Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
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Georg Simmel: Vom Wesen der Kultur

ex: Österreichische Rundschau, hrsg. von Alfred Frhr. von Berger, Karl Glossy, Leopold Frhr. von Chlumecky und Felix Frhr. von Oppenheimer, 15. Jg., Heft 1 vom 1. April 1908, S.36-42 (Wien)

Den Begriff der Natur umgibt eine Verwirrung, durch die es geschehen kann, dass man im Zeitalter der exakten Empirie und der mathematischen Erkenntnisideale von der »Natur« wie von einer einheitlichen Macht spricht, die die einzelnen Erscheinungen »erzeugt«, die »unbedingt wahrhaftig« wäre, deren Gesetze sich Befolgung »erzwingen«.

Der Naturbegriff ist vielfach in die mystisch-mythologische Rolle des früheren Gottesbegriffes eingetreten.

Dieser Missbrauch scheint mir darauf begründet, dass die Natur als ein absolutes Wesen gilt, statt als eine Kategorie, unter der die Inhalte des Seins angesehen und angeordnet werden; wie diese Inhalte ein Reich der Natur bilden, so bilden sie auch ein Reich der Kunst, der Religion, der begrifflichen Systematik.

Von herrschenden Begriffen aus werden gewisse Seiten der Erscheinungen, gewisse Möglichkeiten, sie zu einheitlichen Reihen zu ordnen, erfasst, und der Begriff Natur - aus Elementen von Kausalität, Substanzen, Energien, Raum- und Zeitformen ic. bestehend - ist nur einer dieser Begriffe; er ist deshalb in seinem einheitlichen Wesen nur durch den Gegensatz oder die Beziehung zu den anderen Begriffen zu verstehen, die das gleiche Material zu jenen anderen Komplexen formen; von deren Gesamtheit wird der Bezirk unseres Lebens besetzt, das freilich nur fragmentarische und wechselnde Stücke ihrer sich aneignet und erlebt.

Dass nun ein jeder derartige Komplex nur eine Betrachtungsweise und Formierung der identischen Inhalte oder eines Ausschnittes dieser Inhalte ist, nicht aber als ein absolutes Dasein sie für sich monopolisiert, steht in Wechselwirkung mit der Tatsache, dass ein jeder seinen spezifischen Sinn und seine Rechtsgrenzen erst in der Relation zu einem anderen findet; d. h. erst wenn der gleiche Inhalt der einen wie der anderen Kategorie unterstellt wird, leuchtet die Bedeutung eben dieser unzweideutig hervor.

Auf diese Weise legt sich etwa erst auseinander, welche Vielheit von Begriffen der Begriff der Natur deckt.

Wenn eine Religion von der Natur als dem Werk des Teufels und dem Ort der Unreinheit spricht, weil sie hier der Idee eines göttlichen Reiches gegenübersteht, so ist diese Natur etwas völlig anderes, als die Natur, die etwa ein moderner Künstler als den Inbegriff seiner Werte feiert, weil er sie irgend welchen willkürlich ausgedachten, von vorgefassten Ideen abhängigen Kunstformen entgegensetzt.

Die Natur, die Kant als unsere Vorstellungswelt, als das Produkt unserer Sinne und unseres Verstandes bezeichnet, ist ersichtlich etwas ganz anderes als die Natur, die die Ethik entweder als das zu Überwindende in uns, oder als das Ideal aufstellt, das unserem Handeln die Richtlinien geben müsste.

Und eine neue Funktion ihrer offenbart sich, wenn ihr die Kategorie der Kultur entgegengehalten wird, die auch ihrerseits erst an diesem Gegensatz ihre Bedeutung entfaltet.

Alle Geschehensreihen, die von der menschlichen Aktivität getragen werden, können als Natur angesehen werden, d. h. als eine ursächlich bestimmte Entwicklung, in der jedes aktuelle Stadium aus der Kombination und den Spannkräften der vorangegangenen Lage verständlich sein muss.

In diesem Sinne braucht auch zwischen Natur und Geschichte kein Unterschied gemacht zu werden, insofern das, was wir Geschichte nennen, rein als Ereignisverlauf betrachtet, sich in die natürlichen Zusammenhänge des Weltgeschehens und seine kausale Erkennbarkeit einstellt.

Allein sobald irgend welche Inhalte dieser Reihen unter den Begriff der Kultur rücken, so verschiebt sich damit der Naturbegriff in eine engere und sozusagen lokale Bedeutung.

Denn nun geht die »natürliche« Entwicklung der Reihe nur bis zu einem bestimmten Punkte, an dem sie von der kulturellen abgelöst wird.

Der Holzbirnbaum trägt holzige und saure Früchte.

Damit ist die Entwicklung, zu der ihn sein wildes Wachstum bringen kann, an ihr Ende gelangt.

An diesem Punkte hat der menschliche Wille und Intellekt eingegriffen und den Baum durch allerhand Beeinflussungen zur Produktion der Essbirne geführt, d. h. ihn »kultiviert«.

Nicht weniger denken wir uns die Entwicklung des Menschengeschlechts durch physisch-psychische Organisation, durch Vererbung und Anpassung zu bestimmten Formen und Inhalten der Existenz gelangt, an die nun erst teleologische Prozesse ansetzten, um die so vorgefundenen Energien zu einer ihren bisherigen Entwicklungsmöglichkeiten prinzipiell versagten Höhe zu führen.

Der Punkt, an dem diese Ablösung der Entwicklungskräfte stattfindet, bezeichnet die Grenze des Naturzustandes gegen den Kulturzustand.

Da nun aber auch dieser letzte aus seinen »natürlichen« Entstehungsbedingungen kausal abzuleiten ist, so zeigt sich erstens, dass Natur und Kultur nur zwei verschiedene Betrachtungsweisen eines und desselben Geschehens sind, zweitens, dass Natur ihrerseits hier in zwei verschiedenen Bedeutungen auftritt, einmal als der allumfassende Komplex der in kausalem Nacheinander verbundenen Erscheinungen, dann aber als eine Entwicklungsperiode eines Subjektes - nämlich diejenige, in der es die in ihm allein gelegenen Triebkräfte entfaltet, und die endet, sobald ein intelligenter, über Mittel verfügender Wille diese Kräfte aufnimmt und damit das Subjekt zu Zuständen führt, die es, jenen allein überlassen, nicht erreichen könnte.

Wenn indes der Kulturbegriff so mit dem der menschlichen Zwecktätigkeit überhaupt zusammenzufallen scheint, so bedarf dies einer Einschränkung, die sein besonderes Wesen erst bezeichnet.

Wenn ein Schuljunge einem anderen ein Bein stellt, damit er hinfällt und die Kameraden lachen, so ist dies sicher eine eminent teleologische Handlung, eine Ausnutzung natürlicher Begebenheiten durch Intellekt und Willen; aber man wird sie nicht unter den Gesichtspunkt der Kultur rücken.

So ruht dessen Anwendung vielmehr noch auf einer Reihe von - wenn man will: unbewusst wirksamen - Bedingungen, die sich erst aus einer nicht ganz selbstverständlichen Analyse ergeben.

Kultivierung setzt voraus, dass etwas da sei, was sich vor ihrem Eintreten in einem nicht kultivierten - eben dem »natürlichen« - Zustand befand; und sie setzt nun weiter voraus, dass die dann eintretende Änderung dieses Subjektes irgendwie in dessen natürlichen Strukturverhältnissen oder Triebkräften latent sei, wenngleich nicht von diesen selbst, sondern eben nur durch die Kultur zu realisieren; dass die Kultivierung ihren Gegenstand zu dem für ihn determinierten, in der eigentlichen und wurzelhaften Tendenz seines Wesens angelegten Vollendung führe.

Darum erscheint uns der Birnbaum selbst kultiviert, weil die Arbeit des Gärtners schließlich nur die in der organischen Anlage seiner Naturform schlummernden Möglichkeiten entwickelt, ihn zu der vollkommensten Entfaltung seiner eigenen Natur bringt.

Wenn dagegen ein Baumstamm zu einem Segelmast verarbeitet wird, so ist auch dies sicher eine Kulturarbeit, allein keine »Kultivierung« des Baumstammes, weil die Form, zu der die Arbeit des Schiffsbauers ihn gestaltet, nicht in seiner eigenen Wesenstendenz liegt; sie wird ihm vielmehr rein von außen, von einem seinen eigenen Anlagen fremden Zwecksystem hinzugefügt.

Alle Kultivierung also ist, wenn wir auf den mit dem Worte anklingenden Sinn hören, nicht nur die Entwicklung eines Wesens über die seiner bloßen Natur erreichbare Formstufe hinaus, sondern nun auch Entwicklung in der Richtung eines inneren ursprünglichen Kerns, Vollendung dieses Wesens gleichsam nach der Norm seines eigenen Sinnes, seiner tiefsten Triebrichtungen; aber diese Vollendung ist in dem Stadium, das wir das natürliche nennen und das in der rein kausalen Entfaltung der dem Wesen von vornherein innewohnenden Kräfte besteht, nicht erreichbar; sie entsteht vielmehr durch deren Zusammenwirken mit den neuen teleologischen Eingriffen, die aber in jenen Anlagerichtungen des Wesens selbst erfolgen und insoweit seine Kultur heißen.

Daraus ergibt sich, genau genommen, dass nur der Mensch der eigentliche Gegenstand der Kultur ist; denn er ist das einzige uns bekannte Wesen, in dem von vornherein die Forderung einer Vollendung liegt; seine »Möglichkeiten« sind nicht nur die einfache Zuständlichkeit ruhender Spannkräfte oder die Reflexionen und ideellen Hinzufügungen eines Zuschauers - wie dies die vom Holzbirnbaum auszusagenden »Möglichkeiten« der Gartenbirne sind - sondern sie haben gleichsam schon eine Sprache; das, wozu die Seele sich überhaupt entwickeln kann, liegt schon in ihrem jeweiligen Zustand als etwas Drängendes, wie mit unsichtbaren Linien in sie Eingezeichnetes, es ist, wenn gleich in seinem Inhalt oft undeutlich und fragmentarisch realisiert, doch ein positives Gerichtetsein; das Sollen und Können der vollen Entwicklung ist mit dem Sein der menschlichen Seele untrennbar verbunden.

Nur sie enthält die Entwicklungsmöglichkeiten, deren Ziele rein in der Teleologie ihres eigenen Wesens beschlossen liegen - nur dass auch sie diese Ziele nicht durch ihr bloßes Wachstum von innen her, das wir als das natürliche bezeichnen, erreicht, sondern dazu von einem bestimmten Punkte an einer Technik, eines willensmäßigen Verfahrens bedarf.

Wenn wir deshalb von »Kultivierung« niederer Organismen, der Pflanzen und Tiere sprechen, - für nicht-organische Wesen lässt schon der Sprachgebrauch diesen Begriff nicht zu - so ist dies ersichtlich nur eine Übertragung nach der Analogie, die irgendwie zwischen dem Menschen und den anderen Organismen besteht; denn wenn auch der Zustand, zu dem die Kultur derlei Wesen führt, in ihrer Organisation angelegt und schließlich mittels ihrer Kräfte herbeigeführt ist, so liegt er doch niemals so in dem eigenen Sinne ihrer Existenz, ist in ihrem natürlichen Stadium niemals so, als eine Art Aktivität, determiniert, wie in der menschlichen Seele die Vollendung, zu der sie gelangen kann.

Nun wird aber gerade von hier aus eine neue Verengerung des Begriffes erforderlich.

Wenn auch die Kultur eine Vollendung des Menschen ist, so ist keineswegs jede Vollendung seiner schon Kultur.

Es gibt vielmehr Entwicklungen, die die Seele rein von innen heraus oder als ein Verhältnis zu transzendenten Mächten oder in einer unmittelbaren ethischen, erotischen, suggestiven Beziehung zu anderen Personen vollzieht, und die sich der Einstellung unter den Kulturbegriff entziehen.

Religiöse Aufschwünge, sittliche Selbsthingaben, die strenge Bewahrung der Persönlichkeit für die nur ihr eigene Existenzart und Aufgabe - alles das sind Werte, die der Seele aus den Instinkten einer Genialität oder aus der Arbeit an sich selbst zuwachsen.

Sie mögen durchaus jenen Begriff erfüllen: dass damit die Anlagen der Person, aus dem natürlich zu nennenden Stadium zu einem Höhepunkt entwickelt werden, der zwar in der eigensten Richtung der Person und ihrer Idee liegt, zu dem aber doch nur das Eingreifen der höchsten seelischen Energien jene Kräfte führen kann - aber doch ist der Begriff der Kultur damit nicht erfüllt.

Denn zu diesem gehört nun noch: dass der Mensch in eine solche Entwicklung etwas, das ihm äußerlich ist, einbezieht.

Gewiss ist Kultiviertheit ein Zustand der Seele, allein ein solcher, der auf dem Wege über die Ausnutzung zweckmäßig geformter Objekte erreicht wird.

Diese Äußerlichkeit und Objektivität braucht nicht nur im räumlichen Sinn verstanden zu werden.

Die Formen des Benehmens etwa, die Feinheit des Geschmackes, die sich in Urteilen offenbart, die Bildung des sittlichen Taktes, die den Einzelnen zu einem erfreulichen Mitglied der Gesellschaft macht - dies alles sind Kulturformationen, die die Vollendung des Einzelnen über reale und ideale Gebiete jenseits seiner selbst führen, diese bleibt hier nicht ein rein immanenter Prozess, sondern vollzieht sich in einer einzigartigen Ausgleichung und teleologischen Verwebung zwischen Subjekt und Objekt.

Wo keine Einbeziehung eines objektiven Gebildes in den Entwicklungsprozess der subjektiven Seele vorliegt, wo sie nicht über ein solches, als über ein Mittel und Stadium ihrer Vollendung, zu sich selbst zurückkehrt, mag sie Werte des höchsten Ranges in sich oder außer sich realisieren, aber es ist nicht der Weg der Kultur in deren spezifischem Sinne, den sie zurücklegt.

Daher begreifen wir aber auch, dass sehr innerliche Naturen, die jeden Umweg der Seele über ein Außerhalb-ihrer auf dem Suchen nach ihrer eigenen Vollendung perhorreszieren, einen Hass auf die Kultur haben können.

Diese notwendige Zweiheit der Elemente zeigt der Kulturbegriff nicht weniger von der Seite des Objekts her.

Wir sind gewohnt, die großen Reihen der künstlerischen und der sittlichen, der wissenschaftlichen und der wirtschaftlichen Produktion ohne weiteres als Kulturwerte zu bezeichnen.

Mag sein, dass sie es durchgehend sind; aber keineswegs sind sie es ihrer rein sachlichen, sozusagen autochthonen Bedeutung nach, und keineswegs ist die Kulturbedeutung des einzelnen Produktes genau derjenigen entsprechend, die es innerhalb seiner eigenen, durch seinen Sachbegriff, sein Sachideal bestimmten Reihe einnimmt.

Ein Kunstwerk etwa untersteht ganz anderen Rangierungen und Normierungen, wenn es innerhalb der kunstgeschichtlichen oder der ästhetischen Reihe und Kategorie betrachtet wird, als wenn sein Kulturwert in Frage steht.

Während jede jener großen Reihen einerseits als Endzweck gelten kann, so dass jedes einzelne Produkt in ihnen einen mit seinem unmittelbaren Genossenwerden und Sichbewähren erwiesenen Wert darstellt, kann alles dies anderseits in die Kulturreihe eingestellt, d. h. auf seine Bedeutung für die Gesamtentwicklung der einzelnen Individuen und ihrer Summe hin angesehen werden.

Auf ihrem eigenen Boden stehend, sträuben sich all diese Werte gegen die Unterbringung in die Kulturreihe: das Kunstwerk fragt nur nach seiner Vollendung an dem Maßstab rein künstlerischer Forderungen, die wissenschaftliche Forschung nur nach der Richtigkeit ihrer Ergebnisse, das wirtschaftliche Produkt nur nach seiner zweckdienlichsten Herstellung und seiner einträglichsten Verwertung.

Mit alledem werden innere und äußere Gebilde über das Maß ihrer »natürlichen« Entwicklung hinaus zu einer teleologischen geführt und gewinnen dadurch freilich die Möglichkeit, als Kulturwerte zu funktionieren.

Aber auf ihre autonome Sachlichkeit hin angesehen, sind sie das noch nicht, sondern unterstehen Idealen und Normen, die nur von ihrem objektiven Inhalt, aber nicht von den Forderungen jenes einheitlichen, zentralen Punktes der Persönlichkeit hergenommen sind.

Was sie für die Entwicklung dieser, d. h. als Kulturwerte leisten, ist eine weitere Frage, und die Höhe, die sie unter der Voraussetzung dieses letzteren einnehmen, fällt darum keineswegs mit der zusammen, die jene Forderungen der spezifischen, nur je eine sachlich bestimmte Seite unseres Wesens betreffenden Interessen stellen.

Sie mögen unseren Einzelzwecken noch so vortrefflich dienen - darum kann ihr Ertrag für unsere Gesamtexistenz, für den nach Entwicklung ringenden Quellpunkt unseres Ich überhaupt sehr gering sein; und umgekehrt, sie können sachlich, technisch, vom Blickpunkt der spezifischen Wesensprovinz aus unvollkommen und wenig bedeutsam sein, aber doch gerade das leisten, was unser Sein für die Harmonie seiner Bestandteile, für seine geheimnisvolle Einheit jenseits aller seiner Spezialbedürfnisse und -kräfte gerade bedarf.

Denn wie sich »Einheit« überhaupt für uns nur als Wechselwirkung und dynamisches Ineinanderweben, Zusammenhang, Ausgleichung einer Vielheit darbietet, so ist jener Einheitspunkt in uns, dessen innere Bedeutung und Kraft sich im Kulturprozess durch die Einbeziehung gesteigerter und vollendeter Objekte vollendet, explizite ausgedrückt dieses: dass unsere einzelnen Wesensseiten in enger Wechselwirkung stehen, jede die anderen tragend und von ihnen getragen, ihre Lebendigkeiten harmonisch ausgleichend und austauschend.

Deshalb sind wir noch nicht kultiviert, weil wir dieses oder jenes können oder wissen, deshalb ist das Spezialistentum, so hoch es seine objektiven Inhalte ausbilden möge, noch nicht Kultur - sondern diese entsteht erst, wenn jene einseitigen Perfektionen sich in die Gesamtlage der Seele einordnen, wenn sie Unstimmigkeiten unter deren Elementen dadurch, dass sie alle auf eine höhere Stufe heben, ausgleichen, kurz, wenn sie das ganze als Einheit vollenden helfen.

So darf der Maßstab, der jede unserer Leistungen oder Rezeptivitäten unter den Kategorien ihrer sachlichen, speziellen Reihe ihren Rang bestimmt, nicht mit dem anderen verwechselt werden, der eben dieselben Inhalte unter der Kategorie der Kultur, d. h. als Entwicklung unserer inneren Totalität beurteilen lässt.

Angesichts dieser Scheidung wird die paradoxe Tatsache deutlich, dass gerade den allerhöchsten Leistungen verschiedener Gebiete gegenüber, namentlich denen persönlicher Art: in der Kunst, der Religion, der Spekulation - der Gesichtspunkt ihres Kulturwertes verhältnismäßig zurücktritt.

Die eindrucksmächtigsten Werke und Gedanken halten uns so kräftig an dem fest, was sie an und für sich, innerhalb ihres eigensten Gebietes und gemessen am unmittelbaren Maßstabe ihres Inhaltes sind, dass ihre Kulturbedeutung dadurch überdeckt wird, dass sie sich gleichsam weigern, in jene Kooperation mit anderen in der Richtung unseres allgemeinen Wesens einzutreten; sie sind zu sehr Herr innerhalb ihrer Provinz, um sich der Kategorie des Dienens zu fügen, unter die sie als Kulturfaktoren, als Mittel für die Bildung einer seelischen Gesamteinheit, treten müssten.

Dies wird ersichtlich jenen Kulturprodukten gegenüber am entschiedensten sein, aus denen unmittelbar ein persönliches Leben zu dem Aufnehmenden spricht.

Je getrennter ein Produkt von der subjektiven Seelenhaftigkeit seines Schöpfers ist, je mehr es in eine objektive, für sich geltende Ordnung eingestellt ist, desto spezifischer ist seine kulturelle Bedeutung, desto geeigneter ist es, als ein allgemeines Mittel in die Ausbildung vieler individueller Seelen einbezogen zu werden.

Es verhält sich damit, wie mit dem »Stil« eines Kunstwerkes.

Das ganz große Kunstwerk, in dem eine souveräne Seele einen nur ihr eigenen Ausdruck gefunden hat, pflegen wir kaum nach seinem Stil zu fragen; denn dieser ist eine allgemeine Ausdrucksart, vielen Äußerungen gemeinsam, eine von ihrem jeweiligen Inhalt ideell trennbare Form; in dem höchsten Kunstwerk aber ist das allgemeine Fundament und die besondere Ausgestaltung eine einheitliche Offenbarung, in der das, was sie mit anderen teilt, für den Eindruck völlig zurücktritt, es fordert als ein völlig für sich Seiendes, nicht als das Beispiel eines allgemeinen Stilgesetzes aufgenommen zu werden.

Und ebenso findet das ganz Große und ganz Persönliche überhaupt, so erheblich seine Kultureinwirkung auch tatsächlich sein mag, doch unter dieser Kategorie nicht seine bedeutsamste, seinen Wert am meisten akzentuierende Stelle; diese bietet sich vielmehr den ihrem inneren Wesen nach allgemeineren, unpersönlicheren Leistungen an, die in größere Distanz vom Subjekt hin objektiviert sind und sich damit gewissermaßen »selbstloser« zu Stationen der seelischen Entwicklungen hergeben.

Indem die Kultur so die Lebensinhalte in einen in unvergleichlicher Weise geschürzten Knotenpunkt von Subjekt und Objekt stellt, ergibt sich das Recht zu zwei Bedeutungen ihres Begriffes.

Als die objektive Kultur kann man die Dinge in jener Ausarbeitung, Steigerung, Vollendung bezeichnen, mit der sie die Seele zu deren eigener Vollendung führen oder die Wegstrecken darstellen, die der Einzelne oder die Gesamtheit auf dem Wege zu einem erhöhten Dasein durchläuft.

Unter subjektiver Kultur aber verstehe ich das so erreichte Entwicklungsmaß der Personen - so dass objektive und subjektive Kultur nur in einem übertragenen Sinn der ersteren koordinierte Begriffe sind: indem man nämlich die Dinge mit einem selbständigen Triebe zu einer Perfektion ausstattet, mit einer Idee, zu einer Entwicklung jenseits ihrer bloß natürlichen auf -steigen zu sollen; wobei dann die menschliche Kraft, die dies bewirkt, gewissermaßen als ihr Mittel dazu vorgestellt wird.

Spricht man von einer Kultiviertheit der Dinge, der Sachgehalte des Lebens, so kehrt man die Ordnung des eigentlichen, im Menschen sich abspielenden Kulturprozesses um; man schafft diesem ein Gleichnis, indem man nun die Entwicklung der Sachen, als wäre sie ein an sich teleologisches Geschehen, in ein natürliches und ein kultiviertes Stadium teilt, und das letztere, als ein selbstgenugsames und definitives, durch den Eingriff des menschlichen Tuns, als eines Trägers oder einer Wegstrecke dieses Aufsteigens, hindurchgehen lässt.

Im genaueren Sinne aber sind die beiden Anwendungen des Kulturbegriffes keineswegs einander analog, sondern die subjektive Kultur ist der dominierende Endzweck, und ihr Maß ist das Maß des Anteilhabens des seelischen Lebensprozesses an jenen objektiven Gütern oder Vollkommenheiten.

Ersichtlich kann es keine subjektive Kultur ohne objektive geben, weil eine Entwicklung oder ein Zustand des Subjekts eben nur dadurch Kultur ist, dass er so bearbeitete Objekte in seinen Weg einbezieht.

Dagegen kann die objektive Kultur eine, zwar nicht vollständige, aber relativ erhebliche Selbständigkeit der subjektiven gegenüber gewinnen, indem »kultivierte«, d. h., ihrem Sinn nach, kultivierende Objekte geschaffen werden, deren Bedeutung nach dieser Richtung hin nur unvollkommen von Subjekten ausgenutzt wird.

Gerade in sehr entwickelten und arbeitstelligen Epochen wachsen die Kulturerrungenschaften zu einem gleichsam für sich bestehenden Reiche aus und zusammen, die Dinge werden vollendeter, geistiger, gewissermaßen einer innerlich sachlichen Logik der Zweckmäßigkeit immer fügsamer folgend, ohne dass die definitive Kultivierung, die der Subjekte, sich in demselben Maße steigerte, oder auch angesichts der ungeheuren Ausdehnung jenes objektiven, an unzählige Arbeiter verteilten Gebietes der Dinge auch nur steigern könnte.

Zum mindesten geht die geschichtliche Entwicklung darauf, die sachlich schöpferische Kulturleistung von dem gesamten Kulturstand der Individuen mehr und mehr zu differenzieren.

Die Dissonanzen des modernen Lebens - insbesondere das, was sich als Steigerung der Technik jedes Gebietes und als gleichzeitige tiefe Unbefriedigung an ihr darstellt - entspringen zum großen Teil daraus, dass zwar die Dinge immer kultivierter werden, die Menschen aber nur in geringerem Maße imstande sind, aus der Vollendung der Objekte eine Vollendung des subjektiven Lebens zu gewinnen.


 

Editorial:

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