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Sociology of Work and Organization 


 

 

Auf dem Weg zur "Zweidrittelgesellschaft"?

 

Integrationsprobleme marginaler Bevölkerungssegmente in die moderne Arbeitswelt
 

Regina Scherrer Käslin 

 

Inhaltsverzeichnis 

1. Einleitung 

2. Lebensphase Jugend  

2.1 Soziologische und pädagogische Aspekte
2.2 Schule und Chancengleichheit

3. Übergang zwischen Schule und Beruf 

3.1 Orientierung und Konkurrenz
3.2 Die Situation in der Schweiz

4. Berufsausbildung im Wandel 

4.1 Die duale Berufsbildung in der Schweiz
4.2 Neuere Berufsbildungsmodelle

5. Berufliche Integration als Sozialisationsprozess  

5.1 Die Kluft zwischen Wunschberuf und Wirklichkeit
5.2 Desintegration an Stelle von Integration
5.3 Gesellschaftliche Bedeutung der Jugendarbeitslosigkeit

6. Problemgruppen  

6.1 Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten
6.2 Die weiblichen Jugendlichen
6.3 Die ausländischen und die behinderten Jugendlichen
6.4 Das Ausweiten der Integrationsprobleme

7. Die ‘Nicht-Formal-Qualifizierten‘ 

8. Hilfestellungen und mögliche Nachqualifizierung 

8.1 Massnahmen und Hilfestellungskonzepte
8.2 Nachqualifizierung und Bildungsinvestitionen

9. Zusammenfassung und Ausblick 

10. Literaturliste
 
  


1. Einleitung  

Fusionen grosser Firmen zu multinationalen Konzernen einerseits und die elektro-technische Rationalisierung unserer Arbeitswelt andererseits, haben Arbeitsplätze zur Mangelware gemacht. Parallel dazu verschwinden auch immer mehr Ausbildungsstellen für die nachwachsende Generation. Ähnlich wie ende der 70er - anfangs 80er Jahre, wird in naher Zukunft der ohnehin schon angespannte Arbeitsmarkt in der Schweiz noch zusätzlich durch steigende SchulabgängerInnenzahlen stark belastet werden. Der Konkurrenzkampf um die knappe Ressource - Ausbildungsstelle - wird sich weiter verschärfen. 

"Für eine wachsende Gruppe von Jugendlichen gestaltet sich der Übergang und die letztendliche Integration in das reguläre System von Ausbildung und Beschäftigung unter den gegebenen ökonomischen Bedingungen schwierig und problematisch. Dies wird durch zahlreiche Forschungsergebnisse der letzten Jahre belegt." (Lex 1997, S. 28) 

Die Verlierer werden diejenigen Jugendlichen sein, die nur über eine dürftige formale Schulbildung verfügen. 

Neben der quantitativen Entwicklung auf dem Lehrstellenmarkt, bildet auch das mit der elektrotechnischen Entwicklung sich zwangsläufig ändernde Anforderungsprofil der Ausbildungsstellen, ein zusätzliches Problem für diesen Personenkreis. Die manuell einfachen Berufe mit nur geringen kognitiven Anforderungen werden in der zukünftigen (schon jetzigen) Informationsgesellschaft nur noch einen marginalen Platz haben. Volker Bornschier beschrieb diese Entwicklung schon 1988 in seinem Buch ‘Westliche Gesellschaft im Wandel’ - "Quantitativ hingegen schrumpft der relative Anteil der Routinearbeit in späteren Phasen des technischen Fortschritts, und die Zahl der Arbeitskräfte in der Routinearbeiterklasse nimmt ab zugunsten der Herrschafts- und Expertenklasse." (Bornschier, 1988 S. 233) 

Die Polarisierung der Arbeitsplätze Richtung qualifizierte Stammbelegschaften einerseits und unqualifizierte, in der Regel eher kurzfristige, ungeschützte und leicht ersetzbare Zusatzbelegschaften, schreitet unaufhaltsam voran. 

Vom sozialpolitischen Standpunkt aus ist vor allem anzumerken, dass für Jugendliche die Erwerbslosigkeit zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn, jegliche Perspektiven zerstören kann. Der ihnen verwehrte Zugang zur Arbeitswelt trifft sie in einer unbestritten empfindlichen Lebensphase. Ihre soziale Teilhabe an unserer Arbeitsgesellschaft wird auf diese Weise stark gefährdet und stellt die betroffenen Jugendlichen vor existentielle Probleme. 

Wie sollen diese ‘nicht-gebrauchten’, ‘nicht-erwünschten’ jungen Menschen eine eigene persönliche, politische und soziale Identität entwickeln ? 

Die Entwicklung einer eigenen Identität und somit die Herausbildung der individuellen Persönlichkeit, ist eine Voraussetzung, dass ein Mensch soziale Handlungskompetenz erlangen kann. Um die Bürgerpflichten, auf denen unsere Demokratie beruht, überhaupt erfüllen zu können, ist gerade diese Handlungskompetenz ein wichtiger Grundstein. Für eine demokratische Gesellschaft ist die höchst möglichste Integrationsquote der nachwachsenden Generation die implizite Voraussetzung ihrer Legitimation. "Erwerbsarbeit und Beruf sind im Industriezeitalter zur Achse der Lebensführunggeworden. Zusammen mit der Familie bildet sie das zweipolige Koordinatensystem, in dem das Leben in dieser Epoche befestigt ist." (Beck 1986, S. 220) 

Für alle Jugendliche ist das Gelingen des Berufseinstiegs schon deshalb von zentraler Bedeutung, weil damit zugleich Weichenstellungen für den weiteren erwerbsbiographischen Verlauf erfolgen, die in einer späteren Lebensphase kaum, oder nur unter grossem persönlichem und oft auch beträchtlichem finanziellem Aufwand korrigierbar sind. 

"Gesellschaftliche Teilhabe, materieller Wohlstand auch zur Verwirklichung privater Interessen und Lebenspläne, eine sinnstiftende Lebensperspektive durch Arbeit und sozialer Anerkennung, sind abhängig von einem erfolgreichen Einstieg in das Beschäftigungssystem. Letztlich wird damit das Fundament für den künftigen Sozialstatus als Erwachsener gelegt." (Raab 1996, S. 12) 

Im Rahmen dieser Seminararbeit beschäftigen mich folgende Fragen: 

  • Besitzt der schweizerische Arbeitsmarkt auch heute noch eine hohe Integrationsquote für jugendliche Schulabgänger, oder hat diese sich denen der EU Staaten angeglichen ? 

  • Bietet unser duales Bildungssystem der nachwachsenden Generation noch genügende Einstiegs - und Entwicklungschancen ?

  • Wie ist insbesondere die Situation für Jugendliche mit einer geringen formalen Schulbildung in der Schweiz ? Verfügen wir über taugliche Integrationshilfen, die diese Schulabgänger befähigt, sich trotz erheblichen Schwierigkeiten eine menschenwürdige Existenzsicherung aufzubauen ?

Inhalt

2. Lebensphase Jugend 

2.1 Soziologische und pädagogische Aspekte

Mit der Jugendphase oder dem Begriff Adoleszenz wurde bis in die 50er Jahre der Zeitraum zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr bezeichnet. Seitdem hat sich dieser Zeitraum ins frühe Erwachsenenalter – 18 bis 30 Jahre – einerseits und in die Kindheit andererseits ausgedehnt. 

Auf der Ebene des Individuums scheinen mir folgende Gedanken, vor allem aus der Literatur über die Lebensweltkonzepte, erwähnenswert. 

Die Lebensphase Jugend ist eine meist intensive Phase, die der unmittelbaren Bewältigung lebensrelevanter Aufgaben und Probleme dient und der eine eigenständige Bedeutung im menschlichen Lebenslauf zugesprochen werden muss. "In soziologischer Perspektive ist die Jugendphase als eine eigenständige Lebensphase insofern anzusehen, als in ihr der Prozess des Einrückens in zentrale gesellschaftliche Mitgliedsrollen eingeleitet und zum Ende gebracht wird." (Hurrelmann 1994, S. 49) 

Biologische und psychologische Sachverhalte sowie gesellschaftliche Vorgaben, haben in allen Industrieländern zu erheblichen Verschiebungen des Zeitpunktes des Ein- und Austritts in die Lebensphase Jugend geführt. Jugendliche erreichen in der Regel eine frühe soziokulturelle Selbständigkeit, auf der sozioökonomischen Ebene erreichen sie diese jedoch oft viel später. Sie befinden sich daher in einer Situation der ‘Statusinkonsistenz’. Diese Ungleichzeitigkeit und Unausgewogenheit von sozialen Positionen und Rollen ist vor allem für den Schlussabschnitt der Jugendphase charakteristisch. Die Jugendlichen sind heute bei der Bewältigung der Statuspassagen weitgehend auf sich selbst gestellt. Die Zeit der Lehrstellen- und Ausbildungsplatzsuche ist für viele Familien eine enorme Belastung. Es sind vor allem die Mütter, die die Jugendlichen in dieser anforderungsreichen Phase zu begleiten versuchen. Der schnelle technologische Wandel bewirkte auch, dass Eltern ihre eigenen Berufserfahrungen bezüglich ihrer damaligen Berufswahlprozesse nicht auf diejenigen ihrer Kinder übertragen können. 

Hurrelmann schreibt in seinem Buch - Lebensphase Jugend: "Wie die Analyse gezeigt hat, gelingt einer Mehrheit der Jugendlichen die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben (...) Zugleich aber wächst die Minderheit an, die den Entwicklungs- und Entfaltungsproblemen nicht gerecht wird, jedenfalls nicht nach den gesellschaftlich vorherrschenden Standards. Dieser Minderheit von Jugendlichen, heute schon etwa ein Fünftel oder sogar ein Viertel eines Jahrganges, droht die soziale Desintegration und die Gefährdung einer psychisch-gesundheitlich befriedigenden Persönlichkeitsentwicklung." (Hurrelmann 1994, S. 293) 

Tendenziell wächst diese Minderheit auch in der Schweiz an, wenn auch nicht in einem so erschreckenden Ausmass wie in den meisten EU-Staaten. Auch in Amerika ist die Jugendarbeitslosigkeit weit verbreitet, trotz der allgemein guten Konjunkturlage. 

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2.2 Schule und Chancengleichheit

Natürlich spielt die öffentlichen Schule eine wichtige Rolle in der Zuteilung von Ausbildungschancen. Die erste Weichenstellung in der Bildungskarriere erfolgt bereits in der Primarschule. Im Kanton Zürich sind zum Beispiel von den Jugendlichen folgende ‘Laufbahnentscheidungen‘ zu treffen : 

  • Beim Übertritt von der Primarschule in die Sekundarschulstufe I findet eine erste Selektion anhand der schulischen Leistungsfähigkeit statt.

  • Nach der neun Jahre dauernden Volksschule ist beim Übertritt in die Sekundarstufe II der Entscheid für eine erste Berufsausbildung bzw. höhere Allgemeinbildung zu treffen.

  • Der Übertritt in die berufliche Erwerbstätigkeit oder in ein Studium erfolgt nach der schulischen Ausbildung auf der Sekundarstufe II etwa um das 20. Altersjahr. 

In den letzten Jahrzehnten erfolgten etliche Anstrengungen um den Zugang zu höheren Bildungsgängen, für möglichst alle Bevölkerungsschichten, zu ermöglichen. Mittels einer ‘Bildungsexpansion’ sollte ähnlich wie in Deutschland, die Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beruf verwirklicht werden. Trotz fünfzig Jahre Bildungsoffensive scheinen wir immer noch weit von diesem Postulat der Chancengleichheit entfernt zu sein. "Was eine Veränderung der schichtspezifischen Chancenstrukturen im Schweizer Bildungssystem anbelangt, haben sich die Hoffnungen, die an die Bildungsexpansion geknüpft waren, nicht erfüllt. Die herkunftsbedingten Benachteiligungen scheinen durch den Ausbau des Bildungssystems kaum beeinflussbar zu sein." (Lamprecht/Stamm in: Widerspruch 33/97, S. 39) 

Im Rahmen dieser Seminararbeit wäre es meines Erachtens vermessen detailliert auf die Problematik unseres Schulsystems eingehen zu wollen. Trotzdem möchte ich auf folgende Punkte hinweisen: 

  • Die Schule ist immer noch eine Angelegenheit der Kantone. Bis heute haben wir daher 26 verschiedene Schulsysteme, fast ebenso viele Lehrerausbildungsgänge und natürlich, je nach Kanton, auch unterschiedliche Selektionspraxen zwischen den einzelnen Schulstufen.

  • Unser Bildungssystem verhält sich gegenüber den sozialen Herkunftsmerkmalen der Schüler(innen) nicht neutral; (hidden curriculum).

  • Die Chance, an höheren Bildungsgängen zu partizipieren ist umso grösser, je höher die Bildung der Eltern ist. Die herkunftsspezifischen Selektionsschwellen wurden nicht abgebaut, sondern um eine Stufe erhöht. 

  • Die in der Schweiz relativ geringe Zahl von Maturanden - "Die zwanzig Prozent Maturanden, die allenfalls für Längst-Maturierte genug sind, entsprechen ohnehin dem Niveau eines ‘Entwicklungslandes’."(Graf/Graf in: Widerspruch 33/97, S. 23)

  • Die Frauen haben in den letzten Jahrzehnten im Bildungsbereich aufgeholt, sind aber auch heute noch in den höchsten Bildungsgängen untervertreten. So stellte die OECD in ihrem Bericht - "Education and Training - Economic Surveys 1997" - fest: "There is a large gap between male- and female attainment in Switzerland. In 1994, 69 per cent of the adult population which had not completed upper education was female, well above the proportion in most other OECD countries." (OECD: Education and training, S. 80)

Die gegenwärtigen laufenden Reformbestrebungen in einzelnen Kantonen z.B. im Rahmen der teilautonomen Volksschulen einerseits und die immer wiederkehrenden Anforderungswünsche (versuchte Einflussnahme) der Wirtschaft andererseits, machen deutlich - auch die Bildungsinstitution Schule muss vermehrt um ihre Identität ringen. Dass die gegenwärtigen Reformdiskussionen - auch in finanzpolitischer Hinsicht - zu einer ‘Veramerikanisierung’ der allgemeinbildenden Schule führt, ist zu befürchten. 

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3. Übergang zwischen Schule und Beruf  

3.1 Orientierung und Konkurrenz

Die Jugendlichen fällen im Allgemeinen die Entscheidung für eine Ausbildung in einem konkret angestrebten Beruf schon in den letzten Jahren ihrer obligatorischen Schulzeit. Begleitet werden sie in dieser Phase im wesentlichen von den zentralen ‘Sozialisationsagenturen’ Elternhaus und Schule. Erschwerend auf diesen Entscheidungsfindungsprozess wirkt der Umstand, dass die Jugendlichen mehrheitlich noch nicht in der Lage sind, eine realistische Abwägung von Chancen und Risiken der eingeschlagenen Berufswege in Hinblick auf ihr zukünftiges Erwerbsleben vorzunehmen. 

Entgegen den Empfehlungen der Berufsschulen und Berufsverbände werden Lehrstellen immer früher vergeben. Dieser Umstand führt zu einer weiteren Belastung der Jugendlichen und ihren Eltern. Nicht selten werden von den Beteiligten wichtige Entscheidungsfindungsprozesse zu spät eingeleitet, so dass unfreiwillige ‘Warteschlaufen’ eingeschaltet werden müssen. Dies ist auch einer der Umstände, die zur ‘Destandardisierung des Lebenslaufs’ Jugendphase beiträgt. Der Übergang in den Erwachsenenstatus erfolgt immer weniger über zeitlich klar definierte und an ein bestimmtes Alter gebundene ‘Start- und Ankunftsstationen’. Wichtige Faktoren dieser ‘Destandardisierung des Lebenslaufs’ sind: 

  • Veränderungen im Verhältnis von Bildungs- und Beschäftigungssystem als Folge der Bildungsexpansion;

  • veränderte Qualifikationsanforderungen und Arbeitsmarktbedingungen;

  • Entwicklung zur ‘Postadoleszenz’ d.h. eine zeitliche Ausdehnung der Übergangsphase.

Allgemein ist die Unsicherheit im Bildungswesen gewachsen. Auf der Seite der Schulen bemüht man sich redlich den Anforderungen der Arbeitswelt gerecht zu werden. Aber für viele Lehrer(innen) wird es immer unklarer, was über die ‘basic skills’ (Kulturtechniken) des Lesens, Schreibens und Rechnens hinaus noch vermittelt werden soll. Diese Frage stellt sich nicht nur in den Schulen mit niedrigen Abschlüssen. Auch in den Gymnasien ist man angesichts der Explosion der Wissensbestände unsicher, was zum Grundbestand der Allgemeinbildung überhaupt gehört und vermittelt werden soll und kann. 

Einige empirische Studien in der Schweiz haben ergeben: 

  • Heranwachsende und ihre Eltern wünschen möglichst hohe Schulabschlüsse – ungebrochene Expansion im Bereich der höheren Bildungsabschlüsse.

  • Verbindung zwischen Berufsarbeit und Familienarbeit gehört zur normalen Lebensperspektive beider Geschlechter.

  • Bezüglich ihrer Berufswahl entscheiden Mädchen auch heute noch nach traditionellem Rollenverständnis - die Mehrheit beschränkt sich auf wenige ‘typisch weibliche‘ Berufe.

  • Solange es nicht gelingt, Mädchen auch für technische Berufe zu begeistern, werden die Berufschancen von Jungen und Mädchen einseitig verteilt bleiben.

  • Jungen entwickeln häufiger als Mädchen aus ihren Hobbys heraus berufliche Pläne. Dies könnte bedeuten, dass die Förderung von Hobbys durch die Eltern immer noch mit unterschiedlichen Intensionen verknüpft werden.

  • Erfolge und Misserfolge in den verschiedenen Unterrichtsfächern, wirken selektiv auf die Entwicklung von Berufswünschen der Jugendlichen.

  • Realschüler und teilweise auch Sekundarschüler erleben einen Prozess der Notwendigkeit, ihre Ansprüche an den Lehrstellenmarkt zu reduzieren.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Situation auf dem Bildungsmarkt verschärft Eine erfolgreiche formale Schulbildung ist heute geradezu ein Muss, um überhaupt am Wettbewerb um Ausbildungsstellen teilnehmen zu können. Zwangsläufig führt(e) dies zu vermehrten Bildungsanstrengungen von Seite der Jugendlichen und ihren Eltern. Vor allem in den mittleren Schichten sind die Bildungsunterstützungen der Eltern beträchtlich und es wird viel Geld in die ausserschulische Förderung des eigenen Nachwuchses investiert. 

" Die Tatsache, dass immer mehr Jugendliche bessere und weiterführende Schulabschlüsse erreichen, führt zu einem Qualifikationsparadox: Bildungszertifikate werden einerseits entwertet, andererseits aber als notwendige Voraussetzung für einen gelingenden Berufseinstieg immer wichtiger." (Raab 1996, S. 26) 

Diese in erster Linie für Deutschland gemachte Feststellung, trifft auch für die Schweiz zu. Das ist an der Präferenz der Mittelschule gegenüber der klassischen Berufsbildung ersichtlich. Auf diese Weise entsteht aber auch zwangsläufig ein Verdrängungskampf zu Ungunsten der Jugendlichen mit niedrigen Schulabschlüssen. 

"Im Wettstreit um das knappe Angebot an Ausbildungsplätzen mit anspruchsvoller Qualifikation verdrängen die ‘besser’, da formal höher qualifizierten die jeweils eine Stufe darunter liegenden, formal niedriger qualifizierten Bewerber. Dieser doppelte Selektionseffekt wird zum erstenmal beim Übergang vom allgemeinbildenden Schulsystem in das System der beruflichen Ausbildung wirksam." (Lex 1997, S. 48) 

Ebenso verändern demographische Aspekte den Lehrstellenwettbewerb. In den nächsten Jahren wird sich die Zahl der Schulabgänger(innen) vergrössern, während der Rückgang der Ausbildungsstellen, trotz einigen Bemühungen seitens der kantonalen Regierungen und auch des Bundes, tendenziell voranschreitet. 

Die Statuspassage Jugend ist brüchig geworden - der Übergang in eine gesellschaftlich kalkulierbare Zukunft ist für viele nicht mehr selbstverständlich und die eigenen biographischen Anstrengungen sind in den Vordergrund gerückt. "Jugend muss nun von den Jugendlichen stärker individuell "bewältigt" werden, die Chance, dass Jugend gelingt und das Risiko des Scheiterns in und an der Jugendphase liegen dicht beieinander und sind biographisch unterschiedlich verteilt." (Böhnisch 1997, S. 134) 

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3.2 Die Situation in der Schweiz

In der Schweiz ist die Situation des Übergangs zwischen der Schule und dem Beruf für Jugendliche im Vergleich zu den USA und den meisten anderen EU-Staaten noch ziemlich rosig. Das Bundesamt für Statistik in Bern berechnete 1997 folgende Erwerbslosen-Zahlen für die Schweiz: 
 

Altersklassen

Erwerbslose

Erwerbslosenquote

Total

Frauen 

in% 

Total 

in%

Frauen 

in%

Männer 

in%

15-29 Jahre

58100

49

5,7

6,1

5,4

30-49 Jahre

60500

50

3,1

3,6

2,8

50+

26000

43

2,7

2,8

2,6

Quelle: Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE) 1996. 

Das Statistische Amt der EU dokumentierte für den gleichen Zeitraum für Oesterreich und Luxemburg niedrigere Zahlen, für Deutschland ähnliche und für die restlichen Mitgliedsstaaten deutlich höhere Arbeitslosenzahlen der Jugendlichen als das BFS. Allerdings umfasst die BFS-Dokumentation eine breitere Jahrgangskohorte, was diesen Vergleich im statistischen Sinne fragwürdig macht. Der Vergleich von Arbeitslosenzahlen zwischen den Ländern, ist aufgrund der unterschiedlichen Erhebungspraxen, sowieso ein Problem. 
 

 

Reihe1: 
Reihe 2:

1 Belgien 

 

22.9
7.8

2 Dänemark 

10.6
7.8

3 Deutschland 

9.6
5.1

4 Griechenland 

31
11.5

5 Spanien 

41.9
17.2

6 Frankreich 

28.9
10.4

7 Irland 

18.1
7.9

8 Italien 

33.5
12.8

9 Luxemburg 

9.1
3.8

10 Niederlande 

11.5
7.0

11 Oestereich 

6.0
3.6

12 Portugal 

16.7
7.1

13 Finnland 

35.3
17.1

14 Schweden 

21.1
9.7

15 Ver.Königreich 

15.5
10.2

16 EU Total 

21.8
10.3

Reihe 1: Arbeitslosenquote 15-24 J. in % der Erwerbsbevölkerung 15-24 Jahre 
Reihe 2: Zahl der Arbeitslosen 15-24 Jahre 
Quelle: Eurostat – Statistisches Amt der Europäischen Union; 1997 

Im Rahmen dieser Seminararbeit dienen diese statistischen Daten lediglich dazu aufzuzeigen, dass sich der ‘Sonderfall Schweiz‘ im Hinblick auf die Jugendarbeitslosigkeit tendenziell denen der EU-Staaten annähert. Handlungsbedarf liegt folglich auch bei uns vor. 

Peter Sigerist stellte im Pro Juventute – Thema 4/97 fest: "In den letzten Jahren haben rund zehn Prozent der jugendlichen Schulabgänger/innen keine Berufslehre und keine nachobligatorische Schulbildung absolviert. Sechs Prozent aller Jugendlichen mit und 21 Prozent ohne Schweizer Pass mussten der Sekundarstufe II fernbleiben. Pro Jahrgang sind dies 8000 Nichtausgebildete ! Allein damit ist der grosse Handlungsbedarf im Berufsbildungsbereich wohl genügend erläutert." (Sigerist in: Thema 4-97, S. 24) 

Die Zahlen des ‘Lehrstellenbarometers‘ vom März 98 ergeben folgendes Bild: 

  • Ein Angebotsrückgang der Lehrstellen (Lehrbeginn August 98) von 4%, dieser konzentriert sich auf die kleineren und mittleren Betriebe (KMU);

  • 1997 wurden 2,5% mehr Lehrstellen vergeben als im Jahr davor;

  • die Anzahl der Jugendlichen, die auf den Lehrstellenmarkt drängten, wuchs um 1% (geburtenstarker Jahrgang und ‘übriggebliebene‘ Jugendliche vom Vorjahr);

  • gegenüber der Umfrage von 1997 hat der Anteil der Unternehmen, die in diesem Jahr keine Lehrstelle anbieten wollen zugenommen; demgegenüber ist die Zahl derer, die 1998 die Lehrlingsausbildung neu einführen möchten gleich geblieben;

  • 67% der Lehrstellen, die sich am 15. Februar 1998 "auf dem Markt" befanden, sind bereits vergeben;

  • nach Auskunft der befragten Unternehmen blieben letztes Jahr – ähnlich wie 1996 – knapp 8% der ausgeschriebenen Lehrstellen unbesetzt;

  • die Jugendlichen mit Interesse an einer Berufslehre haben im Durchschnitt früher mit der Bewerbung begonnen als ihre Vorgänger im "Lehrstellenbarometer 1997";

  • 24% der ausländischen Jugendlichen besassen am 15. Februar 98 einen Lehrvertrag (Schweizer: 58%); dies weist auf eine tendenzielle Verschärfung ihrer Situation hin, da sie sich bereits heute schon häufiger in einem Zwischenjahr als ihre Schweizer Kollegen befinden.

Verschiedene Umfragen haben gezeigt, dass sich die Arbeitsorientierung der Jugendlichen nicht gross verändert hat. Von der Mehrheit wird eine Positionierung im tradtionellen Arbeitsmarkt angestrebt; ein Leben ohne Arbeit ist für sie nicht denkbar. In der Verwirklichung ihrer beruflichen Ziele sind viele junge Menschen aber sehr verunsichert, oder stehen vor vermeintlich unüberwindbaren Hindernissen. "Du hast keine Chance, also packe sie !" - Aufruf an einer Schulhauswand - scheint für einige SchülerInnen real erlebte Wirklichkeit zu sein. 

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4. Berufsausbildung im Wandel 

4.1 Die duale Berufsbildung in der Schweiz

Die duale Berufsausbildung hat für unser Land eine zentrale Bedeutung. Fast drei Viertel aller Schulabgänger(innen) wählen diesen beruflichen Ausbildungsweg. Diese sichert der Wirtschaft den bedarfsgerechten Nachwuchs an qualifizierten Berufsleuten und dies ist wiederum ein wichtiger Standortvorteil unseres Landes im globalen Wettbewerb um Marktanteile. In der Schweiz ist die Berufsausbildung auf die drei Träger - Betrieb, Berufsschule und Verband aufgeteilt. Damit wird versucht, eine zu einseitige Ausbildung zu verhindern. Die Arbeitgeberverbände, als Träger der Berufslehren, erarbeiten gemeinsam mit den Berufsschulen und den Lehrbetrieben Ausbildungsreglemente und Modellehrgänge. Die Berufsschule garantiert die nötige Breite der Ausbildung und die wichtige Allgemeinbildung. Leitidee dieses kooperativen Ausbildungssystems bildet ein Berufskonzept, das via Qualifikation die Zugangsvoraussetzung für ein produktives Arbeitsleben gewährt. Mittels dieser Berufsausübung soll die private Existenzsicherung und Lebensführung gewährleistet werden. 

Die allgemeine Unsicherheit des Arbeitsmarktes hat ihre Spuren in der Berufsbildung hinterlassen. Auch hier sind Reformbewegungen im Gange, die darauf abzielen das traditionelle duale Berufsbildungssystem zu optimieren, damit es den neuen informationstechnologischen - und gesellschaftlichen Anforderungen auch in der Zukunft noch gewachsen sein wird. 

Von seiten der Wirtschaft werden folgende Punkte der dualen Berufsbildung bemängelt: 

  • Unsere Grundausbildung dauert zu lange und ist zu spezialisiert;

  • Praxisfremde Dozenten vermitteln die Grundausbildung;

  • Die Bedeutung der Weiterbildung wird unterschätzt;

  • Weiterbildung wird noch zu sehr in herkömmlichen Systemen organisiert und ist zu sehr an Ort und Zeit gebunden;

  • Das Bildungssystem braucht Wettbewerb

Von den Lehrlingen erwarten die Lehrmeister und Arbeitgeber: 

1. Leistungswille 
2. Flexibilität – berufliche und geographische (Mobilität); 
3. Fachwissen und –Können – und deren dauernde Optimierung (lebenslanges Lernen) – im Sinne von Lebensunternehmers; 
4. Schlüsselqualifikationen:

- Fähigkeit zur Innovation und Kreativität

 

- Teamfähigkeit

 

- Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein

 

- Kommunikations- und Kritikfähigkeit

 

- Vernetztes bzw. prozessorientertes Denken und Handeln

 

- Ausdauer und Durchsetzungsvermögen;

5. Wirtschaftsverständnis – frühe Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen Zusammenhängen, um sich in der Arbeitswelt besser zurechtfinden zu können. 

Auf der politischen Ebene sind Forderungen nach steuerlichen Anreizen bzw. gewisse Steuererlassforderungen für Firmen, die Lehrlinge ausbilden, im Gespräch. Ein anderer Vorschlag - Firmen, die keine Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, würden durch Abgaben gezwungen, sich an den allgemeinen Ausbildungskosten zu beteiligen. Von der Seite der Wirtschaft sind diese Vorschläge umstritten. Klein- und Mittelbetriebe fordern eine praxisorientiertere Lehrlingsausbildung. Im Klartext heisst das - weniger Berufsschule und mehr produktive Arbeitszeit im Betrieb. Aufgrund der häufigen unvermeidlichen Absenzen (=Berufsschule, Einführungskurse etc.) der Lehrlinge im Lehrbetrieb, ist für viele dieser kleineren Betriebe die Lehrlingsausbildung unrentabel und somit uninteressant geworden. 

Der Gesamtbestand der Lehrstellen der Biga-Berufe ist in den letzten Jahren um 21 Prozent gesunken. Ein weiterer Abbau wird langfristig zu schwerwiegenden Nachwuchsproblemen führen. Schon heute ist in einzelnen Berufssparten ein Mangel an qualifizierten Berufsleuten festzustellen. Wenn der Abbau hingegen in jenen Berufen stattfindet, in denen in der Zukunft aufgrund des technologischen Wandels keine Arbeitsplätze mehr zur Verfügung stehen, ist dies als strukturpolitische Massnahme zu akzeptieren. Unverantwortlich ist jedoch ein Lehrstellenabbau aus rein kostenmässigen Überlegungen, weil dies zu längerfristigen Rekrutierungsproblemen im qualifizierten Fachbereich führen wird. 

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4.2 Neuere Berufsbildungsmodelle: 

Gerade für kleinere Betriebe wäre ein Ausbildungsverband eine attraktive Möglichkeit. Die Lehrlinge würden in verschiedenen Betrieben einzelne Ausbildungsmodule absolvieren, die zusammen dann eine Berufsqualifikation ergeben. Denkbar wäre in diesem System eine Ausdifferenzierung für leistungsstarke, leistungsschwächere und mehr praktisch begabte Jugendliche, gekoppelt mit der Möglichkeit, die Ausbildungsdauer individuell abzustimmen. Nach einer Basisausbildung würden verschiedene Aufbau- und Spezialisierungsmodule eine spezifische Qualifizierung ermöglichen. Die einzelnen Module sollten aber auch zu einem späteren Zeitpunkt des Berufslebens absolviert werden können. Denn gerade sogenannte ‘schulmüde’ Jugendliche sind nach einer intensiven praktischen Tätigkeit eher wieder für eine berufliche Weiterbildung motivierbar. Lebenslanges Lernen wäre auf diese Weise für eine breitere Bevölkerungsschicht zu verwirklichen und bliebe nicht das Privileg der ohnehin schon qualifizierten Kaderleute. Unser duales Berufssystem erhielte dadurch die nötige Flexibilität um ein adäquates Integrationssystem für die nachwachsende Generation zu bleiben. 

An der Berufsbildungstagung vom Februar 1995 in St. Gallen wurde folgendes Berufsbildungskonzept entwickelt: 
 

4.Lehrjahr:

Spezialausbildung: Berufsmatura, Spezialisierung in einem Berufsfeld

3.Lehrjahr: 

Berufsfelder: Mechanik, Elektrotechnik, Elektronik, und Informatik, Ausbildung im Lehrbetrieb, Berufsschule (Blockunterricht), Lehrabschluss

2.Lehrjahr:

Berufsfelder: Mechanik, Elektrotechnik, Elektronik und Informatik, Ausbildung im Lehrbetrieb, Berufsschule (Blockunterricht)

1.Lehrjahr:

Grundlagenausbildung in: Mechanik, Elektrotechnik, Elektronik und Informatik in Lehrwerkstätten, Berufswahl am Ende des ersten Jahres

Quelle: Pscheid/Fässler in: Dubs/Dörig 1995, S. 90 

"Die Lehrlingsausbildung sollte weitgehend eine ‘Generalisierung’ in einem definierten Berufszweig sein. Die Aneignung von Spezialwissen im vierten Jahr führt zur ‘Facharbeiter-Qualifikation’ in einem engeren Fachgebiet (z.B. CNC = Computer numeric control, Computer-NC-Steuerung)." (Dubs/Dörig 1995, S. 90) 

Seit dieser Berufsbildungstagung in St. Gallen hat sich einiges getan. In der Elektro- und Maschinenindustrie werden mit dem Lehrbeginn 1998 neue Reglements in Kraft treten. Diese Industriezweige haben ihren Berufslehren mit der Konzentration auf sieben Basisberufe eine Neuausrichtung gegeben. Mit diesen sieben Basisberufen kann der weitaus grösste Teil der Tätigkeiten von Klein-, Mittel- und Grossbetrieben der Branche abgedeckt werden. 

"Das heisst berufsübergreifendes Arbeiten, Selbständigkeit, Teamfähigkeit, Kreativität usw. werden in der zweijährigen Grundausbildung thematisiert und während der Schwerpunktausbildung in betrieblichen Tätigkeitsgebieten weiter gefördert. Neu ist auch, dass an der Berufsschule mit zwei Niveaustufen mit unterschiedlichen Lernzielen und separatem Abschluss gelernt wird." (Leu 1998, in: SH-Nachrichten) 

Ein ähnlicher Weg wird im Gastgewerbe eingeschlagen. Unter dem Label des Gastronomiefachangestellten werden Allrounder für den Küchen-, Service- und Lingeriebereich ausgebildet. Mit dem Pilotprojekt ‘Gastro-Futura’ werden in den Kantonen Bern und Graubünden erste Erfahrungen gesammelt. Nach einem Basisjahr können sich die Lehrlinge für die Fachrichtungen Köchin/Koch oder Serviceangestellte/-angestellter spezialisieren. 

Auch die ABB hat ihre Lehrlingsausbildung reformiert. Neu werden die Lehrlinge in sogenannten ‘Lernzentren‘ ausgebildet. Die ersten beiden Jahre einer vierjährigen Ausbildung werden in der Lehrwerkstatt absolviert, wobei alle Berufe im ersten Jahr die gleiche Grundausbildung durchlaufen. Dabei wird Teamgeist, breiter Horizont, Kreativität, Eigeninitiative, Mobilität und Bereitschaft zur permanenten Aus- und Weiterbildung gefördert. 

Während der Grundausbildung kann der Berufsweg der Lehrlinge ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechend mitbeeinflusst werden. Danach erfolgt die Spezialisierung der Lehrlinge in einem bestimmten Beruf. 

Diese Beispiele entsprechen weitgehend der Forderung nach Generalisten und der Schwerpunkt wird auf eine möglichst ganzheitliche Berufsausbildung gesetzt. 

Ein weiterer Faktor zur Attraktivitätssteigerung der Berufslehre ist sicherlich die vor wenigen Jahren eingeführte Berufsmaturität. Sie ist eine gute Lösung um leistungsstarken Jugendlichen zukünftige Weiterbildung an Fachhochschulen zu ermöglichen. Dazu hält die OECD in ihrem Bericht fest: 

" In response to concerns that the dual system may not be well adapted to meet the growing demand for workers who are flexible and/or possess advanced skills, a new pathway (maturité professionelle-hautes écoles spécialisées) has been created which places more emphasis on general education and enables participants to continue their education to a level comparable to a university degree. This reform should also help to stem the flow of able students from the dual system." ( OECD Economic Surveys 1997, S.122) 

Auf der anderen Seite der Ausbildungsskala gibt es für leistungsschwächere junge Menschen in der Schweiz die Möglichkeit der Anlehre. Auch in diesem Bereich besteht in manchen Branchen ein Mangel. Bei dieser vom BIGA anerkannten Lehre stehen die praktischen Fähigkeiten der Anlehrlinge klar im Vordergrund, die vermittelte Allgemeinbildung ist dagegen eher gering. Grundsätzlich stellt sich hier die Frage, ob Menschen mit einer solchen Ausbildung überhaupt noch eine Arbeitsstelle auf dem hart umkämpften Stellenmarkt finden können, oder ob die Anlehre eine ‘Sackgasse ohne Marktwert‘ darstellt. 

Die ‘Anlehre plus‘ ist diesbezüglich eine bessere Variante. Wer gute Leistungen erbringt hat die Möglichkeit, nach einem oder zwei Jahren Anlehre, direkt in eine Berufslehre zu wechseln. Noch eine andere Möglichkeit bietet die Vorlehre. Sie ist ein Vorbereitungsjahr auf die Lehre im gewählten Beruf und wird im zukünftigen Lehrbetrieb absolviert. Der Betrieb schliesst nach diesem Jahr normalerweise einen regulären Lehrvertrag ab. Erwähnenswert sind auch die ein Jahr dauernden Vorschulen, welche theoretisches Wissen für gewisse Ausbildungen, vor allem im Gesundheitsbereich, vermitteln. 

Alle diese erwähnten Ausbildungsvarianten sind wahrscheinlich ein Grund, für die in der Schweiz im internationalen Vergleich relativ hohe Integrationsquote der nachwachsenden Generation, in die Arbeitswelt. Im Gegensatz zu anderen Massnahmen haben sie die nötige Berufsnähe zum normalen Arbeitsmarkt und bieten leistungsschwächeren Jugendlichen die Möglichkeit, sich schlussendlich doch die nötige Qualifikation einer anerkannten Berufsbildung zu holen. 

Grundsätzlich sollten Bildungsinvestitionen bzw. Aus- und Weiterbildungsanstrengungen eine reelle Chance zur Umsetzung auf dem Arbeitsmarkt haben, sonst verkommen sie zur Beschäftigungsübung ohne Anerkennung in der Gesellschaft. Und gerade um diese Anerkennung, die auch den Status- und Prestigewert einer Ausbildung ausmachen, ringen insbesondere Jugendliche. Sie ist ein Motor der Motivation warum sich junge (nicht nur junge) Menschen überhaupt anstrengen, ein Mitglied dieser Gesellschaft zu werden und diese auch mittragen helfen. 

Die Reformbewegungen in der dualen Berufsausbildung sind unübersehbar und sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Leider darf man sich keine allzu grossen Illusionen machen – die Lehrstellenproblematik hat weder im Gewerbe noch in der Industrie erste Priorität, gemessen an der Gesamtheit ihrer Aktivitäten. 

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5. Berufliche Integration als Sozialisationsprozess  

5.1. Die Kluft zwischen Wunschberuf und Wirklichkeit

Ohne Zweifel bestimmen der gesellschaftliche Kontext und die Situation auf dem aktuellen Arbeitsmarkt im wesentlichen die mehr oder weniger problemlose Eingliederung der nachwachsenden Generation. Das Persönlichkeitsprofil des Individuums spielt dabei leider oft eine nicht immer kalkulierbare Rolle. Bei mehreren Bewerber(innen) mit den gleichen formalen Schulbildungen, werden die Auswahlkriterien zum Teil mehr als diffus. Auch Jugendliche mit einer guten Schulbildung müssen ihre Berufspläne revidieren und manchmal irgendeine Lehrstelle antreten um nicht arbeitslos zu werden. Fend schreibt dazu: 

"Zum zentralen Lebensthema gehört in dieser Lebensphase die erste Synchronisation zwischen Wunsch und Wirklichkeit in bezug auf die berufliche Integration. Als erstes ist es wichtig festzuhalten, dass eine grosse Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit in dieser Altersphase eine psychische Belastung darstellt, dass dahinter Leidenspotential steht." (Fend 1991, S. 81) 

Dieses sich ‘Einfügen‘ in irgendeinen Berufsbereich kann laut Böhnisch fatale Folgen haben. "Die jugendkulturelle Experimentier- und Verweigerungshaltung sucht sich dann nicht selten in den Lebenswelten ausserhalb der Arbeit ihr Ventil. Solche Jugendliche werden dann zu Jekyll-and-Hyde-Figuren: Während sie in der Arbeitswelt unauffällig und untergeordnet sind, treten sie im Freizeitbereich auffällig und aggressiv auf. So werden auch die oft mit Erstaunen registrierten Befunde aus der Gewaltforschung plausibel, dass unter den jugendlichen Gewalttätern nicht wenige sind, die über die Woche hinweg in rigider Anpassungshaltung im Büro und Betrieb ihre Arbeit verrichten und damit eher zu dem Heer der Angepassten gehören." (Böhnisch 1997, S. 157) 

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5.2 Desintegration an Stelle von Integration

Wo die Integration in den Arbeitsmarkt nicht gelingt, geraten die Individuen in die Gefahr der Ausgrenzung. Arbeitslosigkeit stellt zentrale Muster der Selbst-Definition moderner Gesellschaften in Frage. Sie stellt eine aussergewöhnliche Herausforderung dar, weil sie das quasi-kollektive Selbstbild der Arbeitsgesellschaft erschüttert. Dieses Selbstbild gründet auf der Vorstellung "(...) dass die gesellschaftliche Produktion und Verteilung von Lebenschancen ebenso wie die soziale Identität der Menschen vorrangig durch (Erwerbs-) Arbeit bestimmt wird." (Mutz et al.1995, S. 15) 

Zwei Punkte scheinen mir diesbezüglich wichtig: 

  1. Das männlich geprägte Normalarbeitsverhältnis mit lebenslanger, kontinuierlicher, sozialrechtlich abgesicherter Vollzeitbeschäftigung ist ein Auslaufmodell und gehört der Vergangenheit an.

  2. Es wird in Zukunft eine anhaltend hohe und weiter steigende Erwerbsbeteiligung durch den kontinuierlich zunehmenden Anteil der erwerbstätigen Frauen geben, die vermehrt Familienarbeit und Berufsarbeit verbinden wollen und aus ökonomischen Zwängen oft auch müssen. ( Diese Zunahme der Erwerbstätigen dauert vermutlich so lange, bis die ‘dazugehörigen‘ Familienmänner ihre Erwerbstätigkeit reduzieren und bereit sind, ihren Anteil an der Familienarbeit und an der freiwilligen ‚Sozialen-Arbeit‘ zu leisten.)

In ihrer Studie ‚Diskontinuierliche Erwerbsverläufe‘ kommen die Autoren zu folgender Feststellung: " (...), dass die anhaltende gesellschaftlich, ökonomische wie kulturelle Zentralität von Erwerbsarbeit dazu tendiert, sich selbst aufzuheben." ( Mutz et al. 1995, S. 16) 

Die von den Menschen angestrebte Langzeitarbeitsstelle wird so zwangsläufig zur Rarität – Desintegration der Jugendlichen kann leicht an die Stelle der angestrebten Integration treten. 

Soziale Desintegration trägt die Merkmale Desorganisation und Desorientierung seitens des Individuums. Dies äussert sich auf der Ebene der Gesellschaft durch -Chancenlosigkeit – dem Individuum fehlen sozial anerkannte Möglichkeiten, sich den gegebenen gesellschaftlichen Zielen anzunähern, bzw. seine eigenen Interessen zu artikulieren. 

Auf der Ebene der Primärgruppen durch - Vereinzelung– das Individuum kann nicht auf ein stützendes soziales Netzwerk zurückgreifen um seine alltäglichen Schwierigkeiten und Nöte auszugleichen. 

Und auf der Ebene des Individuums durch - Sinnlosigkeit – dem Handeln des Individuums fehlt ein übergreifender, sozial konstruierter Sinn, durch den es seine Handlungen in eine umfassende Ordnung einbetten kann. 

Soziale Desintegration kann sich durch massiv erhöhte Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung gegenüber sich selber, gegen andere Akteure oder der Gesellschaft an sich, äussern. Selbstmord, Vandalismus, erhöhte Jugendkriminalität und Xenophobie sind die besorgniserregenden Symptome dieser Desintegration, die vor allem in der Jugendphase ausgeprägt sind. 

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5.3 Gesellschaftliche Bedeutung der Jugendarbeitslosigkeit

Jugendarbeitslosigkeit ist gefährlich, weil sie in der Lebensphase der Heranwachsenden auftritt, in der psychische Strukturbildungen Bindungen auf Aufgaben erfordern, die den Jugendlichen in der Regel aus seiner entwicklungsbedingten Egozentrik hinausführen können. Stabilisierung der Persönlichkeit des Heranwachsenden, durch die Eingliederung in gesellschaftlich anerkannte Ausbildungsstellen bzw. Bildungsinstitutionen, ist eine gewünschte Folgeerscheinung seitens der Gesellschaft. 

"Der Jugendliche gewinnt "Halt", indem er seine Grössenphantasien an beruflichen Identitätsentwürfen, die ihm seine Lebenswelt bereithält, abarbeitet. Fehlen solche Abarbeitungsmöglichkeiten, dann fluktuieren diese Grössenphantasien "frei" bzw. sie suchen sich ihre Substitute." (Fend 1991, S .75) 

Lex weist in seiner Studie auf die ‘diskriminierende Wirkung‘ der Arbeitslosigkeit auf den weiteren beruflichen Werdegang hin. 

"Frühe Arbeitslosigkeit zieht in der Folge nicht nur wiederholte Arbeitslosigkeit nach sich, sondern wirkt zugleich beim Zugang zum Regelsystem von Ausbildung und Beschäftigung negativ selektierend. So lassen die Erwerbsverläufe von Erwachsenen, die bereits im ersten oder zu Anfang des zweiten Ausbildungs- und Berufsjahres arbeitslos wurden, kaum einen Kontakt zum regulären Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt erkennen." (Lex 1997, S. 229)

 Nicht selten befinden sich auch Jugendliche mit guter formaler Schulbildung unter dieser betroffenen Personengruppe. Derselbe Autor betont ferner, dass 

"(...) junge Erwachsene, deren Ausbildungs- und Berufsverläufe von Anfang an grosse Unstetigkeiten und Lücken aufweisen, trotz guter schulischer Voraussetzung kaum noch Chancen auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz haben." (Lex 1997, S. 230) 

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6. Problemgruppen 

6.1 Jugendlichen aus sozial benachteiligten Schichten

Wer heute eine Ausbildungsstelle sucht muss Kompromisse eingehen. Das hängt natürlich mit dem eingeschränkten Angebot an Lehrstellen zusammen. Manchmal aber auch mit den unrealistischen Einschätzungen der eigenen Fähigkeiten und den Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Die Rezession bringt unterschiedliche Ausbildungschancen von Jugendlichen zu Tage, welche bei guter Konjunktur quasi verdeckt bleiben. 

"Schüler, die keine Lehrstelle finden – im zehnten Schuljahr sind vorwiegend Schüler-innen und Schüler, die nach neun Schuljahren keine Lehrstelle gefunden haben – zeigen laut Blaser vorwiegend Defizite im Auftreten, im Kommunizieren, sie beherrschen die deutsche Sprache nicht richtig, sie können sich nicht darstellen, der erste Eindruck, den sie machen, ist oft nicht sehr gut." (Chambre/Burgherr in: Pro Juventute/4-97, S. 6) 

Kinder und Jugendliche, die in einem Umfeld der sozialen Benachteiligung aufwachsen und in deren Familien ein eher schul- und bildungsfeindliches Klima vorherrscht, erhalten weder die nötige Unterstützung, noch den nötigen Freiraum, um den Übergang von der Volksschule in die Berufswelt für sie optimal zu gestalten. Oft sind Eltern nicht fähig ihrem Nachwuchs die nötige Orientierungshilfe über den zunehmend heterogenen und unübersichtlichen Ausbildungsmarkt zu geben. Soziale Benachteiligungen reproduzieren sich so fast zwangsläufig weiter, zumal dieser Personenkreis eher nicht über ein soziales Beziehungsnetz im Arbeitsmarkt verfügt, welches auch eine wichtige Komponente zur erfolgreichen Eingliederung in den Ausbildungsmarkt sein kann. 

Die bestehenden Berufsberatungszentren (BIZ) sind eine wichtige Anlaufstelle gerade für diese Jugendlichen. Sie bieten einen Ersatz für die fehlenden Unterstützungsmöglichkeiten ihrer Eltern. Die von Furnham und Rawles gewonnenen Feststellung aus ihrer Studie 

"Job search strategies, attitudes to school and attributions about unemployment", scheint auch bei uns Gültigkeit zu haben. " (...) it may well be that those who most need vocational and employment consolling are the least likely to seek it." (Furnhem/Rawles 1996, S. 369) 

In diesem Zusammenhang stellt sich ein Problem, das nicht leicht zu lösen sein wird – wie bringen wir bildungsferne Schichten in Lern- und Ausbildungsprogramme ? 

Weitere Gruppen von diskriminierten Jugendlichen: 

  • weibliche Jugendliche

  • ausländische Jugendliche und

  • behinderte Jugendliche.

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6.2 Die weiblichen Jugendlichen

Einige Studien der letzten Jahre haben belegt, dass weibliche Jugendliche trotz guten und sehr guten schulischen Leistungen, auf dem Arbeitsmarkt auch heute noch benachteiligt sind. An den ‘Berufsbildungstagen‘ vom Februar 1995 in St. Gallen, beschrieb die damalige Leiterin des Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann der Stadt Zürich, Frau Montovani Vögeli, die Situation auf dem Arbeitsmarkt folgendermassen: 

"In der Berufsbildung sind die jungen Frauen in massiv weniger Bereichen und in kürzeren Ausbildungen zu finden und ein in den letzten Jahren konstanter Anteil von gut 10% erlernt nach wie vor kein Beruf.(...) Die jungen Frauen sind wie ihre Mütter und Tanten, zu 90% im Dienstleistungsbereich und dort in den zudienenden, pflegenden und erziehenden Ausbildungen zu finden." (Mantovani Vögeli 1995, S. 49) Nicht wenige dieser Arbeits- und Ausbildungsstellen im Dienstleistungssektor wurden in den letzten Monaten und Jahren wegrationalisiert. Zudem beinhalten diese Berufe oft geringe Zukunfts- und Aufstiegsperspektiven. 

Raab stellt zur Problematik der weiblichen Jugendlichen fest: "Gerade weil es für junge Frauen, anders als für junge Männer, keine kollektiv geltenden Normen eines modellhaften Lebensentwurfes gibt und ihnen keine arbeits- und sozialpolitisch gestützten Modelle zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeboten werden, kommt der individuellen Berufsfindung eine um so wichtigere Bedeutung zu." (Raab 1996, S. 96) 

Eine umfassende Berufsberatung und –begleitung tut Not. Dies zeigt sich auch darin, dass sich immer noch etwa 70% der jungen Frauen in ihren Ausbildungsbestrebungen auf zwölf Berufe konzentrieren. 

Den jungen Frauen und Männern muss ferner eine konstruktive Auseinandersetzung mit ihren Rollenbildern ermöglicht werden. "Im Unterricht werden veraltete geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen durch die Schulstrukturen, durch die Stoffpläne, durch die Lehrmittel, durch die Sprache und durch die stattfindenden Interaktionen in den Köpfen und Herzen der nächsten Generation verankert." (Mantovani Vögeli 1995, S. 53) Diese geschlechtspezifische Rollenzuschreibung beginnt im Kindergarten, setzt sich durch die obligatorische Schulzeit fort und ändert sich auch nicht in den Berufsschulen und an den Hochschulen. Dieser Zementierung von Rollenklischees muss Einhalt geboten werden. 

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6.3 Die ausländischen und die behinderten Jugendlichen

Die Übergangswege der Jugendlichen mit ausländischer Nationalität kennzeichnen ähnliche Zugangsbarrieren wie diejenigen der weiblichen Jugendlichen. Dazu kommen noch fremdenfeindliche Vorurteile, Zuschreibungen und formale Eintrittshürden, die ihre Integration bedeutend erschweren. Schon das Zusammenstellen der Bewerbungsunterlagen, die bestimmten formalen Standards genügen sollten, stellt für manche ausländische Jugendliche eine erhebliche Hürde dar. 

Weitere Hürden sind: 

  • Das Vorurteil bei Ausländern sei mit grösseren Fluktuationen und stärkerem Absentismus zu rechnen, bekommen auch Lehrstellensuchende zu spüren.

  • Mit eventuellen Sprachschwierigkeiten wird sofort die Befürchtung verbunden, diese Jugendlichen seien den Anforderungen der Berufsschule nicht gewachsen. Eine betriebliche Investition in dieses Humankapital würde sich somit nicht lohnen.

  • Firmen pflegen die für sie geeigneten Lehrlinge mittels eines Einstellungstests auszuwählen. Diese Tests erfordern nicht nur gute Sprachkenntnisse auf relativ abstraktem Niveau, sondern darüber hinaus auch die Fähigkeit, Sprache ‘instrumentell‘ einsetzen zu können.

"Vor allem bei jungen ausländischen Frauen mit niedrigen Bildungsabschlüssen scheint ausserdem die versteckte Arbeitslosigkeit in Form des "Verschwindens" in der Herkunftsfamilie ein typisches Übergangsmuster zu sein." (Lex 1997, S. 57) 

Generell wirken sich die Benachteiligungsmechanismen bei dieser Personengruppe doppelt aus. Sie werden einerseits als Ausländerinnen mit den für diese Gruppe typischen Diskriminierungsfaktoren konfrontiert und andererseits unterliegen sie noch zusätzlich der geschlechtsspezifischen Diskriminierung als Frauen. 

Die Situation der behinderten Jugendlichen dürfte die Integrationsprobleme der weiblichen und ausländischen Jugendlichen um ein Vielfaches übersteigen. Diese Personengruppe erfordert spezifische Hilfestellungen, wenn auch für sie berufliche Integration und ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben angestrebt wird. Stach schreibt dazu: "Sieht man Behinderung als relativ, sollte Rehabilitation nicht mehr darauf zielen, den einzelnen zu normalisieren, dies ist das klassische Modell der Pädagogik, im Grundsatz ein medizinisches Modell. Methode sollte die Normalisierung der Umwelt sein. D.h. Ziel einer solchen Politik ist es, den Behinderten ein Leben so normal wie möglich zu sichern. Es bedarf der Milieuveränderung, nicht der Veränderung der behinderten Menschen." (Stach 1993, S. 71) 

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6.4 Das Ausweiten der Integrationsprobleme

Arbeitslosigkeit und Ausbildungslosigkeit wird meines Erachtens nicht auf bestimmte Problemgruppen in Krisenzeiten der Wirtschaft beschränkt bleiben. Der technologische Wandel schreitet unaufhaltsam voran. Die Halbwertszeit für Produkte, Verfahrenstechniken und Produktionsweisen hat sich in den letzten Jahren verkürzt. Damit konsequenterweise auch die erforderlichen Qualifikationen der produzierenden Arbeitskräfte. Die weltweite Übertragbarkeit von Daten aller Art, insbesondere die Kommunikation von Anweisungen an dezentrale Fertigungsorte mit geringstem Zeitverlust und zu erschwinglichen Preisen, erlaubt es die Entwicklungs- und Produktionsstandorte weltweit zu optimieren. Am Endprodukt – ob materiell oder virtuell - ist nicht ersichtlich, ob es in tendenziell eher korrupten menschenfeindlichen und politisch instabilen Staatssystemen oder sogar durch Kinderarbeit entstanden ist. 

Der abstrakte anonyme Weltmarkt hat kein Gewissen und die Konsumenten sind bekanntlich ziemlich manipulierbar. Dies bedeutet meines Erachtens gerade für die Schweiz einen weiteren Verlust eines Standortvorteils. Und dies wiederum stellt höchste Anforderungen an die Innovation – wenigstens diese Fähigkeit ist nur dem Menschen eigen. Innovation, Flexibilität und lebenslanges Lernen wird für alle Erwerbstätigen, auch in der Schweiz, zum Überlebensprinzip. Das Postulat lebenslanges Lernen erfordert aber immer wieder eine Um- und Neuorientierung der Menschen auf freiwilliger und unfreiwilliger Basis. Dies wird im Sinne von Mutz et al. zur Allgegenwart postindustrieller Arbeitslosigkeit führen. Dieser ist nicht "(...) mit ökonomischen, politischen und sozialen Instrumentarien der bekannten Art zu kurieren." (Mutz et al. 1995, S. 305) 

Das bedeutet für die Schule, die Lehrbetriebe und die Eltern, dass sie ‘ihre’ Jugendlichen nicht mehr auf eine traditionelle, stabile Berufslaufbahn vorbereiten können. Im Gegenteil, ihr Bewusstsein und ihre Fähigkeiten müssen so geschult werden, dass sie möglichst gut mit unstabilen Lebenslagen zurechtkommen und ihr persönliches Berufsmanagement selbständig in die Hand nehmen. Erst dies würde ihnen das Erschliessen von vielfältigen Lebenslagen in beruflicher und persönlicher Hinsicht ermöglichen. 

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7. Die ‘Nicht-Formal-Qualifizierten‘ 

Das Ergebnis verfehlter Integration in den Ausbildungsstellenmarkt sind die ‘Ungelernten‘. Um einseitige pauschale Zuschreibungen und Diskriminierungen zu vermeiden wurde der Begriff – "Nicht-Formal-Qualifizierte" in der Arbeitsmarktforschung eingeführt. Denn ‘Ungelernte‘ verfügen durchaus über Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen in der Berufswelt. 

Sowohl die begriffliche als auch die empirische Eingrenzung der jugendlichen Ungelernten ist in neuerer Zeit aufgrund weitreichender Veränderungen im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt zunehmend mit Schwierigkeiten verbunden. Die oben erwähnte ‘Destandardisierung‘ des Lebenslaufs macht sich bemerkbar. 

Karen Schober stellte in ihrer Untersuchung "Ungelernte Jugendliche" fest, dass die heutigen Ungelernten in ihrer Bildungs- und Sozialstruktur sowie hinsichtlich der Ursachen ihrer Nichtqualifizierung nicht mehr vergleichbar mit denen der 60er Jahre sind. Seitens der Gesellschaft wird die fehlende berufliche Qualifikation als individuell verschuldetes Defizit des einzelnen Jugendlichen wahrgenommen. Die strukturelle Seite des Problems rückt nur zögerlich ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Pro Jahrgang sind es in der Schweiz rund 8000 Jugendliche, die keine Ausbildungsstelle finden. 

Schober sieht in den folgenden drei Punkten die Hauptursache für das Auftreten von ‘Ungelernten‘: 

  1. Quantitativ und qualitativ unzureichendes Ausbildungsstellenangebot;

  2. Unzureichende schulische Voraussetzungen und Leistungen, eingeschränkte Konkurrenzfähigkeit am Ausbildungsstellenmarkt, fehlende Motivation und Berufswahlprobleme;

  3. Hemmnisse im sozialen Umfeld wie – finanzielle Schwierigkeiten, Schwangerschaft, Wehrdienst und Rückkehr ins Heimatland. 

Neuere Studien in der Schweiz weisen darauf hin, dass auch hier die Zahl der weiblichen Jugendlichen ohne berufliche Qualifikation wesentlich höher ist, als die der jungen Männer. Die ‘Nicht-Formal-Qualifizierten‘ haben ein beträchtlich höherers Risiko arbeitslos zu werden - ihnen droht schon zu Beginn der Ausschluss aus dem Erwerbsleben. Ihre Lebenssituation ist nicht nur prekär in finanzieller und materieller Hinsicht. Zusätzlich leiden sie unter Disqualifikation und einem Mangel an Identifikationsmustern in einer Welt, in der Erwerbsarbeit und Beruf zur ‘Achse der Lebensführung‘ geworden sind. 

Das Risiko des sozialen Ausschlusses nimmt, gemäss Bolzman und Eckman, in dem Masse zu, in dem sich bei den Jugendlichen eine Haltung gemischt aus Apathie und Fatalismus einstellt. 

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8. Hilfestellungen und mögliche Nachqualifizierung 

Diverse Untersuchungen unseres Bildungssystems haben bestätigt, dass schulische Defizite später kaum mehr behoben werden können und ein verpatzter Ausbildungseintritt in den meisten Fällen nur noch schwer wett zu machen ist. Gut ausgebildete Menschen können sich leichter neues Wissen erschliessen. Sie kennen ihre eigenen Fähigkeiten und sind besser fähig, die Möglichkeiten des Bildungssystems zu nützen und ihre persönliche Weiterbildung zu managen. Nicht zuletzt verfügen sie auch über die nötigen finanziellen Mittel oder können sich eventuelle Stipendien organisieren. 

"55% aller Personen im Alter zwischen 20 und 75 Jahren haben sich innert Jahresfrist weitergebildet. Bei den Personen ohne nachobligatorische Ausbildung sind es 24%, die sich weiterbilden, bei den Personen mit mittlerem Bildungsniveau 57% und bei den Personen mit hohem Bildungsniveau 81%." (BFS – Bericht zur "Weiterbildung in der Schweiz" 1997) 

Trotzdem ist eine vorübergehend instabile Situation zu Beginn des Erwerbslebens nicht unbedingt ein zuverlässiger Gradmesser zur Vorhersage späterer Berufserfolge. Immerhin können sich 24% der ‘Nicht–Formal-Qualifizierten‘ zu einer Weiterbildung motivieren. 

"Denn mit einem auf Anhieb nicht gelungenen, glatten Einstieg in die Erwerbssphäre muss nicht unbedingt ein instabiler Erwerbsverlauf in Gang gesetzt werden."(Mutz et al.1995, S.137) 

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8.1 Massnahmen und Hilfestellungskonzepte

Spezielle Integrationskurse für ausländische Jugendliche werden in einigen Kantonen angeboten. Dabei werden Jugendliche, die nicht mehr unter die obligatorische Schulpflicht fallen in sogenannten Integrationsklassen und –kursen zusammengefasst. Diese dauern unterschiedlich lange, meistens ein bis zwei Jahre. Gemeinsam ist ihnen, die beschränkte Klassengrösse (12 – 16 Schüler), die Bildung von Niveaugruppen, um die sprachlichen und mathematischen Grundregeln zu vermitteln und die Schulung im Umgang mit verschiedenen Materialien und Werkstoffen. Ein weiterer Schwerpunkt bildet die Berufswahlvorbereitung mit dem Ziel der beruflichen Integration. Diese ist wie schon oben beschrieben alles andere als einfach. Von allen Beteiligten wird ein grosses Engagement verlangt und die Lehrer betreuen diese Jugendlichen über die eigentliche Unterrichtszeit hinaus, um schulische und menschliche Probleme aufzuarbeiten. Oft fehlt diesen Jugendlichen jegliches Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die nötige Handlungskompetenz, um auch mit schwierigen Situationen angemessen umgehen zu können. 

Ein Angebot des Sozialdepartementes sind die verschiedenen halbjährlichen Arbeitsprogramme. Eines dieser Projekte ist z.B. das Atelier ‘Créatür‘, wo der Umgang im textilen Bereich gelernt wird, ein anderes ‘SchrottPower‘, in dem originelle und stabile Kinderspielgeräte aus Altmetall hergestellt werden und ein weiteres Projekt das Atelier ‘Blasio‘, das aufblasbare Spielgeräte fabriziert. Auch hier steht neben der handwerklichen Tätigkeit die psychosoziale Einbindung und die Unterstützung und Planungshilfe bei der Berufswahl oder Stellensuche im Vordergrund. 

Schon länger besteht in einigen Kantonen die Möglichkeit für alle Jugendliche, die eine Übergangslösung benötigen, ein zehntes Schuljahr in einer Berufswahlklasse (Werkklasse) zu absolvieren. Auch hier sind die Schülerzahlen reduziert und liegen bei etwa 12 Schüler pro Klasse. Nebst dem vermitteln von handwerklichen Fähigkeiten werden hier Schnupperlehren organisiert, die einen engeren Kontakt zur Industrie und dem Gewerbe ermöglichen. Schwellenängste werden so abgebaut und berufliche Fähigkeiten und Neigungen praktisch geprüft. Auch wird eine enge Zusammenarbeit mit den Berufsbildungszentren angestrebt. Dieses Übergangsjahr mündet in den meisten Fällen bei den männlichen Jugendlichen in eine Lehrstelle oder zumindest in eine Vorlehre. Für weibliche Jugendliche ist die Integration in die Arbeitsweltauf beträchtlich schwieriger, was unter anderem mit den eingeschränkten Ausbildungsangeboten für Mädchen speziell auf dieser Schulstufe zusammenhängen könnte. 

Weitere Massnahmen um die prekäre Situation auf dem Lehrstellenmarkt in der Schweiz zu entschärfen sind 

  • die SOS-Lehrstellenbörse,

  • die Aktion ‘Häsch kei Stifti‘,

  • der verbesserte Lehrstellennachweis LENA,

  • der Lehrstellenbeschluss des Parlamentes zur Lehrstellenförderung im April 97

  • die geplante Volksinitiative "Lehrstellen-initiative pour des places d’apprentissage" (Lipa) mit Start im Mai 98.

Über diese Vorschläge hinaus möchte ich noch auf den Hilfeansatz des Empowerments hinweisen. Dieses Interventionsprinzip der modernen Sozialarbeit stammt aus der ‘community psychology‘. Empowerment hat zum Ziel die Klienten zur "gestaltenden Bewältigung" (Stark 1996) schwieriger Lebenssituationen anzuleiten. Es geht um die (Wieder-) Herstellung von Handlungskompetenz, um Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Lebens."Die Klienten sollen durch Eigentätigkeit ihren Wert erkennen und über - auch von ihnen selbst gesuchte – soziale Anerkennung eine sozial konstruktive Einbindung in ihre Umwelt erreichen." (Böhnisch 1997, S. 268) An die Stelle der traditionellen Hilfeorientierung muss die Kooperation mit dem Klienten, der Klientin treten und die Intervention hat sich in der Interaktion zu entwickeln. Dieser Hilfeansatz könnte einfliessen in eine sozialpädagogisch orientierte Berufsbildung zur Begleitung besonderer Problemlagen wie es Schober 1992 in ihrer Arbeit vorschlägt. 

Zur Zeit ist auf dem schweizerischen Lehrstellen- und Bildungsmarkt einiges in Bewegung. Wichtig erscheint mir vor allem, dass möglichst vielen Jugendlichen Mut zum Balanceakt des Erwerbsverlaufsmanagements geben wird. Das heisst auch, dass eine seriöse Abklärung der individuellen Fähigkeiten und Neigungen der Jugendlichen unabdingbar ist um ihnen zukunftsorientiertes Entscheiden und Handeln bezüglich ihrer Berufswünsche und Optionen auf dem Ausbildungsmarkt zu ermöglichen. Eine Grundvoraussetzung ist dabei aber, dass ein relativ eng geknüpftes soziales Auffangsnetz existiert. 

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8.2 Nachqualifizierung und Bildungsinvestitionen

Eine spätere Nachqualifizierung erfordert in jedem Fall ein beachtliches subjektives Leidenspotential. Zeitliche und finanzielle Opfer von nicht geringem Ausmass müssen erbracht werden. Es besteht schon heute ein beträchtlicher Weiterbildungs- und Qualifizierungsmarkt auf privater und halbprivater Basis. Dies ist einerseits sehr erfreulich, andererseits ist darunter auch ein gewisser Anteil von dubiosen Angeboten mit unglaubwürdigen bzw. nicht anerkannten Diplomen und Leistungsnachweisen. Ihr jeweiliger Marktwert und ‘Umsetzungswert‘ ist umstritten und die Orientierung für die Anwärter schwierig. Wiedereinsteigerinnen können davon ein Lied singen. Speziell für Jugendliche und junge Erwachsene ist eine niederschwellige Orientierungs- und Beratungshilfe anzubieten. 

Die Erkenntnis sollte sich durchsetzen, dass die Wissens- bzw. Bildungsaneignung in der Form eines Maeanders, die konsequente Umsetzung des Postulates ‘lebenslanges Lernen‘ ist. Dementsprechend muss die Vorstellung einer geradlinigen im Detail planbaren Berufslaufbahn aus unseren Köpfen verschwinden. Dies hat aber auf der gesellschaftlichen Ebene die Konsequenz, dass weiterbildungswillige junge Bürger(innen) (natürlich auch ältere) entsprechend unterstützt werden. Ich denke dies wäre mit Bildungsgutscheinen, angemessenen Stipendien und Ausbildungsdarlehen, auch für Familienmütter und –väter, oder via Steuerermässigungen zu erreichen. Die Investitionen in das Humankapital ihrer Bürger(innen) verlangt von einem Staat finanzielles Engagement, das sich langfristig rentiert und im globalisierten Wettbewerb um Marktanteile unabdingbar ist. Da die staatlichen Kontroll- und Eingriffsmassnahmen einer Demokratie in ihre Wirtschaft begrenzt sind, scheint es mir wichtig, dass die wirtschaftlich bestimmenden Kreise für die Ausbildungsprobleme verstärkt sensibilisiert und auch finanziell eingebunden werden. Sheldon meint dazu: 

"Eine Qualifizierungsoffensive, gezielt geführt, wäre die angemessene Antwort auf den Verlust von Arbeitsplätzen für Ungelernte. Eine solche Politik würde das Angebot an höher qualifizierten Arbeitskräften steigern und ihren relativen Preis damit senken. Aufgrund der Komplementaritätsbeziehung zwischen Human- und Sachkapital einerseits und der Qualifikationslastigkeit des technischen Fortschritts andererseits würden die Arbeitsmarktchancen der vom strukturellen Wandel Betroffenen gehoben. Dies jedoch ohne den technischen Fortschritt und damit letztlich die internationale Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Wirtschaft zu beeinträchtigen." (Sheldon 1997, S. 36) 

Es scheint mir ein schwieriger Balanceakt zu werden zwischen der Art und Weise dieser Qualifikationsoffensive und ihres möglichen Erfolges. Ohne neue Arbeitsmodelle könnte es zu einer weiteren Erhöhung der Selektionsschwellen in den offiziellen Arbeitsmarkt führen. Individuelle Weiterbildung bleibt ohne Umsetzungschance auf dem Arbeitsmarkt blosse Beschäftigung und verkommt zum Hamsterrad, welches trotz reger Betriebsamkeit des Individuums nur zweifelhaften ‘Gewinn‘ einbringt. 

"Ohne Teilhabe am gesellschaftlichen Lebensprozess in Form von sinnvoller Tätigkeit und angemessener Bezahlung wird Identitätsbildung zu einem zynischen Schwebezustand, den auch ein "postmodernes Credo" nicht zu einem Reich der Freiheit aufwerten kann." (Grell in: Zoll 1992, S. 116) 

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9. Zusammenfassung und Ausblick 

"Education is changing, but not fast enough (...) there is still a long way to go in modernising education structures to meet the demanding challenges of the 21st century." (OECD 1997, New Issues S. 1)

Dieses Zitat beschreibt zutreffend die Situation im schweizerischen Bildungswesen. Die Anstrengungen von allen Beteiligten müssen intensiviert werden. Einige Punkte möchte ich nochmals herausheben. 

  • Chancengleichheit bzw. eine möglichst geringe Chancenungleichheit über kognitive Fähigkeiten kann nur durch eine offene Schule, die expandiert erreicht werden. Mit anderen Worten – die Anzahl der Schüler(innen) auf höheren Stufen muss zunehmen. Die Schweiz, deren wichtigste Rohstoffressource die kognitiven Fähigkeiten ihrer Kinder ist, kann sich eine Maturandenzahl, die so tief ist wie in einigen Entwicklungsländern, nicht mehr leisten. 

  • Auch Jugendliche, die von der Ausgrenzung aus der Erwerbsarbeit bedroht sind, weisen Mehrheitlich eine ausgeprägte Arbeitsorientierung auf. Ihre Ansprüche in Bezug auf die Qualität der Arbeit, die sie leisten wollen, sind aufgrund ihrer persönlichen Situation eher unrealistisch.

  • Arbeitslosigkeit ist im Prinzip ein transitorisches Merkmal bzw. eine dynamische Kategorie. Einige Studien haben darauf hingewiesen, dass bei Jugendlichen das Zugangsrisiko zum Arbeitsmarkt sehr hoch ist. Sie verlassen die Arbeitslosigkeit aber auch deutlich schneller als alle anderen Altersgruppen. 

  • In der Schweiz und auch in anderen vergleichbaren Industriestaaten scheint sich eine menschenwürdige Lebensführung ohne Erwerbsarbeit für grössere Gruppen der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter nicht durchzusetzen. Eine Entkoppelung von Erwerbsarbeit und Existenzsicherung würde das grundlegende Bedürfnisse der Mehrheit nach Arbeit im traditionellen Sinne unberücksichtigt lassen.

  • "Die nachgefragten und die angebotenen Qualifikationen sind einfach nicht in Übereinstimmung zu bringen." (Urech in: Thema 4/1997, S. 36) Einebessere Koordination der Ausbildenden und der Wirtschaft ist notwendig. Oft werden technische Entwicklungen in der Volksschule und auch den Berufsschulen verschlafen. Ich denke nur an die zögerliche Integration des Computers in Schweizer Schulen. Sicher ist auch der Computer kein Allheilmittel, aber er gehört an fast jedem zukünftigen Arbeitsplatz zur Standardausrüstung. Der Umgang mit ihm zum Basiswissen.

  • Auf der Ebene des Individuums muss die Einsicht wachsen, dass die Lebenswelten mit Zukunft ein anderes Gesicht haben. Karrieren nach männlich geprägten Mustern sind ‘out‘. Die Karrieren der Zukunft werden "(...) Kombinationen von Teilzeitarbeit, gelegentlichen Arbeitsverträgen, von unbezahlter und freiwilliger Tätigkeit für den Allgemeinnutzen, von einer ganzen Fülle von Dingen" (Urech in: Thema 4-97, S. 37) sein.

  • In unserer Zeit des ‘lean management‘ werden oft, um das Firmen- oder Institutbudget zu bereinigen, kurzfristig wirkende Sparmassnahmen verfügt. Die Langzeitwirkungbleibt dabei ausser acht. "Investitionen in das menschliche Kapital sind aber in schwierigen Zeiten von höchster Dringlichkeit. Betriebe brauchen sehr leistungsmotivierte Mitarbeitende. Sie können sie gerade auch heute nicht zum Nulltarif haben:" (Meier in: Thema 4-97, S. 31)

  • Es ist für den Fortbestand einer Gesellschaft von immanenter Bedeutung, inwieweit die nachfolgende Generation den Anschluss an die gegebenen Standards dieser Sozietät findet. "Die Jugendlichen müssen die Fähigkeiten und das Wissen erwerben, die wirtschaftliche Produktion weiterzuführen (Qualifikation). Allen soll ein für sie geeigneter Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie zugewiesen werden (Allokation), und jeder und jedem soll es möglich sein, sich als soziales Individuum zu integrieren (Sozialisation) und als selbstdenkender Mensch an der Gestaltung des Gemeinwesens teilnehmen zu können (Allgemeinbildung)." (Rüegsegger in: Widerspruch 33/97, S. 79) 

Zu den eingangs gestellten Fragen halte ich Folgendes fest: 

1. Unser duales Ausbildungssystem mit all seinen Variationsmöglichkeiten wie Anlehre, Anlehre plus, Vorlehre, scheint für jugendliche Schulabgänger einen im Vergleich zum Ausland relativ hohen Integrationsgrad ins Erwerbsleben zu gewährleisten. Dieses System wird zur Zeit reformiert mit dem Ziel, der möglichst optimalen Anpassung an die neuen Gegebenheiten des Arbeitsmarktes. Eine Berufsausbildung im Modulsystem, die Einführung von breit abgestützten Basisberufen und die Möglichkeit der Berufsmaturität gewährleistet die nötige strukturelle Flexibilität des Ausbildungssystems. Die Zukunft wird zeigen, inwieweit diese Bemühungen Früchte tragen werden. 

2. Die Variationsbreite der Einstiegschancen in unser Berufsbildungssystem scheint mir beachtlich zu sein. Natürlich orientiert sich auch dieses System an einem Durchschnitt und scheint extremen Anforderungen ( geburtenstarke Jahrgänge, ungenügende Leistungsmotivation/Leistungsfähigkeit seitens der Jugendlichen) nicht gewachsen zu sein. Für diese besonderen Problemlagen ist eine intensive und individuelle Berufsberatung und –begleitung von Nöten. "Erst die Ungleichheit der Bedingungen, die ungleiche Behandlung der SchülerInnen kann die Gerechtigkeit in den Bildungsmöglichkeiten und Teilhabechancen sichern." (Thimm in: Unsere Jugend 1-98, S.76) 

3. Der Staat sollte das eigene Angebot an Lehrwerkstätten für die im schulischen Selektionsprozess Unterlegenen in dem Ausmass erweitern, dass alle Volksschulabgänger, die im dualen Ausbildungsbereich keinen Platz finden , aufgenommen werden können. Wenn wir dies unterlassen, nehmen wir eine weitere Verschärfung der sozialen Ungleichheit in Kauf. Dadurch gefährden wir die demokratische Legitimation unserer Gesellschaft. Chancengleichheit für alle wird immer eine Illusion bleiben, das Anstreben einer möglichst geringen Chancenungleichheit muss aber ein Postulat jeder Demokratie sein und auf dem politischen Weg gelöst werden. 

4. ‚Jobless growth‘ ist ein Merkmal der heutigen Wirtschaft – die bezahlte Erwerbsarbeit geht uns aus, nicht aber die Arbeit an sich. Dies impliziert aber die Ausdehnung des Begriffs Arbeit im Sinne von Gemeinwesen-Arbeit, die für die Gesellschaft nützlich und im Grunde unabdingbar ist, aber nicht eine eigentlich rentable Tätigkeit ist. In der Vergangenheit wurden diese traditioneller weise von den Frauen geleistet. Ich denke vor allem an die Pflege älterer Mitmenschen, Nachbarschaftshilfe und –pflege und natürlich auch an die Kinderbetreuung. Ein Vordenker in dieser Richtung ist sicher Hans Ruh mit seinen Vorstellungen und Forderungen: 

  • leistungsunabhängiger Grundlohn für alle

  • obligatorischer Sozialdienst

  • Einführung des zweiten Arbeitsmarktes

  • Diese letzte Forderung wird zur Zeit in Frankreich aufgegriffen. Dort wird der Aufbau eines zweiten Arbeitsmarktes zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit geplant.

Ich denke, wir Erwachsene sollten dafür Sorge tragen, dass die Zeit der Adoleszenz von möglichst vielen jungen Menschen sinnvoll und zukunftsorientiert verbracht werden kann. Das bedeutet – nebst einer möglichst umfassenden Berufsberatung - vor allem die Bereitstellung von vielfältigen Ausbildungsplätzen, die den Individuen Raum bieten, ihre Fähigkeiten entdecken und entfalten zu können und ihnen somit erstrebenswerte Lebensperspektiven eröffnet werden. Diese müssen sich nicht zwingend im traditionellen Arbeitsbereich befinden, sondern könnten sehr wohl im sogenannten ‘zweiten Arbeitsmarkt’ lokalisiert sein. Denn die Zeit der Vollbeschäftigung scheint endgültig vorbei zu sein. 

Ferner sollten wir uns auch auf der empirischen Ebene folgenden Fragen zuwenden: 

Was bedeutet es für die schweizerische Gesellschaft, wenn für die nachwachsende Generation kontinuierliche Bildungsverläufe zur Ausnahme werden ? Wie viele unstabile Erwerbsverläufe erträgt eine Demokratie ? Lange Zeit schien es ja so, als ob sich Arbeitslose nicht zu gemeinsamen Aktionen zusammenschliessen würden. Ein Wir-Gefühl wurde ihnen abgesprochen. In den letzten Wochen haben uns die Protestaktionen in Frankreich und Deutschland eines Besseren belehrt. 

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10. Literaturliste

Beck U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp Verlag 1986. 

Was ist Globalisierung ? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globalisierung. Suhrkamp Verlag 1997. 

Bernath W./Wirthensohn M./Löhrer E.: Jugendliche auf ihrem Weg ins Berufsleben. Haupt Verlag 1989. 

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Last update: 02 Feb 15

 

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Soziologisches Institut
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