter Gruppen hin angesehen werden.
Die Feststellung ihrer wäre in dem letzteren Falle sozusagen
historischer Selbstzweck, in dem ersteren Induktionsmaterial zur
Auffindung zeitloser Gesetzlichkeiten.
Von Konkurrenz z. B. erfahren wir auf den verschiedensten Gebieten, die
Politik wie die Volkswirtschaft, die Geschichte der Religionen wie die
der Kunst erzählen uns unzählige Fälle derselben.
Aus diesen Tatsachen gilt es nun festzustellen, was denn die Konkurrenz,
als reine Form des menschlichen Verhaltens, bedeute, unter welchen
Umständen sie entstehe, wie sie sich entwickle, welche Modifikationen
sie durch die Sonderart ihres Objektes erfahre, durch welche
gleichzeitigen, formalen und materialen Be-
(-> 11) stimmungen einer
Gesellschaft sie gesteigert oder herabgesetzt wird, wie sich die
Konkurrenz der Individuen von der zwischen Gruppen unterscheidet — kurz,
was sie als Beziehungsform der Menschen untereinander sei, die alle
möglichen Inhalte in sich aufnehmen kann, aber durch die Gleichheit
ihrer Erscheinung bei großer Verschiedenheit der letzteren beweist, daß
sie einem nach eignen Gesetzen geregelten und abstrahierungsberechtigten
Gebiet angehört.
An den komplexen Erscheinungen wird das Gleichmäßige wie mit einem
Querschnitt herausgehoben, das Ungleichmäßige an ihnen—hier also die
inhaltlichen Interessen—gegenseitig paralysiert.
Entsprechend ist also mit all den großen gesellschaftsformenden
Verhältnissen und Wechselwirkungen zu verfahren: mit der Parteibildung,
der Nachahmung, der Bildung von Klassen, Kreisen, sekundären
Abteilungen, mit der Verkörperung der sozialen Wechselwirkungen in
Sondergebilden sachlicher, personaler, ideeller Art, mit dem Aufwachsen
und der Rolle der Hierarchien, mit der »Vertretung« von Gesamtheiten
durch Einzelne, mit der Bedeutung gemeinsamer Gegnerschaft für den
inneren Zusammenhalt der Gruppe; an solche Hauptprobleme schließen sich
dann, gleichmäßig die Formbestimmtheit der Gruppen tragend, einerseits
speziellere, andrerseits kompliziertere Tatsachen, jene z. B.: die
Bedeutung des »Unparteiischen«, die des »Armen« als organischen Gliedes
der Gesellschaften, die der numerischen Bestimmtheit der
Gruppenelemente, die des prImus inter pares und des tertias gaudens.
Als kompliziertere Vorgänge wären zu nennen: die Kreuzung mannigfaltiger
Kreise in einzelnen Persönlichkeiten, die besondere Bedeutung des
»Geheimen« in der Bildung von Kreisen, die Modifikation der
Gruppencharaktere, je nachdem sie lokal zusammenbefindliche oder durch
nicht dazu gehörige Elemente getrennte Individuen umfassen, und
unzähliges anderes.
Ich lasse dabei, wie schon angedeutet, die Frage dahingestellt, ob eine
absolute Gleichheit der Formen bei Verschiedenheit der Inhalte vorkommt.
Die annähernde Gleichheit, die sie unter materiell sehr mannigfaltigen
Umständen zeigen—ebenso wie das Umgekehrte—reicht aus, um dies
prinzipiell für möglich zu halten; darin, daß es sich nicht restlos
verwirklicht, zeigt sich eben der Unterschied des ,historisch‑seelischen
Geschehens mit seinen nie ganz zu rationalisierenden Fluktuierungen und
Kompliziertheiten gegen die Fähigkeit der Geometrie, die ihrem Begriff
untertänigen Formen mit absoluter Reinheit aus ihrer Verwirklichung an
der Materie herauszulösen.
Auch behalte man im Auge, daß diese Gleichheit der Wechselwirkungsart
bei beliebiger Verschiedenheit des Menschen‑ und Sachmaterials, und vice
versa, zunächst nur ein Hilfsmittel ist, um an den einzelnen
Gesamterscheinungen die wissenschaftliche Scheidung von Form und Inhalt
zu vollziehen und zu legitimieren.
Methodisch würde diese auch dann erfordert sein, wenn die tatsächlichen
Konstellationen es zu jenem induktiven Verfahren, das das Gleiche aus
dem Verschiedenen auskristallisieren lässt, überhaupt nicht kommen
ließen, grade wie die(- geometrische Abstraktion der Raumform eines
Körpers auch dann berechtigt
(-> 12) wäre, wenn es diesen
so geformten Körper tatsächlich nur ein einziges Mal in der Welt gäbe.
Daß hiermit eine Schwierigkeit des Verfahrens gegeben ist, ist
unverkennbar.
Es liege z. B. die Tatsache vor, daß gegen Ende des Mittelalters gewisse
Zunftmeister auf Grund der Ausdehnung der Handelsbeziehungen zu einer
Beschaffung von Materialien, einer Einstellung von Gesellen, neuen
Mitteln für die Anziehung von Kunden gedrängt wurden, die sich mit den
alten Zunftprinzipien, wonach jeder Meister dieselbe »Nahrung« wie der
andre haben sollte, nicht mehr vertrug, und daß jene sich darum
außerhalb der bisherigen, engen Einung zu stellen suchten.
Auf die rein soziologische, von dem speziellen Inhalt abstrahierende
Form hin angesehen, bedeutet dies, daß die Erweiterung des Kreises, mit
dem der Einzelne durch seine Aktionen verbunden ist, mit einer stärkeren
Ausprägung der individuellen Sonderart, einer größeren Freiheit und
gegenseitigen Differenziertheit der Einzelnen Hand in Hand geht.
Nun gibt es aber, soweit ich sehe, keine sicher wirksame Methode, jenem
komplexen, durch seinen Inhalt realisierten Faktum diesen soziologischen
Sinn abzugewinnen; welche bloß soziologische Konfiguration, welches
besondere Wechselverhältnis von Individuen, in Abstraktion von den im
Individuum verbleibenden Interessen und Trieben und von den Bedingungen
rein sachlicher Art, in dem historischen Vorgang enthalten ist—das ist
diesem gegenüber nicht nur in mannigfacher Richtung zu deuten möglich,
sondern man kann die geschichtlichen Tatsachen, die die Wirklichkeit der
bestimmten soziologischen Formen belegen, nur in ihrer materialen
Totalität anführen, und entbehrt eines Mittels, ihre Zerfällung in das
stoffliche und das formalsoziologische Moment lehrbar und unter allen
Umständen vollziehbar zu machen.
Es verhält sich wie mit dem Beweise eines geometrischen Satzes an der
unvermeidlichen Zufälligkeit und Roheit einer hingezeichneten Figur.
Der Mathematiker aber kann jetzt damit rechnen, daß der Begriff der
idealen geometrischen Figur bekannt und wirksam ist und als der jetzt
allein wesentliche Sinn der Kreide‑ oder Tintenstriche innerlich
angeschaut wird.
Hier aber darf die entsprechende Voraussetzung nicht gemacht werden, die
Herauslösung dessen, was wirklich die reine Vergesellschaftung ist, aus
der komplexen Gesamterscheinung ist nicht logisch zu erzwingen.
Man muß hier das Odium auf sich nehmen, von intuitivem Verfahren zu
sprechen, — so weit es auch von der spekulativ‑metaphysischen lntuition
abstehe— von einer besonderen Einstellung des Blickes, mit der jene
Scheidung sich vollzieht und zu der, bis sie später einmal in
begrifflich ausdrückbare und sicher führende Methoden gefasst sein wird,
nur durch Vorführung von Beispielen angeleitet werden kann.
Und es erhöht diese Schwierigkeit, daß nicht nur für die Anwendung des
soziologischen Grundbegriffes die unzweifelhafte Handhabe fehlt, sondern
daß auch, wo selbst mit ihm wirksam operiert wird, noch immer für viele
Momente der Ereignisse die Einreihung unter ihn oder unter den Begriff
des inhaltlichen Bestimmtheit oft willkürlich bleibt. inwieweit z. B.
das (-> 13) Phänomen des
»Armen« soziologischer Art ist, d. h. ein Ergebnis der formalen
Verhältnisse innerhalb einer Gruppe, bedingt durch die allgemeinen
Strömungen und Verschiebungen, wie sie sich im Zusammenkommen der
Menschen notwendig erzeugen—oder ob die Armut als eine nur materiale
Bestimmung gewisser Einzelexistenzen anzusehen ist, ausschließlich aus
dem Gesichtswinkel des ökonomischen Interesseninhaltes — darüber werden
entgegengesetzte Meinungen möglich sein.
Man wird die historischen Erscheinungen im ganzen auf drei prinzipielle
Standpunkte hin ansehen können: auf die individuellen Existenzen hin,
die die realen Träger der Zustände sind; auf die formalen
Wechselwirkungsformen, die sich freilich auch nur an individuellen
Existenzen vollziehen, aber jetzt nicht vom Standpunkte dieser, sondern
dem ihres Zusammen, ihres Miteinander und Füreinander betrachtet werden;
auf die begrifflich formulierbaren Inhalte von Zuständen und
Geschehnissen hin, bei denen jetzt nicht nach ihren Trägern oder deren
Verhältnissen gefragt wird, sondern nach ihrer rein sachlichen
Bedeutung, nach der Wirtschaft und der Technik:, nach der Kunst und der
Wissenschaft, nach den Rechtsnormen und den Produkten des Gefühlslebens.
Diese drei Gesichtspunkte verschlingen sich fortwährend die methodische
Notwendigkeit, sie auseinander zu halten, wird immer wieder von der
Schwierigkeit, jedes in eine von dem andern unabhängige Reihe zu ordnen,
und von der Sehnsucht nach einem, alle Standorte umfassenden Gesamtbilde
der Wirklichkeit gekränzt.
Und wie tief das eine begründet und begründet, in das andre
hineinreicht, wird nie für alle Falle festzulegen und deshalb bei aller
methodischen Machbarkeit und Entschiedenheit der prinzipiellen
Fragestellung die Zweideutigkeit kaum vermeidbar sein: daß die
Behandlung des Einzelproblems bald in die eine, bald die andre Kategorie
zu gehören scheint und selbst innerhalb der einen nicht immer gegen die
Behandlungsweise der andern sicher abzugrenzen ist.
Im übrigen hoffe ich, daß die Methodik der hier gebotenen Soziologie aus
den Ausführungen ihrer einzelnen Probleme sicherer und sogar vielleicht
klarer hervorgehen wird, als aus dieser abstrakten Grundlegung.
Es ist ja in geistigen Dingen nichts ganz Seltenes —ja, auf den
allgemeinsten und tiefsten Problemgebieten etwas Durchgehendes — daß
dasjenige, was wir mit einem unvermeidlichen Gleichnis das Fundament
nennen müssen, nicht so fest steht, wie der darauf errichtete Oberbau.
Auch die wissenschaftliche Praxis wird, insbesondre auf bisher
unerschlossenen Gebieten, ein gewisses Maß instinktiven Vorgehens nicht
entbehren können, dessen Motive und Normen erst nachträglich völlig
klares Bewußtsein und begriffliche Durcharbeitung gewinnen.
Und so wenig die wissenschaftliche Arbeit irgendwann sich völlig auf
jene noch undeutlichen, instinktmäßigen, nur in der Einzeluntersuchung
unmittelbar betätigten Verfahrungsweisen stellen darf, so hieße es
dennoch, sie zur Unfruchtbarkeit verurteilen, wenn man neuen Aufgaben
gegenüber eine restlos formulierte Methodik zur Bedingung schon des
ersten Schrittes machen wollte
[1]1).
(-> 14)
Innerhalb des Problemgebietes, das durch die Aussonderung der Formen
vergesellschaftender Wechselwirkung aus der Totalerscheinung der
Gesellschaft gebildet wird, liegen Teile der hier gebotenen
Untersuchungen schon sozusagen quantitativ jenseits der sonst als
soziologisch anerkannten Aufgaben.
Stellt man nämlich erst einmal die Frage nach den zwischen den
Individuen hin‑ und hergehenden Einwirkungen, deren Summe jenen
Zusammenhalt zur Gesellschaft ergibt, so zeigt sich sogleich eine Reihe,
ja sozusagen eine Welt solcher Beziehungsformen, die in die
Gesellschaftswissenschaft bisher entweder überhaupt nicht, oder ohne
Einsicht in ihre prinzipielle und vitale Bedeutung einbezogen wurden.
Im ganzen hat sich die Soziologie eigentlich auf diejenigen
gesellschaftlichen Erscheinungen beschränkt, bei denen die
wechselwirkenden Kräfte schon aus ihrem unmittelbaren Träger
auskristallisiert sind, mindestens zu ideellen Einheiten. Staaten und
Gewerkvereine, Priesterschaften und Familienformen,
Wirtschaftsverfassungen und Heerwesen, Zünfte und Gemeinden,
Klassenbildung und industrielle Arbeitsteilung — diese und die ähnlichen
großen Organe und Systeme scheinen die Gesellschaft auszumachen und den
Kreis der Wissenschaft von ihr zu erfüllen.
Es liegt auf der Hand, daß, je größer, bedeutsamer und beherrschender
eine soziale Interessenprovinz und Aktionsrichtung ist, um so eher jene
Erhebung des unmittelbaren, interindividuellen Lebens und Wirkens zu
objektiven Gebilden, zu einer abstrakten Existenz jenseits der einzelnen
und primären Prozesse stattfinden wird.
Allein dies bedarf nun einer nach zwei Seiten hin wichtigen Ergänzung.
Es bestehen außer jenen weithin sichtbaren, ihren Umfang und ihre äußere
Wichtigkeit allenthalben aufdrängenden Erscheinungen eine unermeßliche
Zahl von kleineren, in den einzelnen Fällen geringfügig erscheinenden
Be- (-> 15) ziehungsformen
und Wechselwirkungsarten zwischen den Menschen, die aber von diesen
einzelnen Fällen in gar nicht abzuschätzender Masse dargeboten werden,
und, indem sie sich zwischen die umfassenden, sozusagen offiziellen
sozialen Formungen schieben, doch erst die Gesellschaft, wie wir sie
kennen, zustandebringen.
Die Beschränkung auf jene gleicht der früheren Wissenschaft vom inneren
menschlichen Körper, die sich auf die großen, fest umschriebenen Organe:
Herz, Leber, Lunge, Magen usw. beschränkte und die unzähligen, populär
nicht benannten oder nicht bekannten Gewebe vernachlässigte, ohne die
jene deutlicheren Organe niemals einen lebendigen Leib ergeben würden.
Sehen wir die unendliche Komplikation des gesellschaftlichen Lebens an,
die eben aus der ersten Roheit sich erhebenden Begriffe und Methoden,
mit denen sie geistig bezwungen werden soll, so wäre es ein Größenwahn,
jetzt schon eine bis zum Grunde hinunterreichende Klarheit der Fragen
und Richtigkeit der Antworten hoffen zu wollen. Es scheint mir würdiger,
dies von vornherein zuzugeben, da auf diese Weise wenigstens ein
entschiedener Anfang gemacht ist, statt mit der Behauptung des
Abschlusses sogar diese Bedeutung derartiger Versuche fraglich zu
machen. — So sind also die Kapitel dieses Buches der Methode nach als
Beispiele, dem Inhalte nach nur als Fragmente dessen gedacht was ich für
die Wissenschaft von der Gesellschaft halten muß. In beiden Hin sichten
schien es angezeigt, die Themata möglichst heterogen zu wählen, ganz
Allgemeines und Spezialistisches zu mischen. Je weniger das hier
Gebotene sich zu einem systematischen Zusammenhang abrundet, je weiter
seine Teile auseinander liegen, um so umfassender erscheint der Kreis,
zu dem eine künftige Vervollkommnung der Soziologie ihre schon jetzt
festlegbaren vereinzelten Punkte verbinden wird. Wenn ich damit den
völlig bruchstückhaften und unvollständigen Charakter dieses Buches
selbst hervorhebe, so will ich mich nicht gegen dahin lautende Einwände
durch ein billiges Prävenire decken. Denn, wenn seine, für das Ideal
objektiver Vollendung zweifellose Zufälligkeit in der Auswahl der
Einzelprobleme und der Exemplifizierungen als ein Fehler erschiene so
würde dies nur beweisen, daß ich seinen Grundgedanken nicht hinreichend
deutlich zu machen verstanden habe. Denn diesem nach kann es sich nur um
Anfang und Wegweisung für einen unendlich langen Weg handeln, und jede
systematisch abschließende Vollständigkeit wäre mindestens eine
Selbsttäuschung. Vollständigkeit kann der Einzelne hier nur in dem
subjektiven Sinne erreichen daß er alles mitteilt, was ihm zu sehen
gelungen ist
Aus den Gebilden der genannten Art, die die herkömmlichen Gegenstände
der Gesellschaftswissenschaft bilden, ließe sich das wirkliche, in der
Erfahrung vorliegende Leben der Gesellschaft durchaus nicht
zusammensetzen; ohne die Dazwischenwirkung unzähliger, im einzelnen
weniger umfänglicher Synthesen, denen diese Untersuchungen großenteils
gewidmet sein sollen, würde es in eine Vielzahl diskontinuierlicher
Systeme auseinanderbrechen.
Was die wissenschaftliche Fixierung solcher unscheinbaren Sozialformen
erschwert, ist zugleich das, was sie für das tiefere Verständnis der
Gesellschaft unendlich wichtig macht: daß sie im allgemeinen noch nicht
zu festen, überindividuellen Gebilden verfestigt sind, sondern die
Gesellschaft gleichsam im status nascens zeigen—natürlich nicht in ihrem
überhaupt ersten, historisch unergründbaren Anfang, sondern in
demjenigen, der jeden Tag und zu jeder Stunde geschieht; fortwährend
knüpft sich und löst sich und knüpft sich von neuem die
Vergesellschaftung unter den Menschen, ein ewiges Fließen und Pulsieren,
das die Individuen verkettet, auch wo es nicht zu eigentlichen
Organisationen aufsteigt.
Hier handelt es sich gleichsam um die mikroskopisch‑molekularen Vorgänge
innerhalb des Menschenmaterials, die aber doch das wirkliche Geschehen
sind, das sich zu jenen makroskopischen, festen Einheiten und Systemen
erst zusammenkettet oder hypostasiert.
Daß die Menschen sich gegenseitig anblicken, und daß sie aufeinander
eifersüchtig sind; daß sie sich Briefe schreiben oder miteinander zu
Mittag essen; daß sie sich, ganz jenseits aller greifbaren Interessen!
sympathisch oder antipathisch berühren; daß die Dankbarkeit der
altruistischen Leistung eine unzerreissbar bindende Weiterwirkung
bietet; daß einer den andern nach dem Wege fragt und dass sie sich
füreinander anzieht und schmücken—all die tausend, von Person zu Person
spielenden, momentanen oder dauernden, bewußten oder unbewußten,
vorüberfliegenden oder folgenreichen Beziehungen, aus denen diese
Beispiele ganz zufällig gewählt sind, knüpfen uns unaufhörlich zusammen.
In jedem Augenblick spinnen sich solche Fäden, werden fallen gelassen,
wieder aufgenommen, durch andre ersetzt, mit andern verwebt.
Hier liegen die, nur der psychologischen Mikroskopie zu gängigen
Wechselwirkungen zwischen den Atomen der Gesellschaft, die die ganze
Zähigkeit und Elastizität, die ganze Buntheit und Einheitlichkeit dieses
so deutlichen und so rätselhaften Lebens der Gesellschaft tragen.
Es handelt sich darum, das Prinzip der unendlich vielen und unendlich
kleinen Wirkungen (-> 16) ebenso auf das
Nebeneinander der Gesellschaft anzuwenden, wie es sich in den
Wissenschaften des Nacheinander: der Geologie, der biologischen
Entwicklungslehre, der Geschichte als wirksam erwiesen hat.
Die unermeßlich kleinen Schritte stellen den Zusammenhang der
geschichtlichen Einheit her, die ebenso unscheinbaren Wechselwirkungen
von Person zu Person den Zusammenhang der gesellschaftlichen Einheit.
Was fortwährend an physischen und seelischen Berührungen, an
gegenseitiger Erregung von Lust und Leid, an Gesprächen und Schweigen,
an gemeinsamen und antagonistischen Interessiertheiten vor sich geht—das
erst macht die wunderbare Unzerreißbarkeit der Gesellschaft aus, das
Fluktuieren ihres Lebens, mit dem ihre Elemente ihr Gleichgewicht
unaufhörlich gewinnen, verlieren, verschieben.
Vielleicht wird von dieser Erkenntnis aus für die
Gesellschaftswissenschaft erreicht, was für die Wissenschaft vom
organischen Leben der Beginn der Mikroskopie bedeutete.
War die Untersuchung bis dahin auf die großen, entschieden gesonderten
Körperorgane beschränkt, deren Form‑ und Funktionsverschiedenheiten sich
ohne weiteres darboten, so zeigte sich nun erst der Lebensprozeß in
seiner Bindung an seine kleinsten Träger, die Zellen, und in seiner
Identität mit den zahllosen und unaufhörlichen Wechselwirkungen zwischen
diesen.
Wie sie sich aneinander heften oder sich zerstören, sich assimilieren
oder sich chemisch beeinflussen—dies erst läßt allmählich einsehen, wie
der Körper seine Form bildet, sie erhält oder ändert.
Die großen Organe, in denen diese fundamentalen Lebensträger und ihre
Wechselwirkungen sich zu makroskopisch wahrnehmbaren Sondergebilden und
Leistungen zusammengefunden haben, würden den Zusammenhang des Lebens
niemals begreiflich gemacht haben, wenn nicht jene unzähligen, zwischen
den kleinsten Elementen sich abspielenden Vorgänge, die von den
makroskopischen gleichsam erst zusammengefasst werden, sich als das
eigentliche, fundamentale Leben enthüllt hätten.
Ganz jenseits jeder soziologischen oder metaphysischen Analogie zwischen
den Realitäten von Gesellschaft und Organismus handelt es sich hier nur
um die Analogie des methodischen Betrachtens und seiner Entwicklung; um
die Aufdeckung der zarten Fäden, der minimalen Beziehungen zwischen
Menschen, von deren kontinuierlicher Wiederholung all jene großen,
objektiv gewordenen, eine eigentliche Geschichte bietenden Gebilde
begründet und getragen werden.
Diese ganz primären Prozesse, die aus dem unmittelbaren, individuellen
Material Gesellschaft bilden, sind also, neben den höheren und
komplizierteren Vorgängen und Gebilden, der formalen Betrachtung zu
unterziehen, die besonderen Wechselwirkungen, die sich in diesen, dem
theoretischen Blick nicht ganz gewohnten Maßen bieten, sind als
gesellschaftsbildende Formen, als Teile der Vergesellschaftung
überhaupt, zu prüfen.
Ja, diesen scheinbar unbedeutenden Relationsarten wird zweckmäßig eine
um so eingehendere Betrachtung zu widmen sein, je mehr die Soziologie
sie sonst zu übersehen pflegt.
Gerade aber mit dieser Wendung scheinen die hier geplanten
Untersuchungen nichts andres zu werden, als Kapitel der Psycho
(-> 17) logie, allenfalls der
Sozialpsychologie.
Nun ist freilich kein Zweifel, daß alle gesellschaftlichen Vorgange und
Instinkte ihren Sitz in Seelen haben, daß Vergesellschaftung ein
psychisches Phänomen ist und dass es zu ihrer fundamentalen Tatsache:
daß eine Mehrheit von Elementen zu einer Einheit wird—in der Welt des
Körperlichen nicht einmal eine Analogie gibt, da in dieser alles in das
unüberwindliche Außereinander des Raumes gebannt bleibt.
Welches äußerliche Geschehen auch immer wir als gesellschaftliches
bezeichnen, es wäre ein Marionettenspiel, nicht begreiflicher und nicht
bedeutungsvoller als das Ineinanderrinnen der Wolken oder das
Durcheinanderwachsen der Baumzweige, wenn wir nicht ganz
selbstverständlich seelische Motivierungen, Gefühle, Gedanken,
Bedürfnisse, nicht nur als Träger jener Äußerlichkeiten, sondern als ihr
Wesentliches und uns eigentlich allein Interessierendes erkennten.
Das kausale Verständnis jeglichen sozialen Geschehens wäre also in der
Tat gewonnen, wenn psychologische Feststellungen und ihre Entwicklung
gemäß »psychologischen Gesetzen« — so problematisch uns ihr Begriff ist
—diese Ereignisse vollkommen zu deduzieren gestatteten.
Auch ist kein Zweifel, daß die uns zugängigen Begreifbarkeiten des
geschichtlich‑gesellschaftlichen
Daseins nichts andres sind, als seelische Verkettungen, die wir entweder
mit instinktiver oder mit methodischer Psychologie nachbilden und zu
innerer Plausibilität, zu dem Gefühl einer seelischen Notwendigkeit der
fraglichen Entwicklungen bringen.
Insofern ist jede Geschichte, jede Schilderung eines sozialen Zustandes,
eine Ausübung psychologischen Wissens.
Allein es ist von der äußersten methodischen Wichtigkeit und geradezu
entscheidend für die Prinzipien der Geisteswissenschaften überhaupt, daß
die wissenschaftliche Behandlung seelischer Tatsachen noch keineswegs
Psychologie zu sein braucht; auch wo wir ununterbrochen von
psychologischen Regeln und Kenntnissen Gebrauch machen, wo die Erklärung
jeder einzelnen Tatsache nur auf psychologischem Wege möglich ist ‑wie
es innerhalb der Soziologie der FaIl ist—, braucht Sinn und Absicht
dieses Verfahrens durchaus nicht auf Psychologie zu gehen; d. h. nicht
auf das Gesetz des seelischen Prozesses, der einen bestimmten Inhalt
freilich allein tragen kann, sondern auf diesen Inhalt und seine
Konfigurationen selbst.
Es liegt hier ein nur gradueller Unterschied gegen die Wissenschaften
von der äußeren Natur vor, die sich, als Tatsachen des geistigen Lebens,
doch schließlich auch nur innerhalb der Seele abspielen: die Entdeckung
jeder astronomischen oder chemischen Wahrheit ebenso wie das Nach‑
Denken einer jeden, ist ein Bewußtseinsereignis, das eine vollendete
Psychologie rein aus seelischen Bedingungen und Entwicklungen restlos
deduzieren könnte.
Allein jene Wissenschaften entstehen, insofern sie statt der seelischen
Prozesse deren Inhalte und ihre Zusammenhänge sich zum Gegenstand
machen, ungefähr wie wir ein Gemälde nach seiner ästhetischen und
kunstgeschichtlichen Bedeutung nicht aus den physikalischen
Oszillationen deduzieren die seine Farben ausmachen und die freilich die
ganze reale Existenz des Gemäldes zustandebringen und tragen.
Es ist immer eine Wirk (->18) lichkeit, die wir in ihrer Unmittelbarkeit und Totalität
nicht wissenschaftlich erfassen können, sondern von einer Reihe
gesonderter Standpunkte her aufnehmen müssen und damit zu einer Mehrzahl
voneinander unabhängiger Wissenschaftsobjekte ausgestalten.
Dies ist nun auch gegenüber denjenigen seelischen :Ereignissen
erfordert, deren Inhalte sich nicht zu einer selbständigen Raumeswelt
zusammenschließen und sich ihrer seelischen Realität nicht anschaulich
entgegenstellen.
Die Formen und Gesetze einer Sprache z. B., die doch gewiß nur aus
Kräften der Seele zu Zwecken der Seele gebildet ist, werden dennoch von
einer Sprachwissenschaft behandelt, die von jener allein gegebenen
Realisierung ihres Gegenstandes völlig absieht und diesen letzteren rein
nach seinem Sachgehalt und den nur an diesem Inhalt selbst bestehenden
Formungen darstellt, analysiert oder konstruiert.
Ähnlich nun verhält es sich mit den Tatsachen der Vergesellschaftung.
Daß Menschen einander beeinflussen, daß der eine etwas tut oder leidet,
ein Sein oder ein Werden zeigt, weil andre da sind und sich äußern,
handeln oder fühlen — das ist natürlich ein seelisches Phänomen und das
historische Zustandekommen jedes einzelnen Falles seiner ist nur durch
psychologisches Nachformen, durch die Plausibilität psychologischer
Reihen, durch die Interpretation des äußerlich Konstatierbaren mittels
psychologischer Kategorien zu begreifen.
Allein nun kann eine besondere wissenschaftliche Absicht dies seelische
Geschehen als solches ganz außer acht lassen und die Inhalte desselben,
wie sie sich unter dem Begriff der Vergesellschaftung anordnen, für sich
verfolgen, zerlegen, in Beziehungen setzen.
Es wurde also z. B. festgestellt, daß das Verhältnis eines Mächtigeren
zu Schwächeren, das die Form des primus inter pares hat, typischerweise
dahin gravitiert, zu einer absoluten Machtstellung jenes zu werden und
die Gleichheitsmomente allmählich auszuscheiden.
Obgleich dies in der historischen Wirklichkeit ein seelischer Vorgang
ist, so interessiert uns jetzt vom soziologischen Blickpunkt aus nur:
wie sich die verschiedenen Stadien der Ueber- und Unterordnung hier
aneinanderreihen, bis zu welchem Maße eine Überordnung in einer
bestimmten Beziehung mit Gleichordnung in anderen Beziehungen
verträglich ist und von welchem Maße der Übermacht an sie diese letztere
völlig vernichtet; ob die Frage der Verbindung, die Möglichkeit der
Kooperation, in dem früheren oder in dem späteren Stadium solcher
Entwicklung die größere ist usw.
Oder es wird festgestellt, daß Gegnerschaften dann am erbittertsten
sind, wenn sie sich auf der Grundlage einer früheren oder noch irgendwie
fühlbaren Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit erheben, wie man als den
glühendsten Haß etwa den unter Blutsverwandten bezeichnet hat.
Dies wird man als Ereignis nur psychologisch begreiflich machen, ja
beschreiben können.
Aber als soziologische Formung betrachtet, ist nicht die in jedem von
zwei Individuen abfallende seelische Reihe an sich von Interesse,
sondern die Synopsis beider unter der Kategorie der Einung und der
Entzweiung; wie weit das Verhältnis zweier Individuen oder Parteien
Gegnerschaft und Zusammengehörigkeit einschließen kann, um dem Ganzen
noch die (-> 19) Färbung der
letzteren zu lassen oder ihm die der ersteren zu geben; welche Arten der
Zusammengehörigkeit, als Erinnerung oder als nicht auszulöschender
Instinkt, die Mittel zu grausamerer, tiefer verletzender Schädigung an
die Hand geben, als sie bei von vornherein bestehender Fremdheit möglich
ist; kurz, wie jene Beobachtung als Realisierung von Beziehungsformen
der Menschen darzustellen ist, welche besondere Kombination der
soziologischen Kategorien sie darstellt—darauf kommt es jetzt an,
obgleich die singuläre oder typische Beschreibung des Vorganges selbst
immer nur psychologisch sein kann.
Eine frühere Andeutung aufnehmend, kann man dies unter Vorbehalt aller
Unterschiede mit der geometrischen Deduktion vergleichen, die sich an
einer auf die Tafel hingezeichneten Figur vollzieht.
Was hier allein gegeben und gesehen werden kann, sind physisch
aufgetragene Kreidestriche; was wir aber mit der geometrischen
Betrachtung meinen, sind nicht sie, sondern ihre Bedeutung von dem
geometrischen Begriff aus, der jener physischen Figur als einer Lagerung
von Kreideteilchen völlig heterogen ist—während sie andrerseits auch als
dieses physische Gebilde unter wissenschaftliche Kategorien gereiht und
etwa ihr physiologisches Zustandekommen oder ihre chemische
Beschaffenheit oder ihr optischer Eindruck Gegenstände besonderer
Untersuchungen sein können.
So also sind die Gegebenheiten der Soziologie seelische Vorgänge, deren
unmittelbare Wirklichkeit sich zunächst den psychologischen Kategorien
darbietet; aber diese, obgleich für die Schilderung der Tatsachen
unentbehrlich, bleiben außerhalb des Zweckes der soziologischen
Betrachtung, der vielmehr nur in der von den psychischen Vorgängen
getragenen und oft nur durch sie zu schildernden Sachlichkeit der
Vergesellschaftung liegt—wie etwa ein Drama von Anfang bis Ende nur
psychologische Vorgänge enthält, nur psychologisch verstanden werden
kann, und dennoch seine Absicht nicht in psychologischen Erkenntnissen
hat, sondern in den Synthesen, die die Inhalte der seelischen Vorgänge
unter den Gesichtspunkten der Tragik, der Kunstform, der Lebenssymbole
bilden
[2]
Wenn die Lehre von der Vergesellschaftung als solcher, abgesondert von
allen Sozialwissenschaften, die von einem besonderen Inhalt des
gesellschaftlichen Lebens aus bestimmt sind, als die einzige
Wissenschaft erschien, die zu dem Namen der Gesellschaftswissenschaft
schlechthin berechtigt ist, so ist das Wichtige natürlich nicht diese
Namengebung, sondern die Auffindung jenes neuen Komplexes von
Einzelproblemen.
Der Streit, was denn Soziologie eigentlich bedeute, erscheint mir,
solange er sich nur um die Zu- (-> 20) erkennung dieses Titels an bereits bestehende und behandelte
Aufgabenkreise dreht, als etwas völlig Belangloses.
Wenn indes für diese Aufgabensammlung der Titel Soziologie mit dem
Anspruch erwählt ist, den Begriff der Soziologie völlig und allein zu
decken, so muß dies noch einer andern Problemgruppe gegenüber
gerechtfertigt werden, die unleugbar nicht weniger, über die inhaltlich
bestimmten stimmten Gesellschaftswissenschaften hinaus, Aussagen über
die Gesellschaft als solche und als ganze zu gewinnen suchen.
Wie jede andre exakte, auf das unmittelbare Verständnis des Gegebenen
gerichtete Wissenschaft, ist auch die soziale von zwei philosophischen
Gebieten eingegrenzt.
Das eine umfasst die Bedingungen, Grundbegriffe, Voraussetzungen der
Einzelforschung, die in dieser selbst keine Erledigung finden können, da
sie ihr vielmehr schon zugrunde liegen; in dem andern wird diese
Einzelforschung zu Vollendungen und Zusammenhängen geführt und mit
Fragen und Begriffen in Beziehung gesetzt, die innerhalb der Erfahrung
und des unmittelbar gegenständlichen Wissens keinen Platz haben. Jenes
ist die Erkenntnistheorie, dieses die Metaphysik der fraglichen
Einzelgebiete.
Die letztere bedeutet eigentlich zwei Probleme, die indes in der
wirklichen Denkbehandlung mit Recht ungeschieden zu bleiben pflegen: die
Unbefriedigung an dem fragmentarischen Charakter der Einzelerkenntnisse,
an dem frühen Ende der sachlichen Feststellbarkeiten und der
Beweisreihen führt zu der Ergänzung dieser Unvollkommenheiten mit den
Mitteln der Spekulation ;
und eben dieselben dienen dem parallelen Bedürfnis, die
Zusammenhangslosigkeit und gegenseitige Fremdheit jener Stücke zur
Einheit eines Gesamtbildes zu ergänzen.
Neben dieser, auf den Grad des Erkennens gerichteten metaphysischen
Funktion, geht eine andre auf eine andre Dimension des Daseins, in der
die metaphysische Bedeutung seiner Inhalte liegt: wir drücken sie aus
als den Sinn oder den Zweck, als die absolute Substanz unter den
relativen Erscheinungen, auch als den Wert oder die religiöse Bedeutung.
Der Gesellschaft gegenüber ergibt diese geistige Attitüde Fragen wie
diese:
Ist die Gesellschaft der Zweck der menschlichen :Existenz oder ein
Mittel für das Individuum?
Ist sie etwa für dieses nicht einmal ein Mittel, sondern umgekehrt eine
Hemmung?
Liegt ihr Wert in ihrem funktionellen Leben oder in der Erzeugung eines
objektiven Geistes oder in den ethischen Qualitäten, die sie an den
Einzelnen hervorruft?
Offenbart sich in den typischen Entwicklungsstadien der Gesellschaften
eine kosmische Analogie ?—so daß die sozialen Beziehungen der Menschen
in eine allgemeine, für sich nicht in die Erscheinung tretende, alle
Erscheinungen aber fundamentierende Form oder Rhythmus einzuordnen
wären, die auch die Wurzelkräfte der materiellen Tatsachen lenkt? Kann
es überhaupt eine metaphysisch‑ religiöse Bedeutung von Gesamtheiten
geben, oder ist diese den individuellen Seelen vorbehalten?
Allein diese und unzählige Fragen ähnlicher Art scheinen mir nicht
diejenige kategoriale Selbständigkeit, dasjenige einzigartige Verhältnis
zwischen Gegenstand und Methode zu besitzen, das sie zur Gründung der
Soziologie als einer neuen Wissenschaft, die den
(-> 21) bestehenden nebengeordnet wäre, Legitimierte.
Denn alles dies sind schlechthin philosophische Fragen und daß sie als
ihren Gegen stand die Gesellschaft aufgenommen haben, bedeutet nur die
Erstreckung einer ihrer Struktur nach bereits gegebenen Erkenntnisart
auf ein weiteres Gebiet.
Mag man Philosophie überhaupt als Wissenschaft anerkennen oder nicht:
die Philosophie der Gesellschaft hat keinerlei Rechtsgrund, sich den
Vorteilen oder Nachteilen ihrer Zugehörigkeit zur Philosophie überhaupt
durch ihre Konstituierung zu einer besonderen Wissenschaft der
Soziologie zu entziehen.
Nicht anders steht es mit dem Typus philosophischer Probleme, die nicht,
wie die bisherigen, die Gesellschaft zur Voraussetzung haben, sondern
vielmehr nach den Voraussetzungen der Gesellschaft selbst fragen,—nicht
in dem historischen Sinne, als sollte das Zustandekommen irgendeiner
einzelnen Gesellschaft oder die physikalischen und anthropologischen
Bedingungen, auf Grund deren Gesellschaft entstehen kann, beschrieben
werden. Auch nicht um die einzelnen Triebe handelt es sich hier, die ihr
Subjekt, indem es andern Subjekten begegnet, zu den Wechselwirkungen
bewegen, deren Arten die Soziologie beschreibt.
Sondern darum: wenn ein derartiges Subjekt besteht —welches sind die
Voraussetzungen seines Bewußtseins, ein Gesellschaftswesen zu sein?
In jenen Teilen an und für sich liegt noch nicht Gesellschaft; in den
Wechselwirkungsformen ist sie schon wirklich — welches sind nun die
inneren und prinzipiellen Bedingungen, auf Grund deren die mit solchen
Trieben ausgestatteten Individuen die Gesellschaft überhaupt
zustandebringen, das Apriori, das die empirische Struktur des Einzelnen,
insofern er Gesellschaftswesen ist, ermöglicht und formt ?
Wie sind nicht nur die empirisch entstehenden Einzelgestaltungen, die
unter dem Allgemeinbegriff der Gesellschaft stehen, möglich, sondern die
Gesellschaft überhaupt als eine objektive Form subjektiver Seelen?
Sehen wir die unendliche Komplikation des gesellschaftlichen Lebens an,
die eben aus der ersten Roheit sich erhebenden Begriffe und Methoden,
mit denen sie geistig bezwungen werden soll, so wäre es ein Größenwahn,
jetzt schon eine bis zum Grunde hinunterreichende Klarheit der Fragen
und Richtigkeit der Antworten hoffen zu wollen. Es scheint mir würdiger,
dies von vornherein zuzugeben, da auf diese Weise wenigstens ein
entschiedener Anfang gemacht ist, statt mit der Behauptung des
Abschlusses sogar diese Bedeutung derartiger Versuche fraglich zu
machen. — So sind also die Kapitel dieses Buches der Methode nach als
Beispiele, dem Inhalte nach nur als Fragmente dessen gedacht was ich für
die Wissenschaft von der Gesellschaft halten muß. In beiden Hin sichten
schien es angezeigt, die Themata möglichst heterogen zu wählen, ganz
Allgemeines und Spezialistisches zu mischen. Je weniger das hier
Gebotene sich zu einem systematischen Zusammenhang abrundet, je weiter
seine Teile auseinander liegen, um so umfassender erscheint der Kreis,
zu dem eine künftige Vervollkommnung der Soziologie ihre schon jetzt
festlegbaren vereinzelten Punkte verbinden wird. Wenn ich damit den
völlig bruchstückhaften und unvollständigen Charakter dieses Buches
selbst hervorhebe, so will ich mich nicht gegen dahin lautende Einwände
durch ein billiges Prävenire decken. Denn, wenn seine, für das Ideal
objektiver Vollendung zweifellose Zufälligkeit in der Auswahl der
Einzelprobleme und der Exemplifizierungen als ein Fehler erschiene so
würde dies nur beweisen, daß ich seinen Grundgedanken nicht hinreichend
deutlich zu machen verstanden habe. Denn diesem nach kann es sich nur um
Anfang und Wegweisung für einen unendlich langen Weg handeln, und jede
systematisch abschließende Vollständigkeit wäre mindestens eine
Selbsttäuschung. Vollständigkeit kann der Einzelne hier nur in dem
subjektiven Sinne erreichen daß er alles mitteilt, was ihm zu sehen
gelungen ist
[2]Die
Einführung einer neuen Betrachtungsweise der Tatsachen muss die
verschiedenen Seiten ihrer Methode durch Analogien anerkannter
Gebiete stützen aber erst der—vielleicht endlose—Prozeß, in dem
das Prinzip seine Durchführungen innerhalb der konkreten
Forschung bestimmt und diese Durchführungen das Prinzip als
fruchtbar legitimieren, kann solche Analogien von dem reinigen,
worin zunächst die Verschiedenheit der Materien die jetzt ent.
scheidende Formgleichheit iiberdeckti dieser Prozeß nimmt ihnen
ihre Miß. verständlichkeit freilich nur in dem Grade, in dem er
sie überflüssig macht.
Kapitel IX: Der
Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft
Exkurs über den Fremden
(S. 509-512)
Wenn das Wandern als die Gelöstheit von jedem gegebenen Raumpunkt der begriffliche Gegensatz zu der Fixiertheit an einem solchen ist, so stellt die soziologische Form des »Fremden« doch gewissermaßen die Einheit beider Bestimmungen dar - freilich auch hier offenbarend,
dass das Verhältnis zum Raum nur einerseits die Bedingung, andrerseits das Symbol der Verhältnisse zu Menschen ist.
Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt - sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.
Er ist innerhalb eines bestimmten räumlichen Umkreises - oder eines, dessen Grenzbestimmtheit der räumlichen analog ist - fixiert, aber seine Position in diesem ist dadurch wesentlich bestimmt,
dass er nicht von vornherein in ihn gehört, dass er Qualitäten, die aus ihm nicht stammen und stammen können, in ihn hineinträgt.
Die Einheit von Nähe und Entferntheit, die jegliches Verhältnis zwischen Menschen enthält, ist hier zu einer, am kürzesten so zu formulierenden Konstellation gelangt: die Distanz innerhalb des Verhältnisses bedeutet,
dass der Nahe fern ist, das Fremdsein aber, dass der Ferne nah ist.
Denn das Fremdsein ist natürlich eine ganz positive Beziehung, eine besondere Wechselwirkungsform; die Bewohner des Sirius sind uns nicht eigentlich fremd - dies wenigstens nicht in dem soziologisch in Betracht kommenden Sinne des Wortes -, sondern sie existieren überhaupt nicht für uns, sie stehen jenseits von Fern und Nah.
Der Fremde ist ein Element der Gruppe selbst, nicht anders als die Armen und die mannigfachen »inneren Feind« - ein Element, dessen immanente und Gliedstellung zugleich ein Außerhalb und Gegenüber einschließt.
Die Art nun, wie repellierende und distanzierende Momente hier eine Form des Miteinander und der wechselwirkenden Einheit bilden, mag durch folgende - keineswegs als erschöpfend gemeinte - Bestimmungen angedeutet werden.
In der ganzen Geschichte der Wirtschaft erscheint der Fremde
allenthalben als Händler bzw. der Händler als Fremder.
Solange im wesentlichen Wirtschaft für den Eigenbedarf herrscht oder ein räumlich enger Kreis seine Produkte austauscht, bedarf es innerhalb seiner keines Zwischenhändlers; ein Händler kommt nur für diejenigen Produkte in Frage, die ganz außerhalb des Kreises erzeugt werden.
Insofern nicht etwa Personen in die Fremde wandern, um diese Erforderlichkeiten einzukaufen - in welchem Falle sie dann in diesem andern (> 510) Gebiete eben die »fremden« Kaufleute sind -
muss der Händler ein Fremder sein, für einen andern ist keine Existenzgelegenheit.
Diese Position des Fremden verschärft sich für das
Bewusstsein, wenn er, statt den Ort seiner .Tätigkeit wieder zu verlassen, sich an ihm fixiert.
Denn in unzähligen Fällen wird ihm auch dies nur möglich sein, wenn er vom Zwischenhandel leben kann.
Ein irgendwie geschlossener Wirtschaftskreis, mit aufgeteiltem Grund und Boden und Handwerken, die der Nachfrage genügen, wird nun auch dem Händler eine Existenz gewähren; denn allein der Handel ermöglicht unbegrenzte Kombinationen, in ihm findet die Intelligenz noch immer Erweiterungen und Neuerschließungen, die dem Urproduzenten mit seiner geringeren Beweglichkeit, seinem Angewiesensein auf einen nur langsam vermehrbaren Kundenkreis, schwer gelingen.
Der Handel kann immer noch mehr Menschen aufnehmen als die primäre Produktion, und er ist darum das indizierte Gebiet für den Fremden, der gewissermaßen als Supernumerarius in einen Kreis dringt, in dem eigentlich die wirtschaftlichen Positionen schon besetzt sind.
Das klassische Beispiel gibt die Geschichte der europäischen Juden.
Der Fremde ist eben seiner Natur nach kein Bodenbesitzer, wobei Boden nicht nur in dem physischen Sinne verstanden wird, sondern auch in dem übertragenen einer Lebenssubstanz, die, wenn nicht an einer räumlichen, so an einer ideellen Stelle des gesellschaftlichen Umkreises fixiert ist.
Auch in den intimeren Verhältnissen von Person zu Person mag der Fremde alle möglichen Attraktionen und Bedeutsamkeiten entfalten; aber er ist, so lange er eben als Fremder empfunden wird, in dem Andern kein »Bodenbesitzer«.
Nun gibt jene Angewiesenheit auf den Zwischenhandel und vielfach, wie in einer Sublimierung hiervon, auf das reine Geldgeschäft, dem Fremden den spezifischen Charakter der Beweglichkeit; in dieser, indem sie innerhalb einer umgrenzten Gruppe stattfindet, lebt jene Synthese von Nähe und Ferne, die die formale Position des Fremden ausmacht: denn der schlechthin Bewegliche kommt gelegentlich mit jedem einzelnen Element in Berührung, ist aber mit keinem einzelnen durch die verwandtschaftlichen, lokalen, beruflichen Fixiertheiten organisch verbunden.
Ein andrer Ausdruck für diese Konstellation liegt in der Objektivität des Fremden.
Weil er nicht von der Wurzel her für die singulären Bestandteile oder die einseitigen Tendenzen der Gruppe festgelegt ist, steht er allen diesen mit der besonderen Attitüde des »Objektiven« gegenüber, die nicht etwa einen bloßen Abstand und Unbeteiligtheit bedeutet, sondern ein besonderes Gebilde aus Ferne und Nähe, Gleichgültigkeit und Engagiertheit ist.
Ich verweise auf die Auseinandersetzung - im Kapitel
» Über- und Unterordnung« - über die dominierenden Stellungen des Gruppenfremden, als deren Typus die Praxis jener italienischen Städte erschien, ihre Richter von auswärts zu berufen, weil kein Eingeborener von der Befangenheit in Familieninteressen und Parteiungen frei war.
Mit der Objektivität des Fremden hängt auch die vorhin berührte Erscheinung zusammen, die freilich hauptsächlich, aber doch nicht ausschließlich, dem weiterziehenden gilt:
dass ihm oft die überraschendsten Offenheiten und Konfessionen, bis zu dem Charakter der Beichte, entgegengebracht werden, die man jedem Nahestehenden sorgfältig vorenthält..
Objektivität ist keineswegs Nicht-Teilnahme, - denn diese steht überhaupt jenseits von subjektivem und objektivem Verhalten - sondern eine
positiv-besondere Art der Teilnahme - wie Objektivität einer theoretischen Beobachtung durchaus nicht bedeutet,
dass der Geist eine passive tabula rasa wäre, in die die Dinge ihre Qualitäten einschrieben, sondern die volle Tätigkeit des nach seinen eigenen Gesetzen wirkenden Geistes, nur so,
dass er die zufälligen Verschiebungen und Akzentuierungen ausgeschaltet hat, deren individuell-subjektive Verschiedenheiten ganz verschiedene Bilder von dem gleichen Gegenstand liefern würden.
Man kann Objektivität auch als Freiheit bezeichnen. der objektive Mensch ist durch keinerlei Festgelegtheiten gebunden, die ihm seine Aufnahme, sein Verständnis, seine Abwägung des Gegebenen präjudizieren könnten.
Diese Freiheit, die den Fremden auch das Nahverhältnis wie aus der Vogelperspektive erleben und behandeln
lässt, enthält freilich allerhand gefährliche Möglichkeiten.
Von jeher wird bei Aufständen aller Art von der angegriffenen Partei behauptet, es hätte eine Aufreizung von außen her, durch fremde Sendlinge und Hetzer stattgefunden.
Soweit das zutrifft, ist es eine
Exzaggerierung der spezifischen Rolle des Fremden: er ist der Freiere, praktisch und theoretisch, er übersieht die Verhältnisse vorurteilsloser, (>
511) misst sie an allgemeineren, objektiveren Idealen und ist in seiner Aktion nicht durch Gewöhnung, Pietät, Antezedentien gebunden.1)
Denn indem sie die Fiktion aufbringen: die Rebellen wären eigentlich gar nicht schuldig, sie wären nur aufgehetzt, die Rebellion ginge gar nicht von ihnen aus - exkulpieren sie sich selbst, negieren sie von vornherein jeden realen Grund des Aufstandes.
Endlich gewinnt die Proportion von Nähe und Entferntheit, die dem Fremden. den Charakter der Objektivität gibt, noch einen praktischen Ausdruck in dem abstrakteren Wesen des Verhältnisses zu ihm, d. h. darin,
dass man mit dem Fremden nur gewisse allgemeinere Qualitäten gemein hat, während sich das Verhältnis zu den organischer Verbundenen auf der Gleichheit von spezifischen Differenzen gegen das bloß Allgemeine aufbaut.
Nach diesem Schema vollziehen sich überhaupt, in mannigfachen Anordnungen, alle irgendwie persönlichen Verhältnisse. über sie entscheidet nicht nur,
dass bestimmte Gemeinsamkeiten zwischen den Elementen bestehen, neben individuellen Differenzen, die die Beziehung entweder beeinflussen oder sich jenseits ihrer halten. jenes Gemeinsame selbst vielmehr wird in seiner Wirkung auf das Verhältnis dadurch wesentlich bestimmt, ob es nur zwischen den Elementen eben dieses besteht und so nach innen zwar allgemein, nach außen aber spezifisch und unvergleichlich ist oder ob es für die Empfindung der Elemente selbst ihnen nur gemeinsam ist, weil es überhaupt einer Gruppe oder einem Typus oder der Menschheit gemeinsam ist.
In dem letzteren Fall tritt, proportional der Weite des den gleichen Charakter tragenden Kreises, eine Verdünnung der Wirksamkeit des Gemeinsamen ein, es funktioniert zwar als einheitliche Basis der Elemente, aber es weist nicht gerade diese Elemente aufeinander hin, eben diese Gleichheit könnte ein jedes auch mit allen möglichen andern vergemeinsamen.
Auch dies ist ersichtlich eine Art, in der ein Verhältnis gleichzeitig Nähe und Ferne einschließt: in dem Maße, in dem die Gleichheitsmomente allgemeines Wesen haben, wird der Wärme der Beziehung, die sie stiften, ein Element von Kühle, ein Gefühl von der Zufälligkeit gerade dieser Beziehung beigesetzt, die verbindenden Kräfte haben den spezifischen, zentripetalen Charakter verloren.
Diese Konstellation nun scheint mir in dem Verhältnis zu dem Fremden ein außerordentliches prinzipielles
Übergewicht über die individuellen, nur der in Frage stehenden Beziehung eigenen Gemeinsamkeiten der Elemente zu besitzen
Der Fremde ist uns nah, insofern wir Gleichheiten nationaler oder sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden.
In diesem Sinne kommt leicht auch in die engsten Verhältnisse ein Zug von Fremdheit.
Erotische Beziehungen weisen in dem Stadium der ersten Leidenschaft jenen Generalisierungsgedanken sehr entschieden ab: eine Liebe wie diese habe es überhaupt noch nicht gegeben, weder mit der geliebten Person noch mit unsrer Empfindung für sie sei irgend etwas zu vergleichen.
Eine Entfremdung pflegt - ob als Ursache, ob als Folge, ist schwer entscheidbar - in dem Augenblick einzusetzen, in dem der Beziehung ihr Einzigkeitsgefühl entschwindet; ein Skeptizismus gegen ihren Wert an sich und für uns knüpft sich gerade an den Gedanken,
dass man schließlich mit ihr nur ein allgemein menschliches Geschick vollzöge, ein tausendmal dagewesenes Erlebnis erlebte, und
dass, wenn man nicht zufällig eben dieser Person begegnet wäre, irgendeine andre die gleiche Bedeutung für uns gewonnen hätte.
Und irgend etwas davon mag keinem, noch so nahen Verhältnis fehlen, weil das Zweien Gemeinsame vielleicht niemals bloß ihnen gemeinsam ist, sondern einem allgemeinen Begriff zugehört, der noch viel andres einschließt, viele Möglichkeiten des Gleichen; so wenig sie sich verwirklichen mögen, so oft wir sie vergessen mögen, hier und da drängen sie sich doch wie Schatten zwischen die Menschen, wie ein jedem bezeichnenden Worte enthuschender Nebel, der erst wie zu fester Körperlichkeit gerinnen
müsste, um Eifersucht zu heißen.
Vielleicht ist das in manchen Fällen die generellere, mindestens die unüberwindlichere Fremdheit, (> 512)
als die durch Differenzen und Unbegreiflichkeiten gegebene: dass zwar eine Gleichheit, Harmonie, Nähe besteht, aber mit dem Gefühle,
dass diese eigentlich kein Alleinbesitz eben dieses Verhältnisses ist, sondern ein Allgemeineres, das potenziell zwischen uns und unbestimmt vielen Andern gilt und deshalb jenem allein realisierten Verhältnis keine innere und ausschließende Notwendigkeit zukommen
lässt. - Andrerseits gibt
es eine Art von »Fremdheit«, bei der gerade die Gemeinsamkeit auf dem
Boden eines Allgemeineren, die Parteien Umfassenden, ausgeschlossen ist;
hierfür ist etwa das Verhältnis der Griechen zum
barbaroV typisch, all die Fälle, in denen dem Andern gerade die generellen Eigenschaften, die man als eigentlich und bloß menschlich empfindet, abgesprochen werden.
Allein hier hat »der Fremde« keinen positiven Sinn, die Beziehung zu ihm ist Nicht-Beziehung, er ist nicht das, als was er hier in Frage steht: ein Glied der Gruppe selbst.
Als solches vielmehr ist er zugleich nah und fern, wie es in der Fundamentierung der Beziehung auf eine nur allgemein menschliche Gleichheit liegt.
Zwischen jenen beiden Elementen aber erhebt sich eine besondere Spannung, indem das
Bewusstsein, nur das überhaupt Allgemeine gemein zu haben, doch gerade das, was nicht gemeinsam ist, zu
besonderer Betonung bringt.
Dies ist aber im Falle des Land-, Stadt-, Rassefremden usw. auch wieder nichts Individuelles, sondern eine fremde Herkunft, die vielen Fremden gemeinsam ist oder sein könnte.
Darum werden die Fremden auch eigentlich nicht als Individuen, sondern als die Fremden eines bestimmten Typus überhaupt empfunden, das Moment der Ferne ist ihnen gegenüber nicht weniger generell als das der Nähe.
Diese Form liegt z. B. einem so speziellen Fall wie der mittelalterlichen Judensteuer, wie sie in Frankfurt, aber auch sonst gefordert wurde, zugrunde.
Während die von den christlichen Bürgern gezahlte Beede nach dem
jedes Maligen Stande des Vermögens wechselte. war die Steuer für jeden einzelnen Juden ein für allemal festgesetzt.
Diese Fixiertheit beruhte darauf,
dass der Jude seine soziale Position als Jude hatte, nicht als Träger bestimmter sachlicher Inhalte.
In Steuersachen war jeder andre Bürger Besitzer eines bestimmten Vermögens, und seine Steuer konnte den Wandlungen dieses folgen.
Der Jude aber war als Steuerzahler in erster Linie Jude, und dadurch erhielt seine steuerliche Position ein invariables Element; am stärksten tritt dies natürlich hervor, sobald sogar diese individuellen Bestimmungen, deren Individualität durch die starre Unabänderlichkeit begrenzt war, fallen, und die Fremden eine durchgehend gleiche Kopfsteuer
bezahlen. Mit all seiner
unorganischen Angefügtheit ist der Fremde doch ein organisches Glied der
Gruppe, deren einheitliches Leben die besondere Bedingtheit dieses
Elementes einschließt; nur dass wir die eigenartige Einheit dieser
Stellung nicht anders zu bezeichnen wissen, als dass sie aus gewissen
Maßen von Nähe und gewissen von Ferne zusammengesetzt ist, die, in
irgendwelchen Quanten jedes Verhältnis charakterisierend, in einer
besonderen Proportion und gegenseitigen Spannung das spez
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Der
Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft
Anmerkungen
1) Wo jenes aber seitens der Angegriffenen fälschlich behauptet wird, entstammt es der Tendenz der Höherstehenden, die Tieferen, die bisher in einem einheitlichen, engeren Verhältnis zu ihnen gestanden haben, doch noch zu exkulpieren.
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Georg Simmel: Soziologie
Untersuchungen über
die Formen der Vergesellschaftung
Duncker & Humblot, Berlin 1908 (1. Auflage)
Das
Problem der Soziologie
Exkurs
über das Problem: wie ist Gesellschaft möglich?
Die quantitative
Bestimmtheit der Gruppe
Über-
und Unterordnung
Exkurs
über die Überstimmung
Der
Streit
Das
Geheimnis und die geheime Gesellschaft
Exkurs über den
Schmuck
Exkurs
über den schriftlichen
Verkehr
Die
Kreuzung sozialer Kreise
Der
Arme
Exkurs über die
Negativität kollektiver Verhaltensweisen
Die
Selbsterhaltung der sozialen Gruppe
Exkurs
über das Erbamt
Exkurs
über Sozialpsychologie
Exkurs
über Treue und Dankbarkeit
Der
Raum und die räumlichen Ordnungen der Gesellschaft
Exkurs
über die soziale Begrenzung
Exkurs
über die Soziologie der Sinne
Exkurs über
den Fremden
Die
Erweiterung der Gruppe und die Ausbildung der Individualität
Exkurs
über den Adel
Exkurs
über die Analogie der individualpsychologischen und der
soziologischen Verhältnisse
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