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Towards Cybersociety and "Vireal" Social Relations |
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Auf dem Weg zur "Cyberdemocracy"? Auswirkungen der Computernetze auf die öffentliche politische Kommunikation Universität Zürich, Juli 1996 1 Methodologische Vorbemerkungen zu den Schwierigkeiten und Grenzen soziologischer Medienanalyse 2 Konstitutive Funktionsprinzipien einer elektronischen "Netzöffentlichkeit" 3 Einige Konsequenzen und Folgeprobleme für den Prozess politischer Demokratie 4 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen Methodologische Vorbemerkungen zu den Schwierigkeiten und Grenzen soziologischer Medienanalyse Kommunikationsmedien sind - per definitionen - funktional hoch generalisierte technische Einrichtungen, die unter verschiedenartigsten Situationsbedingungen für den Transport vielfältigster Informationsinhalte von beliebigen Sendern an beliebige Adressaten zur Verfügung stehen.Diese Indifferenz gegenüber der Spezifität ihrer Nutzung macht es äusserst schwierig, nur schon die empirisch vorfindbaren Gebrauchsweisen und Wirkungen von Medien in eine Synopsis zu bringen, geschweige denn darüber hinaus auch noch ihre potentiellen Funktionen und Applikationsmöglichkeiten zu explorieren und über deren zukünftige Ausschöpfung gesicherte Voraussagen zu machen. Bei der Erfindung der Schrift konnte man sicher nicht wissen, dass sie einmal zur Grundlegung von Offenbarungsreligionen, zur individuellen Selbstreflexion im Tagebuch oder zur revolutionären Massenmobilisierung (via Flugblätter) Verwendung finden würde. Heinrich Hertz hat für die von ihm entdeckten elektromagnetischen Wellen ausdrücklich nur spielerische Anwendungsmöglichkeiten gesehen und in keiner Weise ihren konstitutiven Einfluss auf Öffentlichkeit und Politik antizipiert, der uns heute beispielsweise fragen lässt, ob moderne soziale Bewegungen überhaupt nur noch in der Symbiose mit dem Fernsehen lebensfähig seien (vgl. Imhof 1996) oder ob in der politischen Arena ein Wechsel von Parteimedien zu Medienparteien zu diagnostizieren sei (vgl. z.B. Plasser 1985: 9ff.) Die wissenschaftliche Analyse eines Kommunikationsmediums würde deshalb bedeuten: die umfassende Mitobjektivierung aller individuellen und gesellschaftlichen Bezüge, in denen sich seine Funktionalität in irgendeiner (sei es bedingenden, mitprägenden oder gar konstitutiven) Weise realisiert. Für die momentan heranwachsenden globalen Computernetze erscheint diese Aufgabe besonders aussichtslos, 1) weil sie in eine maximal differenzierte und dynamisierte Gesellschaft hineingeboren werden, in der vielfältigste psychologische, soziale und kulturelle Rahmenbedingungen über die Reichweite ihrer Verfügbarkeit und die Selektivität ihrer Nutzung mitentscheiden. 2) weil es sich um äusserst universalisierte multimediale Kommunikationsmedien handelt, deren funktionaler Entfaltungsraum infolge der raschen Entwicklungen auf Software- und Hardware-Ebene überdies monatlich expandiert. Dank dieser Vielseitigkeit können computergestützte Kommunikationsnetze der Verbreitung philosophischer Weisheiten ebenso dienen wie der Propagation primitivster emotionaler Ausbrüche ("flames"), und sie können das produktive wissenschaftliche Gespräch ebenso fördern wie den Austausch pornographischer Bilder oder die terroristische Konspiration. Von keiner anderen Kommunikationstechnologie wäre es so abwegig, im Sinne McLuhans zu behaupten, dass "das Medium die Botschaft" sei: d.h. also dass in ihrer technologischen Konstituiertheit spezifische Formen und Begrenzungen der Funktionalität bereits fest eingegossen seien. Manches spricht vielmehr dafür, dass wir in den digitalen Computernetzen in embryonaler Form ein "Supermedium" vor uns haben, das zumindest potentiell in der Lage ist, alle bisherigen Kommunikationsmedien in sich zu vereinigen und durch zusätzliche, bisher nicht verfügbare Funktionsleistungen zu komplettieren. Denn die Bedeutung der Digitalisierung besteht darin, dass sämtliche Informationen in einfachstmögliche Elementarbausteine (bits) zerlegt werden: unabhängig davon, ob es sich auf der Makroebene um Sprache, Schrift, Töne, Bilder, Videosequenzen, Zeichnungen (oder evtl. gar taktile und olfaktorische) Kommunikationsformen handelt (vgl. Negroponte 1995). Dadurch sind die Grundlagen erzeugt, 1) um bisher in separierten Medienwelten transportierte Kommunikationen (z.B. Privatkorrespondenz[1], Gruppendiskurse, Buchveröffentlichungen und offizielle staatliche Verlautbarungen) innerhalb desselben Mediums zu prozessieren (und deren die wechselseitige Permeabilität sicherzustellen); 2) um allen Teilnehmern in identischer Weise die Fähigkeit zu vermitteln, in selbstgewählter Weise und ohne zeitlich-räumliche Beschränkungen in beliebigen Kommunikationsrollen (d.h. als Rezipienten, Emittenten, Diskussionspartner, usw.) zu agieren; 3) um schliesslich eine intersubjektiv konstituiert Form virtueller Realität ("Cyberspace") zu erzeugen, die durch ihren multimedialen Erlebnisreichtum und ihre Offenheit für interaktive Manipulationen mit der realen Wirklichkeit ein gutes Stück weit erfolgreich konkurriert (vgl. z.B. Turkle 1995: passim). Dementsprechend wird es unerlässlich, bei der Analyse des Internet zumindest die drei folgenden Ebenen klar zu unterscheiden: 1) Seine aktuelle empirische Realität, die beispielsweise dadurch bestimmt ist, dass sich das Medium noch in einer durch vielerlei Spielereien und Improvisationen gekennzeichneten Embryonalphase befindet und einen noch höchst einseitig zusammengesetzten Nutzerkreis besitzt, innerhalb dem vor allem jüngere amerikanische Männer mit Universitätsbildung den Ton angeben. 2) Seine aktuelle funktionale Potentialität, die alle möglichen Verwendungszwecke mitumfasst, wie sie auf der Basis der gegebenen technischen Voraussetzungen auf Hardware- und Softwareebene bereits heute objektiv realisierbar wären. 3) Seine zukünftige funktionale Potentialität, wie sie sich aus der Antizipation neuer technischer Entwicklungen (z.B. höherer Übertragungskapazitäten) und der zu erwartenden Ausbreitung und Verdichtung der Computernetze ergibt. Sozialwissenschaftler müssen sich klar darüber werden, dass
sie mit ihrem Rüstzeug empirischer Methodik und theoriegeleiteter
Dateninterpretation nur für die erste (weitaus
uninteressanteste) dieser drei Aufgaben geeignet sind. Deshalb bleibt nur die viel bescheidenere tentative Aufgabe, innerhalb eng begrenzter Funktionsfelder in der aktuellen empirischen Realität der Computermedien nach Indizien für ihre Entwicklungsmöglichkeiten in der kurz- und mittelfristigen Zukunft zu fahnden - und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, die eher den Charakter alternativer Szenarien als wahrscheinlicher Voraussagen besitzen. So wird im folgenden unterstellt, dass die politische Öffentlichkeit unserer Gesellschaft bereits in den nächsten Jahren völlig neue Entfaltungschancen gewinnen wird, die - deduktiv aus objektiven technischen Eigenschaften der
neuen Netzmedien erschlossen werden können und Konstitutive Funktionsprinzipien einer elektronischen "Netzöffentlichkeit" 2.1 Computernetze als Konstitutionsbasis einer dezentralisiert-interaktiven politischen ÖffentlichkeitEin erster Zugang zu den funktionalen Kapazitäten des Internet ergibt sich aus der Feststellung, dass es gewisse technologischen Asymmetrien in der bisherigen Medienentwicklung beseitigt, die der Entfaltung einer demokratischen Öffentlichkeit bisher hinderlich entgegen gestanden haben. Typologie der Kommunikationsmodi:
Jeder oberflächliche Blick in die Mediengeschichte zeigt, dass sich die obgenannten vier Modi der Kommunikation technologisch in höchst unterschiedlichem Masse entwickelt haben. Im Vordergrund standen eindeutig "one-to-many" - Technologien, die seit dem Aufkommen des Buchdrucks in Führung gegangen sind, um dann im 19. Jahrhundert durch die Massenpresse und in unserem Säkulum durch Radio und Fernsehen nochmals eine immense Steigerung zu erfahren. Im Bereich dezentral-interaktiver Kommunikation ist eigentlich nur das Telephon als wesentliche Neuerung aufgetreten. Dieses aber hat nichts zur Erleichterung von sozialen Kollektivierungsprozessen beigetragen, weil es aufgrund seiner objektiven technischen Eigenschaften praktisch ausschliesslich für diadische Dialoge Verwendung findet. Genau umgekehrt hat es dadurch, dass es diadische Kommunikationsbeziehungen strukturell isoliert, wahrscheinlich vielerlei Kollektivierungsprozesse behindert und damit zur Entpolitisierung der Bevölkerung beigetragen. Die Technologien, die den Kontakt zwischen vielen Sendern und
einem Rezipienten ermöglichen, sind demgegenüber auf einem viel
primitiveren Niveau haften geblieben. Wie in Urzeiten vollzieht
sich die Aufwärtskommunikation in Institutionen beispielsweise
dadurch, dass einzelne Mitglieder einem Redner applaudieren, in
Abstimmungen "Ja" oder "Nein" einlegen oder
sich an einer mühseligen Beschwerdeaktion beteiligen. Ebenso urtümlich und schwerfällig sind die horizontal-multilateralen Kommunikationstechnologien geblieben, die zahlreiche Sender und zahlreiche Empfänger miteinander verbinden (damit beispielsweise in einer Gruppe von 100 Teilnehmern jeder jedem etwas mitteilen kann, müssen 10'000 Rundbriefe abgesendet werden). Diese Entwicklung steht also schon seit Anfang an in einem unauflösbaren Spannungsverhältnis zum aufklärerischen Idealmodell einer politischen Öffentlichkeit, die sich bekanntlich durch die Gesamtheit der gebildeten Bürger konstituiert, welche ungeachtet ihrer zugeschriebenen Herkunftsmerkmale (Ethnie, Religion, Stand) als Gleiche unter Gleichen in einen herrschaftsfreien öffentlichen Diskurs miteinander treten, um einen vernünftigen Konsens zu realisieren (vgl. z.B. Habermas 1962; 1990: passim). Denn einerseits befindet sich der Schwerpunkt wahrhaft
interaktiver Kommunikation weitestgehend im Bereich kleiner face-to-face-Gruppen,
die auch dann, wenn sie für jedermann frei zugänglich sind (wie
z.B. Kaffeehäuser oder Gemeindeversammlungen) immer noch
geschlossene Kreise darstellen, deren innere Vorgänge einer
weiteren Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Vor allem die Vertreter der Frankfurter Schule, aber auch viele andere Kritiker haben darauf hingewiesen, in welchem Ausmass das Aufkommen organisierter Parteien und Grossverbände sowie die Zentralisierungsprozesse in Presse, Radio und Fernsehen dazu geführt haben, dass die Partizipationschancen immer ungleicher verteilt sind und dass an die Stelle des offenen Raisonnements immer mehr die in propagandistischer Absicht "veröffentlichte Meinung" tritt, die den normalen Bürger nur noch als passiven, hin und wieder zur "Akklamation" aufgerufenen Rezipienten ins Kalkül einbezieht: "Mit der Kommerzialisierung und der Verdichtung des Kommunikationsnetzes, mit dem wachsenden Kapitalaufwand für und dem steigenden Organisationsgrad von publizistischen Einrichtungen wurden die Kommunikationswege stärker kanalisiert und die Zugangschancen zur öffentlichen Kommunikation immer stärkerem Selektionsdruck ausgesetzt. Damit entstand eine neue Kategorie von Einfluss, nämlich eine Medienmacht, die, manipulativ eingesetzt, dem Prinzip der Publizität seine Unschuld raubte. Die durch Massenmedien zugleich vorstrukturierte und beherrschte Öffentlichkeit wuchs sich zu einer vermachteten Armee aus, in der mit Themen und Beiträgen nicht nur um Einfluss, sondern um eine in ihren strategischen Intentionen möglichst verborgene Steuerung verhaltenswirksamer Kommunikationsflüsse gerungen wird" (Habermas 1990: 28). Dementsprechend zeigt sich auch, dass die meisten sozialen Bewegungen nicht etwa in spontanen Assoziierungen betroffener Einzelbürger, sondern in gezielten Aktionen zentralistischer Mobilisierung (z.B. durch präexistierende Verbände oder "social entrepreneurs") ihren Ursprung haben (Oberschall 1973; McCarthy/Zald 1984). Namen wie Murdoch, Kirch, Berlusconi, Ted Turner etc. signalisieren eine gerade heute sich stark beschleunigenden globalen Konzentrationsprozess privater Medienmacht, der mit der strikt nationalen Reichweite demokratischer politischer Öffentlichkeit in ein wachsendes Diskrepanzverhältnis tritt (vgl. Keane, 1991: 52ff.). Analog dazu hat die rasch voranschreitende Pressekonzentration im Lokalbereich hat zur Folge, dass selbst grössere Städte (wie z.B. Luzern) immer häufiger nur noch eine einzige Zeitung besitzen.[2] Diese beispiellose Zentralisierung medialer Kontrollmacht steht
im paradoxen Gegensatz zum wachsenden gebildeter und politisch
interessierter Bevölkerungsschichten, die motiviert und befähigt
sind, sich in aktiv-kommunikativer Weise an der öffentlichen
Meinungsbildung mitzubeteiligen.[3] Habermas glaubt also, dass auf kultureller und sozialpsychologischer Ebene sich innerhalb unserer Konsumgesellschaft wachsende politische Aktivitätspotentiale gebildet haben - und würde deshalb wohl leicht zugeben, dass Technologien, die diesen Artikulationsbedürfnissen entgegenkommen, heute auf eine beträchtliche Nachfrage stossen. Im Lichte dieser Analyse liegt die vielleicht fundamentalste
funktionale Bedeutung der Computernetzwerke darin, dass sie - zum
erstenmal in der Mediengeschichte - alle vier kommunikativen Modi
auf dieselbe technologische Basis stellen und in einen
übergreifenden Gesamtzusammenhang integrieren (vgl. z.B.
Quarterman 1993). So wird das Internet voraussichtlich das zentrale, unverzichtbare Kommunikationsmedium für all jene Kollektive, für die es schon immer wichtig war, vertikale Abwärtskommunikation mit vertikaler Aufwärtskommunikation und horizontaler Kommunikation auf hohem Niveau zu verbinden: also beispielsweise für politische Parteien, Verbände, soziale Bewegungen und alle übrigen freiwilligen Vereinigungen, die einerseits intern demokratisch sein möchten ohne andererseits ihre zentralisierte Entscheidungs- und Aktionsfähigkeit zu verlieren. Während unter dem Einfluss der radialen Massenmedien einseitig Elemente der Führung, Ideologie und Propaganda in den Vordergrund getreten sind, werden in der neuen aequilibrierteren Kommunikationsstruktur eher Elemente der diskursiven Meinungsbildung und der plebiszitären Abstimmung in den Vordergrund treten. Andererseits relativieren die Computernetze aber die Relevanz all dieser intermediären Gruppierungen und Organisationen, weil sie es erstmals ermöglichen, auch im makroskopischen Raum der "politischen Öffentlichkeit" kommunikative Austauschprozesse stattfinden zu lassen, die bisher - wenn überhaupt - nur im begrenzteren Rahmen mesosozialer Kollektive realisierbar waren. Erst mit den Computernetzen wird die Vorstellung einer gleichzeitig maximal öffentlichen und maximal interaktiven Kommunikationssphäre zu einer greifbaren Realität. Erst hier kann ein reziproker Austausch von Informationen, Meinungen u.a. stattfinden, der einerseits den Partizipanten maximale Chancen freier Selbstartikulation belässt, und ihnen andererseits die Chance gibt, ihre Aussagen in eine Arena globaler Öffentlichkeit einfliessen zu machen. Erst jetzt wird es möglich, selbst in privatesten Lebensumständen, an entlegendsten geographischen Standorten und zu unkonventionellsten Tages- und Nachtzeiten nicht auf den Zugang zu öffentlicher Kommunikation zu verzichten und selbst für die spontanste subjektive Äusserung eine potentiell weltweite Resonanz zu finden. Wenn die konventionellen Massenmedien mit ihrer radialen Kommunikationsstruktur zu einer Stärkung autoritär-hierarchischer Institutionen beigetragen haben, werden die Computernetze jenen dezentralisierten und informellen Interaktionssystemen technische Unterstützung verleihen, die im Selbstverständnis unserer demokratischen Gesellschaft zwar schon lange als unverzichtbar gelten, im bisherigen öffentlichen Raum aber nur geringe Entfaltungs- und Einflusschancen gefunden haben. Die klassische Öffentlichkeit hat in der Aufklärung zuerst in sehr exklusiven Zirkeln (Salons, Lesegesellschaften, Bildungssozietäten, ja sogar freimaurerischen Geheimbünden) konstituiert (Habermas 1990: 14). Mit dem Pressewesen und den elektronischen Sendemedien Radio und Fernsehen hat sich im 19. und 20. Jahrhundert zwar eine unüberbietbar inklusive Öffentlichkeit entwickelt: aber mit den untragbar hohen Kosten, dass die meisten Partizipanten auf eine ausschliesslich rezeptive Teilnahmerolle zurückgebunden wurden. So haben die konventionellen Medien eine ausserordentlich tiefe
Kluft zwischen "Der Kommunikationszusammenhang eines räsonnierenden Publikums von Privatleuten ist zerrissen; die aus ihm einst hervorgehende öffentliche Meinung ist teils in informelle Meinungen von Privatleuten ohne Publikum dekomponiert, teils zu formellen Meinungen der publizistisch wirksamen Institutionen konzentriert" (Habermas 1990: 356). Die elektronischen Kommunikationsnetze können als eine Brücke
zwischen diesen beiden Sphären verstanden werden, indem sie es
allen Individuen ermöglichen, ihre Artikulationen ohne besonderen
Aufwand in die Öffentlichkeit zu tragen, ohne ihnen dadurch die
Verbindlichkeit von Zeitungsfrontnachrichten oder "TV-Prime
Time News" zu verleihen. Wer des Englischen nicht mächtig ist, die eher rigiden
Verhaltensregeln im Usenet nicht respektiert und/oder über keinen
Zugang zu den nach wie vor kostspieligen technischen
Infrastrukturen verfügt, sieht sich von der neuen
Netzöffentlichkeit prinzipiell ausgeschlossen. So bieten Computernetze die gleichzeitig billigste, schnellste und zuverlässigste Art, Daten in beliebiger Menge über beliebige geographische Distanz zu übertragen (Bonchek 1995). Diese Vorteile mögen in der Dritten Welt eher noch stärker als in hochentwickelten westlichen Ländern zu Buche schlagen, weil häufig besonders grosse Distanzen zu überbrücken sind und weil die einheimischen Post und Telephondienste meist nicht befriedigend funktionieren. Zweitens ist es bedeutsam, dass die Teilnahme an
Computerkommunikation mit praktisch beliebigen situativen
Bedingungen und Rollenverhältnissen eines Individuums vereinbar
ist, weil sie zu jedem beliebigen Zeitpunkt und an jedem
beliebigen Ort erfolgen kann. Drittens kommt hinzu, dass jeder auf dem Internet agierende Diskussionszirkel einen grundsätzlich öffentlichen Status besitzt und deshalb auch für "Aussenstehende" zugänglich ist, die beispielsweise nicht über eine formelle Vereinsmitgliedschaft oder einen sonstigen Zugehörigkeitsausweis verfügen.[5] An die Stelle derart zugeschriebener oder durch autoritative
institutionelle Akte verliehener Statusmerkmale und
Mitgliedschaften tritt die Eintragung in die "mailing
list", die von jedem einzelnen vollzogen wird und zu jedem
Zeitpunkt begründungslos zurückgezogen werden kann. Dank dieses niederschwelligen Zugangs liegt der Schwerpunkt des
Internet eindeutig in der Sphäre subinstitutioneller
Basiskommunikation , wo bisher informelle face-to-face Gruppen
(wie z.B. Stammtischrunden Salonzirkel) vorherrschend waren. Einerseits finden die Individuen in diesen elementaren
Interaktionskontexten eine besonders niederschwellige Gelegenheit,
ihre subjektiven Werthaltungen, Situationsbeurteilungen,
Vorschläge u.a. in soziale Kommunikationsprozesse einfliessen zu
lassen, die vielleicht wiederum die Basis für formellere und
institutionsnähere Kommunikationsvorgänge (z.B. in den
Massenmedien) bilden. Mit den elektronischen Diskussionsgruppen im "Usenet"
ist nun eine zusätzliche Ebene informeller öffentlicher
Kommunikation entstanden, die der Stammtischrunde einerseits sehr
viel näher steht als den konventionellen Massenmedien, ohne
andererseits deren soziale Kontrollwirkung mitzuimplizieren. So wird sich ein Teilnehmer am Usenet weniger gehemmt fühlen, auch höchst unpopuläre, exotische, unmoralische oder sonst wie abwegige Positionen zum Ausdruck zu bringen, weil es im Gegensatz zu face-to-face Gesprächen nicht damit rechnen muss, sich missbilligenden Blicke oder Bemerkungen anwesender Kollegen zuzuziehen oder gar auf Dauer ihre freundschaftliche Zuwendung zu verlieren. Je grösser und je heterogener die Teilnehmerschaft an einer "newsgroup", desto mehr darf ich damit rechnen, auch für höchst seltsame Themen und Meinungen irgendwo in der Welt auf Resonanz und Zustimmung zu stossen - und je grösser die Zahl der verfügbaren Gruppen, desto besser die Chance, dass ich mich auch als Extremist, als Chaot oder Sozialutopist irgendwo in passender Gesellschaft fühle. So führen Computernetze erfahrungsgemäss eher dazu, dass Individuen ihre initialen Divergenzen und Idiosynkrasien noch verstärken, während die konventionellen Formen informeller Kommunikation eher konvergierende und homogenisierend wirken, weil die Partner bestrebt sind, wechselseitig nicht als allzu abweichend und dissensual zu erscheinen.[7] Bezeichnenderweise tummeln sich im Internet besonders viele
Gruppen mit überaus extremistischer und exotischer Ausrichtung,
die - wie z.B. rassistische Neo-Nazis, militante antifeministische
Männergruppen und andere "hate groups") in einer
besonders grossen Distanz zur dominierenden Wertekultur stehen
(Schneider 1995; Sowa 1995b). Bei manchen von ihnen mag es sich um den embryonalen Keim einer neuen sozialen Bewegungsgruppe handeln, die in Zukunft vielleicht expansiv an die Öffentlichkeit tritt und Zugang zu konventionelleren Medienkanälen gewinnt. Infolgedessen besteht die hauptsächliche Funktion des Usenet darin, komplementär zu den konventionellen Massenmedien die Aufmerksamkeit auf verschiedenste zusätzliche Themenstellungen und Meinungen zu erweitern, die momentan inaktuell sind und/oder aufgrund ihrer Ausgefallenheit in Presse, Radio und Fernsehen keinerlei Beachtung finden. So hat sich in der "talk-politics european-union"
Ende April 1996 eine skurrile Kontroverse darüber entfaltet, ob
die Briten im Falle einer Volksabstimmung wohl eher die
Mitgliedschaft zur EU befürworten oder als 51. Staat den USA
beitreten würden. Als Hauptargument gegen die amerikanische
Option wurde nicht etwa die kulturelle und geographische Nähe zu
Kontinentaleuropa ins Feld geführt, sondern der unerträgliche
Zustand, dass amerikanische Anwälte ihre Honorare in
Abhängigkeit von der Streitsumme berechnen (!!). Wer die Diskussionen in solchen virtuellen Diskussionsgruppen verfolgt, muss sich zwar mit äusserster Toleranz gegen Sprachdilettantismus, unkontrollierte Wutreaktionen, Lügenhaftigkeit und alle anderen empirisch vorkommenden kommunikativen Untugenden wappnen, wird aber andererseits auch immer wieder mit überraschend neuen Informationen, Sichtweisen oder Problemlösungsvorschlägen belohnt, die das Informationsangebot des CNN oder der New York Times als einseitig (und von zufälligen Tagesereignissen abhängig) erscheinen lassen. Professionellen Journalisten mag empfohlen werden, hin und wieder in dieses chaotische Meer polyperspektischer Kommunikationen einzutauchen, um erfrischt und mit etwas erweitertem Horizont zu ihrer institutionell verengten Tätigkeit zurückzukehren. Der niederschwellige Zugang zu politischen Äusserungen hat vor allem zur Folge, dass bisher eher schwer zugängliche Formen der Artikulation an Häufigkeit zunehmen und jede einzelne Artikulation dadurch an Gewicht und Bedeutung verliert. So stellen beispielsweise politische Aktivistengruppen
standardisierte Formulare und Texte für Petitionen und
Beschwerden bereit, die nach Einsetzen des Namens und der E-Mail Adresse mit einem einzigen Mausclick an ihren Bestimmungsort
befördert werden können. Andererseits ist anzunehmen, dass die Partizipanten sich ganz
überwiegend aufgrund ihrer Übereinstimmung mit den Zielen einer
Kampagne zur Teilnahme entscheiden, da weder materielle noch
soziale "Nebenbelohnungen" verfügbar sind, die für die
Teilnahme an kollektiven Aktionen sonst so häufig den Ausschlag
geben (Bonchek
1995: 7ff.).[8] Dissentierende Teilnehmer werden wohl - um die Terminologie
Albert Hirschmans zu verwenden - in den meisten Fällen die Option
"Abwanderung" (exit) statt die Alternative
"Widerspruch" (voice) wählen, weil es so
ausserordentlich leicht ist, die Gruppe zu wechseln oder selbst
eine neue Gruppierung zu "gründen" (vgl. Hirschman
1974: passim). Als Folge ihrer Inklusivität nimmt die neue elektronischen
Öffentlichkeit einen extrem heterogenen Charakter an, weil sich
nicht nur menschliche Personen unterschiedlichster
sozio-kultureller Provenienz, sondern auch vielerlei
supraindividuelle Akteure (Vereinigungen, Unternehmen,
Institutionen, Behörden u.a.) gleichwertig daran mitbeteiligen.
Dadurch ist es ausgeschlossen, dass sich die neue Öffentlichkeit
- wie im idealistischen Verständnis von Habermas - als ein Kreis
reiner "Privatpersonen" konstituiert, die einen von
allen Zentren institutioneller Macht losgelösten - und damit
aussschliesslich der kritischen Vernunft verpflichteten - Diskurs
untereinander führen. 2.3 Die Abstrahierung und Anonymisierung der kommunikativen Subjekte Damit sich die Kommunikationspartner in der Öffentlichkeit als
Gleiche begegnen können, ist es notwendig, ihre höchst
unterschiedlichen Statusmerkmale im Kommunikationskontext zu
neutralisieren. "Wie sehr sich Tischgesellschaften, Salons und Kaffeehäuser in Umfang und Zusammensetzung ihres Publikums, im Stil des Umgangs, im Klima des Räsonnements und in der thematischen Orientierung unterscheiden mögen, sie organisieren doch allemal eine der Tendenz nach permanente Diskussion unter Privatleuten. Zunächst ist eine Art des gesellschaftlichen Verkehrs gefordert, der nicht etwa die Gleichheit des Status voraussetzt, sondern von diesem überhaupt absieht. Die Parität, auf deren Basis allein die Autorität des Arguments gegen die der sozialen Hierarchie sich behaupten und am Ende auch durchsetzen kann, meint im Selbstverständnis der Zeit die Parität des 'bloss Menschlichen'" (Habermas 1990: 97). Aus diesem Grund hat sich in der feudalen Gesellschaftsordnung
keine Öffentlichkeit im modernen Sinne ausbilden können, weil
die Individuen die Insignien ihrer sozialen Herkunftsgruppe immer
sichtbar mit sich herumtrugen und in jeder sozialen Situation als
Exponenten ihres Standes erkennbar waren. Das Usenet mit seiner strikten Ausfilterung aller persönlichen und sozialen Attribute ist nur eine logische Fortsetzung dieses langfristigen Trends. Erst die Umstellung von face-to-face Kommunikation auf
elektronischen Meinungsaustausch bietet die Basis, um auch die
nicht durch Kleidung verdeckbaren Status- und
Persönlichkeitsmerkmale, wie sie mit dem Geschlecht, dem Alter,
der Hautfarbe oder physischen Körperbau verbunden sind, wirksam
zu neutralisieren. Natürlich wachsen die Vorteile diese Ausdifferenzierung vorrangig den Inhabern niedriger Statusränge und den Trägern unvorteilhaft bewerteter personaler Merkmale (z.B. den Behinderten, den Hässlichen oder anderweitig sichtbar Stigmatisierten) zu, während Kommunikationspartner mit günstigen Eigenschaften eine schmerzliche Einbusse ihrer bisher gewohnten "Kommunikationsmacht" erfahren. Wie die feministische Forschung gezeigt hat, führen innerhalb
von face-to-face Gruppen vielerlei subtile Mechanismen dazu, dass
Frauen gegenüber Männern benachteiligt sind. Beispielsweise
stellt man fest, dass Frauen von Männern häufiger unterbrochen
werden als umgekehrt, dass Männer häufiger und länger das Wort
ergreifen und auf weibliche Voten oft überhaupt nicht reagieren
(vgl. Fraser 1992: 119). Die Globalität der Vernetzung bringt es überdies mit sich, dass auch das Herkunftsmerkmal der ethnischen Zugehörigkeit und der formellen Staatsbürgerschaft in einem Masse in den Hintergrund tritt, wie dies nicht nur zur Zeit Immanuel Kants, sondern noch vor 10 Jahren völlig undenkbar geschienen hätte. Genau damit wird auch die "Herrschaftsfreiheit" der Diskurse perfektioniert: weil es höchst wahrscheinlich wird, dass die elektronischen Kommunikationspartner in keinem anderen ihrer Lebensbereiche in irgendwelchen Einfluss- und Abhängigkeitsverhältnissen zueinander stehen - und damit nicht befürchten müssen, für ihr Verhalten im Diskurs sanktioniert zu werden oder dadurch irgendwelche indirekten Nachteile zu erfahren. Weil Sender und Empfänger im elektronischen Netz nicht physisch anwesend sind und keine mit ihrer Körperlichkeit verknüpfte nonverbale Stimuli austauschen können, ist es nicht nur möglich, sondern sogar zwingend, die ganze Aufmerksamkeit auf die kommunikativen Inhalte zu konzentrieren. Erst jetzt wird die - im Interesse rationaler Verständigung schon idealiter schon immer erhobene - Forderung absolut, Kommunikationsbeiträge ausschliesslich unter dem Aspekt ihres immanenten Wortsinns zu verstehen und zu evaluieren, anstatt sich dabei - und sei es nur unbewusst - von den persönlichen oder sozialen Eigenschaften ihres Absenders beeinflussen zu lassen. Botschaften und Dokumente im Internet sind grundsätzlich im dreifachen Sinne "kontextfrei", weil nicht zweifelsfrei eruiert werden kann a) wer an ihrer Generierung in welchem Umfang beteiligt
war; Bei vielen Netzkommunikationen ist es grundsätzlich unklar, ob ihr Absender als Privatperson seine persönlichen Meinung zum Ausdruck bringt oder ob er als Exponent (bzw. mandatierter Repräsentant) einer Gruppe, Vereinigung, Institution oder Behörde einen überpersönlichen Kollektivstandpunkt artikuliert. Manchmal steht nicht einmal zweifelsfrei fest, ob die Äusserung überhaupt einem kommunikationsfähigen Subjekt zugerechnet werden kann und nicht vielmehr von einem artifiziellen Softwareagenten ("chatterbot") stammt, der mit der Absicht, vielleicht den "Turing Test" [10]zu bestehen, ins Netz eingeschmuggelt wurde (vgl. z.B. Turkle 1995: 77ff.). Zu den Kosten und Risiken einer derart weitgehenden Anonymisierung gehört, dass die Kommunikation sich auf semantisch immanent eindeutige Wörter, Sätze, Texte oder intertextuelle Strukturen beschränken muss, weil es nicht mehr möglich ist, Mehrdeutigkeiten durch Rekurs auf die personalen oder sozialen Merkmale ihres Autors zu reduzieren. Dementsprechend hängt das Verständnis der Aussagen (und a fortiori: die Interpretation von Zeichnungen, Bildern, Video-Sequenzen etc.) völlig davon ab, dass sie "selbsterklärend" (self-explaning) sind: sei es, dass die verwendeten Zeichen, Begriffe und Sätze im Kontext der Meldung (bzw. des Diskussionsstrangs, dem sie angehört) selber hinreichend definiert werden, sei es, dass sie eine bereits vorgängig klar präzisierte, stabile und universell konsensuale Bedeutung besitzen (Kerr/Hiltz 1982). Dies wiederum bedeutet, dass Netzkommunikation grundsätzlich
wohl immer vorwiegend verbale Kommunikation bleiben wird, ja dass
der Trend sogar zu komplexeren Textgebilden gehen wird, die es
erlauben, den Sinn verwendeter Wörter immanent-hermeneutisch
(d.h. aus ihrer Stellung im sprachlichen Gesamtzusammenhang) zu
erschliessen.[11] Vor allem das Usenet führt in gewisser Weise zu einer
Wiederauferstehung jener schriftlichen Fernkommunikation, die
bereits im 17. und 18. Jahrhundert, als das Briefeschreiben
modisch wurde, der individuellen Reflexivität ungemein
förderlich war. Wie in der Schriftkultur der Aufklärung entstehen auch hier
gesteigerte Chancen kommunikativer Rationalität, denn im
Gegensatz zu face-to-face Zusammenkünften fällt der Druck weg,
gerade jetzt auf genau dieses Votum zu reagieren und
sich dabei antizipativ auf die vermutliche Reaktion der
Mitanwesenden einzustellen. Vielmehr sieht sich jeder Teilnehmer
auf sich selber verwiesen mit der Frage, wann er wem was mitteilen
möchte, und er kann sich genügend Zeit für die Formulierung
einer Antwort nehmen, die nicht nur aktuellen Gedankenblitzen und
Affektwallungen, sondern sehr viel umfassenderen Erwägungen
Rechnung trägt. Die Abhängigkeit von definitiv fixierten und konsensualen
Wortbedeutungen bedeutet, dass Computer-Netzwerke kaum dazu
geeignet sind, die Sinnbedeutung verwendeter Zeichen im
Kommunikationsprozess selber endogen zu präzisieren oder evolutiv
weiterzuentwickeln. Deshalb dürften elektronische Kommunikationen wohl immer eher "sinnreproduzierend " als "sinnkonstituierend " bleiben und damit einen "sekundären" Status gegenüber jenen weniger technisierten "Primärkommunikationen" (insbesondere face-to-face Kontakten) behalten, in denen sich genau diese sinnerzeugenden Leistungen vollziehen. Mit anderen Worten: elektronische Kommunikation entfaltet sich am besten innerhalb bereits gefestigter Gruppierungen, in denen dank dichter vorgängiger Primärinteraktion hoch spezifizierte, standardisierte Verständigungscodes entstanden sind, die es ermöglichen, sich selbst durch sehr knapp gehaltene Meldungen erfolgssicher zu verständigen. "One of the mistakes made by many organizations in their zeal to get on the Net is to assume 'if you build it, they will come'. Instead, the most successful uses of the Internet are those where a community of interest exists before a Website is ever brought online. The Web can play its natural role as a facilitator for discussion and a vehicle for the dissemination of information" (Holdren 1995: 51). Paradoxerweise findet die effizienteste Computer-Kommunikation
deshalb oft ausgerechnet innerhalb von lokal begrenzter, durch
vielfältige kulturelle Vorverständigungen zusammengeschweisster
Diskursgemeinschaften (z.B. innerhalb kommunaler Free-Nets) statt,
wo ihre faszinierende Kapazität zur Überbrückung beliebig
weiter geographischer Distanzen überhaupt nicht zur Geltung
gelangt. Während informelle Persönlichkeitsmerkmale und nonverbale
Stimuli unzweifelhaft an Bedeutung verlieren, hängen die Chancen,
im Internet wahrgenommen zu werden, umgekehrt ausserordentlich
stark von relativ formalen Reputationskriterien ab: z.B. von der
Statusposition des Senders oder der Autoritätsposition der emittierenden
Instanz. So wächst die Aufmerksamkeit in erster Linie jenen formalen
Instanzen (Regierungen, Grossunternehmen u.a.) zu, die allen
bekannt sind, als relevant angesehen werden (und für viele auch
als vertrauenswürdig gelten). Es erscheint kaum denkbar, dass beispielsweise Popstars oder Präsidentschaftskandidaten in der Lage wären, sich innerhalb des Internets diese primäre öffentliche Reputation zu verschaffen, die zur erfolgreichen Selbstdarstellung in diesem selben Medium erforderlich ist. Denn wie sollten sie von irgend jemandem bemerkt werden, wenn ihnen jede Möglichkeit fehlt, sich ihrer Klientele unfreiwillig aufzudrängen, wie dies beispielsweise mittels aufdringlicher Strassenplakate oder TV-Spots gelingt? So mögen auch politische Parteien zukünftig das Paradox erfahren, dass sie sogar mehr Mittel als bisher in konventionelle Medienkampagnen investieren müssen, damit ihre Kandidaten jene öffentliche Sichtbarkeit und Reputation erhalten, die für eine (daran anschliessende) "Vermarktung" auf dem Internet die Voraussetzung bildet. 2.4 Institutionelle Marginalität Als Gegenstruktur zu den - immer zur Exklusion und
Geheimhaltung neigenden - oligarchischen Eliten und formalen
Institutionen - ist jede Form von "Öffentlichkeit" auf
jene informellen gesellschaftlichen Entfaltungsräume verwiesen,
die der Kontrolle politischer und wirtschaftlicher Machtzentren
unzugänglich sind und sich den Prinzipien hierarchischer
Bürokratisierung entziehen. Diese Möglichkeit wird in dem Masse bedroht, als zur
Konstituierung öffentlicher Kommunikation sehr aufwendige
technisch-organisatorische Apparate (z.B. Fernsehanstalten,
Satellitenanlagen, Farbtiefdruckmaschinen usw.) erforderlich sind,
die nur bei weitgehender Aufgabe dieser institutionellen
Marginalität verfügbar werden.[12] Die neuen Computernetzwerke scheinen geeignet, zumindest einen Teil der öffentlichen Kommunikation wieder aus solchen grosstechnischen und gross-organisatorischen Abhängigkeiten zu befreien. Ja mehr als das: sie scheinen sogar dazu prädestiniert, zu einem vorrangig von marginalen Individuen und Gruppen benutztes Kommunikationsmedium zu avancieren: etwa von denjenigen, deren Leserbriefe bisher nicht abgedruckt wurden oder deren Papers in wissenschaftlichen Zeitschriften keinen Eingang fanden. Im Lichte der gängigen (nicht nur marxistisch inspirierten)
Gesellschaftstheorien kann die Soziologie nur mit Verblüffung zur
Kenntnis nehmen, in welchem Umfang das Internet seine bisherige
Entwicklung ausserhalb der dominierenden Institutionen unserer
Gesellschaft vollzogen hat. Zwar gilt für das Internet genauso wie für alle neu auftretenden Kommunikationsmedien, dass es in den anfänglichen Phasen überwiegend von den institutionell gut integrierten Bevölkerungssegmenten in Anspruch genommen wird, die über die - immer noch relativ teure - technische Infrastruktur dazu verfügen (Bonchek 1995: 19; Pitkow/Recker 1994).[14] Angesichts der rasch voranschreitenden Verbilligung dieser technischen Apparaturen ist aber damit zu rechnen, dass derartige Beschränkungen schon bald dahinfallen: so dass ihre besondere funktionale Affinität für marginale, von etablierteren Kommunikationskanälen ausgeschlossene gesellschaftliche Gruppen immer deutlicher ans Licht treten kann. Besondere Vorteile der kollektiven Organisation ergeben sich
vor allem für Gruppen mit geographisch weit verstreuten
Mitgliedern, die ausschliesslich dank Computernetzen in der Lage
sind, sich wechselseitig kennenzulernen und ihre Meinungen und
Aktivitäten zu koordinieren. Ein bevorzugtes Ziel computerunterstützter Aktivierung bilden bezeichnenderweise weltweit operierende Grosskonzerne, deren Kunden beispielsweise aufgefordert werden, die Produkte der Unternehmung zu boykottieren oder in global koordinierten Aktionen das Augenmerk der Weltöffentlichkeit auf missliebige Tätigkeiten oder Unterlassungen der Organisation zu fokussieren. Ebenso mag es den Belegschaften solcher Konzerne besser als bisher gelingen, die Reichweite ihrer gewerkschaftlichen Organisation mit dem globalen Operationsfeld ihres Arbeitgebers zur Deckung zu bringen.[16] Der niederschwellige, an keine institutionellen Voraussetzungen
geknüpfte Zugang zu öffentlicher Kommunikation impliziert ferner, dass sich jetzt auch in sehr kleinformatigen lokalen
Räumen eine lebendig-pluralistische politische Öffentlichkeit
entwickeln kann, die bisher typischerweise von einer
Monopolzeitung dominiert wurden oder in denen "öffentliche
Kommunikation" bisher auf völlig informelle Strukturen (Stammtischrunden, Parteiversammlungen
u.a.) verwiesen war (vgl.
Geser 1996). So erscheint die Voraussage berechtigt, dass sich die politische Öffentlichkeit der Zukunft weniger einseitig als im Presse- und Fernsehzeitalter auf die nationale Ebene fokussieren wird, weil die Funktionsvorteile des neuen Mediums disproportional stark einerseits den transnationalen und andererseits den lokalen Kommunikationsebenen zuwachsen, die bisher beide durch technische Defizienzen an ihrer Entfaltung gehindert worden sind. 2.5 Fragmentierung der Öffentlichkeit durch Katalyse von Heterogenität und Dissens Die grosse Wertschätzung der Aufklärung für die Öffentlichkeit entstand aus der selbstverständlichen Annahme, dass der allerseits zugängliche, freie egalitäre Diskurs ohne weiteres Zutun in einer konvergenten "öffentlichen Meinung" resultieren würde, in der sich eine der nichtöffentlichen Kommunikation des Adels und der staatlichen Behörden überlegene allgemeine Vernunft manifestieren würde. Nur dieser Glaube an die selbsttätige Konvergenzwirkung öffentlicher Kommunikation erlaubte es, die 'öffentliche Meinung' als eine (!) zentrale politische Kraft zu hypostasieren, der sich selbst die Herrscher zu beugen hätten. Nur auf dieser Grundlage ist die Position John Lockes verständlich, der in der öffentlichen Meinung neben Gott und Staat die dritte Rechtsquelle sah; oder die Position Neckers, der die öffentliche Meinung zum obersten Kriterium des politischen Handelns erhob. Im physiokratischen Verständnis widerspiegelte sich in diesem
Konsens die Geltung überzeitlicher objektiver Gesetzmässigkeiten
(der Natur und Gesellschaft), die der Willkür monarchischer
Dekretierungen Grenzen setzen: Im Gefolge der Physiokraten waren sich die meisten grossen Geister des 18. Jahrhunderts (Rousseau, Kant, Locke u.a.) einig in ihrem Bestreben, der von oben aufoktroyierten Aufklärung durch fortschrittliche absolutistische Monarchen eine von unten sich spontan erzeugende "Selbstaufklärung der Öffentlichkeit" gegenüberzustellen. Ähnlich wie der Markt in der Wirtschaft ohne intentionales Zutun der Teilnehmer eine effiziente und harmonische Tauschordnung erzeugt, sorgt auch im öffentlichen Diskurs eine 'invisible hand' dafür, dass aus dem Diskurs selbst wenig aufgeklärter Einzelbürger eine sie allesamt übersteigende universelle Vernünftigkeit emergiert, die auf das Rationalitätsniveau der Teilnehmer wiederum positiv zurückwirken kann: Dieser Konsensoptimismus hing evidenterweise eng damit
zusammen, dass als Teilnehmer am öffentlichen Diskurs damals nur
eine relativ homogene Schicht besitzender und gebildeter Bürger
männlichen Geschlechts in Frage kamen, die in der gemeinsamen
Frontstellung gegenüber den Reglementierungen des
absolutistischen Staates überdies sehr leicht zu konsensualen
Auffassungen gelangen konnten. Als Alexis de Tocqueville und John Stuart Mill über das "Joch der öffentlichen Meinung" klagten, haben sie zwar den Glauben an die immanente Vernünftigkeit öffentlicher Kommunikation abgelegt, ohne deswegen aber an der monolithisch-konsensualen Natur des sich darin konstituierenden "consensus majoritatis" zu zweifeln. Spätestens seit dem Aufkommen der Arbeiterbewegung nach der Mitte des 19. Jahrhunderts wird aber evident, dass in einer klassenmässig zerklüfteten Gesellschaft mit einer isomorph fragmentierten "öffentlichen Meinung" gerechnet werden muss, ja dass öffentliche Kommunikation die Konsequenz haben kann, strukturell angelegte Interessensgegensätze in gefährlicher Weise zu amplifizieren. Konsenschancen gibt es von jetzt an höchstens noch innerhalb bestimmter sozialer oder kultureller "Milieus" (z.B. im Katholizismus oder in der Sozialdemokratie); aber auch hier nur deshalb, weil oligarchische Eliten und bürokratische Organisationsstrukturen andauernd für die autoritative Herstellung konsensualer (oder besser: "konsenspflichtiger") Meinungspositionen (auf der Basis ideologisierter Weltanschauungen) sorgen. Je komplexer die Gesellschaft, desto eher kann eine
einigermassen einheitliche (und damit: im politischen System
relevante) öffentliche Meinung nur noch durch disziplinierte, von
professionellen journalistischen Eliten gelenkte Massenmedien
erzeugt und aufrechterhalten werden. Trotz der restriktiven Öffentlichkeit zentralistisch
kontrollierter Massenmedien hat sich in den letzten Jahrzehnten
eine ausserordentlich "multikulturelle" Öffentlichkeit
ausgebildet, in der Feministinnen, Homosexuelle, Obdachlose,
Migrantengruppen, religiöse Fundamentalisten usw. ihre eigenen
manchmal voneinander astronomisch weit entfernten Diskurse führen
(vgl. z.B. Fraser 1992: 118ff.). Das Internet beschleunigt diese funktionale Differenzierung der Öffentlichkeit in eine unbegrenzte Zahl teilweise äusserst kleiner Teilöffentlichkeiten, indem jedermann in die Lage versetzt wird, selber Themen einzubringen und in jedem Spezialdiskurs seine eigenen Akzente zu setzen. Die Konsenschancen sind in der neuen elektronischen
Weltöffentlichkeit schon deshalb gering, weil es sich um eine
globale Öffentlichkeit handelt, deren Exponenten nicht mehr wie
in der klassischen nationalen Öffentlichkeit in der gemeinsamen
Frontstellung gegen ein bestimmtes politisches Regime eine Basis
leicht erreichbarer Übereinstimmungen finden. In der masslosen Kakophonie der Stimmen dürfte unüberbietbar deutlich werden, dass keinem Segment der Bevölkerung die Berechtigung zukommt, sich - nach dem Modell des klassischen Bürgertums - als das massgebliche Publikum darzustellen, das eine für alle gleichermassen verbindliche "öffentliche Meinung" konstituiert. Falls es trotzdem zur Herausbildung einer "dominanten öffentlichen Meinung" kommt, wird sich diese immer gegen eine Vielfalt dissidenter "subaltern Counterpublics" (Fraser 1992: 123) behaupten müssen, die innerhalb der "Netzöffentlichkeit" mit genau demselben Grad an Explizitheit und Visibilität operieren. Nach allen verfügbaren Forschungsbefunden ist
computergestützte Kommunikation überdies auch aus immanenten
technischen Gründen sehr viel besser dazu geeignet,
Heterogenität statt Homogenität zu produzieren. Die Gründe dafür sind vielfältiger Natur und lassen sich leicht aus den obengenannten Befunden deduzieren: 1) Überzeugungsarbeit ist schwierig, weil die Teilnehmer nicht in der Lage sind, ihr persönliches Charisma oder andere Führungseigenschaften ins Spiel zu bringen (Kiesler/Siegel/McGuire 1988: 660); 2) Weil informelle Sozialkontrollen und Einflüsse fehlen, haben die Teilnehmer keine Hemmungen, völlig offen ihren eigenen Standpunkt zu artikulieren oder sich sogar in radikalisierter Weise zu polarisieren (Hiltz/Turoff 1993: 95ff; Sproull/Kiesler 1993); 3) Der niederschwellige Zugang verlockt manche Individuen zur Teilnahme, die beispielsweise zu wenig motiviert oder befähigt wären, an Versammlungen das Wort zu ergreifen oder brieflich Stellung zu beziehen. Vor allem aber hat die radikale Trennung zwischen Sender und
Botschaft zur Folge, dass - insbesondere im Vergleich zu
Gruppenversammlungen - weniger konsensbildende Mechanismen wirksam
werden. Indem es schliesslich die Eigenselektivität der Nutzer nicht
nur ermöglicht, sondern geradezu erzwingt , erweist
sich das Internet als ein Medium, das die Differenzierung zwischen
den Individuen fördert und dadurch interindividuelle
Kommunikation und Kollektivierung erschwert. Mehr als bisher werden sich deshalb nur noch Kollektive mit geringen internen Konsensbedarf als überlebensfähig erweisen: z.B. jene, die ihren Minderheiten klar definierte Autonomieräume zugestehen und/oder ihre Konsensanforderungen auf hoch generalisierte (beispielsweise eher prozedural als inhaltlich definierte) Normen und Verhaltenserwartungen beschränken. Die bisherige, durch Presse und elektronische Massenmedien
konstituierte Öffentlichkeit war insofern ein Mechanismus
gesellschaftlicher Homogenisierung und Integration, als sie dem
Zentrifugalismus der arbeitsteiligen Berufswelt und der
gruppenspezifischen Subkulturen Fokalpunkte kollektiver
Aufmerksamkeit und gemeinsamen Erlebens gegenübergestellt hat,
die - als funktionales Äquivalent für frühere "gemeinsame
Traditionen" - unserer komplexen Gesellschaft einen -
wenigstens ephemeren - Aspekt "mechanischer
Solidarität" verliehen haben. Damit schafft die Internet-Nutzung selber jene Voraussetzungen dafür, dass sich die Nutzer schliesslich vielleicht nur noch innerhalb jener spezifischen virtuellen "Newsgroups" bewegen, wo sie ex ante auf gemeinsame Kenntnisse und Themeninteressen zählen können - weil es immer unwahrscheinlicher wird, dass man mit irgendwelchen anderen (z.B. physisch gerade anwesenden) Menschen gemeinsame Anknüpfungspunkte findet. So mag sich die virtuelle Öffentlichkeit autokatalytisch in eine ständig wachsende Zahl von unbedeutenden "weak publics" (im Sinne von Nancy Fraser 1992) fragmentieren, denen in ihrem begrenzten Kreise allerdings ein Beitrag zur kollektiven Meinungsbildung gelingt, ohne dass sie auch die Chance hätten, aktiv auf politische Entscheidungsprozesse einzuwirken.[19] Als Folge davon ergäbe sich paradoxerweise dann wieder ein höherer Bedarf nach kompensativen Mechanismen der Vereinheitlichung durch Selektion und Aggregation. Konkreter gesagt: die konventionellen Massenmedien müssen jene Einheit der "öffentlichen Meinung" durch andauernde Anstrengung wieder herstellen, die unter der erodierenden Wirkung dezentral-zentrifugaler Netzkommunikation immer von neuem wieder zerbricht. 2.6 Strukturelle "Permeabilität" als integratives Korrektiv zur semantischen Fragmentierung Ist die neue elektronische Öffentlichkeit einerseits auf der Ebene ihrer semantischen Inhalte unübertrefflich heterogen und dissensual, so werden diese zentrifugalen Kräfte andererseits zum Teil umso ausgeprägtere Integrationskapazitäten auf struktureller Ebene wettgemacht, die sich aus der - technisch bedingten - Permeabilität und partiellen Interpenetration der ausdifferenzierten Teilöffentlichkeiten ergeben. Das bisherige System politischer Öffentlichkeit war aus immanent-technischen Gründen sowohl in vertikaler wie in horizontaler Hinsicht sehr stark fragmentiert: 1) Vertikal: Die vertikalen Koppelungen zwischen den verschiedenen Kommunikationsebene blieb dadurch eine Aufgabe, deren Lösung andauernde Anstrengungen (z.B. journalistischer Art) notwendig machte und nur allzu häufig der unnormiert-zufälligen Eigenaktivität einzelner Individuen überlassen wurde - wenn ihr nicht gar strikte Verbotsnormen (z.B. Telephongespräche mitzuschneiden) entgegenstanden. Anders formuliert: die strukturelle Ausdifferenzierung einer subinstitutionellen (bzw. antiinstitutionellen) Öffentlichkeit ging bisher Hand in Hand mit ihrer zunehmenden strukturellen Segregation gegenüber der Sphäre formaler Institutionen, wenn nicht anspruchsvolle Intermediärorgane ausgebildet wurden, um diese zunehmende Kluft zumindest partiell (oder zeitweise) zu überbrücken.[20] 2) Horizontal: Im Gegensatz dazu konstituiert sich in den Computernetzen eine Öffentlichkeit, die zwar sowohl in vertikaler wie horizontaler Hinsicht noch ungleich differenzierter sein kann, dennoch aber zumindest die potentiell eine einzige umfassende Gesamtöffentlichkeit bildet, in der alle Teilöffentlichkeiten permanent miteinander verwoben sind oder einander wenigsten partiell interpenetrieren. Sie besitzen nämlich den unschätzbaren Vorzug, dass die im
informellen Raum konstituierten spontanen Äusserungen mit
minimalstem Aufwand in formell- institutionelle Kommunikationen
transportiert werden können, ohne dass sie in ein neues Medium
transkodiert werden müssen So ist es mit wenigen Mausclicken möglich, einen bilateral oder in einer virtuellen Diskussionsgruppe erarbeiteten Text als Petition an den Staatspräsidenten zu versenden oder als formelles Papier in die nationale Parteizentrale zu schicken. Dieselbe vertikale Durchlässigkeit macht es umgekehrt möglich, in lokale Newsgroups Dokumente und Stellungnahmen überlokaler Behörden und Organisationen hineinzutragen, um auf örtlicher Ebene beispielsweise eine Diskussion über die kommunalpolitische Programmatik nationaler Parteien anzuregen oder um die lokalen Fürsorgeprobleme im Lichte nationaler Sozialpolitik zu thematisieren. Damit fällt insbesondere die Schranke zwischen "informeller" und "formeller" Kommunikation weitgehend dahin, die für die bisherige Öffentlichkeit derart kennzeichnend war. So stellt man bei der Konsultation von Usenet-Diskussionen
häufig fest, dass mitten im informellsten und subjektivsten
Kommunikationsaustausch plötzlich ein komplexes formelles
Dokument oder eine höchst ausgefeilte, in zahlreiche
Argumentationspunkte gegliederte Stellungnahme eingeschoben wird,
um die sich dann - manchmal - ein durchaus differenzierter
Informations- und Meinungsaustausch kristallisiert. Demgegenüber ist es in face-to-face Gruppen kaum möglich, die
Teilnehmer zur Kenntnisnahme komplexer schriftlicher Dokumente zu
veranlassen - und noch viel weniger, sie ad hoc zur
Ausformulierung ähnlich komplexer Stellungnahmen zu
motivieren. Neben dieser vertikalen Permeabilität gibt es auch eine horizontale Durchlässigkeit in dem Sinne, dass die im Rahmen eines bestimmten Kreises erfolgten Kommunikationen und Publikationen sehr leicht in grössere Gruppen eingespiesen oder anderen, ebenso isolierten Diskussionszirkeln zugänglich gemacht werden können. In hohem Masse vollziehen sich derartige Koppelungen über die sog. "Links", die als Elemente sozialer Strukturbildung im Cyberspace fungieren. Derartige "Verweisungszusammenhänge" bilden Pfade, denen entlang Nutzer nach eigenem Wunsch zu weiteren Informationen vordringen können: d.h. ihre Funktion besteht darin, bestimmte Strategien individueller Informationsaneignung vorzuschlagen und nahezulegen, ohne sie allerdings im mindesten zu determinieren.[21] Weil die Nutzer um diese Permeabilität wissen, sind viele
Netzkommunikationen durch eine Ambiguität gekennzeichnet, die in
Mehrdeutigkeiten ihrer Adressierung ihre Ursache hat. Die meisten Homepages der Städte und Gemeinden beispielsweise
haben die doppelte Funktion, einerseits ihrer eigenen Bevölkerung
nützliche Informationen anzubieten, andererseits aber auch sich
selber in der Welt in attraktiver Weise darzustellen (z.B. um sich
als Ziel für Touristen, als Wohngemeinde für gutbetuchte Bürger
oder als Standort für neue Industrie- und Dienstleistungsbetriebe
beliebt zu machen). Analoge Formen "obliquer" Kommunikation beherrschen
das Usenet, wo die meisten Respondenten sich explizit und
spezifisch an den Autor einer bestimmten vorangehenden Botschaft
wenden, dabei aber immer im Auge haben (müssen), dass ihre
Botschaft nicht nur von ihm, sondern auch von unbestimmt vielen
anderen gelesen werden wird. Konkret bedeutet dies beispielsweise,
dass von partikulären Erörterungen immer wieder auf eine Ebene
universellerer Verständigung zurückfinden, an der möglichst
viele andere (inkl. jene, die die primäre Message, auf die sich
die Antwort bezieht, nicht kennen), teilhaben können. So mögen sich die Computernetze relativ "risikolos"
in beliebigem Ausmass in kleinste und äusserst selbstbezogene
"Diskursinseln" fragmentieren: weil ungeachtet des
Grades an Differenziertheit immer die Potentialität erhalten
bleibt, alles in ihm Gespeicherte anderen Adressatengruppen oder
Kommunikationsebenen zugänglich zu machen. 2.7 Eine Öffentlichkeit mit Gedächtnis Die bisherigen Kommunikationsmedien haben der Öffentlichkeit
den Charakter eines äusserst gegenwartsbezogenen und
gedächtnislosen Sozialsystems verliehen. Durch diesen - durchaus technisch bedingten - Gegenwartsbezug setzt sich die konventionelle Öffentlichkeit in ein extremes Kontrastverhältnis 1) zur Welt bürokratischer Institutionen , wo
Vergangenes in Form schriftlicher Akten zeitunabhängig greifbar
bleibt; Gegenüber beiden Welten profiliert sie sich einerseits durch einzigartige Fähigkeiten zum Themenwechsel und zur dynamischen Innovativität, andererseits aber durch ihre Unfähigkeit, über die Zeit hinweg konsistent zu sein und durch selektive Aneignung von vergangenen Ereignissen und Erfahrungen irgendeine Evolution zu "reiferen" Stadien (bzw. differenzierten Systemzuständen) zu vollziehen. Eine auf Computerkommunikation gestützte Öffentlichkeit wird wohl ebenfalls Merkmale höchster Dynamik und Innovativität aufweisen, sie aber zusätzlich mit der Fähigkeit ausstatten, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu erinnern und die akkumulierten Informationsbestände für die Erzeugung von zeitlicher Konsistenz und die Inganghaltung einer eigenen Systemevolution zu nutzen. Dies deshalb, weil alle in Diskursen erfolgten Äusserungen im Prinzip ungeachtet ihres Zeitpunktes auf derselben medialen Ebene präzis und ohne besonderen Aufwand beliebig lange zugänglich bleiben: so dass Altes von Neuem bloss überlagert wird, ohne von ihm in den Hintergrund gedrängt oder gar endgültig eliminiert zu werden. Genau dies führt allerdings dazu, dass sich das System uferlos immer weiter ausdifferenziert, weil Neues immer bloss zum Alten hinzugefügt wird und mit ihm dauerhaft koexistiert. Als Folge davon ist es schwierig, sich eine zu höheren Niveaus
der kommunikativen Rationalität führende
"Makroevolution" des Gesamtsystems vorzustellen. Indem sie ihren Nutzern Informationsbestände aus
verschiedensten Zeiträumen in genau derselben Weise verfügbar
machen (ohne dass Exkursionen in schwer zugängliche Archive
nötig sind), können Computernetze der politischen
Öffentlichkeit eine bisher unbekannte zeitliche Tiefendimension
verleihen und dadurch eine traditionsbildend konservierende
Wirkung entfalten. Dadurch bekommen alle Internet-Nutzer die Möglichkeit, das aktuelle Verhalten des Präsidenten mit seinen vergangenen Absichtserklärungen und Verhaltensweisen in Beziehung zu setzen, auf Konsistenz, Wandel, Abweichung usw. hin zu überprüfen. Die offensichtliche Absicht derartiger "monitoring
systems" besteht darin, amtierende Politiker zu einer
erhöhten "Selbsttreue" und zeitlichen Konsistenz ihrer
Ansichten und Verhaltensweisen zu verpflichten bzw. sie im Falle
von Abweichungen unter einen schärferen Begründungszwang zu
setzen. Einige Konsequenzen und Folgeprobleme für den Prozess politischer Demokratie 3.1 Erleichterte Möglichkeiten kollektiver Mobilisierung und extensiver HandlungskoordinationenBisherige politische Kampagnen waren relativ stark an die
Mitwirkung eines umfangreichen Hilfspersonals gebunden.
Beispielsweise war es erforderlich, zu Fuss Flugblätter
auszutragen, umständliche Adresslisten nachzuführen oder auf
manuelle Weise Briefumschläge zu beschriften, abzufüllen und
zuzukleben. Bei elektronischen Kampagnen fallen die meisten dieser
administrativen Tätigkeiten weg, so dass es auch kleinen Gruppen,
ja sogar einzelnen Personen möglich wird, nicht nur als
verantwortliche Träger, sondern auch als effektiv Ausführende
einer politischen Kampagne zu fungieren. Als illustrativer Vorgriff auf künftige Entwicklungen mag das vom politisch unprofilierten Richard Hartmann initiierte virtuelle "Political Action Committee" gewertet werden, mit dessen Hilfe es 1994 überraschenderweise gelang, die Wiederwahl des House Speakers Tom Foley ins Repräsentantenhaus zu verhindern (Henderson 1995). Hartman's Unternehmen beweist, dass gewöhnliche Bürger ohne
bedeutsame Beziehungen, ohne politische Erfahrungen und ohne viel
materielle Mittel in der Lage sind, ohne Gebrauch konventioneller
Massenmedien auf Wahlkampagnen wirksamen Einfluss zu nehmen
(Henderson 1995). So haben beispielsweise die amerikanischen "Home schoolers" (=Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten) die Kongressabgeordneten im Februar 1995 ein paar Tage lange mit elektronischen Botschaften überschwemmt, um die Einführung einer staatlichen Lizenzierungspflicht für Hauslehrer zu verhindern (Henderson 1995). Autoritären politischen Regimes in der dritten Welt erwächst
heute eine neue Gefahr dadurch, dass exilierte Regimegegner
ungeachtet ihre geographischen Dispersion in der Lage sind, sich
zu vernetzen und durch koordinierte Kollektivaktionen von aussen
her Druck auf ihr Land auszuüben. Infolge der äusserst repressiven politischen Bedingungen
innerhalb des Landes hat sich die öffentliche politische
Diskussion über Burma generell weitgehend ins globale Internet
verlagert. Als Informationsquelle von höchster Bedeutung hat sich
dabei die "Newsgroup"
profiliert, innerhalb der täglich eine umfangreiche, von
Exilburmesen in aller Welt mitgestaltete Zeitung ("BurmaNet
News") erscheint. Ein Schwerpunkt der Computerkommunikation liegt in der Vermittlung äusserst spezifischer technischer und taktischer Informationen, wie sie zur Konkretisierung politischer Aktionen notwendig sind, bisher aber oft nur mühevoll zu beschaffen waren. So lassen sich beispielsweise aus den Websites der Regierung und des Parlaments die Adressen verschiedener Persönlichkeiten, Behörden und Anstalten entnehmen, an die Botschaften bestimmter Art adressiert werden können. Ebenso können politische Aktionsgruppen weltweit publik
machen, So unauffällig, ja trivial derartige kognitive Hilfestellungen sind, so mögen sie sich doch zu einer erheblichen Gesamtwirkung kumulieren, indem sie vielen Bürgern, die dem formellen Behördenapparat bisher hilflos gegenübergestanden haben, Anweisungen zur erfolgssicheren Wahrnehmung ihrer Rechte vermitteln. Faszinierend ist vor allem die enge vertikale Koppelung zwischen lokalen und globalen Ebenen politischer Öffentlichkeit, die sich aus der raumunabhängigen Diffundierbarkeit taktisch-lebenspraktischer Informationen und Verhaltensanweisungen ergibt. Die bisherige Devise "Global denken, - Lokal
handeln" entsprach einem Zustand sehr lockerer vertikaler
Koordination, wo weltweite Kommunikationsprozesse - und
insbesondere auch internationale Zusammenkünfte wie z.B.
UNO-Konferenzen - bloss der Erarbeitung von Wertorientierungen und
allgemeinen Zielsetzungen dienten, während die ganze
Konkretisierungsarbeit und operative Umsetzung den regionalen und
lokalen Aktionsgruppen überlassen blieb (vgl. z.B. Dimitrijevic
1989). In den bekannten Termini von Jürgen Habermas liesse sich behaupten, dass die Trennlinien zwischen informeller "Lebenswelt" und formellem "System" durch Computerkommunikation durchlässiger und manipulierbarer gestaltet werden, indem zumindest die auf kognitiven Defizienzen beruhenden Aspekte von Herrschaft und Entfremdung abgemildert werden. Umso dringender stellt sich die Frage nach jenen Machtverhältnissen, die ungeachtet dieser informationellen Komponenten weiterbestehen. Konkreter gesprochen: habe ich überhaupt eine Chance, dass meine frist- und formgerecht eingereichte Beschwerde auch gebührende Beachtung oder der an die richtige Stelle adressierte Antrag eine zügige Behandlung findet? Mit wachsender Verbreitung formaler Handlungskompetenzen könnte die Flut politisch-administrativer Bürgeraktivitäten leicht einen Umfang erreichen, der von den zuständigen Verwaltungsstellen und Gerichten nicht mehr bewältigt werden kann: mit der Folge, dass diese zu deren Erledigung routinisiertere Verfahrensweisen verwenden oder sich durch Abbau formeller Rechtsmittel und Rekursmöglichkeiten vor Überlastung schützen. 3.2 Erweiterte Möglichkeiten plebiszitärer Demokratie Idealiter fordert das Konzept direkter Demokratie, alle Mitglieder eines organisierten Gemeinwesens gleichberechtigt an allen Aspekten kollektiver Entscheidungsfindung teilnehmen zu lassen. Die Realisierbarkeit dieser Forderung blieb bisher aus technisch-organisatorischen Gründen in vierfacher Hinsicht beschränkt. 1) Aus Kosten- und Zeitgründen war es notwendig, die Zahl von Abstimmungen auf wenige "wesentliche" Fragen zu beschränken. 2) Die Kapazitäten zentraler Informationsverarbeitung waren derart gering, dass den teilnehmenden Bürgern nur Artikulationen mit äusserst begrenztem Informationsgehalt (typischerweise: Ja-Nein-Alternativen, also 1 bit) zugestanden werden konnten. 3) Die Chancen der horizontalen Kommunikation und Koordination unter den Bürgern waren der massen begrenzt, dass meist sowohl die Selektion und Formulierung der Entscheidungsvorlagen ("agenda-setting") wie auch die der Abstimmung vorangehenden Kommunikationsprozesse sehr stark in den Händen der Machtzentren verblieben sind. Die Computernetze tragen in sich die Potentialität, all diese Schranken zumindest partiell zu überwinden. So wird der Vorgang des Abstimmens zu einer höchst unaufwendigen Aktivität, die von den Teilnehmern ohne Formalität im Wohnzimmer oder am Arbeitsplatz vollzogen werden kann und keine mit Auszählen und Weitermelden beschäftigten Abstimmungsbüros nötig macht. Ebenso unaufwendig ist es umgekehrt für die Behörden, den Bürger kurzfristig vielerlei Fragen vorzulegen und ihnen das erforderliche Informationsmaterial zuzustellen. Des weiteren ist es nun auch ohne weiteres möglich, den
Abstimmenden viel weitergehende Artikulationsmöglichkeiten als
schiere Ja-Nein-Alternativen an die Hand zu geben: z.B. von ihnen
die Rangierung mehrerer Optionen zu verlangen oder gar die
Selektion einer bestimmten Quantität (z.B. um wie viel Prozent
soll der Steuerfuss steigen? Wie viel Prozent Ausländer sollen in
der Schweiz höchstens leben?). Schliesslich ist zu beachten, dass es im Unterschied zu bisherigen, auf konventionelleren Technologien basierenden Konzepten der "Teledemokratie"[25] jetzt möglich wird, auch die der Entscheidung vorangehenden Diskussionen und Beratungen im selben Medium wie die Entscheidungsakte selber stattfinden zu lassen: in einem Medium, das allseitige und egalitäre Chancen sowohl vertikaler wie horizontaler Kommunikation offen hält, wie sie selbst an öffentlichen Versammlungen niemals derart weitgehend realisierbar sind. Selbst wenn an einem "virtual town hall meeting" nicht mehr Teilnehmer als an einer lokalen Dorfversammlung partizipieren, ist es zumindest in der Hinsicht demokratischer, als keiner, der sich meldet, die anderen dadurch an ihrer Meinungskundgabe hindert. Natürlich öffnet sich durch die Möglichkeit, über alles und
jedes täglich beraten, und kollektive Entscheidungen treffen zu
können, der Weg zu bedenklichen Formen totalitärer Demokratie,
in der Alexis de Tocqueville's Befürchtungen über eine
unumschränkte (und inappelable) Diktatur der majoritären
öffentlichen Meinung auf bestürzende Weise Wirklichkeit
werden. Ein attraktives Illustrationsbeispiel für die zweite Alternative bietet sich in dem vom Niederländer Marcel Bullinga entwickelten Konzept der selbstgewählten Stimmendelegation, das den Stimmbürgern die Option an die Hand gibt, jederzeit selber über einen direkt-demokratischen oder einen repräsentativ-demokratischen Partizipationsmodus zu entscheiden. So sind die Abstimmenden in jeder anstehenden Sachvorlage frei, die ihnen zur Verfügung stehende Stimme entweder selber abzugeben oder irgendeiner von ihnen für kompetent angesehenen Vereinigung anzuvertrauen: z.B. bei Umweltanliegen einem Umweltverband, bei ethischen Fragen ihrer Kirche, bei arbeitsrechtlichen Fragen einer Gewerkschaft usw. Anstatt dass also das nationale Parlament als monopolistische Vertretungsinstanz aller Bürger in allen Fragen fungiert, gibt es jetzt einen "freien Markt um politische Repräsentation", an dem sich verschiedenste Institutionen, Verbände, Assoziationen, Ad-hoc Gruppierungen, charismatische Führerpersönlichkeiten usw. mitbeteiligen können. Dieses Modell beweist, dass Teledemokratie nicht zwingend zu einer Verlagerung auf direkte, plebiszitäre Demokratie führen muss. Genau im Gegenteil kann die zunehmende Fülle von Abstimmungsvorlagen dazu führen, dass sich die meisten Bürger bei den meisten Gelegenheiten als 'überfordert' erklären, sehr wohl aber immer noch von der Chance Gebrauch machen, über die Bezeichnung einer ihr Vertrauen geniessenden Vertretungsbehörde indirekt auf die politischen Prozesse einzuwirken: "Decision-maker/Teledemocracy" uses a general trusted third party model, in which citizens can choose any organization they like to hand over their vote to. In this respect, the model broadens the concept of representative democracy - without throwing away though the benefits of parliamentary democracy" (Bullinga 1996). 3.3 Engere vertikale Verknüpfung zwischen Regierenden und Regierten In politischen Systemen ohne direkte Volksmitsprache bemisst sich der Grad an politischer Demokratie vor allem daran, wie viele Bürger wie weitgehend in der Lage sind, die Entscheidungstätigkeit der regierenden Instanzen wahrzunehmen und zu beurteilen und auf sie zumindest informell Einfluss zu nehmen. Aus zahlreichen historischen Illustrationsfällen wird deutlich, dass politische Autoritätsstrukturen in kritischer Weise von einer Begrenzung ihrer öffentlichen Sichtbarkeit abhängig sind. Beispielsweise hat das Britische Parlament bis tief ins 18. Jahrhundert eisern auf der absoluten Geheimhaltung seiner Verhandlungen insistiert, um seine Autonome gegenüber unkontrollierbarer plebiszitärer Kritik und Einflussnahme zu bewahren (Habermas 1990: 126); und der Entschluss Neckers, die Bilanz des Staatshaushalts zum erstenmal öffentlich bekannt zu machen, wurde allgemein als ein dramatischer Bruch mit konstitutiven Prinzipien absolutistischer Herrschaft empfunden (Habermas 1990: 136).[26] Die formell unbestrittene Forderung, dass parlamentarische Vorgänge im hellen Licht der Öffentlichkeit stattfinden müssen, hatte bisher nur einen geringen materialen Gehalt, weil es für den einzelnen Bürger überaus mühsam und kostspielig war, sich beispielsweise die Texte der in der Legislative anstehenden Gesetzesvorlagen zu beschaffen oder sich über das Abstimmungsverhalten "seiner" Parlamentsvertreter auf dem Laufenden zu halten. De facto blieb es bisher vorwiegend den spezialisierten Funktionären grosser Verbände und Institutionen (sowie anderen Lobbyisten) vorbehalten, sich derartige Kenntnisse zu erwerben und sie für Einflusschancen auf den Gesetzgebungsprozess zu nutzen. Das Internet bietet nun erstmals die Möglichkeit, Gesetzesvorlagen, Beratungsprozesse und individuelle Verhaltensweisen der Legislatoren in vollem Umfang allen Interessierten ohne Aufwand zugänglich zu machen und dadurch die kognitiven Voraussetzungen herzustellen, die für eine rationale Ausübung der politischen Rechte (z.B. für Wahlentscheidungen oder die Teilnahme an Petitionen und Protestbewegungen) unerlässlich sind. Ein erster Durchbruch in dieser Richtung wurde im Staat Kalifornien vollzogen, der vom Gesetz her seit 1993 verpflichtet ist, alle legislativen Vorlagen im Internet zu diffundieren[27]. Auf Anregung des Kongresssprechers Newt Gingrich wurde 1995 auf nationaler Ebene eine analoge Diensteinrichtung ("Thomas") initiiert: "Any individuals can now reach the Library of
Congress's Thomas program on the Internet and download the
legislative language of any bill before Congress within seconds of
its being filed. Daneben haben sich vielfältige privat initiierte Dienstleistungen (z.B. "vote-smart") ausgebildet, die den Zweck haben, die Bürger über die persönlichen Merkmale, Aktivitäten und politischen Entscheidungstätigkeiten der Parlamentarier zu informieren. Als eine der umfangreichsten privaten Bürgerinitiativen
verfolgt "vote-smart" das Ziel, das Verhalten der
Parlamentsabgeordneten einer verstärkten Kontrolle durch die
Bevölkerung zu unterziehen. Dies kann vor allem bedeuten, dass einmal gewählte Parlamentarier zunehmend um ihre Wiederwahl fürchten müssen, weil sie nun andauernd im Rampenlicht stehen und bei ihrer Wiederkandidatur unweigerlich eine lückenlose Durchleuchtung ihrer bisherigen "performance" erfahren. Wahlversprechungen jeder Art gewinnen zusätzliche Verbindlichkeit, weil sie im Netz andauernd zugreifbar bleiben und die Grundlage für Beurteilungen der "Konsistenz" und "Selbsttreue" bilden. Derartige Unternehmungen gefährden natürlich das klassische Rollenmodell des Repräsentanten als "unabhängigen Treuhänder des Gemeinwohls", der nach seinem Gewissen ständig neu und in völliger Souveränität über seine politischen Stellungnahmen entscheidet. An seine Stelle tritt das Modell des Repräsentanten spezifischer Interessen, der bereits bei seiner Wahlkampagne als Exponent bestimmter Werte und Ziele verbindlich zu erkennen gegeben hat und von seiner "Klientele" beauftragt ist, genau diese Zielsetzungen mit aller Konsequenz zu realisieren (z.B. Haltung zur Abtreibung, zur Budgetreduktion, zur wirtschaftlichen Deregulierung etc.). Diese Problematik wird insbesondere auch im "Vote
Tally" - Projekt der National Taxpayers Union deutlich,
das jedem Abonnenten von Compuserve, das Verhalten aller
Kongressabgeordneten unter dem Gesichtspunkt zu beurteilen,
inwiefern sie sich für die Begrenzung oder Reduktion der
Staatsausgaben eingesetzt oder umgekehrt zur Expansion des
Staatsbudgets) beigetragen haben. Derartige Informationsangebote tragen also dazu bei, dass
Abgeordnete intensiver und zuverlässiger aufgrund ganz
spezifischer Gesichtspunkte ihres Entscheidungshandelns beurteilt
werden. Die Vermutung liegt nahe, dass amtierende Repräsentanten
sich diese Gesichtspunkte allzu leicht zu eigen machen und ihr
Verhalten darauf ausrichten, in derartigen Internet-Tests
"erfolgreich" zu bestehen. Ähnlich wie Manager, die an der Aktionärsversammlung nach den Vierteljahresergebnissen der Erfolgsrechnung beurteilt werden, können so auch Abgeordnete versucht sein, z.B. durch Befolgung einer rigiden Sparmentalität eine günstige "Internet-Reputation" zu erwerben (bzw. dem Stigma zu entgehen, zur Expansion des öffentlichen Budgets beizutragen, vgl. Henderson 1995). Besonders eindrucksvoll ist auch das von der NPTN ("National Public Telecomputing network") und anderen Non-Profit-Organisationen getragene Projekt HERMES, das dafür sorgt, dass Texte von Gerichtsurteilen des Supreme Court innerhalb von 15 bis 20 Minuten nach ihrer Freigebung durch das Gericht weltweit für alle Internet-Nutzer zugänglich werden. Gerade hier erhebt sich aber besonders drängend die Frage,
inwiefern eine ungehinderte und unverzügliche Zugänglichkeit
solcher Texte mit dem traditionellen Gebot der Unabhängigkeit der
Judikative vereinbar ist. Schliesslich fällt auf, dass politische Amtsinhaber und aspirierende Kandidaten das Internet in rasch zunehmendem Masse als Medium für ihre Selbstdarstellung benutzen. Seitdem sich Edward Kennedy (erfolgreich) und der New Yorker Bürgermeister Mario Cuomo (weniger erfolgreich) 1992 als Internet-Pioniere profiliert und mit ihren vorbildlichen Selbstpräsentationen Massstäbe gesetzt haben, scheint die persönliche Webpage für die meisten amerikanischen Politiker bereits im 96er-Wahlkampf zum unerlässlichen Standard zu werden (Carl 1995).[28] Der unbestreitbare Vorteil liegt darin, dass zum bescheidenen Preis von ca. 30'000 Dollars (etwa der Summe eines 30-Sekunden-Commercials im regionalen Fernsehen) beliebig viel Information und Propaganda emittiert werden kann und es gleichzeitig möglich ist, einen Kanal für Rückmeldungen und eine Arena für offene Bürger-Diskussion zu eröffnen (Holdren 1995: 50f.).[29] Nur über Computernetze sind also auch finanziell wenig bemittelte Kandidaten in der Lage, sich in beliebiger Ausführlichkeit ihren Wählern landesweit darzustellen. Dadurch erhöht sich die Chance, dass auch Angehörige niedriger sozialer Schichten wieder vermehrt zu Kandidaturen auf staatlicher und nationaler Ebene Zugang gewinnen, ohne sich von zahlungskräftigen Sponsoren abhängig zu machen (Holdren 1995). Ebenso verringert sich ihre Abhängigkeit von materiellen Ressourcen und organisatorischen Unterstützungsleistungen der Partei; sie werden in die Lage versetzt, sich primär als Einzelpersonen darzustellen und dadurch eine parteiunabhängige Popularitätsbasis zu gewinnen.[30] Hinzu kommt wahrscheinlich, dass "Netzkandidaten" - eine insgesamt grössere Mengen von Wählerpost erhalten
werden: darunter auch von Personen, die nie per Brief oder Fax an
sie gelangt wären; Im Vergleich zur rein presse- und fernsehzentrierten Wahlpropaganda der Vergangenheit werden die Chancen öffentlicher Einflussnahme auf eine schwer voraussehbare Weise neu verteilt: weil jene Kandidaten besonders prämiert werden, die im Umgang mit ihrer Wählerschaft viel Kreativität und Lernfähigkeit entwickeln und zumindest den Anschein erwecken, "persönlich" und "verständnisvoll" auf jede zugesandte E-mail zu reagieren. 3.4 Erosion intermediärer Kommunikationsinstanzen Zu den unbestreitbaren Vorzügen aller konventionellen
Massenmedien (Presse, Radio und Fernsehen) gehört es, dass die
Inhaber formeller Spitzenpositionen (in Regierung, Parteien,
Militär, Kirche u.a.) mit ihrer Hilfe in der Lage sind, ihre
Botschaften unvermittelt jedem Mitglied an der Basis zur Kenntnis
zu bringen. Die neuen Computernetzwerke scheinen nun geeignet, auch diese
zweite Funktion intermediärer Eliten als Agenten der
Aufwärtskommunikation wirksam zu untergraben, weil allen Nutzern
die Möglichkeit offen steht, sich entweder als Einzelne oder als
Teilnehmer an ad-hoc konstituierten "virtual pressure groups"
gegenüber dem Zentrum zu artikulieren. Generell wird durch Zuschaltung einer Netzöffentlichkeit die technische Ausgangsbasis für eine überaus unnormierte (und entsprechend unberechenbare) "Zentrum-Peripherie-Interaktion" geschaffen, die im Sinne Max Webers als "cäsaristisch" bezeichnet werden mag (vgl. Weber 1972: 554; 853ff.). Autoritäre Führer könnten das Internet leicht als Medium entdecken, das ihnen ermöglicht, sich ohne Umwege über Parlamente und andere repräsentative Körperschaften eine unmittelbare Plebiszitärlegitimation zu verschaffen. Und da eine derartige "elektronische Öffentlichkeit" aus oben (vgl. 2.5) genannten Gründen immer eine sehr grosse Vielfalt widersprechender Meinungen und Forderungen (d.h. einen "Hobbesianischen" Charakter) aufweisen wird, kann ein solcher Führer leicht darauf verweisen, dass es nur dank hoher Zentralisation der Entscheidungsmacht möglich sei, überhaupt verbindliche Entscheidungen zu fällen und den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft (bzw. der Partei oder irgendeines anderen Verbandes) zu bewahren. Dem steht allerdings entgegen, dass elektronische
Diskussionsgruppen in der Regel von einer relativ geringen Zahl
selbsternannter "Netzaktivisten" dominiert werden, die
keine Repräsentativität für die Gesamtbevölkerung in Anspruch
nehmen können. Je mehr sich Politiker mit derartigen "net communities"
umgeben, desto stärker dürften sie sich wahrscheinlich in ihrem
Denken und Handeln einseitig auf jene Segmente der Bevölkerung
ausrichten, die an derartigen Netzen besonders intensiv
partizipieren. 3.5 Die neue Rolle der Massenmedien Die Erfahrung lehrt, dass ältere Kommunikationsmedien beim Auftreten neuer keineswegs verschwinden, sondern allenfalls in eine spezialisiertere Nische abgedrängt werden, oft aber auch einen erneuten Aufschwung erhalten, indem sie mit den neuen Medien in ein symbiotisches Komplementärverhältnis treten. So hat die Schrift nicht unbedingt zur Reduktion des mündlichen Austausches geführt, weil viele subtile Kommunikationen nicht für schriftliche Explikation geeignet sind, und weil die Texte selber vielfältigen Anlass zu Gesprächen bieten. Auch scheint das Telephon kaum persönliche Begegnungen zu vermindern, da es vielfach ja gerade als Instrument benutzt wird, um solche Verabredungen zu treffen. Und das Fernsehen hat nicht den Untergang der Presse bewirkt sondern einerseits die Vorteile physischer Zeitungsblätter sichtbar gemacht, die man mit sich tragen zur selbstgewählten Zeit nach Belieben durchstöbern und unbeschränkt lange aufbewahren kann und andererseits gar zur Genese neuer erfolgreicher Druckerzeugnisse (z.B. Programmzeitschriften) beigetragen. In ähnlicher Weise zeigen empirische Studien, dass sich sowohl
die Häufigkeit von persönlichen Begegnungen und
Telephongesprächen wie auch der Konsum von Büchern und
Zeitschriften mit wachsender Nutzung von Computernetzen keineswegs
verringert, sondern im Gegenteil häufig noch erhöht (vgl. z.B.
Hiltz 1984: 170ff.). Immerhin aber werden in ihrer Gesamtheit die neuen Computermedien in doppelter Weise berührt: indem sie einerseits auf eine weniger einflussreiche, spezialisiertere Funktionsstellung zurückverwiesen werden dürften und andererseits gezwungen sein werden, ihre Aufgabe komplementär zum Internet neu zu definieren. Dementsprechend wird auch der Beruf des Journalisten einem
doppelten Wandel unterliegen. Auf der anderen Seite müssen sich Journalisten und Redaktoren
vorrangig jenen Funktionen der öffentlichen Kommunikation
zuwenden, die im Internet nicht gut erfüllt werden können. So wird es immer den "monologischen" Medien anheimgestellt sein, den Einzelnen durch selektive Fokussierung von Themen ("agenda setting") sowie durch engagierte Wertungen den Individuen jene Orientierungen anzubieten, die für eine gezielte und effiziente Nutzung der Computernetze unverzichtbar sind. Anstatt sich als Propagandist einer bestimmten Partei, Moral,
Weltanschauung (oder auch nur in eigener Sache) aufzuspielen, wird
vom zukünftigen Journalisten wohl häufig jene selbstlosere
öffentliche Dienstleistungsrolle abverlangt werden, die in den
Niederlanden als "Referendarist" bezeichnet wird. Ein weiteres Komplementärverhältnis zwischen konventionellen und neuen Medien zeichnet sich bereits heute darin ab, dass Zeitungen und Zeitschriften ebenso wie Radio- und Fernsehanstalten Online-Plattformen eröffnen, um aus den zusätzlichen Verbreitungschancen und insbesondere aus den interaktiven Möglichkeiten der Computernetze für sich selbst Nutzen zu ziehen. Seit jeher verfügen Presse, Radio und Fernsehen nur über eine
sehr geringe autonome Lernfähigkeit, weil nicht vorgesehen ist,
dass die Rezipienten Rückmeldungen erstatten, die den
Medienmacher Orientierung für die Verbesserung ihrer Produkte
vermitteln könnten. In Termini von Albert O. Hirschmanns (1974) liesse sich
formulieren, dass konventionelle Medienrezipienten auf
Unzufriedenheit fast ausschliesslich mit "Abwanderung" (exit)
reagieren. Demgegenüber sind Benutzer von Computernetzen viel
leichter geneigt, ihrer Unzufriedenheit durch
"Widerspruch" (voice) expliziten Ausdruck zu verleihen
und damit den Emittenten instruktive Informationen darüber
zukommen zu lassen, was an den Sendungen verbessert werden sollte
(bzw. könnte). Zusammenfassung und Schlussfolgerungen Die weltweiten Computernetze bilden zweifellos eine infrastrukturelle Grundlage, um dem hoch institutionalisierten und sich weltweit zentralisierenden System konventioneller Massenmedien ein informelleres und dezentralisierteres Korrektiv entgegenzusetzen. Ihre wohl tiefgreifendste Wirkung besteht darin, allen mit der entsprechenden (immer billigeren und ubiquitäreren) Technologie ausgerüsteten Nutzern einen niederschwelligen Zugang zu einem globalen Informations- und Kommunikationssystem zu verschaffen, in denen sie sich in selbstgewählter Weise nicht nur als Rezipienten, sondern auch als Kommunikationspartner und als Publizisten betätigen können. Gleichzeitig entstehen neue Potentiale kommunikativer Rationalität, die im hohen Gewicht schriftlicher Verbalkommunikation, in der Befreiung von unmittelbaren Situations- und Affektbedingungen, in der Ausfilterung verzerrender nonverbaler Stimuli (z.B. physischer Persönlichkeitsmerkmale) und in der zeitunabhängigen Akzessibilität aller Kommunikationen ihre Grundlage haben. Deshalb erscheint die Schlussfolgerung gestattet, dass die seit der Aufklärung vorgetragenen utopistischen Forderungen nach einer "rationalen kommunikativen Öffentlichkeit" zum erstenmal in der Geschichte gewisse Verwirklichungschancen gewinnen, und dass die Tätigkeit der gewählten Behörden endlich jene Transparenz erhält, die im Konzept des demokratischen Rechtsstaat schon immer mitgedacht, aus technisch-organisatorischen Gründen aber bisher nicht realisierbar war. Allerdings ist bereits heute sichtbar, dass es sich bei dieser gleichzeitig inklusiven und dezentral-kommunikativen Öffentlichkeit um ein zerklüftetes Feld fragmentierter und widerstreitender "Teilöffentlichkeiten" handeln wird, die wenig Neigung und Fähigkeit besitzen, eine massierte und konvergente (und damit: politisch relevante) "öffentliche Meinung" aus sich heraus zu generieren. Gerade dadurch mögen die Computernetze indirekt wiederum zur Verstärkung zentralistisch-institutioneller Integrationskräfte beitragen: indem im Zuge ihrer Entfaltung ein immer dringenderes Bedürfnis nach übergreifenden Autoritäts- und Führungsinstanzen entsteht, die fähig sind, im Dickicht der Netze Orientierung zu vermitteln, innerhalb der unverlässlicher und unauthentifizierter Informationen vertrauenswürdige Mitteilungen zu verbreiten und der zentrifugalen Vielfältigkeit und Beliebigkeit der Netzkommunikation eine verbindliche Fokussierung auf zentrale, gemeinsam interessierende Themenschwerpunkte entgegenzusetzen, wie sie für die Konstitution einer politisch relevanten "öffentlichen Meinung" unverzichtbar ist. Vieles spricht dennoch dafür, dass mit der Ausbreitung der
Computernetze in den nächsten Jahren ein frischer freiheitlicher
Wind zu blasen beginnt, der all jenen Elitenkreisen und
Berufsgruppen unbehaglich sein mag, die ihre Einflussposition den
konventionellen Radialmedien verdanken. Andererseits wird es aber auch unerlässlich, die vielfältigen Folgeprobleme einer derart "entfesselten Öffentlichkeit" zu bedenken und im Blick auf andere geschätzte Rechtsgüter die grundsätzlichen Grenzen der Presse- und Meinungsfreiheit zu erkennen. Die bisherige oligarchische Kontrolle der öffentlichen Medien durch Grosskonzerne und professionelle Journalisten hat zweifellos günstige Bedingungen für die umfassende Implementierung gewisser ethischer Verhaltensnormen geschaffen, wie sie insbesondere für den Schutz gegen persönliche Verleumdungen oder für die Aufklärung von Verbrechen bedeutsam sind[33]. Ebenso haben sich öffentliche Zensurmassnahmen deshalb als unnötig erwiesen, weil die Medienunternehmungen aus Eigeninteresse eine "quasi-staatliche" Selbstzensur wahrnehmen, um ihre gesellschaftliche Reputation nicht zu gefährden (vgl. Keane 1991). In einer derartigen Szenerie konnten die aufklärerischen
Forderungen nach einer von gesetzlicher und sozialer Kontrolle
völlig befreiten Presseöffentlichkeit gefahrlos in pauschaler,
verabsolutierter Weise formuliert werden, weil ihre umfassende
Realisierung aus rein technischen Gründen nicht zur Debatte
stand. In dem Masse aber, wie die Realisierung grenzenloser Öffentlichkeit und Demokratie unvermittelt in die Nähe des Vorstellbaren rückt, werden die Bestrebungen anwachsen, diesen Potentialen a) im Interesse der Erhaltung etablierter Machtverhältnisse
und Wenn Medienmogule wie Berlusconi, Murdoch oder Kirch heute für
die "Deregulierung" der Mediengesetze kämpfen, so tun
sie das wohl mit der Zuversicht, dass ein paar "global
players" diese neuen Freiheiten unter sich aufteilen
könnten. Und: wenn die Internet-Nutzer heute mit grosser Mehrheit gegen
staatliche Kontrollen mobil machen, tun sie dies möglicherweise
auch unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass es sich bei
den meisten Nutzern heute um relativ kleine und homogene Schichten
(insb. hochgebildete jüngere Männer weisser Hautfarbe) handelt,
die sich gut auf eine konsensuale "netiquette" einigen
können und sich in ihrem kommunikativen Verhalten selber
überwiegend tolerant verhalten. Dank der Computernetze wird man in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erfahren, inwiefern auch eine wahrhaft offene, allen Interessenten zugängliche Öffentlichkeit mit der Stabilität von Gesellschaft und Politik vereinbar ist, oder ob eine derart deregulierte, ja anarchische Kommunikationssphäre sich durch unlösbare innere Konflikte vielleicht selber zerstört. "Visionaires and crackpots, maniacs and saints, monks and libertines, capitalists and communists and participatory democrats cannot build their visions and set alluring examples without crossing each other's paths. Precisely because of its pluralism, and its lack of a guiding centre, a tongue-wagging and shine-waving, full democratic civil society could never reach a condition of homeostasis. It would be dogged permanently by poor co-ordination, disagreement, niggardliness and open conflict among its constituents." (Keane, 1991: 148). So scheint sich die kompromisslose Befürwortung frei-unzensurierter Netzkommunikation selbst in den angelsächsischen Ländern auf relativ libertäre Flügel innerhalb des politisch-ideologischen Spektrums zu beschränken: auf jene - vor allem in den freiheitlichen Jugendbewegungen der amerikanischen Westküste verankerte - "Jefferson-Fraktion", die weder bei evangelikalen Christen noch bei den Hütern eines "politisch korrekten" Journalismus ungeteilten Anklang findet. Bereits heute zeichnet sich ab, dass das neue Medium im
angelsächsischen Raum - auch, ja gerade in politischer Hinsicht -
seine grössten Entfaltungschancen findet - grösser als
beispielsweise in Frankreich, wo der allgemeinen Öffentlichkeit
(im Verhältnis zum zentralistisch gelenkten
politisch-administrativen Apparat und zur informellen
Elitenkommunikation) von jeher ein geringerer Stellenwert
zugestanden wird [34]. So wird man feststellen können, dass verschiedene Völker dieser Erde je nach ihrer politischen Wertekultur höchst unterschiedlich von den neuen Kommunikationsmedien Gebrauch machen werden - mit der Folge, dass sie auch de facto (d.h. in ihren konkreten Diskurs- und Entscheidungsprozessen) weiter als jemals voneinander divergieren. Bonchek, Mark S (1995): Grassroots in Cyberspace: Using Computer Networks to facilitate Political Participation. (Working Paper 95-2.2: Presented at the 53rd Annual Meeting of the Midwest Political Science Association in Chicago, on April 6) (http://www.uni-koeln.de/themen/Internet/cmc/text/bonch95a.htm). Bullinga, Marcel (1996): "Decision-Maker/Teledemocracy", Dutch model for teledemocracy via internet. (summary). (http://www.xs4all.nl/~roesderz/english/teledemo/index.html ). Carl, Jeremy (1995): Vote for me. (Internet World August, S. 56-57). Dimitrijevic, Vojin (1989): Human Rights, Interdependence and International Norm-Setting. 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