Universität Zürich Soziologisches Institut der Universität Zürich Prof. Dr. Hans Geser

 
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Georg Simmel: Goethe
3. überarbeitete Auflage - Leipzig: Klinckhardt & Biermann 1918. VII, 264 S
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Siebtes Kapitel: Liebe

Goethe gehört zu dem Typus von Männern, die aus dem Grunde ihrer Natur heraus ein Verhältnis zu den Frauen haben.

Keineswegs besagt das von sich aus schon eine besondere Ausdehnung erotischer Leidenschaften und Erfahrungen.

Gerade den beiden Typen, für die die realen Verhältnisse zu Frauen im Vordergrund des Erlebens stehen: dem Frauenknecht und dem Don Juan — stand Goethe fern.

Es war immer nur ein Faden, den die Frau in das Gewebe seiner Existenz knüpfte, wenn dieser Faden auch kaum je ganz abriss.

Aber mit der stärksten Betonung verwirft er es, dass ein Leben sich ganz mit den Beziehungen zu Frauen erfülle: dies führe »zu gar zu viel Verwicklungen und Qualen, die uns aufreiben, oder zu vollkommener Leere«.

Von diesen Wirklichkeitsbeziehungen also unabhängig besteht bei gewissen Männern ein eigentümliches Wissen um die Frauen, ein Bild und eine Bedeutsamkeit des weiblichen Wesens für sie ist gewissermassen ein Element ihrer eigenen Natur.

Nietzsche, der, soviel man weiss, nie ein erotisches Verhältnis hatte, der nach seinem eigenen Geständnis »sich nie um Weiber bemüht hat«, sagt doch an derselben Stelle: »Darf ich die Vermutung wagen, dass ich die Weiblein kenne? Das gehört zu meiner dionysischen Mitgift«! Und wohl von der gleichen Grundlage her hat Raffael auf die Frage, wo er denn die Modelle zu all seinen schönen Frauengestalten hernähme, geantwortet: er nähme sie gar nicht von Modellen, sondern bediene sich »einer gewissen Idee, die in seinem Geiste entsteht«.

Und so gesteht Goethe im höchsten Alter: »Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren oder in mir entstanden, Gott weiss wie.« Dass Goethe den Frauen gegenüber, die er in der Wirklichkeit vor sich hatte, ein Kenner im Sinne praktischer Psychologie war, scheint mir keineswegs sicher.

Auf Lotte Buff, deren künstlerisches Bild er mit aller Tiefe und erschütternden Wahrheit gezeichnet hat, gesteht er, niemals »acht gehabt zu haben« — dazu habe er sie zu sehr geliebt.

Und dass er, mehr als vierzig Jahre später, sich Ottilie von Pogwisch zur Schwiegertochter wählte, scheint einen merkwürdigen Mangel an psychologischem Blick zu verraten.

Wenn dieser begnadetste und fast dauernd erotisch bewegte Mensch dennoch so wenig eigentliches Glück in der Liebe genossen hat — in jenem Rückblick auf achtzigjähriges Leben spricht er von »Schlägen und Püffen«, mit denen Schicksal und »Liebchen uns geprüft haben« — so mag dies, ausser in anderen Tiefen seines Wesens, in die wir nachher zu blicken versuchen, sich auch in dieser praktischen Täuschbarkeit seiner Frauenkenntnis gründen.

Männer dieser Art pflegen in der Tat kein erhebliches Beobachtungswissen um die Frauen zu haben; vielmehr die »Idee« der Frau ist ihnen irgendwie »angeboren«, die Kenntnis des »Urbildes«, das Goethe in jedem organischen Wesen erblickt und beschreibt als »das Gesetz, von dem in der Erscheinung nur Ausnahmen aufzuweisen sind«.

Darum ist für die dichterische, die einzelne Erscheinung überfliegende Darstellung gerade dieses Wissen um die Frauen gewissermassen prädestiniert, und darum konnte gerade mit ihm Goethe es begründen, dass seine Frauengestalten »alle besser wären, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind«.

Es ist allerdings in vielen Goetheschen Frauen eine Art von Fertiggewordensein, die sich an keiner seiner männlichen Gestalten findet, eine seinshafte Vollkommenheit jenseits singulärer Äusserungen und Eigenschaften.

An all diesen Frauen, an Lotte und Klärchen, an Iphigenie und der Prinzessin, an Dorothea und Natalie und manchen anderen noch spüren wir diesen un- zerlegbaren und im einzelnen gar nicht greifbaren Zug von Vollkommenheit-in-sich, der zugleich eine Beziehung zum Ewigen bedeutet und der in dem Ewig-Weiblichen, das uns hinanzieht, sozusagen begrifflichen Ausdruck gefunden hat.

Es ist deshalb gar kein Widerspruch, wenn er immer an den Frauen tadelt, dass sie »keiner Ideen fähig« wären und zugleich, dass er das Ideelle nur in weiblicher Gestalt darstellen könne, dass die Frauen »das einzige Gefäss« wären, in das er seine Idealität hineingiessen könne.

Dass sie keine Ideen »haben«, verhindert nicht, dass sie ihm Idee »sind«.

Offenbar vermisst er den Idealismus an den einzelnen empirischen Frauen; aber der Typus Frau, wie er in ihm lebt und freilich den letzten Sinn und die Norm auch jener wirklichen und unvollkommenen ausmacht — kann durchaus, wie er es einmal ausdrückt, die silberne Schale sein, in die wir die goldenen Äpfel legen.

Und dies Gleichnis symbolisiert, was der Kern seiner Intuition über die Frauen zu sein scheint: dass die Frauen etwas Geschlosseneres, in sich Einheitlicheres, sozusagen Totaleres sind, als die um Sonderinteressen zentrierenden Männer, deren jeder bestenfalls in sich die Vielfältigkeit des ganzen Geschlechtes wiederholt.

Darum sind sie zu jener »Vollkommenheit« sozusagen nach ihrer formalen Struktur disponierter.

Darum meint er die Frauen am besten so zu loben: »Eure Neigungen sind immer lebendig und tätig und ihr könnt nicht lieben und vernachlässigen.« Für alle seine Frauengestalten, von denen des Götz über Iphigenie und Natalie bis zu Makarie, gilt gleichsam diese Grundform, die sie mit mannigfaltigstem Inhalt füllen: die innere Versöhntheit und Wesenseinheit der Elemente, die die männliche Art in Besonderung und oft im Kampfe zeigt.

Deshalb bezeichnet Ottilie ihre Schuld, die sie aus dem Leben treibt, nicht mit ihrem unmittelbaren Inhalt, sondern nur: »Ich bin aus meiner Bahn geschritten.« Und im weitesten Abstand des Inhaltes begründet eben dies seine Erklärung der weiblichen Eifersucht: »Jede Frau schliesst die andere aus, ihrer Natur nach; denn von jeder wird alles gefordert, was dem ganzen Geschlecht zu leisten obliegt.«

Begreiflich also wechselt seine geistige Attitüde zu den Frauen nach dem Verhältnis, das seine jeweilige Entwicklungsepoche gerade zu der Einheitsform hat, in der die weibliche Existenz sich vollzieht.

Als er nach Weimar kam, ein Chaos durcheinander- und auseinanderflutender Strebungen in der Seele, offenbar leidenschaftlich verlangend, seine Kraft zu organisieren und in eine Stromrichtung zu leiten — da war, was die letzte Tiefe seiner Beziehung zu Frau v. Stein ihm an Glück und Reichtum bot, doch wohl gerade an die harmonische Einheit dieser Natur gebunden, an die ruhig feste Form, in die diese Frau alle exzentrischen und dissonierenden Lebenselemente versöhnt hatte.

Dieses Bild geschlossener Ganzheit, das sie bot, zeigte allem Wilden und Divergierenden seiner Natur den Erlösungsweg.

Ausdrücklich spricht er dies aus: er brauche sie, um ein selbständiges, ein ganzes Wesen zu werden.

Sie war ihm das Symbol der Ganzheit und Einheit, wie Michelangelo es in Vittoria Colonna gefunden hatte.

»Du Einzige«, schreibt er an sie, »in die ich nichts zu legen brauche, um alles in ihr zu finden.« Darum preist er als das Glück, das sie ihm bot, dass er zu ihr völlig offen sein könne, während bei den anderen Menschen »die Mitteltöne fehlen, die bei dir alle anschlagen«.

Was er als die tiefste Wesenheit der Frauen empfand, schien ihm hier in einer Vollendung jenseits ihrer sonstigen fragmentarischen Verwirklichungen entgegenzutreten, und in einer Epoche, in der seine eigene Entwicklung des Haltes und Vorbildes an dieser Lebensform bedurfte.

Sein Alter aber verändert dies innere Verhältnis zu dem weiblichen Prinzip.

In seinen höheren Jahren begegnen vielerlei kritisch absprechende Urteile über die Frauen im allgemeinen; sieht man diese genauer an, so laufen sie fast alle auf den sogenannten weiblichen Mangel an Objektivität hinaus.

Und dies hängt vielleicht so zusammen: Goethes Jugend — ich nehme hier Resultate des letzten Kapitels vorweg — ist von einem gefühlsmässigen Ideal beherrscht, es scheint ihn zu einer gleichsam umweglosen Vollendung des persönlichen Seins und seiner Ganzheit zu drängen, deren Bewusstsein nicht ein Wissen oder ein Handeln, sondern ein Gefühl ist.

Diese Lebenstendenz geht später, ganz entschieden nach der italienischen Reise, nach zwei Seiten auseinander: in die Hingebung an wissenschaftliches Erkennen und die Bewährung in Schaffen und Wirken.

Damit war sein Leben vom Subjektiven weg ins Objektive gewandt.

Während dies aber sonst die spezifisch männliche Zerspaltung mit sich bringt, die Lösung des einzelnen Interesses und Tuns von dem Zentrum und der Einheit der inneren Existenz — war es Goethe beschieden, dass all das Objektive seines Denkens und Tuns ein völlig Persönliches blieb, Pulsschläge eines einheitlich innersten Lebens.

Aus dieser in ihrer Vollendetheit einzigen Daseinsform heraus zeigen seine späteren Jahre jene heftige Abneigung gegen allen blossen Subjektivismus, die wir so oft gegen eigene überwundene Entwicklungsstadien richten.

Die ursprüngliche und doch erst errungene Einheit seiner inneren Existenz hatte sich nun mit einem Sachgehalt von Weltwissen und Weltwirken erfüllt, dem gegenüber ihm alles bloss subjektive, in sich selbst kreisende, die objektiven Normen ablehnende Dasein gewissermassen als das böse Prinzip erschien.

Der Typus Frau hatte ihm geleistet, was er ihm leisten konnte, vor allem seit er ihm in der Gestalt der Frau v. Stein in anschaulicher Reinheit begegnet war.

Nun aber war ihm die subjektive Einheit und Ganzheit der selbstverständliche Zustand, und von diesem forderte nun die grosse Wendung zum Objekt, sich mit neuen Inhalten, neuen Spannungen zu erfüllen.

Hier konnte ihn der Typus Frau nicht mehr fördern, ja, er musste von ihm, als dem Symbol einer überschrittenen Epoche, entschieden abrücken, und darum rügte er immer wieder an den Frauen den Mangel an der Objektivität, die ihm die neue Epoche gewonnen hatte; so, dass es ihnen vollkommen genüge, wenn ihnen etwas »gefällt«, ohne dass sie die Motivierungen des Gefallens unterschieden und werteten; dass sie verlangen, in besonderen Weisen verstanden zu werden, ohne an andere dasselbe Verständnis zu wenden; dass sie leicht von einem Standpunkt auf den andern zu verlocken sind und, wenn sie leiden, eher die Objekte als sich selbst darum schelten — und dass sie als notwendige Ergänzung dieser Subjektivitäten dem Dogmatiker zum Opfer fallen und sich der blossen Konvention verschreiben.

Dass seine geistige Beziehung und Wertung den Frauen gegenüber in ihren Wandlungen so der grossen Linie seiner Entwicklung genau folgt, mag ebenso Wirkung wie Ursache davon sein, dass ihm das Bild der Frau kein aus empirischen Zufälligkeiten abstrahiertes war, sondern ein überindividuelles, seinen letzten Wesensgründen verhaftetes.

Aber da dies eben den Typus, die Idee Frau angeht, hängt es keineswegs feststellbar oder durchgehend mit seinen einzelnen, realen Erlebnissen mit Frauen zusammen, die, wie ich vermuten möchte, viel weniger von jener geistig-apriorischen Beziehung zu dem weiblichen Prinzip, als rein von seinem erotischen Temperament ausgingen.

Das Mass freilich, in dem sie sich aus diesem erhoben, schien so manchem gerade mit der Geistigkeit seines Lebens kaum vereinbar.

Mehr als einmal nämlich habe ich von geistig durchgebildeten und banaler Prüderie ganz fernen Persönlichkeiten die Rolle bedauern hören, die das erotische Element in Goethes Leben gespielt hätte.

Nicht eigentlich in dem Sinn einer moralischen Bedenklichkeit, sondern nur so, als wäre damit das Gleichgewicht dieses Lebens, wie seine zentral Idee es bestimmen müsste, durch ein übertriebenes Mass erotischen Interessiertseins und Erlebens gestört.

Unleugbar äussert sich darin der Instinkt für die Gefahr, die jedem im grossen Stile einheitlichen und produktiven Leben von den erotischen Mächten her droht.

Denn entweder verweben sich die Sehnsüchte und Erfüllungen dieses Gebietes in den innersten Verlauf des Lebens — dann kommen diesem letzteren fast unvermeidlich Störungen, Ablenkungen, Depressionen; und zwar vor allem durch den tiefen inneren Formgegensatz: dass die Liebe ein rastloser Prozess ist, eine pulsierende Dynamik des Lebens, ein Hineingerissensein in die kontinuierliche Strömung der Gattungserhaltung — während das geistige Dasein auf dem in irgendeinem Sinne Zeitlosen steht, auf den Inhalten des Lebensprozesses, nicht auf dem Prozess selbst.

Oder man differenziert von den übrigen Lebensgebieten das erotische als eine besondere Provinz, in die sich begebend man gewissermassen »ein anderer Mensch« ist.

Damit sind zwar jene Hemmungen und Alterationen beseitigt, aber die Lebenstotalität ist zu einem harten Dualismus verurteilt, der Wechseltausch aller Kräfte, in dem ihre Einheit besteht, ist zerschnitten und wenigstens zum Teil sterilisiert.

Dies alles aber ist ersichtlich bei Goethe nicht eingetroffen.

Weder der Grösse seines Werkes, noch der Unvergleichlichkeit seines Lebens als ganzen gegenüber, kann die Kritik jener Bedenklichen Fuss fassen.

Das Problem für den Aufbau des Bildes von Goethe liegt also gerade darin: wie kommt es, dass an ihm jene Folgen eben nicht aufgetreten sind? Und die Antwort hierauf allerdings ist nur von der fundamentalen Schicht des Goetheschen Lebens überhaupt her zu gewinnen.

Die Wesensformel, die an Goethe ihre reinste und stärkste historische Verwirklichung findet, war doch immer diese: dass ein Leben, ganz dem eigenen Gesetz gehorchend, wie in einheitlich naturhaftem Triebe sich entwickelnd, eben damit dem Gesetz der Dinge entspricht, d. h. dass seine Erkenntnisse und Werke, reine Ausdrücke jener innerlichen, aus sich selbst wachsenden Notwendigkeit, doch wie von den Forderungen des Objekts und denen der Idee her gebildet sind.

Er hat jeden eigengesetzlichen Sachgehalt durch die Tatsache, dass er ihn erlebte, so von innen her geformt, als wäre er aus der Einheit dieses Lebens selbst geboren.

Gemäss diesem Gesamtsinn seiner Existenz scheinen sich auch deren erotische Inhalte zu entwickeln.

Auch diese — wie sie sich in seinen Briefen und vertrauten Äusserungen, in Dichtung und Wahrheit und seiner Lyrik darstellen — treten auf, als wären sie von seinem Innern und dessen Entfaltungsnotwendigkeiten bestimmt, wie sich eine Blüte an den Zweig ansetzt, in dem Augenblick und in der Form, wie dessen eigenste Triebkraft es erfordert und entwickelt.

Nirgends, selbst in so extremen Fällen, wie in der Leidenschaft für Lotte und für Ulrike von Levetzow, spüren wir jenes Preisgegebensein, das dem erotischen Erlebnis das Symbol des Liebestranks verschafft hat und oft den Gefühlston, als wäre es viel eher etwas, das mit uns oder an uns vorgeht, als eine Äusserung eines sich selbst gehörenden Lebens.

Wir hören, dass er mit all seinen sinnlichen Hingerissenheiten doch immer Herr seiner selbst geblieben ist.

Über eine schöne Frau, deren Eindruck ihm sehr nahe ging, schreibt er an Herder: »Ich möchte mir solch ein Bild nicht durch die Gemeinschaft einer flüchtigen Begierde besudeln.« Dazu, ausser manchem andern, die Äusserung zu Eckermann über seine Reserve gegen die schönen Schauspielerinnen, die ihn äusserst anzogen und »ihm auf halbem Wege entgegen kamen«.

Aber diese Bestimmtheit und Formung des erotischen Erlebnisses durch seinen Willen ist doch nur das äussere und nicht einmal entscheidend wichtige Phänomen der tieferen Tatsache, dass es durch sein Sein bestimmt war, durch die Regel und den Sinn einer Entwicklung, die ausschliesslich der Strömung ihrer eigensten Wurzelsäfte folgte.

Und darum war, wie seine lebenslang geübte und verkündete »Entsagung« überhaupt nichts weniger als eine Verarmung, sondern ein durchaus positives Formprinzip seines Lebens war, auch Erotischen kein Subtrahendum, sondern die seiner Liebe von deren individueller Lebensquelle her eingeborene Gestaltung.

Es war das Glück seiner Natur, dass ihn, im Ganzen, die Dinge der Welt nicht mehr anreizten als sich ihnen hinzugeben in seinem Willen und seiner Vernunft — im höchsten Sinne des Wortes — lag; das macht seine Liebe zu all diesen Dingen begreiflich: er brauchte sie nicht zu fürchten.

Dies ist auch so aussprechbar.

So viel Subjektives, Momentanes, Launisches man in seinem Leben, ja in seinem Werk finden mag — man hat doch immer das Gefühl, dass das ganze Leben nie sein Übergewicht über den gerade an der Oberfläche befindlichen Teil verloren hat.

Dass er in jedem Augenblick als Ganzer in seiner Äusserung lebt, das gibt dieser die wundervolle Temperierung.

Was man als seine Kühle angesehen hat, ist nichts als dieses Aufwiegen des Einzelnen durch die Ganzheit des Lebens (und deshalb musste es mit dem Mehr-Werden dieses Lebens immer zunehmen).

In diese Form ordnen sich auch die Ereignisse seiner Liebe ein und sie ergibt bei ihm die unvergleichliche Vereinigung, dass der ganze Mensch sich in das Gefühl hingibt, und dass er eben weil es der ganze ist, immer Herr über das Gefühl als ein einzelnes bleibt; dass dieses nie als eine abgelöste Wesenheit, wie das erotische Erlebnis so oft beim Manne auftritt, sondern als ein lebendiges Glied dieses Organismus wirkt, das immer von dessen Gesamtleben Kraft und Norm — freilich darum noch nicht Glück — bezieht.

Im grossen und ganzen mindestens besass er diese menschliche Vollendung: er konnte sich ganz hingeben, ganz hingerissen werden, ohne damit aus seinem Zentrum gerückt zu werden.

Diese Versöhntheit sonst getrennter und sich gegenseitig aufhebender Lebenspunkte oder Tendenzen ist dem Goetheschen Leben überhaupt eigen.

Das praktische Ideal, das er im Epimenides ausspricht: »Nachgiebigkeit bei grossem Willen« — hat er in unzähligen Beziehungen zu Menschen selbst verwirklicht. Die Fähigkeit sich hinzugeben und sich dabei zu bewahren, die äusserste Energie und vollkommenes Nachgeben — die absolute Festigkeit und Sinnsicherheit seines tiefsten Lebens und die »Proteusnatur«, die sich täglich wandelte — unter diesen Synthesen spürt man eine gemeinsame grosse Lebensformel, die diese Zurückhaltung im Erotischen kein Subtrahendum, sondern die seiner Liebe von deren individueller Lebensquelle her eingeborene Gestaltung.

Es war das Glück seiner Natur, dass ihn, im Ganzen, die Dinge der Welt nicht mehr anreizten als sich ihnen hinzugeben in seinem Willen und seiner Vernunft — im höchsten Sinne des Wortes — lag; das macht seine Liebe zu all diesen Dingen begreiflich: er brauchte sie nicht zu fürchten.

Dies ist auch so aussprechbar. So viel Subjektives, Momentanes, Launisches man in seinem Leben, ja in seinem Werk finden mag — man hat doch immer das Gefühl, dass das ganze Leben nie sein Übergewicht über den gerade an der Oberfläche befindlichen Teil verloren hat.

Dass er in jedem Augenblick als Ganzer in seiner Äusserung lebt, das gibt dieser die wundervolle Temperierung.

Was man als seine Kühle angesehen hat, ist nichts als dieses Aufwiegen des Einzelnen durch die Ganzheit des Lebens (und deshalb musste es mit dem Mehr-Werden dieses Lebens immer zunehmen).

In diese Form ordnen sich auch die Ereignisse seiner Liebe ein und sie ergibt bei ihm die unvergleichliche Vereinigung, dass der ganze Mensch sich in das Gefühl hingibt, und dass er eben weil es der ganze ist, immer Herr über das Gefühl als ein einzelnes bleibt; dass dieses nie als eine abgelöste Wesenheit, wie das erotische Erlebnis so oft beim Manne auftritt, sondern als ein lebendiges Glied dieses Organismus wirkt, das immer von dessen Gesamtleben Kraft und Norm — freilich darum noch nicht Glück — bezieht.

Im grossen und ganzen mindestens besass er diese menschliche Vollendung: er konnte sich ganz hingeben, ganz hingerissen werden, ohne damit aus seinem Zentrum gerückt zu werden.

Diese Versöhntheit sonst getrennter und sich gegenseitig aufhebender Lebenspunkte oder Tendenzen ist dem Goetheschen Leben überhaupt eigen.

Das praktische Ideal, das er im Epimenides ausspricht: »Nachgiebigkeit bei grossem Willen« — hat er in unzähligen Beziehungen zu Menschen selbst verwirklicht.

Die Fähigkeit sich hinzugeben und sich dabei zu bewahren, die äusserste Energie und vollkommenes Nachgeben — die absolute Festigkeit und Sinnsicherheit seines tiefsten Lebens und die »Proteusnatur«, die sich täglich wandelte — unter diesen Synthesen spürt man eine gemeinsame grosse Lebensformel, die sich nicht unmittelbar, sondern nur in derartig partiellen oder gleichsam provinziellen Äusserungen ergreifen lässt.

Solcher Charakter des Gefühles als Lebensprozesses bedroht freilich das Verhältnis zu seinem Gegenstand mit einer gewissen Problematik.

Im allgemeinen wird die Liebe, auch als blosses Binnenereignis in der einzelnen Seele, wie eine Wechselwirkung empfunden; der Andere, sie erwidernd oder nicht, ja, um sie wissend oder nicht, ist ein aktiver Faktor in ihr, und unter seiner, wenn auch sozusagen nur ideellen Mitwirkung entsteht im Liebenden sein Gefühl.

Aber wie in einem Gegensatz hierzu empfindet man Goethes Erotik als ein rein immanentes Ereignis und als habe seine Innerlichkeit dessen Kosten gleichsam allein zu tragen; und es ist wundervoll, wie das Reservierte, Selbstsüchtige, ja Rücksichtslose, das mit solchem solipsistischen Erleben der Liebe sich zu verbinden pflegt bei ihm nie spürbar wird.

»Bis ins Innerste der Existenz«, schreibt er als Siebenunddreissigjähriger, müssten Verhältnisse gehen, wenn »etwas Kluges daraus werden solle«.

Und: »Wenn man nicht unbedingt lieben darf, sieht es mit der Liebe schon misslich aus.« »Zu der Zeit liebt sich's am besten«, sagt er mit 62 Jahren, »wenn man noch denkt, dass man allein liebt und noch kein Mensch so geliebt hat und lieben werde.« Die Liebe sei »ein Geschenk, das man nicht zurücknehmen kann, und es würde unmöglich sein, ein ehemals geliebtes Wesen zu beschädigen oder ungeschützt zu lassen«.

Hierin offenbart sich nun endlich jene glückselige, die Goethesche Existenz im Tiefsten bestimmende Harmonie: der ganz freien, gleichsam nur von sich selbst wissenden, auf sich selbst hörenden Wesensentwicklung und der Forderungen, die von den Dingen und den Ideen herkommen.

In Philines Wort: »wenn ich dich liebe, was geht's dich an?« — ist die Einheit der beiden Werte, des idealen und des personalen, auf das vollkommenste ausgedrückt.

Auf der einen Seite eine höchste Zartheit und selbstlose Hingabe, gegen die Platos Vorstellung von der Liebe als dem Mittleren zwischen Haben und Nichthaben als etwas Egoistisches und Veräusserlichtes erscheint.

Er hat viele Jahre vorher diese reinste Gestaltung der Erotik durch die Tat erwiesen: die Frankfurter Briefe an Kestners, in denen er dauernd und ohne jeden Vorbehalt von seiner Leidenschaft für Lotte spricht, gehören zu den allervollkommensten Zeugnissen, die die Welt überhaupt von Reinheit, Adel der Gesinnung, sittlich sicherem Vertrauen zu sich und anderen besitzt.

Es ist als ob die Idee der Liebe hier in ihrer Autonomie, frei von allem Habenwollen und von allem Zufälligen im Menschen zu Wort käme.

So kann er selbst die Äusserung Philines auf Spinozas ganz überpersönliches Wort: Wer Gott liebt, könne nicht wollen, dass Gott ihn wieder liebe — zurückleiten.

Aber andrerseits offenbart sich damit doch eine Liebe, die gerade aus dem Eigensten der Person, aus ihrem absoluten Selbstsein quillt.

Wie er sein Schaffen als »Liebhaber« und ohne Zweckrücksicht auf das, was dabei herauskäme, vollbrachte, so war ihm auch die Liebe eine Funktion des Lebens, normiert von dessen organischer Rhythmik, aber nicht von einer Idee, mit der sie nun dennoch wie durch ein tiefes ursprüngliches Einssein harmonierte.

Damit war auch das eigentümlich gefärbte Verhältnis zu den Gegenständen seiner Liebe gegeben.

In all seinen Beziehungen zu Menschen war ein bestimmender Zug, den man vielleicht als souveräne Zartheit bezeichnen kann — eine innere Attitüde, da entstehend, wo die einheitliche Ganzheit des Menschen für jedes seiner Verhältnisse dauernd Quelle und Dominante bleibt; denn damit sind Hingebung und Distanznahme, das tiefste Eingehen auf den andern und die beherrschende Sicherheit, sich nie darüber zu verlieren, nur die Seiten eines einzigen Verhaltens.

Und so verschlingt sich in seinen Beziehungen zu den geliebten Frauen jenes Leidenschaftliche, Selbstlose, Ritterliche — mit einem eigentümlichen Cachet: als wären sie doch eigentlich nur die Gelegenheitsursachen, an denen sich ein gerade jetzt notwendiges Stadium seiner inneren Entwicklung verwirklichte, und als wäre das jeweilige erotische Verhältnis die Blüte aus seinen eigenen Triebkräften, für die die Frau nur Frühlingsluft und Frühlingsregen war.

Wenn Carl August einmal sagt, Goethe hätte immer alles in die Frauen gelegt und nur seine Ideen in ihnen geliebt, so liegt diesem wohl etwas plumpen Ausdruck doch schliesslich dasselbe zugrunde, wie der vorhin angeführten Äusserung zu Kestner, als jemand eine vorteilhafte Schilderung von Lotte entworfen hatte: »Ich wusste wahrlich nicht, dass das all in ihr war, denn ich habe sie viel zu lieb von jeher gehabt, um auf sie acht zu haben.« Das Entscheidende ist, dass jene Wechselwirkung zwischen dem Subjekt und dem Objekt der Liebe, die sich selbst in der unglücklichen Liebe innerhalb des liebenden Individuums abspielt, für ihn zurücktrat, und in höherem Masse seine Liebe ein in sich kreisendes Gefühl, eine je von seiner individuellen Entwicklung gesetzte Epoche war.

Und obgleich dies, durch die wunderbare Einheit von subjektivem Trieb und objektiver Forderung in seinem Existenzbild, das geliebte Wesen nichts von hingebender Leidenschaft und selbstloser Zartheit entbehren liess — so erklärt sich daraus doch der häufige Wechsel der Gegenstände seiner Neigung.

Er hat in bezug auf sein Werk in vielen Formen und zu vielen Zeiten ausgesprochen, es wäre eigentlich gleichgültig, an welchem Gegenstand man tätig sei: nur darauf, dass die Kraft sich bewähre, dass ein Maximum von Wirksamkeit erreicht werde, komme es an.

So paradox es scheint, auch diese Grundmaxime seiner Existenz wiederholt sich an seinem Verhältnis zu der Pluralität der Frauen.

Wie es ihm gleichgültig war, ob er »Töpfe machte oder Schüsseln«, so war es in diesem Sinne gleichviel, ob er Friederike liebte oder Lili Frau v. Stein oder Ulrike.

Gewiss war seine Liebe jedesmal eine andere, die Frau war ihm nicht etwa, wie dem Manne von roher Sinnlichkeit, die Frau schlechthin, gleichgültig gegen ihre Individualität.

Aber dass die Liebe in diesem Augenblick eintrat, dass sie in ihm dieses unverwechselbare Cachet hatte — das war sozusagen nicht von jener erotischen Wechselwirkung her, sondern von dem Periodencharakter bestimmt, den das Gesetz seiner Entwicklung eben jetzt heraufführte.

Er war den Frauen untreu, weil er sich selbst treu war.

Er tut einmal eine sehr merkwürdige Äusserung über die »sogenannte grössere Treue der Frauen«.

Diese entstünde nur daher, dass die Frauen »sich selbst nicht überwinden können, und sie können es nicht, weil sie abhängiger sind als die Männer«.

Damit will er doch der Treue den Wert absprechen, die durch die Abhängigkeit vom Andern entsteht, die nicht aus der vollen Freiheit des Individuums stammt; die jeweilige Empfindung muss vielmehr dem eigenen Lebensprozess entfliessen, der, wie er ihn auffasst, eine fortwährende Selbstüberwindung ist, das Aufbauen eines höheren, vollkommeneren Seins, gleichsam über den Trümmern des vergangenen.

Wer abhängig ist, kann sich nicht überwinden, das heisst, ihm entwickelt nicht eigenste innerste Notwendigkeit immer neue Inhalte, neue Wendungen, gleichgültig dagegen ob die Empfindung an ihrem früheren Gegenstand festwurzelt und sich nur unter Schmerzen von ihm löst: wir haben genug Beweise für die Leiden, unter denen Goethe auch seine freiwilligsten Trennungen von den Frauen, die er liebte, vollzog; seine Untreuen waren Selbstüberwindungen, das heisst der Gehorsam gegen das Gesetz seines sich immer höher entwickelnden, jede Vergangenheit überbauenden Lebens.

Wir sehen diese erotische Rhythmik in Goethes tiefstes Lebensgefühl eingesenkt, indem wir sie noch mit einer seiner wunderbarsten Äusserungen verbinden, die der Kanzler Müller aus seinem 75. Jahre mitteilt: »Als unter mancherlei ausgebrachten Toasten auch einer der Erinnerung galt, brach Goethe mit Heftigkeit in die Worte aus: >Ich statuiere keine Erinnerung in eurem Sinne. Was uns irgend Grosses, Schönes, Bedeutendes begegnet, muss nicht erst von aussen her wieder erinnert, gleichsam erjagt werden. Es muss sich vielmehr gleich von Anfang her in unser Inneres verweben, mit ihm eins werden, ein neues besseres Ich in uns erzeugen und so ewig bildend in uns fortleben und schaffen. Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet.«< In dieser Auffassung hat das Leben seine letzte Starrheit überwunden.

Auch unsere leidenschaftlichen Erlebnisse sind nun nicht an einer Stelle der Vergangenheit, an der wir sie in ihrem unveränderlichen So-Gewesensein wieder zu suchen hätten, angenagelt — und wir mit ihnen; sondern sie sind die selbst bildsamen Elemente der Lebensgestaltung, die mit jedem Augenblick neu einsetzt.

Gut, wenn diese Gestaltung jene ungeändert weiter bestehen macht und so die Erscheinung der Treue gegen ihren Inhalt erzeugt; und Goethes Leben hat dies in seinen Beziehungen zu Frau von Stein und zu Christiane erwiesen.

Aber auch wo die Entwicklung entschiedene Wendungen fordert, ist die Untreue nun nicht eine blosse tote Diskontinuität im Leben, sein Verlaufen wie in eine leere Sackgasse; sondern der tiefste Zusammenhang des Lebensprozesses setzt sich gerade durch diesen Bruch seiner Inhalte fort, der frühere ist nicht einfach dementiert, wie es sein müsste, wenn er jenes nur erinnerbare Vergangene wäre, sondern — weil er selbst ganz aus der Lebendigkeit des Ich bestimmt war — kann er ewig umgestaltet und umgestaltend das »neue, bessere Ich in uns erzeugen« helfen.

Die Frauen waren ihm Gegenstände jenes scheinbaren Egoismus, dessen Ich in Wirklichkeit kein Genusssubjekt, sondern eine organisch gesetzliche und deshalb auf ihren Wert vertrauende Entwicklung ist; wie er es einmal in die kurze Maxime zusammenfasst: der Künstler solle »höchst selbstsüchtig« verfahren.

Sein eigenes, immer produktives Lernen und Arbeiten hat er als »eigentlich immer nur egoistisch« bezeichnet: sich selbst habe er daran bilden wollen.

Einen erhabenen Begriff von »Selbstsucht« bringt er damit auf.

Mehr vielleicht als irgendeinem Menschen, mit Ausnahme Lionardos, waren alle Reiche der Welt seine Speise; man möchte auch an Leibniz denken — aber dessen Intellektualität, die zwar alles Ergreifbare verschluckte und verdaute, scheint deren Stoffe und Kräfte nur zu ihrer eigenen Sonderernährung, nicht aber zum Aufbau einer vollkommenen Gesamtpersönlichkeit verwandt zu haben.

Aber Goethes grossartiger Objektivität war das eigene Ich ein dem Gesamtsein verhaftetes Element, dessen Vervollkommnung ihm Pflicht und Lebenssinn war.

Wie er als Lernender, als Weltaufnehmender, wie er als Künstler »höchst egoistisch« war, so war er es den Frauen gegenüber; wie aber dieser Egoismus einerseits die völlige Hingabe an den Gegenstand einschloss, andrerseits nur auf jene eigene Vollendung zielte, die ein objektiver Wert ist und mit dessen Steigerung sich der Wert des all-einen Daseins überhaupt hebt — so war auch der Egoismus seiner Liebe.

Dennoch besteht ein Unterschied.

Ein menschliches Individuum, die Strömung des Daseins in eine irgendwie unvergleichliche Kurve leitend und sich als Selbstzweck fühlend, will sich nicht und, vor allem, kann sich nicht in die harmonische Existenz eines anderen so einfügen lassen, wie das unpersönliche Dasein.

Goethe ist sich darüber prinzipiell — wenn auch in ganz anders gewendetem Ausdruck — durchaus klar gewesen: er verkehre am liebsten mit der Natur, denn in der Verhandlung mit Menschen irre bald der eine, bald der andere in fortwährender Abwechslung, und damit »kommt nichts aufs reine«.

Jene Grundformel seiner Existenz: dass die Entwicklung seines Denkens und Schaffens, dem eigenen Gesetz allein folgsam, zugleich den Forderungen der Gegenstände dieses Denkens und Schaffens entsprach — diese Formel galt nicht vorbehaltlos, wo jene Gegenstände Menschen waren; Menschen, mit ihrem schliesslichen Fürsichsein, mit zuletzt doch unbiegbaren Umrissen ihres Wesens und ihrer Schicksale, die sich mit denen eines andern, so ungeheuer dessen eigne Harmonie und Harmonisierungskraft sei, nicht notwendig decken.

Gewiss hat Goethe, aus dem innersten Triebe seiner Natur heraus und ohne dazu eines moralischen Imperativs zu bedürfen, in seine Liebesbeziehungen alle Rücksicht und alle Selbstüberwindung, alle Zartheit und alle hingebende und beglückende Leidenschaft eingesetzt.

Und doch ging damit die Rechnung nicht auf. Fast allen Frauen, die Goethe geliebt hat, endete dies Glück in Missklang und Leiden: für Ännchen wie für Friederike, für Lotte wie für Lili und für Frau von Stein.

Gewiss war die Ursache solchen Ausgangs in jedem Fall eine besondere. Allein es scheint mir zu den typischen Formen des Menschenschicksals zu gehören: dass eine Reihe von inhaltlich irgendwie verwandten Ereignissen jedesmal in einen gleichen Effekt auslaufen, jedesmal aber aus einem neuen und von den früheren Fällen ganz unabhängigen Grunde, der den jeweiligen Fall auch ganz zureichend erklärt — und dass doch ihnen allen eine gemeinsame Ursache, wie aus einer tieferen, die unmittelbare Kausalität nicht berührenden Schicht zugrunde liegt.

Dass Goethe eben jenes »höchst selbstsüchtige« Leben lebte — in wie erhabenem Sinne immer, wie fern immer von der Enge und Rücksichtslosigkeit der Genusssucht, in wie einzigartiger Harmonie immer mit der Ganzheit des Seins und den Gesetzen der Dinge und Ideen — das war doch wohl die tiefste metaphysische Ursache davon, dass er keiner Frau ein dauerndes Glück bereiten konnte, selbst in dem bescheideneren Sinne, in dem uns das erfahrene Leben schliesslich den Begriff des dauernden Glückes verstehen lehrt.

An dem definitiven Selbstsein der menschlichen Individualität versagte, mit sozusagen formaler Notwendigkeit, die unvergleichliche Gunst, um die er sich wohl selbst den »Liebling der Götter« nennen durfte: die Entwicklung nach dem eigenen Gesetz in Einheit mit dem Gesetz alles anderen Daseins zu vollziehen.

Aber noch einmal schlug diese Formel gleichsam zurück, ihre Herrschaft noch über ihre eigene Verneinung erstreckend: er selbst teilt das schmerzensreiche Schicksal seiner Geliebten, ihm selbst, von den Frauen geliebt wie wohl wenige Männer, scheint die Liebe kein Glück, ausser auf rasch herabsinkenden Höhen des Rausches, gebracht zu haben.

Er selbst bezeichnet einmal die jugendliche Verfassung seines Innern als »liebevollen Zustand« und dass er »das Sehnsüchtige, das in mir lag, in früheren Jahren vielleicht zu sehr gehegt« habe.

Mit fortschreitender Männlichkeit aber habe er stattdessen »die volle endliche Befriedigung gesucht«.

Diese Befriedigung jedoch fand er ersichtlich nicht in der Fortentwicklung jenes »liebevollen Zustandes«, sondern zunächst in Italien (worauf sich jene Stelle bezieht), allgemeiner aber im Forschen und Wirken.

Aber mit so ungeheurer Kraft er die Bedürfnisse seiner Natur in diese Wertrichtungen leitete — es blieb irgendetwas wie ein Bruch und Rest, den er sich, wie er mehr als einmal andeutet, sozusagen gewalttätig zu vergessen zwang.

Er ist ein Siebziger, als er schreibt: »Jeder Mensch ist ein Adam; denn jeder wird einmal aus dem Paradiese — der warmen Gefühle vertrieben.« Selbst in dem Verhältnis zu Frau von Stein wird die Epoche des wirklichen Glückes erschreckend kurz, wenn man die Briefe nicht nur auf ihre Oberfläche hin liest.

Und was er ihr auch an Glück verdankt, wird reichlich durch die fürchterliche Erfahrung aufgewogen, die er während und nach der italienischen Reise mit ihr machen musste — gleichviel, wie sich die sogenannte »Schuld« auf beide Parteien verteilt.

An das Leiden dieser Erfahrung hat sich — soweit man solche Unbeweisbarkeiten aussprechen darf — eine, vielleicht die grosse Wendung seines Lebens geknüpft; damit erstarrte etwas in ihm, was nicht wieder geschmolzen ist.

Der ganze Fall Christiane erscheint mir als Ergebnis der Ermüdung und Resignation gegenüber dem so oft gesuchten und nie gewonnenen Liebesglück, als die Flucht in die bescheidene Sicherheit des Halbglücks.

Es ist eine eigentümliche soziale Ironie, dass der Philister unter allen erotischen Erlebnissen Goethes den meisten Anstoss gerade an diesem zu nehmen pflegt, das seiner inneren Struktur nach sicher das philiströseste von allen war.

Und nun rächt sich noch einmal die zurückgeschobene, auf das tote Gleis geratene Liebe in dem Marienbader Erlebnis.

Das Erschütternde der Elegie, das ihr eine vielleicht einzige Stellung in der Weltliteratur gibt, ist dies: dass ein ganz unmittelbares, in voller Lebendigkeit strömendes Fühlen sich ausdrücken will und dafür nur die schon erstarrten, resultathaften, sentenziösen Formen vorfindet, die aus einem ganzen langen Leben auskristallisiert sind und es verweigern, sich noch einmal zurückschmelzen und in jenen Fluss eines aus der ersten Quelle hervorstürzenden, keiner Formfestigkeit untertanen Prozesses von Leben und Liebe hinabziehen zu lassen.

Dies leidenschaftlich Gegenwärtige ging nicht in die ihm allein noch gebotene Form der Zeitlosigkeit hinein, hinter der abgeklärten, weise gewordenen Form fühlt man die Sehnsucht klopfen, wie einen Gefangenen an die Mauern, die ihn ersticken wollen.

Nie vielleicht hat ein anderes Gedicht rein in seinem Stil den tragischen Kampf des Jünglings mit dem Greise zum Ausdruck gebracht.

In diesem Verhängnis des Ausdrucks, dass grade das Höchste des Stils, in dem alle Weite und Tiefe seines Lebens sich gesammelt hatte, ihm die Möglichkeit entzog, seine Liebe wie er sie wirklich liebte, auszusagen — spiegelt sich das Verhängnis seiner Wirklichkeit: dass in der Form dieses Lebens offenbar das Glück der Liebe keine dauernde Heimat finden konnte.

— Ich sagte, dass sogar mit dem Glücksmangel seiner Liebe die Grundgestaltung seines Daseins, wenn auch jetzt in der Ebene der Negativität, sich bestätigte.

Ihm war gegeben, dass er für alles Denken und Leben, wie es sich aus seiner eigensten, innersten Notwendigkeit entfaltete, an den Gegenständen dieses Denkens und Lebens die — wie er selbst sich ausdrückte — »antwortenden Gegenbilder« fand.

Wie sein Geist sich grossartig und beglückend abrundete, Geschwister und Gegenbild der einheitlichen Totalität des Kosmos und seiner Seligkeit, die unseren tiefsten Ahnungen, von den Griechen her, vorschwebt — so ist das Leiden, das seine Liebe den Gegenständen dieser Liebe brachte, nur das »antwortende Gegenbild« seines eignen Leidens gewesen, als stiege, wie alles Helle seines Lebens und seiner Welt, auch dieses Dunkle in ihm und in dem, was um ihn und ihm gegenüber war, Hand in Hand aus der metaphysischen Einheit alles Seins empor.


 

Editorial:

Prof. Hans Geser
Soziologisches Institut
der Universität Zürich
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