Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
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Georg Simmel: Zur Soziologie der Familie

ex: Vossische Zeitung (Berlin), Sonntagsbeilagen Nr. 26-27 vom 30. 6. und 7. 7. 1895.

I

Neu auftretende Wissenschaften genießen den zweifelhaften Vorzug, für alle möglichen, in der Luft liegenden und nicht recht unterzubringenden Probleme eine vorläufige Heimstätte bieten zu müssen.

Die unvermeidliche Unbestimmtheit und Unverteidigtheit ihrer Grenzen lockt alle Heimatlosen an, bis ihr Wachstum allmählich die nicht hineingehörigen Elemente wieder ausstößt, und sie in freilich enttäuschende, aber eben deshalb künftiger Enttäuschung vorbeugende Schranken einpasst.

So beginnt die wirre Masse von Problemen, die sich an die neue Wissenschaft der Soziologie herandrängten, sich zu lichten, sie fängt an, das Heimatsrecht in ihr nicht mehr wahllos auszuteilen, und wenngleich es noch nicht unbestritten ist, welche genauere Form denn die Umfangslinien ihres Bezirks haben, so sind doch allenthalben ernsthafte wissenschaftliche Bemühungen sichtbar, solche Linien überhaupt festzulegen.

Eine Zeit lang schien Soziologie das Zauberwort, das allen Rätseln der Geschichte wie des praktischen Lebens, der Sittenlehre wie der Ästhetik, der Religion wie der Politik Erlösung winkte, und man hält z. B. in Frankreich daran noch ziemlich allgemein fest.

In Deutschland und Nordamerika dagegen sind jene bescheidneren Theorien entstanden, die darauf verzichten, in einer einzigen Wissenschaft die Erkenntnis alles dessen zusammenzufassen, was sich je im Rahmen einer Gesellschaft abgespielt hat.

Sie verstehen die neue Wissenschaft entweder als einen Zweig der Psychologie, derjenigen nämlich, die die sozial veranlassten und sozial geäußerten Seelenvorgänge des Individuums behandelt; oder als die Wissenschaft von den gemeinsamen Voraussetzungen aller die Gesellschaft betreffenden Erkenntnisse, oder als die Philosophie des sozialen Geschehens, oder endlich als die Erforschung der Formen, in denen sich Menschen vergesellschaften, und die das gleiche Wesen und Entwicklung durch alle Mannigfaltigkeit der Zwecke und Inhalte hindurch zeigen, um die herum sich die Gesellschaften kristallisieren.

Für alle diese umgrenzteren Ziele der Soziologie ist die Geschichte der Familie ein Material von besonderer Bedeutung.

Denn in ihr haben wir eine Sozialisierung weniger Personen, die sich innerhalb jeder größeren Gruppe unzählige Male in der genau gleichen Form wiederholt und aus einfachen, jedem nachfühlbaren Interessen hervorgeht, aus diesen Ursachen also verhältnismäßig leicht erkennbar ist; wir haben zudem eine außerordentliche Mannigfaltigkeit von Familienformen in den verschiedenen Kulturstufen, und da die Familie überhaupt eine dauernde Gruppierung bei allem Wechsel der sonstigen Lebensformen ist, so können wir an dem Einfluss dieser auf die ehelichen und verwandtschaftlichen Verhältnisse oft genau deren eigenes Wesen und Kraft prüfen; endlich vereinigt die Ehe und Familie trotz ihrer sehr einfachen Struktur eine große Fülle ganz verschiedener Interessen - erotischer wie ökonomischer, religiöser wie sozialer, Interessen der Macht wie der individuellen Ausbildung - und zeigt dadurch an einem durchsichtigen Beispiel, wie alle diese Momente, in ihrer Kombination und dem wechselnden Übergewicht des einzelnen, auf das Zusammenleben der Menschen wirken.

Von diesen Gesichtspunkten aus will ich hier einige Tatsachen und Überlegungen vortragen, die sich aus den neuesten Forschungen und sozialpsychologischen Analysen der Familiengeschichte ergeben.

Die nächstliegende historische Vermutung ist, dass die Ehe sich aus einem Zustand tierisch ungeregelter, willkürlich wechselnder Beziehungen zwischen Mann und Weib herausgebildet habe.

Feste Ordnungen, beschränkende Normen erscheinen uns allenthalben erst als spätere Stadien von Entwickelungen, die mit sinnlosem Chaos begonnen haben, und so schienen die bestimmten dauernden Beziehungen, die wir als Ehe und Familie bezeichnen, erst das Resultat sozialer Zucht, erprobter Zweckmäßigkeit sein zu können; denn als das Minimum von Ehe muss man doch die) enge Beziehung zwischen Mann und Weib bezeichnen, welche über die Geburt des Sprösslings hinausreicht und in der eine Gemeinsamkeit der Lebensfürsorge stattfindet.

Die Hauptstütze fand diese Vorstellung einer ursprünglichen Ehelosigkeit in dem sogenannten Mutterrecht.

Man hat bekanntlich vor einigen Jahrzehnten entdeckt, dass bei sehr vielen Naturvölkern und wahrscheinlich auch in früheren Stadien jetziger Kulturvölker nicht der Vater, sondern die Mutter das Zentrum der Familie bildete.

Auch wo die Ehe schon existiert, gehört dennoch vielfach das Kind nicht zum Stamme des Vaters, sondern zu dem der Mutter, der Vater gilt nicht mit dem Kinde verwandt, es erbt auch nicht von ihm, sondern von dem Bruder der Mutter.

Es lag am nächsten, dieses wunderliche Verhältnis als einen Erfolg und Rest früherer Zustände zu erklären, in denen der Vater überhaupt nicht bekannt war, weil kein bestimmtes Eheband bestand und Weibergemeinschaft herrschte.

Nun hat man aber ganz neuerdings entdeckt, dass bei mehreren Völkergruppen gerade die allertiefststehenden Abteilungen Vaterrecht haben, Abstammung und Erbschaft in väterlicher Linie kennen, während die höher entwickelten die Mutterfolge aufweisen, die sich doch gerade an die niedrigste Stufe anschließen und sie verraten sollte.

Bei den höchststehenden Indianern, die schon bei Ankunft der Europäer Getreide bauten und eine feste soziale Organisation besaßen, gilt durchgehende die weibliche Abstammungslinie; bei den tiefststehenden, denen jenes beides mangelt, die männliche.

Genau dasselbe Verhältnis findet sich bei den Australnegern, ja, es scheint festzustehen, dass bei diesen das Vaterrecht die früheste vorhandene Familienform war, und sich aus diesem erst, aus noch unbekannten Gründen, die Mutterfolge entwickelt habe, d. h. die Zugehörigkeit des Kindes zu dem Stamme der Mutter - wenngleich auch dabei von Weibergemeinschaft und Unsicherheit der Vaterschaft nicht die Rede sei.

Jenes Hauptargument für einen ursprünglichen Mangel jedes individuellen und dauernden Verhältnisses zwischen Mann und Weib zeigt sich also als hinfällig.

Es bietet sich hier übrigens ein interessanter Einblick in die Bedeutung aller derartiger Rekonstruktionen der frühesten Zustände aus den späteren.

Aus den Folgen der Eifersucht konstruiert ein Forscher die Notwendigkeit eines ursprünglich ganz freien, promiskuen Zustandes.

Hätte nämlich von Anfang an ein Privatbesitz von Frauen bestanden, so wäre irgend eine Stammesbildung und Organisation unmöglich gewesen, denn die eifersüchtigen Gefühle der Männer würden jedes nahe Zusammenleben, jede genossenschaftliche Vereinigung im Keime erstickt haben.

Damit es also zu einer solchen, zur Bildung größerer und dauernder Gruppen käme, muss durchaus gegenseitige Duldung der erwachsenen Männer, Freiheit von Eifersucht, d. h. also Unbeschränktheit der Beziehungen zwischen jedem Mann und jedem Weib vorausgesetzt werden.

Ganz umgekehrt schließt ein anderer Gelehrter: Gerade bei den letztgenannten Zuständen musste fortwährende Eifersucht entstehen.

So lange nicht geregelte Beziehungen zwischen den Geschlechtern existieren, und der Mann in der Frau einen ausschließlichen, für die andern gar nicht in Frage kommenden Besitz hätte, müsse der Kampf um das Weib - da doch nicht alle gleich begehrenswert wären - die Quelle fortwährender Entzweiung der männlichen Individuen untereinander sein.

Erst wenn die Beziehungen dieser zu den Frauen gesondert und gesichert waren, wenn der Besitz von Frauen zwar begrenzt, aber dafür auch den anderen gegenüber geschützt war, konnte es zu dem inneren Frieden innerhalb einer Gruppe und damit zu den größeren und bestandfähigeren Organisationen kommen.

Die Tatsachen also, dass wir solche vor uns sehen und dass das Gefühl der Eifersucht die Männer auseinander hält, bringen den einen zu dem Schlusse, dass am Anfang der Entwicklung nur regellose, den anderen, dass nur geregelte Zustände geherrscht haben können.

Einen weiteren Beweis für den ursprünglichen Mangel an bestimmten ehelichen Verhältnissen hat man darauf gegründet, dass bei manchen Völkern die Bezeichnungen für Neffe und Nichte die gleichen sind wie für Sohn und Tochter, diejenigen für Cousin und Cousine dieselben wie für Bruder und Schwester.

Solche Benennungen könnten nur in dem Falle entstanden sein, dass jedes Weib mit allen Männern ihrer Gruppe, also auch mit ihren eigenen Brüdern, in ehelichen Beziehungen stand; der Vater und der Mutterbruder, und in Folge dessen der Sohn und der Neffe waren unter diesen Umständen oft identisch, oder konnten wenigstens nicht unterschieden werden.

Wenn nun auch dieser Zustand jetzt nirgends mehr auffindbar wäre, so bewiese doch jene Benennung, dass er einstmals bestanden haben müsse; denn derartige Namensysteme entständen immer nur als Ausdruck für real existierende Verhältnisse, lebten aber freilich weiter, nachdem sie durch die Weiterentwickelung der letzteren längst sinnlos geworden seien.

Auch diese Begründung eines ursprünglichen Ehekommunismus hat sich als unzulänglich erwiesen, insbesondere seit wir die soziale Verfassung der Australneger besser kennen und aus ihr gesehen haben, dass die Bezeichnung als Vater oder Sohn bei primitiven Völkerschaften überhaupt keinen Hinweis auf irgend eine Verwandtschaft, sondern nur auf einen Altersunterschied zu geben braucht, gerade wie noch bei uns derartige Sprachgebräuche in Schwange sind.

Der Australneger teilt den Lebenslauf jedes Individuums in drei Abschnitte: Kind, junger Mann, alter Mann, bez. Frau.

Ursprünglich entschied ausschließlich diese Schichtung nach Generationen, welcher Verwandtschaftsausdruck für die einzelnen Personen galt: d. h. die Mitglieder der älteren Schicht wurden unterschiedslos als »Väter« oder »Mütter« der jüngeren bezeichnet, die der höchsten als Großeltern der jüngsten.

Die Ausdrücke Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter bedeuten also durchaus nicht das physiologische, blutsverwandtschaftliche Verhältnis, das wir mit dem entsprechenden Wort verbinden, sondern nur Unterscheidungen zwischen Alt und Jung.

Nichtsdestoweniger kennt der Australier ganz genau seinen wirklichen Vater und seine Mutter, nur hat er kein besonderes Wort, das diese begrifflich von den anderen Mitgliedern derselben Schicht unterschiede.

Wie sehr hier tatsächlich nur ein Mangel der Begriffs- und Sprachbildung vorliegt, nicht aber ein Mangel an tatsächlichem Unterscheidungsvermögen, beweist die Tatsache, dass manche Stämme nicht einmal ein besonderes Wort für Vater und ein anderes für Mutter haben; wollen sie den Unterschied der Geschlechter innerhalb der älteren Schicht bezeichnen, so müssen sie zu dem gemeinsamen Ausdruck für beide noch das Wort Mann oder Weib hinzufügen.

So wenig man also hier behaupten kann, dass der Mangel eines unterscheidenden Ausdrucks auf eine Unmöglichkeit oder ein Unterbleiben der Unterscheidung deute, so wenig kann man aus der unterschiedslosen Bezeichnung aller älteren Männer als Vater deduzieren, dass hier eine wirkliche oder ehemalige Unbekanntheit des Vaters, also ein Ehekommunismus vorliege.

Wir sind so durch keine feststellbare Tatsache genötigt, die monogamische oder überhaupt eine bestimmte, durch Sitte und Gesetz geregelte Eheform aus einem früheren Zustand völliger Zügellosigkeit entspringen zu lassen.

Es wäre vielmehr möglich, dass der Mensch, ebenso wie manche Tiere - insbesondere die meisten Vögel - von Natur monogamisch sei und nur durch besondere Umstände, wie sie auf allen Gebieten die natürlichen Bestrebungen modifizieren und beirren, in Ungebundenheit der Beziehungen, in Polyandrie oder Polygamie gefallen sei. Hierfür sprechen manche Erwägungen.

Zunächst findet sich völlige, regellose Willkür in dem Verhältnis zwischen Mann und Weib bei keinem bekannten Volk der Erde, und wo sie teilweise besteht, zeigen merkwürdige Gegensätze darin, dass sie nicht als allgemein gültige Phasen menschlicher Entwicklung anzusehen ist.

So gibt es z. B. einige Naturvölker, bei denen die jungen Mädchen absolute Freiheit genießen, ja, wo es ihnen zum besonderen Ansehen gereicht, recht viele Liebhaber zu besitzen, weil dies die Stärke ihrer Reize beweise - während sie vom Augenblick der Eheschließung an ihrem Gatten absolut treu sind.

Von anderen wird das direkte Gegenteil berichtet: strengste Keuschheit der Mädchen und unbedingte Abenteuerlust der Frauen.

Dass die Vielweiberei keine typische Eheform sein kann, folgt aus der einfachen Tatsache, dass es allenthalben nur ungefähr soviel Frauen wie Männer gibt, der Besitz mehrerer Frauen also immer nur ein Privilegium weniger, der großen Menge aber versagt sein muss.

Auch Vielmännerei findet nur unter ganz besonderen Umständen statt, z. B. im Hochlande von Tibet, wo die Ernährungsschwierigkeit eine so große ist, dass die Ehe den Männern als ein lästiges und schwieriges Engagement erscheint, in das sich deshalb mehrere teilen.

Auch haben sich die meisten Fälle von Vielmännerei nicht eigentlich als Eheform, sondern als eine Einehe mit mehreren Liebhabern herausgestellt.

Es finden sich neben diesen Formen nun mancherlei Mischformen, z.B. die sogenannten Dreiviertelsehen, die man in einem arabischen Stamm beobachtet hat. Dort verpflichtet sich nämlich das Mädchen beim Eingehen der Ehe, ihrem Gatten eine bestimmte Anzahl von Wochentagen treu zu sein -

Ein Reisender beschreibt sehr ergötzlich, wie die Brautgeschenke des Werbers von den Schwiegereltern geprüft und zuerst so unbedeutend gefunden werden, dass dafür nicht mehr als zwei Tage Treue in der Woche versprochen werden könnten, bis endlich nach leidenschaftlichem Hin- und Herfeilschen die Schwiegermutter das erlösende Wort spricht: »Meine Tochter soll dir Montags, Dienstags, Donnerstags und Freitags treu sein!«

Eine andere Mischform bilden die Zeitchen der schiitischen Mohammedaner. Dies sind legale, von vorgeschriebenen Bedingungen abhängige Ehen, die meistens von den Priestern geschlossen werden, aber nur auf eine vorher festgesetzte Zeit - von einer Stunde bis zu 99 Jahren.

Die Kinder einer solchen rechtlich völlig anerkannten Ehe sind gleichfalls legitim, wie die einer lebenslänglichen.

Endlich findet sich eine wunderliche Eheform bei den äußerst tiefstehenden, momentan die unterste Entwickelungsstufe unserer Art darstellenden Australnegern:

Ihre Stämme sind größtenteils in Heiratsklassen eingeteilt; es finden sich also z. B. bei den Kamilaroi zwei Klassen, in deren einer die Männer Ippai, die Frauen Ippata heißen, in der andern die Männer Cubbi, die Frauen Cubbota.

Nun darf ein Ippai ausschließlich eine Cubbota, ein Cubbi nur eine Ippata heiraten, und jede Heirat etwa des ersteren mit einer Ippata, auch wenn sie ihm absolut nicht blutverwandt ist, ist streng verboten.

Dafür aber gilt er mit allen überhaupt vorhandenen Cubbotas sozusagen als potentiell verheiratet, und wenn er in einem ganz entlegenen Dorfe eine Cubbota antrifft, die er nie zuvor gesehen hat, so ist es ihnen ganz natürlich, in ein eheliches, wenn auch flüchtiges Verhältnis zu treten. -

Alle diese mannigfaltigen Formen der Beziehung zwischen Mann und Weib charakterisieren sich als Ergebnisse besonderer historischer Umstände, und keine einzige enthüllt uns einen »Urzustand«, auf den ein natürlicher, überall gleichmäßig vorauszusetzender Trieb führte.

Soll es dennoch durchaus einen solchen geben, so ist der monogamische in keiner Weise schlechter bezeugt, als der der Regellosigkeit. ja, die Entwickelung der Ehe strebt allenthalben aus polygamischen und polyandrischen Formen zur Monogamie.

Von den ersteren wird fast allgemein berichtet, dass eine Frau eine legal oder gewohnheitsmäßig führende Stellung unter den verschiedenen Frauen eines Mannes einnehme: entweder die zuerst heimgeführte, oder die vornehmste, oder die Lieblingsfrau.

Aus diesem Grunde streben sogar z. B. die Zulufrauen, ihren Männern aus ihren Ersparnissen eine zweite Frau zu kaufen: weil diese der ersten gegenüber die Stelle einer Magd hat.

Die Stellung des primus inter pares, die die Hauptfrau in der Polygamie einnimmt, pflegt sich, wie es dieser Stellung überhaupt eigen ist, zu der des primus schlechthin zu entwickeln: es kommt vor, dass die Kinder auch der Nebenfrauen die Oberfrau als ihre rechte Mutter betrachten.

Je bedeutsamer nun innerlich und äußerlich die Stellung dieser einen Frau wird, desto tiefer wird die der anderen Frauen herabgedrückt, bis dieser soziologische Scheidungsprozess damit endet, dass überhaupt nur eine Ehefrau existiert und alle daneben stehenden Beziehungen zu Frauen illegitim oder verboten sind.

Man könnte also jene andersartigen Verhältnisse sehr wohl als Zwischenstufen auffassen, denen gegenüber der monogamische Instinkt sowohl die vorangehenden wie die folgenden Zustände beherrschte.

Es wäre dies nur einer der häufigen Fälle, in denen die höchste Entwicklungsstufe die Form der niedrigsten wiederholt, nur geläutert, gesichert, vervollkommnet. Allein diese unbezweifelbare Möglichkeit ist allerdings noch nicht Wahrscheinlichkeit.

Als solche erscheint mir vielmehr die Vorstellung, dass der unendlichen Verschiedenheit der Eheformen auch eine Verschiedenheit der ursprünglichen Anlagen und Instinkte entsprochen habe.

Wie innerhalb desselben Gesellschaftskreises die Individuen bei aller Gleichheit der äußeren Umstände sich dennoch in dieser Hinsicht äußerst verschieden verhalten, entschieden monogame Naturen neben entschieden polygam veranlagten stehen, so können ebenso ganze Gruppen schon an den frühsten Punkten ihrer Entwicklung ganz entgegengesetzte Instinkte und also Zustände aufgewiesen haben.

Hier wie bei vielen anderen Fragen ist es eine falsche Nachgiebigkeit gegenüber dem Einheitstrieb unseres Denkens, der Verschiedenheit der historischen Erscheinungen um jeden Preis eine Gleichheit des prähistorischen Anfangs unterbauen zu wollen.

II

Mag man sich die primitiven Ehe- oder Uneheverhältnisse denken wie man will; unzweifelhaft scheint mir allerdings, dass der feste Kern, um den die Familie herumgewachsen ist, nicht das Verhältnis zwischen Mann und Weib, sondern zwischen Mutter und Kind ist.

Dies ist der ruhende Pol in der Flucht der Erscheinungen des Ehelebens, die im wesentlichen überall gleiche Beziehung, während die zwischen den Gatten unendlicher Wandlungen fähig ist.

Deshalb ist bei vielen primitiven Völkern das Verhältnis des Familienvaters zu den Kindern keineswegs das unmittelbare, natürlich begründete, wie bei uns.

Das Kind gehört der Mutter; dem Vater nur insoweit, als die Mutter ihm gehört - wie die Früchte des Baumes dem gehören, der der Eigentümer des Baumes ist.

Als Ursache oder als Folge hiervon treffen wir vielfach eine uns fast unverständliche Gleichgültigkeit dagegen an, wer denn der wirkliche physische Vater des Kindes ist; sobald die Mutter einem bestimmten Manne gehört, ist das Kind eben das seinige, gleichviel, ob er weiß, dass nicht sein Blut in dessen Adern fließt. Daher das häufige Verborgen und Vertauschen der Frauen bei Naturvölkern.

Was die frühen Familienformen charakterisiert, ist deshalb nicht, wie man gemeint hat, die Unbekanntheit des Vaters, sondern die Gleichgültigkeit dagegen, wer der Vater im physiologischen Sinne ist.

Ich führe einige auffallende Beispiele dafür an, wie sehr der Begriff des Vaters ein bloss rechtlicher, der Frage der Blutszugehörigkeit ganz fremder sein kann.

Bei einigen Völkern werden unreife Knaben mit erwachsenen Mädchen verlobt, welche bis zum Heranwachsen jener mit anderen Männern, oft mit dem Schwiegervater in Beziehungen treten.

Die Kinder dieser Verbindungen gelten dann ganz fraglos für die Kinder des Knaben, der der rechtliche Besitzer des Mädchens ist. Bei den Kaffern erbt der Sohn die Weiber seines Vaters.

Er selbst hält sich von ihnen fern, leiht sie aber an andere aus und die so erzeugten Kinder sind seine eigenen; d. h. - die hier fragliche Vorstellung noch verstärkend - sie gelten als Kinder des Verstorbenen, wie bei der Leviratsehe, und da aller Besitz dieses auf den Sohn übergeht, so gehören ihm nun auch diese Kinder, und zwar unmittelbar, nicht etwa erst durch einen Adoptions- oder besonderen Anerkennungsakt.

Der schlagendste Fall aber ist die häufige Erscheinung in primitiven Stämmen, dass die Männer direkt danach streben, ihre Frauen mit dem Häuptling, dem Priester oder sonst hervorragenden Männern in Verkehr treten zu lassen, weil sie glauben, dass die Kinder, die ungeachtet dessen eben die ihrigen sind, die ausgezeichneten Eigenschaften ihrer Erzeuger erben werden und dies ihnen und ihrer Familie zu gute kommt.

Hier haben wir also das klar und folgenreich bewusste Erzeugertum in so scharfer Abtrennung vom Vatertum, wie wir, denen gerade die Einheit von beiden das Selbstverständliche ist, sie kaum mehr nachfühlen können.

Der Begriff des Vaters musste eine lange Entwicklung durchmachen, ehe sein ursprünglicher Sinn, der nur den Besitz des Kindes vermittels des Besitzes der Mutter einschloss, zu dem eines direkten und individuellen Verhältnisses zwischen dem Erzeuger und dem Kind aufgewachsen war.

Diese Entwicklung knüpft sich aller Wahrscheinlichkeit nach an die des Privateigentums.

Als der Mann einen persönlichen, umfänglicheren Besitz mit Kampf und Arbeit erworben und verteidigt hatte, wünschte er ihn einem Erben seines eigenen Blutes zu hinterlassen.

An dem Begriff der Gütervererbung ist, wie ich glaube, der der Blutsvererbung nach ihrer hier betrachteten Seite erwachsen und erstarkt.

Es kam sozusagen auf die Vaterschaft noch nicht so sehr an, so lange noch keine erheblichen Konsequenzen in Bezug auf den Besitz damit verknüpft waren. Sobald aber dies Interesse auftritt, bringt es die Forderung der unbedingten ehelichen Treue seitens der Frau mit sich - wenngleich die des Mannes, wie ersichtlich, nicht aus der gleichen Wurzel entspringt und auch tatsächlich sich sehr viel langsamer zu der gleichen Strenge entwickelt.

Diese Forderung an den Mann findet wahrscheinlich nur in dem Maße wachsender Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern statt, in Folge deren diejenigen Beschränkungen, denen die Frauen unterworfen sind, auch den Männern als Gebote einfacher Gerechtigkeit erscheinen, auch wenn die reale Veranlassung, die sie für jene entstehen ließ, für diese gar nicht in Frage kommt.

Allein eben dieser Entstehungsgrund der ehelichen Treue natürlich nur einer unter vielen zusammenwirkenden - bringt uns die als sicher anzusehende Tatsache nahe, dass die individuelle Liebe, die jetzt, wenigstens der allgemeinen Meinung nach, das Fundament der Ehe und der Bestimmungsgrund ihrer Qualitäten und ihres Verlaufs ist, ursprünglich gar nichts mit ihr zu tun hatte, sondern dass umgekehrt die einzelnen Bestimmungen und Inhalte der Ehe aus gesonderten, oft genug sehr äußerlichen Ursachen hervorgingen und ihrerseits erst die Liebe als ein individuelles Herzensverhältnis entstehen ließen.

Zunächst ist die strenge Monogamie in der Ehe wohl nur aus dem Siege des demokratischen Prinzips hervorgegangen.

Ich erwähnte schon, dass überall die Masse der Männer tatsächlich auf eine Frau angewiesen ist, weil eben nicht mehr auf jeden kommt; wo also auch Vielweiberei gesetzlich gestattet ist, da finden wir sie doch durchgehende nur als einen Vorzug der Fürsten, der Reichen, der irgendwie Hervorragenden.

In dem Maße nun, in dem die große Masse den Herrschenden gegenüber zu Rechten kommt - nicht nur zu politischen, sondern auch zu moralischen -, prägt sie ihre eignen Lebensnormen zu sittlich sozialen Gesetzen aus, denen nun auch jene ursprünglich Ausgenommenen unterliegen; die Monogamie, die uns in so vielen ethnologischen Tatsachen als eine erzwungene äußerliche Beschränkung derer, die es eben nicht besser haben können, entgegentritt, wird mit wachsender sozialer Nivellierung ein innerliches, moralisches Gebot für Alle.

Es ist dies dasselbe Erklärungsprinzip, dem man das Fasten als Zeichen der Trauer, wie es schon bei vielen Naturvölkern vorkommt, hergeleitet hat.

Die Furcht vor dem spukenden Geist des Verstorbenen bewog die Hinterbliebenen, ihn durch reichliche Nahrungsopfer zu versöhnen.

Da nun die Lebensmittel sehr oft nur gerade zureichten, so musste durch die Totenopfer Mangel entstehen, ein notgedrungenes Fasten, das schließlich als sittlich-religiös notwendige Folge jedes Todesfalls erschien.

Nachdem die Monogamie einmal durchgehende Eheform geworden war, schlossen sich an sie nun auch die subjektiven Gefühle an, die überall das Ergebnis lange andauernder Zustände sind und die vollzogene Anpassung der Individuen an diese bezeugen. Was man jetzt noch manchmal sagt, um Konvenienzheiraten zu rechtfertigen: Die Liebe käme schon in der Ehe - das hat für die historische Entwicklung unsres Geschlechts zweifellose Wahrheit.

Es hat hier eine Umkehrung stattgefunden, die die Soziologie an vielen und wichtigen Punkten feststellen kann: was für die Gattung Ursache war, ist für das Individuum Wirkung, und vice versa.

Die Geltung der Einehe, wie sie aus ökonomischen und sozialen Umständen hervorgegangen ist, hat es überhaupt erst zu dem spezifischen Gefühl der Liebe und Treue für das Leben kommen lassen; und nun ist umgekehrt für den einzelnen die Entstehung dieses Gefühls die Veranlassung, eine Ehe zu schließen.

In einer ähnlichen Umkehrung entwickelt sich das Verhältnis der Eltern zur Nachkommenschaft.

Wenn alle öffentlichen und dauernden Institutionen auf irgend einen Zweck und Nutzen für die soziale Gruppe zurückgehen, so muss man auch fragen: was ist eigentlich der ursprüngliche Zweck der Ehe, d. h. des Zusammenbleibens der Eltern über die Geburt des Sprösslings hinaus?

Was bewog die Menschen, statt nur zu momentaner Befriedigung der Leidenschaft, zu einem dauernden, pflichtenvollen, oft einengenden Bunde zu schreiten?

Die soziale Nützlichkeit, die hierzu trieb, war vielleicht zunächst die größere Festigkeit, der innere Halt, den die Gesellschaft aus dauernden Verbindungen zog; eine Gruppe, deren Elemente gegenseitig in festen Bindungen, zuverlässigen Verhältnissen stehen, wo eines an dem andern einen bleibenden Halt hat, der eine Kette von Pflichten durch den ganzen Kreis hindurch spannt, - eine solche Gruppe wird sich 'in Kampfe ums Dasein als haltbarer und widerstandsfähiger zeigen, als eine andere, deren Elemente keine gegenseitigem Pflichten, sondern nur momentane, willkürliche, stets wieder zersplitternde Bindungen kennen.

Allein der hauptsächliche soziale Zweck einer festen Ehe war offenbar die bessere Fürsorge für die Nachkommenschaft, die sie garantierte, und die schon in der Tierwelt zu eheähnlichen Verbindungen führt.

Die Ehe bringt eine Arbeitsteilung zwischen Mann und Weib mit sich, die im Wesentlichen den Kindern zu gute kommt: die Frau nährt die Kinder, und der Mann versorgt die Frau mit Nahrung; oder der Mann schafft das Nahrungsmaterial herbei, und die Frau bereitet es für ihn und die Kinder zu.

Das vereinte oder wetteifernde Interesse der Eltern an der Wohlfahrt der Kinder muss die nächste Generation körperlich und geistig kräftiger machen, als es in einer Gruppe ohne gemeinsame elterliche Fürsorge, also ohne Ehe, möglich wäre; die Ehe schafft dadurch auf die Länge der Zeit eine unmittelbare Überlegenheit der Gruppe gegenüber einer ehelosen, in denen die jüngste Generation immer nur den isolierten Kräften der Mutter oder einer kommunistischen, des persönlichen Interesses entbehrenden Fürsorge überlassen ist.

Diese soziale Zweckmäßigkeit der Ehe lässt uns einen bemerkenswerten Zug in ihrer Entwicklung verstehen. Bei den verschiedensten Völkern der Erde gilt die Ehe erst von dem Augenblick an als gültig und rechtskräftig geschlossen, in dem ein Kind geboren ist oder erwartet wird.

Bei manchen Stämmen - in Asien, Afrika und Amerika - bleibt die Frau bis zu diesem Termin im Hause ihrer Eltern, auf den Philippinen und in einem Distrikt Südindiens findet vorher überhaupt keine bindende Verlobung statt, bei einem senegambischen Stamm wird erst dann die Hochzeit gefeiert.

Kurz, der Ursprung der Ehe aus dem sozialen Zwecke, dass sie um der Kinder willen da ist, macht sie in der Entwicklung unserer Gattung - deren betreffende Stufe noch jene primitiven Völker aufweisen - zu einer Folge der Erzeugung der Nachkommenschaft.

Wie die Liebe eine Konsequenz der Ehe war, bis die Ehe eine Konsequenz der Liebe wurde, so ist die Ehe ihrerseits eine Konsequenz der Produktion der nächsten Generation, bis die jetzige umgekehrte Verfassung eintrat.

An beiden Umkehrungen zeigt es sich deutlich, wie die historische Entwickelung von dem Sozialinteresse und der sozialen Norm mehr und mehr zu dem Interesse am Individuum als dem maßgebenden führt: die Ehe ist das soziale Interesse gegenüber dem individuellen der Liebe, innerhalb einer anderen Kategorie ist die Existenz und Versorgung der nächsten Generation soziales Interesse gegenüber der persönlichen Angelegenheit der Ehe.

Darum sind auf den früheren Stufen die erstgenannten Momente die Ursache der letzteren, während sich auf den späteren die ursächliche Verbindung umkehrt.

Eine andere Entwicklung, die in ähnlicher Weise an der Umkehrung ihres Ausgangspunktes mündet, führt ebenso auf das Hervorgehen der Liebe aus der Ehe.

Eine der allerhäufigsten Formen, in denen wir die Eheschließung auf früheren Kulturstufen antreffen, ist die Kauf-Ehe.

Die Frau ist vor allem ein Arbeitstier, so gut wie der Sklave, ja, auf dem niedrigsten Kulturniveau, das noch keine Sklaverei kennt, das einzige, auf das man dauernd rechnen kann.

Der Wunsch, sich eine Arbeitskraft zu verschaffen, ist fast das einzige wirklich individuelle Interesse, aus dem der Naturmensch zur Ehe schreitet.

Daneben steht nur das - übrigens nicht überall vorhandene - Verlangen nach Kindern.

Dass beides zusammenhängt, zeigt die häufiger angetroffene Sitte, dass, wo der Brautpreis kreditiert wird, die Kinder aus der Ehe den Schwiegereltern gehören, bis er voll bezahlt ist.

Die Frau ist ein ökonomischer Wertgegenstand, und deshalb geben ihre Angehörigen, die ihre Arbeitskraft bisher für sich ausgenutzt haben, sie nicht umsonst fort, sondern fordern eine annähernde Kapitalsierung ihres Arbeitswertes.

Der Kauf der Frau weist zunächst auf eine niedrige Stellung ihrer in der Ehe hin. Schon die Tatsache des Verkauftwerdens bedeutet in den meisten Fällen, dass sie keinen eigenen Willen hat, sondern dass seitens ihrer Angehörigen mit ihr wie mit einem Objekt umgegangen wird; und unter diesem Aspekt tritt sie in die Ehe ein. In dieser handelt es sich nun für den Mann darum, sie möglichst viel arbeiten zu lassen, um den Kaufpreis herauszuschlagen. Allein das ist nur die äußerliche Seite der Ehegestaltung durch den Kauf.

Was ich durch Geld erworben habe, besitze ich ganz und gar, bedingungsloser, als jeden durch freien Willen mir zugefallenen Besitz; nach jeder Seite haftet an solchem Erwerb weniger Verpflichtung, weniger Rücksicht.

Dies wird minder schroff hervortreten, wo der Preis in persönlichen Arbeitsdiensten des Werbers für die Eltern der Braut besteht.

Hier ist wenigstens eine individuelle Leistung, ein Einsetzen der Persönlichkeit, das dem damit gewonnenen Gegenstand einen Hauch von Eigenwert lässt, ihn nicht ganz in die Kategorie der »Sache« herabstößt.

Dies aber findet statt, wo die Frauen für Geld oder unmittelbaren Geldeswert - Vieh, Holz, Bekleidungsgegenstände - gekauft werden.

Von allen Werten, die das praktische Leben ausgebildet hat, ist das Geld der unpersönlichste. Weil es als Äquivalent für die entgegengesetztesten Dinge dient, ist es selbst vollständig farblos, alle persönlichen Werte, alle Individualisierungen des Lebens enden am Gelde, weshalb man treffend sagt, dass in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört; es besitzt keine Qualitäten außer seiner Quantität, und seiner unvergleichlichen Bedeutung für alle Äußerlichkeiten des Lebens entspricht deshalb seine völlige Beziehungslosigkeit zu allen innerlichen, personalen Werten desselben.

Dieses Wesen des Geldes beeinflusst nun die Schätzung aller der Dinge, die für Geld erworben werden. Das ganz Besondere, Vornehme, das sich der Besitznahme durch den ersten besten entzieht, bezeichnen wir als »unbezahlbar«. 

Dass eine Frau sich verkauft, sei es in die Ehe mit einem ihr gleichgültigen Manne, sei es in flüchtigeren Formen, erscheint uns deshalb so besonders widrig, weil damit das Allerpersönlichste, was der Mensch zu geben hat, für einen so unpersönlichen Wert, wie Geld, in Tausch gegeben wird. Das Entsprechende zeigt sich nun auf niedrigen Stufen.

Die Frauen werden in Allgemeinen da besonders schlecht behandelt, wo sie für Geld gekauft werden, ihre Stellung hebt sich mit dem Verschwinden dieser Eheform.

Allein dieselbe muss nun auch die entgegengesetzte psychologische Wirkung entwickeln. Gerade dass die Frauen ein nutzbarer Besitzgegenstand sind, dass Opfer ihretwegen gebracht sind, lässt sie schließlich als wertvoll erscheinen. Überall, so hat man gesagt, erzeugt der Besitz Liebe zum Besitz.

Man bringt nicht nur Opfer für das, was man gern hat, sondern auch umgekehrt. - man liebt das, wofür man Opfer gebracht hat.

Wenn die Mutterliebe der Grund unzähliger Aufopferungen für die Kinder ist, so sind doch auch die Mühen und Sorgen, die die Mutter für das Kind auf sich nimmt, ein Band, dass sie immer fester an dieses knüpft; woraus man versteht, dass gerade kranke oder sonst zu kurz gekommene Kinder, die die aufopferndste Hingabe seitens der Mutter fordern, oft am leidenschaftlichsten von ihr geliebt werden.

Die Kirche hat sich nie gescheut, die schwersten Opfer um der Liebe zu Gott willen zu verlangen, weil sie wohl wusste, dass wir um so fester und inniger an ein Prinzip gebunden sind, je größere Opfer wir dafür gebracht, ein je größeres Kapital wir sozusagen darin investiert haben.

Es ist deshalb psychologisch wahrscheinlich, dass grade der Frauenkauf, wie er einerseits die Frau zunächst deklassierte, sie andererseits in der Schätzung des Mannes gehoben haben muss. Ganz entfernt ist dieses soziologische Moment vielleicht auch nicht aus der modernen Familie.

Der verhältnismäßig guten Stellung der Frau in dieser entspricht, durch die Unterhaltungspflicht seitens des Mannes, ein materielles Opfer desselben, das verhältnismäßig weit bedeutender ist, als der Kaufpreis der Frauen bei rohen Völkern.

Aber dadurch, dass diese materielle Opferpflicht über das Ganze des Lebens verteilt ist und vor allem dadurch, dass sie der Frau selbst und nicht, wie früher, ihrer Familie zugute kommt - den Übergang hierzu bildete, dass die Eltern in späteren Zeiten das Kaufgeld dem Mädchen als Heiratsgut überließen - sind gerade diejenigen Seiten des Opfers konserviert, welche den Wert des damit Gewonnenen zu steigern geeignet sind.

Das Opfer für den Erwerb der Frau, das ursprünglich ihre Unterdrückung, ihre Ausbeutung, ihren Sachencharakter ausdrückte und steigerte, enthielt so schon das psychologische Moment, dessen Ausbildung zu einer direkten Umwertung ihrer Stellung führte.


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
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