Was allgemein als die künstlerische Beziehung von Stoff
und Form gilt: die gegebene greifbare Wirklichkeit liefere den Stoff, den
der Künstler in die artistische Form überführe, über alle Realität hinweg
zum Kunstwerk bilde - diese Beziehung dreht der erste und populäre
Eindruck der Schauspielkunst geradezu um.
Während jede Kunst sonst die Lebensrealität in ein
objektives lebensjenseitiges Gebilde überträgt, tut der Schauspieler das
Umgekehrte.
Denn den Stoff für die Leistung des Schauspielers
bildet ja gerade schon ein Kunstwerk, und seine Leistung ist es nun, dies
bloß Ideelle, bloß Geistige des Dramas zu verwirklichen, es wieder in
einen Wirklichkeitsausdruck überzuführen.
In der Tat: das Drama besteht als abgeschlossenes
Kunstwerk.
Hebt der Schauspieler dies nun in eine Kunst zweiter
Potenz? Oder wenn dies sinnlos ist, führt er als leibhaftig lebende
Erscheinung es nicht doch in die überzeugende Wirklichkeit zurück? Warum
aber, wenn dies der Fall ist, fordern wir von seiner Leistung den Eindruck
von Kunst und nicht den von bloß realer Natur? Aus dieser Verknotung
müssen die kunstphilosophischen Probleme über den Schauspieler vorsichtig
herausgelöst werden.
Die Bühnenfigur, wie sie im Buche steht, ist sozusagen
kein ganzer Mensch, sie ist nicht ein Mensch im sinnlichen Sinne - sondern
der Komplex des literarisch Erfassbaren an einem Menschen.
Weder die Stimmen noch den Tonfall, weder das
ritardando noch das accelerando des Sprechens, weder die Gesten noch die
besondere Atmosphäre der lebenswarmen Gestalt kann der Dichter vorzeichnen
oder auch nur wirklich eindeutige Prämissen dafür geben.
Er hat vielmehr Schicksal, Erscheinung, Seele dieser
Gestalt in den nur eindimensionalen Verlauf des bloß Geistigen verlegt.
Als Dichtung angesehen ist das Drama ein
selbstgenugsames Ganzes; hinsichtlich der Totalität des Geschehens bleibt
es Symbol, aus dem diese sich nicht logisch entwickeln lässt.
Jenen eindimensionalen Ablauf nun überträgt der
Schauspieler gleichsam in die Dreidimensionalität der Vollsinnlichkeit.
Und hier liegt das erste Motiv jener naturalistischen
Verbannung der Schauspielkunst in der Wirklichkeit: es ist die
Verwechslung der Versinnlichung eines geistigen Gehalts mit seiner
Verwirklichung.
Schiller sagt vom Künstler überhaupt, es gehöre zu ihm
zweierlei: »dass er sich über die Wirklichkeit erhebt und dass er
innerhalb des Sinnlichen bleibt«.
Wirklichkeit ist etwas, was zur Sinneserscheinung
hinzukommt, eine geheimnisvolle Verfestigung der Sinneseindrücke.
Wirklichkeit ist etwas Metaphysisches, Unsinnliches,
darum gehört sie nicht in die Kunst, die sich im Sinnlichen hält.
In diese Schicht jenseits des Sinnlichen aber führt uns
der Schauspieler so wenig wie irgendein anderer Künstler, und nur dass er
als lebendiger Mensch vor uns steht, verursacht das plumpe
Missverständnis, dass das Drama, indem es vor uns versinnlicht wird, auch
verwirklicht werde.
So wenig die materielle Leinwand mit dem Farbenauftrag
das malerische Kunstwerk ist, so wenig ist der Schauspieler als lebende
Realität das schauspielerische Kunstwerk.
In die besondere Bildart der Bühne soll der Inhalt
übergeführt werden, nicht in die Wirklichkeit.
Der Schauspieler als Wirklichkeit ist so wenig die
künstlerische Bühnenfigur wie die Farbe das Bild ist.
Der Schwindler und Heuchler im wirklichen Leben will
eine Wirklichkeitsvorstellung hervorrufen; seine Wirklichkeit soll für
irgend etwas, was sie nicht ist, gehalten werden.
Der will in die Wirklichkeit hineinführen, denn der
wirkliche Tartuffe will, dass man ihn für einen wirklich frommen Asketen
halte.
Der Schauspieler, der ihn spielt, will das absolut
nicht; das Sinnenbild dessen, was bei Molière literarisch dasteht, soll
erstehen, aber die Wirklichkeit des Menschen in oder hinter diesem
Sinnenbild - die einzige Wirklichkeit, auf die der Zuschauer schließen
könnte - wird nicht nach ihrer Frömmigkeit als Nichtfrömmigkeit gefragt.
Wer ist denn eigentlich fromm oder ein Heuchler auf der
Bühne? Niemand; denn nur der Schauspieler steht dort und ist ein Sein.
Der aber ist keines von beiden.
Das Sein hat auf der Bühne nichts zu suchen.
Wenn heute manche sensible Menschen ihre Abneigung
gegen das Theater damit begründen, dass ihnen dort zu viel vorgelogen
werde, so liegt das nicht an dem Mangel, sondern an dem Zuviel von
Realität, das von der Bühne her auf uns wirkt.
Nicht dass der Schauspieler auf der Bühne ein König ist
und im Privatleben ein armer Lump, macht jenes zu einer Lüge: denn in
seiner aktuellen Funktion als Künstler ist er König, ein »wahrer« - aber
deshalb kein wirklicher König.
Das Gefühl von Unwahrheit entsteht nur bei dem
schlechten Schauspieler, der entweder etwas von seiner Wirklichkeit als
armer Lump innerhalb seiner Königsrolle anklingen lässt, oder der so
extrem realistisch spielt, dass er uns in die Sphäre der Wirklichkeit
trägt; da er aber in dieser allerdings ein armer Lump ist, so entsteht
jetzt die peinliche Konkurrenz zweier einander Lügen strafender
Vorstellungen des gleichen Niveaus, zu der es nicht kommen kann, wenn das
schauspielerische Bild uns in der wirklichkeitsfremden Sphäre der Kunst
festhält.
Indem wir die ganze Irrigkeit der Idee einsehen, dass
der Schauspieler die dichterische Schöpfung »verwirkliche«, da er doch
dieser Schöpfung gegenüber eine besondere und einheitliche Kunst übt, die
der Wirklichkeit genau so fern steht wie das Dichtwerk selbst - begreifen
wir sogleich, warum der gute Imitator noch kein guter Schauspieler ist,
dass das Talent, Menschen nachzuahmen, nichts mit der
künstlerisch-schöpferischen Begabung des Schauspielers zu tun hat.
Denn der Gegenstand des Nachahmers ist die
Wirklichkeit, sein Ziel ist, als Wirklichkeit genommen zu werden.
Der künstlerische Schauspieler aber ist so wenig wie
der Porträtmaler der Nachahmer der wirklichen Welt, sondern der Schöpfer
einer neuen, die freilich dem Phänomen der Wirklichkeit verwandt ist, da
beide aus dem Vorrat der (ideellen) Inhalte alles Seins überhaupt gespeist
werden.
Darum ist es ein ganz irriger Ausdruck, dem freilich
als Ausdruck auch unsere Klassiker verfallen sind, dass die Kunst
überhaupt, und insbesondere die Schauspielkunst, ihre Substanz im Schein
habe.
Denn aller Schein setzt eine Wirklichkeit voraus,
entweder als seine tiefere Schicht, deren Oberfläche er ist, oder als sein
Gegenteil, das er heuchlerisch vertreten will.
Kunst aber steht jenseits dieses Gegensatzes, ein für
sich bestehendes Reich, in dem man die Wirklichkeit nicht suchen und
deshalb auch nicht den Schein finden kann.
Zwischenerörterung über die Versinnlichung des Dramas
Dass die eigentümliche Leistung der Schauspielkunst:
die völlige generelle Neubildung eines schon Gestalteten, seine
Übertragung in eine neue Daseinsform in der Versinnlichung des nur geistig
Gegebenen besteht, zeichnet sich wie mit umfassenderem Symbol an der
Bedeutung der Zeit und des Raumes für das Drama.
Die Zeitlosigkeit, die das Drama als rein geistiges
Gebilde, als objektivierter Geist besitzt, hat zum Inhalt einen
Zeitverlauf, ein Nacheinander von Geschehnissen.
Aber diese zeitliche Bestimmtheit gilt eben nur für
seine Teile untereinander, sie hat nur den Sinn der Reihenfolge und ist
für keinen von ihnen etwas Äußerliches, sondern der Ausdruck ihrer
sachlichen inneren Beziehungen und Konsequenzen.
Darum ordnet sich die Zeit innerhalb des Dramas nicht
dem allgemeinen Zeitverlauf ein, das Drama als Ganzes steht nicht an einem
fixierten Punkt der Zeit, so wenig wie des Raumes, es geht nicht jetzt und
hier vor sich, weil das Jetzt und Hier die Eingegrenztheit in einen, dem
Kunstwerk als solchem, äußerlichen und gleichgültigen Zusammenhang
bedeutet.
Mit der Aufführung nun, deren jeweilige Einmaligkeit
und Raumbestimmtheit schon den Unterschied gegen die objektiv-geistige
Zeit- und Raumlosigkeit des Dramas bekundet, wird ein nach beiden Seiten
hin fixiertes Gebilde geschaffen, das in die außerhalb seiner bestehenden,
nach allen Dimensionen hin ins Unendliche erstreckten Ordnungen
eingestellt ist.
Und mit dieser Raum-Zeitlichkeit auf der Bühne ist die
Sinnlichkeit der Realität gesetzt, die Ordnungen des Sinnenlebens haben
das dichterische Gebilde ergriffen, das vorher jenseits ihrer unberührt
stand.
Dennoch sagt ein deutliches Gefühl, dass diese
Einordnung des Bühnenkunstwerks in Raum und Zeit nicht die gleiche ist,
wie die irgendeines empirisch realen Ereignisses.
Fingiert man, dass ein Drama, wie es im Buche steht,
sich unverändert im wirklichen Leben zugetragen habe, so wird
unverkennlich seine sinnliche Individualisiertheit, seine Einfügung in die
endlos weiterwebenden Reihen des Räumlichen und Zeitlichen eine viel
entschiedenere, für die Ereignisse selbst viel bedeutsamere sein als bei
einer Theateraufführung.
Diese, obgleich gebunden an diesen oder jenen
Schauspieler, diese und jene Lokalität, diesen und jenen Tag, ist
gewissermaßen ein Mittleres zwischen der abstrakten Zeitlosigkeit der
Dichtung und der sinnlich-konkreten Fixiertheit des Vorgangs in der
Erfahrungswelt.
Man kann dieses Mittlere näher bestimmen: als die
stilisierte Sinnlichkeit in der Bühnenerscheinung des Dramas.
Dass aber so die sinnliche Erscheinung des Dramas
selbst zum Kunstwerk wird, kann nicht einfach bedeuten, dass diese
Erscheinung über die ästhetische Zufälligkeit natürlicher Äußerungen
hinweg eine selbständige »Schönheit« erwerbe, dass es sich dem Auge und
Ohr einschmeichle, von dem Dichtwerk selbst so unabhängig wie eine
ästhetisch reizvolle Buchausstattung von dem Inhalt des Buches.
Die ästhetische Gestaltung der bloßen Erscheinung, die
doch ihre künstlerische Bedeutung zugleich als Träger eines bestimmten
Inhalts besitzt, die auch in ihrer reinen Äußerlichkeit anders sein und
wirken würde, wenn sie nicht eine bestimmte Innerlichkeit offenbarte - das
ist eines der schwierigsten Probleme in der Kunstphilosophie.
Wenn wir von der Versschönheit eines Gedichts sprechen,
so besagt dies nicht die rein akustische Klangschönheit.
Denn diese ist dieselbe an einem verstandenen wie an
einem unverstandenen Gedicht (z. B. in einer uns fremden Sprache); aber
ein jeder weiß, dass der Reiz, den wir den rein sinnlichen zu nennen
pflegen, die Bezauberung durch die Harmonie, die Fülle, die Symbolik der
Laute unvergleichlich herabgesetzt ist, wenn uns der Sinn unzugängig oder
auch, wenn er uns unsympathisch ist.
Es muss doch wohl zwischen dem, was wir
Sinneserscheinung nennen und dem, was deren Bedeutung, Sinn, Inhalt heißt,
eine Eindruckseinheit - und zwar durch ein verknüpfendes Glied- bestehen,
die der Gedanke schwer nachzeichnen kann, weil er zu sehr an die Trennung
jener beiden gewöhnt ist.
Gewiss kann die sinnliche Seite eines Gedichts zu einem
musikalischen Kunstwerk werden (wie entsprechend die Erscheinung, die
Sprache, die Gesten eines Schauspielers); wenn aber sein Inhalt
unverstanden oder jenem Eindruck widersprechend oder dünn und mangelhaft
ist - so empfinden wir dies nicht als ein Manko innerhalb einer
intellektuellen oder metaphysischen oder gefühlsmäßigen Schicht, die an
sich mit der Kunst nicht verwandt und ihr nur durch Personalunion
verbunden wäre.
Sondern am Kunstwerk selbst, an dem, was die
Erscheinung uns zu genießen gibt, mangelt etwas.
Vielleicht hängt dies so zusammen.
Was der Dichter in Verse bringt, ist doch nicht ein
beliebiges, prosaisch-reales Geschehnis oder Gefühl; er steckt nicht
etwas, das an sich mit poetischer Form nichts zu tun hat, tale quale in
das Gedicht wie irgendeinen Gegenstand in einen geschmückten Kasten, der
einen formverwandten oder heterogenen Inhalt ganz gleichmäßig umschließt.
Vielmehr das innere Erlebnis, das sich in der
sprachlichen Kunstform bietet mag es, anderweitig ausgedrückt, sachlichen
oder schicksalsmäßigen, anschaulichen oder gefühlshaften Inhalts sein -
ist selbst schon nach seiner Binnenseite hin dichterisch geformt.
In die Reihen des realen Lebens eingestellt mag es
gestaltet sein wie es will; als Stoff der Dichtung - gleichviel ob er
zeitlich vor der Gedichtwerdung oder zugleich mit ihr entstehe - ist es
dichterisch erlebt.
Wo das nicht der Fall ist, wo nur die nach außen
gewandte Form, nicht aber das, was als innerlich erlebter Inhalt in ihr
zum Ausdruck kommt, künstlerische Struktur (wie man diese auch bestimme)
besitzt, liegt kein Kunstwerk, sondern eine bloße Versschmiederei, Prosa
in Reimen, vor.
Dieses Dritte, diese Brücke hat von der Realität den
Inhalt und von der schliesslichen sinnlichen Kunstgestaltung die Form.
In einer nicht weiter beschreiblichen Weise vollzieht
sich der Gedanken- oder Gefühlsvorgang im Dichter, in einer rhythmischen,
gegliederten, nach Formgesetzen in sich geschlossenen Weise und schmilzt
so in seine sinnlich-ästhetische Äußerung ein, während jeder anders
verlaufende beziehungslos neben dieser läge; durch diese Vereinheitlichung
der äußeren Form mit dem ebenso geformten Inhalt kann jene erst wirklich
zum Träger des Gesamtgebildes werden.
Nur dadurch kann das Gedicht als Kunstwerk seinen
Inhalt vortragen, während es den bloß real erlebten nur seinem (d. h. des
Gedichtes) logischen Sinn nach aussprechen könnte.
Dass die äußere Erscheinung die Kunstform mit dem
Inhalt teilt, gibt ihrer Schönheit eine Kraft und Bedeutung, die mehr ist
als Äußeres und dennoch in diesem Äußeren völlig sichtbar wird.
Dies ist die spezifisch künstlerische, wenn man will
übersinnliche Wirkung des sinnlichen Reizes, den das Kunstwerk doch allein
unmittelbar bietet, der die allein uns zugewandte Seite und Erscheinung
seiner ist.
Was diese sinnliche Erscheinung des wirklichen
Kunstwerks reizvoll macht, ist die Gestaltung nach den Gesetzen, die - in
einer Gleichheit von unmittelbarer oder symbolischer, äußerlicher oder
metaphysisch deutbarer Art - auch schon das Erleben, das Wachsen, das
Dasein seines Inhalts bestimmen.
Die künstlerische Versinnlichung hat überall schon
einen künstlerischen Inhalt.
Wenn ich also die Aufgabe des Schauspielers als
Versinnlichung des Dramas bestimmte, und zwar im Unterschied gegen die
gewöhnliche praktische, gegen ihre Form gleichgültige Versinnlichung eines
Inhalts, als die künstlerische nach den Normen ästhetischer Gesetzlichkeit
geformte, so konnte auch das nicht im Sinn der isolierten Schönheit des
Ornaments zu verstehen sein.
Eine solche liegt etwa vor, wenn ein individuell
graziöser Mensch oder ein Angehöriger eines Volkes, in dem die Kultur der
Geste allgemein verbreitet ist, seine Äußerungen in einer künstlerisch
anmutenden Weise darbietet.
Hier steht der ästhetische Reiz in gar keiner Beziehung
zu dem inhaltlichen Wesen der Äußerung und bietet sich der prosaischsten,
innerlich formlosesten in unveränderlicher Erscheinungsschönheit dar.
Man kann bei den Italienern der unteren Klassen oft
beobachten, wie sie die gemeinsten Schimpfereien oder die banalste
Schacherei mit einem Pathos der Stimme, einer monumentalen Größe der
Gebärde, einer charakteristischen Nachdrücklichkeit und einem
repräsentativen Aplomb des ganzen Auftretens begleiten, dass man
Schauspieler zu sehen meint und der Vorgang tatsächlich von den
Zuschauern, ja auch von den Agierenden selbst, wie eine Theaterszene
empfunden wird.
Dennoch verhält sich dies zur Schauspielkunst wie
irgendein in Reime gebrachter Realitätsinhalt zu einem wirklichen Gedicht,
dessen Inhalt von innen her unter ebenso künstlerischen, formal analogen
Gesetzen steht wie seine künstlerische Erscheinungsform.
Das Künstlerische an der Versinnlichung des Dramas, die
dem Schauspieler obliegt, liegt in der Einheit oder Analogie der
Formgesetze, denen gehorchend er das von ihm unmittelbar allein gebotene
Sinnliche zum Kunstwerk gestaltet, mit denen, die den inneren unsinnlichen
Stoff dieser Erscheinung geformt haben.
Das Künstlerisch-Sinnliche ist mehr als Sinnliches,
mehr als Äußerliches, wenn und indem auch das, was von ihm ausgedrückt
wird, selbst schon ein künstlerisch Gestaltetes ist und deshalb nicht
neben jener sinnlichen Gesamtheit liegt, sondern wirklich in sie
hineingehe und sie durch sich selbst bereichern kann.
Es handelt sich für den Schauspieler - und dies stellt
ihm sein künstlerisches Problem - nicht um die künstlerische
Versinnlichung vor irgend etwas Beliebigem - diese findet in jenem Fall
des Italieners statt -, sondern um die eines von vornherein
künstlerischen, als künstlerisch erlebten Inhalts.
Liegt es hierbei nun so, dass das gegebene Drama bei
ihm an der Stelle steht, die ich vorhin bei dem Gedicht, dem innerlich
künstlerischen Erlebnis vindizierte? Sollte dies die Besonderheit der
Schauspielkunst sein, dass das produktive Erleben, das den anderen Künsten
den Stoff oder Inhalt ihrer Erscheinungsform adäquat beschafft, sich in
ihr gewissermaßen passiv vollzieht als das Aufnehmen des Dramas, das schon
fertige Kunst ist? Die Kunstform der Sinnenerscheinung wird dann den
Inhalt, weil er einer analogen Gesetzlichkeit gemäß geformt ist, tragen
und überliefern, aber eben diese letztere Formung würde nicht von
demselben Subjekt wie die erstere vollbracht sein.
Diese einfache Formel ist aber deshalb nicht
zulänglich, weil die Kunst des Schauspielers in ihrem ganzen Wesen und
ihren fundamentalen Normierungen eine andere ist als die des Dichters, und
trotz der Angewiesenheit auf diese eine ihr gegenüber selbständige.
Darum kann das, was ich die Binnenseite des Kunstwerks
nannte, das unanschauliche subjektive Erleben, das sich in dem sinnlichen
Kunstphänomen nach außen hinlebt, beim Schauspieler nicht ohne weiteres
mit dem objektiv vorliegenden Drama identifiziert werden - (obgleich es
natürlich zu diesem ein engeres, die Substitution näherliegendes
Verhältnis hat als der entsprechende Vorgang im Maler oder Dichter zu
einer Wirklichkeit außerhalb seiner, was uns nachher noch wichtig werden
wird).
Es muss vielmehr noch eine Stufe dazwischen liegen: die
innere Aktualisierung des Dramas durch den Schauspieler, die er dann
versinnlicht, gleichsam das subjektive Lebendigmachen des
objektiv-geistigen Inhalts, der im gedruckten Drama vorliegt.
Das seelische Bild, das der Schauspieler als solcher
von der Figur im Drama gewinnt, ist ein anderes als es der Dichter oder
ein anderer Leser hat - wobei ich dahingestellt lasse, ob nicht vielleicht
jeder Leser ein fragmentarischer oder in seiner Innerlichkeit
verbleibender Schauspieler ist.
Es ist auf die Ebene des besonderen schauspielerischen
Kunstempfindens projiziert, das in seiner reinen Innerlichkeit noch von
anderen Gesetzen bestimmt ist, als die sicht- und hörbare Darstellung, das
aber in sie eingeht und dessen Wesen eben in dem besteht, worum diese mehr
ist als ein artistisch vollendetes Sinnenspiel.
Der Hamlet innerhalb der Seele des Schauspielers ist
nicht der literarische Hamlet, der im Buche steht und gelesen wird; auch
nicht das realistisch-psychologische Bild einer Hamletnatur, das
vielleicht durch die Lektüre angeregt wird; sondern ein eigenes Gebilde,
ein Erlebnis innerhalb der Sphäre eines besonderen Künstlertums, die
sinnlich ausgestaltete Erscheinung noch nicht oder nur potentiell
enthaltend.
Hiermit wird eigentlich nur die logische Stelle dessen
bestimmt, was man die Auffassung seitens des einzelnen Künstlers nennt.
Auffassung in diesem Sinne ist eine aus Objektivität
und Subjektivität merkwürdig zusammengewachsene Tatsache und gewissermaßen
ein Mittleres zwischen der dichterischen oder sachlich gegebenen Gestalt
und der schliesslichen, in sicht- und hörbaren Einzelheiten verlaufenden
sinnlichen Darbietung.
Dazu, wie der Schauspieler die Rolle auffasst, ist
weder das, was der Dichter dabei gedacht hat, noch das, was der Leser
dabei sich vorstellt, eine genaue Parallele.
Es ist das innere Kunst-Werden, d. h.
Schauspielkunst-Werden der Rolle als eines Materiales, prinzipiell nicht
unterschieden von jener inneren Gestaltung des Erlebens durch den Lyriker,
d. h. derjenigen, die ihm als dem Künstler zugleich mit dem Erleben
gegeben ist und sich von der sinnenfälligen rhythmisch melodischen
Ausgestaltung noch so unterscheidet wie die Auffassung der Rolle von dem
Komplex des Sicht- und Hörbaren, mit dem sich die Leistung des
Schauspielers nach außen vollendet.
Dass aber jenes Innere ebenso Kunstform hat wie jenes
Äußere, und zwar die Form, die im einzelnen Falle von eben demselben
individuellen Künstler geprägt ist, dies macht das Äußere für das Innere
durchdringbar wie den Körper für die Seele, lässt die Versinnlichung einen
Sinn tragen, durch den sie mehr wird als Sinneneindruck, und der doch
nicht einfach der literarische Inhalt des Dramas ist, sondern gleichsam
dessen Metempsychose in die selbständige artistische Seelenhaftigkeit des
Schauspielers.
Dass dieses Dritte, das das Drama als Dichtwerk mit
seiner Versinnlichung durch eine schauspielerische Individualität
verbindet, selten als eigen- und einzigartige Kategorie anerkannt ist,
liegt an der außerordentlich engen Beziehung, dem absatzlosen Übergang,
die zwischen der Auffassung und der schliesslichen Darstellung besteht.
Bei dem guten Schauspieler ist beides so
ineinandergewachsen, die innere und die äußere Gestaltung so unter einem
Gesetz individueller Kunst, dass die äußere Aktion selbständig und ohne
Bewusstsein der inneren erfolgen und dennoch diese letztere vollgültig
vertreten kann.
Dies dürfte das Schema für die mehrfach beobachtete
Erscheinung rätselhafter Genialität sein: dass Schauspieler, die den Sinn
ihrer Rolle und des Stückes überhaupt gar nicht begriffen, sich gar nicht
um ihn kümmerten, ihm dennoch auf das richtigste und tiefste genügten.
Die Einheit der künstlerischen Wesenheit und
Formungskraft ist hier so groß und wirksam, dass damit eo ipso auch die
Forderungen des unanschaulichen Sinnes der Rolle erfüllt werden.
Was man als das allgemeine Wesen des Genies bezeichnen
kann: dass es weiß, was es nicht gelernt hat - hat hier eine Analogie und
Bewährung an dem Verhältnis zweier singulärer Momente gefunden.
Wie der große Dichter manchmal vielleicht nach der
bloßen Klangschönheit verfahren mag und dabei doch ein inhaltlich
Bedeutsames produziert; wie der Maler nur die äußeren Züge artistisch zu
gestalten braucht, um den tiefsten seelischen Ausdruck zu geben.
Die künstlerische Selbständigkeit der Schauspielkunst
stellt dem kunstphilosophischen Begreifen die schwerste Aufgabe.
Denn nicht nur ist die Versklavung abzuweisen, in die
der rohste Naturalismus sie bannen möchte: als sei es das Ideal des
Schauspielers, sich als Hamlet so zu benehmen, wie sich ein realer Hamlet
benommen hätte; sondern noch die viel verführerischere Vorstellung: als ob
die ideale Art, eine Rolle zu spielen, mit dieser Rolle selbst eindeutig
und notwendig gegeben wäre; als stiege für den, der nur hinlänglich scharf
zu sehen und logisch zu folgern wüsste, aus den Buchseiten des Hamlet
selbst seine ganze theatralische Versinnlichung heraus; so dass es, genau
genommen, von jeder Rolle nur eine einzige »richtige« schauspielerische
Darstellung gibt, der sich der empirische Schauspieler mehr oder weniger
nähert.
Allein dies wird durch die Tatsache widerlegt, dass
drei große Schauspieler die Rolle in drei völlig verschiedenen
Auffassungen spielen werden, jede der anderen gleichwertig und keine
»richtiger« als die andere; ja so wenig sind sie einer höchsten,
übersingulären Norm zugewandt, dass irgendein Passus, dem einen
Schauspieler etwa besonders gelungen, dennoch nicht in die Auffassung des
anderen eingefügt werden kann, ohne diese ganz widrig zu zerstören.
So wenig man also den Hamlet einfach aus der
Wirklichkeit heraus spielen kann (zudem eine ganz unrealisierbare,
naturalistische Phrase), so wenig kann man ihn einfach aus der Dichtung
heraus spielen; denn diese legitimiert die Auffassung von Moissi ebenso,
wie sie die von Kainz oder Salvini legitimiert hatte.
Die bestehende Theorie, dass sich aus der Rolle als
Dichtwerk allein ergäbe, wie sie gespielt werden muss, bedeutet ein
literarisches Ideal, aber kein schauspielerisches.
Der Schauspieler ist nicht die Marionette der Rolle.
Sondern zwischen der bloßen Wirklichkeitsanschauung und
dem Versuch, aus der Literatur herauszupressen, was sie für sich allein
nie hergeben kann - steht die schauspielerische Kunst als ein Drittes, aus
eigener Wurzel wachsend, weder aus der Wirklichkeit noch aus dem Drama zu
erschließen, oder als »Synthese« zu gewinnen.
So wenig wie man einem Gemälde gegenüber sich die
Wirklichkeit vorstellen soll, für die das Bild nur Reproduktionsmittel der
Phantasie wäre (das ist die Photographie), sondern wie das Bild sein
eigener Endzweck ist, in das die Wirklichkeit hineingeleitet ist, das aber
nicht wieder in die Wirklichkeit hineinleitet - so ist auch die
schauspielerische Darstellung Hamlets nicht ein Medium, durch das die
Phantasie einen realen oder den literarischen Hamlet sieht.
Die schauspielerische Kunstleistung ist selbst das Ziel
des Weges und nicht eine Brücke, über die hin es zu einem weiterhin
gelegenen Ziel ginge.
Es gibt eine ursprüngliche schauspielerische Attitüde,
eine schöpferisch gestaltende Reaktion gewisser Naturen gegenüber den
Eindrücken des Lebens - gerade wie es eine malerische und eine
dichterische gibt.
Nur ist all dieses nicht gleich eine für sich stehende
Kunstleistung, sondern verwebt in die mannigfaltigen Äußerungen und
Praktiken des Tages.
Das »Spielen einer Rolle« - nicht als Heuchelei und
Betrug, sondern als das Einströmen des persönlichen Lebens in eine
Äußerungsform, die es als eine irgendwie vorbestehende, vorgezeichnete
vorfindet - dies gehört zu den Funktionen, die unser tatsächliches Leben
konstituieren.
Eine solche Rolle mag unserer Individualität adäquat
sein, aber sie ist doch noch etwas anderes als diese Individualität und
ihr innerlicher und totaler Verlauf.
Wer Geistlicher oder Offizier, Professor oder Bürochef
ist, benimmt sich nach einer Vorzeichnung, die jenseits seines
individuellen Lebens gegeben ist.
Wir tun nicht nur Dinge, zu denen die Kultur- und
Schicksalsschläge uns äußerlich veranlassen, sondern wir stellen
unvermeidlich etwas dar, was wir nicht eigentlich sind.
Das ist freilich nicht, oder nicht immer, Darstellung
nach außen um eines Effektes willen, nicht Vorstellung und Unehrlichkeit,
sondern das Individuum geht wirklich in die vorgezeichnete Rolle hinein,
es ist jetzt seine Wirklichkeit, nicht nur der und der, sondern das und
das zu sein.
Im großen und kleinen, chronisch und wechselnd finden
wir ideelle Formen vor, in die unsere Existenz sich zu kleiden hat.
Sehr selten bestimmt ein Mensch seine Verhaltungsart
ganz rein von seiner eigensten Existenz her, meistens sehen wir eine
präexistierende Form vor uns, die wir mit unserem individuellen Verhalten
erfüllt haben.
Dieses nun: dass der Mensch ein vorgezeichnetes Anderes
als seine zentraleigene sich selbst überlassene Entwickelung darlebe oder
darstelle, damit aber dennoch sein eigenes Sein nicht schlechthin
verlässt, sondern das Andere mit diesem Sein selbst erfüllt und dessen
Strömung in jene vielfach geteilten Adern leitet, deren jede, obgleich in
einem vorbestehenden Flussbett verlaufend, das ganze innere Sein zu
besonderer Gestaltung aufnimmt - das ist die Vorform der Schauspielkunst.
Sie wird Kunst, indem sie aus der Lebensrealität heraus
abstrahiert und aus einer bloßen, als Mittel in das Leben verwebten Form
zu einem eigenen, jenseits der Realität stehenden Leben ausgestaltet wird.
Damit soll natürlich kein historischer oder bewusster
Prozess beschrieben sein, sondern nur der Punkt aufgezeigt, wo die
Schauspielkunst sich ihrem Sinn nach innerhalb des Lebens erhebt und an
dem sich ihr völlig selbständiges Wesen zeigt.
In eben dieser Bedeutung sind wir alle irgendwie
Schauspieler, wie fragmentarisch auch immer - gerade wie wir alle in
abgestuften Maßen Dichter und Maler sind.
Wir schauen die Welt um uns herum nie in dem
kontinuierlichen Flusse und der Gleichberechtigtheit ihrer Elemente an,
wie der wissenschaftliche Verstand uns ihre Objektivität zeigt; sondern
unser Auge schneidet allenthalben Stücke heraus, die es gleichsam einrahmt
und als geschlossene Ganzheiten behandelt, es gliedert sie nach Vorder-
und Hintergründen, es umreißt die Formen und konstatiert die Verhältnisse
von Farben - kurz es übt diejenigen Funktionen, die, aus der Praxis gelöst
und zu eigener Vollständigkeit erhoben, die malerische Kunstleistung sind.
Und so sind wir alle auch Dichter.
Nicht nur, wo wir das sprachliche Gefüge über den
Telegrammstil hinaus, durch den Reiz von Rhythmus und Ton bestimmen
lassen; sondern auch an der inneren Vision, in der sich Existenzen,
Schicksale, Gefühle unser selbst und anderer Menschen uns darstellen,
wirken die Formen und Geschlossenheiten, die Stilisierungen,
Vereinfachungen, die aus dem Leben herausgehoben und von sich allein aus
die Lebensinhalte zu Bildern gestaltend eben damit das dichterische
Kunstwerk zustande bringen.
In diesem Sinne also, in dem wir Dichter und Maler
sind, sind wir auch Schauspieler; d. h. das kulturelle Leben zeigt
allenthalben die Form: dass das Individuum ohne Falschheit oder Heuchelei
seine persönliche Existenz in eine vorbestehende Gestalt metamorphisiert,
die zwar aus den Kräften des eigenen Lebens genährt, aber doch nicht die
Erscheinung des eigenen Lebens ist.
Eine solche - irgendwie fremde - Gestalt anzunehmen,
kann durchaus in seiner eigenen Natur liegen, diese Paradoxie gehört nun
einmal zu unserer Ausstattung.
Und dass hier das Prototyp des Schauspielertums liegt,
dass eben diese Funktion Kunst wird, wenn sie für sich, von sich aus die
Betätigung bestimmt, statt ihrerseits von der Lebensbetätigung bestimmt zu
werden - das ist deshalb so wichtig, weil sich die Schauspielkunst von
diesem Wurzelboden her als etwas genau so Selbständiges zeigt wie Malerei
und Dichtkunst.
Schauspielen ist keine reproduktive Kunst, denn es ist
gar nichts da, was sie als Schauspielkunst reproduzieren könnte, da der
Dichter ja nur ein literarisches Werk gibt.
Reproduktiv ist ein Schauspieler, der einen anderen
kopiert.
Soweit wir sie freilich in dieser Vorform, diesem bloß
Lebensmäßigen verwirklichen, bleiben wir noch sozusagen mit halbem Leibe
in unserer sonstigen personalen Wirklichkeit stehen, wir fühlen unser
eigentliches individuelles und totales Leben noch immer in einer Spannung,
wenn auch nicht in einer gegensätzlichen, gegen die Rolle, die uns aus
Gründen der Sozialität oder der Religion, des Schicksals oder der
Lebenstechnik vorgezeichnet ist, mögen wir sie auch aus tiefsten Trieben
und Notwendigkeiten heraus ergriffen haben.
Der Schauspieler aber, dem das formal Gleiche in völlig
anderer Spezifikation obliegt, täglich wechselnd, in genauester
Vorgeschriebenheit des einzelnen, behält nun während dieser Leistung gar
keine davon abweichende Persönlichkeit zurück, sein autochthones Dasein
geht ohne Rest in die vorgefundene Gestaltung auf.
Gerade durch diese Absolutheit des Verhaltens aber
lässt er seine »Wirklichkeit«, die ja eine ganz andere ist, die
Interessen, Aktionen, Verflochtenheiten des sonstigen Lebens hinter sich,
d. h. er übt Kunst - während eben das formal gleiche Verhalten als
fragmentarisches zwar eine Vorform der Kunst, aber doch Seite oder Element
der empirischen Realität bleibt.
Das Zentrum des kunstphilosophischen Problems dem
Schauspiel gegenüber lag in der scheinbar ganz einzig dastehenden
Tatsache: dass hier ein schon bestehendes Kunstprodukt zum Stoff einer
nochmaligen künstlerischen Formung wurde.
Dies trieb zu der Alternative: die schauspielerische
Leistung sei entweder die Reduktion des Literaturdramas auf den
Wirklichkeitseindruck oder die bloße Vermittlung und Sichtbarmachung des
Dramas, seine Überführung in den anderen Aggregatzustand, wobei das
Schauspielerische mit dem Drama selbst schon gegeben sei und nur
herausgeholt zu werden brauche.
Die erste Theorie vernichtet den Kunstcharakter der
Schauspielkunst, die andere ihre Selbständigkeit und Produktivität.
Aber dieser verzweifelten Auswege bedarf es gar nicht,
sobald man sich klarmacht, dass die schauspielerische Aufgabe gar kein
solches künstlerisches Unikum ist, sondern sich genau wie alle andern
Künste aus einer durch das Leben gebildeten Vorform erhebt, die genau so
fundamental, nur etwas komplizierter ist wie die der Malerei und der
Dichtung.
Irgendwelche Gegebenheiten brauchen doch auch diese.
Um einzusehen, dass die Kunstform des dramatischen
Stoffes gar nicht das radikale Problem aufgibt, bedenke man jene früheren
Formen des Theaters, in denen den Schauspielern ihre Rollen überhaupt
nicht Wort für Wort, sondern nur in den allgemeinen Umrissen der Handlung
vorgezeichnet waren.
Indem der Schauspieler hier, was ihm sonst der Dichter
vorzeichnet, selber schuf, indem also die Problematik der Kunst, die über
eine schon fertige Kunst kommt, nicht bestand, war doch das Wesentliche
und Spezifische des Schauspielertums genau dasselbe, was es in den
späteren Fällen war: die Erzeugung eines Bildes von Persönlichkeit und
Schicksal, die nicht Persönlichkeit und Schicksal des vorzeigenden
Individuums sind.
Indem dies aber nicht Verstellung und Lüge ist (da es
nicht Realität vortäuschen will), indem dieses Ein-Anderer-Sein vielmehr
aus der tiefsten, eigensten Wesens- und Triebschicht des Individuums
hervorgeht, erzeugt sich in dieser Paradoxie das spezifisch künstlerische
Phänomen.
Dass dem Schauspieler die Rolle bis zu jedem einzelnen
Wort vorgeschrieben ist, ist nur eine Zuspitzung und Kanalisierung dieser
allgemeinen, auch bei einer Improvisation geltenden Aufgabe, prinzipiell
schließlich nichts anderes, als wenn dem Porträtmaler sein Modell gegeben
ist.
So schön die Formel klingen mag, dass der Schauspieler
nur dem Drama Leben einflößen soll, nur die Lebendigkeitsform des Dichters
darstellen soll - sie lässt zwischen Drama und Wirklichkeit die
eigentliche unvergleichliche schauspielerische Kunst als solche
verschwinden.
Dass jemand die Lebenselemente schauspielerisch
gestaltet, ist ein Urphänomen, ebenso wie dass er sie malerisch oder
dichterisch oder auch dass er sie erkenntnismässig oder religiös neu
schafft.
Diese Deutung der Schauspielkunst als einer ganz
eignen, aus dem Schöpfungsgrund aller Kunst ursprünglich aufsteigenden
artistischen Betätigung scheint nun doch über ein letztes Problem nicht zu
beruhigen, das aus einem ganz einfachen Erlebnis entgegenkommt.
Wer je eine und dieselbe Rolle von zwei bedeutenden
Schauspielern in ganz verschiedenen Auffassungen gespielt sah, muss
eigentlich von dem Rätsel erregt werden: hier ist eine Gestalt, die der
Dichter als eine und nach einem Sinn bestimmte geschaut und geschaffen hat
- und nun werden auf der Bühne daraus zwei unvereinbare, nach ganz
verschiedenen Richtungen orientierte; und doch eine jede mit seelischer
und künstlerischer Konsequenz, in sich geschlossen, keine falscher und
keine richtiger als die andere, jede eine erschöpfende und voll
befriedigende Ausgestaltung der dichterischen Figur und doch deren Einheit
so dementierend, dass ein Zug, der in der einen Auffassung überzeugendste
Wahrheit besitzt, gar nicht in die andere zu überpflanzen wäre, ohne deren
Wahrheit gänzlich zu zerstören.
Nicht um die Mehrdeutigkeit handelt es sich, die an
manchen dramatischen Figuren schon als dichterischen haftet, wie am
Hamlet.
Vielmehr auch die dichterisch völlig eindeutige
Gestalt, Coriolan oder Posa, Iphigenie oder Gregers Werle, ist
schauspielerisch eine vieldeutige.
Wie aber ist dies zulässig, ja möglich, wenn die
schauspielerische Leistung, bei allem artistischen Eigenbestand, doch von
der Intention des Dichters, die eine und nur eine ist, ideell bestimmt
ist? Die Selbständigkeit der schauspielerischen Leistung hat sich hier zu
der Selbständigkeit der schauspielerischen Individualität zugespitzt.
Jetzt ist nicht die Frage nach der künstlerischen
Selbständigkeit des Schauspielertums überhaupt, sondern der Individualität
des einzelnen Schauspielers.
Und auch diese kann weder bestehen, wenn der
Schauspieler die eine dichterische Figur darstellt, noch wenn er
naturalistisch diejenige Person spielt, die dieser Figur in der Realität
entsprechen würde.
Wie sehr seine Leistung jenseits beider steht,
offenbart jetzt auch die empirische Tatsache, dass es schauspielerisch
viele Hamlets gibt, während es sowohl dichterisch wie real nur einen gibt.
Hier entsteht eine subtilere Form des Naturalismus, die
nicht auf Nachahmung einer Wirklichkeit geht, sondern auf die Darbietung
der schauspielerischen Individualität.
Es heißt: die Leistung des Schauspielers, soweit sie
etwas anderes sei als Rezitation, Glied einer Reihe lebender Bilder, habe
ihre Bedeutung als Offenbarung einer genialen, durch ihren Rhythmus, ihr
Temperament, ihre körperlich-seelische Eigenart interessanten
Persönlichkeit, und das schauspielerische Talent sei sozusagen nur ein
äußeres Organ, um dieses Naturell für andere sichtbar und genießbar zu
machen.
Ist es für die literarische Deutung des Textes
gleichgültig, wer die Rolle spielt, wenn sie nur ihrem eignen Sinne, bzw.
dem des Dichters angemessen gespielt wird, so ist es für diese
individualistisch-naturalistische gleichgültig, welche Rolle der
Schauspieler spielt, wenn er sie nur spielt.
So übertrieben der abstrakte Ausdruck beider
Standpunkte erscheint, so ist sicher, dass die gewöhnliche Auffassung der
Schauspielkunst zwischen beiden pendelt und sie oft unklar mischt.
Es muss ein Drittes geben, eine organische Verbindung
zwischen der Selbständigkeit des schauspielerischen Naturells und seines
spezifischen Künstlertums auf der einen Seite, dem Rechte und der
Bedeutung des Dramas auf der andren; es muss eine ideelle Vorzeichnung
geben, wie die Rolle versinnlicht werden soll, in der der Reiz und der
Anspruch der schauspielerischen Persönlichkeit und die objektive Forderung
des Dramas zusammenwirken, ohne eine mechanische Mischung zu bieten, bei
der man sich eigentlich nichts denken kann.
Was ich meine, wird durch eine Analogie deutlich.
Was wir Wahrheit über einen Gegenstand nennen, ist je
nach dem Wesen, für das die Wahrheit gelten soll, etwas sehr
Mannigfaltiges.
Für ein Insekt mit seinen Facetten augen, für einen
Adler, der darauf angewiesen ist, seine Beute aus 100 und mehr Meter Höhe
wahrzunehmen, für den Menschen sind offenbar drei ganz verschiedene
Anschauungsbilder eines und desselben Objekts die »richtigen«; eines
daraus in die Vorstellungswelt des anderen hineingesetzt, würde diesen zu
höchst unzweckmäßigen Reaktionen veranlassen, würde für ihn »falsch« sein.
So besteht also für jedes Wesen eine, durch seine
Individualität verschiedene Wahrheit über jedes gegebene Objekt.
Diese Wahrheit kann es erreichen oder verfehlen, sie
bleibt darum als seine Wahrheit ideal bestehen.
Diese Wahrheit ist also durchaus nichts Subjektives und
Willkürliches, denn das Individuum kann gar nichts daran ändern, dass dies
eben seine Wahrheit ist, aber sie ist auch nicht aus dem Gegenstand für
sich allein abzulesen, da sie für jede Wesensgattung eine andre ist.
Sie ist der Ausdruck für das angemessene Verhältnis
zwischen Subjekt und Gegenstand, das aber aus keinem von beiden für sich
allein stammt, sondern ein Neues, Drittes ist, über beide Gegebenheiten
sich Erhebendes.
So nun ist die ideale Forderung: wie eine bestimmte
Rolle zu spielen sei, weder aus der Rolle selbst zu entnehmen - denn sonst
könnte sie nicht in so und so vielen gänzlich verschiedenen Auffassungen
gleichmäßig befriedigend gespielt werden - noch aus dem Naturell des
Schauspielers für sich allein; denn dies würde jeder Zufälligkeit,
Subjektivität, Vergewaltigung des Dramas Raum geben.
Vielmehr ein Drittes besteht, als Ideelles, als
Forderung: wie diese bestimmte schauspielerische Individualität, als
sinnlich aktuelle, aktive diese bestimmte literarisch gegebene Rolle
auszuformen hat.
Es besteht eine ideelle Relation zwischen dem realen
Dichtwerk und dem realen Ich; wie eine solche zwischen den realen Dingen
und der realen, bestimmt konstruierten Intelligenz besteht.
Für zwei in ihren Aprioritäten verschiedene
Intelligenzen würden zwei verschiedene Erkenntnisbilder der Welt die
»wahren« sein, für zwei in ihren Temperamenten und Begabungen verschiedene
Schauspieler sind zwei verschiedene Darstellungen des Hamlet die
»richtigen«.
Hier ist keine Willkür und Subjektivität; sondern das
Individuum ist selbst ein objektiver Faktor; für einen übermenschlichen
Geist würde aus ihm und der gegebenen Rolle das Bild der vollkommenen
Darstellung dieser Rolle durch diesen Schauspieler genau so unzweideutig
dastehen, wie aus einer bestimmten geistigen Konstitution und einer
bestimmten Welt für einen solchen unzweideutig folgt, was für eine solche
Konstitution die Wahrheit über diese Welt ist.
Dass jene Konstitution diese Wahrheit verfehlen kann,
tut ihr in ihrer Gültigkeit so wenig Abbruch, wie dass der Schauspieler
diejenige Auffassung der Rolle verfehlt, die für ihn die richtige ist.
Wenn auch die vollkommenste Verwirklichung dieser
ideellen Beziehung uns nicht befriedigt, so bedeutet das, dass der
Schauspieler, seiner Begabung nach, überhaupt zu der ganzen Rolle kein
Verhältnis gewinnen kann.
Nicht von der Rolle selbst fehlt etwas, denn sie kann
überhaupt nicht in ihn »überwandern«, sondern seinem Verhältnis zu ihr.
Vielleicht wird man gegenüber der Abhängigkeit nicht
nur der wirklichen, sondern auch der idealen Auffassung einer Rolle von
der Individualität des Schauspielers das Selbstbestimmungsrecht des
Dichters betonen und meinen, dass das Drama, dem der Schauspieler doch nur
dienen sollte, dabei nicht zu seinem Recht käme.
Diese Empfindung ist irrig.
Sie übersieht, dass in keiner Rolle steht und stehen
kann, wie sie gespielt werden soll.
Darüber täuscht uns nur, dass alle, vielleicht äußerst
individuellen schauspielerischen Reaktionen auf eine Rolle in gewissen
ganz allgemeinen Punkten übereinstimmen werden; es wird schwerlich die
Relation zwischen einem schauspielerischen Naturell und der Hamletrolle so
laufen, dass Hamlet als ein Bonvivant herauskommt.
Jenseits dieses Allerallgemeinsten aber ist jede
Betonung und jede Geste bei dem einen Schauspieler anders als bei dem
andern: nicht aus der abstrakten Tatsache des Schauspielens überhaupt,
sondern nur aus der konkreten dieses jeweiligen Schauspielers kann sich
ergeben, wie die Rolle jeweilig gespielt werden soll.
Dass es unsinnige und verschobene Auffassungen einer
Rolle gibt und dass sie sich nicht darauf berufen können, dies sei eben
die Relation einer bestimmten schauspielerischen Individualität zu dieser
Rolle - das erhellt einfach daraus, dass sich zwischen gewissen
schauspielerischen Naturellen und gewissen Rollen überhaupt keine Relation
herstellt.
Ein Schauspieler, dessen Talentrichtung überhaupt nur
einen Bonvivant hergibt, kann zu Hamlet überhaupt kein Verhältnis haben,
für ihn gibt es gar keine »richtige« Auffassung des Hamlet.
Was dem Zuschauer so erscheint, als habe der
Schauspieler die mit der Rolle selbst unmittelbar gegebne Auffassung
verfehlt, das bedeutet, vom Schauspieler her gesehen, dass zwischen der
Rolle und der Beschaffenheit des Schauspielers eine Relation nicht recht
zustandekommt - grade wie nicht jede Organisation imstande ist, sich von
einem bestimmten Objekt überhaupt eine Vorstellung zu bilden, und deshalb,
mit diesem dennoch praktische Berührung suchend, sich in lauter
Missgriffen bewegen wird.
Hamlet ist eben für manchen Schauspieler wie die Farbe
für den Farbenblinden.
In diesem Fall kann die künstlerische Logik den idealen
Schluss aus jenen beiden realen Prämissen nicht ziehen.
Da der dichterische Faktor eine Invariante ist, so muss
bei Änderung des schauspielerischen Faktors auch das Resultat: die ideelle
Notwendigkeit der bestimmten Auffassung, ein anderes werden.
Hiervon überzeugt eben die Tatsache der außerordentlich
verschiedenen und doch gleichmäßig befriedigenden, also doch einer
jeweiligen idealen Vorzeichnung entsprechenden Darstellung einer und
derselben Rolle.
So überzeugt uns die radikale Verschiedenheit der
dennoch gleichmäßig befriedigenden Porträts, die große Meister von
demselben Modell nehmen - auch in bezug auf dieses Modell befriedigenden
-, dass weder das Modell für sich, noch die Individualität des Künstlers
für sich den gesuchten Wert realisieren.
Es bleibt etwas tief Rätselhaftes: dass ein in sich
einheitliches, sozusagen vor dem Auge Gottes eindeutiges Gebilde, der
Mensch oder das dichterische Kunstwerk, innerhalb der künstlerischen
Neuschöpfung zu einer Vielheit von Bildern werden kann, deren jedes ihm
objektiv angemessen zu sein und sein Wesen zu erschöpfen scheint.
Gewiss ist die malerische wie die schauspielerische
Leistung und ihr Ideal die gleichsam zur Gestalt geronnene Relation
zwischen der Individualität des Künstlers und seinen Gegenständen.
Aber ein letztes Rätsel liegt darin, dass diese
Relationen, je nach jenen Individualitäten wechselnd, den absoluten Sinn
der Gegenstände selbst in seiner Reinheit und Unbezweifelbarkeit
überzeugend auszudrücken und sie von Grund her zu offenbaren scheinen.
Mit diesem logisch vielleicht nicht auflösbaren
Widerspruch zeigt das künstlerische Schöpfertum seine Wurzel in einer
metaphysischen Seinstiefe, in der seine individuellen und gegensätzlichen
Richtungen ihre Unvereinbarkeit mit der Einheit der in sich geschlossenen
Gegebenheiten verlieren.
Diese metaphysische Paradoxie liegt deutlicher oder
versteckter in den Fundamenten unseres Weltverhältnisses.
Wir wissen, dass wir nicht aus unserer Haut
herauskönnen und dass die Bilder der Dinge, die unsere Aktivität
gestaltet, von den individuellen Kräften innerhalb dieser Haut abhängen.
Und dennoch überzeugen uns diese ganz gegensätzlichen
Gebilde, insofern sie große Kunst oder tiefe Spekulation sind, dass sich
in ihnen der Gegenstand seinem wahrsten Wesen nach darstellt, unbekümmert
um den Widerspruch zwischen seiner Einheit und der Vielheit seiner
individuellen Gestaltungen.
Wir sind hier in einer Schicht, in der diese
begrifflichen Widersprüche ihre destruktive Bedeutung verlieren.
Und hier wirft das artistische Problem der
Schauspielkunst seinen metaphysischen Reflex.
Hier wo die Vieldeutigkeit, die der Geist an aller
bloßen Natur findet, sogar von vornherein verschwunden ist und das schon
vom Geist geprägte poetische Gebilde den Gegenstand der künstlerischen
Formung ausmacht, - hier grade ist die Divergenz der individuellen
Darstellungen, deren jede »echt« ist, am weitesten und am legitimsten.
Hier liegt das reinste Symbol dafür, dass das
Schöpfertum, wenn es nur die Relation zu den Dingen, wie sie durch seine
Individualität ideell präformiert ist, rein ausgestaltet, das Wesen dieser
Dinge selbst rein und erschöpfend ausdrückt.
Dies führt noch einen Schritt weiter in die
metaphysische Bedeutung der Kunst.
Diese ganze Deutung der idealen schauspielerischen
Aufgabe ruht auf der Verselbständigung der Schauspielkunst gegenüber den
falsch laufenden Ansprüchen, die einerseits von der Wirklichkeit, der
äußeren und der subjektiven, anderseits von dem Drama als Dichtwerk an sie
gestellt werden.
Es galt einzusehen, dass sie weder von der Natur in
irgendeinem Sinn, noch von der Literatur ressortiert, sondern wie ihre
Geschwister die autonome Kunstwendung eines ursprünglichen Verhaltens des
menschlichen Lebens ist.
Nur gleichsam die Verwirklichung, das konkrete
Lebendigwerden dieser artistischen Selbständigkeit der Schauspielkunst als
solcher war es, dass jeder einzelnen Rolle gegenüber die ideale Forderung
sich als die Relation zwischen ihr und der Individualität des
Schauspielers enthüllte.
Und nun offenbart sich hier mit unerhört weiter
Umfassung das Wunder der Kunst überhaupt.
Die Schauspielkunst, aus eignem Lebenspol, durchaus
eignen Kunstnormen entwickelt, von ihrem Letzten her alle Untertänigkeit
unter die Wirklichkeit, unter die Dichtung, unter das nackte Naturell
ablehnend - erfüllt nun dennoch in ihrer Vollendung die Ansprüche, die von
all diesen Seiten erhoben werden.
Wie der Porträtist die Seele am tiefsten erlotet, wenn
er ihre Erscheinung am reinsten nach den künstlerischen Gesetzen der
Anschaulichkeit darstellt; wie der Dichter den Zauber von Klang und
Rhythmus am stärksten in seine Verse bannt, wenn er nicht an ihr
glitzerndes Spiel denkt, sondern unabgelenkt der Kunstwendung der
seelischen Bewegtheit nachgeht, so gehört dies überhaupt zu dem
unbegreiflich Höchsten aller Kunst, dass sie Wertreihen, die im Leben
gleichgültig, fremd oder feindlich auseinanderliegen, wie in
selbstverständlicher Einheit zusammenführt und deshalb nur die eine rein
und vollkommen zu verfolgen braucht, damit ihr auch die Erträge der
anderen wie durch eine Gnade zufallen.
Der Schauspieler, der Eigengesetzlichkeit seiner Kunst
ganz rein und unabgelenkt gehorsam, alle Ansprüche der Natur wie der
Poesie nach eben dieser Gesetzlichkeit formend, wird dennoch genau in dem
Maße, in dem seine selbständige Kunstleistung vollkommen ist, auch jenen
Ansprüchen genügen; grade indem sie schauspielerisch vollendet ist, wird
sie uns mit dem tiefsten Sinn auch des realen Weltlaufs, der
schauspielerischen Persönlichkeit und des Dramas selbst erleuchten, und
wie alle große Kunst uns damit eine Ahnung und ein Pfand geben, dass die
Elemente des Lebens doch wohl in ihrem letzten Grunde nicht so heillos
gleichgültig und beziehungslos nebeneinander liegen wie das Leben selbst
es glauben machen will.
Auch hierüber führt vielleicht eine weitere Einstellung
der Schauspielkunst in allgemein künstlerische und metaphysische
Zusammenhänge noch hinaus.
Es gilt in eine Tiefenschicht hinabzusteigen, von der
aus allem bisher Erkannten noch eine letzte Bedeutung und Verwurzelung
zuteil wird.
Der Künstler fühlt eine Notwendigkeit, die jede Willkür
eindämmt und jeden Zufall der Subjektivität ablehnt, und fühlt sie als das
Gesetz der Sache, das Erfüllung fordert - wenn diese Sache auch nicht
irgendwo steht und abgeschrieben zu werden verlangt, sondern auch dem
Musiker und dem Lyriker als die innere Logik der Phantasie, als die von
jedem launenhaften Belieben unabhängige Entwickelungsnotwendigkeit eines
künstlerischen Motivs gegenübersteht.
Von innen her entspricht dem das Gefühl der Nötigung
des Getrieben- oder Gezogenwerdens, des unausweichlichen Müssens, das die
Künstler so oft als die subjektive Färbung ihres Produzierens angeben.
Nun aber ist das Merkwürdige, dass das künstlerische
Schaffen nicht nur von diesem Gefühl, keine Wahl zu haben, einer Macht
jenseits des Willens zu unterliegen, getragen wird, sondern zugleich von
dem entgegengesetzten: einer Freiheit, so tief und unbedingt, wie sie in
keiner anderen seelischen Aktivität lebt, eines souveränen Schaffens mit
einem Stoff, demgegenüber jedes Material praktischer oder theoretischer
Bewährung etwas Stumpfes, Widerstehendes, Unbewältigbares hat.
Denn jene Bedeutung des Kunstwerks: die eigene
Gesetzlichkeit seines Inhalts zu entwickeln, sich an der reinen
Sachlichkeit seiner Idee zu messen - die jeder vollkommenen oder
unvollkommenen Verwirklichung gegenüber gültig bleibt -, findet nun ihr
Gegenstück darin, dass die Persönlichkeit des Künstlers, sein
unverwechselbares Nur-einmal-Dasein - sich in seinem Werk so ausspricht,
wie es menschlicher Wesenheit sonst in keiner Leistung beschieden ist.
Man mache sich nur einmal klar, etwas wie Ungeheures
dies ist: dass wenn wir irgendwo in der Welt einem bestimmten Stück Marmor
begegnen, wir wissen: dieses ist von Michelangelo gestaltet, notwendig und
absolut nur von diesem Einzigen aus all den Milliarden Menschen, die sonst
gelebt haben.
Das Werk liegt der Individualität des Künstlers an wie
eine Haut, ihr inneres nur für sie geltendes Gesetz gibt dem Werk die
Form, nur dieser Mensch findet seinen notwendigen Ausdruck in dem Werk,
dem kein anderer Wurzel oder Seele sein kann.
Die Kunst löst mit ihren geheimnisvollen Mitteln die
für fast alle Lebensgebiete widerspruchsvolle Aufgabe: mit einer
Formgestaltung das Gesetz der Sache und das Gesetz der Person zu erfüllen,
dem objektiven Sinne eines Gebildes treu und selbstlos nachzuschaffen und
damit die eigenste Sprache dieses Schaffens zu sprechen, als wäre es
ausschließlich das Erzeugnis seiner Natur und seiner Triebe.
Wenn so unter den Betätigungsweisen des Menschen die
Kunst diejenige ist, in der aus der souveränsten Freiheit des Subjekts
heraus die objektive Notwendigkeit und ideale Präformiertheit eines
Inhalts verwirklicht wird, so ist dessen die Schauspielkunst das
radikalste Beispiel.
Wie sie sich darbietet, wirkt sie als spontane, aus dem
Wesensgrund und Temperament des Leistenden hervorbrechende Äußerung, als
das Sich-Auswirken eines unmittelbaren, durch sich selbst und die
vorgeführten Schicksale bestimmten Lebens.
Die Worte und Taten des Schauspielers auf der Bühne
bieten sich so dar, als seien sie völlig spontan aus seinen Impulsen und
der Situation heraus entsprungen.
Er liest nicht vor, er deklamiert oder agiert nicht
einen Inhalt so, dass dieser als »objektiver Geist« das eigentlich allein
vorliegende ist, und das Aufsagen seiner nur eine Form wäre, die dem
Schreiben, dem Druck oder dem Phonographen koordiniert ist.
Dies vielmehr ist das »Spielen« der Marionette, die
nicht als etwas für sich, außerhalb dem gegebnen Inhalt auftritt, sondern
nur eine besondere Art von Buchstaben ist, mit dem dieser Inhalt sich
hinschreibt, um sich andern zu vermitteln.
Der Schauspieler aber agiert für den Zuschauer rein aus
sich heraus, der Inhalt, den er darbietet, stammt für die Erscheinung
nicht aus einem Buch oder aus dem Bewusstsein und der Produktivität eines
anderen, sondern unmittelbar aus seiner Seele.
Er bietet sich dar, das Tun und Leiden, das man an ihm
sieht, ist das seiner Person, die sich damit scheinbar wie in der Realität
des Lebens entfaltet.
Dies kann sich dazu steigern, dass der Schauspieler
durch die bloße Darbietung seines Seins Eindruck macht, gleichviel was er
tut oder sagt; so der Komiker, bei dessen bloßem Auftreten schon das
Publikum zu lachen beginnt.
(Sicher findet dies aber auch bei andern Darstellern
statt, nur dass dabei die Konstatierbarkeit nicht so unmittelbar ist wie
durch das Lachen.)
Und nun ist das Wunder, dass dieses sich unmittelbar
darbietende, spontan ausströmende und wirkende Leben an einem von
anderswoher gegebenen und geformten Inhalt Ausdruck gewinnt, an Worten und
Handlungen, deren Sinn und Zusammenhänge als eine fremde und feste
Notwendigkeit von jenem persönlichen eigengesetzlichen Gefühl und
Verhalten vorgefunden werden.
_______________________
Was für die gewöhnliche Vorstellungsweise das Rätsel
des Schauspielers ist: wie jemand, der eine bestimmte, eigne
Persönlichkeit ist, auf einmal zu einer ganz anderen, zu vielen anderen
werden könnte - wird zu dem tieferen Problem: dass ein Tun, getragen von
einer körperlich-seelischen Individualität, aus deren produktiver
Genialität hervorbrechend und von ihr geformt, zugleich doch Wort für
Wort, im ganzen wie im einzelnen, gegeben ist.
_______________________
Alle Treue, mit der der Schauspieler der Gestalt des
Dichters einerseits, der Wahrheit der gegebnen Welt anderseits folgt, ist
nicht ein mechanistischer Abklatsch, sondern bedeutet, dass die
schauspielerische Persönlichkeit, die als solche und nicht mit einer
ideellen Beziehung auf geschriebene Dramen oder auf eine nachzuahmende
Wirklichkeit geboren wird - dieses beides als organische Elemente in die
Äußerungen seines Lebens verwebt.
_______________________
Der Schauspieler taucht in den Wesensgrund hinab, aus
dem heraus der Dichter die Persönlichkeit geschaffen und den er in den
Worten und Taten ihrer Erscheinung auseinandergelegt hat.
Ihm ist das Drama nicht fertig wie für den Leser und
Zuschauer, sondern er löst es in die Elemente auf, aus denen er es dann
neu, durch ihre dichterische Formung hindurch zu seinem Kunstwerk
gestaltet.
Wie der schöpferische Künstler überhaupt führt er die
Gesamterscheinung irgendwie in sich in einen Kernpunkt zurück, ein rein
Intensives, aus dem es sich nun wachsend und selbstgestaltend zu einer
neuen Erscheinung auswächst.
Ihm ist der darzustellende Mensch ein noch jenseits
aller Äußerung liegendes Sein.
Nachdem die vom Dichter in äußeren Aktionen
hingestellte Persönlichkeit ihn selbst in den charakterologischen
Einheitspunkt, in das anschauliche Seinszentrum, das hinter diesen
Aktionen steht, hat hineinwerden oder sich verwandeln lassen, entwickelt
er in den allmählich eintretenden Situationen die latenten Kräfte dieses
Zentrums - wenn der paradoxe Ausdruck erlaubt ist: als wäre es ein
glücklicher Zufall oder eine prästabilierte Harmonie, dass die
Entwickelung gerade in den Worten und Aktionen erfolgt, wie der Dichter
sie vorgeschrieben hat.
Die Freiheit des Schauspielers hat die Form, die man
als die sittliche zu bezeichnen pflegt.
Denn in diesem Sinn nennt man jemanden nicht frei, der
jedem beliebigen Impuls und Willkür folgt, sondern dessen Wille in der
Linie, die das Sollen von sich aus vorschreibt, verläuft.
Im äußersten Maße muss der Schauspieler den Eindruck
machen, dass er will, was er nach dem Imperativ der Rolle soll.
Und zwar nicht so, wie wir auch im Sittlichen einem
gleichsam fertigen, an uns von außen herantretenden Befehl gehorsamen,
sondern aus der Spontaneität der Seele heraus den Imperativ uns selbst
auferlegend, in ihm, der einer rein ideellen Ordnung zugehört, in seiner
Befolgung unser eigenstes unabgelenktes Wesen entwickelnd.
_______________________
In der Schauspielkunst rückt der Charakter des
objektiven Inhalts oder erscheinenden Ergebnisses der Leistung am nächsten
mit dem Charakter der Leistung als subjektivem Vornehmen zusammen.
Die Darstellung eines leidenschaftlichen Menschen muss
eine leidenschaftliche Darstellung sein, die eines melancholischen eine
melancholische usw.
Das liegt daran, dass in der Schauspielkunst der
Leistende seiner Leistung nicht in derselben Distanz gegenübersteht wie in
den anderen Künsten, dass seine Totalität undifferenzierbar in den
Leistungsinhalt aufgeht.
_______________________
Schauspielerisches Talent bedeutet eben: auf eine
dichterische Figur mit der ganzen eignen Persönlichkeit zu reagieren,
nicht nur wie wir andern mit Gefühl und Verstand.
In der reinen Betrachtung nehmen wir den ganzen
Menschen wahr, in seiner noch nicht zerschnittenen Einheit.
Ist diese in Körper und Seele auseinandergelegt, so
wird sie von neuem gewonnen, indem die Praxis die Seele durch den Körper
deutet, die Kunst aber den Körper durch die Seele.
In der Schauspielkunst ist die Einheit die
unmittelbarste.
_______________________
Je vollkommener der Schauspieler ist, desto
unmittelbarer quillt seine Leistung in jedem Augenblick aus seinem Sein
und seinem fiktiven Schicksal, und je vollkommener er ist, um so
vollkommener deckt sie sich mit der präformierten Gestaltung durch den
Dichter.
_______________________
Die Marxische Frage: ist das Bewusstsein vom Sein oder
das Sein vom Bewusstsein abhängig - ist zunächst, vielleicht auch zuletzt,
so abzuändern: ist das Bewusstsein vom Leben oder das Leben vom
Bewusstsein abhängig? Denn das Leben ist dasjenige Sein, das zwischen dem
Bewusstsein und dem Sein überhaupt steht.
(Nur muss man die Frage nicht von vornherein
idealistisch abschneiden, indem alles selbstverständlich in das
Bewusstsein verlegt wird.) Das Leben ist der höhere Begriff und die höhere
Tatsächlichkeit über dem Bewusstsein; dieses ist jedenfalls Leben.
Man kann vielleicht nicht das Sein ebenso über das
Bewusstsein setzen, beide könnten metaphysisch voneinander unabhängig
gesetzt werden, das Bewusstsein könnte eine andere Existenz- oder
Gegebenheitsform haben, die nicht die des Seins ist, das Sein könnte der
bloße Gegenstand des Bewusstseins sein - durch den sprachlich notwendigen
Ausdruck, dass das Bewusstsein ist, darf man sich nicht irre machen
lassen.
Aber dass das Bewusstsein lebt, ist nicht fraglich.
Nur dass es Inhalte hat, die als solche nicht lebendig
sind.
Vielleicht ist es das Besondere der Kunst, dass sie
auch Inhalte lebendig macht.
Im höchsten Maße vollbringt dies der Schauspieler.
_______________________
Unvergleichliche Weise, in der hier ein unmodifizierbar
vorgeschriebener Inhalt so zum Vortrag gelangt, dass er, in den
Lebensprozess des Leistenden gelöst, als unmittelbare Äußerung, als reine
Spontaneität erscheint.
_______________________
Alles was Produkt des Geistes ist, alles objektiv
Abgeschlossene, alles was der weitergehende Prozess des Lebens als sein
Resultat aus sich herausgesetzt hat, hat dieser unmittelbar lebendigen
schöpferischen Realität gegenüber etwas Starres, vorzeitig Fertiges.
Das Leben hat sich damit in eine Sackgasse verlaufen
und nur ein fragmentarisches, mit seiner innerlich endlosen Fülle gar
nicht vergleichbares Zeugnis hinterlassen.
Nun aber ist das Merkwürdige, dass dieses eigentlich
armselige Stück, das gar keinen Platz für die ganze Fülle des subjektiven
Lebens hat, doch andrerseits das Vollkommene, Gerundete, vorbehaltlos
Erfreuliche ist oder sein kann.
Das Unabgeschlossene und Problematische des Lebens
erlöst sich gerade an diesem Sichtbaren, Fertigen, Begrenzten.
Das Leben und seine Ergebnisse sind wechselseitig mehr
und weniger.
Der Schauspieler vereint dies.
_______________________
Unablösbarkeit des Werkes von der körperlich-seelischen
Existenz des Schauspielers.
Das Ergebnis des Lebens wird nur als Leben dieses
Ergebnisses sichtbar.
_______________________
Der schlechte Schauspieler spielt auf die »dankbaren«
Momente hin, zwischen denen die wirkliche kontinuierliche Aktion
gewissermaßen ausfällt, während der künstlerische diese zerstückelnden
Pointierungen vermeidet und seine Darstellung in einer Stetigkeit hält,
die eben in jedem Moment prinzipiell seine Ganzheit erblicken lässt.
_______________________
Wichtigste innere Erscheinung der Transzendenz des
Lebens: Dass das Leben in jedem Augenblick das ganze Leben und dabei in
jedem Augenblick ein anderes ist Schauspielkunst!
_______________________
Die Schauspielkunst ist auf Schritt und Tritt ein
Symbol der realen und der künstlerischen Begebenheiten und Verhältnisse.